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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 44
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XLII

Sie traten in der finstern Höhle Schlund,
Der Fluchbeladne saß im Hintergrund,
Gar traurig brütend im verstörten Geist.

Spenser.

Als der junge Tag auf den Bergen lag, ließ sich an der Thür des kleinen Zimmers, in welchem Morton schlief, ein leises Pochen hören, und eine sanfte Mädchenstimme fragte von außen, ob es ihm gefällig wäre nach der Höhle zu gehen, ehe die Leute aufständen.

Morton erhob sich auf diese Einladung, kleidete sich schnell an und begrüßte die kleine Führerin. Das Gebirgskind hüpfte leicht vor ihm her durch den grauen Nebel über Berg und Moor. Der Pfad war rauh und durch keine deutlichen Spuren bezeichnet, er zog sich der Richtung des Baches entlang, ohne dessen Krümmungen zu folgen. Die Landschaft wurde immer wüster und wilder, bis endlich nur Heide und Felsen das Thal umschlossen.

»Ist der Ort noch weit?« fragte Morton.

»Eine halbe Stunde,« antwortete das Mädchen, »wir werden bald dort sein.«

»Gehst Du oft diesen wilden Weg, liebes Mädchen?«

»So oft mich Großmutter mit Milch und Mehl nach der Höhle schickt.«

»Aber fürchtest Du Dich nicht, den wilden Weg allein zu gehen?«

»O nein, lieber Herr,« sagte das Kind, »kein lebendiges Wesen würde einem so kleinen Ding wie mir etwas anhaben, und Großmutter sagt, wir brauchen nichts zu fürchten, wenn wir etwas Gutes thun.«

»Stark in Unschuld wie in dreifachem Panzer,« dachte Morton, als er ihren Schritten schweigend folgte.

Bald kamen sie in ein Dickicht, wo Brombeergesträuche und Dornengebüsche die Stellen der Eichen und Birken einnahmen, die einst hier gestanden hatten. Jetzt wendete sich das Mädchen von der offenen Heide ab und auf einem von Schafen getretenen Pfade dem Bache zu. Ein heiseres dumpfes Tosen hatte Morton schon auf die Scene vorbereitet, die sich ihm jetzt zeigte, dennoch konnte er sie nicht ohne Erstaunen, ja nicht ohne Schauder betrachten. Als er aus dem unwegsamen Pfade heraustrat, der durch das Dickicht führte, fand er sich an einem flachen Felsen, der über eine fast hundert Fuß tiefe Kluft hinausragte, wo der finstere Bergstrom rasch und wüthend in den Abgrund stürzte und ein schwarzer gähnender Schlund ihn aufnahm. Vergebens strebte das Auge den Boden des Falles zu erreichen, es konnte nur einen Strahl der schäumenden Wogen in dem Hinabsturze erfassen, bis der Blick durch die emporragenden Felsenzacken gehemmt wurde, die den Wasserfall umgaben und den dunklen Pfuhl deckten, der die wirbelnden Fluthen verschlang. Tief unten in der Entfernung einer Viertelstunde aber fand der Blick die Windungen des Stromes wieder. Den Fall selbst sah man nicht, weil die vorspringenden Felsen ein geschlossenes Dach über ihm bildeten.

Während Morton auf diese tumultuarische Scene hinblickte, die sich rings durch das Dickicht und die Klüfte, in denen das Wasser sich verlor, jedem Auge verbergen zu wollen schien, zupfte ihn die kleine Begleiterin, welche auf einer Plattform des Felsens stand, der die schönste Aussicht auf den Wasserfall beherrschte, am Aermel, und sagte zu ihm so leise, daß er sein Ohr ihrem Munde nähern mußte, um sie zu verstehen: »Hört ihn nur! ach, hört ihn nur!«

Morton horchte aufmerksamer, und aus dem finstern Abgrund, in welchen der Bach hinunterstürzte, und aus dem Brausen des Wasserfalles glaubte er Töne der Freude und des Schreckens, ja artikulirte Laute zu vernehmen, als ob der gefolterte Dämon des Stromes seine Wehklagen mit dem Geheule der brechenden Wogen vermischt hätte.

»Das ist der Weg,« sagte die Kleine,, »folgt mir, lieber Herr, wenn Ihr wollt. Aber seht auf die Füße!«

Mit kühner Behendigkeit, die ihre Uebung im Klettern bekundete, verschwand sie von der Felsenplatte und klomm über die Zacken und kleinen Vorsprünge in die Kluft hinab. Der kühne und rüstige Morton folgte ihr ohne Säumen, aber die nöthige Vorsicht, Hand und Fuß beim Hinabsteigen zu gebrauchen, hinderte ihn, sich umzuschauen, bis seine Führerin, nachdem sie fast zwanzig Fuß hinabgestiegen und etwa sechszig bis siebenzig Fuß über dem Schlunde stand, der den Wasserfall aufnahm, still stand, und er sich wieder an ihrer Seite in einer Lage fand, die eben so romantisch als unsicher war. Sie waren jetzt fast dem Wasserfalle gegenüber, ungefähr ein Viertel der ganzen Höhe unterhalb der Klippe, über die er herabdonnerte, und drei Viertel über dem dunklen, tiefen rastlosen Pfuhl, der die Wasser verschlang. Morton sah nur einen zusammenhängenden Strom, der unten in Schaum und Gischt endete. Sie waren dem großartigen Schauspiele so nahe, daß sie vom Schaume bespritzt und vom Getöse fast betäubt wurden. Gerade dem Sturze gegenüber und kaum drei Ellen davon entfernt lag ein alter Eichbaum wie durch Zufall quer über dem Schlunde und bildete eine schmale und unsichere Brücke. Das obere Ende des Stammes ruhte auf der Plattform, auf der sie standen, mit der ausgerissenen Wurzel aber erstreckte er sich auf die entgegengesetzte Seite bis hinter einen Vorsprung, so daß Morton nicht entdecken konnte, wo er fest auflag. Hinter diesem Vorsprunge schimmerte ein grelles röthliches Licht, das die stürzenden Wogen zum Theil hochroth färbte, und im Gegensatz zu den Strahlen der aufgehenden Sonne, die den oberen Theil des Wasserfalls beleuchtete, einen seltsamen übernatürlichen Eindruck hervorbrachte. Da Morton sich umsah, das Schauspiel zu betrachten, zupfte ihn das Mädchen abermals am Aermel und auf die Eiche und den Vorsprung jenseits zeigend, denn an Sprechen und Hören war hier nicht zu denken, gab sie zu erkennen, daß dort hinüber ihr Weg führe.

Erstaunt blickte Morton das Mädchen an, denn obgleich er wußte, daß die verfolgten Presbyterianer unter den früheren Regierungen in Höhlen und Wäldern, in Klüften und an Wasserfällen, an den ungewöhnlichsten und abgelegensten Orten Zuflucht gesucht, – obgleich er von den Kämpfern des Covenants gehört, die sich lange in der Dobbeshöhle auf den wilden Höhen von Polmoodie, und von andern, die sich in der noch schrecklicheren Creehophöhle in dem Sprengel von Closeburn verborgen gehalten, so hatte sich doch seine Einbildungskraft die Schrecknisse eines solchen Aufenthalts nicht ausgemalt, und er wunderte sich, wie eine so seltsame und romantische Scene ihm hatte verborgen bleiben können, da er doch dergleichen Naturwunder mit großer Neugierde aufzusuchen gewohnt gewesen. Bald aber sah er ein, daß, da der Ort in einer entfernten und wilden Gegend lag und verfolgten Predigern und Nonconformisten zum Aufenthalt diente, das Geheimniß seiner Existenz von den wenigen Hirten, denen es etwa bekannt sein mochte, sorgfältig bewahrt wurde.

Als er nach diesen Betrachtungen zu überlegen anfing, wie er über die unsichere schreckliche Brücke gelangen könne, die durch den unablässigen Staubregen naß und schlüpfrig über eine Kluft von sechszig Fuß Tiefe hinweglief, hüpfte seine kleine Führerin, gleichsam um ihn zu ermuthigen, ohne Zögern hinüber und herüber. Einen Augenblick beneidete Morton das kleine nackte Füßchen, das einen viel sichereren Halt an der rauhen Oberfläche hatte, als er ihn von seinen schweren Stiefeln erwarten konnte, bald aber entschloß er sich den Uebergang zu wagen, und indem er seinen Blick fest auf einen Gegenstand an der entgegengesetzten Seite heftete, schritt er, ohne schwindlig oder durch das Tosen und Toben und Schäumen um ihn und unter ihm von seinem Ziel abgelenkt zu werden, fest und sicher über die unzuverlässige Brücke und erreichte die Oeffnung einer kleinen Höhle auf der andern Seite des Stromes. Hier hielt er an, denn ein Licht, das von der Gluth eines Kohlenfeuers herrührte, erlaubte ihm, in das Innere der Höhle zu sehen und deren Bewohner zu betrachten, von dem er nicht bemerkt werden konnte, da ihn der Schatten des Felsens verbarg. Was er wahrnahm, hätte einen minder entschlossenen Mann nicht ermuthigt, in dem begonnenen Unternehmen weiterzuschreiten.

Burley, den nur der grau gewordene Bart im Aussehen verändert hatte, stand in der Mitte der Höhle, mit der zugeklappten Bibel in der einen und seinem gezückten Schwert in der andern Hand. Von dem Lichte der feurigen Kohlen beleuchtet, glich seine Gestalt einem bösen Geiste in der Schwefelatmosphäre des Pandämoniums Aufenthalt der gefallenen Engel und bösen Geister in Miltons verlorenem Paradiese. und seine Geberden und Worte, so weit sie vernehmbar waren, schienen verwirrt und heftig. Ganz allein, und an einem fast unnahbaren Orte glich er in seiner Haltung einem Menschen, der mit einem Todfeinde um sein Leben ringt. – »Ha, ha! – da! da!« rief er, und begleitete jedes Wort mit einem Hiebe in die leere Luft. – »Hab ich Dirs nicht gesagt? – Ich habe widerstanden, und Du fliehest vor mir! – Feigling, der Du bist! – Komm in allen Deinen Schrecken! – Komm mit meinen eigenen Frevelthaten, die Dich am furchtbarsten machen – in diesem Buche steht genug, um mich zu retten! – Was murmelst Du von grauen Haaren? – Es war wohlgethan, ihn zu erschlagen, – je reifer das Korn, desto nothwendiger die Sichel. – Bist Du fort? – Bist Du fort? – Ich habe immer gewußt, daß Du bloß eine Memme bist, – ha! ha! ha!«

Nach diesen wilden Ausrufen senkte er die Spitze seines Schwertes und blieb in derselben Stellung, wie ein Wahnwitziger, den eben der Anfall verlassen.

»Die gefährliche Zeit ist nun vorüber,« sagte das kleine Mädchen, »es dauert selten länger, als bis die Sonne über den Bergen ist. Jetzt könnt Ihr hineingehen und mit ihm sprechen. Ich will an der andern Seite auf Euch warten. Zwei Leute auf einmal kann er nicht leiden.«

Langsam und höchst vorsichtig ging Morton auf seinen alten Mitbefehlshaber zu.

»Was kommst Du wieder, da Deine Stunde vorüber ist?« war sein erster Ausruf; er schwang sein Schwert, und sein Gesicht bekam einen Ausdruck, in welchem Schauder und Wahnwitz sich mischten.

»Ich komme, Herr Balfour,« sagte Morton fest und ruhig, »um eine Bekanntschaft zu erneuern, die seit dem Gefecht an der Bothwellbrücke abgebrochen war.«

Sobald Burley gewahrte, daß Morton vor ihm stand, ein Gedanke, den er mit wunderbarer Schnelligkeit faßte, übte er plötzlich jene Meisterschaft über seine erhitzte schwärmerische Einbildungskraft aus, die einer der hervorstechendsten Züge seines außerordentlichen Charakters war. Er senkte sogleich die Spitze seines Schwertes, und indem er es heimlich in die Scheide steckte, murmelte er etwas von Feuchtigkeit und Kälte, die einen alten Krieger zwängen, Fechtübungen vorzunehmen, damit das Blut nicht erstarre. Hierauf fuhr er in seiner kalten entschiedenen Weise fort:

»Du hast lange gesäumt, Heinrich Morton, und bist nicht gekommen in den Weinberg, als bis die zwölfte Stunde geschlagen hat. Bist Du noch willens, die rechte Hand der Brüderschaft zu ergreifen, und einer von denen zu sein, so nicht schauen nach Thronen und Fürstenfamilien, sondern die Schrift zu ihrer Richtschnur nehmen?«

»Ich bin erstaunt,« sagte Morton, einer bestimmten Antwort auf diese Frage ausweichend, »daß Ihr mich nach so vielen Jahren wieder erkannt habt.«

»Die Züge derjenigen, welche mit mir handeln sollten, sind in mein Herz gegraben, und wenige außer dem Sohne des Silas Morton hätten es wagen dürfen, mich in dieser Veste der Zuflucht aufzusuchen. Siehst Du diese von der Natur selbst gebaute Zugbrücke?« fügte er hinzu, und deutete auf den Eichstamm, »ein Fußtritt von mir, und er stürzt in den Abgrund, dem jenseits stehenden Feinde Trotz bietend und überläßt die Feinde diesseits der Willkür eines Mannes, der im Zweikampf seines Gleichen noch nicht gefunden.«

»Solcher Vertheidigungsanstalten,« sagte Morton, »würdet Ihr jetzt doch kaum bedürfen?«

»Kaum bedürfen?« sagte Burley ungeduldig, »kaum bedürfen, wenn eingefleischte Teufel sich auf Erden gegen mich verbunden haben, und Satan selbst, doch was liegt daran,« setzte er sich selbst unterbrechend hinzu, – »genug, daß ich meinen Zufluchtsort liebe, meine Höhle von Adullam, und ich würde ihre rauhen Kalksteinrippen nicht vertauschen mit den schönen Gemächern im Schlosse der Grafen von Torwood sammt ihrem Gebiet und der ganzen Baronie. Du magst anders denken, wenn Dein närrisches Fieber noch nicht aufgehört hat.«

»Gerade wegen dieser Besitzungen komme ich mit Euch zu sprechen,« sagte Morton, »und ich zweifle nicht, in Herrn Balfour denselben vernünftigen Mann zu finden, als welchen ich ihn einst kannte, da der Religionseifer Brüder entzweite.«

»So?« sagte Burley, »wirklich? – Das glaubst Du? – Willst Du Dich nicht deutlicher erklären?«

»Also mit einem Worte!« sagte Morton. »Ihr habt durch Mittel, die ich errathe, einen geheimen aber höchst nachtheiligen Einfluß auf das Vermögen der Lady Margarethe Bellenden und ihrer Enkelin ausgeübt, und das zu Gunsten des niedrigen, hartherzigen Apostaten Basil Olifant, den das durch Ränke hintergangene Gesetz in den Besitz fremden Eigenthums gebracht hat.«

»Das behauptest Du?« sagte Balfour.

»Ja, ich behaupte es,« erwiderte Morton, »und Ihr werdet mir nicht ins Angesicht leugnen, was Ihr durch Eure Handschrift eingestanden.«

»Und angenommen, ich leugnete es nicht,« sagte Balfour, »und angenommen, Deine Beredsamkeit könnte mich bewegen, einen Schritt zurück zu thun, den ich nach reiflicher Ueberlegung gethan, was wäre Dein Lohn? Würdest Du noch immer hoffen, das blondgelockte Mädchen mit der großen und reichen Erbschaft zu erhalten?«

»Ich hege diese Hoffnung nicht,« antwortete Morton ruhig.

»Und für wen also hast Du es gewagt, das große Werk zu thun, dem Starken die Beute zu entreißen, den Fraß aus der Löwenhöhle zu holen und Süßigkeit zu nehmen aus dem Munde des Verschlingers? – Wem zu Liebe hast Du es unternommen, das Räthsel zu lösen, das schwerer denn Simsons ist?«

»Um Lord Evandales und seiner Braut willen,« entgegnete Morton fest. »Denkt besser von den Menschen, Herr Balfour, und glaubt, daß es noch Männer gibt, die ihr eigenes Glück dem Glücke anderer opfern.«

»Nun, so wahr meine Seele lebt,« erwiderte Balfour, »obgleich Du einen Bart trägst, ein Schwert führst und ein Roß besteigst, bist Du doch die zarteste und harmloseste Puppe, die je eine Beleidigung ungerächt gelassen. Was! Du wolltest jenem verfluchten Evandale in die Arme eines Weibes helfen, das Du liebst? Du wolltest sie mit einem reichen Erbe bedenken und glaubst, es lebe noch ein anderer, der noch schwerer beleidigt ist als Du, und der eben so kaltblütig und gemein auf dem Angesicht der Erde herumkröche – und hast es gewagt zu glauben, dieser andere sei John Balfour?«

»Für meine eigene Gesinnung habe ich nur Gott Rechenschaft abzulegen,« sagte Morton ruhig. »Euch, Herr Balfour, glaube ich, ist es gleich, ob Basil Olifant oder Lord Evandale diese Güter besitzt.«

»Du irrst,« sagte Burley. »Freilich sind beide in tiefster Finsterniß, und dem Licht so fremd wie der, des Auge sich nie dem Tage erschlossen. Zwar ist dieser Basil Olifant ein Nabal, ein Demas, ein niedriger Wicht, dessen Macht und Reichthum in den Händen desjenigen ist, der ihn mit dem Verlust derselben bedrohen kann. Er ward ein Bekenner, weil er der Güter von Tillietudlem beraubt wurde, er ward Papist, um sie zu erhalten, er nannte sich einen Erastinianer, damit er sie nicht wieder verliere, und er wird alles, was ich will, so lange ich das Dokument besitze, das ihn derselben berauben kann. Diese Besitzungen sind ein Zaum in seinem Munde und ein Haken in seinen Nüstern, und die Zügel sind in meiner Hand, ihn zu lenken, wie es mir gut dünkt, und ihm sollen sie bleiben, bis ich sie einem zuverlässigen, aufrichtigen Freunde überliefern kann. Aber Lord Evandale ist ein Bösgesinnter, dessen Herz wie ein Kiesel, dessen Stirne von Diamant ist, die Güter der Welt fallen ihm zu, wie die Blätter dem herbstlichen Boden, und ungerührt wird er sie wieder vom ersten Winde fortgewirbelt sehen. Die heidnischen Tugenden von Leuten wie er sind uns gefährlicher, als die schmutzige Habgier derjenigen, welche, von ihrer Selbstsucht geleitet, ihr folgen müssen, und die also als Sklaven des Geizes gezwungen werden können, im Weinberge zu arbeiten, und wenn sie auch nur den Sündenlohn ernten.«

»Das mag vor einigen Jahren gut gewesen sein,« erwiderte Morton, »und ich hätte Eure Gründe begreifen wenn auch nicht billigen können, in der jetzigen Krisis scheint es mir von keinem Nutzen für Euch, auf einem Einflusse zu beharren, den Ihr nicht mehr zu Eurem Vortheil ausnutzen könnt. Das Land hat Frieden, bürgerliche und Gewissensfreiheit, was wollt Ihr mehr?«

»Mehr?« rief Burley, und zog sein Schwert mit einer Lebhaftigkeit, vor der Morton fast erschrak, »sieh die Scharten dieses Schwertes, es sind ihrer drei, nicht wahr?«

»Es scheint so – aber wozu das?«

»Das Stück Stahl, das beim ersten Hiebe absprang, blieb in dem Schädel des meineidigen Verräthers, der zuerst das Episkopat in Schottland einführte; diese zweite Scharte entstand an der Rippe eines gottlosen Schurken, des besten und kühnsten Soldaten, der den Prälatismus zu Drumclog aufrecht hielt; diese dritte entstand auf der Stahlhaube des Hauptmanns, der die Kapelle von Holyrood vertheidigte, als das Volk aufstand zur Empörung. Durch Stahl und Knochen spaltete ich ihm den Schädel bis auf die Zähne. Sie hat große Dinge vollbracht, diese kleine Waffe, und jeder dieser Streiche ward zur Befreiung der Kirche geführt. Dieses Schwert,« sagte er und steckte es wieder ein, »hat noch mehr zu thun, die pestilenzialische Ketzerei des Erastinianismus auszurotten, die wahre Kirchenfreiheit in ihrer Reinheit wieder zu erringen, den Covenant in seinem Glanze wieder herzustellen; dann mag es ruhen und rosten neben den Gebeinen seines Herrn.«

»Es fehlen Euch, um die gegenwärtige Regierung zu beunruhigen, alle Mittel, Herr Balfour. Mit Ausnahme der jakobitischen Edelleute ist das Volk im allgemeinen zufrieden, und Ihr werdet Euch doch nicht denen anschließen, die Euch nur für ihre eigenen Vortheile benutzen wollen?«

»Im Gegentheil sollen sie dem unsrigen dienen,« sagte Burley. »Ich ging ins Lager des übelgesinnten Claverhouse, wie der zukünftige König Israels die Philister besuchte, ich verabredete mit ihm einen Aufstand und ohne den schändlichen Evandale wären jetzt die Erastinianer aus dem Westen vertrieben. Ich könnte ihn tödten,« sagte er mit einem rachsüchtigen Blick, »und wenn er die Hörner des Altars erfaßte. Wenn Du, der Sohn meines alten Gefährten, selbst um diese Editha Bellenden freitest und Deine Hand ans Werk legen wolltest mit dem Eifer, der Deinem Muthe gleicht, so denke nicht, daß ich Basil Olifants Freundschaft der Deinigen vorziehen würde. Du fändest dann die Mittel, welche dies Dokument bietet,« hier zog er ein Pergament hervor, »um sie in den Besitz der Güter ihrer Väter zu bringen. Dies hab ich Dir schon lange sagen wollen, seit ich Dich auf jener unseligen Brücke den guten Kampf so gewaltig kämpfen sah. Das Mädchen liebte Dich und Du liebtest sie.«

Morton erwiderte fest: »Ich will mich vor Euch nicht verstellen, Herr Balfour, selbst wegen eines guten Zweckes nicht. Ich kam, um Euch zu bewegen, gerecht gegen andere zu verfahren, nicht um für mich einen selbstsüchtigen Wunsch zu erreichen. Es ist mißlungen – und ich bedaure das mehr um Euretwillen, als wegen des Verlustes, den andere durch Eure Ungerechtigkeit erleiden.«

»Ihr nehmt also mein Anerbieten nicht an?« sagte Burley mit wildem Blick.

»Nein,« sagte Morton. »Wäret Ihr wirklich ein Mann von Ehre und Gewissen, wofür Ihr doch gelten wollt, so würdet Ihr alle Rücksichten bei Seite setzen und das Pergament dem Lord Evandale übergeben, zum Nutzen der rechtmäßigen Erbin.«

»Eher soll es vernichtet werden!« sagte Balfour und warf die Urkunde ins Kohlenfeuer.

Während sie rauchte, zusammenschrumpfte und knisterte, sprang Morton vorwärts, um sie herauszuziehen, Burley aber hielt ihn zurück und es entstand ein Ringen zwischen ihnen. Beide Männer waren stark, aber obgleich Morton jünger und gelenkiger war, so war doch Balfour der stärkere und verhinderte jenen das Pergament zu retten, bis es gänzlich zu Asche geworden war. Jetzt ließen sie einander los, und der durch den Kampf gereizte Schwärmer starrte auf Morton mit wildester Rachgier.

»Du hast mein Geheimniß; mein mußt Du sein oder sterben.«

»Ich verachte Eure Drohungen,« sagte Morton, »ich bemitleide und verlasse Euch.«

Als er sich aber entfernen wollte, vertrat ihm Burley den Weg, stieß den Eichbaum von seinem Ruhepunkte, und als dieser donnernd und schallend in den Abgrund stürzte, zog er sein Schwert und schrie mit einer Stimme, die fast dem Donnern des Kataraktes gleichkam: »Nun mußt Du stehen! – Kämpfe, – ergib Dich oder stirb!« Dabei stellte er sich an den Eingang der Höhle und schwang die entblößte Klinge.

»Ich will nicht mit dem Manne fechten, der meinem Vater das Leben gerettet,« sagte Morton; »bis jetzt hab ich das Wort: ich ergebe mich, noch nicht aussprechen lernen, drum will ich mein Leben retten, so gut ich kann.«

Mit diesen Worten und ehe Balfour seine Absicht bemerken konnte, sprang er mit jugendlicher Gewandtheit an ihm vorbei, setzte über den furchtbaren Schlund, welcher den Eingang der Höhle von dem vorspringenden Felsen jenseits trennte, und stand dort sicher und befreit von seinem schnaubenden Feind. Er bestieg sogleich die Platte, und als er sich umwendete, sah er Burley noch einen Augenblick entsetzt dastehen und dann mit aller Raserei getäuschter Rache in das Innere seiner Höhle stürzen.

Es ward ihm nun klar, daß das Gemüth dieses unglücklichen Mannes so lange durch verzweifelte Pläne und plötzliche Täuschungen aufgeregt worden sei, bis es gänzlich das Gleichgewicht verloren hatte, und daß sich in seinem Betragen ein Wahnsinn offenbare, der durch die Kraft und Schlauheit, mit welcher er seine wilden Pläne verfolgte, nur um so überraschender war. Bald fand Morton seine Führerin wieder, welche durch den Sturz der Eiche erschreckt worden war, den er einem Zufall zuschrieb. Sie versicherte ihm dagegen, daß dem Bewohner der Höhle nicht sonderlich viel Nachtheil daraus erwachsen werde, da er stets mit Materialien zum Bau einer andern Brücke versehen sei.

Die Abenteuer dieses Morgens waren noch nicht zu Ende. Als sie sich der Hütte näherten, schrie die Kleine vor Erstaunen auf, da sie ihre Großmutter auf sich zutappen sah, und zwar in einer größeren Entfernung vom Hause, als man sie zu gehen für fähig gehalten hätte.

»O Herr, Herr!« rief die Alte, als sie beide nahen hörte, »wenn Ihr je den Lord Evandale geliebt, so helft ihm jetzt oder nimmer! – Gott sei gelobt, daß er mir wenigstens noch mein Gehör gelassen hat. – Kommt hierher! – hierher! – tretet leise auf! Paggy, geh, sattle dem Herrn das Pferd, führe es vorsichtig hinter die Dornhecke und warte dort auf ihn.«

Sie führte ihn an ein enges Fenster, durch welches er unbemerkt zwei Dragoner sehen konnte, die bei ihrem Morgentrunke saßen und in einem ernsten Gespräche begriffen waren.

»Je mehr ich daran denke, desto weniger gefällt mirs, Inglis,« sagte der eine. »Evandale war ein guter Offizier und ein Soldatenfreund, und obgleich wir wegen der Empörung auf Tillietudlem bestraft wurden, dennoch – Franz, Du mußt gestehen, wir verdienten es.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich ihm das vergebe,« sagte der andere, »und ich glaube, jetzt kann ich ihm ans Fell.«

»Aber Mensch, Du mußt vergessen und vergeben. – Besser, wir machen uns mit ihm und den übrigen auf und vereinigen uns mit den empörten Hochländern. Wir haben alle König Jakobs Brod gegessen.«

»Du bist ein Esel. Die Erhebung, wie Du's nennst, wird nie stattfinden. Es ist vorbei, Halliday hat einen Geist gesehen, oder Fräulein Bellenden hat den Hühnerpips, oder es ist sonst irgend ein Unsinn. Das Ding hält keine zwei Tage mehr, und der erste Vogel, der's auszwitschert, wird seinen Lohn kriegen.«

»Das ist auch wahr,« sagte sein Kamerad, »wird dann aber dieser Bursche, dieser Basil Olifant, hübsch bezahlen?«

»Wie ein Fürst, Bruder,« sagte Inglis. »Evandale ist der Mann, den er auf Erden am meisten haßt, er fürchtet ihn auch wegen eines Prozesses und denkt, wenn der einmal aus dem Wege geräumt ist, gehört ihm alles.«

»Aber werden wir Verhaftsbefehle und Leute genug kriegen? Hier werden nur wenige gegen Mylord auftreten, und am Ende finden wir gar einige von unsern Kameraden auf seiner Seite.«

»Du bist eine Memme und ein Narr, Dick,« entgegnete Inglis, »er lebt zurückgezogen zu Fairy-Knowe, um keinen Verdacht zu erregen. Olifant gehört zur Obrigkeit und wird schon zuverlässige Leute bei sich haben. Wir sind unserer zwei, und der Laird sagt, er könne einen verzweifelten Whig bekommen, Namens Quintin Mackel, der das Schwert führt und der einen alten Groll auf Evandale hat.«

»Nun gut, Ihr seid mein Offizier, wißt Ihr,« sagte er mit echt soldatischem Gewissen, »und wenn etwas nicht ganz in Ordnung ist, so –«

»So will ichs auf mich nehmen,« sagte Inglis. »Komm nur! Noch einen Krug Bier und dann nach Tillietudlem! – Hier, blinde Beß; – aber wo zum Henker ist die alte Hexe hingekrochen?«

»Haltet sie so lange als möglich auf,« flüsterte Morton, als er der Wirthin seine Börse gab, »alles hängt davon ab, daß wir Zeit gewinnen.«

Darauf eilte er an die Stelle, wo das Mädchen sein Pferd hielt.

»Nach Fairy-Knowe? – Nein,« sprach er bei sich selbst, »ich allein kann sie nicht schützen. – Ich muß augenblicklich nach Glasgow. Wittenbold, der dortige Kommandant, wird mir gern Soldaten geben und die Unterstützung der Civilbehörde verschaffen. – Im Vorbeireiten muß ich eine Warnung fallen lassen. – Komm, Mohrkopf,« sagte er beim Aufsitzen zu seinem Pferde, »heute mußt Du Augen und Beine hergeben.«

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