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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 42
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XL

– – Wo ist der lustige Wirth,
Von dem Ihr spracht? Ich war von je gewohnt,
Mit meinem Wirth zu sprechen.

Liebhabers Pilgerfahrt.

Morton erreichte das Städtchen, ohne auf ein besonderes Abenteuer zu stoßen, und stieg an dem kleinen Wirthshause ab. Auf seinem Ritte war es ihm mehr als einmal eingefallen, daß die Kleider, die er als Jüngling getragen hatte, obgleich seinen Absichten günstig, doch die Bewahrung seines Incognitos erschweren könnten. Aber die paar Jahre der Feldzüge und Reisen hatten sein Aeußeres so verändert, daß er wohl voraussetzen konnte, niemand werde in dem erwachsenen Mann mit den entschlossenen und nachdenkenden Zügen den blöden, schüchternen Jüngling wieder erkennen, der damals beim Vogelschießen den Preis gewonnen hatte. Die einzige Möglichkeit war nur, daß etwa ein Whig, den er zum Kampfe geführt, sich des Hauptmanns der Milnwooder Schützen erinnern könnte, doch gegen eine solche Gefahr konnte er sich nicht verwahren. Der Gasthof schien so besucht, als erfreue er sich noch seines alten Rufes. Gestalt und Benehmen des Niel Blane, der mehr Fett und weniger Artigkeit besaß als ehemals, zeigten, daß er eben so sehr am Beutel als am Leibe zugenommen, denn in Schottland nimmt die Artigkeit eines Wirths mit dessen Emporkommen im Verhältniß ab. Seine Tochter hatte das Ansehen einer geschickten Kellnerin erhalten, ungehindert durch Liebe oder Krieg, was beides ein Schenkmädchen in ihrem Berufe sehr stören kann. Beide bezeugten Morton jenen Grad von Aufmerksamkeit, den ein Reisender ohne Bedienten zu einer Zeit erwarten konnte, wo solche das Kennzeichen vornehmen Ranges waren. Er nahm auch ganz den Charakter an, den sein Aeußeres verkündete, er ging in den Stall und sah selbst nach seinem Pferde, kam zurück und setzte sich in die Schenkstube, denn man hätte es damals für äußerst anmaßend gehalten, wenn er ein eigenes Zimmer verlangt hätte, und befand sich wieder in demselben Gemach, wo er vor einigen Jahren seinen Sieg im Vogelschießen gefeiert hatte, eine lustige Auszeichnung, die so ernste Folgen gehabt hatte.

Er fühlte sich, wie leicht zu errathen ist, seit jener Festlichkeit in seinem ganzen Wesen sehr verändert, und doch schienen, wenn er sich umsah, im Wirthshause die Gruppen kaum anders als damals. Ein paar Bürger schwatzten bei ihrem Gläschen Branntwein, ein paar Dragoner faulenzten bei trübem Bier und fluchten, daß man bei diesen müssigen Zeiten nichts Besseres genießen könne. Ihr Cornet spielte zwar nicht Tricktrack mit dem Pfarrer im Priesterrocke, doch trank er ein kleines Maß aqua mirabilis mit dem presbyterianischen Geistlichen im grauen Mäntelchen. Die Scene war eine andere und doch dieselbe, nur in den Personen, aber nicht im allgemeinen Charakter verschieden.

»Mag die Woge der Welt ebben oder fluthen, wie sie will,« dachte Morton, als er sich umblickte, »immer werden sich genug finden, welche zufällig erledigte Stellen wieder ausfüllen und in den gewöhnlichen Beschäftigungen und Vergnügungen des Lebens lösen sich die Menschen ab wie Blätter auf demselben Baume, mit denselben individuellen Unterscheidungen und derselben allgemeinen Aehnlichkeit.«

Nach einer Pause von einigen Minuten ließ sich Morton, der durch Erfahrung wußte, wie man am zuverlässigsten Aufmerksamkeit errege, eine Kanne Rothwein geben, und als der lächelnde Wirth mit dem zinnernen Maße noch schäumend vom Zapfen erschien, denn es war damals nicht üblich, den Wein auf Flaschen zu ziehen, bat er ihn, sich zu ihm zu setzen und ihm Bescheid zu thun.

Diese Einladung war Niel Blane höchst angenehm, der sie zwar nicht von jedem Gaste, der keine bessere Gesellschaft hatte, erwartete, sie aber doch von vielen erhielt, und bei der Aufforderung also weder beschämt noch überrascht wurde. Er setzte sich mit seinem Gaste in einer entfernten Ecke am Kamine nieder, und während er auf Einladung des Fremden den größten Theil des Getränkes zu sich nahm, ließ er sich des Weitern über Landesneuigkeiten aus, über Geburts- und Sterbefälle, über Heirathen, Eigenthumsveränderungen, über den Fall alter Familien und das Emporkommen neuer. Aber Politik, die fruchtbarste Quelle der jetzigen Unterhaltung, mischte unser Wirth nicht ein, und nur auf eine Frage Mortons gab er oberflächlich zur Antwort: »Ja, wir haben immer noch Soldaten hier, bald mehr, bald weniger. In Glasgow liegt auch etwas deutsche Reiterei, ihr Anführer heißt Wittybody oder ähnlich, und ist so ein alter griesgrämiger Holländer, wie ich nur je einen gesehen habe.«

»Wittenbold vielleicht?« fragte Morton, »ein alter Mann mit grauen Haaren, kurzem, schwarzem Backenbart – spricht wenig? –«

»Und raucht unaufhörlich dazu,« erwiderte Niel Blane. »Ich sehe, Euer Edeln kennt den Mann. Für einen Soldaten und Holländer mag er wohl ein recht guter Mann sein, aber wenn ihm auch zehn Generale und ebenso viel Wittybodies im Leibe stecken, auf die Sackpfeife versteht er sich nicht, denn er hieß mich mitten im besten Hopser von der Welt aufhören.«

»Aber diese Bursche da,« fragte Morton mit einem Blick auf die Soldaten, die im Zimmer waren, »die sind doch nicht von seinem Corps?«

»Nein, das sind schottische Dragoner,« sagte der Wirth, »unser eigenes altes Ungeziefer! Vor langer Zeit standen sie unter Claverhouse und stünden vielleicht gern wieder unter ihm, wenn er noch die Zügel hätte.«

»Hat sich nicht ein Gerücht von seinem Tode verbreitet?« fragte Morton.

»Freilich, Ihr habt Recht,« sagte der Wirth, »es ist so ein Gerede im Umlauf, aber nach meiner Ansicht dauerts lange, bis der Teufel stirbt. Ich wollte, die Leute hier sähen sich vor. Wenn er losbricht, so ist er von den Hochlanden ebenso schnell herunter, als ich dies Glas austrinke, und was gibts dann? All die Höllenbrände von Dragonern tanzen bald nach seiner Pfeife. Freilich sind sie jetzt Wilhelms Leute, wie sie früher Jakobs Leute waren, mit gutem Grund, sie fechten fürs Geld, um was sollten sie auch fechten? Sie haben ja weder Haus noch Hof. Es ist doch ein hübsch Ding die Veränderung oder die Revolution, wie mans heißt. Man kann doch jetzt vor diesen Burschen sprechen, ohne zu fürchten, aufs Wachthaus geschleppt zu werden oder die Daumschrauben auf die Finger zu kriegen, gerade wie man den Pfropfenzieher durch den Stöpsel treibt.«

Nach einer kleinen Pause fragte Morton, der bereits sicher war, im Vertrauen des Wirths Fortschritte gemacht zu haben, ob Blane eine Frau in der Nachbarschaft kenne, Namens Elisabeth Maclure.

»Ob ich Bessie Maclure kenne?« antwortete der Gastwirth mit lautem Wirthsgelächter, »wie sollt ich meines eigenen Weibes, Gott hab sie selig, ersten Mannes Schwester, Bessie Maclure, nicht kennen? Ja, ein ehrlich Weib ists, aber heimgesucht durch Unglück, sie hat zwei wackere Söhne verloren zur Zeit der Verfolgung, wie mans jetzt nennt, und sanft und fromm hat sie ihre Bürde getragen, ohne jemand zu tadeln oder zu verdammen. Wenns noch ein rechtschaffen Weib auf Erden gibt, so ists Bessie Maclure. Und, wie gesagt, diese beiden Söhne zu verlieren und die Dragoner noch einen Monat lang auf dem Hals haben, denn wer auch oben schwimmt, Whigs oder Tories, bei Wirthen werden die Schurken immer einquartirt –«

»Die Frau hält also ein Wirthshaus?« unterbrach Morton.

»So eine kleine ärmliche Schenke,« sagte Blane, indem er sich in seiner trefflichen Einrichtung umschaute, »saures Dünnbier schenkt sie für Leute, die zu müde sind vom Reisen, um wählerisch zu sein, aber was man ein lebhaftes Geschäft, ein gedeihliches Wirthshaus nennt, das ist es lange nicht.«

»Könnt Ihr mir einen Führer dorthin verschaffen?« fragte Morton.

»Euer Edeln werden doch die Nacht hier bleiben? Bei Bessie werdet Ihr wohl nicht Eure Bequemlichkeit finden,« sagte Niel, dessen Rücksicht auf die arme Verwandte keineswegs so weit ging, ihr Gäste zuzuweisen.

»Ich erwarte einen Freund dort,« sagte Morton, »ich bin hier bloß eingekehrt, um eins zu trinken und nach dem Wege zu fragen.«

»Es wäre besser, wenn Euer Gnaden jemand zu Eurem Freunde schickte und ihn herkommen ließe,« sagte der Wirth mit der ganzen Beharrlichkeit seines Berufs.

»Ich sage Euch ja, Herr Wirth,« antwortete Morton ungeduldig, »das kann mir nichts helfen, ich muß durchaus zu der Frau Maclure gehen und wünsche deshalb einen Führer.«

»Nun macht, wie Ihrs wollt, lieber Herr,« sagte der Wirth etwas verlegen, »aber Ihr braucht keinen Schwerenothsführer. Wenn Ihr eine halbe Meile gerade am Wasser hinunter geht, als wolltet Ihr nach Milnwoodhouse und dann den ersten holprigen und ausgefahrenen Weg nach den Bergen einschlagt, den Ihr an der morschen Esche, die an einem Brunnen steht, gerade wo der Weg sich kreuzt, erkennen werdet, und dann den Fußweg weiter reitet, so könnt Ihr der Wittwe Maclure Schenke nicht verfehlen, denn zehn schottische Meilen weit, und das ist so viel wie zwanzig englische, ist weder Haus noch Hütte sonst zu bemerken. Es thut mir leid, daß Eure Gnaden die Nacht nicht bei uns bleiben will, aber meiner Frau ihre Schwägerin ist eine brave Frau, und was ein Freund gewinnt, ist nicht verloren.«

Morton zahlte seine Zeche und ritt fort. Als die Sonne unterging, war er an der Esche, wo der Pfad aufwärts gegen die Moore führte.

»Hier,« sagte er zu sich selbst, »fing mein Unglück an, denn gerade hier, als Burley und ich in der ersten Nacht unseres Zusammentreffens uns trennen wollten, wurde er durch die Nachricht beunruhigt, daß ihm die Soldaten die Pässe verlegt hätten und ihm auflauerten. Unter dieser Esche saß das alte Weib, das ihm die Gefahr mittheilte. Wie seltsam, daß mein ganzes Schicksal mit dem dieses Mannes so unzertrennlich verwebt ist, ohne daß ich mehr gethan hätte, als die gewöhnliche Pflicht der Menschlichkeit erfüllt. Wollte Gott, ich fände meine bescheidene Ruhe an der Stelle wieder, wo ich sie verloren!« Der Abend senkte sich herab, als er die enge Schlucht hinaufritt, die ehemals ein Wald, jetzt aber eine von Bäumen fast ganz entblößte Vertiefung war. Zwischen den wenigen übrig gebliebenen Bäumen brauste der Bergstrom mit seiner ganzen Frische und Lebendigkeit hinab und verlieh der Landschaft jenes Leben und Weben, das ein Gebirgsstrom einer unfruchtbaren Gegend zu verleihen vermag. Die Straße folgte dem Bett des Baches, der bald sichtbar, bald wieder nur durch sein Brausen vernehmbar war, da sein Lauf gelegentlich sich in Gestein und Felsspalten verlor.

»Murrst auch Du?« sagte Morton, als er das Geräusch vernahm. »Bist Du unwillig über die Felsen, die Deinen Lauf hemmen? Und doch gibt es ein Meer, das Dich aufnimmt, wie es eine Ewigkeit für den Menschen gibt, wenn seine bittere und schnelle Laufbahn durch das Thal des Lebens aufhört. Was Dein armseliges Schäumen und Brausen gegenüber den ungeheuren Wassern des Oceans ist, das sind unsere Sorgen, Hoffnungen, Befürchtungen, Freuden und Schmerzen gegenüber den Gegenständen, die uns beschäftigen müssen, die unendliche und furchtbare Zeitfolge – die Ewigkeit hindurch!«

So moralisirte er, als er zu einer Stelle kam, wo die Schlucht sich erweiterte und ein kleines grünes Thal sich zeigte, wo auf einem Stück Feld etwas Getreide wuchs. Eine Hütte, deren Mauern nicht über fünf Fuß hoch waren und deren Strohdach von Nässe, Moos, Hauswurz und Gras über und über grün, an einigen Stellen durch zwei weidende Kühe beschädigt worden war, stand daneben. Eine ebenso falsch wie schlecht geschriebene Inschrift belehrte den Reisenden, daß für Mann und Roß hier gesorgt sei, keine unwillkommene Mittheilung, so roh auch die Hütte schien, wenn man den schlechten Weg erwog, der hierher führte, und die hohen, öden Gebirge, welche in einsamer Majestät hinter diesem demüthigen Asyl sich erhoben. Nur an einem solchen Orte konnte Burley einen gleichgesinnten Freund finden, dachte Morton. Als er sich näherte, fand er die Hausfrau an der Thüre sitzen, sie war durch ein großes Erlengebüsch bisher vor ihm verborgen.

»Guten Abend, Mütterchen,« sagte der Reisende. »Euer Name ist Frau Maclure?«

»Elisabeth Maclure, lieber Herr, eine arme Wittwe,« war ihre Antwort.

»Könnt Ihr einen Fremden eine Nacht beherbergen?«

»O ja, wenn der Herr mit dem Brod und dem Krug der Wittwe vorlieb nehmen will.«

»Ich bin Soldat gewesen, gute Frau,« antwortete Morton, »mir ist bei der Bewirthung nichts unwillkommen.«

»Ein Soldat?« seufzte die alte Frau, »Gott geb Euch ein besseres Gewerbe, lieber Herr.«

»Man hält diesen Stand für ehrenvoll, gute Frau, und ich hoffe, Ihr denkt darum nicht schlimmer von mir, weil ich ihm angehört habe.«

»Ich richte niemanden, Herr,« erwiderte die Frau, »Eure Stimme tönt wie die eines guten artigen Mannes. Aber ich habe so viel Unglück von den Soldaten in diesem Lande erfahren, daß ich recht froh bin, mit diesen blinden Augen gar nichts mehr zu sehen.«

Morton bemerkte jetzt erst, daß die Frau blind war.

»Werd' ich Euch nicht beschwerlich fallen, gute Frau?« sagte er gerührt, »Euer Gebrechen paßt schlecht zu Eurem Geschäft.«

»Nein, lieber Herr,« antwortete die alte Frau, »ich kann recht flink im Hause herumgehen, ich hab auch ein kleines Mädchen zur Aushilfe, und die Dragoner werden für eine Kleinigkeit nach Eurem Pferde sehen, wenn sie von der Streifwache heimkehren. Sie sind jetzt höflicher als sonst.«

Nach diesen Versicherungen stieg Morton ab.

»Paggy, mein Hühnchen,« fuhr die Wirthin zu einem kleinen zwölfjährigen Mädchen gewendet fort, das inzwischen herbeigekommen war, »führe des Herrn Pferd in den Stall, mache den Gurt los, nimm ihm die Zügel ab und wirf ihm eine Hand voll Heu vor, bis die Dragoner zurückkommen. Hierher, mein Herr,« fuhr sie fort, »Ihr werdet mein Haus rein finden, so arm es auch ist.«

Morton folgte ihr in die Hütte.

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