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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 8
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
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Kapitel VI

Von siebzehn Jahren bis zu achtzig schier
Wohnt ich, nun wohn ich ferner nicht mehr hier.
Um siebzehn ziemts, daß mit dem Glück man buhle,
Doch achtzig ist zu alt für diese Schule.

Wie es Euch gefällt.
(Shakespeare, II. Aufz. 3. Sc.)

Wir müssen unsere Leser nach dem Schlosse Tillietudlem führen, wohin Lady Margarethe Bellenden zurückgekehrt war, und zwar höchst unzufrieden und betrübt über die unerwartete und, wie sie glaubte, unauslöschliche Beschimpfung, die ihrer Würde durch das ungeschickte Benehmen Gibbies öffentlich widerfahren war.

Diesem unglücklichen Waffenmann ging sofort der Befehl zu, seine gefiederten Pflegebefohlenen auf den entferntesten Theil der Gemeindeweide zu treiben und durchaus nicht den Kummer oder den Zorn seiner gnädigen Frau zu erwecken, indem er vor ihr erscheine, so lange das Gefühl der Kränkung noch neu bei ihr sei.

Ein feierliches Gericht zu halten, zu welchem auch Harrison und der Kellermeister, theils als Zeugen, theils als Beisitzer gezogen wurden, war die erste Handlung der Gebieterin, um eine Untersuchung über die Weigerung Cuddie Headriggs, des Ackerknechts, und über den Beistand einzuleiten, den er von seiner Mutter erhalten, da dies als die Hauptursache des Unglücks angesehen wurde, welches die Reiterei von Tillietudlem betroffen. Nachdem die Schuld gehörig ausgemittelt und bewiesen worden, beschloß Lady Margarethe, die Schuldigen in Person auszuschelten, und, wenn sie keine Reue bezeigten, die Strafe bis zur Vertreibung aus der Baronie zu schärfen.

Nur Fräulein Bellenden wagte es, einiges zu Gunsten der Angeklagten zu sprechen; aber ihre Fürbitte, die bei jeder andern Gelegenheit von Gewicht gewesen wäre, half diesmal den Angeklagten nicht. Sobald Editha gewiß war, daß der unglückliche Reiter keinen Schaden genommen, erregte sein Mißgeschick ihre unwiderstehliche Lachlust, die trotz des Unwillens der Lady Margarethe, oder vielleicht gerade durch den Zwang, den sie sich auflegen mußte, gereizt, auf dem Heimwege wiederholt ausbrach, bis ihre Großmutter, durch die erdichteten Ursachen, welche die junge Dame für ihre Lachlust angab, keineswegs besänftigt, sie wegen ihrer Unempfindlichkeit gegen die Ehre ihrer Familie aufs bitterste tadelte. Auf des Fräuleins Verwendung konnte bei dieser Gelegenheit also füglich gar nicht gehört werden.

Als wolle sie ihre Geneigtheit zur Strenge schon zum voraus andeuten, hatte die gnädige Frau das Rohr mit dem elfenbeinernen Knopf, an dem sie sonst gewöhnlich ging, gegen einen ungeheuren Stab mit einem goldenen Knopf vertauscht, der ihrem Vater, dem verstorbenen Grafen von Torwood, gehört hatte, und dessen sie sich als einer Art Amtsstab nur bei äußerst feierlichen Gelegenheiten bediente. Unterstützt durch dieses Ehrfurcht erregende Scepter, trat Lady Margarethe Bellenden in das Haus der Delinquenten.

Aus dem ganzen Wesen der alten Mause ging hervor, daß sie ein böses Gewissen hatte, denn sie stand nicht mit jener herzlichen Freude von dem Korbstuhle in der Kaminecke auf, wie sie gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie von der Gutsherrin mit einem Besuche beehrt wurde, sondern mit einer gewissen Feierlichkeit und Verlegenheit, wie ein Angeklagter bei dem ersten Erscheinen seines Richters, vor dem er seine Unschuld zu behaupten entschlossen ist. Ihre Arme waren in einander geschlagen, ihr Mund zuckte mit einem Ausdruck von Ehrerbietung und Hartnäckigkeit, kurz, ihr ganzes Wesen bewies, daß sie auf diese feierliche Zusammenkunft mit ängstlicher Spannung gewartet hatte. Mit dem tiefsten Knixe von der Welt und mit einer stummen Bewegung der Hand deutete Mause auf den Stuhl, den Lady Margarethe – denn die gute Dame war so etwas von Klatschschwester – bei früheren Gelegenheiten auf ein halbes Stündchen anzunehmen sich herabgelassen, wenn sie die Neuigkeiten aus der Grafschaft und dem Marktflecken anhören wollte. Jetzt war die Gebieterin zu einer solchen Herablassung viel zu aufgebracht, sie wies die stumme Einladung mit einer stolzen Bewegung der Hand zurück, richtete sich hoch auf und begann die folgenden Fragen in einem Tone, der darauf berechnet war, die Schuldige zu demüthigen.

»Ist es wahr, Mause, was mir Harrison Gudyill und meine andern Leute gesagt, daß Ihr Euch herausgenommen, der Treue zuwider, die Ihr Gott, dem König und mir, Eurer natürlichen Gebieterin und Herrin, schuldig seid, Euren Sohn von der Waffenschau zurückzuhalten und seine Rüstung und Waffenstücke in einem Augenblick zurückgegeben habt, wo es unmöglich war, einen passenden Stellvertreter für ihn zu finden, wodurch der Baronie von Tillietudlem in der Person ihrer Besitzerin und ihren Bewohnern eine solche Schande und Unehre zugefügt worden, wie noch nie seit den Tagen von Malcolm Canmore?«

Mauses angeborner Respekt für ihre Gebieterin war äußerst groß, sie stockte, und ein zweimaliges Husten verrieth die Schwierigkeit, die ihr die Vertheidigung machte.

»Gewiß – Mylady – hm, hm! Gewiß thut mirs leid – sehr leid, daß eine Ursache zu Mißvergnügen vorgekommen – aber meines Sohnes Krankheit – –«

»Sprecht mir nicht von Eures Sohnes Krankheit, Mause! Wäre er wirklich krank gewesen, Ihr würdet gewiß mit ihm bei Tagesanbruch aufs Schloß gekommen sein, um etwas für ihn zu holen, das ihm geholfen hätte. Es gibt wenig Uebel, gegen die ich nicht ein Recept bereit hätte, und das wißt Ihr recht gut.«

»O ja, gewiß, gnädige Frau! Ich weiß, Sie haben wunderbare Kuren zu Stande gebracht, – was Sie dem Cuddie geschickt haben, als die Kolik ihn quälte, hat wie ein Zaubermittel gewirkt.«

»Nun denn, warum habt Ihr Euch nicht an mich gewendet, wenn es wirklich Noth that? – Aber es that nicht Noth, Ihr falsches Weib, Ihr!«

»So hat mich Ew. Herrlichkeit noch nie genannt. O, daß ichs erleben mußte, so genannt zu werden,« fuhr sie heftig weinend fort, »ich, eine geborene Dienerin des Hauses Tillietudlem! Glauben Sie nur, man verleumdet Cuddie und mich, wenn man sagt, er wolle nicht bis über die Stiefel in Blut für Ew. Herrlichkeit und Fräulein Editha und für das alte Schloß fechten – ja, das sollte er, aber von Ihrem Reiten und Waffenschauen halte ich ganz und gar nichts, gnädige Frau. Dazu kann ich nicht die geringste Verpflichtung finden.«

»Keine Verpflichtung?« rief die hochgeborne Frau. »Seid Ihr nicht als treue Unterthanen verpflichtet, bei allen Jagden, Heerzügen und Wachen Gefolgschaft zu leisten, wenn Ihr gesetzmäßig in meinem Namen dazu aufgefordert werdet? Euren Dienst thut Ihr nicht umsonst. Ich denke, Ihr habt Land genug dafür. – Ihr werdet gut behandelt als Lehnsleute, habt ein Haus, habt einen Kohlgarten und Gras für eine Kuh auf der Gemeindeweide. Wenig Leute habens so weit gebracht, und Ihr murrt, wenn Euer Sohn einen Tag Dienst auf dem Felde für mich thun soll?«

»Nein, gnädige Frau, nein, das nicht!« rief Mause in großer Verlegenheit; »aber niemand kann zweien Herren dienen, und wenn die Wahrheit doch herauskommen soll, es ist einer über uns, dessen Befehle ich vor denen der gnädigen Frau befolgen muß. Gewiß, weder die Befehle eines Königs oder Kaisers, noch sonst eines Menschen, würde ich höher achten als die Ihrigen.«

»Was meint Ihr damit, altes einfältiges Weib? – Glaubt Ihr, ich befehle etwas, das dem Gewissen zuwider liefe?«

»Das sage ich nicht, gnädige Frau, in Bezug auf Ihr Gewissen, denn das ist gewissermaßen in bischöflichen Grundsätzen aufgezogen worden, aber jeder kann nur bei dem Lichte seines eigenen wandeln, und das meinige,« sagte Mause, deren Kühnheit mit der Lebhaftigkeit des Gespräches zunahm, »das meinige sagt mir, daß ich eher Haus, Kohlgarten und den Weideplatz aufgeben, lieber alles dulden müsse, als daß ich oder die Meinen in einer unrechtmäßigen Sache den Harnisch anlegen sollten.«

»Unrechtmäßig!« rief ihre Gebieterin, »die Sache, wofür Ihr durch Eure rechtmäßige Herrschaft, durch den Befehl des Königs, durch die Verordnung des Staatsraths, durch die Verfügungen des Lord-Lieutenants und das Aufgebot des Landrichters aufgerufen werdet?«

»Ja, ohne Zweifel, gnädige Frau, aber nehmts nicht für ungut, Sie wissen, in der Schrift, da war einmal ein König, der hieß Nebukadnezar, der ließ aufrichten ein goldenes Bild in der Ebene von Dura, ungefähr wie in der Ebene dort am Flusse, wo gestern die Schau gehalten wurde, und die Fürsten, und die Statthalter, und die Hauptleute und die Richter, woneben die Schatzmeister, die Räthe und die Beamten wurden zur Einweihung desselben aufgeboten, und es ward ihnen anbefohlen, niederzustürzen und anzubeten beim Schall der Hörner, der Flöten, Harfen, Psalter und aller Art von Musik –«

»Aber was heißt das, thörichtes Weib? Was hat Nebukadnezar mit der Waffenschau auf dem obern Ward von Clydesdale zu schaffen?«

»Es soll nur so viel sagen,« fuhr Mause mit Festigkeit fort, »daß die bischöfliche Kirche gleichet dem goldenen Bilde in der Ebene von Dura, und daß wie Sadrach, Mesach und Abednego fest bei der Weigerung blieben, nicht hinzustürzen und anzubeten, so soll auch Cuddie Headrigg, Ew. Gnaden armer Ackerknecht, wenigstens mit seiner alten Mutter Einwilligung, keine Bewegung und Kniebeugung machen im Hause der Prälaten und Pfarrer, noch soll er Waffen tragen, für ihre Sache zu streiten, weder beim Schalle der Pauken, Orgeln und Sackpfeifen, noch irgend einer andern Art von Musik.«

Lady Margarethe Bellenden hörte diese Schrifterklärung mit dem größten Unwillen und Erstaunen.

»Ich merke, woher der Wind bläst,« rief sie endlich nach einer Pause des Staunens, »der böse Geist von 1642 wirkt wieder so geschäftig wie je, und jedes alte Weib in der Kaminecke will mit den Doktoren der Gottesgelahrtheit und den gottseligen Kirchenvätern um die Lehre disputiren.«

»Wenn Ew. Gnaden die Bischöfe und Pfarrer meint, so weiß ich gewiß, diese sind nur Stiefväter gegen die Kirche von Schottland. Und da es Ew. Herrlichkeit genehm ist, mit uns vom Wegschicken zu sprechen, so bin ich so frei, Ihnen über etwas anderes meine offene Meinung zu sagen. Ew. Gnaden und der Haushofmeister haben vorgeschlagen, mein Sohn Cuddie soll mit der neuen Worfelmaschine arbeiten, um das Korn von der Spreu zu sondern, und so dem Willen göttlicher Vorsehung sündhaft zu widerstreben, indem man für Ew. Gnaden eigenen Gebrauch künstlichen Wind macht, statt ihn durch Gebet zu erflehen oder geduldig darauf zu warten, bis die göttliche Vorsehung in ihrer Güte und Weisheit ihn auf die Tenne hätte senden wollen. Nun, Mylady – –«

»Das Weib könnte einen vernünftigen Menschen um den Verstand bringen,« sagte Lady Margarethe; sogleich nahm sie aber ihren kalten gebieterischen Ton an und schloß mit den Worten: »Gut, Mause. Ich will damit enden, womit ich hätte anfangen sollen, Ihr seid mir allzu gelehrt und zu fromm, um mit Euch zu streiten; darum sag ich nur dies: entweder Cuddie muß den Musterungen beiwohnen, wenn er durch den Ortsbeamten gesetzlich dazu aufgeboten wird, oder er und Ihr verlasset sobald als möglich mein Gebiet; es ist kein Mangel an alten Weibern und Ackersleuten, und wäre dies auch der Fall, so wollte ich doch lieber, die Felder von Tillietudlem brächten nichts als Quecken und Haidekraut hervor, als daß sie von Rebellen gegen den König gepflügt würden.«

»Gut, gnädige Frau,« sagte Mause. »Hier bin ich geboren, und dachte zu sterben, wo mein Vater starb, Ew. Herrlichkeit war eine gnädige Gebieterin, das will ich nimmer leugnen, und ich werde nie aufhören, für Euch und Fräulein Editha zu beten, daß Ihr zur Erkenntniß Eurer Irrwege gelangen möget. Aber noch –«

»Meiner Irrwege?« unterbrach Lady Margarethe zornig. »Meiner Irrwege, unhöfliches Weib?«

»Ja, ja, gnädige Frau. Wir sind alle blind, die wir leben im Thale der Finsterniß und der Thränen, und haben gar viele Irrthümer, Vornehme wie Geringe, – aber, wie ich sagte, wo ich auch immer sein werde, ich werde Euch und die Euren stets segnen. Ich werde trauern, wenn ich von Eurem Kummer höre, und froh sein, wenn ich von Eurer Wohlfahrt vernehme, der zeitlichen sowohl als der geistigen. Aber ich kann die Befehle einer irdischen Gebieterin nicht denen des himmlischen Herrn vorziehen, und so bin ich denn bereit zu dulden für die gerechte Sache.«

»Sehr gut,« sagte Lady Margarethe, und kehrte ihr höchst mißvergnügt den Rücken; »Ihr kennt meinen Willen in der Sache, Mause. Ich will keine Whigumtriebe in der Baronie von Tillietudlem. Das Nächste würde sein, daß man in meinem eigenen Zimmer Conventikel hielte.«

Nach diesen Worten entfernte sie sich mit vieler Würde, und Mause ließ ihren während der Unterhaltung unterdrückten Gefühlen freien Lauf, denn sie hatte so gut ihren Stolz wie ihre Gebieterin, sie erhob ihre Stimme und weinte laut.

Cuddie, dessen wirkliche oder vorgebliche Krankheit ihn noch immer ans Bett fesselte, lag während dieser ganzen Unterredung in seiner Bretterbettlade, zusammengekrümmt und versteckt, in Todesangst, Lady Margarethe, gegen welche er eine angeborne Ehrfurcht hegte, möchte seine Gegenwart entdecken und ihn selbst mit jenen bittern Vorwürfen überhäufen, die sie über seine Mutter ausschüttete. Sobald er sie aber weit genug entfernt glaubte, sprang er in seinem Neste in die Höhe.

»Daß Euch der Kuckuk, wenn ich so sagen darf,« schrie er seine Mutter an, »was Ihr ein langzüngiges, geschwätziges Weib seid, wie Euch mein Vater, der's redlich meinte, immer genannt hat. Konntet Ihr nicht die gnädige Frau mit Eurem Whiggeschwätz ungeschoren lassen? Und ich war auch ein rechter Narr, auf Euer Geschwätz hin mich zwischen die Laken zu legen wie ein Igel, statt auf die Waffenschau zu gehen wie andere Leute. Aber ich habe Euch einen Streich gespielt und bin zum Fenster hinaus gesprungen, als Ihr Euren alten Rücken gedreht habt, und bin hinunter gewesen zu dem Vogelschießen und habe mit zweien um den Preis geschossen. Wegen Eures Geschwätzes hab ich die Lady betrogen, aber mein Mädchen wollt ich nicht betrügen. Jetzt mag sie aber heirathen, wen sie will; denn mit mir ists aus. Das ist ein schlimmerer Spektakel, als der mit Gudyill, wo Ihr mir verboten hattet, Rosinenbrei zu essen am Weihnachtsabend, als ob es Gott und den Menschen nicht einerlei wäre, ob ein Ackerknecht Pasteten schluckt oder saure Milch.«

»Schweig doch, Kind, schweig,« erwiderte Mause; »Du verstehst das nicht; das war ein verbotenes Gericht, das nur für Fasten und Festtage bestimmt war, welche protestantische Christen nicht halten dürfen.«

»Und jetzt,« fuhr der Sohn fort, »habt Ihr uns die Gnädige selbst auf den Hals gebracht. – Hätte ich nur einen anständigen Rock erwischt, ich wäre aus dem Bett gesprungen und hätte ihr gesagt, ich wolle reiten, wohin sie verlange, bei Tag und Nacht, wenn sie uns das Haus miethfrei und den Garten überläßt, in dem der beste Kohl der ganzen Gegend wächst und das Gras für die Kuh.«

»O weh! mein lieber Sohn Cuddie,« fuhr die Alte fort, »murre nicht über die Schickung und weigere Dich nicht, für die gute Sache zu leiden.«

»Was weiß ich, ob die Sache gut oder schlimm ist, Mutter,« entgegnete Cuddie, »wenn Ihr auch noch so viel Gelehrsamkeit darüber auskramt. Das geht über meinen Verstand. Ich sehe keinen so großen Unterschied zwischen den beiden Wegen, wie die Leute behaupten. Freilich lesen die Pfarrer immer dieselben Worte wieder, und wenn es rechte Worte sind, warum sollten sie es nicht thun? Eine gute Erzählung hört man gern zweimal, und man versteht sie desto besser, glaub ich. Nicht jeder ist so scharf im Begreifen, wie Ihr, Mutter.«

»O mein lieber Cuddie, das ist das allerschlimmste!« sagte die bedrängte Mutter. – »O, wie oft hab ich Dir den Unterschied gezeigt zwischen der reinen evangelischen Lehre und der, welche verderbt worden von Menschensatzung! O, mein Kind, wenn auch nicht um Deiner Seele willen, doch um meiner greisen Haare – –«

»Nun, Mutter,« unterbrach sie Cuddie, »warum müßt Ihr so viel Lärm darum machen? Ich hab immer gethan, was Ihr mich geheißen, und bin immer Sonntags in die Kirche gegangen, wohin Ihr wolltet, und habe genug geschafft für Euch alle Tage. Und das quält mich am meisten, wenn ich denke, wie ich Euch jetzt erhalten soll in diesen theuern Zeiten. Ich weiß nicht, ob ich anderswo pflügen kann, wenigstens hab ichs noch auf keinem andern Grunde probirt, und es würde mir nicht so bequem sein. Und kein benachbarter Gutsbesitzer wird es wagen, uns aufzunehmen, nachdem wir als Nonconformisten vertrieben sind.«

»Nonconformisten, Kind,« seufzte Mause, »das ist ja der Name, den uns die Weltlichen geben.«

»Nun, nun, wir werden wohl in eine weit entlegene Gegend ziehen müssen, vielleicht zwölf oder fünfzehn Meilen weit. Ich könnte wohl auch Dragoner werden, denn ich kann reiten und mit dem Säbel ein wenig fechten, aber da werdet Ihr mir wieder vorheulen von Eurem Segen und Euren grauen Haaren.« – Hier wurde Mauses Geschrei stärker. – »Nun, nun, ich sprach nur so davon. Seid Ihr doch schon zu alt, um mit Ebbie Dumblane, der Corporalsfrau, auf dem Bagagewagen zu sitzen. Ich kann also nicht wissen, was aus uns werden soll. Ich werde am Ende noch in die Berge müssen zu den wilden Whigs, wie man sie nennt, und dann werde ich todtgeschossen wie eine wilde Katze im Graben, oder man schickt mich zum Himmel mit einer hänfenen Halskrause.«

»O mein lieber Cuddie,« sagte die eifrige Mutter, »laß ab von solchen fleischlichen, selbstsüchtigen Reden, das ist Zweifel an der Vorsehung. Ich habe noch nie gesehen, daß der Sohn des Gerechten sein Brod erbetteln muß, sagt die Schrift, und Dein Vater war ein sanfter frommer Mann, obwohl etwas weltlich in seinem Treiben und auf irdische Dinge allzusehr bedacht wie Du, mein Kind.«

»Nun,« sagte Cuddie nach kurzem Nachdenken, »ich sehe nur einen Weg und da ist auch nicht viel zu holen. Ihr habt gewiß so etwas gemerkt von einer Zuneigung zwischen Fräulein Editha und dem jungen Herrn Heinrich Morton, sollte eigentlich der junge Milnwood heißen. Da hab ich denn zuweilen ein Buch oder ein Brieflein hin- und hergetragen und mich gestellt, als wüßte ich nicht, woher es käme, obgleich ich es ganz gut wußte. Manchmal ists recht gut, wenn man dumm darein sieht, und ich habe sie auch oft zusammen spazieren gehen sehen auf dem schmalen Wege beim Dingelholzbrunnen, aber keine Seele hat je ein Wörtchen von mir gehört. Ich weiß, ich bin etwas dumm, aber rechtschaffen bin ich wie unser alter Vorspannochse, der arme Bursch, den ich jetzt nicht mehr anschirren soll. Ich hoffe, daß mein Nachfolger ihn eben so gut behandeln wird wie ich. Aber, was ich doch sagen wollte: Wir wollen nach Milnwood hinüber und dem jungen Herrn Heinrich unsere Noth mittheilen. Sie brauchen einen Ackerknecht und der Boden dort ist ungefähr wie der unsere. Gewiß wird sich der junge Herr Heinrich meiner annehmen, denn er ist ein gutmüthiger Herr. Freilich wirds wenig Lohn setzen, denn der Oheim, der alte Niggie Milnwood, hat eine dürre Hand wie der Teufel. Aber ein Stückchen Brod werden wir schon verdienen und eine Schüssel Kohl und Herd und Dach, und vor der Hand ist das genug. Packt also zusammen, Mutter, und bringt alles in Ordnung zum Fortziehn, da es einmal sein muß. Ich möchte nicht warten, bis Herr Harrison und der alte Gudyill kommen, um uns bei den Ohren zur Thür hinaus zu zerren.«

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