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Die Prinzessin von Wolfenbüttel

Heinrich Zschokke: Die Prinzessin von Wolfenbüttel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Zweiter Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDie Prinzessin von Wolfenbüttel
pages5-128
created20030602
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.
Der Chevalier d'Aubant an Bellisle.

Christinenthal, den 3. April 1719.

Nichts mehr, lieber Bellisle, nichts mehr habe ich zu wünschen, nichts mehr zu hoffen! Ich stehe am Ziele und habe auf der irdischen Laufbahn meine Palme errungen. Und wenn der Genius der Ewigkeit mir heute erschiene, winkend, ihm zu folgen, ich würde diese Erde segnen, lächelnd ihr meinen Staub zurückgeben, und still und freudig dem Genius – vielleicht zu einem schönern Sterne – folgen.

Ja, Bellisle, die einzige, die mich jemals entzückte, die Wundervolle, welche meinen ganzen Lebenslauf in einen ewigen Lenz verwandelt, die schöne Heilige, deren bloßes Anschauen mich näher zur Gottheit und zur Tugend führt, als aller Pomp der Kirchen, als aller Priester Rednergabe, als aller Philosophen Weisheit – ja, Bellisle, sie ist da! Seit einigen Wochen schon verherrlicht sie meinen Wohnsitz. Ich darf sie von Zeit zu Zeit besuchen.

Wenige Tage nach ihrer Ankunft starb ihr seit langer Zeit kränkelnder Vater, der gute Herr Holden. Wie gern that ich dem edeln Manne in seine sterbende Hand den Schwur, seine Kinder nie zu verlassen, an seiner Stelle ihr Freund, ihr Beschützer, ihr Ratgeber zu werden! . . . Er ward unter den hohen Cypressen in seinem Garten begraben. Die reizende Augustine und ihre Schwester Agathe waren untröstlich. Sie leben sehr einsam. Fünf junge Sklavinnen sind ihre Gesellschafterinnen und Dienerinnen. Der mir einst so verhaßte, rätselhafte Paul besorgt die Geschäfte des Hauses und des Feldes. Er besucht mich täglich, und täglich erhalte ich durch ihn Nachrichten vom Befinden seiner Gebieterinnen.

Was mangelt mir zu meinem höchsten Glück? Fern vom Geräusch der Welt, fern von ihren Thorheiten und Leidenschaften, lebe ich in meinem selbstgeschaffenen Paradiese. Gleich fern vom vergiftenden Luxus wie von der entnervenden Sorge der Armut, bewohne ich meine eigene, schöne Hütte, umrankt von jungen Reben, und übersehe meine kleinen Herden mit Zufriedenheit. Der Zauber der Natur, welcher mit ewiger Jugend und immer wechselnder Pracht dies einsame Paradies verklärt, der Umgang mit meinen freundlichen Nachbarn, die mich als ihren Ratgeber und Anführer ehren, meine Bibliothek, auf welcher die Weisen aller Nationen und aller Zeitalter zu mir reden und meinen Geist erheben, bringen Mannigfaltigkeit und Anmut in mein einfaches Leben . . .

Und nun ist sie erschienen, die Sonne meiner innern Welt! . . . Meine kühnsten Wünsche stiegen nicht höher; ich stehe auf dem glänzenden Gipfel meiner Lebensbahn.

Die Nachrichten, welche Sie mir, mein Bellisle, von den blutigen Auftritten in Petersburg gaben, und die ich im Auszuge auch dem Herrn Holden nach der Kolonie Roland gesandt hatte, waren diesem nicht mehr neu gewesen. Man hatte dort die Zeitungen von Neu-Orleans früher erhalten als ich.

Als die Fürstin drei Wochen nach dem Tode ihres vorgeblichen Vaters mein Haus zum ersten Male mit ihrem Besuch beehrte, begleitet von Agathen und ihren Sklavinnen, hatte ich ihnen ein kleines ländliches Fest bereitet. Ich hatte mehrere von unsern Pflanzern zum Gastmahl eingeladen; und diese, um sich nach ihrer Weise den Tag froher zu machen, hatten wieder mehrere junge Leute und die Töchter der Kolonie, sowie Musik zum Tanze bestellt.

Ich führte Augustinen durch mein Haus, und zeigte ihr meine Einrichtung. Als wir in das Kabinett traten, wo meine Büchersammlung, meine Zeitungen und Karten sind – Agathe hatte uns eben verlassen – warf sie einen flüchtigen Blick auf alles, wandte sich dann zu mir und reichte mir die Hand.

Ich wagte es, diese Hand mit Inbrunst und Ehrfurcht zu küssen. Augustine schwieg; ihre schönen Augen schwammen unter Thränen und ein zartes Rot flog über ihre Wangen.

»Ich bin eine Waise,« sagte sie endlich, »der Tod meines teuern Vaters ließ mich einsam und schutzlos in einem fremden Weltteil. Aber Gott hat mich nicht ganz verlassen. Er führte mich zu Ihnen, lieber d'Aubant! Sie sind ein edler Mann. Was Sie schon für uns gethan haben, können wir Ihnen nicht mehr vergelten. Aber, d'Aubant, der ewige Vergelter lebt! . . . Bleiben Sie uns, was Sie waren: unser Schutzengel, unser Vater!«

Lange war ich keiner Antwort fähig.

Ich gedachte ihres erhabenen Standes, ihrer fürstlichen Geburt und des Glanzes, der sie einst umgab . . . und dann, wie die schöne Schwester einer europäischen Kaiserin, die Verwandte der mächtigsten Monarchen, sie, die vom Himmel bestimmt gewesen zu sein schien, vom Throne herab großer Nationen Wohl und Wehe zu entscheiden, neben mir in den Einöden einer neuen Welt, voll Demut und Ergebung stand, und mit einer Thräne um den Schutz eines Mannes flehte, der einst kaum wagen durfte, den Fuß in die goldenen Vorsäle ihres Palastes zu setzen.

»Nein,« rief ich, »ich beschwöre Sie, nicht mehr diese Sprache! Sie sind meine Gebieterin, Ich habe keinen Willen; ich bin Ihr Unterthan. Diese Güter, diese Herden, diese Hütte . . . alles, was ich einst mein nannte, ist nicht mehr mein, es ist Ihr Eigentum. Mein Leben hat nur dadurch einen Wert, daß ich es für Sie leben darf.«

In diesem Augenblicke bemerkte sie ein kleines Gemälde unter dem Spiegel. Sie trat näher, um es zu betrachten.

Ich war ihr gefolgt, und meine Unruhe vermehrte sich, da ich wahrnahm, wie sie sich in dem Bilde, und zwar in derselben Kleidung selbst wieder erkannte, welche sie in dem Walde bei Blankenburg getragen, wo ich sie zum erstenmal gesehen.

Sie stand lange schweigend und staunend da. Sie trocknete ihre Augen, nahm mit zitternder Hand das Gemälde ab, betrachtete es wieder, warf sich entkräftigt in einen Sessel, und schluchzte laut.

Noch immer wollte ich, um ihrer zu schonen, mein Geheimnis verhehlen, als kenne ich sie nicht. Aber als sie nun ihre verweinten Augen schüchtern zu mir aufschlug, und fragte: »D'Aubant, woher haben Sie dies, und seit wann?« da konnte ich's nicht länger ertragen.

Ich sank zu ihren Füßen nieder.

»Gnädige Fürstin!« stammelte ich. »Ich sah Sie einst im Hain von Blankenburg . . . ich selbst war der Maler. Es blieb seit jenen Tagen mein höchstes Kleinod. Ich trug's in mancher Schlacht auf meiner Brust; ich nahm es mit mir über's Meer hierher. Einst soll es mit mir im Sarge ruhen.«

Sie reichte es mir schweigend zurück, verhüllte ihr Gesicht und weinte heftiger. Nachdem sie wieder Gewalt genug über sich selbst gewonnen hatte, hieß sie mich aufstehen. Sie drückte mir schweigend die Hand. Ein Schauer bebte durch alle meine Nerven.

»Ich habe es längst gefürchtet!« sagte sie, »D'Aubant, ist Ihnen meine Zufriedenheit teuer, so vergessen Sie, daß Sie mich einst unter andern Verhältnissen kannten! Wecken Sie in mir keine von jenen unseligen Erinnerungen! Nehmen Sie, samt Ihrem Gemälde, das Geheimnis in das stumme Grab mit! Ich bin nicht mehr Fürstin. Ich bin eine arme, aber zufriedene Pflanzerin. Ich selbst habe mir dieses Los erkoren, und wähle Sie nun zu meinem Vertrauten. D'Aubant, vergessen Sie nicht, daß Sie nun der einzige Sterbliche sind, der mich bereuen machen könnte, was ich gethan!«

So sprach die Edle. Ich schwor ihr freudig das Gelübde der Verschwiegenheit, aber verhehlte ihr auch nicht, daß ich Ihnen, mein Bellisle, schon manche Mutmaßung über die holde Unbekannte mitgeteilt, die mir unter so seltsam verschiedenen Verhältnissen im Leben erschienen war! Ich schilderte ihr Sie und unsere Verbindung, und die Folge der Entdeckung war, daß Sie auch diesen Brief, und alles, was ich Ihnen künftig noch über diese Herrliche schreiben werde (denn mich mit Ihnen von ihr im Geiste zu unterhalten, ist mir ein unentbehrliches Bedürfnis), erst dann erhalten werden, wenn sie es selbst erlaubt.

Und von diesem Tage an war das Verhältnis zwischen ihr und mir bestimmt. Keiner unserer Gedanken schweifte in das Vergangene zurück. Ich sah sie wieder. Ich sah sie oft. Wie eine Rose nach nächtlichem Gewitterregen blühte ihre Schönheit allmählig unter den Thränen der Schwermut wieder auf, die sie dem Angedenken ihres verstorbenen, treuen Dieners Herbert weinte, den sie, unter dem Namen Holden, als einen zweiten Vater verehrt hatte.

O, Bellisle, wenn Sie sie in ihrer häuslichen Thätigkeit sehen könnten! Ein wunderbar schöner Geist der Einfalt und der Ordnung waltet bei ihr. Was sie berührt, scheint sich unter ihren Händen zu veredeln. Alles wird anmutsvoller und bedeutsamer, was mit ihr in naher oder ferner Verbindung steht; selbst das Leblose wird beredt, und die kleinste Blume ihres Gartens blüht herrlicher, greift schöner in das wundervolle Ganze ein, welches die Gegend umgiebt, die von ihr bewohnt wird.

Mit erhabener Selbstverläugnung belebt sie geschäftig ihren neuen Wirkungskreis, als wäre sie für ihn geboren, und seit der frühesten Kindheit in ihm aufgewachsen. Die ganze Weltgeschichte kennt kein weibliches Wesen, welches mit solchem Heldenmute und solcher Kraft mit so entgegengesetzten Lebenslosen sich befreundete wie sie; welches gelassenen Mutes Thron und Purpur mit einer Hütte vertauschte, und mit einer Religion, wie Heilige sie nicht in ihrem Busen trugen, erhaben über ihr Schicksal, hinwandelt, und den trüben Strom der Verderbtheit ihres Zeitalters, der verworrenen Begriffe von Hoheit und menschlicher Bestimmung tief unter sich erblickt. Nie sah die Welt eine Fürstin von so rührender Demut, nie eine Hüttenbewohnerin von so vieler Majestät umstrahlt. Die ganze Kolonie Christinenthal sieht mit Ehrfurcht und Liebe auf sie hin, wie auf ein Wesen, das aus einer bessern Welt kam, uns zu beglücken; ihre Sklavinnen vergöttern sie . . . und ich, o Bellisle! . . . ob ich sie liebe? . . . Liebe? . . . Nein, nur anbeten darf ich sie!

Ach, die peinlichen, die seligen Gefühle, die mich oft entzücken und vernichten . . . sie kennt sie nicht . . . sie darf sie niemals vermuten. Liebend werde ich einst ins Grab sinken, aber ungeliebt! Die ich anbete, ist eine geborne Fürstin. Es bedarf eines Königreichs, um die Kluft auszufüllen, welche der Zufall zwischen ihr und mir geschaffen hat.

6.
Aus dem Tagebuche Augustinens.

. . . Sähest Du nur, geliebte Julie, meine Einsiedelei im Schatten hoher Eichen, und das hehre Prachtwerk der in sich selbst vollendeten Natur, welches mich, so oft meine Blicke es durchirren, mit Begeisterung erfüllt; sähest Du mein Tagewerk und den Frieden und die Freude, die außer mir und in mir herrschen, Du würdest mich die glücklichste Tochter der Erde nennen!

D'Aubant, der Edle, wetteifert mit der holden, üppigen Natur dieses Landes, meinen Aufenthalt zum reizendsten der Welt zu machen. Wo jene das Anmutige gab, fügte er das Nützliche hinzu; wo jene den Nutzen bot, knüpfte er das Schöne der Kunst daran.

Mein Dasein löst sich in den stillen Strom heiliger Empfindungen auf. Die Wehmut der Erinnerung, das fröhlichbange Ahnen des Künftigen und der milde Zauber der Gegenwart verschmelzen in zarter Übereinstimmung mit einander, wie die verschiedenen Töne eines harmonischen Klanges.

Ich muntere unsere Arbeiter in den Feldern auf, ich besuche die Hütten meiner Kolonie, werde die Freundin und der Arzt der Kranken, die Friedensstifterin der Entzweiten; oder ich pflanze unsern Garten an, teile mit der liebenswürdigen Agathe die kleinen häuslichen Arbeiten, oder wir empfangen Besuche, und bewirten unsere willkommenen Gäste auf das beste.

Oft gehe ich mit Agathen und einigen meiner Sklavinnen den brausenden Strom entlang und untersuche die Pflanzen dieses lieblichen Himmelsstriches; oft schweife ich einsam und furchtlos durch die finstern, feierlichen Waldungen und durch das Gebirge. Die Natur ist das wahre Buch himmlischer Offenbarung, welches gleichsam die Hand des Allmächtigen selbst geschrieben; und jede Zeile dieses unendlichen Werkes ist ein neues Wunder.

Der Teil des Erdballs, auf welchem ich jetzt wandle, trägt überall die Spuren einer späten Bildung und Entstehung. Noch ist nicht der tausendste Teil desselben von Menschen bewohnt oder gekannt. Einst herrschte auch hier, wie in andern Weltgegenden, allein der unermeßliche Ozean, wie dies die Menge der Versteinerungen von Meererzeugnissen verbürgt, welche heutzutage nur im Schoße des Weltmeers gesehen werden . . . Langsam nur, und im Verlaufe vieler Jahrhunderte, bildete sich die Oberfläche des Erdballs, wie wir sie jetzt kennen. Aber was war sie vor unserer Geschichte? . . . Wo jetzt in der Nähe des Nordpols eine ungeheure Wüste von ewigem Eise starrt, da lebten einst Tiere, welche heutzutage unter den heißesten Zonen gefunden werden, und Tiergeschlechter sind untergegangen, von denen wir nur noch große Gerippe in verschütteten Höhlen entdecken! Julie, es war eine Vorwelt, von der unsere Geschichte nichts weiß, und wir wandeln auf dem Staube und über den Trümmern von Geschlechtern, welche diese Erde früher sahen, als selbst Moses' Urkunden hinaufdeuten. Was da gewesen ist, verwest; die Thaten jener fernen Geschlechter sind vernichtet und verloren. Sie schmeichelten sich vielleicht in stolzer Hoffnung mit der Unsterblichkeit ihres Namens, und siehe, eine Änderung in der Bahn des Erdballs um die Sonne . . . und alles versank in den Schutt der Vergessenheit, denn das feste Land, das wir bewohnen, ist neues Land, und die Meere, die wir beschiffen, sind vielleicht nur Gräber vormals bewohnter Weltteile.

Und so wie jene vernichteten Völker der unbekannten Urwelt, können auch unsere Völker, unsere Thaten einst durch furchtbare Zerstörungen bis auf die letzte Spur verschwinden. Dann war kein Alexander, kein Cäsar, kein Sokrates, kein Homer. – Nach Jahrtausenden findet vielleicht ein neues Geschlecht unsere verkalkten Gebeine und Abdrücke unserer Pflanzen in neuen Schiefergebirgen, und spricht: Dieser Weltkörper trug schon einmal Bewohner, ehe unsere Geschichte sie kannte! . . . Aber der Name Griechenlands und Roms ist dann verschwunden; man weiß nicht, war ein Rußland, ein Frankreich; blühte einst ein schönes Reich, Deutschland genannt, welches edle Fürsten und Weise erzeugte?

So, Julie, sinke ich beim Betrachten der unendlichen Natur schauernd in mir zusammen, die Vergänglichkeit weht mich mit ihren Flügeln an, ich falle nieder, berühre mit meiner Stirn den Staub der Erde und bete Gott an!

Julie, es ist nichts ewig, als Gott; es ist nichts unsterblich, als sein Werk, das wir auch sind; es ist nichts schön, als die Natur; es ist dem Menschen nichts verwandt, als die Tugend!

Ich habe die Bande des Vorurteils zerrissen, und mir ist's, als stehe ich nun wie eine Vollendete besser und größer da, zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Gott und Menschheit. Ich erkenne an dem Fürstenthron keinen Glanz mehr, an der Armut keine Schmach. Die Menschen sind nur darum elend, weil sie den Mut nicht haben, glücklich zu sein. O, Julie, wärest Du bei mir in der schönen, klösterlichen Welt Louisianas; könnte ich meine Ansichten, meine Hoffnungen, mein Glück mit Dir teilen! Ich beklage weder das Vergangene, noch das Verlorene. Was mich quälte ist vergessen; was ich liebte, ruht unverloren in Gottes Arm. Auf meines treuen Herberts Grabe weint das menschliche Auge nur Thränen der Dankbarkeit; ich beklage aber seinen Tod nicht.

D'Aubant will mir Herbert sein . . . ich fühle es, er wird mir mehr. Ich liebe in ihm meine Jugendwelt; ich liebe in ihm Dich, o Julie! Dies giebt dem Irdischen, das mich umfängt, den von mir unter tausend Leiden verkannten Wert wieder. Ja, es ist eine Seligkeit, ein Mensch zu sein!

6.
Mündliche Überlieferungen.

Die glücklichen Kolonisten lebten lange in beneidenswürdiger Abgeschiedenheit von der übrigen Welt und vergessen von Europa. Ihre Indigo- und Tabakspflanzungen erreichten bald den höchsten Flor. Nichts fehlte ihnen zur Zufriedenheit; und selbst was ihnen zu mangeln schien, vermehrte nur den Wert ihrer Verhältnisse.

Täglich sah d'Aubant Augustinen, täglich lernte sie neue Tugenden an ihm achten. Gegenseitiger Umgang ward ihnen in der Einsamkeit zum Bedürfnis.

Augustine liebte den edlen Mann, ohne es zu wissen, ohne es sich zu gestehen; und d'Aubants Leidenschaft für die Liebenswürdigste ihres Geschlechts brannte in stillem Feuer unauslöschlich.

Selbst die gute Agathe, dem allmähligen Welken nahe, lebte wieder in schöner Jugendfülle auf, denn ein französischer Offizier, welcher von Neu-Orleans kam, um die Kolonieen zu untersuchen, verdunkelte bald in ihr die Erinnerungen an den romantischen Janinski.

Nach einem halben Jahre der neuen Bekanntschaft war aus Agathen eine Madame Desfontaines geworden, und Herr Desfontaines, in so schönen Banden gehalten, legte seine Stelle nieder und ward in der glücklichen Kolonie ein Pflanzer.

Der Gouverneur von Neu-Orleans, welcher schon längst versprochen hatte, das so hoch gerühmte Christinenthal zu besuchen, erfüllte endlich sein Wort. Er kam nebst seiner Gemahlin und der reizenden Adelaide, seiner Tochter, sammt einem großen Gefolge, in der Mitte des Sommers an, um wenigstens einen Monat in der neuen Pflanzung zuzubringen. Ihm zu Ehren wurden eine Menge kleiner Feste veranstaltet, und die harmlose Freude schien sich aus der übrigen Welt nun in diesen unbekannten Winkel der Erde geflüchtet zu haben.

Aber eben dieser Aufenthalt des Gouverneurs in Christinenthal hatte auf die bisherigen einförmigen Verhältnisse d'Aubants und der fürstlichen Pflanzerin einen Einfluß, den sie selbst nicht erwartet hatten.

Augustinens Heiterkeit verlor sich unmerklich. Agathe sowohl als d'Aubant fanden sie öfter als gewöhnlich an den Grabhügel Herberts gelehnt und in traurige Betrachtungen verloren. Zwar lächelte sie, sobald ein Freund vor ihr erschien; zwar belebte sie noch wie immer die Gesellschaften mit ihrem Frohsinn; aber dennoch empfand jeder, der sie kannte, daß ihr Lächeln und ihr Scherz nur erzwungen sei. Niemand konnte in das Geheimnis ihres stummen Grames dringen.

Inzwischen dauerten die Zerstreuungen fort.

D'Aubant hatte weniger Veranlassung und Gelegenheiten, Augustinen zu beobachten. Er war mit der Sorge um die Unterhaltung seiner Gäste eifrig beschäftigt. Die muntere Adelaide umgaukelte ihn unaufhörlich, und der Gouverneur hatte tausend Dinge mit ihm ins Reine zu bringen. Die Gemahlin des Gouverneurs bemerkte mit innerm Wohlgefallen, wie sich Adelaide mit jedem Tage vertraulicher an Herrn d'Aubant anschloß. Sie teilte ihre kleinen Entdeckungen dem Gouverneur mit, und dieser hatte, so wie seine Gattin, manchen Grund, mit den Entdeckungen zufrieden zu sein. Denn die kleine flatterhafte Adelaide hatte ihr Herz schon einem Ingenieur, einem jungen, artigen Manne schenken wollen; das wußten die Eltern und waren dieser Absicht nicht gewogen gewesen. Sie hatten Adelaiden die Liebe zum Ingenieur, als einem Manne von bürgerlicher Abkunft, ernstlich untersagt; das wußte Adelaide, und sie ihrerseits war dem Verbot nicht gewogen gewesen.

Jetzt schien sich das Mißverhältnis sehr angenehm in eine Verbindung d'Aubants mit Adelaiden aufzulösen, und in der ganzen Kolonie zweifelte kein Mensch weiter daran.

D'Aubant läugnete freilich herzhaft, so oft die liebenswürdige Desfontaines ihn darum befragte; dessenungeachtet wollte er nie die Wahrheit und das Geheimnis all der kleinen Vertraulichkeiten verraten, die zwischen ihm und Adelaiden herrschten.

An einem schönen Nachmittage war die ganze Gesellschaft der Fremden von Neu-Orleans, natürlich auch d'Aubant, bei Augustinen eingeladen. Augustine schien trüber gestimmt, als gewöhnlich, so viele Mühe sie sich auch gab, ihre Schwermut zu verheimlichen. Auch der Gouverneur und seine Gemahlin waren ernster denn sonst. Der flatterhaften Adelaide sah man sogar rotgeweinte Augen an; d'Aubant war stiller. Mit einem Worte, der Genius der Freude war treulos entwichen; jedes lebte mehr in sich, als mit den andern. Agathe allein hüpfte harmlos von einem zum andern, und konnte das rätselhaft Betragen einer Gesellschaft nicht begreifen, in welcher sonst Mutwille und Scherz einheimisch waren; und mochte sie auch forschen und fragen, wie sie wollte, einer war geheimnisvoller als der andere.

Augustine ermannte sich. Sie stand im Glauben, daß ihre Niedergeschlagenheit, welche sie so wenig bewältigen konnte, die Ursache der unangenehmen Verstimmung der übrigen geworden sei. Ihre Gäste hatten sich im Garten und im daranstoßenden kleinen Parke paarweis zerstreut. Sie eilte dahin, um die Verlorenen zu sammeln.

Indem sie an einer kleinen, von Gebüschen begrenzten Wiese vorüberging, sah sie Adelaiden mit ausgebreitete Armen gegen d'Aubant fliegen, welcher mit dem Ingenieur in ein Gespräch vertieft zu sein schien; sah, wie Adelaide den letzteren umarmte.

Augustine wandte sich schnell ab, um die Glücklichen nicht durch ihr Erscheinen zu stören . . . .

D'Aubant aber hatte die Fürstin bemerkt. Er überließ die freudenberauschte Tochter des Gouverneurs dem Geliebten und eilte jener nach.

Sie stand an eine Cypresse gelehnt, und starrte finster vor sich hin.

Als sie seine Schritte vernahm und ihn erblickte, schien sie ihm entgegen eilen zu wollen, doch die Kraft gebrach ihr.

Sie war sehr blaß; sie lächelte ihn an, und ihre Augen waren von zitternden Thränen schwer.

»Ihnen ist nicht wohl?« fragte d'Aubant ängstlich.

»Nicht ganz,« antwortete sie, »aber es wird vorübergehen.«

Sie deutete mit der Hand auf einige bemoste Felsenstücke, welche im Schatten überhängender Gesträuche ein Ruheplätzchen bildeten.

D'Aubant führte sie dahin.

Er setzte sich an ihrer Seite nieder. Beide schwiegen lange.

Er ergriff plötzlich ihre Hand mit einer Heftigkeit, die sie erschreckte, und küßte sie mit ungewöhnlicher Inbrunst.

»Machen Sie mich nicht unglücklich, Madame!« rief er mit bebender Stimme. »Irgend eine Krankheit, irgend ein Übel nagt an Ihrem Leben.«

Sie schlug die Augen zu ihm auf, und bemerkte Thränen in den seinigen.

»Fürchten Sie nichts!« erwiderte sie. »Mir ist wieder wohl. Es war eine Anwandlung . . . es ist schon vorüber.«

Eine neue Stille trat wieder ein.

»Ich habe,« sagte er nach einiger Zeit, »Ihnen eine frohe Botschaft bringen wollen. Es ist mir gelungen, den Gouverneur und seine Gemahlin zur Einwilligung in die Verbindung Adelaidens mit dem Ingenieur zu bewegen. Es hielt schwer. Aber der Gouverneur war wohl gezwungen, sein Jawort zu geben, da sich die beiden jungen Leute aus Liebe und Leidenschaft schon zu sehr vergessen hatten und dergleichen Schritte nicht wohl zurückgethan werden können. . . . Kommen Sie, nehmen Sie Teil an der Freude der Glücklichen, die jetzt wahrscheinlich zu den Füßen ihrer Eltern liegen.«

Augustine schien von dieser Neuigkeit sehr überrascht.

Sie that noch manche Frage, und an den Arm des Chevaliers gelehnt, ging sie, den Gouverneur aufzusuchen.

Die düstere Stille, welche noch vor einer Stunde in dem freundschaftlichen Kreise geherrscht hatte, war nun plötzlich verschwunden; das drückende Geheimnis von jeder Brust gewälzt. Man gab und empfing Glückwünsche, und überließ sich unbefangener, als jemals, der Freude. Augustine, von dem Vergnügen ihrer Gäste beseelt, wollte das Fest krönen. Sie lud die benachbarten Pflanzer mit ihren Familien ein; auch ländliche Musik erschien, und beim Schimmer des Mondes und der Sterne wurde ein fröhliches Abendmahl im Freien unter den Palmen veranstaltet.

Versöhnung, Dankbarkeit, Liebe, Hoffnung und Freundschaft bewegten jedes Herz. Man tändelte, man sang, man tanzte. Der Klang der Instrumente drang weit und melodisch durch die Stille des Abends hin, lockte die Bewohner und Bewohnerinnen der entfernten Hütten herbei und vermehrte mit jeder Stunde beim Schein der Fackeln und Lampen das liebliche Getümmel.

D'Aubant vermißte zufällig Augustinen. Sie hatte sich aus dem Gewühl zurückgezogen. Er fand sie nicht weit vom Tanzplatze auf einer Bank im Garten, von wilden blühenden Gebüschen verdeckt.

»Darf ich mit Ihnen diese Einsamkeit teilen?« sagte er.

»D'Aubant!« sagte sie leise.

Er saß schon neben ihr.

Er wollte reden, ergriff ihre Hand und vergaß, indem er diese an seine Lippen zu pressen wagte, seine Worte.

Beide schwiegen.

Das Zauberische des schönen Abends, die letzten Ereignisse, die Musik in der Ferne, schienen mächtiger auf Beider Herzen zu wirken, nachdem in Beider Brust die schöne Ahnung reger geworden: Du lebst nicht ganz ungeliebt.

Augustine, aller Vergangenheit vergessend, sah mit träumenden Blicken in die verworrene Abendwelt hinaus. Wohlgerüche dufteten von allen Stauden. Gesträuche, Hütten und Tänzer schwebten im Halblichte des Mondes; und wie Gestirne funkelte der rote Glanz der Fackeln durch das vom leisen Wehen der Abendluft erzitternde Laub.

Was sie in diesem Augenblicke an d'Aubants Seite empfand, glaubte sie noch nie empfunden zu haben, und wie sehr sie ihn liebte, schien sie nie so deutlich erkannt zu haben, wie in diesen Augenblicken. Aber diese Augenblicke waren auch die ersten, in welchen er, der sonst nie seine tiefe Ehrfurcht vor der schönen Fürstentochter vergessen hatte, die Schranken der Ehrfurcht brach. Er schwieg und zitterte, während seine Lippen auf ihrer Hand glühten. Seine Seele taumelte zwischen Entzücken und Furcht. Seine Verwegenheit führte ihn an die Schwellen des Himmels oder der Vernichtung, und diese Minuten wurden für ihn entscheidend.

Sie wollte ihm ihre Hand entziehen und vermochte es nicht.

»D'Aubant!« sagte sie schüchtern.

Er drückte ihre Hand an seine von einem Seufzer tief bewegte Brust.

Sie schwieg; sie wollte den Seufzer unterdrücken, welcher dem seinigen antwortete. Aber er hörte ihn und in ihm die Hoffnung der Gegenliebe.

Ein Geräusch in der Nähe weckte plötzlich Beide aus ihren Träumen auf.

Erschrocken zog Augustine die Hand zurück, welche schon zu lange die Beute des jungen Mannes gewesen war.

D'Aubant wich voll Ehrfurcht auf die Seite.

Der alte Gouverneur, von Lust und Wein erhitzt, stand vor ihnen.

Beide schienen diese Überraschung so wenig erwartet, als gewünscht zu haben; sie konnten ihn nicht anreden und sich so plötzlich der Gefühle erwehren, in denen ihre Seelen seit einer Stunde und vielleicht länger wie in einem Garne kämpfend und bewältigt lagen,

Der Gouverneur sah sie eine Weile an.

»Also hier?« sagte er lachend, »Und so stumm? O, machen Sie Beide mich nicht blind; ich habe es längst bemerkt. Habe ich nun schon gern oder ungern heute eine Verlobung machen müssen, Herr Chevalier, so muß es auf der Stelle noch die zweite und, wenn morgen oder übermorgen der Missionär komm., eine Doppelhochzeit geben!«

Ohne weitere Antwort abzuwarten, bog sich der Mann über Beide nieder, schlug die Arme rechts um d'Aubant, links um Augustinen und preßte Beide herzlich und so nahe zusammen, daß ihre Lippen sich begegnen mußten.

D'Aubants Kuß brannte auf Augustinens schönen Lippen . . . Bewußtsein und Besonnenheit waren von ihnen gewichen.

Sie fühlte in der Betäubung des geliebten Mannes Mund an dem ihrigen glühen und unwillkürlich antwortete ihm der süße Gegenkuß. Zitternd versanken Beide in den Wirbel unbekannter Wonnen, wie wenn sie sich durch Zauber aus der toten Erdenwelt ins Elysium versetzt sähen und beim ersten Eintritt noch schüchtern daran zweifelten.

Der Gouverneur lachte über seinen glücklichen Rat laut auf und ging mit Recht triumphierend davon.

Das Lachen rief d'Aubants Besinnung zurück. Er fürchtete, die der Fürstentochter schuldige Hochachtung verletzt, Augustinens Zorn verdient zu haben . . . und doch hielt Liebe ihn immer wieder an des wundervollen Weibes Brust.

»D'Aubant!« lispelte sie bebend und erwiderte leise den Kuß, der ihre Lippen versiegelte.

Er schlang seine Arme um sie. Er fühlte sich von dem schönsten, edelsten Wesen, welches er jemals in der Welt gefunden, umfangen. Er schwamm in einem Meere von Seligkeit.

Ein fröhliches Geräusch drang durch die Gebüsche heran, und der Glanz der Kerzen kam näher. Hand in Hand gingen der Chevalier und Augustine der herbeiströmenden Menge entgegen. Sie empfingen, als Neuverlobte, die Glückwünsche aller, ohne eine Antwort stammeln zu können, denn sie hatten sich selbst noch nicht mit Worten gestanden, was sie fühlten und dachten.

Den Chevalier floh diese Nacht der Schlaf; er lag wie im wilden Fieber. Erst am Morgen ziemlich spät erquickte ihn ein leichter Schlummer. Und als er erwachte, dünkte es ihm ein Märchen, was gestern geschehen.

Furchtsam machte er sich auf, um Augustinen zu sehen . . . um, wenn sie vielleicht den schönen Rausch bereuen würde . . . Doch was er dann thun würde, war ihm selbst noch dunkel.

Sie war allein, noch im häuslichen Gewande; aber schöner war sie ihm nie erschienen. Bei d'Aubant's Eintritt in's Zimmer flog eine sanfte Röte über ihr Gesicht. Sie erhob sich vom Stuhl, wagte aber nicht, zu ihm aufzusehen. Und doch, so sagte ihr ganzes Wesen, und der stille Ernst, der sie beherrschte, daß sie sich vorbereitet hatte, mit ihm über das Geschehene ein ernstes Wort zu sprechen.

Er fiel zu ihren Füßen nieder . . . er konnte keine Silbe des Grußes stammeln. Sie winkte ihm, aufzustehen. Er erhob sich, und wollte mit seinen Augen in den ihrigen Gnade oder Verdammung lesen. Sie starrte ihn traurig, zärtlich an, und was gesprochen werden sollte, ward vergessen . . .

Sprachlos, Herz an Herz, vergaßen sie des ganzen Weltalls: nur in zitternden Seufzern, nur in Thränen tiefgefühlten Glücks redeten ihre Seelen zu einander.

Und wie gestern machte auch diesmal der Gouverneur ihrer Begeisterung ein Ende. Er trat herein, an seiner Hand den Geistlichen von Adayes, und hinter ihm ein fröhliches Gefolge: Agathe mit ihrem Desfontaines, und andere von der Begleitung des Gouverneurs und aus der Kolonie.

Agathe schlang schluchzend ihre Arme um Augustinen, küßte sie mit hoher Inbrunst und rief:

»Wohl hat mir's immer eine geheime Stimme zugeflüstert, aber ich wagte es nicht, ihr zu glauben. Du liebe, göttliche Pflanzerin, bist glücklich! Ich kröne Dich hier mit dieser Myrtenkrone. Christinenthal ist Deine Monarchie; Liebe, Tugend und Seligkeit sind Deines Hofstaates Glanz . . . vergiß nur in d'Aubant's Armen Deine Agathe nicht!«

Wirklich heftete Madame Desfontaines die frische Myrtenkrone auf Augustinens Haupt, von welchem in reizender Unordnung die Locken über Schultern und Nacken wallten . . . Der ganze Zug ging zur nächsten Kapelle, und die verwitwete Fürstin ward . . . vermählt mit dem Geliebten . . . Madame d'Aubant.

Nachschrift.

Eine Reihe seliger Monate und Jahre blühte dem hochbeglückten Paare in Louisiana's Einsamkeit. Die Geburt einer reizenden Tochter erhöhte das Glück der fürstlichen Mutter. Sie säugte ihr Kind selbst, und unterrichtete es, sobald es stammeln lernte, in ihrer Muttersprache, der deutschen.

So hatte das erhabene Weib, indem es siegend über die Vorurteile der Welt, und nur in seine Tugend gehüllt, daher ging, das harte Schicksal unter ihren eigenen Willen gebeugt. Selbstschöpferin ihres Wirkungskreises in unbekannten Gegenden, bereitete sich die mutmaßliche Erbin des größten Reichs der Welt ihr Elysium in den Hütten harmloser Pflanzer, und fand hier unter wilden Völkerschaften ein himmlischeres Los, als im kaiserlichen Palaste von Petersburg ihr je zu Teil werden konnte.

So verfloß der schönste und wichtigste Zeitraum ihres Lebens. D'Aubant's Pflanzungen vergrößerten sich mit jedem Jahre. Er lebte im Überfluß.

Zwei Umstände aber trafen späterhin zusammen, durch welche die Glücklichen veranlaßt wurden, ihren Aufenthalt zu veräußern . . . eine Krankheit d'Aubant's, welche ohne Beratung mit geschickten Ärzten gefährlich zu werden drohte, und die falsche, golddürstige Politik des neuen Gouverneurs zu Neu-Orleans.

Sie verkaufen ihre Pflanzungen mit großem Gewinn, und reisten beide nach Frankreich zurück. Die Prinzessin glaubte in Europa schon längst vergessen zu sein. Sie kamen nach Paris, d'Aubant übergab sich den Ärzten, und ging seiner Genesung entgegen.

Eines Tages ging Augustine mit ihrer Tochter lustwandelnd durch den Garten der Tuilerien. Beide unterhielten sich in deutscher Sprache. Graf Moriz, der Marschall von Sachsen, stand in der Nähe und bemerkte die Damen. Da sie in seiner Muttersprache redeten, wollte er die Gelegenheit nicht verlieren, mit so liebenswürdigen Landsmänninnen Bekanntschaft anzuknüpfen. Er trat zu ihnen und erkannte die Prinzessin von Wolfenbüttel, welcher seine Mutter, die Gräfin von Königsmark, vor mehreren Jahren zur Flucht aus St. Petersburg verholfen hatte. Vergebens wollte sich die Überraschte ihm verbergen. Sie war einmal erkannt, und der Marschall bat um die einzige Gnade, ihre Anwesenheit in Paris dem Könige zu melden.

Alle Gegenvorstellungen der Prinzessin waren fruchtlos. Sie ergab sich endlich in seine dringenden Bitten; doch unter der Bedingung, daß er das Geheimnis drei Monate lang bewahren solle. Er versprachs, und erhielt dafür die Erlaubnis, der Prinzessin von Zeit zu Zeit seine Aufwartung machen zu dürfen.

Der Chevalier war inzwischen wieder vollkommen gesund geworden. Und als der Marschall am Ende des bestimmten Vierteljahrs die Prinzessin noch einmal besuchen wollte, bevor er dem Könige die wichtige Entdeckung machte, war sie mit ihrem Gemahl und ihrer Tochter verschwunden. Doch erfuhr er, daß sie sich nach Ostindien eingeschifft, und die Insel Bourbon zum Wohnorte gewählt hätten.

Graf Moriz eilte zum Könige. Dieser, nicht wenig durch die Entdeckung überrascht, ließ auf der Stelle durch seinen Minister dem Gouverneur der Insel befehlen, den Chevalier d'Aubant und dessen Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Achtung zu behandeln, und allen ihren Wünschen zuvorzukommen. Aber damit noch nicht zufrieden, schrieb der König eigenhändig einen Brief au die Königin von Ungarn, wiewohl er mit ihr im Kriege war, und unterrichtete sie von den außerordentlichen Schicksalen ihrer, längst als tot beweinten Tante.

Die Antwort enthielt, außer ihren Dankbezeugungen, ein beigefügtes Schreiben an Madame d'Aubant. Die Königin bat sie, zu ihr an den Hof zu kommen; der König von Frankreich werde für ihren Gemahl und für die Tochter, welche sie mit demselben erzeugt hätte, auf das Glänzendste sorgen . . . aber die Prinzessin antwortete ihres hohen Geistes würdig und im stolzen Gefühle ihres Glückes. Sie verwarf alle Anträge und blieb in ihrem Dunkel. Sie war noch im Jahre 1754 auf der Insel Bourbon.

Nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Tochter begab sie sich wieder nach Europa. Viele behaupten, daß sie sich nach Montmartre zurückgezogen habe, wo man sie noch im Jahre 1760 gesehen haben will.

Andere versichern, daß sie den Abend ihres tugendhaften Lebens in Brüssel verlebt habe, wo ihr eine ansehnliche Pension von dem Hause Braunschweig ausgezahlt wurde.

Hier war sie aller Armen Trösterin; jeder Unglückliche fand Hilfe bei ihr, wenn ihn die Welt verlassen hatte. Eine unzerstörbare, sanfte Heiterkeit strahlte aus ihren Gesichtszügen, wie ein Abglanz ihres inneren Seelenfriedens. Nahe an siebenzig Jahren bewahrte sie noch Spuren ihrer ehemaligen Schönheit; und die Fülle reiner und beseligender Empfindungen, mit denen sie einst die Tage ihrer Jugend durchwandelte, blieb ihr noch im stillen Lebenswinter getreu.

Und als sie nun, so wird von ihr erzählt, die schöne Stunde schlagen hörte, welche ihre Seele mit dem vorangegangenen Freunde ihres Herzens, mit d'Aubant, und mit ihren Kindern vereinigen sollte . . . und als aller Augen an ihrem Sterbebette weinten, wandte sie sich noch mit sanftem Lächeln zu den Klagenden, und sprach:

»Ich habe einen schönen Traum geträumt; nun laßt mich doch zum Leben erwachen!«

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