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Die Prinzessin von Wolfenbüttel

Heinrich Zschokke: Die Prinzessin von Wolfenbüttel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Zweiter Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleDie Prinzessin von Wolfenbüttel
pages5-128
created20030602
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.
Die Großfürstin an die Gräfin Julie.

Der Großfürst, mein Herr und Gemahl, ist mit seinem ganzen Gefolge aus den Bädern zurück. Erst den zweiten Tag nach seiner Ankunft in Petersburg würdigte er mich seines Besuchs. Was soll ich Dir, meine Julie, von diesem Besuche erzählen? Er erfüllte keine meiner Hoffnungen, mit denen ich mir so gern schmeichelte, ungeachtet ich die finstere Gemütsart meines Gemahls kannte. Alexis kam nach langer Abwesenheit die Gattin wieder zu finden, welche unterdessen an der Pforte des Todes gestanden. Ach, warum hatte sich diese Pforte nicht geöffnet! Ich war auf seine Ankunft vorbereitet. Ich hoffte ihm diesmal liebenswürdiger denn je zu erscheinen, denn ich war ja Mutter. Ich schmückte mich mit meinem schönsten Kleinode . . . Natalien in meinem Arme ging ich ihm entgegen. Dies reizende, holdselige Geschöpf sollte, mit dem Lächeln der Unschuld, das Herz des Vaters für die Mutter gewinnen. Doch, als hätte Alexis meine Entwürfe vorausgesehen, als hätte er gefürchtet, durch die Gewalt der Naturstimme, die zu ihm sprechen würde, überwunden zu werden, hatte er sich mit aller ihm möglichen Kälte bewaffnet, und, um jedem vertraulichen Worte zu entrinnen, den tückischen Schmeichler, den General Glebow, zur Gesellschaft mit sich genommen. Was konnten zwei Gatten in der Anwesenheit eines solchen Dritten sich sagen? Und doch vergaß ich den häßlichen Glebow, sobald Alexis hereintrat. Ich eilte ihm lächelnd entgegen. Ich bot ihm sein Kind dar; ich sagte ihm, was Liebe und Treue ihm sagen konnten. Ach, ein Fremdling aus den entferntesten Weltgegenden würde mehr geantwortet haben, als Alexis. Keine Umarmung belohnte die Gattin; kein väterlicher Kuß segnete das Kind. Nicht einmal ein freundliches Lächeln konnte er sich abnötigen. Er fragte in allgemeinen Ausdrücken nach meinen Gesundheitsumständen, nach meinen Beschäftigungen, besah meine neuen Gemälde, und überließ es dem Glebow, mich mit faden Schmeicheleien zu quälen. So verließ er mich nach einer halben Stunde wieder; und als er verschwunden war, weinte ich in meiner Einsamkeit bittere Thränen auf mein verlassenes, vom Vater ungeliebtes Kind.

Alexis verachtet mich. Auf keinem der Bälle, auf keinem der Feste, welche mir die Gnade des Kaisers veranstaltet, erscheint er. Immer hat er Vorwände, sie zu meiden: bald ist er unpäßlich, bald fällt auf den Tag eine Jagd, bald hindern ihn andere Geschäfte. Und während ich heimlich meinen Gram verschmerzen muß, solltest Du es glauben, befindet sich Alexis in roher Gesellschaft sehr wohl, und berauscht sich zum Überfluß mit seinen Russen in starken Getränken. Je mehr ihn sein Vater, der Zar, wegen dieses Betragens mit Vorwürfen überhäuft, desto mehr Ursache glaubt er zu haben, mich zu hassen. Ach, wenn er nur wüßte, wie oft ich den Kaiser mit Thränen beschworen habe, seiner zu schonen! Wenn er es nur wüßte, wie ich ihn unaufhörlich entschuldige!

Da bin ich nun wieder so einsam, und doch füllt jeder Tag meine Säle mit glänzender Gesellschaft; ich bin eine leidtragende Witwe, und doch lebt mein Gemahl mit mir in den Ringmauern einer Stadt; ich bin so arm, und doch die Gattin des Thronerben, und die Schwester einer Kaiserin. Niemand versteht mich; niemand redet zu meinem Herzen. Es ist kalt, verschlossen; es liegt in meiner Brust wie in einem Sarge, nur die Geisterstimmen der Musik durchdringen zuweilen die tote Welt und sprechen verständlich zu meinem Innern. Julie, Du hast geliebt, Du wurdest geliebt; Du kennst ein Glück, dessen Größe mir ein Geheimnis ist; Du kennst die Größe Deines Glücks, und also auch die meines Unglücks! Was ist denn auch alle Herrlichkeit des Lebens, aller Glanz, alle Hoheit, wenn unsere edlern Gefühle darben? Was kümmern und freuen den Toten die Kronen und Fahnen, die Marmorbilder und silbernen Zierrate neben seiner Asche? – Ehe ich Fürstin war, war ich ein Weib. Welch eine traurige Entartung des Menschengeschlechts! Es quält sich von der Wiege bis zum Grabe im Unnatürlichen, und Millionen hauchen mit Thränen ihr elendes Leben aus, und verdammen eine Welt, die an sich das Vollkommenste ist, in der nur sie selbst durch eigene Schuld das Unvollkommenste sind. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier übertrifft uns hinsichtlich der Vollendung; denn jedes ist, was es nach seiner Natur sein soll: nie mehr, nie weniger als dies. Nur wir Menschen, mit hohen Gaben ausgerüstet, verstümmeln uns selbst, und sind und bleiben jammernde Krüppel, häßliche Zerrbilder.

Julie, Julie! Meine Kniee zittern, mein Herz ist gebrochen! . . . O wie elend bin ich!

Es war ein heiterer Sonnentag, eine Seltenheit für dieses Land. Ich hörte, daß mein Gemahl im neuen Schloßgarten wandle. Ich hüllte mich warm ein, und flog, ohne alle Begleitung, dahin, ihn zu sehen, ihn zu sprechen, ihn durch freundliche Unterhaltung zu fesseln. O Julie, bin ich denn so häßlich? Sagt nicht, wenn auch meine Selbstliebe und mein Spiegel mich belögen, der Mund derer, die mich nicht lieben, daß ich wenigstens kein Gegenstand des Abscheus sei? Wußte ich sonst nicht Tausenden zu gefallen? Trug mich nicht sonst alles auf den Händen, wie einen Liebling? . . . Hat mein Geist nicht unter der zärtlichen Sorgfalt der Eltern einige Bildung empfangen? Bin ich nicht in Wort und Wandel tugendhaft gewesen; oder hätte nur mein Gewissen kein Gedächtnis? Und doch bin ich so tief gesunken, daß ein Geschöpf von schlechter Erziehung und noch schlechterm Wandel, ein Geschöpf, welches keinen Anspruch auf Schönheit und Geist machen kann . . . daß ein gemeines Mädchen, kaum gut genug, rohe Wüstlinge zu fesseln, eine Dirne, auferzogen in den Schulen des Lasters, über mich triumphiert, und das Herz meines Gemahls gewonnen hat!

Ich ging mit schüchterner Ungeduld durch den Garten. Ich suchte Alexis, und fürchtete immer, ihn zu finden. Ich hatte ihm unendlich viel zu sagen, und war doch verlegen, wie ich ihn anreden sollte. Und wie ich nun um die Hecke bog . . . da sah ich ihn in einiger Entfernung auf einer Bank neben . . . seiner Buhlerin sitzen. Ihre Hände lagen vertraulich in einander. Die Dirne schlug ein gellendes Gelächter auf, und hielt ihm die Hand vor den Mund, als weigere sie sich, seine Zärtlichkeiten oder Scherze zu hören. Ich stand still, wie vom Strahl des Blitzes getroffen, atemlos, vernichtet. Die Dirne bemerkte mich, sprang auf und wollte davon. Er hielt sie zurück, sah nach mir, und lachte bald ebenso ausgelassen, wie vorher sie. Unterdessen rang sie sich von ihm los, und lief den Gang hinunter. Er lachte nach wie vor, und rief einige Male: »Euphrosyne! Euphrosyne, sei keine Närrin!« und folgte ihr mit behenden Schritten. Um mich, die erniedrigt, verwirrt, vom Schmerz betäubt dastand, um mich, die ihm gern gefolgt wäre, wie ihn jene floh, um mich, seine Gattin . . . um mich bekümmerte sich Alexis nicht.

Nun denn, so will ich mich mit meinen zerstörten Hoffnungen und mit meiner unendlichen Sehnsucht verschließen! Ach, warum bin ich noch so jung; warum sind meine Kräfte noch so eisern . . . warum findet der Tod mich nicht, er, der so manchen Seligen mitten in der Freude entführt?

5.
Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle.

Breslau, den 3. Mai 1715.

Das erwarteten Sie nicht. geliebter Bellisle, mich so bald auf der Heimreise nach Frankreich zu wissen! Mich, der noch seinen letzten Brief mit hohen Schwüren füllte, in Petersburg leben und sterben zu wollen; mich, der Sie noch ersuchte, statt meiner alle häuslichen Angelegenheiten im Vaterlande in Ordnung zu bringen . . . Ersparen Sie sich nun die Mühe: ich komme selbst! Sie sagen, der größte Teil meines Vermögens sei verloren? Sie trösten mich . . . Wahrlich, die Nachricht hat mich wenig betrübt. Ich kann arm sein. Ich verliere nur einige Mittel, die ich zum Besten anderer angewandt hätte; für mich bedürfte ich alles dessen nicht. Ich bin ein Flüchtling, habe den größten Teil meiner Sachen in Petersburg gelassen, und rettete außer einigem Gelde nichts als mein Leben. Das also, und Kapitänsrang, ist die ganze Ausbeute mühseliger Jahre, die ich in russischen Diensten zubrachte. Andere thaten weniger als ich und stiegen von Stufe zu Stufe; andere hatten weniger Kenntnisse, und brüsten sich mit Ansehen und Reichtümern. Man rühmte meine Talente, benutzte sie, und vergaß mich; man überhäufte mich mit Schmeicheleien, wegen geselliger Tugenden; jeder wollte mein Freund sein, und keiner war es. Die Menschen sind in sich selbst verliebt, und lieben außer sich keinen andern. Wer sich für sie aufopfert, heißt bei ihnen ein nützlicher Thor.

Doch zur Sache. Sie sehen wohl, lieber Bellisle, ich bin allzu bewegt, der Strom braust, aber noch kennen Sie seine Quelle nicht!

Ich lebte still und froh zu Petersburg. Mein Gepäck war von Moskau angekommen, doch dachte ich an keine Abreise. Ich wünschte . . . doch meine Wünsche sind Ihnen kein Geheimnis. Nur auf die freundliche Gelegenheit hoffte ich, noch einmal der angebeteten Fürstin mich nähern zu können, ihr sagen zu dürfen, daß ich in ihren Diensten zu leben, mein höchstes Glück nennen würde. Aber sie hatte mich vergessen. Umsonst hoffte ich mit jedes Morgens Anbruch, daß er den schönen Tag verkündete, an welchem ich eine Einladung zum großfürstlichen Palast erhalten würde. So verstrichen Wochen und Monate. Meine Unthätigkeit ward mir zur Last, Noch einmal Dienste beim Zaren zu begehren, schämte ich mich, da er mir die Entlassung hatte ausfertigen lassen. Und doch war es das einzige Mittel, durch welches ich mich länger in dieser Gegend erhalten konnte, die durch Christinens Gegenwart die reizendste des weiten Erdenrundes geworden. Schon war ich, nach langem innern Kampfe, entschlossen, endlich, bei einer der öffentlichen Audienzen, wo jeder Bittende das Recht hat, dem Zaren sich unmittelbar zu nähern, den Monarchen um meine Wiederaufnahme in sein Heer anzugehen, als der unglücklichste Zufall von der Welt mich aus Rußland und für immer verbannte.

Ich war eines Abends beim Obersten Larive zum Schmause in Gesellschaft vieler andern Offiziere. Nachdem die Speisen abgetragen waren, ward auf gut russisch tapfer gezecht. Jeder sprach nach seinem Sinn, und mancher Mutwille ward ausgeübt. Unter anderem lenkte sich auch das Gespräch auf den seit einiger Zeit aus den Bädern zurückgekehrten Großfürsten Alexis. Man redete ziemlich frei von den Ursachen der Spannung, die zwischen ihm und seiner Gemahlin herrschte. Man nahm Partei. Viele verteidigten den Thronfolger, – viele die tugendhafte Christine. Ein junger roher Russe, Offizier und naher Verwandter des Marschalls Scheremetjew, verfocht das Betragen des Großfürsten, und stieß die gröbsten Verleumdungen gegen Christinens Tugend aus. Die andern belachten seine tollen Einfalle; das gab ihm Mut, und er ward in seinen Reden gegen die Fürstin noch zehnmal frecher. Als Verwandten Scheremetjews widersprach ihm keiner, und wer es wollte, fürchtete sich doch vor den trunkenen Lachern. Wenn ein elender Mensch ohne Geist und Herz mit seinem armseligen Verstande das Erhabene, was er nicht begreifen kann, verspottet; wenn ein unwissender Tropf die Thaten und Entwürfe eines Weisen bekrittelt, dann kann ich auch zu den Lachern treten, oder über den armen Wicht die Achseln zucken, der sich selbst an den Pranger stellt. Aber wenn ein Spötter es wagt, mit schadenfrohem Witz was gut und edel ist zu lästern; wenn er die Tugend verdächtigen und große Handlungen verkleinern will: dann ist das nicht Verstandesschwäche, die uns zum Lachen reizen kann, sondern Bosheit, die unser Herz empören muß. Wer gelassen lächeln kann, wenn ein Bösewicht die Tugend verhöhnt, oder Leidende zum Gegenstande des Gelächters macht – der ist mit ihm verwandt, und selbst ein Bösewicht. Ich näherte mich dem Russen und bat ihn ernst und höflich, sich zu mäßigen und nicht zu vergessen, daß Christine die Tochter eines edlen deutschen Fürsten, die Schwester einer Kaiserin, die Schwiegertochter unseres erhabenen Monarchen sei. Der Russe, wahrscheinlich einer von den Anhängern des Alexis, die sich durch ihren Haß gegen die Fremden bei ihm einschmeicheln, glaubte hier eine Gelegenheit zu finden, sich seines Herrn würdig zu zeigen. Mit höhnischem Blick sah er mich seitwärts an und antwortete mit einer Grobheit, die man nur einem Manne aus dem Pöbel nachsehen kann. Die andern füllten ihre Becher und lachten über meine unsanfte Abfertigung aus voller Kehle. Das munterte ihn zu neuen Schmähreden auf. Ich bat ihn zu schweigen . . . ich drohte. Alles umsonst. Er schimpfte nur immer ärger; die andern lachten nur noch wilder. Was sollte ich unter diesen Trunkenen? Ich ergriff Hut und Degen, um mich zu entfernen. Der Elende, stolz auf seinen Sieg, ging mir bis zur Thür nach, und rief, indem er mir einen Fußtritt gab: So soll man alle Fremdlinge, Glücksritter und Abenteurer aus unserem Lande treiben! Ich drehte mich um, gab dem unverschämten Laffen eine gellende Ohrfeige, und als er mit mir handgemein werden wollte, schleuderte ich den Wütenden zu Boden, daß ihm die Lust verging. Langsam schritt ich meiner Wohnung zu. Aber noch hatte ich kaum zweihundert Schritte gethan, als mir der Russe mit bloßem Säbel nachsprang und mich mit hundert Schimpfreden zum Stillstehen aufforderte. Ich machte mich zur Gegenwehr bereit. Der Mond schien hell. In der Ferne blieben einige andere aus unsrer Gesellschaft stehen, um den Verlauf der Dinge abzuwarten. Ich versprach dem Russen, ihm den andern Tag Genugtuung zu geben, und bat ihn, seinen Rausch auszuschlafen. Vergebliche Mühe! Er griff mich wie rasend an; kaum konnte ich mich gegen die Säbelhiebe decken. Es währte nicht zwei Minuten, so lag er entseelt zu meinen Füßen. Ich beugte mich zu ihm nieder. Er seufzte noch einmal und starb. Ich rief die andern herbei. Sie trugen ihn zurück. Ich eilte in meine Wohnung, packte das Unentbehrlichste zusammen und verschwand mit Tagesanbruch aus Petersburg, um nicht nach Sibirien zu müssen.

Jetzt, mein Bellisle, wissen Sie alles! Mein Los ist hart, und doch werde ich's vielleicht einst segnen. Ich habe mich daran gewöhnt, daran zu glauben, daß jedes Übel die Quelle einer Freude, und jede Lust die Mutter eines Schmerzes sei. Entfernt von der Einzigen, die ich von allem, was unterm Himmel wohnt, am höchsten ehre, wird mein Herz seine Ruhe wieder gewinnen. Sie aber wird vielleicht von meiner That und meiner Flucht hören, und wenigstens mein Name so glücklich sein, wieder von ihr gehört zu werden. Leben Sie wohl, mein Bellisle, wir sehen uns bald wieder! Ach, ich habe Ihnen noch vieles zu sagen; nur ekelt es mich an, Buchstaben zu malen. Ich bin mißvergnügt . . . erbittert gegen die Menschen und das Geschick . . . ich möchte mir eine wilde, große Zerstreuung geben, worin ich mich, wie in einen brausenden Strom tauchen und alles . . . alles . . . und mein Selbst vergessen könnte! . . . Mein elendes, schlechtes Selbst, welches, so sehr durch Vorurteile und unrichtige Erziehung verwöhnt, immer sein Glück noch in äußern Dingen, nie in sich suchen, und immer andern Vorwürfe machen will, und nie sich selbst, da es dieselben doch allein verdient!

Leben Sie wohl!

6.
Die Großfürstin an die Gräfin Julie.

Ja, Julie, ich will mein Schicksal tragen und Deinem Rate folgen, obgleich ich nicht die reizende Hoffnung im Hintergrund der Zukunft sehe, die Du mir vorspiegeln willst! Es ist eine vergebliche Erwartung, daß ich den wilden Sinn meines Gemahls bändige. Er haßt, er verachtet mich; er ist nicht fähig, mich zu verstehen; er ist nicht fähig, mich zu lieben. Sein Wesen ist nun einmal der Art; er kann seine Natur nicht ablegen.

Aber auch ich, Julie, kann ihn nicht mehr lieben. Er selbst hat zwischen mir und sich die unzerstörbare Scheidewand aufgebaut. Ich werde es als des Himmels höchste Gunst ansehen, wenn mich der Tod von diesem qualvollen Zustand befreit oder wenn der Großfürst einst, zu eigener Macht gelangt, mich in irgend ein einsames Kloster verstoßen wird. Daß er die Finnländerin Euphrosyne mir vorzog . . . konnte ich ertragen. Ich fühlte meinen Wert und beklagte nur den verirrten Mann. Aber . . . o daß ich's schreiben muß! . . . Julie, ich, eine Fürstentochter, die an eine edle Behandlung gewöhnt ist! . . . Julie, ich werde von ihm gemißhandelt, wie eine Sklavin kaum von ihrem barbarischen Herrn gemißhandelt wird!

Gestern trat er, düster wie gewöhnlich, in mein Kabinett. Ich nahte mich ihm schmeichelnd. Ich hatte mir vorgenommen, ihn zu bewegen, eine Fürbitte beim Kaiser, seinem Vater, für den Chevalier d'Aubant einzulegen. Dieser d'Aubant, ein Infanterie-Hauptmann, ist eben der junge Mann, welchen wir einmal im Walde bei Blankenburg trafen, wo wir uns verirrt hatten, und der uns auf die Straße zurückführte. Vielleicht erinnerst Du Dich seiner nicht mehr. Er stand seitdem in russischen Diensten, geriet vor einigen Tagen mit einem jungen Russen in Händel, der zu Petersburg mächtige Verwandte hatte, und erstach ihn in einem Duell. Man behauptet, ich sei unschuldigerweise die Ursache des Streites gewesen; der Russe habe bei einem Trinkgelage schlecht von mir gesprochen und d'Aubant habe sich meiner mit allzu großer Heftigkeit angenommen. Genug, d'Aubant ist seit dem Tage unsichtbar geworden. Man vermutet, er habe sich in Petersburg verborgen; überall wird er ausgesucht, und sollte der Bedauernswürdige ertappt werden, so ist seine Verweisung nach Sibirien unvermeidlich. Kaum sprach ich den Namen des unglücklichen d'Aubant aus, so warf der Großfürst einen fürchterlichen Blick auf mich und befahl mir, zu schweigen. Ich gehorchte mit Zittern. Nie hatte ich ihn so gesehen; niemals hat ein Mensch jemals so zu mir geredet. Ich wollte mich entfernen. »Wohin?« schrie er, ergriff mich beim Arm und schleuderte mich mitten ins Zimmer zurück. »Gewiß wieder zum Kaiser, um mich bei ihm anzuschwärzen, daß ich seine Vorwürfe überall und vor aller Welt hören muß! Aber, Madame, ich bin dieser Kabalen satt, und verbitte mir's ernstlich und ein für allemal, daß Sie sich noch ferner bemühen, den Haß des Kaisers gegen mich zu vermehren!« Ich konnte nicht antworten. Ich schluchzte und streckte meine Arme gegen ihn aus. Er achtete nicht darauf, sondern fuhr fort, mich zu bedrohen. »Wehe Ihnen,« rief er, »wenn es Sie gelüsten sollte, mich beim Kaiser zu verklagen. Ich schwöre es Ihnen, dann werde ich anders mit Ihnen sprechen!« – »Wer aber,« erwiderte ich, »wer war so boshaft, mich bei meinem Gemahl zu verleumden? Und hätte ich die gerechtesten Ursachen, zu klagen, so würde dennoch kein Wort wider den Gemahl über meine Lippen gehen!« – »O,« schrie er, »ich weiß alles. Sie brennen sich nicht rein! Ich habe noch der Freunde mehr, als der Kaiser und seine neuerungssüchtigen Ausländer glauben. Das merken Sie sich! Es werden aber noch einmal andere Tage kommen. Nur Geduld!« – »Ich bitte nur um die einzige Gnade,« versetzte ich, »nennen Sie mir diejenigen, welche behaupten, daß ich Sie bei Seiner Majestät angeklagt habe! Bin ich schuldig, so bin ich Ihres Hasses wert; bin ich unschuldig, o so stoßen Sie die Liebe Ihrer Gemahlin nicht zurück! . . . Erlauben Sie also, daß ich mich wenigstens vor Ihnen gegen jeden Verdacht rechtfertige!«

Er befahl mir nun wieder, zu schweigen, und wiederholte seine Drohungen mit noch bitterern Worten, falls ich dem Kaiser wieder plaudern würde. Thränen erstickten meine Stimme. Ich konnte nichts, als stumm meine Arme gegen ihn ausbreiten. Ich wollte mich an seine Brust werfen und an seinem Herzen Zuflucht gegen meine Verleumder suchen . . . . Er stieß mich mit einer Heftigkeit, mit einem Ungestüm von sich, daß ich zu Boden gestürzt sein würde, hätte ein vorstehender Sessel es nicht verhindert. Ich schlug aber gegen die Wand mit der Stirn, daß sie verwundet aufschwoll. Der Großfürst achtete nicht auf mich, sondern verließ das Zimmer und schmetterte wütend die Thür hinter sich zu.

Ich lag lange betäubt im Lehnstuhl; alle meine Sinne waren in dumpfer Thätigkeit, wie in einem Fieber. Erst nach und nach entschwand der Nebel meines Geistes und ich übersah das Fürchterliche meines Zustandes. Ein Thränenstrom machte meinem gepreßten Herzen Luft. Ich wollte mich zerstreuen, um meinen Schmerz vor fremden Augen verbergen zu können. Ich ging durchs Zimmer, aber meine Kniee brachen bald zusammen. So, auf dem Teppich des Fußbodens daliegend, streckte ich meine Hände zum Himmel und flehte den barmherzigen Gott um Rettung an, oder um Kraft, mein Verhängnis mutvoll zu ertragen.

O Julie, wie groß und schön ist die Kraft des Gebets! Welche Seligkeit liegt schon allein in dem Gedanken an Gott! Wenn weit umher uns Alles verläßt, wenn Menschen ihre Brust gegen unsere Leiden verschließen, wenn jede Hoffnung unter dem Gewittersturm des Lebens zusammenbricht, wenn wir mit unserm Schmerz in der weiten Welt verlassen dastehen – dann, Julie, ein Blick auf den, der unsern Schmerz versteht, und es ist uns schon geholfen! Er war's, der uns in seine Welt gerufen; er ist's, zu dem allein die gequälte Seele Zuflucht nehmen kann.

Gestärkt erhob ich mich, mutiger und heiliger, als vorher. Erstorben war nun in mir alle Leidenschaft und aller Groll um die erlittene Schmach. Gott klagte ich sie, Dir nenne ich sie. Aber tröste mich nicht, Julie, denn ich bin schon getröstet!

Ich schellte meinen Kammerfrauen. Sie erschienen. Ich bemerkte, daß sie über mein Aussehen erschraken. Ich nannte die Verletzung meiner Stirn eine Folge meiner Unvorsichtigkeit, verbat mir jeden Besuch, und nahm, da mir nicht wohl war, nur den Besuch des Arztes an.

Sieh, Julie, so steh' ich nun da – fern von Dir, von meinen Eltern, in einem fremden Lande, ungeliebt von den Russen, gehaßt und gemißhandelt von meinem Gemahl, ohne jemanden, dem ich mich vertrauen darf, ohne Aussicht auf erträgliche Tage!

Schreibe mir bald! Schildere mir Dein Glück! In dem Gemälde Deiner Freuden erhebt sich meine Seele wieder; ich vergesse meinen Gram und lebe dann nur in Deinem Himmel. O, wie gern würde ich mit der ärmsten Bäuerin Deines Dorfes tauschen, wenn ich nur in Deutschland, nur in Deiner Nähe, unter Deinem Schutze wohnen könnte!

7.
Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle.

Villiers, den 25. Juli 1715.

»Den Mut nicht verlieren?« . . . O mein Bellisle, wie urteilen Sie von Ihrem d'Aubant! . . . Schüchtern im Schoße des Glückes, aber mutvoll, wenn Not und Tod gegen uns zu Felde ziehen! Das ist mein Wahlspruch.

Nun ja, mein Vermögen ist dahin . . . rein verflogen, oder vielmehr, ich habe nie Vermögen gehabt! Ich habe mit den Gläubigern meines Vaters gerechnet, und Alles ausbezahlt. Güter, Heerden und Mobilien, Alles ist verkauft. Der mir von den glänzenden Herrlichkeiten und Herrschaften meiner Ahnen bleibende Rest besteht netto in vierundzwanzigtausend Livres, kein Sou darüber oder darunter. Wenn's mir gelingt, so bringe ich das Kapitälchen zu fünf Prozent unter, und habe dreihundert Thaler jährliches Einkommen; der ärmste Dorfpfaffe hat mehr für seine Messen. Ich begreife es wohl, es läßt sich damit keine Rolle spielen, und doch soll ich meinem Stande gemäß leben, darf kein Handwerk treiben, darf nicht dreschen, darf nicht krämern – und zu betteln schäme ich mich!

Ich bin inzwischen lange nicht so froh gewesen, als jetzt. Noch vier Wochen darf ich im väterlichen Hause wohnen, dann zieht der neue Eigentümer ein. Er läßt schon jetzt überall ausbessern, sägen, putzen und lärmen in allen Ecken, Dieser neue Eigentümer ist ein großer, dicker, guter Mann, Namens Maillard, der sich als Kaufmann eine runde Summe zusammenspekuliert hat, und keinen andern Fehler zu haben scheint, als den, daß er weiß, er sei reich, und nun gern den Großmütigen, den Gönner und Beschützer spielen will. Er bot mir, auch wenn er eingezogen sein würde, mit recht vornehmem Anstande Wohnung bei sich an; ich aber schlug's natürlich aus. Arm sein, Bellisle, thut nicht weh; aber Gönnermienen begüterter Wichte, denen der Himmel das liebe Geld im Schlaf aufhäufte, und die unterm Himmel kein Verdienst haben, als den vollen Kasten . . . o Bellisle, die schmerzen! Ja, Bellisle, ich wollte mir lieber, wenn ein Zufall meine paar tausend Livres und meine gesunden Gliedmaßen hinwegraffte, das tägliche Brot von Haus zu Haus bei unsern Bauern zusammenbetteln, als Unterstützungen von Leuten mit Gönnermienen annehmen!

Ich bin arm, aber mir ist wohl dabei. Was ich bin, ward ich ohne mein Verschulden; was ich werde, soll der Zeuge meiner Kraft . . . meine eigene Schöpfung sein!

Nicht die Armut ist's eigentlich, die den meisten Menschen beschwerlich fällt zu ertragen, sondern der unbefriedigte Wunsch ihres Ehrgeizes. Sie wollen in höheren Stellungen glänzen. Brot und Wasser schmecken so übel nicht; aber darüber ertappt zu werden, das ist den Leuten bitter.

Armut ist das Element der großen Geister, die Mutter der Weisheit, die Erzieherin der Menschheit, die Erfinderin der Kunst und Wissenschaft, die kühne Wegweiserin über Ozean und Gebirge, die Priesterin des besseren Lebens. Reichtum dagegen erschlafft Leib und Seele, lähmt den Flug des Geistes, erstickt und tötet ihn mit Sinnenlust, entartet Völker, erzeugt unerhörte Krankheiten, unerhörte Begierden, unerhörte Laster.

Der Arme ist reich an Hoffnungen, an Entwürfen; sein Leben fliegt unter Gedanken und Ahnungen vorüber, die der Reiche nicht kennt. Ihm mangelt die Muße, sich selbst zu quälen. Jede Blume, jede Frucht, jeder freundliche Blick ist ihm ein neues Gut. Die karge, selbstverdiente Mahlzeit dünkt ihm ein Festessen; der süße Schlaf ist mit goldenen Träumen erfüllt. Armut führt uns an die Brust der Natur zurück; Reichtum verleitet uns zur Unnatur, zum Rangstreit, zur Unempfindlichkeit, zu weibischen Gelüsten. Sehen Sie, Bellisle, ohne daß ich es wollte, hielt ich der Armut eine Lobrede! Aber mit dieser ist's mein ganzer Ernst. Der Reiche fühlt nur, was er hat, der Arme aber, was er ist. Auch ich empfinde zum ersten Male lebhaft, was ich bin, und dies Gefühl macht mich stolz und froh. Der von der vornehmen Welt sogenannte Bettelstolz ist oft der edelste und ehrwürdigste Stolz, den ein Sterblicher nähren kann. Es ist die richtige Würdigung der wesentlichen und zufälligen Güter . . . Verachtung toter Titel, gestickter Kittel eitler Gecken, gefüllter Kisten, wohlgemästeter Dümmlinge, und Hochschätzung der stillen Tugend, ohne Glanz – des Verdienstes ohne Prunken . . . der Weisheit ohne Marktschreierei.

Sie fragen, was ich anfangen werde? – Ich gehe in einigen Wochen nach Paris. Ich zeige mich meinen Verwandten; zeige mich den Ministern. Ich habe einige Kenntnisse, bin erfahren, man kann mich gebrauchen . . . ich suche eine Civil- oder Militärstelle, sei die Einnahme auch noch so gering. Ich will mit Brot und Wasser mich begnügen, aber thätig, nützlich sein.

Und wenn's dann manchmal einen trüben Tag giebt . . . nun dann, Bellisle, seh' ich auf den Abgott meiner Träume . . . und ich bin wieder froh. Eine Welt, die solch ein Engel bewohnt, muß doch die beste Welt sein.

8.
Die Gräfin Königsmark an die Gräfin Julie B.

Petersburg, den 2. September 1715.

So traurig immerhin der Anlaß sein mag, so wünsche ich mir doch Glück, mit Ihnen, Frau Gräfin, in Bekanntschaft treten zu können . . . einer Dame, deren Geist, deren Seelengüte wenige Ihresgleichen haben müssen, da selbst unsere geliebte Großfürstin Christine nie ohne Bewunderung von Ihnen spricht, und bei der Nennung Ihres Namens selbst auf dem Krankenbett ihre Blicke von der schönen Begeisterung der Freundschaft glänzen.

Ja, unsere angebetete Fürstin ist krank! Auf Befehl derselben muß ich die Feder ergreifen, um Ihnen dies und damit die Ursache anzuzeigen, warum unsere gnädige Fürstin Ihre verschiedenen, freundschaftsvollen Briefe seit einigen Monaten nicht beantwortete.

Sie hatten das Glück, die Jugendgespielin derselben zu sein; Sie blieben ihre einzige und geliebteste Vertraute. Ich ward nur durch die schrecklichsten Unfälle zu Ihrer Nebenbuhlerin, oder zum Mittel, die vertraulichen Unterhaltungen unserer erhabenen Freundin mit Ihnen fortzusetzen.

Die unangenehmen Verhältnisse derselben mit ihrem Gemahl, dem Großfürsten Alexis, sind Ihnen nicht mehr unbekannt. Aber schwerlich werden Sie wissen, welche unendliche Opfer die Großfürstin brachte, um sich die Huld ihres Gemahls zu erwerben, mit welcher Engelssanftmut sie seine unverdiente Härte ertrug: welche unbeschreibliche Geduld sie seiner unversöhnlichen Grausamkeit entgegensetzte; wie sie ohne Unterlaß immer seine erste Fürsprecherin bei Seiner Majestät dem Kaiser war, wenn dieser dem Sohn mit den Ausbrüchen seines furchtbaren Zornes drohte: wie sie voll rührender Ergebenheit ihren Gemahl mit Wohlwollen überhäufte, während sie von ihm die kränkendsten Mißhandlungen erfuhr. Aber jede Liebkosung, jede Thräne, jede Wohlthat, des Großfürsten Herz zu rühren, blieb erfolglos. Geschenke, welche er aus den Händen seiner reizenden Gemahlin empfing, Arbeiten, die sie selbst für ihn in einsamen Stunden geschaffen, gab er in derselben Stunde an seine Finnländerin, die nicht errötete, mit den schönen Arbeiten der Großfürstin geschmückt, öffentlich zu erscheinen. Feste, die sie ihrem Gemahl zu Ehren veranstaltete, wurden entweder von ihm nicht besucht, oder zu Gelegenheiten benutzt, diejenige mit schmerzlichen Kränkungen zu überhäufen, die alles einzig und allein für ihn that und war. Wer die hartnäckige, wilde Denkart des Thronfolgers kennt; wer seinen Haß kennt, welchen er teils durch seine vom Kaiser in's Kloster verstoßene Mutter, teils durch diejenigen, welche ihn während der öftern Entfernung des Kaisers umgeben, gegen alle dessen Unternehmungen einsog; wer da weiß, daß er die schöne und geistvolle Prinzessin von Wolfenbüttel eben deswegen haßte, weil sie ihm von der Hand seines Vaters zugeführt war – der hofft nicht mehr auf Aussöhnung dieses unglücklichen und erlauchten Ehepaares. Der Thronfolger, täglich in der Gesellschaft verdorbener Menschen, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse – täglich seine Geisteskräfte durch unmäßigen Genuß des Branntweins zerstörend, wird täglich ausgelassener, roher, tyrannischer. Nichts, als seine nur allzu gerechte Furcht vor dem Kaiser, seinem Vater, hält ihn von größeren Ausschweifungen zurück. Unter solchen Verhältnissen bleibt der leidenden Großfürstin keine andere Hoffnung, als durch förmliche Scheidung von ihrem Verfolger getrennt zu werden, oder mit Gelassenheit das qualvollste Leben ihrem Grabe entgegen zu tragen. Der Großfürst hat es ihr selbst mit schrecklicher Freimütigkeit gestanden, daß er sie eben so lange verabscheuen würde, als sie seine Gemahlin wäre. Er deutete ihr selbst an, daß er die Trennung dieser Ehe von Herzen wünsche, aber von der Unbeugsamkeit des Kaisers nimmermehr die Einwilligung zu erhalten hoffen dürfte.

Die Großfürstin hatte die Gnade, mir ihr Vertrauen zu schenken. Es sollte ein leiser Versuch gemacht werden, die Gesinnungen des Kaisers über die Scheidung zu vernehmen. Ich wandte mich an den Fürsten Menschikow, um durch diesen Liebling des Monarchen denselben zu erforschen. Die Gelegenheit dazu fand sich. Menschikow warf mit seiner ihm eigentümlichen Gewandtheit einige abgerissene Worte hin. Diese aber reizten den Jähzorn des Zaren in einem so fürchterlichen Grade, daß Menschikow zu einem ähnlichen Versuche keinen Mut mehr hatte.

»Wehe dem Alexis!« rief der Kaiser. »Wenn ich diesen Ungeratenen, diesen Widerspenstigen, diesen Unwürdigen, der täglich tausend Mal des Vaters Herz bricht, wenn ich ihn bisher mit wohlverdienter Strafe schonte, so ists aus Achtung und Liebe für seine Gemahlin geschehen. Wehe ihm, wenn ihm einst dieser Engel fehlte!«

Ungeachtet Menschikow dem Kaiser feierlich schwor, daß der Gedanke an eine Scheidung nie in die Seele des Großfürsten gekommen, daß es nur sein eigener Einfall gewesen, schien jener doch den Argwohn beibehalten zu haben. Wenigstens sprach dafür die härtere Begegnung, die sein Sohn seit jenem Tage von ihm erfuhr und welche den Großfürsten bis zur Raserei gegen seine Gemahlin erbitterte.

Machen Sie sich nun darauf gefaßt, teuerste Gräfin, noch das Entsetzlichste zu erfahren! Man hat einen Versuch gemacht, die Großfürstin durch Gift aus der Welt zu schaffen. Zum Glück ist die Frevelthat nicht ganz gelungen. Die Großfürstin hat nur sehr wenig von der vergifteten Suppe genossen; die zufällige Ankunft des kaiserlichen Leibarztes in demselben Augenblick, wo die Fürstin die Wirkungen des Giftes empfand, die Schnelligkeit, mit der er das Übel entdeckte, und die Kraft seiner Gegenmittel verhüteten das größte Unglück. Alles ward mit dem tiefsten Geheimnis behandelt, und soll es bleiben. Die Gesundheit der leidenden Großfürstin kehrt zurück. Vielleicht genießt sie schon in einigen Wochen das Vergnügen, Ihnen wieder selbst schreiben zu können.

Nie erschien an allen Höfen Europas eine liebenswürdigere und unglücklichere Fürstin; nie ein Weib, welches durch Schönheit, Tugend und Geistesgröße des schönsten Menschenloses werter gewesen, und es weniger genossen hätte, als sie. Ich gestehe Ihnen, daß ich ratlos und in Verzweiflung bin. Der Kaiser läßt sich nichts einreden, der Großfürst sich nicht ändern, und so wird die Unschuldigste, die Edelste unseres Geschlechts das Opfer dieser Verhältnisse. Nicht ein einziges Mal hat der Großfürst seine Gemahlin, während der Krankheit, eines flüchtigen Besuches gewürdigt; nicht ein einziges Mal den Anstand nur so weit beobachtet, nach ihrem Befinden fragen zu lassen. Denken Sie sich noch hinzu, daß die Großfürstin in einigen Monaten ihre abermalige Niederkunft erwartet!

Ich beschwöre Sie, wenn Sie uns in dieser peinlichen Lage vielleicht durch einen glücklichen Gedanken raten können, säumen Sie nicht! Ich sehe keine Hilfe . . . die Heilige wird früher oder später durch namenlose Barbarei zu Grunde gerichtet. Bereiten Sie sich daher immerhin vor, einst das Schrecklichste erfahren zu müssen!

9.
Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle.

Paris, den 2. Oktober 1715.

Acht Wochen lang, mein geliebter Bellisle, trete ich nun schon das Straßenpflaster von Paris; laufe von der Morgenfrühe bis zur Mitternacht; gähne halbe Tage lang in den Vorzimmern der Großen; schreibe unterthänige Vorstellungen und Bittschriften; lasse mich mit Hoffnungen und Möglichkeiten, mit Achselzucken und teilnehmenden Mienen abspeisen, bin und bleibe aber nach wie vor der arme, amtlose Chevalier d'Aubant und komme keinen Schritt weiter!

Man lobt meine Arbeiten, man findet Talente an mir . . . und das ist alles! Kommts bei einer erledigten Stelle zur Wahl, siehe, da springt ein anderer rüstig vor, und pflanzt sich hin, wo ich sitzen möchte . . . und immer ein anderer, dem ich vielleicht an Kenntnissen, an Thätigkeit, an gutem Willen gleich, auch wohl zehnmal überlegen sein dürfte!

Ach, ich weiß es wohl, was mir gebricht! Schmücke Dich mit Salomons Weisheit, mit der Tugend der Engel, und vereinige in Dir die Gelehrsamkeit aller Akademieen, Du wirst nichts mehr sein und gelten, als eine kostbare Denkmünze, die aber im Handel und Wandel des Lebens nicht gangbar und gebrauche ist. Gold ist der Firniß, welcher der Tugend erst Glanz, der Weisheit erst Ansehen giebt. Gold ist die moralische Universaltinktur, unter welcher sich Kot in Perlen, Albernheit in Anmut, Feigheit in Heldentum, Kleinigkeitskrämerei in Geistesgröße verwandeln.

Wohlan, die Universaltinktur fehlt . . . ich muß mich also ergeben!

Aber Ihre Verwandten, Ihre Freunde in Paris! werden Sie sagen. Ach, lieber Bellisle, diese lieben Leute sind unendlich gütig! Sie laden mich zu ihren Festen ein, wo sie mit ihrem Überfluß glänzen können; sie würden ein paar tausend Thaler in einer einzigen Mahlzeit verschwenden, ohne es sich gereuen zu lassen; aber einen wahrhaften Dienst zu leisten, wo es sich nur um eine einfache, schlichte, biedere That handelt . . . daran denkt keine Seele.

So sind die Menschen; aber wer ändert sie?

Und was nun weiter beginnen? . . . Ich weiß es nicht. Ich bin so verlassen, daß es mir selbst an Ratgebern fehlt; und guter Rat ist doch das Wohlfeilste in der Welt, womit selbst der Geizhals verschwenderisch sein kann.

Doch nein, ich will nicht ungerecht sein! Mein alter, getreuer Diener Claude, der mich nie verließ, und den ich nie verlasse, giebt mir alle Tage neuen Rat, und wird nicht müde damit. Bald meint er, ich soll bei irgend einem Regiment Oberst, oder wenn auch nur Hauptmann werden; bald in die Lotterie setzen, bald Mitglied des königlichen Staatsrates werden, bald eine reiche Witwe mit zehn Landgütern heiraten,

Heute – ich hatte kaum meine karge Mahlzeit beendet – kam er eilig gelaufen, und rief: »Herr Hauptmann, gute Nachricht! Jetzt wollen wir der ganzen Welt ein Schnippchen schlagen!« – »Daraus wird sich die ganze Welt nichts machen!« versetzte ich. – »Wollen Sie ein Marquisat, eine Baronie, ein kleines oder großes Fürstentum?« – »Wenigstens ein großes!« – »Nun Gott Lob, Herr Hauptmann, daß Sie das nur wollen; so ist denn uns allen geholfen! Machen Sie mich dann zu Ihrem Minister, oder zu was Sie wollen, denn ich bin Ihnen doch immer der Nächste gewesen: und einen treuern Menschen finden Sie unter Sonne, Mond und Sternen nicht wieder, als Ihren Claude! Ihre Pferde sollen die prächtigsten sein, tausend Meilen in der Runde. Lassen Sie mich nur dafür sorgen!« – »Aber wo ist mein Fürstentum, Claude?« – »In der neuen Welt, Herr Hauptmann; da . . . warten Sie . . . Ja . . . am Mississippi, in dem großen Königreich Louisiana, nicht weit von Amerika! Alles läuft jetzt dahin. Ich habe heute an der Wirtstafel mit sechzehn Familien gesprochen: sie kommen weit her; es sind sogar Deutsche und Schweizer darunter. Alles geht nach Louisiana. Man bekommt dort soviel Land, als man nur will, ohne einen Sou dafür zu zahlen; macht sich soviel Sklaven, als man Amerikaner findet, und kann leben wie ein König.« – »Du bist ein Narr, Claude!« – »Aber wahrhaftig ein Narr, der nicht mit Gold aufzuwiegen ist! Der Schiffskapitän de Blaizot wohnt in der Straße Richelieu, Nummer 595, im zweiten Stock. Er macht Werbungen für Louisiana. Bei ihm muß man sich melden. Er hat die Landkarte auf dem Tische liegen, und teilt jedem, der zu ihm kommt, Besitzungen darauf aus. Wenn Sie erlauben, gehe ich ohne weiteres zu ihm, und nehme für uns eine ganze Provinz in Beschlag, da es doch ein Fürstentum geben soll. Ich bitte Sie . . . Wasser, Kalk, Waldungen, alles umsonst . . . es fehlt nichts, um soviel Städte neu aufzubauen, als ganz Frankreich hat . . . nichts, als der Wille dazu!« – »Den Willen hab' ich wohl!« – »Nun, Herr Hauptmann, so haben wir gewonnen Spiel! Bedenken Sie, Herr Hauptmann, was das sagen will, eine ganz neue Welt! Total neu und nicht zum hundertsten Teil so abgenutzt und verbraucht, wie unsere alte Welt hier zu Lande.«

So schwärmte mir Claude eine ganze Stunde lang von den Herrlichkeiten in Louisiana vor, und ich lachte so viel, daß ich fast Kopfweh bekam. Es ist gewiß, daß Kapitän Blaizot Kolonisten für Louisiana wirbt. und daß die Herren Werber es nicht an Aufschneidereien mangeln lassen, um Menschen in ihr ödes Kanaan zu locken. Für heute beruhigte ich meinen glückstrunkenen Staatsminister Claude mit dem Versprechen, den Kapitän morgen selbst zu besuchen und mir mein Fürstentum mit eigenen Augen auszuwählen. Morgen hat Claude gewiß schon einen andern Plan.

Und ich bin wie er! Der Mensch ist nicht so froh durch das, was er besitzt, als durch das, was er hofft. Und so bin ich froh, wie ein Gott! Kümmern Sie sich, geliebter Bellisle, um mein Schicksal nicht! Ein gesundes Herz in gesunder Brust, ein freier Geist im freien Körper . . . diesen gehört die Welt an.

Schon seit langer Zeit fehlen mir von Petersburg alle Nachrichten. Umsonst durchblättere ich alle Zeitungen und suche unter dem Artikel Rußland. Keiner nennt die Nennenswürdigste des Nordens; nur meine Träume erzählen mir von ihr. Bald muß sich meine trübselige Lage erheitern. Der Winter rückt heran, ich muß mich entschließen.

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