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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 7
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel V

Gleich einem Blatt aus einem Trauerspiel,
Erzählt die Stirne dieses Mannes Thaten
Von tragischer Natur.

Shakespeare.

Als Morton die Haushälterin los war, raffte er den Rest des ihm vorgesetzten Mahls zusammen, um ihn seinem versteckten Freunde zu bringen. Er hielt es nicht für nöthig, ein Licht mitzunehmen, da er den Weg genau kannte, und das war zu seinem Glücke. Denn kaum hatte er den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ein dumpfes Pferdegestampfe ihm ankündigte, daß der Reitertrupp, dessen Pauken er vorhin gehört, die Straße daher ziehe, die sich um den Fuß des Hügels windet, auf dem das Haus stand. Er hörte den kommandirenden Offizier deutlich »Halt!« rufen. Dann folgte eine Pause, die nur dann und wann durch das Wiehern oder Stampfen der ungeduldigen Rosse unterbrochen ward.

»Wem gehört das Haus?« fragte jemand in gebieterischem Ton.

»Milnwood, Ew. Edeln,« war die Antwort.

»Gehört der Besitzer zu den Gutgesinnten?« war die zweite Frage.

»Er gehorcht den Befehlen der Regierung und besucht die Predigten eines Indulgenz-Geistlichen,« war die Antwort.

»Hm! geduldet? – eine bloße Maske für Verrath, die man denjenigen gestattet, welche zu feige sind, mit offener Stirne ihre Grundsätze zu zeigen. – Sollten wir nicht eine Abtheilung zur Untersuchung des Hauses hineinschicken? Vielleicht, daß so ein Bluthund, der bei der letzten Schlächterei betheiligt war, darin verborgen ist.«

Ehe Morton seine Unruhe über diesen Vorschlag beschwichtigte, erwiderte ein dritter: »Ich halte dies durchaus nicht für nöthig, Milnwood ist ein alter hypochondrischer Mann, der sich nie mit Politik abgibt und auf der Welt weiter nichts liebt als seine Wechsel und Geldsäcke. Wie ich höre, war sein Neffe heute bei der Waffenschau und wurde Papageienhauptmann, er ist also gewiß kein Fanatiker. Die Leute sind auf alle Fälle schon zu Bette, und Lärm in so später Nacht könnte den Alten leicht tödten.«

»Gut,« erwiderte der Anführer, »wenn dem so ist, so hieße es die kostbare Zeit verlieren, wenn wir das Haus durchsuchten. Meine Herren von der Leibgarde, marsch!«

Ein paar Trompetenstöße und gelegentliche Paukenschläge, Pferdetrappeln, verbunden mit Waffengeklirr, verkündeten den Abzug der Truppe. Der Mond trat eben vor, als die ersten Glieder der Colonne einen Hügel erreichten, an dem sich der Weg hinaufwand, und ließ im Dämmerlichte die glitzernden Stahlhauben erkennen, die Umrisse der Pferde und Reiter waren nur undeutlich wahrzunehmen. Sie zogen über den Gipfel des Hügels weiter und man konnte nun erkennen, daß ihrer eine beträchtliche Anzahl war. Nachdem der letzte verschwunden war, nahm der junge Morton den Entschluß wieder auf, seinen Gast zu besuchen. Als er dessen Zufluchtsort betrat, fand er ihn auf seinem niedern Lager, mit einer Taschenbibel in der Hand, in welcher er mit tiefem Nachdenken zu lesen schien. Sein Schwert lag entblößt auf seinen Knieen, denn er hatte es beim ersten Lärmen der herannahenden Dragoner aus der Scheide gezogen, neben ihm aber stand auf einer alten Kiste, die den Dienst eines Tisches versah, ein kleines Licht und warf einen unsichern Schein auf die harten und rauhen Züge, deren Wildheit durch einen Anflug tragischer Begeisterung zum feierlichen und würdevollen Ausdruck gemildert wurde. Seine Stirn zeigte, daß ein gewaltiges Vorhaben alle Leidenschaften und Gefühle sich untergeordnet hatte, wie bei einer hohen Flut alle sonst bemerkbaren Klippen dem Auge entschwinden und ihr Dasein nur durch den dampfenden Gischt der Wellen, die sich an ihnen brechen und über sie hinfluten, kund wird. Nachdem Morton ihn einige Augenblicke betrachtet hatte, richtete er sein Haupt empor.

»Ich sehe,« sprach Morton, als er den Säbel erblickte, »daß Ihr die vorbeiziehenden Reiter gehört habt, ihr Durchmarsch hat mich einige Minuten aufgehalten.«

»Ich beachtete sie kaum,« sagte Balfour; »meine Stunde ist noch nicht gekommen. Daß ich eines Tages in ihre Hände falle und aufgenommen werde unter die Heiligen, die von ihnen hingeschlachtet wurden, weiß ich recht gut. Ich wollte, junger Mann, daß diese Stunde schon da wäre; mir wäre sie so willkommen, wie dem Bräutigam die Vermählung. Aber wenn mein Meister noch mehr Arbeit hienieden für mich hat, so muß ich mein Werk mit Freuden und ohne zu murren vollbringen.«

»Eßt und erfrischt Euch,« sagte Morton, »Eure Sicherheit erheischt, daß Ihr morgen diesen Ort verlasset, um die Berge zu erreichen, sobald es hell genug ist, die Pfade durch die Moore zu finden.«

»Junger Mann,« entgegnete Balfour, »ich bin Euch schon lästig, und vielleicht wäre ich es Euch noch mehr, kenntet Ihr das Geschäft, zu welchem ich kürzlich gebraucht wurde. Daß es so ist, nimmt mich nicht Wunder, denn manchmal bin ich selbst meiner überdrüssig. Scheint es Euch nicht eine herbe Prüfung für Fleisch und Blut, aufgerufen zu werden zur Vollstreckung der gerechten Urtheile des Himmels, so lange wir selbst noch im Fleische wandeln und jenes blinde Mitgefühl für fleischliche Schmerzen behalten, daß unser eigenes Fleisch erzittert, wenn wir einen Streich auf den Leib eines andern führen? Und glaubt Ihr, wenn irgend ein Haupttyrann von seiner Stelle entfernt wurde, daß die Werkzeuge seiner Bestrafung auf ihren Antheil an dessen Sturz stets mit festen und unerschütterten Nerven zurückschauen können? Müssen sie nicht bisweilen die Wahrheit jener Offenbarung in Zweifel ziehen, deren Einfluß sie gefühlt und nach der sie gehandelt haben?«

»Dies sind Dinge, Herr Balfour, über welche ich mit Euch nicht sprechen kann,« antwortete Morton; »aber ich gestehe, ich würde an dem Ursprung einer Offenbarung zweifeln, welche mir ein Betragen vorschriebe, das mit jenen Gefühlen natürlicher Nächstenliebe im Widerspruch stände, die uns Gott als allgemeines Gesetz vorgezeichnet.«

Balfour schien etwas verlegen, richtete sich aber plötzlich empor, faßte sich schnell und entgegnete kalt: »Es ist natürlich, daß Ihr so denkt, Ihr seid noch im Kerker des Gesetzes, eine noch dunklere Grube als die, in welche Jeremias gestürzt wurde, dunkler sogar als das Gefängniß Malcajahs, des Sohnes Hamelmelechs, in welchem nur Schlamm und kein Wasser war. Dennoch aber ist das Siegel des Glaubensbundes an Eurer Stirne, und der Sohn des Gerechten, der dem Blutvergießen widerstand, wo das Banner auf den Bergen sich entfaltete, soll nicht wie ein Kind der Finsterniß verloren sein. Glaubt Ihr denn, daß in diesen Tagen der Bitterniß und des Jammers von uns nichts geheischt wird, als das moralische Gesetz zu halten, soweit es unsere fleischliche Schwäche gestattet? Glaubt Ihr, daß wir nur unseren verderbten Leidenschaften und niederen Begierden obsiegen müssen? Nein, wenn wir unsere Lenden gegürtet, so sind wir berufen, kühn in den Streit zu stürmen, und wenn wir das Schwert gezückt, müssen wir die Gottlosen schlagen, auch wenn sie unsere Nachbarn sind, und den Mann der Macht und der Grausamkeit, wäre er auch unser Verwandter und Busenfreund.«

»Das sind die Gesinnungen,« sprach Morton, »die Eure Feinde Euch vorwerfen, und welche die grausamen Mittel, die der Staatsrath gegen Euch ergriffen, wo nicht entschuldigen, so doch erklärlich machen. Sie bestätigen, daß Ihr Euch bei Euren Handlungen auf ein inneres Licht beruft, daß Ihr die Schranken der rechtmäßigen Obrigkeit, der Nationalgesetze, ja sogar die der Menschlichkeit verwerft, wenn sie mit dem in Widerspruch stehen, was Ihr Euern innern Geist nennt.«

»Sie thun uns Unrecht,« antwortete der Covenanter, »gerade sie, die Meineidigen, sind es, welche göttliche und menschliche Gesetze verworfen haben, und die uns nun verfolgen wegen der Anhänglichkeit an den feierlichen Bund und Vertrag zwischen Gott und dem Königreich Schottland, den sie alle, ausgenommen einige papistische Uebelgesinnte, früher beschworen haben, und dessen Urkunden sie jetzt auf den Marktplätzen verbrennen und hohnlachend mit Füßen treten. Als Karl Stuart in diese Königreiche zurückkehrte, waren es die Uebelgesinnten, die ihn zurückbrachten? Mit starker Hand haben sie es versucht; aber wahrlich! es ist ihnen mißlungen. Konnten James Graham von Montrose und seine hochländischen Viehräuber ihn wieder auf den Stuhl seines Vaters setzen? Ihre Köpfe auf dem Edinburger Westthore haben, dächte ich, manchen langen Tag etwas ganz anderes erzählt. Die Meister des glorreichen Werk's waren es, die Wiederhersteller der Glorie der Stiftshütte, die ihn wieder auf den erhabenen Sessel gerufen, von welchem sein Vater herabgefallen. Und was war unser Lohn? In den Worten des Propheten: »Wir sahen uns um nach Frieden, aber es kam nichts Gutes; nach einer Zeit der Gesundheit, und wir erblickten nur Zerstörung. – Das Schnauben der Rosse ward gehört von Dan; das ganze Land zitterte bei dem Tone des Wieherns seiner Stuten, denn sie sind gekommen und haben verschlungen das Land und alles, was darinnen ist.«

»Herr Balfour,« antwortete Morton, »ich will Eure Klagen gegen die Regierung weder billigen noch verdammen. Ich habe mich bemüht, dem Waffenbruder meines Vaters eine Schuld abzutragen, indem ich Euch ein Obdach in Eurer Noth verschaffte, aber Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich mich weder in Eure Sache noch in Eure Zwistigkeiten einlasse. Ich will Euch nun der Ruhe überlassen und wünsche von Herzen, im Stande zu sein, Eure Lage erträglicher zu machen.«

»Aber ich glaube, daß ich Euch noch morgen vor meiner Abreise sehe. – Ich bin kein Mann, dessen Inneres nach Verwandten und Freunden dieser Welt schmachtet. Als ich meine Hand an den Pflug legte, da schloß ich einen Bund mit meinen weltlichen Neigungen, daß ich nicht mehr zurückblicken würde auf Dinge, die ich hinter mir gelassen. Doch der Sohn meines alten Waffengefährten gilt mir als der meinige, und ich kann ihm nicht ins Antlitz schauen ohne die tiefe und feste Ueberzeugung, daß ich eines Tages noch sehe, wie er sein Schwert umgürtet für die theure und kostbare Sache, für die sein Vater focht und blutete.«

Mit dem Versprechen, daß er den Flüchtling besuchen werde, wenn es Zeit für ihn sei, die Reise fortzusetzen, schied Morton von ihm. Er begab sich auf einige Stunden zur Ruhe, aber seine durch die Begebenheiten des Tages aufgeregte Phantasie gestattete ihm keinen tiefen Schlummer. Ein schreckliches Traumgesicht stieg vor ihm auf, in welchem sein neuer Freund eine Hauptrolle zu spielen schien. Auch die schöne Gestalt der Editha Bellenden mischte sich in diesen Traum, weinend und mit aufgelösten Locken schien sie ihn um Hilfe und Beistand anzuflehen, die er zu verleihen nicht im Stande war. In fieberischer Aufregung erwachte er aus diesem unerquicklichen Schlummer und sein Herz ahnte Unheil. Auf den Gipfeln der fernen Berge lag schon die blendende Röthe und breitete sich in erfrischender Kühle über die Natur.

»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte er zu sich selbst, »und muß mich jetzt beeilen, die Reise dieses unglücklichen Flüchtlings zu fördern.«

Rasch kleidete er sich an, öffnete leise die Thür und eilte an den Zufluchtsort des Covenanters. Morton trat auf den Zehen ein, denn sowohl die Entschiedenheit dieses seltsamen Menschen in Ton und Benehmen, als auch dessen ungewöhnliche Sprache und Denkart hatten ihm ein Gefühl eingeflößt, das fast an Furcht grenzte. Balfour schlief noch. Ein Lichtstrahl fiel auf sein einfaches Lager und zeigte Morton die Bewegungen der harten Züge, welche durch irgend eine tiefe innere Unruhe aufgeregt schienen. Er hatte die Kleider nicht abgelegt. Seine beiden Arme lagen auf der Decke, die Rechte war fest zusammengeballt und versuchte zuweilen ohnmächtige Streiche zu führen, die Linke war ausgestreckt und bewegte sich von Zeit zu Zeit, als wollte sie etwas zurückstoßen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn wie Luftblasen eines erregten Stromes, und diese Zeichen der Aufregung wurden von abgebrochenen Worten begleitet, die ihm von Zeit zu Zeit entfuhren. »Du bist gefangen, Judas, Du bist gefangen, umklammere nicht meine Kniee, haut ihn nieder! – Einen Priester? – Ja, einen Baalspriester, der gebunden und erschlagen werden soll am Bache Kison. – Feuerwaffen helfen nichts gegen ihn. – Schlagt zu, stoßt mit dem kalten Eisen zu, laßt ihn nicht lange dulden, laßt ihn nicht lange dulden, wäre es auch nur seiner grauen Haare wegen.«

Sehr beunruhigt über die Bedeutung dieser Ausdrücke, die sogar im Schlafe mit der Anstrengung ausgestoßen wurden, welche die Vollziehung einer Gewaltthat begleitet, schüttelte Morton seinen Gast an der Schulter, um ihn aufzuwecken. Seine ersten Worte waren: »Bringt mich, wohin Ihr wollt, ich will alles gestehen.«

Als ein Blick in die Runde ihn völlig munter gemacht, nahm er plötzlich seine finstere Ruhe wieder an, warf sich, ehe er mit Morton sprach, auf die Kniee, betete laut und heftig für die leidende Kirche Schottlands und flehte, daß das Blut ihrer gemordeten Heiligen und Märtyrer theuer sein möge in den Augen des Himmels, und daß der Schild des Allmächtigen bedecken möge den zerstreuten Ueberrest, der um seines Namens willen in der Wüste wohne. Rache, schnelle und volle Rache an den Unterdrückern war der Schluß seines brünstigen Gebetes, das er laut und mit begeistertem Nachdruck sprach, und das noch ausdrucksvoller wurde durch den orientalischen Bibelstil, in dem es gehalten war.

Nach vollendetem Gebet stand er auf, nahm Morton beim Arm, und sie gingen hinab nach dem Stalle, wo der »Wanderer« – so nannte man häufig Burleys Secte – sein Pferd zur Fortsetzung der Reise sattelte. Als das Thier gezäumt war, bat er Morton, einen Flintenschuß weit mit ihm in den Wald zu gehen und ihm den rechten Weg nach den Mooren zu zeigen. Morton sagte bereitwillig zu, und sie gingen einige Zeit unter dem Schatten schöner alter Bäume dahin. Der Pfad, den sie eingeschlagen, lief ungefähr eine halbe Meile durch Waldung und führte dann in die wüste wilde Gegend, die sich bis an den Fuß der Berge erstreckt. Beide schwiegen. Endlich fragte Burley plötzlich seinen Begleiter, ob die Worte, die er gestern Abend gesprochen, Früchte getragen in seinem Gemüthe?

Morton antwortete, er beharre bei derselben Meinung, die er früher gehegt, und sei entschlossen, so lange wie möglich die Pflichten eines guten Christen mit denen eines friedlichen Unterthanen zu vereinigen.

»Mit andern Worten,« erwiderte Burley, »Ihr wollt Gott und dem Mammon dienen, an einem Tage die Wahrheit mit Euren Lippen bekennen, und am andern Tage, auf Befehl der fleischlichen und tyrannischen Obergewalt bewaffnet, das Blut derer vergießen, die um der Wahrheit willen alles verlassen. Glaubt Ihr,« fuhr er fort, »Pech anrühren zu können und unbesudelt zu bleiben? Euch in die Reihen der Uebelgesinnten, der Papisten, der Papaprälatisten, der Gleichgültigen und Spötter zu mischen, an ihren Belustigungen Theil zu nehmen, die den Götzenmahlen gleichen, vielleicht mit ihren Töchtern Umgang zu pflegen, wie die Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschenkinder vor der Sündfluth, glaubt ihr, sag ich, dies alles zu thun und frei zu bleiben von Verunreinigung? Wahrlich, ich sage Euch, daß alle Gemeinschaft mit den Feinden der Kirche ein verfluchtes Ding ist und bei Gott verhaßt. Berührt nichts, kostet nichts, habt nichts gemein mit ihnen. Und härmt Euch nicht, junger Mann, als ob Ihr allein berufen wäret, Eure fleischlichen Begierden zu unterdrücken und den Vergnügungen zu entsagen, die ein Fallstrick Eurer Füße sind, ich sage Euch, der Sohn Davids hat dem ganzen Geschlechte der Menschen kein besseres Loos verkündet.«

Dann bestieg er sein Roß, und zu Morton gewendet wiederholte er den Text der Schrift: »Ein schweres Joch wurde den Söhnen Adams bestimmt von dem Tage an, da sie hervorgingen aus ihrer Mutter Leibe, bis zu dem Tage, wo sie zurückkehren zur Mutter aller Dinge; von dem an, der gekleidet ist in blaue Seide und eine Krone trägt, bis zu dem, den einfaches Linnen bedeckt, – Zorn, Neid, Besorgniß und Unruhe, Strenge, Kampf und Todesfurcht in den Zeiten der Ruhe.«

Nach diesen Worten spornte er sein Pferd und war bald unter dem Schatten des Waldes verschwunden.

»Nun, Gott sei mit Dir, finsterer Schwärmer,« sagte Morton, ihm nachblickend; »wie gefährlich wäre mir die Gesellschaft dieses Mannes in mancher Gemüthsstimmung! Wenn mich auch sein Eifer für abstrakte Glaubenslehren, oder vielmehr für eine eigenthümliche Art Gottesverehrung unbewegt läßt,« dachte er, »kann ich als Mensch und Schotte gleichgültig auf diese Verfolgung blicken, die bereits weise Männer toll gemacht hat? War es nicht die Sache der bürgerlichen und religiösen Freiheit, für die mein Vater focht? Und ich sollte unthätig bleiben oder Partei ergreifen für eine tyrannische Regierung, wenn sich irgend eine vernünftige Aussicht darbietet, den unerträglichen Jammer abzuwenden, dem meine unglücklichen Landsleute ausgesetzt sind? Und doch, wer gibt mir die Versicherung, ob nicht diese Leute, durch Verfolgung erbittert, im Siege ebenso grausam und unduldsam werden wie die, von denen sie jetzt gleich den Thieren des Waldes gejagt sind? Welche Mäßigung, welches Erbarmen läßt sich von diesem Burley, einem ihrer Hauptkämpfer erwarten, dem noch jetzt der Dunst einer kürzlich begangenen Blutthat anhängt, und der Gewissensbisse zu fühlen scheint, die selbst seine Schwärmerei nicht ganz zu unterdrücken vermag? Ich bin es müde, nur Raserei und Gewaltthat um mich zu sehen, – bald unter der Maske gesetzmäßiger Macht, bald unter der Hülle des Religionseifers. Ich bin meines Vaterlandes überdrüssig, meiner selbst, meiner abhängigen Lage, meiner unterdrückten Gefühle, dieser Wälder, dieses Flusses, dieses Hauses, alles, alles, nur Edithas nicht, und sie kann nie die meine werden! Warum soll ich ihren Gängen nachschleichen? – Warum meine eigene Täuschung und vielleicht auch die ihrige hegen und pflegen? – Sie kann nie die meine werden. Ihrer Großmutter Stolz, die entgegengesetzten Grundsätze unserer Familien, meine unglückliche Abhängigkeit, ein armer elender Sklave, denn ich habe nicht einmal den Lohn eines Knechtes, alle diese Umstände vernichten die thörichte Hoffnung, daß wir je vereinigt werden könnten. Warum also eine so schmerzliche Täuschung verlängern?«

»Aber ich bin kein Sklave,« sprach er laut und richtete sich in seiner vollen Länge auf, »kein Sklave, in einer Hinsicht gewiß nicht. Ich kann meinen Aufenthalt ändern, meines Vaters Schwert ist mein, und Europa liegt offen vor mir, wie es vor ihm und hundert andern meiner Landsleute, die es mit dem Rufe ihrer Heldenthaten erfüllen, offen lag. Ein glücklicher Zufall erhebt mich vielleicht auf eine Stufe mit unsern Ruthwins, unsern Lesleys, unsern Monroes, den auserwählten Feldherren Gustav Adolfs, des berühmten protestantischen Glaubenskämpfers, und wenn nicht, so bleibt mir eines Soldaten Leben, eines Soldaten Grab.«

Als er diesen Entschluß gefaßt, stand er vor dem Hause seines Oheims und beschloß keine Zeit zu verlieren, ihn mit demselben bekannt zu machen.

»Noch ein Blick aus Edithas Auge, noch ein Schritt an Edithas Seite, und mein Entschluß würde hinwegschmelzen. Ich will einen unwiderruflichen Schritt thun und dann sie zum letzten Male sehen.«

In dieser Stimmung trat er in das getäfelte Wohnzimmer, in welchem sein Oheim bereits beim Frühstücke saß, d. h. vor einer ungeheuren Schüssel mit Haferbrei und einer entsprechenden Portion Buttermilch. Die begünstigte Haushälterin wartete auf, halb stehend, halb auf einer Stuhllehne ruhend, in einer Stellung zwischen Freiheit und Achtung. Der alte Herr war in früheren Jahren ziemlich schlank, ein Vortheil, den er durch einen gekrümmten Rücken so sehr verloren, daß einst in einer Versammlung, wo man über den Bogen einer Brücke stritt, die über einen beträchtlichen Fluß geschlagen werden sollte, ein spaßhafter Nachbar vorschlug, dem Milnwood eine hübsche Summe für sein krummes Rückgrat zu geben, wobei er geltend machte, daß er ja doch alles verkaufe, was ihm gehöre. Schiefe Beine von ungewöhnlicher Größe, lange dürre Hände, ein runzeliges faltiges Gesicht, dessen Länge mit seiner übrigen Statur übereinstimmte, ein Paar kleine, durchdringende, gewinngierige graue Augen vollendeten das höchst unvortheilhafte Aeußere des Herrn Morton von Milnwood. Da es sehr unvernünftig gewesen wäre, eine menschenfreundliche, wohlwollende Gesinnung in solcher Wohnung zu beherbergen, so hatte die Natur seine Gestalt auch mit einer ihr vollkommen entsprechenden, d. h. mit einer niedrigen, selbstsüchtigen Seele ausgestattet.

Als dieser liebenswürdige Mann seinen Neffen gewahrte, verschluckte er erst, ohne ihn anzureden, einen Löffel Haferbrei, den er eben zum Munde führte, und da derselbe noch sehr heiß war, so vermehrte der Schmerz beim Hinabgleiten durch die Kehle in den Magen die üble Laune, mit welcher er den Neffen zu empfangen gedachte.

»Der Teufel hole den, welcher den Brei gekocht!« war der Ausruf, mit dem er den Haferbrei begrüßte.

»Der Brei ist doch gut,« sagte Frau Alison, »wenn Sie sich nur Zeit beim Essen nehmen wollten. Ich hab ihn selbst gekocht, aber wenn die Leute keine Geduld mehr haben, sollten sie ihre Kehle pflastern lassen.«

»Halten Sie den Mund, Alison, ich spreche mit meinem Neffen. – Was ist das, junger Herr? Auf welchen unordentlichen Wegen gehst Du? Gestern erst um Mitternacht nach Hause gekommen?

»So um Mitternacht herum, glaub ich,« antwortete Morton.

»So um Mitternacht herum, was ist das für eine Antwort, Mensch? Warum kamst Du nicht heim, als andere Leute weggingen?«

»Ich glaube, Sie wissen die Ursache recht gut, Onkel,« sagte Morton. »Ich hatte das Glück, der beste Schütze des Tages zu sein, und blieb, nach hergebrachter Weise, um die andern jungen Leute ein wenig zu bewirthen.«

»Das dank Dir der Teufel, Mensch! Und das sagst Du mir noch ins Gesicht? Du unterstehst Dich, Leute zu bewirthen, und kannst selbst zu keinem Mittagsessen kommen, außer wenn Du einem wirthlichen Manne wie mir auf dem Halse liegst. Soll ich es bezahlen, so mußt Du auch dafür arbeiten. Ich sehe nicht ein, warum Du nicht den Pflug führen sollst, jetzt, da uns unser Ackerknecht verlassen hat, es würde Dir besser anstehen als Dein grüner Rock, und daß Du Dein Geld in Pulver und Blei verzettelst, das wäre ein rechtschaffener Beruf und brächte Dich zu Brod, ohne daß Du jemand zur Last fielest.«

»Ich bin sehr begierig, einen solchen Beruf zu ergreifen, Onkel, aber ich verstehe mich nicht darauf, den Pflug zu führen.«

»Und warum nicht? Es ist leichter als schießen und mit Armbrüsten umzugehen, was doch Deine Leidenschaft ist. Der David ist jetzt dabei. Die ersten zwei oder drei Tage kannst Du den Ochsentreiber machen, aber sieh zu, daß Du das Vieh nicht übertreibst, und dann kannst Du selbst an den Pflug. Auf dem Haggieholm ist ein schweres Land, und David ist zu alt, um noch die Pflugschaar eindrücken zu können wie vormals.«

»Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Onkel; aber ich habe mir selbst einen Plan entworfen, der Sie von mir befreit.«

»So, wirklich? Ein Plan von Dir? Das wird etwas Rechtes sein!« sagte der Oheim mit dem ihm eigenen Hohne. »Laß doch hören, Bürschchen!«

»Es ist mit zwei Worten gesagt, Onkel. Ich beabsichtige das Land zu verlassen und in fremde Dienste zu treten, wie mein Vater gethan hat, ehe diese unglücklichen Unruhen in der Heimath ausbrachen. Sein Name wird in den Ländern, wo er diente, nicht so ganz vergessen sein, daß er nicht seinem Sohne wenigstens die Gelegenheit verschaffen sollte, als Soldat sein Glück zu versuchen.«

»Daß sich Gott erbarme!« rief die Haushälterin. »Unser junger Herr Heinrich will in die Fremde? Nein, nein, nein, das darf nimmermehr geschehen!«

Milnwood, der nicht die geringste Absicht hatte, sich von seinem Neffen zu trennen, der ihm in vielen Beziehungen nützliche Dienste leistete, war wie vom Donner gerührt, als er diese plötzliche Unabhängigkeitserklärung eines Menschen vernahm, dessen Unterwürfigkeit gegen ihn bisher unbegrenzt war. Er besann sich sofort wieder.

»Und wer wird Dir, junger Mann, die Mittel geben zu einem solchen Abenteuer? – Ich gewiß nicht! Ich kann mich selbst kaum erhalten. Und wahrscheinlich willst Du auch heirathen wie Dein Vater und Deinem Oheim ein Pack kleiner Kinder heimschicken, daß sie in meinen alten Tagen in meinem Hause toben und sich balgen und davon fliegen wie Du selbst, wenn man von ihnen verlangt, daß sie etwas thun und sich nützlich machen sollen?«

»Ich denke nicht daran, mich zu verheirathen,« antwortete Heinrich.

»Hört doch einmal an!« sagte die Haushälterin. »Eine Schande ists, ein hübsches junges Blut so reden zu hören, da alle Welt weiß, daß sie entweder heirathen, oder was Schlimmeres thun müssen.«

»Schweigen Sie, Alison,« sagte ihr Herr. »Und Du, Heinrich,« fügte er in einem sanfteren Tone hinzu, »vergiß diesen Unsinn – das kommt daher, daß Du einen Tag lang Soldat gespielt hast, merke Dir, daß Du zu solchen unsinnigen Plänen kein Geld hast.«

»Ich bitte um Verzeihung, Onkel, meine Bedürfnisse sind sehr gering, und wenn Sie mir nur die goldene Kette geben wollten, die der Markgraf meinem Vater nach der Schlacht bei Lützen umhing –«

»Der Himmel sei uns gnädig! Die goldene Kette!« rief der Oheim.

»Die goldene Kette!« wiederholte die Haushälterin, beide erstaunt über die Keckheit einer solchen Forderung.

»Ich will einige Glieder davon aufbewahren,« fuhr Morton fort, »um mich an den zu erinnern, der sie gewann, und an den Ort, wo sie gewonnen wurde. Das Uebrige soll mir die Mittel bieten, derselben Bahn zu folgen, auf der mein Vater jenen Beweis der Auszeichnung erhielt.«

»Ihr himmlischen Mächte! Mein Herr trägt sie jeden Sonntag,« rief die alte Haushälterin.

»Sonntag und Samstag,« fügte der alte Milnwood hinzu, »so oft ich meinen schwarzen Sammetrock anziehe, und Wylie Mactrickit ist zum Theil der Meinung, es sei eine Art Erbstück, das eher dem Haupt des Hauses, als dem unmittelbaren Nachkommen zusteht. Sie hat dreitausend Glieder, ich hab sie an die tausend Male gezählt. Sie ist dreihundert Pfund Sterling werth.«

»Das ist mehr als ich brauche, Onkel; wenn Sie mir den dritten Theil des Geldes und fünf Glieder der Kette geben, so ist dies für mich hinreichend, und das Uebrige wird ein kleiner Ersatz sein für die Unkosten und die Unruhe, die ich Ihnen verursachte.«

»Der Junge ist närrisch!« rief der Oheim. »Ach Gott, was soll denn aus dem Gute werden, wenn ich einmal dahin bin? Der würfe die Krone von Schottland hinweg, wenn er sie hätte.«

»Still nur,« sagte die alte Haushälterin, »ich muß sagen, zum Theil sind Sie selbst schuld daran. Sie müssen ihn auch nicht zu sehr unterdrücken, und da er doch einmal ins Wirthshaus gegangen, sollten Sie auch billig die Zeche bezahlen.«

»Wenns nicht über zwei Thaler ist, Alison,« sagte der Oheim mit großem Widerstreben.

»Ich will es selbst mit Niel Blane abmachen, sobald ich ins Dorf hinabkomme, billiger als Ew. Edeln und Herr Heinrich,« sagte Alison und flüsterte sodann Heinrich zu: »Aergern Sie ihn nicht mehr, ich will das Uebrige aus dem Buttergelde bezahlen, und nun kein Wort mehr darüber.« Dann fuhr sie laut fort: »Und Sie müssen dem jungen Herrn nichts mehr vom Pfluge sprechen; es sind arme unglückliche Whigs genug im Lande, die das für einen Bissen Brod und einen Teller Suppe gern thun – es schickt sich für sie besser als für seines Gleichen.«

»Dann kriegen wir die Dragoner auf den Hals, wenn wir geächteten Rebellen Vorschub leisten und sie in unser Haus aufnehmen,« sagte Milnwood. »Da bringen Sie uns in eine saubere Geschichte! – Aber nimm jetzt Dein Frühstück, Heinrich, lege dann Deinen neuen grünen Rock ab und zieh Deinen grauen Hausrock an. Das ist eine haushälterische Kleidung und paßt für Dich besser als weite Schifferhosen und bunte Bänder daran.«

Morton verließ das Zimmer, überzeugt, daß er jetzt unmöglich seinen Zweck erreichen werde, vielleicht auch nicht ganz unzufrieden über die Hindernisse, die sich seinem Plane, die Nachbarschaft von Tillietudlem zu verlassen, entgegenzustellen schienen. Die Haushälterin folgte ihm in das nächste Zimmer, klopfte ihm auf die Schulter und bat ihn, ein guter Sohn zu sein und seine schönen Kleider abzulegen.

»Ich will Ihnen den Hut herabkrämpen und Bänder und Schleifen aufheben,« sagte die dienstfertige Person, »Sie müssen aber nie wieder davon sprechen, das Land zu verlassen oder die goldene Kette zu verkaufen. Ihr Oheim hat ein besonderes Vergnügen daran, sie anzusehen und die Glieder der Kette zu zählen, und Sie wissen ja, alte Leute können nicht ewig leben, so wird Kette, Gut und alles bald das Ihrige, und dann können Sie eine Dame im Lande heirathen und ein hübsches Haus zu Milnwood halten, denn Mittel sind genug vorhanden; und ist das nicht der Mühe werth, daß man darauf wartet, liebes Herz?«

In dem letzten Theil der Weissagung lag etwas, das in Mortons Ohr so angenehm tönte, daß er der Alten herzlich die Hand schüttelte und ihr versicherte, er sei ihr für den guten Rath sehr verbunden und wolle ihn genau erwägen, bevor er daran ginge, seinen früheren Entschluß auszuführen.

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