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Die Rache des Mestizen

Friedrich Strubberg: Die Rache des Mestizen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorArmand (Strubberg, Friedrich)
titleDie Rache des Mestizen
publisherim Auftrag hergestellte Sonderausgabe
pages194
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060522
projectid955595cb
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»Sturmvogel«

Über den unebenen rohen Weg, der von der Stadt über einen weiten morastigen Grund nach der Point, dem Anlegeplatz der größeren Segelschiffe, führte, rollte eine Droschke. Ihr ledernes Dach ruhte auf dünnen eisernen Stangen, zwischen denen rote wollene Vorhänge herabhingen. Eine junge Dame sah heraus und hinüber nach der langen Reihe von Masten, die sich in der Ferne über den niedrigen Häusern der Point erhoben.

Unter einem zierlichen Krepphut glänzte rabenschwarzes Haar, das in schweren langen Locken herabfiel. Das ovale Gesicht war von edler Schönheit. Lange Wimpern beschatteten die dunklen Augen. Zwischen den roten Lippen schimmerten weiß die Zähne.

Bald hatte der Wagen die gepflasterte Straße an der Point erreicht, rollte an den kleinen, meist hölzernen Gebäuden vorüber, in denen hauptsächlich Gegenstände für Schiffe und Seeleute feilgehalten wurden, und bog dann durch ein Tor auf einen weiten offenen Platz ein, der am Wasser lag. Dort war am Kai eine Brigg befestigt. Der Wagen hielt an, der schwarze Kutscher öffnete den Schlag und die junge Dame stieg aus. Eilfertig liefen ihr einige Matrosen entgegen, um ihr eine Anzahl Pakete abzunehmen und ihr behilflich zu sein, an Deck des Schiffes zu steigen.

Ein kleiner älterer Herr im grauen Leinenrock und mit breitrandigem Strohhut kam ihr entgegen.

»Ach, Eloise, du hättest dich mit deinen Einkäufen noch nicht so zu beeilen brauchen! Wir werden uns wohl noch eine Weile gedulden müssen, bis wir abfahren können. Die Mühlen in Richmond haben einen Schaden erlitten und können einige Zeit nicht arbeiten.«

»Und kannst du nicht von woanders Mehl bekommen, Vater?«

»Leider nicht! Kein Mehl hält sich so lange frisch und gut, wie dieses, das in Feuerwärme getrocknet wird. Und verzichten möchte ich auch nicht darauf, denn mit dem Mehl verdiene ich sehr viel. Wir müssen uns also hier noch ein wenig gedulden!«

Pedro Dosamantes, ein gebürtiger Spanier, war lange Jahre Kapitän einer Reederei in Havanna gewesen. Dann hatte er sich die Brigg »Tritonia« erstanden und trieb nun auf eigene Faust Küstenhandel. Er kaufte in New York und Baltimore Waren ein und segelte damit nach der Ost- und Westküste Südamerikas von einem Hafen zum andern. Anderthalb bis zwei Jahre dauerte immer solch eine Reise, und das Geschäft war sehr einträglich.

Als Dosamantes die »Tritonia« übernahm, war Eloise zehn Jahre alt gewesen. Die Eltern hatten sie in eine New Yorker Erziehungsanstalt gegeben. Die Mutter begleitete Dosamantes auf seinen langen Fahrten, doch von der letzten Reise war sie nicht mehr zurückgekommen. Eine kurze Krankheit, und bei Kap Hoorn hatte sie ihr Seemannsgrab gefunden. Die nunmehr achtzehnjährige Eloise aber bestand darauf, jetzt beim Vater zu bleiben.

Dosamantes wollte sich eben in die Kajüte begeben, als sein Blick an einem ganz schwarzen Fahrzeug hängenblieb, das auf die Brigg zugesegelt kam. Der Bauart nach war es ein Schoner von allerschärfstem Schnitt, nicht auf Fracht, sondern nur auf Schnelligkeit berechnet. Unter den Bugspriet war ein mächtiger weißer Sturmvogel mit ausgebreiteten Flügeln gemalt. Ein riesiges Schonersegel blähte sich am Vordermast, während ein zweiter Mast wie der einer Brigg getakelt war.

»Wird bald Zeit, daß der Kerl seine Segel einnimmt und seinen Kurs ändert, sonst rennt er uns in die Seite«, sagte Dosamantes besorgt.

»Er ist des Teufels!« schimpfte der Steuermann Strabo, ein alter wettergebräunter Seebär in grauen Leinenhosen und feuerrotem Wollhemd.

Immer näher glitt das schwarze Schiff. Strabo sprang auf eines der großen Wasserfässer und winkte wild mit seinem lackierten Lederhut: »Hallo! Take care!«

Auch die übrigen Matrosen der »Tritonia« schrien und fluchten, aber auf dem schwarzen Schiff schien niemand sich darum zu kümmern. Sein Bug berührte fast schon die »Tritonia«, als die Kommandos einer tiefen Baßstimme ertönten. Im nächsten Augenblick flatterten die Segel des schwarzen Schiffs machtlos im Winde, und es glitt mit einer leichten Wendung an der »Tritonia« vorüber.

»Verdamm den Windhund!« knurrte der Steuermann.

»Aber er versteht sein Handwerk! Der Große mit dem schwarzen Vollbart dort scheint der Kapitän zu sein.«

»Ein sonderbares Schiff«, meinte Dosamantes. »Auffällig, wie stark es bemannt ist!«

»Und wie wild die Leute aussehen«, bemerkte Eloise.

»Sicher ein Sklavenhändler!« erklärte Strabo.

Das schwarze Schiff legte neben der »Tritonia« am Pier an. Matrosen sprangen an Land und legten es mit starken Tauen fest. Der Kapitän empfing einen Offizier des Zollhauses an Bord, händigte ihm einige Papiere aus und begab sich dann mit ihm in das nahe Packhaus.

Dosamantes und seine Tochter beobachteten noch eine Weile das lebhafte Treiben an Deck des schwarzen Schiffes, das an die hundert Schritte entfernt lag. Dann gingen sie in die Kajüte, um zu Mittag zu essen.

Sie waren eben damit fertig, als der Steuermann den Besuch von Kapitän Flournoy meldete, der sich als Nachbar vorstellen wolle. Dosamantes stieg die schmale Treppe hinauf und fand auf Deck den Mann mit dem schwarzen Vollbart, der ihn höflich begrüßte.

Dosamantes bat ihn auf das Oberdeck und befahl dem Koch, Wein und zwei Gläser zu bringen.

»Ich komme mit meinem ›Sturmvogel‹ von Havanna«, eröffnete Flournoy die Unterhaltung. »Darf man wissen, woher Sie kommen und wohin Ihre Ladung bestimmt ist?«

Der Spanier antwortete ihm ausweichend. Dieser Flournoy war ein schöner Mann. Wenn er lächelte, zeigte er beinah kokett zwei Reihen prächtiger Zähne. Wie eine Raubkatze, die ihr Gebiß zeigt, dachte Dosamantes. Der Mann gefiel ihm nicht. In seinen dunklen Augen lag etwas Gefährliches, Lauerndes.

Flournoy lud Dosamantes zu einem Gegenbesuch auf dem Sturmvogel ein und trank auf gute Nachbarschaft. Der Spanier dankte höflich für die Einladung, vermied aber eine Zusage und suchte auch den Gast mit keinem Wort zu halten, als dieser sich schon bald mit dringenden Geschäften entschuldigte. Er begleitete ihn zum Fallreep, und Flournoy wollte sich schon verabschieden, als Eloise im Eingang zur Kajüte erschien. Mit einer Verneigung zog er seinen Hut. Eloise erwiderte etwas verwirrt den Gruß und verschwand sofort wieder in der Kajüte.

»Eine Dame auf Ihrem Schiff?« fragte Flournoy.

»Meine Tochter, Kapitän«, erwiderte Dosamantes.

»Es wird mir eine besondere Ehre sein, ihr zu gelegener Zeit meine Aufwartung machen zu dürfen ...«

Mit Erleichterung sah Dosamantes seinem Besucher nach, wie er um das Packhaus herum davonging. Vielleicht war seine Abneigung gegen den Mann unbegründet, aber er konnte sich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren.

Flournoy nahm sich die erste freie Droschke und fuhr in die Stadt. Vor einem prächtigen Gebäude mit breiter Marmortreppe entlohnte er den schwarzen Kutscher. Er zog an dem versilberten Schellengriff der Haustür. Ein Neger öffnete ihm. Der Kapitän ließ sich dem Hausherrn melden.

Nur wenige Minuten brauchte er in dem üppig ausgestatteten Empfangszimmer zu warten, da erschien mit raschen Schritten der Börsenmakler Ballard.

»Sind Sie des Teufels, Flournoy, sich hierher zu wagen?!« empfing er den Kapitän beunruhigt. »Nachdem das Wrack der Brigantine an der Küste Georgias gefunden wurde, sind alle Zeitungen voller Artikel gegen den Piraten und hetzen die Regierung auf ...«

»Hier im Hafen wird man mich zuletzt suchen«, unterbrach der Kapitän ihn lachend. »Mein ›Sturmvogel‹ ist gefüllt wie ein gesättigter Haifisch und muß entladen werden, ehe er sich nach neuer Beute umsehen kann. Ich komme von Havanna, wo ich mir durch unsern Freund meine Schiffspapiere in aller Form ausfertigen ließ. Ich habe dem Zollbeamten schon die Liste meiner Ladung übergeben. Sie müssen mit mir zum Zollhaus, damit wir das Schiff deklarieren und mit dem Ausladen beginnen können.

»Kann man auch die Waffen und die lange Kanone nicht entdecken?« fragte Ballard ängstlich.

»Keine Sorge! Das Versteck unter der Kajüte findet niemand!«

»Warum haben Sie bloß diese verdammte Brigantine nicht versenkt?«

»Die Mannschaft wehrte sich verzweifelt und muß das Ding selber in Brand gesteckt haben. Wir hatten kaum Zeit, die Kajüte zu plündern, als die Glut uns schon in die Boote trieb.«

»Wäre es nicht ratsam, das Geschäft vorderhand einzustellen? Die Gefahr wird jetzt zu groß!«

»Soll ich meine Leute entlassen, die alle Anteil am Gewinn haben? Sie werden in den Kneipen mit ihren Abenteuern prahlen, und unser Geschäft ist für immer aus!«

»Fahren Sie nach Ostindien und bleiben dort, bis Gras über die Geschichte gewachsen ist!«

»Damit die Engländer ihre Masten mit mir und meinen Leuten schmücken?! Nein, lieber Ballard, in die Falle gehe ich nicht! Sie haben zwar Ihr Geschäft durch mich hier in die Höhe gebracht und brauchen mich nun nicht mehr, aber ich habe noch nicht genug, um mich von meinem Geschäft zurückziehen zu können.«

»Wenn man Sie fängt, ist es auch um mich geschehen!«

»Seien Sie unbesorgt! Zwischen den Klippen von Florida fängt man mich nicht! Herz und Nerv behalten! Noch ein paar glückliche Reisen, und ich gebe meiner Mannschaft in einer ruhigen Nacht einen Schlaftrunk, lege eine brennende Lunte an die Pulverkammer und sage in einem Boot dem ›Sturmvogel‹ und seinem Ungeziefer Lebewohl. Dann erzählt keine Zunge, wie wir zu reichen Leuten geworden sind. Jetzt heißt's nur, schnell unsere Ladung loswerden, dann habe ich einige Reparaturen am Schiff, und je kürzere Zeit ich hier verweile, desto geringer ist die Gefahr, daß meine Leute uns Unannehmlichkeiten am Lande bereiten. Die wilde Horde ist schwer im Zaum zu halten.«

Achselzuckend fügte sich Ballard und machte sich mit Flournoy nach dem Hafen auf.

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