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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel IV

Auf, Jüngling, auf! – Dich ruft kein Sterblicher;
Die Kirche Gottes wird berannt; zum Wall!
Hin, wo des rothen Kreuzes Banner flattert!
Glorreiches Sterben oder Sieg dich ruft.

Jacob Duff.

Erst weit von der Stadt fingen Morton und seine Gefährten an zu sprechen. Es lag in dem Wesen des Fremden, wie wir schon bemerkten, etwas Zurückstoßendes, das Morton abhielt, eine Unterhaltung anzuknüpfen; überdies war er selbst nicht zum Reden aufgelegt. Plötzlich aber fragte dieser: »Was hat Eures Vaters Sohn mit solch profanem Mummenschanz zu schaffen, wie der, bei welchem ich Euch heute beschäftigt sah?«

»Ich thue meine Pflicht als Unterthan und gehe meinem harmlosen Vergnügen nach, wie mirs gerade gefällt,« erwiderte Morton, etwas beleidigt.

»Glaubt Ihr, es sei Eure oder irgend eines christlichen Jünglings Pflicht, die Waffen für die zu tragen, welche das Blut der Heiligen Gottes in der Wüste vergossen, als wäre es Wasser? Oder ist es ein erlaubtes Vergnügen, mit dem Zielen nach einem Federbüschel die Zeit zu vergeuden, und den Abend zu beschließen mit Weintrinken in Wirthshäusern und auf Marktplätzen, indeß er, der Allmächtige, ins Land kommt mit der Wurfschaufel, um den Weizen von der Spreu zu sondern?«

»Nach Eurer Rede,« sagte Morton, »seid Ihr einer von denen, die es für löblich halten, sich gegen die Regierung aufzulehnen. Ich muß Euch erinnern, daß Ihr unnöthiger Weise in Gegenwart eines Fremden eine sehr gefährliche Sprache führt, und daß es mir in jetziger Zeit nicht sicher scheint, darauf zu hören.«

»Du kannst es nicht ändern, Heinrich Morton,« sagte sein Begleiter, »Dein Meister bedarf Deiner Hand, und wenn er Dich ruft, mußt Du gehorchen. Wohl weiß ich, Du hast den Ruf eines guten Predigers nicht gehört, sonst wärest Du jetzt schon, was Du sicher einst sein wirst.«

»Wir halten an dem Glauben der Presbyterianer, wie Ihr selbst,« sagte Morton, denn seines Onkels Familie besuchte den Gottesdienst bei einem der vielen presbyterianischen Geistlichen, die von der Regierung die Erlaubniß zum Predigen erhalten hatten, weil sie sich in gewisse Vorschriften fügten.

Diese Indulgenz, wie man es nannte, verursachte unter den Presbyterianern eine große Spaltung; diejenigen nämlich, welche davon Gebrauch machten, wurden von den strengen Anhängern der Secte, die jegliche Bedingung verwarfen, bitter getadelt.

Der Fremde erwiderte demnach auf Mortons Glaubensbekenntniß mit Verachtung: »Das ist eine bloße Doppelzüngigkeit, eine armselige Doppelzüngigkeit. Am Sabbath eine kalte, weltliche Predigt von einem anzuhören, der seinen hohen Apostelberuf so sehr vergißt, daß er ihn von der Gunst der Höflinge und falscher Prälaten annimmt, heißt Ihr das Gottes Wort vernehmen? Von allen Lockspeisen, mit denen der Teufel in diesen blutigen und finstern Tagen nach Seelen gefischt hat, ist diese schwarze Indulgenz die verderblichste gewesen. Das war eine schreckliche Begünstigung, indem sie den Hirten schlägt und die Schafe zerstreut, ein christlich Banner gegen das andere emporhebt und den Kampf der Finsterniß mit den Kindern des Lichts schürt.«

»Mein Oheim,« sagte Morton, »ist der Meinung, daß wir unter der Geistlichkeit, die die Indulgenz anerkennen, uns einer vernünftigen Gewissensfreiheit erfreuen, und ich muß mich nothwendig nach seinen Ansichten richten, was den Ort unseres Gottesdienstes anbelangt.«

»Euer Oheim,« sagte der Reiter, »ist einer von denen, welchen das kleinste Lämmlein in seiner eigenen Hürde zu Milnwood lieber ist als die ganze christliche Heerde. Er ist einer von denen, die sich willig beugen würden vor dem goldenen Kalb von Bethel, und würde nach dem Staub desselben fischen, wenn es zu Pulver gebrannt und ins Wasser geworfen würde. Dein Vater war ein Mann von einem andern Schlage.«

»Mein Vater,« erwiderte Morton, »war wirklich ein biederer, tapferer Mann. Und Ihr habt wohl schon gehört, daß er für die königliche Familie focht, in deren Namen ich heute diese Waffen trage.«

»Ja, und hätte er gelebt, um diese Tage zu schauen, wahrlich, er würde die Stunde verflucht haben, in der er jemals das Schwert für ihre Sache zog. Aber später mehr davon, ich versichere Dich, daß auch Deine Stunde kommt, und dann werden die Worte, die Du eben gehört, in Deinem Busen stecken wie Pfeile mit Widerhacken. – Mein Weg führt dorthin.«

Er zeigte nach einem Passe, der aufwärts in wüste, menschenleere Berge führte; als er aber sein Pferd auf den rauhen Pfad lenken wollte, der in dieser Richtung von der Hauptstraße abführte, trat ein altes, in einen rothen Mantel gehülltes Weib, das am Kreuzwege saß, zu ihm hinan und sprach in geheimnißvollem Tone: »Wenn Ihr einer von unsern Leuten seid, so geht heute Nacht nicht auf den Paß hinauf, so lieb Euch Euer Leben ist. Auf dem Pfade liegt ein Löwe. Der Pfarrer von Brotherstone und zehn Soldaten haben den Paß besetzt, um das Leben zu nehmen jedem unserer armen Wanderer, der es wagt, sich auf diesem Wege mit Hamilton und Dingwall zu vereinigen.«

»Haben sich die Verfolgten in eine Schaar zusammengezogen?« fragte der Fremde.

»Ungefähr sechszig oder siebenzig Reiter und Fußgänger,« sagte die Alte. »Aber ach, sie sind schlecht bewaffnet, und noch schlechter mit Lebensmitteln versehen.«

»Gott wird den Seinen helfen,« sagte der Reiter. »Welchen Weg muß ich einschlagen, um sie zu finden?«

»Heute Nacht ists unmöglich,« sagte das Weib; »die Soldaten halten zu strenge Wache. Wunderbare Neuigkeiten sollen eingelaufen sein, welche sie wüthender und grausamer machen, als sie je gewesen. Ihr müßt Euch diese Nacht verstecken, ehe Ihr auf die Moore kommt, und Euch verborgen halten, bis der Morgen graut; dann erst könnt Ihr Euren Weg durch das Drachenmoor finden. Als ich die schrecklichen Nachrichten der Unterdrücker hörte, hüllte ich meinen Mantel um mich und setzte mich an den Heerweg, um jeden unserer armen Zerstreuten zu warnen, daß sie nicht in die Netze der Räuber fallen.«

»Ist Eure Wohnung in der Nähe?« sagte der Fremde, »und könnt Ihr mich dort verbergen?«

»Ich habe eine Hütte an der Landstraße,« versetzte die Alte, ungefähr eine Meile von hier; aber vier Belialskinder, Dragoner genannt, liegen drinnen, mein Gut zu verprassen, weil ich nicht dem faulen, saft- und kraftlosen Gottesdienst dieses fleischlichen Menschen, des Pfarrers John Halbtext, beiwohnen mag.«

»Gute Nacht, wackeres Weib, und Dank für Deinen Rath,« sagte der Fremde im Wegreiten.

»Der Segen der Verheißung über Euch,« erwiderte die Alte, »mag Euch der schützen, der allein schützen kann.«

»Amen!« sagte der Reisende; »denn wohin ich diese Nacht mein Haupt hinlege, das kann keine Menschenkunst mir angeben.«

»Eure Noth dauert mich,« sagte Morton, »und hätte ich ein Haus oder Obdach zu eigen, so würde ich mich lieber der größten Strenge des Gesetzes aussetzen, als Euch in solcher Gefahr lassen. Aber mein Oheim ist durch die Strafen und Geldbußen, die das Gesetz denen auflegt, die Geächtete aufnehmen, fördern und begünstigen, so in Angst gesetzt, daß er uns allen aufs strengste untersagt hat, irgend einen Verkehr mit ihnen zu pflegen.«

»Das habe ich erwartet,« sagte der Fremde, »dessen ungeachtet könnt Ihr mich aber ohne sein Wissen aufnehmen; – eine Scheune, ein Heuschober, ein Schuppen, jeder Ort, wo ich mich hinlegen kann, würde mir bei meiner Lebensweise ebenso lieb sein als ein Tabernackel von Cedernholz und Silber.«

»Ich versichere Euch,« sagte Morton in großer Verlegenheit, »daß ich ohne meines Oheims Wissen und Willen Euch unmöglich zu Milnwood aufnehmen kann, und könnt ich's auch, ich würd es nicht über mich zu bringen vermögen, ihn in eine Gefahr zu verflechten, die er am meisten fürchtet und abzuwenden bemüht ist.«

»Gut,« sagte der Reisende, »ich habe nur noch ein Wort zu sagen. Habt Ihr je schon Euren Vater den Namen John Balfour von Burley nennen hören?«

»Seinen alten Freund und Gefährten, der ihm fast mit Verlust des eigenen Lebens das seinige gerettet in der Schlacht von Longmarston-Moore? – Oft, sehr oft.«

»Dieser Balfour bin ich,« sagte sein Gefährte. »Dort steht Deines Oheims Haus; ich sehe das Licht durch die Bäume schimmern. Der Bluträcher ist hinter mir, und wenn ich dort keine Zufluchtsstätte finde, so ist mein Tod gewiß. Nun wähle, Jüngling; wende Dich ab von Deines Vaters Freund wie ein Dieb in der Nacht und gib den Mann einem blutigen Tode preis, der Deinen Vater gerettet, oder setze Deines Oheims weltliche Güter einer Gefahr aus, wie sie bei diesem verderbten Geschlechte alle die erwartet, welche einem Christen einen Bissen Brod oder einen Trunk Wasser reichen, wenn er vor Mangel an Erquickung sterben muß.«

Tausend Erinnerungen bestürmten die Seele Mortons auf einmal. Sein Vater, dessen Andenken er abgöttisch verehrte, hatte sich oft umständlich über die Verpflichtungen ausgesprochen, die er diesem Manne schulde, und bedauert, daß sie nach langer Waffenfreundschaft sich in Unfrieden getrennt, als sich Schottland in Revolutions- und Protestmänner theilte. Die ersteren hingen Karl II. an, nachdem dessen Vater auf dem Schaffot geendet, während die Protester sich mehr zu einer Vereinigung mit den triumphirenden Republikanern hinneigten. Burleys düsterer Fanatismus hatte ihn an die letzteren gekettet, und mißvergnügt schieden die Freunde, um, wie es sich fügte, einander nie wieder zu sehen. Diese Umstände hatte der verstorbene Obrist Morton seinem Sohne oft erzählt, und immer mit dem tiefsten Bedauern, daß er niemals auf eine Weise im Stande gewesen sei, die Hilfe zu vergelten, die er bei mehr als einer Gelegenheit von Burley erhalten. Um Mortons Entschluß zu beschleunigen, trug der Nachtwind den dumpfen Ton einer Kesselpauke herüber, welcher andeutete, daß ein Trupp Reiter sich ihnen nähere. »Das muß Claverhouse mit dem Rest seines Regiments sein. Was kann die Ursache dieses Nachtmarsches sein? Geht Ihr vorwärts, so fallt Ihr ihnen in die Hände, kehrt Ihr aber nach dem Marktflecken zurück, so seid Ihr in keiner geringern Gefahr vor den Leuten des Cornets Graham. Der Weg nach den Bergen ist besetzt. Ich muß Euch zu Milnwood unterbringen oder Euch dem gewissen Tode aussetzen; – aber die Strafe des Gesetzes falle auf mich und nicht auf meinen Oheim. – Folgt mir.«

Burley, der diesem Entschlusse mit großer Ruhe entgegengesehen hatte, folgte jetzt schweigend.

Das Haus zu Milnwood, von dem Vater des jetzigen Eigenthümers erbaut, war eine anständige Wohnung und der Größe der Besitzung angemessen; aber etwas in Verfall, seitdem es sich in den Händen des jetzigen Eigenthümers befand. In einiger Entfernung standen die Wirtschaftsgebäude. Hier hielt Morton an.

»Ich muß Euch jetzt ein wenig verlassen,« sagte er leise, »bis ich Euch ein Bett im Hause besorgen kann.«

»Um solche Bequemlichkeiten kümmere ich mich wenig,« sagte Burley; »denn seit dreißig Jahren hat dieses Haupt öfter auf dem Boden oder auf dem ersten besten Steine geruht als auf Wolle oder Federn. Ein Schluck Bier, ein Bissen Brod, mein Gebet und etwas dürres Heu waren für mich eben so gut als gemalte Zimmer und eine Fürstentafel.«

Es fiel Morton ein, daß der Versuch, den Flüchtling ins Haus zu bringen, die Gefahr der Entdeckung wesentlich vermehren würde. Er zündete daher im Stalle, wo stets alles Nöthige vorräthig war, Licht an, band die Pferde fest und wies Burley zur Ruhestatt eine hölzerne Bettstelle auf dem halbangefüllten Heuboden an, die ein Tagelöhner früher benutzte, den der Oheim in einem Anfalle von Geiz plötzlich verabschiedet hatte. Auf diesem Heuboden ließ Morton seinen Gefährten zurück, schärfte ihm aber ein, das Licht so zu stellen, daß kein Schein davon durchs Fenster falle, und gab ihm das Versprechen, daß er bald mit Erfrischungen zurückkehren werde, soviel er nämlich zu dieser späten Stunde noch erhalten könne. Auf diesen letzten Umstand setzte er freilich kein großes Vertrauen, denn die Möglichkeit, etwas zu bekommen, hing ganz von der Laune ab, in welcher er seines Oheims einzige Vertraute, die alte Haushälterin, fand. Wenn diese sich schon zu Bette begeben hatte oder übler Laune war, so wußte Morton recht gut, daß das Gelingen seines Versuches wenigstens sehr problematisch wäre.

In seinem Herzen verwünschte er den schmutzigen Geiz, der überall in seines Oheims Besitzung herrschte, und klopfte bescheiden an die verriegelte Thür, durch die er Einlaß zu begehren pflegte, wenn der Zufall ihn über die frühe zu Milnwood festgesetzte Ruhestunde hinaus entfernt gehalten. Er legte in sein Klopfen eine gewisse Zögerung, gleichsam ein Bekenntniß der Gesetzesüberschreitung, und schien mehr eine Bitte als einen Befehl ausdrücken zu wollen. Als er einige Male geklopft hatte, erhob sich die Haushälterin grollend von ihrem Sitze am Feuer, wickelte ihr gewürfeltes Tuch um den Kopf, um sich vor Erkältung zu schützen, schritt über den Steinboden und rief wiederholt und ganz ängstlich: »wer ist hier in so später Nacht,« ehe sie Schlösser und Riegel öffnete.

»Ei, das ist fürwahr recht fein, Herr Heinrich,« sagte die Alte mit der tyrannischen Unverschämtheit eines verzogenen und begünstigten Dienstboten, »ein friedliches Haus in so später Nacht zu stören und ruheliebende Leute im Kalten warten zu lassen. Ihr Oheim ist schon an die dritte Stunde zu Bett, und Robin ist krank am Schnupfen, und so habe ich allein auf Sie warten müssen, so sehr mich auch der Husten plagt.«

Und damit hustete sie einige Male zur Bekräftigung des Gesagten.

»Ich bin Ihnen herzlich verbunden und danke Ihnen viele Mal, Alison.«

»Ei, junger Herr, wir sind ja recht artig. Viele Leute nennen mich Fräulein Wilson, und Milnwood selbst ist der einzige, der mich Alison nennt, aber auch er sagt oft Fräulein Alison.«

»Nun denn, Fräulein Alison,« sagte Morton, »es thut mir in der That leid, daß Sie meinetwegen haben so lange aufbleiben müssen.«

»Da Sie aber jetzt hereingekommen sind, warum nehmen Sie nicht Ihr Licht und machen sich zu Bette? Und lassen Sie mir ja das Licht nicht tropfen, wenn Sie durchs getäfelte Zimmer gehen, ich müßte sonst das ganze Haus scheuern, um die Fettflecken wieder wegzukriegen.«

»Aber, Alison, ehe ich zu Bett gehe, müssen Sie mir noch etwas zu essen und einen Schluck Bier verschaffen.«

»Essen? – und Bier, Herr Heinrich? Meiner Treu, Sie sind schwer zu befriedigen. Glauben Sie, wir hätten nicht von Ihrem Vogelschießen drüben gehört, wo Sie so viel Pulver verpufft haben, daß man dafür alles wilde Geflügel hätte kaufen können, das wir bis Lichtmeß brauchen, – dann sind Sie mit allen nichtsnutzigen Burschen der Umgegend nach des Pfeifers Schenkstube gegangen und haben dort zweifelsohne auf Ihres armen Oheims Kosten geschmaust bis nach Sonnenuntergang, und dann kommen Sie nach Hause und schreien nach Bier, als ob Sie hier Herr und Meister wären.«

Aergerlich, doch aber ängstlich besorgt, seinem Gaste womöglich einige Erfrischungen zu verschaffen, unterdrückte Morton seine Gereiztheit und versicherte Fräulein Alison mit guter Laune, daß er wirklich hungrig und durstig sei, – »und was das Vogelschießen betrifft,« sagte er, »so hab ich gehört, daß Sie früher sogar selbst dabei gewesen sind, Fräulein Alison. Ich wollte nur, Sie hätten uns zugesehen.«

»Ach, Herr Heinrich,« sagte die Alte, »ich wollte, Sie lernten nicht, den Weibern Schmeicheleien ins Ohr flüstern! Doch mags hingehen, wenn Sie's nur bei alten Weibern thun wie ich bin. Aber nehmen Sie sich in Acht mit den jungen Mädchen, Herr Papageienhauptmann. – Sie halten sich für einen schmucken Burschen, und meiner Treu – dabei betrachtete sie ihn von oben bis unten, indem sie den Lichtschein auf ihn fallen ließ – die Außenseite ist untadlig, wenn die Innenseite nur ebenso hübsch wäre. Aber da fällt mir ein, als ich noch ein junger Backfisch war, sah ich den Herzog, denselben, der in London seinen Kopf verlor – die Leute sagen, es sei nicht viel drin gewesen, für den armen Herrn aber war der Verlust groß genug –, nun, der wurde Papageienhauptmann, denn keiner wollte ihm den Rang ablaufen, – der sah schmuck aus, und als alle Edelleute zu Pferde stiegen, um ihre Reitkunst zu zeigen, war Seine Gnaden mir so nahe als ich Euch, und er sagte zu mir: »Nimm Dich in Acht, mein gutes Mädchen (dies waren seine eigenen Worte), mein Pferd ist nicht sehr fromm.« – Und nun, da Sie sagen, Sie hätten wenig gegessen und getrunken, will ich Ihnen zeigen, daß ich an Sie gedacht habe, denn ich halte es nicht für gut, daß junge Leute mit leerem Magen zu Bette gehen.«

Um Fräulein Alison Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sei bemerkt, daß ihre nächtlichen Strafpredigten bei solcher Gelegenheit nicht selten mit diesem Sinnspruch endigten, der immer die Vorrede zu einer bessern Mahlzeit als gewöhnlich war. So auch in diesem Falle. Der Hauptzweck ihres Keifens war, ihre Herrschaft und Macht zu zeigen, denn im Grunde war Alison kein böses Weib und liebte ihren alten und jungen Herrn, obwohl sie beide bis aufs Blut quälte, mehr als irgend jemand in der Welt. So betrachtete sie Herrn Heinrich, wie sie ihn nannte, mit großem Wohlbehagen, als er ihr gutes Mahl zu sich nahm.

»Wohl bekomms Ihnen, mein lieber Freund. Solche Leckerbissen haben Sie wohl bei Niel Blane nicht bekommen. Seine Frau war eine recht wackere Person und verstand ihr Geschäft recht gut für ein Frauenzimmer ihres Schlags, doch der Haushälterin eines Gutsherrn konnte sie es nicht gleich thun. Ihre Tochter ist, glaub ich, ein albernes Ding, was hatte sie sich am letzten Sonntag in der Kirche für ein Storchnest auf den Kopf gepflanzt! – nun, viel Erzählens wird von all dem Flitterkram nicht gemacht werden, – aber meine alten Augen fallen mir zu, übereilen Sie sich nicht, mein lieber Freund, löschen Sie das Licht behutsam aus, da ist ein Krug Bier und hier ein Glas Nelkenwasser, das geb ich nicht jedem. Wenn ich Leibschmerzen habe, nehm ich es manchmal selbst, und für Ihr junges Blut ist es besser als Branntwein. Nun gute Nacht, Herr Heinrich. Nehmen Sie das Licht ja recht in Acht!«

Morton versprach, ihrer Warnung pünktlich zu folgen, und bat sie, nicht zu erschrecken, wenn die Thür aufgehe, sie wisse ja, daß er gewöhnlich nach seinem Pferde sehen und es für die Nacht versorgen müsse. Fräulein Alison zog sich zurück, Morton aber raffte schnell die Lebensmittel zusammen und wollte eben zu seinem Gaste eilen, als die alte Haushälterin noch einmal den wackelnden Kopf zur Thür hereinsteckte, mit der Ermahnung, Herr Heinrich möge mit sich über den verbrachten Tag rechten, bevor er zu Bett gehe, und um Gottes Schutz bitten während der nächtlichen Dunkelheit.

So geartet war das Benehmen einer gewissen Klasse von Dienstboten, die einst in Schottland nicht zu den Seltenheiten gehörten und vielleicht noch jetzt auf manchen Landsitzen der entlegenen Grafschaften zu finden sind. Sie waren mit den Familien, zu denen sie gehörten, gleichsam verwachsen, und da sie die Entlassung aus dem Dienste für ein Ding der Unmöglichkeit hielten, so waren sie jedem, welcher dem Familienkreise angehörte, aufrichtig zugethan. Sie waren aber auch, wenn allzu große Nachsicht ihrer Herrschaft sie verwöhnte, bald launisch, eigensinnig und tyrannisch, und zwar in solchem Maße, daß manche Hausfrau, mancher Hausherr wünschen mochte, ihre grobkörnige Treue mit der glatten und fügsamen Unzuverlässigkeit eines neuern Dienstboten vertauschen zu können.

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