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Die Prinzessin von Wolfenbüttel

Heinrich Zschokke: Die Prinzessin von Wolfenbüttel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Zweiter Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDie Prinzessin von Wolfenbüttel
pages5-128
created20030602
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.

Aus dem Tagebuche von Augustine Holden.

1.

Die Palme wirft ihren leichten Schatten auf das Fenster meiner Hütte – ein unbekanntes Gebirge strahlt mit beschneiten Gipfeln vom fernen Horizont . . . ein namenloser Bach rauscht in der Tiefe zwischen Felsen und entwurzelten Stämmen; eine fremde Natur umschwebt mich mit reizender Farbenmischung; selbst jene Bäume, die ihre ungeheuern, finstern Äste durch diese Lüfte schwingen, jene Gesträuche am Fuße des Hügels kenne ich nicht, und aus den Wiesen sprießen unbekannte Blumen hervor.

Hier ist mir wohl, und hier beginnt ein neues Leben für mich, hier meine Ruhe und meine Sicherheit.

Sei mir gegrüßt, du wundervolle, freundliche Wildnis, ich will deine Bewohnerin sein! Ich will eure Schwester heißen, ihr gutmütigen Wilden, die ihr eure Kinder und eure Toten zwischen den Zweigen der Bäume wiegt. So soll mich einst eure Hand unter kühlen Zweigen in den ewigen Schlaf wiegen. Fürchtet das schwache Weib aus Europa nicht! Reicht mir die Hand, ihr Kinder der Natur, laßt mich in eure zwischen Pfählen erbauten, mit Reis umflochtenen und mit Laub bedeckten Hütten treten; ich will die Gesänge eurer Weiber lernen, und ihnen die Künste meines Vaterlandes lehren! Ich will die Zeugin eurer Feste, eurer Tänze sein, eure Sieger mit den schönsten Glasperlen schmücken, und eure stillen Wohnungen mit nützlichem Gerät bereichern.

2.

O Julie, o meine Julie! – denn Du bist's, mit der ich immer in meinen Gedanken rede – Dir weihe ich diese Blätter meines Tagebuchs, diese Früchte der Einsamkeit und Schwermut – – Julie, die Du von mir in unendlicher Ferne wohnst und mich beweinst, wie man die Toten beweint – Deine Freundin wandelt unter einem fremden Himmel und liebt Dich noch, und gräbt mit zärtlichem Sinn Deinen Namen in die Cedern eines fremden Weltteils.

Ich sehe Dich erblassen und mit zitternder Hand die Papiere öffnen, die einst . . . wenn unser beider Leben schon zur Neige eilt und Europa mich längst vergaß, und das Andenken an mich nur in Deiner treuen Liebe einsam fortdauert . . . vielleicht Dein Eigentum sein werden.

Warum bebst Du ohnmächtig zusammen? Hast Du der Verheißung vergessen, daß mein Geist Dir einmal nach langer Zeit wieder erscheinen werde? . . . Du wankst und zweifelst? O meine Julie, erkennst Du nicht mehr die Züge meiner Hand? Es ist dieselbe Hand, die in den Gärten unserer Kindheit Dir so manchen Blumenstrauß gebunden; es ist dieselbe, die Dir mit leisem Druck ewige Freundschaft schwor; es ist dieselbe, die krampfhaft einst die Deinige umschloß, und von Dir nicht lassen wollte, als wir scheiden mußten.

Ja, Julie, ich lebe! Hinter mir ließ ich meine erhabene Verwandtschaft, meine Aussicht. Selbst meinen Namen überließ ich dem Moder des Grabes; Augustine Holden ist ein neugebornes Wesen.

Vor meiner Thür, wo sonst Kammerherren und Gräfinnen Befehlen entgegenhorchten, sitzen jetzt Indianerinnen, welche ihre Kinder säugen. Statt der Konzerte und Redouten höre ich den Gesang eines Wilden, der einsam durch den Wald irrt, oder das Lied unbekannter Vögel, oder sehe den Tanz der Eingeborenen im Mondenschein. Mooskissen liegen an der Stelle meiner Sammetpolster, und Kräuter, Mais und kühlende Früchte der heißen Zone füllen meinen Tisch . . . Und doch, Julie, beklage mich nicht, denn ich bin glücklich! Noch ist keine Thräne des Heimwehs um Europa aus meinen Augen gefallen, seit ich den Boden Amerika's berührte!

In meiner Brust, o Julie, ist ein Himmelreich, und ein neuer Sinn für den Wert des Lebens ist mir aufgeschlossen. Ich gehe mit Entzücken durch die grüne Nacht dieser ungeheuren Wälder; sitze mit frohem Schauer am Abhange dieser einsamen Wasserfälle; atme tiefer in diesen lauen Lüften unter balsamischen Gesträuchen, und weine nur Thränen schwermütiger Wollust, wenn Abends des grauen Herbert Flöte durch die horchende Einöde tönt, und das liebliche Bild meiner verwaisten Kinder, ihr Lächeln, ihr anmutiges Liebkosen, ihre unschuldsvollen Tändeleien in meiner Phantasie erneuert . . . . Ach, Julie, nur diese holden Kleinen noch einmal zu sehen . . . nur ungekannt im Gewühl von Zuschauern stehen, und aus der Ferne ihre Spiele sehen zu dürfen – dies ist mein letzter, brennender Wunsch! Aber sie hatten ihre Mutter kaum gekannt; sie werden den Verlust derselben nie beweinen. Nur ich betraure euer Los, o meine Natalie, mein Peter.

3.

Nur Dir, Geliebte, will ich das Geheimnis meines Lebens entschleiern! Aber ich beschwöre Dich, wirf diese Blätter in die Flammen, damit sie kein Uneingeweihter lesen, ihren Inhalt verraten und den Gram meiner Eltern erneuern kann! Ach, was sollte sie trösten, wenn sie nun wüßten, daß ihr geliebtes Kind im Innern von Amerika, unter den Wilden wohne? . . . Wer würde die Wenigen retten, die mitleidsvoll meine Flucht veranstalteten? Würde man nicht, und wäre es noch so spät, mich wieder in die Heimat zurückfordern? Würde man nicht diese Einöden durchsuchen lassen, um mich zu finden? . . . Mich graut vor der entsetzlichen Möglichkeit . . . ich würde entschlossen sein, lieber den Tod, als die Küsten von Europa zu sehen.

Glaube es, Julie, nur die schrecklichsten Schicksale konnten mir gebieten, das Außerordentlichste zu wählen! Ich habe einen großen Kampf gekämpft, und habe über der Wiege meiner verlassenen Kinder Blut geweint . . . Gott verzeihe es meinem Gemahl!

Unter Thränen entschlief ich jeden Abend, mit Bangigkeit erwachte ich jeden Morgen . . . vom leichten, unruhigen Schlummer. Es verging fast kein Tag, an welchem ich nicht Beschimpfungen und die peinlichsten Drohungen von meinem Gemahl erlitt. Es war mir eine Gnade, wenn er mich mied. Doch wenn er kam, dann ward mein Jammer neu. Meistens zeigte er sich nur, wenn er, vom Branntwein berauscht, ohne Sinn und Verstand, an mir den Zorn kühlen wollte, welchen die erbitterten Bojaren, Strelitzen und Priester gegen seinen Vater in ihm angefacht hatten; oder wenn er aus dem Kloster kam, worin seine Mutter, mit ihrem abscheulichen Anbeter Glebow, Ränke und Pläne gegen den Kaiser geschmiedet hatten; oder von seiner Tante, der Prinzessin Marie, die den Haß der verstoßenen Zarin gegen ihren kaiserlichen Bruder teilte.

»Geduld, Geduld!« schrie er dann oft. »Der Zar ist nicht von Eisen. Besteige ich einst den Thron, Madame, dann hat unsere Ehe ein Ende und ich jage Sie in dasselbe Kloster, worin jetzt meine unschuldige Mutter schmachtet! Den schelmischen Großkanzler, den Grafen Golowkin, will ich zur Belohnung seiner Kuppelei lebendig auf einen Pfahl spießen lassen, denn er allein ist schuld, daß ich eine Wolfenbüttlerin heiraten mußte. Den Fürsten Menschikow und seinen Schwager will ich ebenfalls, dem Golowkin zur Gesellschaft, lebendig spießen lassen. Die Günstlinge des Zaren sollen in Sibirien Zobel fangen lernen, und all' die verdammten Fremden mit ihren neuen Sitten und Künsten, diese Glücksritter und Abenteurer, will ich mit eisernen Ruten wie ein lästiges Ungeziefer aus Rußland wegfegen, und mit Knuten soll man ihnen den Zehrpfennig auf den Heimweg reichen.«

Dies wiederholte er mir oft . . . dies schwor er mir mit den gräßlichsten Flüchen.

Einst hing ich mich liebkosend, weinend an seinen Hals, um seinen Unmut zu beschwichtigen: da warf er mich, wie eine freche Bettlerin, zurück und gab mir einen Backenstreich, der mich betäubte.

Ach! Julie, dies ist die erste Mißhandlung, die ich in meinem Leben dulden mußte . . . ich, die von Tausenden seit meinen Kinderjahren nur gehätschelt worden war, ich, der Liebling meiner Eltern . . . ich, die Fürstin! Nein, und wenn ich könnte, ich würde Dir nicht die Empfindungen schildern, unter welchen ich damals verging!

Aber keiner Seele offenbarte ich meine Kränkungen, die nachher nur allzu oft wiederholt wurden. Vielleicht hätte ich mein herbes Los mildern können, wenn ich in die Verwünschungen meines Gemahls gegen des Kaisers Günstlinge, gegen die Weisesten und Tugendhaftesten des Landes eingestimmt . . . wenn ich mit all den Mönchen und ausschweifenden Lüstlingen, die meinen Gemahl umgaben, ein zügelloses Leben begonnen, und mit seiner schändlichen Buhlerin, die ihn in ihren Netzen hielt, Schwesterschaft geschlossen hätte . . . Ich konnte es nicht.

Beklagenswürdiger ist kein Geschöpf, als das schutzlose Weib, welches vor dem Manne unaufhörlich zittert, von dem es Schutz erhalten sollte. Es ist kein qualvollerer Zustand zu erdenken. Die Unglückselige steht vereinzelt in der Welt, mit und neben ihrem Peiniger; sein Name ist der ihrige, seine Ehre die ihrige. Sie muß die Grausamkeit ihres Folterers verheimlichen, um ihren guten Ruf in der Welt nicht zu entweihen. Sie muß den Mund rühmen, der sie schilt, und die Hand streicheln, von der sie geschlagen wird.

Lange konnte ich all mein Elend tragen, Jahre hindurch versuchte ich jedes Mittel, den Unempfindlichen zu rühren. Ich stellte seinem Hasse meine Liebe, seinen Flüchen meine Thränen, seiner Roheit meine Liebkosungen, seiner Wut meine Gelassenheit, seinen Niederträchtigkeiten oft den edlen Stolz entgegen, mit welchem Unschuld und Bewußtsein uns bewaffnen . . . ich siegte nicht. Meine Sanftmut stärkte nur die Roheit seines Sinnes, mein Ernst brachte ihn zur Raserei.

Einst fand mich, wie Du weißt, von ihm mißhandelt, die Gräfin von Königsmark. Ihr Mitleid regte meine Kraft auf. Er hatte mir oft die Scheidung angeboten, doch, des Kaisers Zorn fürchtend. nie gewagt, das Wort öffentlich auszusprechen. Ich wagte es, den Vorschlag zur Trennung den Monarchen wissen zu lassen. Fürst Menschikow sollte ihm den Gedanken annehmlich machen. Menschikow's Kunst scheiterte an des Kaisers unbeweglichem Sinn. Der Zar, welcher in seinen Staaten keinen furchtbarern Feind kennt, als den ungeratenen Sohn, der, überall in der Mitte der Mißvergnügten, ein Liebling des dummen Pöbels und der beleidigten Mönche, das große Werk seines Vaters zu zerstören droht . . . der Zar hätte eher seine Waffen vor Karl XII. strecken, als sich in einen Wunsch und eine Neigung dieses Sohnes fügen können.

Ich wandte mich flehend in eigenhändigen Briefen an meinen teuern Vater in Deutschland um die Einwilligung und um sein hohes Fürstenwort zu meiner Erlösung. Mit väterlichem Ernst wies er die unglückliche Tochter zurück. So ward ich für die Ehre meines Hauses hingeopfert . . . wurde mir nicht einmal die Gunst gestattet, auf einige Zeit nach Wolfenbüttel zurückkehren zu dürfen.

So mir selbst und meiner Verzweiflung überlassen, gab ich jede Hoffnung eines frohen Lebens auf. Mein Gemahl verdoppelte seine Unmenschlichkeit. Meine jugendlichen Kräfte vereitelten seine Mühe, mich durch Gram und Kummer früher zum Tode reif zu machen. Da ward ich vergiftet und . . . gerettet.

4.

Düsterer denn jemals – es war ein melancholischer Abend, Wind und Regen rauschten gegen die Fenster meines einsamen Gemachs – erwog ich einst mein Schicksal, musterte die freudenarme Gegenwart und die furchtbaren Möglichkeiten der Zukunft. Ich verlor mich in verzweiflungsvollen Plänen, und beklagte, daß die Kunst der Ärzte mein elendes Leben aus den Gefahren des Gifttodes gerettet haben.

Was habe ich, so sprach ich zu mir selbst, was habe ich zu hoffen? Ist denn irgend wo anders für mich Friede, als im Grabe? Wird der grausame Thronfolger, den ich Gemahl nennen muß, nicht jedes Mittel wählen, sich meiner zu entledigen? Bin ich nicht in seiner Gewalt? Früher oder später falle ich durch ihn. Wer einmal das Entsetzen vor einer Greulthat verlernt hat, dem ist kein Verbrechen weiter unmöglich. Er kann mir den Tod in meinen Lieblingsspeisen reichen; er kann ihn meinem Weine beimischen; er kann mich im Schlafe an seiner Seite erwürgen.

Was hätte ich zu erwarten, wenn dieser Wilde einst den Thron seiner Väter bestiege? . . . Den Tod, oder den ewigen Kerker? Wer ist mein Schutz? Ich bin von allen verlassen.

Der Schlaf des Todes ist süß. Gott erbarme sich meines unmündigen Kindes . . . mein Leben ist ihm unnütz! Mein Tod wird vielleicht den grausamen Mann erschüttern, und ihn zu einem zärtlichen Vater machen, obgleich er kein zärtlicher Gemahl war.

Schnell reifte der Entschluß zum Selbstmorde. Ich ging zu meinem Arzneischrank. und nahm die Flasche mit Opium heraus. Ich füllte einen Becher. Ich ließ mir meine Tochter Natalie bringen, um sie noch einmal zu segnen. Ich nahm das holde Wesen an meine Brust; ich weinte bitterlich; unter meinen Thränen schlief es ein.

Als ich das Kind zurückgegeben hatte, befahl ich den Kammerfrauen, mich allein zu lassen, und erst am folgenden Morgen zu kommen, denn ich wollte schlafen gehen . . . Sie gehorchten . . . Ich verschloß das Kabinett und sank auf meine Kniee, um zu beten.

Aber ich konnte die Hände nicht emporheben, meine Seele war wie vernichtet . . . Selbstmörderin und Mörderin des Kindes unter Deinem Herzen, kannst Du zu Deinem Schöpfer reden, während Du über Verbrechen brütest? So rief's in meinem Innern. Ich konnte nicht beten. Ich sank weinend zur Erde, meine Stirn berührte den Boden. Nein, o mein Gott, mein Schöpfer, stammelte ich, ich bleibe Dir getreu, ich will mein Leiden ertragen, und den bittern Kelch leeren . . . vergieb dem schwachen, verzweifelnden Weibe.

So lag ich da. Es war still und dunkel umher. Ich war ermattet und ohnmächtig. Es fehlte mir an Kraft, mich emporzurichten; zwischen Schlaf und Ohnmacht, in wohlthätiger Betäubung, verlor ich allmählig das Bewußtsein.

Grüne, hellschimmernde Inseln schwammen, wie in einem Morgentraume, vor mir vorüber. Sie nahmen mich auf; ich irrte in unbekannten Hainen, und über pfadlose, blühende Auen; von allen Zweigen tönten mir Gesänge der Vögel entgegen, und links und rechts gaukelten fallende Blüten purpurn und silbern in der Luft um mein Haupt. Ach, mir war's, als lebte und webte ich wieder in einem der wunderschönen Frühlinge des reizenden Deutschland, und meine Brust erweiterte sich tiefatmend, als wollte ich den ganzen Himmel in einem Zuge trinken!

Aber wo bin ich denn? fragte ich einen ehrwürdigen Greis, der mit schneeweißem Haupt und Bart und weißen Kleidern, gleich einem Braminen am Ganges neben mir wandelte. – Dies ist Amerika! sprach er, und hier sollst Du, wie eine Selige, wohnen!

Da stiegen mir heiße Freudenthränen in's Auge. Also dem unermeßlichen, winterlichen Kerker Rußlands entflohen? Ich bin frei . . . für mich giebt es kein Rußland, keinen Thronfolger mehr! Und hier werde ich fortan wie eine Selige wohnen. So dachte ich, bog mich nieder, und küßte segnend den blühenden Boden Amerikas.

Mein Traum erlosch, und mein Schlaf verflog. Ich erhob mich vom Fußteppich. Schon war es um Mitternacht Ich warf mich in meinen Kleidern auf's Bett, den schönen Traum zu erneuern.

Julie, wenn es eine göttliche Eingebung giebt – und warum soll ich sie bezweifeln, warum soll der Vater der Welt nicht mit seinen leidenden Kindern reden, wie vormals, er, der noch jetzt, wie sonst, ihre Gedanken regiert? – so war dies eine göttliche Stimme, die zu mir sprach: Hier ist Amerika, und hier sollst Du, wie eine Selige, wohnen! . . . Heiter erwachte ich spät am Morgen; mein Herz aber war voll unnennbarer, tiefer, schmerzlicher Sehnsucht nach dem blühenden Boden des fernen Weltteils.

Die Gräfin von Königsmark besuchte mich. Sie erschrak über die Blässe meines Angesichts. Ihre Augen wurde feucht. Sie küßte meine Hand mit der Heftigkeit des lebhaften Mitgefühls, und ich fühlte ihre warmen Thränen auf meine Hand fallen.

»Nein,« rief sie, »meine Fürstin, ich kann es nicht ertragen. Ich kann Sie unter der Grausamkeit Ihres Gemahls nicht so hinsterben sehen. Gebieten Sie über mich, und wenn es mein Leben gelten sollte, ich will Sie erretten! Fliehen Sie nach Wolfenbüttel, in den Schutz Ihrer erlauchten Eltern; ich nehme es auf mich, Ihr Entrinnen zu veranstalten! Keine Seele soll es früher vernehmen, als bis Sie den deutschen Boden betreten haben werden.«

Ich umarmte schweigend die edle Frau, und reichte ihr den harten Brief meines Vaters, worin er mir die Heimkehr untersagte.

»Mag er doch!« rief sie, »Sind Sie nur einmal in Wolfenbüttel, so wird er Sie nicht zurückstoßen.«

»Aber er wird mich wieder nach Petersburg ausliefern und mein ganzes Leben ist dann mit heilloser Schmach bedeckt. Wie könnte er den gebieterischen Forderungen des Kaisers widerstehen? Ja, liebe Königsmark, Sie verdienen mein Vertrauen! Ich fühle es, daß ich mein qualvolles Dasein nicht mehr lange führen kann. Wäre ich nur über das Los meines Kindes und desjenigen, welches ich unter meinem Herzen trage, getröstet: mein Entschluß wäre schon gefaßt.«

»Was können Sie für Ihre Kinder fürchten? Der Zar wird sie nicht verlassen. Die ganze Liebe des Monarchen, die er jetzt Ihnen weiht, wird auf seine Enkel übergehen. Er wird ihr Los zu sichern wissen, selbst wenn der Großfürst ein ebenso unnatürlicher Vater wäre, wie er ein unnatürlicher Sohn ist. Und gesetzt, teure Fürstin, Sie blieben in Petersburg, sind darum Ihre Kinder mehr geschützt? Oder wenn Sie die Beute Ihres Kummers werden und früh aus dem Leben gehen . . . ist Ihren Nachkommen damit mehr geholfen? Ich beschwöre Sie, retten Sie sich! In Petersburg ist Ihr Leben in täglicher Gefahr.«

»Ich weiß es, Gräfin! Ich will mich retten.«

»Und wie?«

»Durch eine neue freiwillige Todesart. Erschrecken Sie nicht! Ich will keinen Selbstmord begehen. Aber sterben will ich, wenigstens für Petersburg, für Europa . . . ich flüchte mich über's Meer und verberge mich unter fremdem Namen im Innern dieses Weltteils in unbekannten Gegenden, welche nie der Fuß eines Europäers betrat. Da werde ich gleichsam in ein zweites Leben treten; wie ein Kind anfangen, eine neue Sprache zu stammeln, neue Verbindungen zu schließen, neue Dinge kennen zu lernen. Ich werde in einer neuen Welt, wie auf einem neuen Sterne wandeln und, gleich einer Abgestorbenen, mich nur dunkel der Vergangenheit, wie eines frühern Lebens auf dem Erdplaneten, erinnern. Ich werde nichts mehr erfahren von meinen Freunden, von meinen Kindern, meinen Eltern, von allem, was in der bekannten Welt geschieht. Man wird nichts mehr von mir erblicken: man wird mich wie eine Begrabene betrauern und vergessen. Ich werde einem abgeschiedenen seligen Geiste gleichen, ohne den Tod empfunden zu haben. Sie schaudern vor diesem Gedanken, liebe Königsmark? Mir gewährt er eine namenlose Lust. Er ist ein Selbstmord ohne Sünde. Ich erfülle eine heilige Pflicht und rette mein Leben, ohne die Vorurteile der Welt, ohne die Begriffe meiner Verwandten von fürstlicher Ehre zu verletzen. Alles hängt nur von der Verheimlichung meiner Flucht ab. Sollte das Geheimnis jemals verraten werden, so würden meine Verwandten untröstlich sein, vielleicht weniger meines Looses, als der vermeintlichen Schande wegen, die ich auf unser Haus werfe. Menschen, unbekannt mit meinem Elende und all den tausend Ursachen des verzweifelten Entschlusses, würden mich zu den Abenteurern zählen und mich hartherzig verdammen . . . anstatt den Mut zu ehren, mit welchem ich dieses Vorurteil zertrat, um die verlorene Ruhe und Freiheit wieder zu gewinnen.«

So ungefähr sprach ich zur Gräfin.

Wenig Mühe kostete es, sie zum Beistande zu überreden und manche Besorgnisse um den gewagten Plan zu zerstreuen. Sie gelobte mir treue Verschwiegenheit und veranstaltete das Nötige zu meiner Flucht, die nach meiner Niederkunft geschehen sollte, sobald ich die nötigen Kräfte zu einer großen Reise wieder gewonnen haben würde.

5.

Mein alter, treuer Diener Herbert, ein Mann von Tugend und großem Mute, war der erste, welchen ich in unser Geheimnis zog. Seine Hülfe war uns unentbehrlich; ich wollte mich nicht ohne Begleitung in die weite Welt stürzen. Seit meinen Kinderjahren war er mein Freund, mein Vertrauter; ihm hatte ich viele meiner bessern Kenntnisse zu danken. Ich ehre ihn mehr wie einen zärtlichen Vater, als daß ich ihn wie einen Diener am Hofe behandeln sollte.

Ehemals war er der Zeuge meines Frohsinns, nun seit dem Tage der Vermählung der meines Grams gewesen. Oft stand er von ferne mit einem Antlitz voll Schmerz und beobachtete mich; oft, wenn ich mich bei ihm beklagte, wußte er mir Mut einzuflößen: oft, wenn ich verzweifeln wollte, wußte er durch seine Vorstellungen neue Hoffnungen in mir zu erwecken. Mir war's, als sei er die ehrwürdige Gestalt des himmlischen Traumes, durch welchen mein Schutzgeist zu mir geredet hatte.

Herbert stand betroffen und sprachlos vor mir, als ich ihm das große Vorhaben enthüllt hatte.

»Warum schweigst Du, lieber Herbert?« fragte ich ihn.

»Gnädige Fürstin, der Gedanke ist entsetzlich! Sie, gewöhnt an den Glanz des Hofes, an tausend kleine, unentbehrliche Bedürfnisse, an den Genuß, welchen Wissenschaft und Kunst in der gebildeten Welt gewähren, Sie wollen Ihre Wohnung unter den Horden wilder Indianer, in den unbekannten Wildnissen eines fremden Weltteils wählen?«

»Leben, Freiheit, Ruhe und Armut sind süßer als der Jammer unter Gold und Seide. Herbert, ich will, ich muß mein Leben retten! Ich frage Dich, folgst Du Deiner Fürstin lieber zum Grabe oder in eine andere Weltgegend? Wir fliehen, Herbert! Ich höre auf, Fürstin zu sein. Ich will Dich Vater nennen; ich will Deine Tochter sein. Es wird einen schönen Winkel auf Erden geben, wo wir verborgen vor den Menschen in Einsamkeit und kummerloser Muße wohnen dürfen. Ich büße meine Kinder ein . . . Du nichts. Was fesselt Dich an die Wildnis von Rußland, daß Du sie nicht gegen die blühende Einöde eines milderen Himmelsstriches vertauschen möchtest?«

»Nichts!« rief Herbert, fiel vor mir auf die Kniee, drückte meine Hand an seine Lippen und schwor mir Treue bis in den Tod.

Schon am folgenden Tage mußte er, so war unsere Verabredung, öffentlich seine Entlassung fordern, damit er von Petersburg entfernt die Fortsetzung meiner Flucht unterstützen könne, ohne durch späteres Verschwinden nach meinem Scheintode Verdacht zu erregen.

O wie unendlich lang wurden mir seit diesem Tage die Stunden! Und doch sah ich, nicht ohne Furcht und Schmerz, als flöhen sie zu schnell, die Wochen vorübergehen. – Ich wünschte und scheute zugleich die große Entscheidung; die Stunde meiner Erlösung war der ewige Verlust meiner kleinen Natalie.

Holder, stiller Engel, noch seh' ich Dich auf meinen Knieen in meinen Armen gaukeln . . . ach, Deinem kindlich-frohen Jauchzen antworteten der Mutter tiefe Seufzer; Deinem süßen Lächeln, Deinen freundlichen Winken begegneten nur der Mutter thränenschwere Blicke! . . . Du verstandest, selige Unschuld, noch nicht die Sprache des Grams . . . schon gedenkst Du nicht mehr der verwaisten Mutter . . . aber ich, oft irr' ich weinend am Strande des Meeres hin, und strecke die mütterlichen Arme umsonst gegen Osten, und nenne tausendmal mit leiser, schmerzlicher Stimme Deinen Namen: Natalie!

6.

Je näher die Zeit meiner Entbindung heranrückte, je seltenem wurden die Besuche meines Gemahls. Mir ward wohl dabei. Ich träumte mir vom Glück der Freiheit . . . ich rüstete mich geschäftig zur ungeheuren Wanderschaft. Die Gräfin von Königsmark versorgte mich mit neuen Kleidern, mit Wechseln und Adressen; ich versah mich mit Gold und Juwelen; auch mein treuer Herbert hatte schon Kapitalien in Sicherheit gebracht.

Am 22. Oktober ward ich von einem jungen Prinzen entbunden, welcher in der Taufe den Namen seines erlauchten Großvaters erhielt.

Wie unverstellt, wie rührend war die Freude des edlen Kaisers! Nur Alexis, mein Gemahl, blieb sich gleich, empfindungslos und kalt.

Ich fühlte mich wunderbar stark und gesund. Ich hätte schon wenige Tage nachher das Bett verlassen können, wenn nicht die gute Königsmark meiner Ungeduld Schranken gesetzt hätte. So spielte ich nun, um die Welt über mein Vorhaben in Täuschung zu erhalten, die Sterbenskranke, und unerfahren in den Künsten des Betrugs, half die Begierde, frei zu werden, meiner Ungeschicklichkeit nach.

Von allen denen, welche mein Krankenlager umgaben, war der Schmerz keines einzigen so tief, so trostlos, als der eines meiner Fräulein, Namens Agathe von Dienholm. Sie war ein liebenswürdiges Mädchen, meines Alters, aus einem verarmten adeligen Geschlechte, ohne Eltern, ohne nahe Verwandte. Auf Empfehlung der Königsmark hatte ich das gute Kind aufgenommen. Sie belohnte meine Freundschaft mit einer unbegrenzten Dankbarkeit, mit einer Anhänglichkeit, die selten ihres gleichen findet. Es war mir nicht unbekannt, daß sie einen jungen, angesehenen Offizier aus einem der besten Häuser von Petersburg, der um ihre Hand geworben, der ihr sogar keineswegs gleichgültig gewesen, mit Unerbittlichkeit von sich gewiesen hatte, weil er in einer Gesellschaft anderer Offiziere zum Vorteil des Großfürsten wider mich das Wort geführt haben sollte.

Als man nun an meinem Leben zu zweifeln begann, überließ sie sich dem wütendsten Schmerze. Sie erschien nicht mehr vor meinem Bette. Ich erkundigte mich nach ihr, und erfuhr, daß sie aus Kummer um mich erkrankt sei.

Wie konnte ich so viel Liebe unbelohnt lassen! Ich beschloß, sie zur Vertrauten meines Geheimnisses und zur Gefährtin meiner Pilgerschaft zu machen. Die Gräfin von Königsmark eilte zu ihr, bereitete sie auf die große Entdeckung vor und machte ihr meine Gesinnung kund.

Agathe trat, an den Arm der Gräfin gelehnt, in mein Zimmer. Sie war bleich und entstellt; aber Liebe und Entzücken leuchteten mir aus ihren schönen, seelenvollen Augen entgegen. Sie fiel vor meinem Bett auf die Kniee . . . ohne Sprache, ohne Thränen; aber ihr Busen flog ungestüm und verriet, welch ein Sturm in ihrem Herzen wühlte. Sie drückte ihre brennenden Lippen auf meine Hand; mir selbst war um das gute Kind und um die Verborgenheit meines Planes bange.

»Willst Du, liebe Agathe, künftig meine Schwester sein?« sagte ich leise zu ihr.

Sie seufzte tief und laut, sah gen Himmel und dann mit Zärtlichkeit auf mich, und stammelte halb atemlos:

»Treu . . . ewig . . . ewig!«

Dann nahm sie vom Tische ein Messer und rief:

»Ich will mir selbst die Brust durchbohren, wenn ich Sie je verlasse, meine Fürstin, je verrate!«

Ich entließ sie, und an demselben Tage ging sie schon genesen unter den andern umher. Sie schien veredelter, feierlicher; sie trug den Himmel im Herzen und auf dem Antlitz unerkünstelten Schmerz.

Warum genoß ich Liebe von so vielen fremden Wesen, warum mußte der Einzige mich hassen, an den mein Schicksal mich gefesselt hielt!

7.

Schon war der Tag meiner Flucht bestimmt. Die Gräfin von Königsmark, die treueste Freundin, bürgte für mein glückliches Einkommen und für die Vollendung der allgemeinen Täuschung. Herbert hatte überall für Schlitten gesorgt und harrte meiner in einem Walde, nahe bei der Hauptstadt, während Kuriere bereit standen, meinen Tod in ganz Europa zu verkünden.

Ich sagte als Sterbende allen meines Hofes Lebewohl. Ich verweigerte, von den Händen der verzweifelnden Ärzte neue Hilfe anzunehmen, und wünschte nur mit sehnlichem Verlangen noch einmal den Kaiser zu sehen.

Er kam, und mit ihm mein Gemahl. Zum letzten Male ruhten meine Kinder in meinen Armen . . .

O welch ein schmerzlicher Abschied! Der Kaiser gab sich den Gefühlen seines Schmerzes hin; er wollte keinen Dank von meinen Lippen für seine Liebe hören; er segnete mich und meine Kinder und schwor mir, ihnen fortan alles zu sein.

Mir brach das Herz; ich schluchzte laut. O meine Kinder! Meine Kinder! . . .

Ich umarmte sie wechselweise hundertmal und badete sie mit meinen Thränen. Fast verlor ich in diesem schrecklichen Augenblicke meine Besonnenheit. Ich fand das qualvollste Leben erträglicher, als die ewige Trennung von diesen Engeln. Der Kaiser sah meine heftige Bewegung, er fürchtete von ihr die Beschleunigung meines Todes. Er hieß die Gräfin Königsmark die holden Geschöpfe hinwegtragen. Mein Gemahl begleitete sie. Noch einmal, ehe er ging, reichte er mir stumm und düster die Hand. Ach, hätte ich noch in seinen Mienen eine geringe Spur von Schmerz und Zuneigung gefunden, ich würde meine Rolle verworfen und mein altes Leben in Rußland wieder angefangen haben! Aber sein Blick war finster. Zeuge meines Todes zu sein, war ihm mehr unbehaglich, mehr peinlich als schmerzlich. Sein Händedruck war kalt und wie von Wohlanständigkeit erzwungen. Er schien auf sich selbst zu zürnen, daß seine Augen keine Thränen fanden, die er seinem Vater, dem betrübten Kaiser hätte aufweisen können.

Er ging und war von mir vergessen, wie er den Rücken wandte. Ach, mein Herz schrie nur meinem Kindern nach!

Erschöpft sank ich zusammen.

Mau ließ mich allein; nur die Gräfin Königsmark bewachte mich. Ihr Zuspruch gab mir den verlorenen Mut wieder. Ich hatte einen kurzen Schlummer und fühlte mich gestärkt.

Nach Mitternacht wurde die Anzeige meines Todes verbreitet. Mein Gemahl hatte schon Petersburg verlassen und sich mit einigen seiner Genossen auf ein Landgut begeben. Er empfing die Botschaft meines Todes und gab Befehl, wie ich es selbst gewünscht hatte, meinen Leichnam in der Stille zu beerdigen . . .

Der Sarg kam. Agathe und die Königsmark legten mich hinein und verhüllten mein Gesicht. Viele meines Hofes verlangten mich zu sehen. Sie umgaben weinend die Bahre. Von Zeit zu Zeit lüftete die Königsmark den Schleier von meinem Antlitz, und der Schmerz der Zuschauer ward nur reger, und mein Absterben gegen jeglichen künftigen Verdacht zweifelloser.

Verkleidet ward ich in der Nacht, nachdem mein verschlossener Sarg beigesetzt worden war, von der Königsmark aus meiner Wohnung entführt. Ich blieb verborgen in ihrem Palaste. In der dritten Nacht erschien der treue Vater Herbert am Thore der Stadt. Agathe von Dienholm und ich verließen in männlichen, altrussischen Kleidern Petersburg. Es war hoch Schnee gefallen, aber gutes Wetter. Die Sterne funkelten hell.

Herbert fuhr selbst den Schlitten; er flog mit Vogelschnelle über den Schnee hin. Keiner sprach. Immer zitterte ich, verraten und eingeholt zu werden. Oft wünschte ich's heimlich, um wieder, wäre es auch im Kerker, meinen Kindern nahe zu sein . . .

Unaussprechliche Angst und tiefnagender Mutterschmerz quälten mein Herz . . .

Agathe, die liebevolle, schmiegte sich schüchtern an mich; unermeßlich schien ihr das Glück, die Unentbehrliche ihrer Fürstin zu sein. Ich drückte ihre Hand in die meinige.

»O meine Fürsten, meine Fürstin!« lispelte sie. »Wie liebe ich Sie, wie gern möchte ich für Sie sterben!«

»Ich bin nicht mehr Deine Fürstin! Vergiß Deine Rolle nicht! Nenne mich Deine Freundin, Deine Schwester, denn nun bin ich's, und dir gleich!«

Ich legte meinen Arm um sie; nur auf meinen wiederholten Wunsch that die Schüchterne desgleichen. Ich fühlte ihr Erglühen und die Unruhe ihres schönen Herzens, worin noch immer die zärtlichste Liebe mit der gewohnten Ehrfurcht kämpfte.

So dämmerte, nach einer langen schrecklichen Nacht, der Morgen. Wir befanden uns in einer waldigen Wildnis Die ermüdeten Pferde trabten langsamer. Wir erreichten endlich ein einsames, armseliges Haus, vor welchem Herbert Halt machte. Er führte uns hinein. Ein Paar alter Leute nahm uns mit Gastfreundschaft auf, Herbert nannte Agathe und mich seine Söhne.

8.

O Seligkeit, unbemerkt und einsam, und nur von wenigen Guten, die uns lieben, gekannt, zu leben – welches Glück der Welt darf dir gleich geachtet werden! Der alte Russe, mit seiner Frau und einem rüstigen jungen Burschen, ihrem Sohne, lebten in dieser Hütte schon viele Jahre, ohne sie zu verlassen, außer an hohen Festtagen, wenn sie die Kirche eines eine Meile entfernten Dorfes besuchten. Der Alte mit seinem Sohne verfertigten allerlei Geräte von Holz, die dieser dann zum Verkaufe austrug, und gegen Lebensmittel, Kleider und weniges Geld austauschte. Wie bezauberte mich die stille Zufriedenheit und Genügsamkeit dieser Armen! Alles, was ihr Herz wünschte, lag im Umkreise ihrer Hütte. Sie kannten die Herrlichkeit und das Elend der Großen nicht; sie wußten nichts von den Ereignissen, welche rings umher die Welt erschütterten, nichts von dem fürchterlichen Gährungsstoff, der, in die Brust der Menschen geworfen, frohe Geschlechter verheert und Throne in Ströme Blutes senkt. Während Herbert unsere Pferde besorgte, ward die liebenswürdige Agathe mein Mundkoch. Sie bereitete uns ein einfaches, reinliches Mahl. Ich bewunderte ihre Geschicklichkeit, ihren Fleiß. Als wir in dem engen Stübchen allein waren, nahte ich mich ihr, schloß sie in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Ein reizendes Rot überfloß ihr Antlitz . . . sie erwiderte schüchtern und glühend den schwesterlichen Kuß, sah mit schwimmenden Blicken zu mir auf, und stammelte leise: »O mein Gott!«

Fast den ganzen Tag blieben wir mit voller Sicherheit in der Hütte. Wir schliefen hier so sanft, so fest, als hätte Rußland für uns keine Gefahr mehr. Erst am Abend trennten wir uns von unsern alten Wirtsleuten, und setzten unsere Reise über den Schnee fort. Herbert war seines Weges vollkommen kundig, er mied überall die große Straße; wir reisten meistens nur bei Nacht, ruhten meistens nur in abgelegenen Hütten und schlechten Dörfern aus; sahen wenig Menschen, und wechselten bald die Kleider, bald die Namen, um immer unentdeckt zu bleiben. Aber alles dies gab unserer Flucht eine ermüdende Langsamkeit; bald waren die Nächte zu dunkel, bald die Tage zu stürmisch, und alle Wege bis zur Unkenntlichkeit verschneit. Vierzehn Tage lang waren wir schon in den ewigen Wildnissen durch unbewohnte Steppen und finstere Waldungen geirrt, aus denen wir uns, ohne von Dorf zu Dorf mitgenommene Führer, nie herausgefunden haben würden, und noch immer hatten wir die Grenzen des russischen Gebietes nicht erreicht . . . Herbert tröstete uns von einem Tage zum andern, aber einen Tag wie den andern ward unsere Hoffnung getäuscht.

Eines Abends endlich sprach Herbert:

»Beruhigen Sie sich, wir schlafen heute im letzten russischen Dorfe; es heißt Kwadoszlaw, und kann nicht mehr als anderthalb Meilen entfernt sein! Morgen reisen wir auf polnischem Boden.« . . .

Ich jauchzte freudig auf.

»Nein,« rief ich, »noch diese Nacht müssen wir in Polen sein! Eher atme ich nicht frei.«

Wir kamen spät in Kwadoszlaw an. Es war finster und schneite stark. Herbert wollte rasten, aber ich ließ nicht nach, bis er die Reise nach dem ersten polnischen Dorfe fortsetzte. Er erkundigte sich nach dem Namen desselben. Man nannte es Nieszosperda.

Wir begehrten einen Wegweiser, aber die Menschen waren hier so ungefällig, daß sich keiner dazu hergeben wollte und wir, eine so hohe Bezahlung wir auch versprachen, keinen erhalten konnten. Dessenungeachtet betrieb ich die Fortsetzung der Reise, da wir an diesem Tage noch nicht weit gekommen waren. Bald sahen wir uns in einem weitläufigen Walde; wir hatten bisher das kaum sichtbare Gleise vor uns gefahrener Schlitten verfolgt, doch da es immer dunkler wurde, und der Wind uns den Schnee entgegenwarf, so war zuletzt keine Möglichkeit, eine Spur der Bahn zu finden. Wir waren schon zu tief in der Irre, um hoffen zu dürfen, nach dem verlassenen Orte zurückkommen zu können. Wind und Schnee hatten unser Gleise verwischt. Wir waren vom Frost halb erstarrt, und mußten uns dadurch erwärmen, daß wir von Zeit zu Zeit neben dem Schlitten hintrabten. Ich litt viel, aber noch mehr die gute Agathe, welche nicht, wie ich, durch Hoffnung, Angst und Furcht die Kraft der Verzweiflung empfing, und ohnedies an diesem Tage die schwerfällige Tracht einer russischen Bäuerin angenommen hatte.

Einige Stunden lang hatten wir uns im Walde umhergetrieben, ohne sein Ende zu erreichen. Herbert war, da er nirgends einen Ausweg vor sich sah, abgestiegen, um die Gegend vor uns zu untersuchen, Agathe und ich erwarteten im Schlitten seine Rückkunft.

Zu unserem nicht geringen Schrecken erschien unverhofft zu Fuß neben uns ein fremder Kerl. Ich redete ihn an; er gab keine Antwort, sondern trat an die Pferde, schwang sich auf das eine hinauf und jagte seitwärts durch das Gehölz mit uns davon.

Bestürzung und Angst raubten uns fast alle Besinnung. Wir riefen Herberts Namen; wir hörten aus der Ferne sein antwortendes Geschrei, bald vernahmen wir aber auch das nicht mehr. Ich sank ohnmächtig in Agathens Arme zurück, und kam nicht eher zu mir, als in dem Augenblick, als der Schlitten still stand.

Ich öffnete die Augen. Wir waren in einer weiten Ebene außerhalb des Waldes, Schnee und Wind dauerten fort. Der Kerl, der uns entführt hatte, war vom Pferde gesprungen und verschwunden. Vermutlich hatte er nur, um seine Fußreise zu verkürzen, und schneller aus dem Gehölz zu kommen, sich unseres Pferdes bedienen wollen.

Es blieb uns nichts übrig, als in den Wald zurückzukehren, um unsern verlornen Freund zu suchen. Die tiefen Spuren im Schnee zeigten den weiten Weg, welchen wir gemacht hatten. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder ins Gehölz. Wir riefen Herberts Namen unzähligemal, aber unserm ängstlichen Geschrei antwortete nur das Brausen des Sturmwindes in den schwarzen Fichten . . .

Wir fuhren noch eine halbe Stunde tiefer in den Forst; keine Spur, kein Laut von dem armen Herbert. Wo sollten wir ihn suchen? Wir mußten sogar fürchten, in irgend eine falsche Fährte geraten zu sein. Vielleicht war der Unglückliche schon, von Kälte erstarrt, auf dem Schnee erfroren; vielleicht von Wölfen angefallen und zerrissen worden . . . und wir standen dann ohne Ratgeber, ohne Beistand, an Kraft und Mut erschöpft, in der Schneewüste verlassen da.

Nie hatte ich mich in einer so schrecklichen Lage befunden. Kaum besaßen unsere erstarrten Hände noch Kraft genug, die Zügel unserer müden Pferde zu halten. Agathe riet, in das Freie zurückzufahren, in der Hoffnung, irgend eine menschliche Wohnung zu entdecken, wenn wir die Fußstapfen unsers Entführers verfolgen würden. Von da könnten wir bei Tage des Waldes kundige Leute nach Herbert aussenden . . .

Ich folgte dem Rate, und in der That erreichten wir, indem wir die hinterlassene Spur des entwichenen Kerls verfolgten, mit Tagesanbruch ein kleines, armseliges, halb in Schnee vergrabenes Dorf.

9.

Wir hielten vor einem alten, aus Backsteinen aufgeführten Hause an, welches das ansehnlichste im ganzen Dorfe war. Eine ganze Koppel Hunde umringte bellend unser Fuhrwerk, bis sie ein zerlumpter, schmutziger Kerl zum Schweigen brachte, der aus dem Hause trat und unsere klägliche Erzählung anhörte, die ich ihm, so gut als möglich, in russischer Sprache vortrug. Er verließ uns, ohne zu antworten, erschien jedoch nach einigen Minuten wieder, und führte uns in eine geheizte Stube, welche einem Stalle glich, wo mehrere Knechte und Mägde auf Stroh umherlagen.

Wohl eine Stunde mußten wir hier geduldig unser Schicksal abwarten. Die Schlafenden ermunterten sich; man führte unsere Pferde unter Dach, und uns endlich in ein größeres Zimmer, wo ein starker, breitschulteriger Mensch, der einen gewaltigen Knebelbart trug, sich als den gestrengen Herrn von Horodok ankündigte. Er redete zuerst Agathen auf russisch, dann auf polnisch an. Das gute Kind, keiner dieser Sprachen mächtig, antwortete französisch, dann deutsch, und ward nicht verstanden. Ich wollte das Wort für sie führen, er aber gebot mir Stillschweigen.

»Du bist keine Russin, trotz Deiner Kleider!« sagte er, flüsterte einem seiner Knechte einige Worte in's Ohr und ließ Agathen zum Zimmer hinausführen.

Vergebens widersetzte ich mich diesem seltsamen Betragen.

»Ich kenne Euch wohl,« sagte der schreckliche Mensch zu mir, »Ihr seid von Petersburg entwischt. Ihr waret mir gleich anfangs verdächtig.«

Diese Rede vollendete meine Angst . . . Schon fürchtete ich mich entdeckt, verraten, aufgesucht und nach Petersburg ausgeliefert. Ich gab Agathen für meine Schwester aus; erzählte unser nächtliches Abenteuer, und wie sich unser Vater im Walde verloren habe. Ich bat nur, diesen aufsuchen zu lassen. Der Edelmann schüttelte den Kopf; er ließ mich in ein Nebenzimmer führen, wohin nach einiger Zeit auch Agathe gebracht ward, die bitterlich schluchzte. Mit Hülfe eines Knechts, der gebrochen deutsch redete, hatte der Herr von Horodok auch sie wieder in's Verhör genommen, und da sie sich für eine Magd ausgegeben, die in Diensten meines Vaters stehe, so wurde der Verdacht des alten Dorftyrannen durch den Widerspruch unserer Aussagen vermehrt.

Man behandelte uns wie Gefangene, brachte unsere wenigen Habseligkeiten aus dem Schlitten in's Zimmer, versorgte uns mit Speise und Trank, und ließ uns bis gegen Abend allein. Wir erfuhren nur, der gestrenge Herr, dem man den Titel eines Starosten beilegte, sei mit anderen Freunden auf die Jagd gegangen. Bald nahmen wir uns vor, mit einbrechender Nacht zu entspringen, bald, mit heldenmütiger Fassung den Ausgang der Dinge zu erwarten. Ein Plan verdrängte den andern; am meisten waren wir um unsern Herbert in Sorgen.

Als es dunkel ward, hörten wir die Jagd zurückkommen. Bald entstand im Zimmer neben dem unsrigen ein wildes Getümmel. Wir hörten Becher klingen, und rohes Gelächter. Der Starost, dessen Stimme wir von allen anderen unterschieden, sprach auch von uns. Was mich am meisten beunruhigte, war seine Vermutung, daß wir schwedische Spione, oder Vagabunden seien, die in Petersburg ein Gaunerstückchen verübt hätten. Er wolle uns, sagte er, und den Alten, den wir für unsern Herrn ausgeben, am nächsten Tage an die Obrigkeit der nächsten russischen Stadt abliefern . . . Also schien sich auch Herbert aufgefunden zu haben.

Indem ich der armen zitternden Agathe die Reden des Starosten erklärte, ward die Thür geöffnet. Die Gesellschaft, von Wein und Branntwein erhitzt, drängte sich zu uns herein und musterte uns. Agathe weinte; ich aber überhäufte den Starosten wegen seines tyrannischen Verfahrens gegen unschuldige Reisende mit Vorwürfen, und verlangte zu meinem Vater gebracht zu werden.

Ein wohlgewachsener, junger Mann nahte sich Agathen, und sagte, indem er seine Hand unter ihr Kinn legte und ihren Kopf in die Höhe richtete, auf französisch:

»Sie sind wohl weder eine Bäuerin, noch eine Verbrecherin, schönes Kind!«

»Und Sie, mein Herr,« redete ich ihn an, »scheinen weder ein Räuber, noch fähig zu sein, Roheiten gut zu heißen, welche man im Gebiete des Königs von Polen gegen Reisende verübt! . . . Wir kamen und machten Anspruch auf Gastfreundschaft und auf die gerühmte Großmut der Polen, und statt dessen werden wir allen Mißhandlungen preisgegeben.«

Der junge Mann sah mich lächelnd von der Seite an, dann wieder Agathen, die ihre Augen verschämt zu Boden schlug.

»Folgen Sie mir! Ich will Sie frei machen, wenn Sie wollen!« sagte er endlich, und, indem er seine Hand auf Agathens Schulter legte, setzte er hinzu: »Weine nicht, schönes Mädchen!« Dann wandte er sich lachend zum Starosten und rief:

»Wladislaw, Du hast mir einen schönen Streich gespielt!«

»Wie meinst Du das, Janinski?« rief der Starost.

»Du hast den Maler verhaftet, von dem mir der Hauptmann Osterow geschrieben, und welchen ich so sehnlich erwartet habe. Diese beiden jungen Leute gehören ihm an. Wo ist er? Ich muß ihn sprechen.«

Damit verließ er uns. Die ganze Gesellschaft folgte ihm.

Kaum war eine halbe Stunde verflossen, als Janinski, an seiner Hand unsern Herbert, mit schlauem Lächeln zu uns hereintrat.

»Die Schlitten,« sagte Janinski, »sind angespannt. Sie folgen mir auf mein Schloß und genießen dort alle Bequemlichkeit, so lange Sie bei mir ausruhen wollen!«

Ich glaubte mich, als ich Herbert wieder sah, aller Gefahr auf immer entronnen. Wir erzählten ihm, sobald wir allein waren, unser Abenteuer, unsere Angst, unsere Sorgen um ihn. Er teilte uns seine Geschichte mit, die der unsrigen ziemlich ähnlich war, indem er die Spuren unsers Schlittens im Schnee wiedergefunden, und durch sie geführt nach Horodok gekommen.

So ermüdet wir auch alle Drei sein mochten, standen wir doch keinen Augenblick an, diesen verhaßten Ort zu verlassen, und mit dem unbekannten Janinski zu reisen, dessen freundliches Äußere uns wenigstens ein besseres Los versprach.

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