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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 40
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXXVIII

Beglückte Berge, schattiger Hain!
Umsonst geliebtes Land!
Wo sorglos einst das Kind geschweift,
Dem Schmerz noch unbekannt.

Ode auf eine ferne Aussicht nach Eton College.

Nicht nur durch körperliche Bedürfnisse und Gebrechen werden die ausgezeichnetsten Menschen während ihrer Lebenszeit mit der gewöhnlichen Menge auf gleiche Stufe gestellt. Es gibt Zeiten geistiger Erregung, wo selbst der stärkste der Sterblichen sich mit dem schwächsten seiner Brüder auf gleiche Stufe stellen muß, und wo seine Leiden, während er diesen allgemeinen Zoll der Menschheit bezahlt, sich noch durch den Gedanken vergrößern, daß er in der Nachgiebigkeit gegen seinen Kummer die Vorschriften der Religion und Philosophie verletzt, denen er sonst seine Leidenschaften und Handlungen unterwirft. In einem solchen Paroxysmus verließ der unglückliche Morton Fairy-Knowe. Der Gedanke, daß seine lange und noch jetzt geliebte Editha, deren Bild sein Herz seit so vielen Jahren erfüllt hatte, im Begriff stehe, sich mit seinem früheren Nebenbuhler zu vermählen, der durch viele Dienstleistungen so große Ansprüche auf ihr Herz hatte, daß sie kaum noch berechtigt war, seine Bewerbungen zurückzuweisen, dieser Gedanke, so bitter er auch war, traf ihn dennoch nicht wie ein ganz unerwarteter Schlag. Während seines Aufenthaltes im Auslande hatte er nur einmal an Editha geschrieben, er hatte ihr auf immer Lebewohl sagen wollen und sie beschworen, ihn zu vergessen. Er hatte sie gebeten, seinen Brief nicht zu beantworten, doch hatte er halb und halb gehofft, sie werde seine Ermahnung nicht befolgen. Der Brief war nie in ihre Hände gekommen, und Morton, der dies nicht wußte, konnte nur vermuthen, daß er, seiner uneigennützigen Bitte gemäß, vergessen worden sei. Alles, was er seit seiner Rückkehr nach Schottland von ihrem gegenseitigen Verhältniß hörte, bereitete ihn darauf vor, Fräulein Bellenden als Lord Evandales Verlobte zu betrachten, und selbst wenn sie ihrer Verbindlichkeit gegen den Lord ledig gewesen wäre, hätte es sich nicht mit seinem Edelmuth vertragen, das Verhältniß zu stören und einen Anspruch geltend zu machen, der durch seine lange Abwesenheit verjährt und durch den Widerspruch ihrer Verwandten sowie durch tausend Schwierigkeiten behindert war. Warum suchte er aber die ärmliche Wohnung auf, die in ihrer bedrängten Lage der Zufluchtsort der Lady Margarethe und ihrer Enkelin war? Wir müssen einräumen, daß er hier nur einem Wunsche nachgab, den wohl mancher in seiner Lage gehegt haben würde, über den er keine Rechenschaft von seiner Vernunft forderte.

Ein bloßer Zufall setzte ihn auf seiner Reise nach der Heimat in Kenntniß, daß die Damen, an deren Wohnung er vorüber mußte, abwesend seien, und da er zudem erfuhr, daß Cuddie und sein Weib in ihren Diensten ständen, konnte er nicht umhin, in deren Hütte einzukehren, um wo möglich zu erfahren, welche Fortschritte Lord Evandale in der Zuneigung des Fräulein Bellenden, die leider nicht mehr seine Editha war, gemacht hätte. Diese Unbesonnenheit endete, wie wir bereits erzählt, und Morton verließ Fairy-Knowe mit dem Bewußtsein, daß er von Editha noch immer geliebt, aber durch Treue und Ehre gezwungen sei, ihr auf ewig zu entsagen. Welche Empfindungen bei dem Gespräche zwischen Evandale und Editha, das er zum größten Theil mit angehört, sich seiner bemächtigten, mag sich der Leser selbst ausmalen, da wir sie nicht zu beschreiben wagen. Hundertmal war er versucht, hineinzustürzen und zu rufen: »Editha, ich lebe noch!« – Doch ebenso oft hielt ihn das Bewußtsein, daß Editha dem Lord Treue gelobt, und daß er ihm selbst sein Leben verdanke, von seiner Unbesonnenheit zurück, die allen noch größeres Unheil, ihm selbst aber wenig Aussicht auf Glück gebracht haben würde. Er unterdrückte daher alle selbstsüchtigen Regungen mit Gewalt, wenn auch mit einem Schmerze, der jeden Nerv in ihm durchbebte.

»Nein, Editha!« schwur er in seinem Innern, »nie will ich einen Dorn Deinem Kissen hinzufügen. – Mag Gottes Wille geschehen, mein selbstsüchtiger Wunsch soll die Bürde, die Du schon zu tragen hast, auch nicht um ein Atom vergrößern, ich war todt für Dich, als Dein Entschluß gefaßt wurde, und niemals sollst Du erfahren, daß Heinrich Morton noch lebt!«

Während er diesen Entschluß faßte, mißtraute er seiner Kraft, ihn durchzuführen, und suchte in der Flucht jene Festigkeit, welche jeden Augenblick durch Edithas Stimme erschüttert wurde; schnell eilte er davon durch das kleine Gemach und die Glasthür, welche nach dem Garten führte.

So fest er aber auch sein mochte, er konnte die Stelle nicht verlassen, wo die letzten Töne der geliebten Stimme noch in seinem Ohre klangen, ohne die letzte Gelegenheit zu benutzen, einen Blick auf die holde Sprecherin zu werfen. Er wagte den Versuch, weil Editha ihre Augen unverwandt auf den Boden geheftet zu haben schien, und sie entdeckte Mortons Gegenwart nur, als sie dieselben emporrichtete. Sobald ihr wilder Schrei dies dem unglücklichen Gegenstande einer so beständigen und, wie es schien, verhängnißvollen Liebe kund that, eilte er, wie von Furien gepeitscht, hinweg. Er stürzte an Halliday vorüber, ohne ihn zu erkennen oder auch nur zu bemerken, daß dieser ihn gesehen, warf sich auf sein Pferd, und mehr aus Instinkt als aus Ueberlegung schlug er den ersten Nebenweg statt die Hauptstraße nach Hamilton ein.

Dies hinderte aller Wahrscheinlichkeit Lord Evandale, zu erfahren, daß Morton wirklich noch lebe, denn die Nachricht, daß die Hochländer einen entscheidenden Sieg bei Killiekrankie erfochten, hatte eine sorgfältige Bewachung aller Pässe veranlaßt, weil man Unruhen unter den Jakobiten des Tieflandes befürchtete. Auch an der Bothwellbrücke verabsäumte man nicht, Posten aufzustellen, und da diese keinen Reisenden in westlicher Richtung gesehen hatten und deren Kameraden im Dorfe Bothwell eben so steif und fest behaupteten, es sei keiner ostwärts geritten, so wurde jene Erscheinung für Lord Evandale immer unbegreiflicher, so daß er am Ende glaubte, die aufgeregte Einbildungskraft Edithas habe das Phantom heraufbeschworen, das sie gesehen zu haben behauptete, und Halliday sei auf eine unerklärliche Weise von dem Aberglauben angesteckt worden.

Indessen kam Morton auf dem Nebenwege in all der Eile, deren sein Pferd fähig war, an den Clyde. Dreimal machte er den Versuch, mit dem Pferde hindurchzuschwimmen, bis er endlich das jenseitige Ufer erreichte.

»Aber wohin nun meinen Weg richten?« fragte Morton in der Bitterkeit seines Herzens. »Oder vielmehr, was kommt es darauf an, nach welcher Richtung der Windrose ein Unglücklicher seinen Weg richtet? Wäre es nicht sündhaft, ich würde zu Gott beten, daß diese dunklen Wasser mich überfluthet, und jede Erinnerung an das, was war und ist, hinweggeschwemmt hätten.«

Kaum aber hatte er diesen Aeußerungen der Ungeduld Luft gemacht, als er sich auch seines Paroxysmus schämte. Er erinnerte sich, wie sein Leben, das er jetzt im Schmerz seiner Hoffnungslosigkeit gering achtete, so wunderbar erhalten worden war, mitten in den drohenden Gefahren, die ihn unaufhörlich betroffen hatten, seit er ins öffentliche Leben getreten war.

»Ich bin ein Thor, ja, schlimmer als ein Thor,« sagte er, »daß ich das so gering achte, was der Himmel mir so oft auf das wunderbarste bewahrt hat. Etwas blieb mir noch in dieser Welt, und wäre es nur, meinen Kummer zu tragen wie ein Mann und denjenigen beizustehen, die meiner Hilfe bedürfen. Was hab ich gesehen, was hab ich gehört, als das Ende, das ich doch im voraus kannte? Sie – er wagte sogar im Selbstgespräch nicht, ihren Namen zu nennen – sie ist in schweren Bedrängnissen. Sie ist ihres Erbes beraubt, und er scheint im Begriffe, sich in irgend eine gefährliche Laufbahn stürzen. Gibts keine Mittel, ihnen zu helfen?«

Als er dieses erwog und seine Gedanken mit Gewalt von seinem eignen Unglück ablenkte, um seine ganze Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten Edithas und ihres Verlobten zu richten, fiel ihm plötzlich Burleys längstvergessener Brief ein und erhellte seinen Geist wie ein Lichtstrahl, der durch den Nebel dringt. »Ihr Untergang muß sein Werk sein,« dachte er. – »Ist Abhilfe noch möglich, so nur durch ihn oder durch Nachrichten über ihn. Ich will ihn wenigstens aufsuchen, und wer weiß, welchen Einfluß die Nachrichten, die ich von ihm erhalten kann, auf das Schicksal derer haben, die ich niemals wiedersehen werde; und die auch wahrscheinlich nie erfahren, daß ich jetzt meinen eigenen Kummer unterdrücke, um womöglich ihr Glück zu erhöhen.«

Belebt von diesen Hoffnungen, so schwach auch ihr Grund war, suchte er den nächsten Weg nach der Heerstraße, und da ihm hier, weil er in seiner Jugend im Thale gejagt hatte, alle Pfade genau bekannt waren, hatte er keine Schwierigkeiten weiter, als über einige Hecken zu setzen, um auf die Straße nach dem kleinen Flecken zu gelangen, wo das Vogelschießen stattgefunden. Er ritt zwar in düsterer Schwermuth und Niedergeschlagenheit fort, dennoch fühlte er sich befreit von dem fast unerträglichen Schmerze; denn tugendhafter Entschluß und männliches Entsagen ermangeln selten, dort wenigstens die Gemüthsruhe herzustellen, wo sie kein Glück erzeugen können. Er richtete seine Gedanken nun ganz auf die Mittel, Burley zu entdecken, denn er durfte hoffen, von diesem manches zu erfahren, was derjenigen nützen könnte, für deren Sache er so besorgt war, und so beschloß er denn, sich durch die Umstände leiten zu lassen, in welchen er den Gegenstand seines Suchens finden möchte. Da nämlich, nach Cuddies Mittheilung, eine Spaltung zwischen ihm und den Presbyterianern entstanden war, so konnte er ihn vielleicht jetzt weniger dem Fräulein Bellenden abhold und mehr geneigt finden, die Macht, die er über ihr Vermögen und Schicksal zu besitzen vorgab, günstiger für sie als bisher anzuwenden. Der Mittag war vorüber, als sich unser Reisender beim Hause seines verstorbenen Oheims zu Milnwood befand. Es erhob sich zwischen Hainen und Lichtungen, an die tausend Jugenderinnerungen der Freude und Lust geknüpft waren, und machte auf Morton jenen elegischen Eindruck, der sanft und das Herz rührend, doch zugleich auch besänftigend, ein empfängliches Gemüth ergreift, wenn es nach den Wechselfällen und Stürmen des Lebens zu den Spielplätzen der Jugend zurückkehrt. Ihn überkam ein heftiges Verlangen, des Oheims Haus selbst zu besuchen. Die alte Alison, dachte er, wird mich eben so wenig erkennen, als das ehrliche Paar, das ich gestern sah. Ich kann daher meiner Neugierde nachgeben und dann meine Reise fortsetzen, ohne daß sie das Geringste erfährt. Man hat mir, dächt ich, gesagt, mein Oheim habe ihr mein Familiengut vermacht – nun gut! Ich habe andern Kummer genug, um auch noch darüber zu klagen, und doch hat er, wie mir scheint, in der keifenden Dame einer Reihe achtbarer, wenn nicht ausgezeichneter Ahnen eine sonderbare Nachfolgerin gegeben.

Das Herrenhaus zu Milnwood hatte selbst in seinen besten Zeiten nichts Freundliches, aber doppelt düster war es unter den Auspizien der alten Haushälterin. Zwar war alles, bis auf die Schieferplatten am Dache und die Scheiben im Fenster, in der besten Ordnung, aber das Gras im Hofe sah aus, als wenn keines Menschen Fuß seit Jahren hier gewandelt hätte, die Thüren waren sorgfältig geschlossen, und die, welche zur Halle führte, schien lange nicht geöffnet worden zu sein, so ungehindert hatten die Spinnen ihr Gewebe über Eingang und Pfosten gezogen. Kein lebendes Wesen war zu sehen und zu hören, und nur nach einem langen Pochen hörte Morton das kleine Fenster öffnen, wodurch man gewöhnlich die Gäste zuerst begrüßte. Alisons Gesicht, mit einigen Dutzend Runzeln mehr versehen als damals, wo Morton Schottland verließ, zeigte sich jetzt in einer weiten Haube, unter deren Bedachung sich einige graue Locken auf eine mehr reale als malerische Weise hervorstahlen, indeß sie mit ihrer gellenden Stimme nach der Ursache des Pochens fragte.

»Ich möchte einen Augenblick mit einer gewissen Liese Wilson sprechen, welche hier wohnt,« sagte Heinrich.

»Sie ist heute nicht daheim,« antwortete Fräulein Wilson in eigener Person, denn der Zustand ihres Kopfputzes hatte ihr den Gedanken eingegeben, sich zu verleugnen, »und Ihr seid wirklich ungehobelt, so nach ihr zu fragen. Ihr hättet wohl sagen können: Fräulein Wilson von Milnwood.«

»Um Verzeihung,« sagte Morton, heimlich lächelnd, daß die alte Ailie noch immer so eifersüchtig auf Achtungsbezeugungen hielt, wie ehemals, »um Verzeihung, ich bin nur ein Unbekannter hier zu Lande, und so lange in der Fremde gewesen, daß ich fast meine Muttersprache verlernt habe.«

»Kommt Ihr aus fremden Ländern?« fragte Ailie, »dann habt Ihr wohl etwas von einem jungen Edelmann von hier, von einem Heinrich Morton, gehört?«

»Ich habe von einem Manne dieses Namens in Deutschland gehört,« sagte Morton.

»Nun, so wartet ein wenig, wo Ihr da steht, Freund, oder wartet, geht rund ums Haus, da ist eine kleine Thür, die findet Ihr auf, denn sie wird vor Abend nicht geschlossen, klinkt sie auf, fallt aber nicht übers Faß, es ist dunkel, dann geht rechts, dann grade aus, dann geht wieder rechts, hütet Euch aber vor den Kellerstufen, und dann seid Ihr an der Küchenthür, das ist die einzige Küche, die jetzt zu Milnwood ist. – Ich komme gleich zu Euch hinab, und was Ihr dem Fräulein Wilson zu sagen habt, das könnt Ihr ruhig mir sagen.«

Ein Fremder würde trotz der genauen Anweisung Ailies einige Schwierigkeiten gehabt haben, sich mit heiler Haut in dem dunklen Labyrinth von Gängen durchzusteuern, die von der Hinterthür in die kleine Küche führten, aber Heinrich war zu wohl mit der Schiffahrt in diesen Meerengen vertraut, um Gefahr an der Scylla zu laufen, die in der Gestalt eines großen Fasses auf ihn lauerte, oder in die Charybdis zu stürzen, die auf der andern Seite in der Tiefe einer gewundenen Kellertreppe ihn angähnte. Das einzige Hinderniß auf diesem Wege war das heftige Gebell eines Wachtelhundes, der ihm früher zugehört hatte, jetzt aber, unähnlich dem treuen Argus, seinen Herrn von den Irrfahrten ohne Zeichen der Wiedererkennung zurückkehren sah.

»Auch die kleinen Hunde, wie alle andern,« sagte Morton, als er sich von seinem kleinen Liebling so verleugnet sah, »ich bin so verändert, daß kein lebendes Wesen, das ich kannte und liebte, mich wieder erkennen will.«

In diesem Augenblicke hatte er die Küche erreicht, und bald ließen sich Alisons hohe Absätze und das Klappern ihres Krückstocks vernehmen, der sie stützte und leitete, eine Anmeldung, welche noch lange währte, ehe sie selbst die Küche erreichte. Morton hatte demnach Zeit den dürftigen Haushalt zu betrachten, der jetzt im Hause seiner Vorfahren genügte. Obwohl es Kohlen die Hülle und Fülle in der Nachbarschaft gab, war die Feuerung doch mit der genauesten Rücksicht auf Oekonomie eingerichtet, und das Kesselchen, in welchem die Alte und ihre Bedienung, ein Mädchen von 12 Jahren, ihr Abendbrod kochte, deutete mit seinem leichten und wässrigen Dampfe an, daß Ailie ihre Kost nicht verbessert habe, seitdem sich ihre Glücksumstände so gewaltig geändert. Als sie endlich eintrat, zeigten das wichtige Nicken mit dem Kopfe, die Züge, in welchen eine zur Gewohnheit gewordene Verdrießlichkeit mit einem von Natur gutmüthigen Temperament stritt, die Haube, die Schürze, der blaugewürfelte Rock, ganz die alte Ailie, nur die gestickte Flügelhaube, die sie eilig aufgesetzt hatte, um den Fremden zu empfangen, und anderer kleiner Putzkram bezeichneten den Unterschied zwischen Fräulein Wilson von Milnwood und der Haushälterin des verstorbenen Eigenthümers.

»Was wäre Euch gefällig von Fräulein Wilson, lieber Herr? Ich bin Fräulein Wilson.« Die fünf Minuten hatte sie zu ihrer Metamorphose genügend gehalten.

Mortons Gefühle, durch die Erinnerungen an die Vergangenheit und die Betrachtung der Gegenwart verwirrt, brachten ihn so aus der Fassung, daß er schwerlich hätte antworten können, selbst wenn er gewußt hätte, was er sagen sollte; da er aber noch gar nicht entschlossen war, welche Rolle er spielen wollte, um seine Person zu verheimlichen, so hatte er auch einen Grund mehr zu schweigen. Fräulein Wilson wiederholte in ängstlicher Verlegenheit ihre Frage.

»Was wünschet Ihr von mir, werther Herr? Ihr sagtet ja, daß Ihr Herrn Heinrich Morton kenntet?«

»Verzeiht, Madame, ich meinte einen gewissen Silas Morton.«

Die Züge der Alten veränderten sich.

»Seinen Vater habt Ihr gekannt, den Bruder des seligen Milnwood? Den könnt Ihr in der Fremde nicht gekannt haben, der kam heim, ehe Ihr geboren wurdet. Ich glaubte, Ihr hättet mir Nachricht von Herrn Heinrich gebracht.«

»Von meinem Vater lernte ich den Obersten Morton kennen,« sagte Heinrich, »von dem Sohne weiß ich wenig oder gar nichts. Man sagt, er sei auf der Ueberfahrt nach Holland ertrunken.«

»Das ist vielleicht nur allzuwahr,« sagte sie seufzend, »und hat diesen alten Augen gar manche Thräne gekostet. Sein Oheim, der arme Herr, ist gestorben mit seinem Namen auf der Zunge. Auf dem Todtenbette gab er mir noch Anweisung über Brod, Wein und Branntwein bei seiner Beerdigung, und wie oft man's in der Gesellschaft herumreichen solle, denn im Leben wie im Tode war er ein kluger, mäßiger und sorgsamer Mann, und dann sagte er: »Ailie,« er nannte mich immer schlechtweg Ailie, wir waren ja alte Bekannte, »Ailie, halte alles fein zusammen, denn der Name Morton von Milnwood ist ausgegangen, wie der letzte Ton eines Liedes,« und so fiel er aus einer Ohnmacht in die andere und sprach nichts mehr, außer etwas von einem gezogenen Talglichte, dabei sehe man genug, um sterben zu können, gegossene konnte er nie ausstehen, und unglücklicherweise stand ein solches auf dem Tische.«

Während so Fräulein Wilson die letzten Augenblicke des alten Knausers schilderte, war Morton eifrig bemüht, die zudringliche Neugier des kleinen Hundes abzuwehren, der nach langem Beschnuppern auf eine Art an dem Fremden hinaufsprang, die diesen jeden Augenblick zu verrathen drohte. Endlich rief Morton voll Ungeduld: »Kusch Dich, Elphin! Kusch Dich doch!«

»Ihr kennt des Hundes Namen!« rief die Alte höchst erstaunt. »Ihr kennt des Hundes Namen, und der ist doch kein gewöhnlicher. Und die Kreatur kennt Euch auch,« fuhr sie noch bewegter und lauter fort. »Gerechter Gott, es ist mein lieber Junge!«

Mit diesen Worten warf sich die alte Frau Morton um den Hals, umarmte und küßte ihn, als wäre er ihr eigener Sohn, und weinte vor Freude. Nunmehr war die Entdeckung nicht abzuwehren, er erwiderte daher ihre Umarmung mit der dankbarsten Wärme und sagte:

»Ja, ich lebe noch, gute Ailie, um Euch für Eure frühere und gegenwärtige Liebe zu danken, und es freut mich, daß mich doch wenigstens ein Wesen freundlich willkommen heißt in meinem Vaterlande.«

»Freundlich?« rief Ailie, »ach gar viele werden freundlich gegen Euch sein, viele, denn Ihr habt Geld, Kind, Ihr habt ja Geld. Gott gebe, daß Ihr es gut anwendet. Aber ach, du lieber Gott,« fuhr sie fort und schob ihn mit der zitternden eingeschrumpften Hand von sich, um in gehöriger Entfernung die Zerstörung zu betrachten, welche der Kummer noch mehr als die Zeit auf seinem Antlitz angerichtet hatte. »Ach, Ihr habt Euch gewaltig verändert, Kind, Euer Angesicht ist bleich geworden, Eure Augen sind eingesunken und Eure schönen Wangen, die wie Milch und Blut aussahen, sind dunkel und sonnenverbrannt. Wehe über den Krieg! Wie manch schmuckes Gesicht hat er schon zerstört! Wann seid Ihr angekommen, Kind? Wo seid Ihr gewesen? Was habt Ihr gemacht? Warum habt Ihr nicht geschrieben? Warum habt Ihr Euch für todt ausgegeben? Und warum seid Ihr um Euer eigenes Haus so herumgeschlichen, als obs nicht geheuer mit Euch wäre, um die alte Ailie zu erschrecken?« Endlich schwieg sie und lächelte durch ihre Thränen.

Es dauerte lange, bis Morton seine Rührung so bewältigen konnte, um der treuen Alten die Nachrichten zu geben, die wir unsern Lesern im nächsten Kapitel mittheilen werden.

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