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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel II

In Qualen ringen Reiter jetzt und Pferde,
Mit den Gewaffen stürzt der Mann zur Erde.

Freuden der Hoffnung.

Berücksichtigt man die Ungewandtheit bei Männern und Rossen, so war die Waffenübung erträglich genug ausgefallen, und nun wurde durch lautes Rufen kund und zu wissen gethan, daß die Preisbewerber bereit ständen, das Schießen nach dem schon erwähnten Papagei zu beginnen. Der Mast oder vielmehr die lange Stange, durch welche ein Querholz lief, an dem das Ziel sich befand, wurde unter lautem Jubelgeschrei der Versammelten aufgerichtet, und selbst die, welche den Uebungen der Feudalmiliz mit boshaftem und spöttischem Lächeln zugeschaut hatten, weil sie der königlichen Sache, der sie sich zum Schein zugethan zeigen mußten, abgeneigt waren, selbst diese konnten nicht umhin, an dem jetzt beginnenden Wettstreit einen sehr bedeutenden Antheil zu nehmen. Haufenweis drängten sie sich nach dem Schießstande, kritisirten alle der Reihe nach auftretenden Bewerber, die nach dem Ziele schossen, und für ihre Gewandtheit oder Ungeschicklichkeit Gelächter oder Beifall der Zuschauer einernteten. Als aber ein schlankgewachsener, zwar einfach aber nicht ohne Anspruch auf Eleganz und Vornehmheit gekleideter Jüngling mit seinem Feuerrohr in der Hand herantrat, dessen dunkelgrüner über die Schulter zurückgeschlagener Mantel, gesticktes Wamms und mit Federn gezierte Mütze auf einen Mann von höherem Stande deuteten, erhob sich ein von Theilnahme zeugendes Gemurmel unter den Zuschauern; doch war schwer zu erkennen, ob es zu Gunsten des jungen Abenteurers geschah.

»Ei, ei! muß man eines solchen Vaters Sohn bei dergleichen Narretheidingen sehen!« riefen die ältern und strengern Puritaner, deren Neugier ihre Bigotterie insoweit zurückgedrängt hatte, daß sie auf den Schießplatz gegangen waren. Die Mehrzahl jedoch betrachtete den Wettstreit nicht so mürrisch und begnügte sich damit, dem Sohne eines verstorbenen presbyterianischen Führers den besten Erfolg zu wünschen, ohne gerade ängstlich zu prüfen, ob es auch wohl seinerseits schicklich sei, sich mit um den Preis zu bewerben.

Ihre Wünsche wurden erfüllt. Beim ersten Schusse aus seinem Feuerrohre traf der grüne Abenteurer den Papagei. Es war dieses an jenem Tage der erste Schuß, welcher wirklich traf; mehrere andere Kugeln waren übrigens nahe am Ziel vorbeigeflogen. Ein lauter Beifallruf erhob sich. Doch war der Erfolg noch nicht entscheidend, weil jeder folgende Schütz ebenso gut treffen konnte, und alle die, welchen es wirklich gelang, zuletzt unter einander um den Preis streiten mußten, bis die Ueberlegenheit des einen über alle durchaus ausgemacht war. Unter den Folgenden waren aber nur noch zwei so glücklich, den Papagei zu treffen. Der erste war ein junger Mann niederen Standes, von markigem Körperbau; er hielt sein Gesicht in einen grauen Mantel gehüllt; der andere ein stattlicher junger Cavalier, ausgezeichnet durch seine hübsche Gestalt, und sorgfältig für diesen Tag geputzt. Seit der Musterung war er immer in der Nähe der Lady Margarethe und Miß Bellenden geblieben, hatte sie aber mit einer gewissen gleichgültigen Kälte verlassen, nachdem Lady Margarethe die Frage aufgeworfen, ob denn kein junger Mann von Familie und loyalen Grundsätzen da sei, welcher den zwei Burschen, deren Kugeln getroffen hatten, den Preis streitig machen wolle? In einer halben Minute sprang der junge Lord Evandale vom Pferde, ließ sich von einem Diener ein Gewehr geben, und traf, wie schon gesagt, das Ziel. Diese Erneuerung des Wettstreites zwischen den drei Bewerbern erregte große Theilnahme. Der Staatswagen des Herzogs wurde mit einiger Mühe und Schwierigkeit in Bewegung gesetzt und rückte dem Schauplatze der Handlung etwas näher; auch die Reiter, sowohl männliche als weibliche, lenkten ihre Rosse eben dahin, und alle waren auf den Ausgang in hohem Grade gespannt.

Es war Brauch, daß beim zweiten Kampfe die Preisbewerber darum loosten, wer den ersten Schuß haben solle. Er fiel dem jungen Plebejer zu, welcher, als er Posto faßte und anschlug, den Mantel etwas von seinem Gesichte zurückwarf und zu dem zierlich in grün Gekleideten sagte: »Sehn Sie, Herr Heinrich, wenn es an einem andern Tag wäre, so würde ich Ihnen zu Liebe wohl einmal fehlschießen; aber Jenny Dennison schaut auf uns, und da muß ich schon mein Bestes thun.«

Er nahm das Ziel aufs Korn, und seine Kugel pfiff so nahe vorbei, daß man das schwebende Ziel zittern sah. Er hatte es indessen doch nicht getroffen, zog sich daher mit niedergeschlagenem Blicke von der weiteren Bewerbung zurück, beeilte sich, aus der Versammlung wegzukommen, besorgt, wie es schien, daß ihn jemand erkennen möchte. Darauf trat der grüne Jäger vor, und seine Kugel traf zum zweiten Male den Papagei. Alles jauchzte auf, und ganz hinterher erscholl aus der Menge der Ruf einer Stimme: »Die alte gute Sache für immer!«

Während die Beamten über diesen Freudenruf der Mißvergnügten die Stirne runzelten, trat der junge Lord Evandale noch einmal hervor, um sein Glück zu versuchen, und es gelang ihm wiederholt. Nun brach der wohlgesinnte aristokratische Theil der Anwesenden seinerseits in beglückwünschenden Jubel aus, doch war immer noch eine weitere Probe der Geschicklichkeit abzulegen.

Jetzt nahm der grüne Schütze, um die Sache zu einer Entscheidung zu bringen, sein Roß dem Manne ab, welcher dasselbe bisher gehalten hatte, sah sorgfältig nach, ob Gurt und Sattel auch in gehörigem Stande wären, schwang sich dann hinauf, winkte den Umstehenden Platz zu machen, setzte die Sporen ein, sprengte an der Stelle, von welcher abgeschossen wurde, im Galopp vorüber, hielt im Vorbeireiten die Zügel an, wandte sich im Sattel zur Seite, feuerte den Karabiner ab und brachte den Papagei herunter. Lord Evandale folgte diesem Beispiele, obwohl viele Umstehende bemerkten, es sei eine Neuerung, welche gegen den herkömmlichen Brauch verstoße, weshalb auch niemand dazu verpflichtet sei. Aber der Lord war entweder kein so gewandter Schütze, oder sein Pferd nicht so gut abgerichtet, denn gerade als sein Reiter abfeuerte, scheute und bäumte es sich, so daß die Kugel den Vogel nicht traf. Diejenigen, welche vorher von der Geschicklichkeit des grünen Schützen überrascht waren, freuten sich jetzt in gleichem Maße über dessen Höflichkeit; denn er lehnte alles Verdienst bei dem letzten Schusse ab und schlug seinem Gegner vor, denselben nicht als Treffer gelten zu lassen und den Kampf um den Preis zu Fuß zu erneuern.

»Ich würde lieber vom Pferde schießen, wenn ich ein eben so gut abgerichtetes und wahrscheinlich für einen solchen Fall eingeübtes hätte wie Sie,« entgegnete der junge Lord.

»Wollen Sie mir die Ehre erweisen und beim nächsten Schusse sich meines Pferdes bedienen, dagegen aber erlauben, daß ich das Ihrige reite?« fragte der andere.

Lord Evandale schämte sich, in diesen höflich gemachten Vorschlag einzugehen, weil er wohl wußte, daß dadurch der Werth des Sieges sehr vermindert werden mußte; aber es lag ihm doch viel daran, seinen guten Ruf als Schütze wiederherzustellen, und so fügte er denn hinzu: Obgleich er allem Anspruche auf die Ehre des Tages entsage (er legte in diese Worte einen Ton von spöttischer Geringschätzung), so wolle er doch, wenn der Sieger nicht ausdrücklich etwas dagegen einzuwenden habe, dessen verbindlichen Antrag annehmen und das Pferd mit ihm wechseln, um einen Schuß ohne Preis zu versuchen.

Bei diesen Worten warf er einen kühnen Blick auf Fräulein Bellenden, und die Sage will wissen, daß auch die Augen des jungen Scharfschützen, wenn auch mehr verstohlen, sich nach derselben Richtung gewandt hätten. Der letzte Versuch des jungen Lords mißlang indessen ebensowohl wie der frühere, und nur mit Mühe behauptete er jetzt die geringschätzige Gleichgültigkeit im Ton, welche er bisher gezeigt hatte. Da er aber recht gut wußte, daß der verlierende Theil sich lächerlich macht, wenn er seinen Verdruß offenkundig werden läßt, so gab er seinem Gegner das Roß, auf welchem er den letzten mißlungenen Versuch gemacht hatte, zurück, und erhielt das seinige wieder; zugleich dankte er seinem Mitbewerber, der, wie er sich ausdrückte, sein Lieblingsroß in seiner guten Meinung wiederhergestellt habe, denn beinahe sei er in die Versuchung gerathen, den Schimpf, besiegt worden zu sein, dem armen Thiere aufzubürden, während doch jetzt jeder, so gut wie er selbst, begreife, daß die Schuld lediglich am Reiter liege. Dieses sprach er in einem Tone, bei welchem er den Aerger unter der Gleichgültigkeit zu verdecken suchte, bestieg dann sein Pferd und ritt fort.

Dem Gange menschlicher Dinge gemäß wurde nun selbst von seiten derer, welche bisher dem Lord Evandale das Beste gewünscht hatten, Beifall und Aufmerksamkeit auf dessen triumphirenden Nebenbuhler übertragen.

»Wer ist er denn? wie mag er wohl heißen?« lief es von Mund zu Mund unter dem anwesenden Adel, unter dem er wenigen bekannt war. Bald war jedoch sein Rang und Stand kundig geworden, und da er zu jener Klasse gehörte, mit der sich ein vornehmer Mann, ohne sich etwas zu vergeben, einlassen kann, so führten vier von des Herzogs dienstbeflissenen Freunden den Sieger vor den Lord-Statthalter. Als sie ihn im Triumphe durch die Menge geleiteten und zugleich mit Lobeserhebungen über das errungene Glück überschütteten, kam er dicht vor Lady Margarethe und ihrer Enkelin vorüber. Des Papageienhauptmanns wie des Fräuleins Bellenden Antlitz überzog eine Karminröthe, als die letztere mit verlegener Höflichkeit die tiefe Verbeugung erwiderte, bei der das Haupt des Siegers beinahe den Sattelbogen berührte.

»Ist der junge Mann Dir bekannt?« fragte Lady Margarethe.

»Ich – ich habe ihn – Großmama, gelegentlich bei meinem Oheim und – anderswo gesehen,« stammelte Fräulein Editha Bellenden.

»Ich höre hier,« entgegnete Lady Margarethe, »die Leute sagen, der junge Stutzer sei der Neffe des alten Milnwood.«

»Der Sohn des verstorbenen Obersten Morton von Milnwood, der mit großem Muthe bei Dunbar und Inverkeithing ein Reiterregiment führte,« sprach ein Herr, der neben Lady Margarethe zu Pferde hielt.

»Ja, und der schon vor jener Zeit auch bei Marston Moor und Philiphaugh für die Covenanter focht,« setzte Lady Margarethe hinzu, und seufzte bei den letzten Worten tief auf, weil sie dabei an den Tod ihres Gemahls dachte.

»Ew. Herrlichkeit Gedächtniß ist sehr treu,« bemerkte der Edelmann lächelnd; »aber es wäre wohlgethan, jetzt an alles dieses nicht zu denken.«

»Er aber sollte doch daran denken, Gilbertscleugh,« erwiderte Lady Margarethe, »und sich nicht in die Gesellschaft derer eindrängen, bei welchen sein Name nur unangenehme Erinnerungen hervorrufen muß.«

»Sie vergessen, gnädige Frau,« sprach Gilbertscleugh, »daß der junge Mann hierher kommt, um in seines Oheims Namen Gefolgschaft und Dienst zu leisten. Ich wollte, jeder Lehnsitz im Lande schickte so wackere Bursche.«

»Sein Oheim ist wahrscheinlich auch ein Rundkopf, wie sein verstorbener Vater einer war,« sprach Lady Margarethe.

»Er ist ein alter Geizhals,« entgegnete Gilbertscleugh, »bei dem ein gut Stück Geld jederzeit schwerer in die Wagschale fällt als politische Meinungen; und darum sendet er, vermuthlich ziemlich ungern, den jungen Mann zur Musterung, um nicht Geldbuße erlegen zu müssen. Im übrigen mag wohl der junge Bursche herzlich froh sein, daß er einmal für einen Tag der Langenweile des alten Hauses zu Milnwood entgeht, wo er niemand als seinen hypochondrischen Oheim und dessen bevorzugte Haushälterin zu Gesicht bekommt.«

»Wissen Sie nicht,« fuhr die alte Dame in ihrem Verhöre fort, »auf wie viele Männer und Pferde die Güter von Milnwood veranschlagt sind?«

»Auf zwei Reiter mit vollständiger Rüstung,« gab Gilbertscleugh zur Antwort.

»Unsere Güter,« sprach Lady Margarethe, sich mit Würde emporhebend, »haben zur Musterung immer acht Mann gestellt, Gilbertscleugh, und diese Zahl ist manchmal freiwillig verdreifacht worden. Ich erinnere mich, daß Seine geheiligte Majestät, König Karl, als er auf Tillietudlem ein Frühstück einnahm, sich ausdrücklich danach erkundigte –«

»Da setzt sich, wie ich sehe, des Herzogs Wagen in Bewegung,« sagte Gilbertscleugh, der in dem Augenblicke von der Unruhe heimgesucht wurde, deren sich alle Freunde der Lady Margarethe nicht erwehren konnten, sobald diese auf den Besuch des Königs zu sprechen kam, »ich sehe, daß des Herzogs Wagen sich in Bewegung setzt, und vermuthe, daß Ew. Herrlichkeit das Vorrecht geltend machen werde, zuerst den Platz zu verlassen. Darf ich Ew. Herrlichkeit und Miß Bellenden heimbegleiten? Ganze Haufen wilder Whigs schwärmen umher, die, wie es heißt, in geringer Anzahl beisammen reisende Gutgesinnte beleidigen und entwaffnen.«

»Wir danken, Vetter Gilbertscleugh,« sagte Lady Margarethe; »da meine eigenen Leute uns geleiten, so glaube ich, daß wir weniger als andere in dem Falle sind, unsern Freunden lästig fallen zu müssen. Wollen Sie aber wohl so gefällig sein, Harrison anzuweisen, daß er unsere Leute ein wenig schneller heranbringt; er reitet ja auf uns zu, als führe er einen Leichenzug.«

Gilbertscleugh that dem getreuen Haushofmeister die Befehle seiner Herrin kund. Der ehrliche Harrison hatte seine besonderen Gründe, zu zweifeln, ob dieser Befehl auch der Klugheit angemessen sei; da derselbe aber einmal gegeben und empfangen war, so mußte ihm auch Folge geleistet werden. Also setzte er sich mit dem Kellermeister in kurzen Galopp, und zwar in einer so militärischen Haltung, wie sie einem Manne ziemte, der unter Montrose gedient hatte. Sein trotzig kecker Blick wurde finsterer und stolzer durch den anregenden Dunst eines Glases Branntwein, das er in einem dienstfreien Augenblicke auf des Königs Gesundheit und des Covenants Untergang geleert hatte. Unglücklicherweise vergaß er über dieser mächtigen Auffrischung seines Gedächtnisses der bedenklichen und bedrängten Lage seines Nachtrabes Goose Gibbie einige Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum hatten die Pferde zum kurzen Galopp angesetzt, als Gibbies Reitstiefel, welche die Beine des armen Jungen nicht zu halten und zu regieren im Stande waren, einer um den andern an die Seiten des Pferdes zu schlagen begannen, und da lange Rädersporen an denselben befestigt waren, die Geduld des Thieres erschöpften. Es bockte und schlug aus, ohne daß des armen Gibbies Hilferufe den sorglosen Kellermeister erreichten, dessen Kopf ohnehin in der Stahlhaube steckte, und der das kriegerische Lied vom tapferen Graemes mit Anstrengung seiner Lunge herpfiff.

Das Ende vom Liede war, daß das Pferd schleunigst auf eigene Hand operirte; es sprang bald zur einen bald zur andern Seite und rannte dann, zur großen Belustigung aller Zuschauer, in wilder Hast nach der großen Familienkutsche, von der wir früher eine Beschreibung gegeben haben. Gibbies Lanze, die aus ihrer Schlinge gefallen war, glitt vor seine Hände, welche eine entehrende Rettung darin suchten, daß sie sich mit aller Kraft in der Mähne festklammerten. Seine Kopfbedeckung war ihm ganz ins Gesicht gerutscht, und er sah demnach vorne eben so wenig etwas als hinten. Und wenn er auch hätte sehen können, so würde es ihm doch nur wenig genützt haben, denn sein Pferd rannte, als hätte es im Bunde mit den Uebelgesinnten gestanden, gerade auf die Staatscarosse des Herzogs zu, die in Gefahr schwebte, von der vorgestreckten Lanze von einer Seite bis zur andern, nebst denen die darin saßen, durchbohrt zu werden.

Als man die Gefahr merkte, die mit diesem unfreiwilligen Galopp verknüpft war, erhob sich ein gemischtes Geschrei von Schreck und Zorn im Innern der Kutsche wie außerhalb, aber glücklicherweise wurde auch das drohende Mißgeschick abgewandt. Das eigensinnige Roß Goose Gibbies scheute, als das Geschrei sich erhob, stolperte, als es kurz umwandte, bockte und schlug aus, als seine Scheu sich wieder verloren hatte. Die eigentliche Ursache des Mißgeschickes, die Steifstiefeln, bewahrten sich auch jetzt den guten Ruf, welchen sie erworben hatten, als sie noch von gewandteren Reitern getragen wurden; auf jeden Sprung des Pferdes folgte nämlich ein Stich der Sporen, denn die Stiefel blieben in Folge ihrer Schwere in den Steigbügeln. Ganz anders aber ging es dem Goose Gibbie, der zum unendlichen Ergötzen aller Zuschauer aus den weiten Beinbehältern herausgeschleudert wurde und über des Pferdes Kopf hinweg zu Boden fiel. Seine Lanze und Pickelhaube kamen ihm bei diesem Sturze abhanden, und um sein Mißgeschick voll zu machen, kam gerade Lady Margarethe Bellenden, die noch nicht wußte, daß einer ihrer Mannen den Stoff zu dieser allgemeinen Heiterkeit lieferte, um es noch mit anzusehen, daß ihr winziger Gewappneter auch seine Löwenhaut, nämlich den Koller verlor, in welchen man ihn gesteckt hatte.

Da sie von der ganzen Verwandlung nicht das Geringste wußte und die Veranlassung dazu auch nicht einmal ahnen konnte, so war ihre Ueberraschung groß und ihr Verdruß äußerst lebhaft, denn weder die Entschuldigung des Kellermeisters, noch die Erklärung des Haushofmeisters vermochten den letzteren zu besänftigen. Mit größter Hast eilte sie nach Hause, höchst unwillig über das Geschrei und Gelächter der Gesellschaft und sehr geneigt, ihr Mißvergnügen an dem widerspenstigen Ackersmanne auszulassen, dessen Stelle Goose Gibbie auf eine so unglückliche Weise vertreten hatte. Der größte Theil des Landadels zerstreute sich nun hierhin und dorthin, und der ergötzliche Unfall, der den Mannen von Tillietudlem begegnet war, lieferte auf dem Heimwege endlosen Stoff zur Unterhaltung. Auch die Reiter verließen, in kleine Abtheilungen geschaart, den Sammelplatz, und nur diejenigen, welche nach dem Papagei geschossen hatten, blieben zurück, um dem alten Brauche gemäß vor ihrem Abzuge mit dem Hauptmanne noch einen Becher zu leeren.

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