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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 39
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXXVII

Wie manche Zähr das Auge sendet!
Wie oft trifft Tod uns, eh' man endet!
Man meint, daß Freundschaft ist vorbei,
Daß Liebe ach! verrathen sei.

Logan.

Als Cuddie zurückkehrte, versicherte er dem Fremden in munterem Tone, daß das Pferd versorgt sei, und daß sein Weib ein Bett bereiten werde, besser und bequemer, als ihres Gleichen bieten könnten.

»Ist die Herrschaft zu Hause?« fragte der Fremde stotternd.

»Nein, Herr, sie sind fort mit allen Dienstboten, sie haben jetzt nur zwei, meine Frau hat die Aufsicht und die Schlüssel, obschon sie nicht zur Dienerschaft gehört. Sie ist in der Herrschaft Haus geboren und erzogen, und darum vertraut man ihr die ganze Leitung an. Wenn sie hier wären, würden wir uns ohne ihren Befehl nicht so viel Freiheit herausnehmen, sind sie aber fort, so sehen sie's wohl nicht ungern, wenn wir einen fremden Herrn bewirthen. Fräulein Bellenden würde der ganzen Welt helfen, wenn sie könnte, wie sie wollte, und ihre Großmutter Margarethe hat gewaltigen Respekt vor dem Adel, doch ist sie nicht hart gegen niedre Leute. – Aber, Frau, warum dauerts so lange mit dem Haferbrei?«

»Nur ruhig, Mann,« erwiderte Jenny, »'s wird schon zur rechten Zeit kommen. Ich weiß recht gut, Du hast die Suppe gern heiß.«

Cuddie schmunzelte und lachte verständnißinnig, worauf ein Zwiegespräch zwischen ihm und seiner Frau folgte, an dem der Fremde nur wenig Theil nahm. Plötzlich unterbrach er sie mit der Frage: »Könnt ihr mir sagen, wann Lord Evandales Hochzeit gefeiert wird?«

»Sehr bald, vermutlich,« antwortete Jenny, ehe ihr Mann Zeit zur Antwort fand; »sie wäre schon längst gewesen, wenn nicht der alte Major gestorben wäre.«

»Der treffliche Greis!« sagte der Fremde. »Ich hab davon schon in Edinburg gehört. – War er lange krank?«

»Seit seine Schwägerin und Nichte aus ihrem Eigenthum vertrieben wurden, kam er nicht mehr auf. Er mußte selbst große Schulden machen, um den Prozeß zu führen, aber es war am Ende von König Jakobs Regierung, und Basil Olifant, der die Ländereien in Anspruch nahm, wurde katholisch, um den Herren in der Regierung zu schmeicheln, und so konnte man ihm nichts abschlagen. Die Frauen verloren also zuletzt den Prozeß, nachdem sie sich manch liebes langes Jahr gewehrt, und, wie ich vorhin sagte, der Major kam nie wieder auf. Dazu kam noch die Vertreibung der Stuarts, und obgleich er nur wenig Ursache hatte sie zu lieben, so konnte ers doch nicht verwinden, und es brach ihm das Herz, und dann kamen die Gläubiger nach Charnwood und räumten alles aus, er war nie reich, der gute alte Mann, denn er war nicht im Stande, einen Menschen darben zu sehen.«

»Ja, ja,« sagte der Fremde mit gepreßter Stimme, »er war ein herrlicher Mann, das heißt, ich hab ihn oft so nennen hören. – Die Damen sind also jetzt ohne Vermögen und Beschützer?«

»So lange Lord Evandale lebt,« sagte Jenny, »sind beide versorgt, er ist ihnen ein aufrichtiger Freund in ihrem Kummer gewesen. Sie wohnen sogar im Hause Seiner Herrlichkeit, und wie meine alte Schwiegermutter zu sagen pflegte, seit dem Erzvater Jakob hat kein Mann so lang und so treu um ein Weib gedient als der gute Lord Evandale.«

»Und warum,« fragte der Fremde mit bewegter Stimme, »warum wurde er nicht schon früher für seine Treue belohnt?«

»Es mußte erst der Prozeß beendigt werden,« sagte Jenny hastig, »und dann gabs andere Umstände.«

»Freilich, aber es war noch ein anderer Grund,« sagte Cuddie, »die junge Lady – –«

»Halts Maul und iß Deine Suppe,« sagte seine Frau, »ich sehe, der Herr ist nicht ganz wohl, unser schlechtes Essen mundet ihm nicht, ich will ihm sogleich ein Hühnchen schlachten.«

»Laßt das,« sagte der Fremde, »ich wünsche nur ein Glas Wasser und möchte allein sein.«

»So bemüht Euch nur, mir zu folgen,« sagte Jenny und nahm eine kleine Laterne, »ich will Euch den Weg weisen.«

Auch Cuddie bot seinen Beistand an, aber seine Frau erinnerte ihn, die Kinder könnten sich raufen, wenn man sie allein ließe, oder einander ins Feuer stoßen, so daß er zurückbleiben mußte.

Frau Jenny führte den Fremden auf einem gewundenen Pfade, der von Heckenrosen und Geißblatt eingefaßt war, nach der Hinterthüre des Gartens. Sie schob den Riegel auf und beide gingen nun durch einen altväterischen Blumengarten mit verschnittenen Taxushecken und kunstvollen Beeten zu einer Glasthüre, welche sie mit einem Hauptschlüssel öffnete; dort steckte sie ein Licht an, stellte es auf einen kleinen Arbeitstisch und bat den Fremden, einige Minuten hier zu verweilen, bis sein Schlafgemach in Ordnung sei. Sie blieb wirklich nur einige Minuten. Als sie zurückkehrte, sah sie mit Schrecken, daß der Fremde mit dem Kopfe vorwärts auf den Tisch gesunken war, so daß sie ihn für ohnmächtig hielt. Doch als sie sich näherte, erkannte sie an dem abgebrochenen Schluchzen des Fremden, daß dieser unter einem tiefen Seelenschmerz zusammengebrochen war. Vorsichtig zog sie sich ein wenig zurück, bis er sein Haupt erhob, dann trat sie näher, ohne ihn merken zu lassen, daß sie seine Gemüthsbewegung wahrgenommen, und theilte ihm mit, daß sein Bett fertig sei. Der Fremde starrte sie einen Augenblick an, als suche er den Sinn ihrer Worte zu begreifen, sie wiederholte dieselben, und indem er den Kopf leise bewegte, gab er ihr zu erkennen, daß er sie verstanden habe. Er trat ins Gemach, dessen Thür sie ihm bezeichnet hatte. Es war ein kleines Schlafzimmer, dessen sich, wie sie sagte, Lord Evandale bediente, wenn er nach Fairy-Knowe kam, und das auf einer Seite an ein kleines mit Porzellansachen geziertes Zimmerchen stieß, dessen Thüre in den Garten führte, während sich auf der andern ein Saal befand, von dem es nur durch eine dünne Holzwand getrennt war. Nachdem Jenny dem Fremden gute Besserung und angenehme Ruhe gewünscht, eilte sie nach ihrer eigenen Wohnung.

»Ach, Cuddie,« rief sie bei ihrer Rückkehr ihrem Gatten zu, »ich glaube, wir sind verloren!«

»Was gibts denn?« erwiderte Cuddie gelassen, denn er gehörte zu den Leuten, die sich nicht leicht aus der Ruhe bringen lassen.

»Wer denkst Du, daß der Herr ist? O, hättest Du ihn doch nicht gebeten, hier abzusteigen!« seufzte Jenny.

»Aber wen, zum Teufel, meinst Du denn? Es gibt jetzt kein Gesetz mehr gegen das Beherbergen und Verkehren mit Leuten,« sagte Cuddie, »darum sei er meinetwegen Whig oder Tory, was geht das uns an?«

»Aber er ist jemand, der Lord Evandales Heirat in den Weg treten kann, wenn wir nicht besser auf der Hut sind,« sagte Jenny, »es ist Fräulein Edithas erster Liebster, Dein ehemaliger Herr, Cuddie.«

»Den Teufel, Weib!« rief Cuddie aufspringend, »hältst Du mich für blind? Den Herrn Heinrich Morton will ich unter hunderten herauskennen.«

»Ei, blind bist Du freilich nicht, lieber Cuddie, aber Du merkst nicht alles so schnell wie ich.«

»Nun, was hast Du denn an dem Mann gesehen, das unserem Herrn Heinrich ähnlich sieht?«

»Das will ich Dir sagen. Ich hatte gleich Verdacht, als er uns so sein Gesicht verbarg und mit verstellter Stimme sprach, nun versuchte ichs gar noch mit alten Geschichten, und wie ich von der Suppe sprach, da lachte er zwar nicht, dazu ist er jetzt zu übermäßig traurig, aber er zwinkerte listig mit den Augen, daß ich gleich sah, er merke, was ich meinte. Sein ganzer Kummer ist wegen Fräulein Edithas Heirat, und ich habe mein Lebtage keinen Mann von der Liebe so niedergedrückt gesehen, ja ich könnte sagen, weder Mann noch Weib, doch fällt mir ein, wie Fräulein Editha krank wurde, als sie hörte, daß er und Du, Du erzschlechter Mensch, mit den Rebellen nach Tillietudlem kämet. – Aber was ist Dir denn jetzt?«

»Was mir ist?« sagte Cuddie, indem er eiligst einige der abgelegten Kleider wieder anzog. »Soll ich denn nicht augenblicklich meinen Herrn sehen?«

»Ich dächte gar, Cuddie, das laß Du nur hübsch bleiben,« sagte Jenny kalt und entschlossen.

»Der Teufel steckt in dem Weibe,« rief Cuddie, »glaubst Du, ich sei so ein Hans und ließe mich von einem Weibe meistern?«

»Und von wem willst Du Dich denn anders meistern lassen, Cuddie? Ich will Dirs kurz begreiflich machen. Keiner weiß sonst, daß dieser junge Herr noch lebt, und weil er sich so zurückhält, hat er, glaub ich, die Absicht, wenn er findet, daß Fräulein Editha schon verheirathet ist oder sich eben verheirathen will, sich wieder heimlich aus dem Staube zu machen, um ihnen weiter keine Unruhe zu verursachen. Wenn aber Fräulein Editha erführe, daß er noch lebt, wahrhaftig, wenn sie mit Lord Evandale schon am Altar stünde, so würde sie »nein« sagen, gerade wenn sie »ja« sagen sollte.«

»Gut, aber was geht das mich an?« sagte Cuddie. »Wenn das Fräulein ihren alten Liebsten lieber hat als ihren neuen, warum sollte sie nicht so gut ihre Meinung ändern dürfen wie andere Leute? – Du weißt ja, Jenny, Halliday behauptet immer noch, er habe ein Versprechen von Dir.«

»Das lügt Halliday, und Du bist ein Esel, daß Du ihn anhörst. – Und dann, was die Wahl des Fräuleins betrifft, daß sich Gott erbarme! – Du kannst versichert sein, alles Geld und Gut, das der gute Herr Morton hat, trägt er auf dem Leibe, wie kann er denn Lady Margarethe und das Fräulein erhalten?«

»Ist denn nicht Milnwood da?« sagte Cuddie. »Der alte Herr hat zwar seiner Haushälterin die Einkünfte lebenslänglich überlassen, da er nichts mehr von seinem Neffen gehört hat, aber man braucht der Alten nur ein gutes Wort zu geben, und er hats wieder, und dann können sie alle hübsch zusammen leben, Lady Margarethe und alle.«

»Still doch! Du irrst Dich, wenn Du denkst, die vornehmen Damen würden mit der alten Ailie Wilson leben, wo sie schon fast zu stolz sind, um selbst von Lord Evandale etwas zu nehmen. Nein, nein, sie müßten mit zu Feld ziehen, wenn das Fräulein Morton nähme.«

»Das würde der alten Lady schlecht anstehen,« sagte Cuddie, »sie hielts im Bagagewagen kaum einen Tag aus.«

»Und was würde es für ein Gezänk unter ihnen geben über Whigs und Torys,« fuhr Jenny fort.

»Gewiß, in diesem Punkte ist die alte Lady sehr kitzlig,« sagte Cuddie.

»Und dann, Cuddie,« fuhr seine Ehehälfte fort, welche ihr schweres Geschütz bis zuletzt aufgespart hatte, »was wird aus unserm Häuschen, dem Küchengarten und dem Gras für die Kuh, wenn die Heirat mit Lord Evandale abgebrochen wird? – Dann, glaub ich, müssen wir und die armen Kinder in die weite Welt hinaus!«

Hier fing Jenny an zu weinen, und Cuddie wandte sich wie die leibhaftige Unentschlossenheit hierhin und dorthin. Endlich brach er los: »Nun, kannst Du uns nicht sagen, was wir thun sollen, Frau?«

»Gar nichts sollen wir thun,« sagte Jenny. »Thue, als wenn Du gar nichts von diesem Herrn wüßtest, und bei Leibe laß kein Wort fallen, daß er hier oder droben im Herrenhause gewesen ist. – Wenn ichs früher gewußt hätte, mein eigenes Bett würde ich ihm gegeben haben, und ich hätte lieber im Stalle geschlafen, oder ihn weiter reiten lassen, jetzt aber ists nicht mehr zu ändern. Das nächste, was wir thun, ist, wir bringen ihn morgen mit kluger Manier fort, und hoffentlich wird er keine Eile haben, wiederzukommen.«

»Mein armer Herr!« rief Cuddie. »Ach, soll ich gar nicht mit ihm sprechen?«

»Um alles in der Welt nicht! Du bist nicht gezwungen, ihn zu kennen. Ich hätte es Dir auch gar nicht gesagt, aber ich fürchtete, Du würdest ihn am andern Morgen wiedererkennen.«

»Gut,« sagte Cuddie mit einem tiefen Seufzer, »ich will gehen, das äußerste Feld zu pflügen, denn wenn ich nicht mit ihm sprechen soll, so will ich lieber gar nicht zu Hause sein.«

»Ganz recht, lieber Schatz. Kein Mensch hat mehr Verstand als Du, wenn Du erst mit mir über etwas gesprochen hast, aber nach Deinem Kopfe allein darfst Du nie etwas anfangen.«

»Das muß wohl wahr sein,« sagte Cuddie, »denn ich habe immer ein altes Weib, oder ein Mädchen, oder sonst jemand gehabt, die mich ihren eigenen Weg führten, statt den meinigen. – Erst wars meine Mutter,« fuhr er fort, indem er sich auszog und ins Bett purzelte, »dann kam Lady Margarethe, bei der durft' ich nicht einmal mein bischen Seele mein eigen nennen, dann zankte sich meine Mutter mit ihr, und nun stieß die eine hierhin, die andere dorthin, und sie rauften sich um mich, wie der Hanswurst und der Teufel um den Bäcker auf dem Jahrmarkte, und jetzt habe ich ein Weib,« murmelte er, als er sich tiefer in die Decken hüllte, »die will mich nun ganz und gar am Gängelbande führen.«

»Habe ich Dich nicht am besten geleitet, Dein ganzes Leben lang?« sagte Jenny, indem sie sich neben ihren Mann legte, das Licht auslöschte und so die Unterredung schloß.

Indem wir dieses Paar der Ruhe überlassen, berichten wir unsern Lesern, daß am nächsten Morgen in aller Frühe zwei Damen zu Pferde mit Bedienung zu Fairy-Knowe ankamen, welche Jenny zu ihrer größten Bestürzung augenblicklich als Fräulein Bellenden und Lady Emilie Hamilton, eine Schwester Lord Evandales, erkannte.

»Wärs nicht besser, ich ginge zuerst ins Herrenhaus und brächte alles in Ordnung?« sagte Jenny, bestürzt über diese unerwartete Erscheinung, zu den Damen.

»Wir brauchen nur den Hauptschlüssel,« sagte Fräulein Bellenden, »Gudyill soll die Fenster des kleinen Gesellschaftszimmers öffnen.«

»Das ist verschlossen und das Schloß verdorben,« erwiderte Jenny, die sich sogleich der Verbindung erinnerte, welche dieses Zimmer mit dem Schlafgemach ihres Gastes hatte.

»Nun, dann im rothen Zimmer,« sagte Fräulein Bellenden und ritt nach der Vorderseite des Hauses, aber nicht auf dem Wege, auf welchem Morton hingeführt worden war.

»Wenn ich ihn nicht hinten hinaus aus dem Hause schmuggeln kann, ist alles vorbei,« dachte Jenny und eilte in großer Verwirrung den Weg hinauf.

»Hätte ich doch lieber gleich gesagt, es sei ein Fremder hier,« war natürlich ihr nächster Gedanke. »Aber dann hätten sie ihn zum Frühstücke eingeladen. Gott steh uns bei! Was ist nun zu thun? – Und da geht auch noch der Gudyill im Garten,« rief sie, als sie sich der Gartenthür näherte, »so lange der nicht fort ist, darf ich mich nicht hineinwagen. Ach Gott, was wird aus uns werden?«

In dieser Verlegenheit näherte sie sich dem ehemaligen Kellermeister, in der Absicht, ihn aus dem Garten zu locken. Aber John Gudyills Temperament hatte sich weder durch die Jahre, noch durch den Verlust seiner Stellung verändert. Wie viele andere eigensinnige Leute hatte er eine ganz genaue Vorstellung von dem, was die Menschen ärgern mußte, mit denen er umging, und jetzt dienten Jennys Anstrengungen, ihn aus dem Garten zu bringen, nur dazu, ihn darin so feste Wurzel fassen zu lassen, wie die Bäume und Sträucher um ihn herum.

Zum Unglück war er während seines Aufenthalts zu Fairy-Knowe ein Blumenfreund geworden. Indem er also alles andere Lady Emiliens Diener zur Besorgung überließ, widmete er sich ganz den Blumen, die er unter seinen besondern Schutz genommen, und während er grub, stützte und begoß, schwatzte er fortwährend von den Eigenschaften dieser Blumen zu der armen Jenny, die zitternd dastand und vor Angst, Furcht und Ungeduld beinahe weinte.

Das Schicksal schien an diesem unglücklichen Morgen durchaus die Oberhand über Jenny behalten zu wollen. Sobald die Damen ins Haus traten, bemerkten sie, daß die Thür des kleinen Gesellschaftszimmers, und zwar gerade desjenigen, von welchem sie die Damen abhalten wollte, weil es an das Zimmer stieß, in dem Morton schlief, nicht nur unverschlossen war, sondern sperrweit offen stand. Fräulein Bellenden war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um dies zu beachten, sie befahl dem Diener, die Laden zu öffnen, und trat mit ihrer Gefährtin ein.

»Er ist noch nicht gekommen,« sagte sie. »Was kann Euer Bruder beabsichtigen mit dem Verlangen, daß wir ihn gerade hier treffen sollen? Warum nicht im Schlosse Dinnan, wie er anfänglich vorschlug? Ich gestehe, liebe Emilie, daß ich, obgleich mit ihm versprochen, und obgleich Ihr selbst zugegen seid, doch nicht ganz recht gethan habe, ihm nachzugeben.«

»Evandale war nie launenhaft,« antwortete Emilie. »Ich bin überzeugt, er hat seine Gründe, und ist das nicht der Fall, so will ich Euch helfen, ihn auszuschelten.«

»Was ich besonders fürchte,« sagte Editha, »ist, daß er in dieser unseligen, unruhigen Zeit auf irgend einen Anschlag eingegangen ist. Ich weiß, sein Herz ist bei dem fürchterlichen Claverhouse und dessen Heere, und ich glaube, wäre mein Oheim nicht gestorben, was ihm unsertwegen so viele Mühe und Sorge gemacht hat, er würde sich ihm schon längst angeschlossen haben. Wie sonderbar, daß ein so verständiger Mann, der die Fehler der vertriebenen Königsfamilie so klar einsieht, bereit sein kann, alles für ihre Wiederherstellung auf dem Thron zu wagen!«

»Was kann ich sagen?« antwortete Lady Emilie, »es ist bei Evandale Ehrensache. Unsere Familie ist immer loyal gewesen, er hat lange unter der Garde gedient, der Viscount von Dundee war Jahre hindurch sein Freund und Befehlshaber, von vielen seiner Verwandten, welche seine Unthätigkeit dem Mangel an Muth zuschreiben, wird er scheel angesehen. Ihr müßt wissen, theuerste Editha, wie oft Familienverbindungen und eine früh gefaßte Zuneigung auf unsere Handlungen größeren Einfluß haben als abstracte Vernunftgründe. Aber ich glaube, Evandale wird sich ruhig verhalten, obgleich ich, die Wahrheit zu gestehen, der Ansicht bin, daß Ihr allein im Stande seid ihn zurückzuhalten.«

»Und wie läge dies in meiner Macht?« fragte Fräulein Bellenden.

»Ihr könnt ihm die Entschuldigung, daß er nicht zur Armee geht, aus der Bibel verschaffen: er hat ein Weib genommen, und kann darum nicht kommen.«

»Ich habe wohl mein Versprechen gegeben,« sagte Editha mit schwacher Stimme, »aber ich hoffe, man wird mich wegen der Zeit nicht drängen.«

»Nun, ich will es Evandale selbst überlassen, seine Sache zu führen,« sagte Lady Emilie, »denn hier kommt er ja.«

»Um Gottes willen, bleibt,« sagte Editha und suchte sie zurückzuhalten.

»Nicht doch, nicht doch,« sagte die junge Dame und eilte davon, »eine dritte Person spielt eine lächerliche Figur bei einem Liebespaar. Wenn Ihr mich zum Frühstücke haben wollt, ich bin in der Weidenallee am Flusse zu finden.«

Als sie aus dem Zimmer hüpfte, trat Lord Evandale ein. »Guten Morgen, Bruder, adieu bis zum Frühstück,« sagte das lebhafte Mädchen. »Ich hoffe, Du wirst Fräulein Bellenden triftige Gründe anführen, warum Du sie schon am frühen Morgen gestört hast.«

Mit diesen Worten ließ sie beide allein, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Und nun, Mylord,« sagte Editha, »darf ich wohl fragen, warum Ihr uns in so merkwürdiger Weise gebeten habt, Euch hier zu so früher Stunde zu treffen?«

Sie wollte noch hinzufügen, daß sie kaum zu entschuldigen sei, seine Bitte erfüllt zu haben, aber als sie ihn genauer ansah, trat sie stumm zurück vor seinen seltsam bewegten Zügen, und rief: »Um Gottes willen, was ist geschehen?«

»Seiner Majestät treue Unterthanen haben einen großen entscheidenden Sieg bei Blair of Athole errungen, aber ach, mein tapferer Freund, Lord Dundee –«

»Ist gefallen?« sagte Editha, ihn unterbrechend.

»Ja, gefallen in den Armen des Siegs, und nun ist niemand da, der Talent und Einfluß besitzt, seine Stelle in Königs Jakobs Diensten auszufüllen. Editha, es ist nicht mehr Zeit, mit unserer Pflicht zu säumen. Ich habe an meine Leute ein Aufgebot erlassen und muß noch diesen Abend von Euch scheiden.«

»Thut das nicht, Mylord,« antwortete Editha. »Euer Leben ist für Euere Freunde wichtig, verschwendet es nicht an solch ein unbesonnenes Abenteuer. Was vermögt Ihr mit Euren wenigen Leuten gegen die Macht von beinahe ganz Schottland, die hochländischen Clans allein ausgenommen?«

»Hört mich an, Editha,« sagte Lord Evandale. »Ich bin nicht so unbesonnen, als Ihr vielleicht meint, auch sind meine gegenwärtigen Gründe nicht so unwichtig, daß sie nur diejenigen angehen sollen, die persönlich von mir abhängen. Die Leibgarden, unter denen ich so lange gedient, haben trotz ihrer neuen Organisation und der neuen, vom Prinzen von Oranien eingesetzten Offiziere, noch immer eine Vorliebe für die Sache ihres rechtmäßigen Herrn, und,« hier flüsterte er, als ob er fürchte, die Wände könnten seine Worte weiter tragen, »sobald man erfährt, daß mein Fuß im Steigbügel steht, haben zwei Reiterregimenter geschworen, aus des Usurpators Diensten zu treten und unter meinen Befehlen zu fechten. Sie warteten nur, bis Dundee ins Tiefland herabkäme, da er aber nicht mehr ist, welcher von seinen Nachfolgern wird, wenn er nicht durch die Erklärung der Truppen ermuthigt wird, diesen entscheidenden Schritt wagen? Unterdessen würde der Eifer der Soldaten nachlassen. Ich muß sie zur Entscheidung bringen, so lange ihr Muth noch glüht vom Siege, den ihr alter Feldherr errungen, und so lange sie noch brennen, seinen frühzeitigen Tod zu rächen.«

»Und auf die Treue solcher Menschen, wie diese Soldaten, bauend, wollt Ihr einen Entschluß von so entsetzlicher Bedeutung fassen?« sagte Editha.

»Ich will, ich muß,« entgegnete Lord Evandale, »meine Ehre und meine Treue sind dafür verpfändet.«

»Und das alles,« fuhr Fräulein Bellenden fort, »um eines Fürsten willen, dessen Handlungsweise auf dem Throne niemand mehr verdammte als Lord Evandale?«

»Sehr wahr,« erwiderte dieser, »und so wie ich, während er in der Fülle seiner Macht stand, als ein freigeborner Unterthan seine Neuerungen in Staat und Kirche mißbilligte, eben so bin ich jetzt als loyaler Mann entschlossen, für seine wahren Rechte zu kämpfen, da er im Unglück ist. Mögen Höflinge und Schmarotzer dem Glücke schmeicheln, das Unglück verlassen, ich will weder das eine noch das andre thun.«

»Und wenn Ihr durchaus entschlossen seid, das zu thun, was meine schwache Einsicht immer noch unbesonnen nennen muß, wozu machtet Ihr Euch den Scherz dieser frühen Zusammenkunft?«

»Wäre nicht die Antwort hinreichend, daß ich meiner Verlobten ein Lebewohl sagen wollte, ehe ich in die Schlacht eile? Das heißt meine Gefühle kalt beurtheilen und zeigt, mir nur zu sehr Eure Gleichgültigkeit, daß Ihr nach dem Grunde eines so natürlichen Wunsches fragt.«

»Aber warum gerade hier, Mylord,« fragte Editha, »und warum mit so auffallender Heimlichkeit?«

»Weil ich noch eine andere Bitte habe, die ich kaum auszusprechen wage, selbst wenn sie durch dieses Beglaubigungsschreiben eingeleitet wird.« Bei diesen Worten übergab er ihr einen Brief.

Hastig und erschreckt las Editha den Brief, der von ihrer Großmutter war und folgendermaßen lautete:

»Mein liebes Kind! Nie habe ich meine Gicht, die mir das Reiten unmöglich macht, mehr bedauert als jetzt, da ich dies schreibe, und nichts sehnlicher wünsche als da zu sein, wo dies Papier bald sein wird, nämlich zu Fairy-Knowe bei dem einzigen Kinde meines armen theuren Willy. Aber es ist der Wille Gottes, daß ich nicht bei ihm sein soll, was ich sowohl aus den Schmerzen schließe, die mich jetzt heimsuchen, als auch, weil sie weder den Kamillenumschlägen noch Senfpflastern weichen wollen. Daher muß ich Dir schriftlich statt mündlich sagen, daß Lord Evandale, durch Ehre und Pflicht zu dem gegenwärtigen Feldzug aufgefordert, mich ernstlich gebeten hat, daß die Bande der heiligen Ehe zwischen Dir und ihm vorher geknüpft würden als Erfüllung des früher feierlich abgelegten Versprechens, und da ich kein vernünftiges Hinderniß sehe, so hoffe ich auch, daß Du, von jeher ein gutes, gehorsames Kind, kein unvernünftiges ersinnen wirst. Freilich sind die Verbindungen unseres Hauses bisher unserem Range angemessener gefeiert, und nicht insgeheim und vor wenig Zeugen vollzogen worden, als geschähe es in einem Winkel, aber es ist des Himmels freier Wille, sowie der des Königreichs, in dem wir leben, gewesen, uns unsere Güter und dem Könige seinen Thron zu nehmen. Doch hoffe ich, er wird noch den rechtmäßigen Erben auf den Thron setzen und sein Herz bekehren zum wahren bischöflich-protestantischen Glauben, was ich um so mehr mit diesen meinen alten Augen zu sehen hoffe, als sie die königliche Familie gesehen, da sie kämpfte mit den mächtigen Usurpatoren und Rebellen, das heißt, als Seine geheiligte Majestät, Karl II., seligen Angedenkens, unser armes Haus Tillietudlem beehrte, indem er daselbst sein Dejeuner einnahm u. s. w.«

Wir wollen die Geduld unserer Leser nicht ermüden, indem wir mehr von Lady Margarethes weitschweifigem Briefe citiren. Genug, er schloß mit dem Befehl an ihre Enkelin, ohne Zeitverlust in die Hochzeitsfeier zu willigen.

»Ich habe bis zu diesem Augenblick nicht geglaubt, daß Lord Evandale unedel handeln könnte,« sagte Editha, indem sie den Brief fallen ließ.

»Unedel, Editha?« erwiderte der Bräutigam. »Wie könnt Ihr meinem heißen Wunsche, Euch mein zu nennen, ehe ich vielleicht auf ewig von Euch scheide, diesen Namen geben?«

»Lord Evandale hätte sich erinnern sollen,« sagte Editha, »daß, als seine Beharrlichkeit und, ich muß hinzufügen, eine gebührende Anerkennung seiner Verdienste mir die Einwilligung entrissen, ich es zur Bedingung machte, nicht zu einer vorschnellen Erfüllung meines Versprechens gezwungen zu werden, und nun bedient er sich seines Einflusses bei meiner einzigen Verwandten und bestürmt mich mit so vorschneller, ja so unzarter Zudringlichkeit. In diesem allzudringenden Begehren liegt mehr Selbstsucht als Großmuth, Mylord!«

Der Lord schritt, augenscheinlich tief verletzt, einige Male auf und ab, ehe er auf diese Beschuldigung antwortete, endlich begann er: »Ich wäre diesem schmerzlichen Vorwurf entgangen, hätte ich sogleich dem Fräulein Bellenden die Hauptursache mittheilen dürfen, die mich zu meiner dringenden Bitte bewog. Es ist eine Ursache, die sie, was ihre Person betrifft, verwerfen, aber um der Lady Margarethe willen gewiß erwägen wird. Finde ich den Tod in der Schlacht, so müssen meine sämmtlichen Güter an meine Lehnserben fallen, werde ich von dem Usurpator als Verräther geächtet, so fallen sie dem Prinzen von Oranien oder einem andern holländischen Günstlinge anheim. In beiden Fällen bleibt also meine verehrte Freundin und meine Braut arm und unbeschützt zurück. Mit den Rechten und Einkünften einer Lady Evandale dagegen bekleidet, wird Editha im Stande sein, ihre bejahrte Großmutter zu unterstützen, und hierin einen Trost finden, daß sie sich herabgelassen, Rang und Vermögen eines Mannes zu theilen, der durchaus nicht behauptet, ihrer würdig zu sein.«

Editha verstummte vor dieser Rechtfertigung, die sie nicht erwartet hatte, und mußte anerkennen, daß Lord Evandales Begehren eben so zart vorgebracht als wohl überlegt war.

»Und doch,« sagte sie, »beherrscht mich ein so seltsames Gefühl, mit dem sich mein Herz früheren Zeiten zuwendet, daß ich,« hier brach sie in Thränen aus, »daß ich ein ahnungsvolles Widerstreben gegen die Erfüllung meines Versprechens in so kurzer Zeit kaum unterdrücken kann.«

»Wir haben diesen schmerzlichen Umstand bereits reiflich erwogen,« sagte Lord Evandale, »und ich hoffe, theure Editha, Eure eigenen Nachforschungen haben Euch vollkommen überzeugt, daß Euer Schmerz fruchtlos ist.«

»Fruchtlos, ja!« sagte Editha mit einem tiefen Seufzer, der wie durch ein unerwartetes Echo aus dem Nebenzimmer wiederholt wurde. Fräulein Bellenden erschrak und konnte sich kaum fassen, als Lord Evandale versicherte, daß sie nur das Echo ihres eigenen Athemzuges gehört habe.

»Und es klang doch so deutlich und fast ahnungsvoll« sagte sie, »aber meine Empfindung ist so aufgeregt, daß die geringste Kleinigkeit sie reizt.«

Lord Evandale bemühte sich eifrig, ihre Unruhe zu beschwichtigen und sie mit einer Maßregel zu versöhnen, die, obgleich übereilt in ihrer Vorbereitung, ihm doch das einzige Mittel schien, ihre Unabhängigkeit zu sichern. Er unterstützte seine Bitten dadurch, daß er sich auf den Ehekontrakt berief, auf ihrer Großmutter Wunsch und Befehl, auf die Möglichkeit, ihr Wohlstand und Unabhängigkeit zu sichern, und berührte nur leise seine lange Zuneigung, die er durch so viele und so mannigfaltige Dienste bewiesen. Diese fühlte Editha um so mehr, je weniger er sie geltend machte, und da sie endlich seinem Drängen nichts entgegensetzen konnte als einen unbegründeten Widerwillen, dessen sie sich solcher Großmuth gegenüber schämen mußte, mußte sie darauf beharren, daß es ihr unmöglich sei, so schnell, zu solcher Zeit und an einem solchen Orte die heilige Handlung stattfinden zu lassen. Aber auf all diese Einwürfe war Lord Evandale vorbereitet, und mit freudiger Hast sagte er ihr, daß der ehemalige Kaplan seines Regiments nebst einem treuen Diener, der früher Unteroffizier in demselben Corps gewesen, im Schlosse anwesend seien, daß seine Schwester ebenfalls um das Geheimniß wisse, und daß auch Headrigg und seine Frau als Zeugen dienen könnten, wenn es Fräulein Bellenden angenehm sei. Was den Ort betrifft, so hatte er diesen absichtlich gewählt. Die Ehe sollte ein Geheimniß bleiben, da Lord Evandale sofort nach der Feier verkleidet abreisen wollte, denn wenn ihre Vermählung öffentlich vollzogen worden wäre, so hätte seine schnelle Abreise die Aufmerksamkeit der Regierung auf ihn gelenkt. Nach der eiligen Erläuterung dieser Gründe und Anordnungen eilte er davon, ohne eine Antwort abzuwarten, um seine Schwester zu ersuchen, so lange bei der Braut zu bleiben, bis er die Personen geholt, die bei der Ceremonie nöthig waren.

Als Lady Emilie eintrat, fand sie ihre Freundin in Thränen, deren Grund sie sich nicht erklären konnte, da sie zu den Mädchen gehörte, die in einer Heirat weder etwas Wunderbares noch etwas Schreckliches erblicken, und wie die meisten, die ihren Bruder kannten, war sie der Meinung, daß eine Heirat noch weniger furchtbar sei, wenn Lord Evandale der Bräutigam wäre. Von diesen Ansichten geleitet, erschöpfte sie sich der Reihe nach in den bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Ermuthigungsgründen und Aeußerungen des Mitgefühls. Als aber Lady Emilie ihre zukünftige Schwägerin gegen diese hergebrachten Trostgründe taub sah, als sie bemerkte, wie die Thränen über die marmorbleichen Wangen flossen, als sie fühlte, daß die Hand, welche sie zur Bekräftigung ihrer Argumente freundlich drückte, leichenkalt blieb, und Editha wie abgestorben ihre Liebkosungen weder fühlte noch erwiderte, da wich ihre Sympathie dem gekränkten Stolze und kleinlichen Unwillen.

»Ich muß gestehen, Fräulein Bellenden,« sagte sie, »daß ich mir dies alles nicht zu erklären weiß. Monate sind entschwunden, seid Ihr eingewilligt, meinen Bruder zu heirathen, und immer habt Ihr die Erfüllung Eures Versprechens von einer Zeit zur andern aufgeschoben, als wolltet Ihr einer entehrenden und höchst unangenehmen Verbindung ausweichen. Ich glaube für Lord Evandale einstehen zu können, daß er keine Frau gegen ihren Willen ehelichen wird, und obgleich seine Schwester, kann ich doch kühn behaupten, daß er eine Dame nicht weiter zu drängen braucht, als ihre eigene Neigung sie führt. Ihr werdet mir verzeihen, Fräulein Bellenden, aber Eure jetzige Trauer ist eine schlimme Vorbedeutung für meines Bruders künftiges Glück, und ich muß sagen, daß er diese Aeußerungen der Abneigung und des Schmerzes durchaus nicht verdient, und daß sie eine sonderbare Belohnung einer Zuneigung scheinen, die er so lange und so verschiedentlich an den Tag gelegt.«

»Ihr habt Recht, Lady Emilie,« sagte Editha, ihre Thränen trocknend und ihr gewöhnliches Benehmen zu gewinnen strebend, obgleich ihre zitternde Stimme und ihre bleichen Wangen nur allzusehr den Zustand ihres Innern verriethen, »Ihr habt ganz Recht, Lord Evandale verdient eine solche Behandlung von niemand, am wenigsten aber von der, die er mit seiner Beachtung beehrt hat. Wenn ich nun aber zum letzten Mal einem plötzlichen und überwältigenden Gefühle nachgab, so ist es mein Trost, daß Euer Bruder, Mylady, die Ursache kennt, daß ich ihm nichts verbarg, und daß er wenigstens nicht fürchtet, in Editha Bellenden ein Weib zu finden, das seiner Zuneigung unwürdig ist. Aber dennoch habt Ihr Recht und ich verdiene Euren Tadel, einen Augenblick fruchtlosen und peinlichen Rückerinnerungen nachgegeben zu haben. Es soll nicht mehr geschehen. Mein Loos ist geworfen mit Lord Evandale, und mit ihm bin ich entschlossen es zu tragen. Nichts soll in Zukunft seine Klagen oder den Unwillen seiner Verwandten erregen, keine nutzlose Erinnerung an frühere Tage soll mich verhindern an der eifrigen, liebevollen Erfüllung meiner Pflicht, keine nichtige Täuschung soll das Andenken vergangener Zeiten – –«

Bei diesen Worten erhob sie langsam ihre Augen, die sie bisher mit der Hand bedeckt hatte, trat zu dem halbgeöffneten Gitterfenster des Gemachs, stieß einen furchtbaren Schrei aus und sank hin. Lady Emilie richtete ebenfalls ihr Auge dahin, sah aber nur den Schatten eines Mannes, der vom Fenster zu verschwinden schien, und mehr durch Edithas Zustand als durch die Erscheinung erschreckt, schrie sie ein Mal um das andere um Hilfe. Evandale kam bald mit dem Kaplan und Jenny Dennyson, allein es bedurfte starker kräftiger Mittel, ehe sie Editha wieder zum Bewußtsein und zum Gebrauch ihrer Glieder brachten. Sogar ihre Sprache war wirr und unzusammenhängend.

»Dringt nicht weiter in mich,« sagte sie zu Lord Evandale, »es kann nicht sein, Himmel und Erde, die Lebenden und die Todten haben sich gegen diese unheilbringende Verbindung verschworen. Nehmt alles, was ich geben kann, meine schwesterliche Achtung, meine ergebenste Freundschaft. Wie eine Schwester will ich Euch lieben, will Euch wie eine Sklavin dienen, aber sprecht mir nicht mehr von einer Heirat.«

Man kann sich Lord Evandales Bestürzung vorstellen.

»Emilie,« sagte er zu seiner Schwester, »das hast Du gethan! Es war mein Fluch, als ich auf den Gedanken kam, Dich mit herzunehmen! Deine verwünschten Albernheiten haben sie wahnsinnig gemacht.«

»Wahrhaftig, Bruder,« antwortete Lady Emilie, »Du allein reichst hin, um alle Weiber in Schottland toll zu machen. Weil Deine Geliebte geneigt scheint, Dich an der Nase herumzuführen, zankst Du Deine Schwester aus, die so eben Deine Sache verfochten hat; ich hatte sie dahin gebracht, mich ruhig anzuhören, als plötzlich ein Mann zum Fenster hereinsieht, den ihre gereizte Phantasie entweder für Dich oder sonst jemand hielt, und so gab sie uns nun gratis eine tragische Scene zum Besten.«

»Welcher Mann? Welches Fenster?« sagte Lord Evandale ungeduldig und gereizt. »Fräulein Bellenden ist unfähig, mit mir ihren Spott zu treiben und doch, was hätte sonst – –«

»Still, still!« rief Jenny, in deren Interesse es lag, jede fernere Nachforschung zu verhindern, »um Gottes willen, Mylord, leise, denn meine Herrin fängt an sich zu erholen.«

Editha war kaum wieder zu sich gekommen, als sie mit schwacher Stimme bat, sie mit Lord Evandale allein zu lassen. Alle verließen das Zimmer. Als sie unter vier Augen waren, bat Editha den Lord, sich zu ihr zu setzen. Sie ergriff zunächst seine Hand und drückte sie trotz seines Widerstrebens an ihre Lippen, dann sank sie von ihrem Sessel und umfaßte seine Kniee.

»Vergebt, Mylord!« rief sie, »vergebt! ich muß höchst unredlich gegen Euch handeln und ein feierliches Versprechen brechen. Ihr besitzt meine Freundschaft, meine Hochachtung, meine aufrichtigste Dankbarkeit, noch mehr, Ihr besitzt mein Wort und meine Treue, aber ach, vergebt mir! es ist nicht meine Schuld, meine Liebe habt Ihr nicht, und ich kann Euch nicht heirathen ohne Sünde.«

»Ihr träumt, theuerste Editha!« sagte Evandale, aufs äußerste bestürzt, »Ihr laßt Euch von Eurer Einbildungskraft täuschen. Ihr seid überreizt, der Mann, den Ihr mir vorgezogen, ist längst in einer besseren Welt, wohin Eure nutzlose Sehnsucht ihm nicht folgen kann, und könnte sie es, so würde sie seine Glückseligkeit nur vermindern.«

»Ihr irrt, Lord Evandale,« sagte Editha feierlich. »Ich bin keine Nachtwandlerin, bin nicht wahnsinnig. Nein, nie hätte ich einem andern geglaubt, was ich gesehen habe. Aber meinen eigenen Augen muß ich glauben, da ich ihn gesehen habe.«

»Ihn gesehen? wen?« fragte Lord Evandale höchst bestürzt.

»Heinrich Morton,« erwiderte Editha, bei diesen Worten fast wieder einer Ohnmacht nahe.

»Fräulein Bellenden,« sagte Lord Evandale, »Ihr behandelt mich wie einen Narren oder wie ein Kind. Wenn Ihr Euer Versprechen bereut,« fuhr er unwillig fort, »so bin ich nicht der Mann, es gegen Eure Neigung zu erzwingen, aber behandelt mich als Mann und unterlaßt diese Scherze.«

In seinem Unwillen war er schon im Begriff sich zu entfernen, als er an ihrem unstäten Auge, an ihrer bleichen Wange sah, daß sie nichts weniger als einen Betrug beabsichtige, sie war von einem wirklichen Schrecken befallen. Er änderte seinen Ton und wandte seine ganze Beredsamkeit an, sie zu beruhigen und die Ursache ihres Zustandes von ihr zu erforschen.

»Ich sah ihn!« wiederholte sie. – »Ich sah Heinrich Morton an jenem Fenster stehen und in demselben Augenblick ins Zimmer blicken, als ich im Begriff war, ihm auf ewig zu entsagen. Sein Antlitz war finsterer, bleicher und hagerer als einstmals. Er trug einen Reitermantel und einen Hut, der ihm ins Gesicht herabhing, er blickte wie an jenem schrecklichen Morgen, wo er zu Tillietudlem von Claverhouse verhört wurde. Fragt nur Eure Schwester, ob sie ihn nicht eben so gut gesehen hat als ich. – Ich weiß, was ihn aus dem Grabe gerufen, er kam, mich zu tadeln, daß ich meine Hand einem andern geben wollte, während mein Herz bei ihm war, in dem tiefen, todtenstillen Meer. Mylord, es ist aus zwischen Euch und mir; was auch die Folgen sein mögen, diejenige kann keine Verbindung mit Euch schließen, welche damit die Ruhe der Todten stört.«

»Gerechter Gott!« rief Evandale, indem er vor Erstaunen und Schmerz halb wahnsinnig im Zimmer auf und ab ging, »so muß ihr herrlicher Geist zerrüttet werden durch ihr Bestreben, meine unzeitige, obgleich wohlgemeinte Bitte zu erfüllen. Ohne Ruhe und sorgsame Behandlung ist ihre Gesundheit auf immer vernichtet.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und Halliday, der Lord Evandales erster Bedienter war, seit beide beim Ausbruch der Revolution aus der Garde getreten, stolperte ins Zimmer mit einem so entsetzten und geisterbleichen Antlitz, als es der Schrecken selbst nur malen kann.

»Was ist denn los, Halliday?« rief sein Herr aufspringend. »Eine Entdeckung der – –«

Er hatte noch Besonnenheit genug, mitten in dem gefährlichen Satz abzubrechen.

»Nein, Sir,« sagte Halliday, »das ists nicht, auch nichts ähnliches, aber ich habe einen Geist gesehen.«

»Einen Geist? O Du Dummkopf!« sagte Lord Evandale, dem die Geduld riß. »Verschwört sich denn alles, toll zu werden, um mich toll zu machen? – Was für einen Geist, Einfaltspinsel?«

»Den Geist Heinrich Mortons, des Whighauptmanns von der Bothwellbrücke,« erwiderte Halliday. »Wie ein Feuerstrahl strich er an mir vorüber, als ich im Garten war.«

»Das ist die reine Hundstagstollheit,« sagte Evandale, »oder es ist ein Schurkenstreich im Spiele. – Jenny, begleitet Eure Herrin nach ihrem Zimmer, indessen ich der Sache auf die Spur zu kommen suche.«

Aber Evandales Nachforschungen waren umsonst. Jenny, die, wenn sie gewollt, eine genügende Aufklärung hätte geben können, hatte ein Interesse, die Sache im Dunkeln zu lassen, und dieses Interesse hatte bei Jenny großes Gewicht, besonders seit der Besitz eines rührigen guten Mannes ihre Gefallsucht vermindert hatte. Sie nahm die ersten Augenblicke der Bestürzung weislich wahr, um jede Spur, daß jemand im Nebenzimmer übernachtet, schnell zu entfernen, und sogar die Fußstapfen unter dem Fenster zu verwischen, an welchem, wie sie vermuthete, Mortons Gesicht gesehen worden war, als er es versuchte, bevor er den Garten verließ, noch einen Blick von derjenigen zu erhaschen, die er so lange geliebt und nun auf ewig verlieren sollte. Daß er im Garten an Halliday vorbeigekommen, war klar, und sie erfuhr von ihrem älteren Knaben, den sie geheißen, des Fremden Pferd zu satteln und bereit zu halten, daß dieser schnell in den Stall getreten, dem Kinde ein Goldstück zugeworfen und mit furchtbarer Eile dem Clyde zugeritten sei. Das Geheimniß blieb also in der Familie, und nach Jennys Absicht sollte es auch darin bleiben.

»Denn,« dachte sie, »wenn auch die Lady und Halliday den Herrn Morton am hellen Tage erkannt haben, so ist dies doch kein Grund, daß wir ihn auch in der Dämmerung und beim Kerzenlicht hätten erkennen sollen, besonders da er sein Gesicht vor Cuddie und mir fortwährend zu verbergen suchte.«

Daher beharrte sie auf ihrem Leugnen, als Lord Evandale sie befragte, ob sie irgend jemand gesehen habe. Halliday aber konnte bloß aussagen, daß, als er durch die Gartenthüre trat, die Erscheinung ihm schnell entgegen gekommen sei, mit einem Antlitz, auf welchem Zorn und Kummer sich zu streiten schienen. Er kenne ihn recht gut, sagte er, da er ihn mehrmals bewacht und sein Signalement habe aufschreiben müssen, und es gebe wenig Gesichter, wie das des Herrn Morton. Warum er aber in einem Lande spuke, wo er weder gehängt noch erschossen worden, das wage er, Halliday, nicht zu erklären. Lady Emilie gestand, sie habe wohl das Gesicht eines Mannes am Fenster gesehen, aber weiter reichte ihr Zeugniß nicht. John Gudyill wußte von gar nichts. Er hatte gerade, als die Erscheinung kam, seine Gärtnerei verlassen, um sein Morgenschnäpschen zu nehmen. Lady Emiliens Diener wartete in der Küche auf Befehl, und sonst befand sich kein anderes Wesen auf eine Viertelmeile in der Runde.

Im höchsten Grade bestürzt und unbefriedigt, kehrte Evandale zurück, da er einen Plan, den er unter den obwaltenden Umständen sowohl zum Schutze Edithas als für sein eigenes Glück nothwendig erachtete, plötzlich ohne deutliche und vernünftige Ursache im Augenblicke des Gelingens zerstört sah. Er kannte Edithas Charakter zu gut, um zu argwöhnen, daß sie durch eine erdichtete Vision ihre Gesinnungsänderung bemänteln sollte. Er würde jedoch bei ihrer Aufregung die Erscheinung einer überspannten Einbildungskraft zugeschrieben haben, wenn nicht auch Hallidays Aussage mit der ihrigen übereingestimmt hätte, der doch gewiß nicht Ursache hatte, an Morton mehr als ein anderer zu denken, und der von Edithas Erscheinung nichts wußte, als er seine eigene berichtete. Auf der andern Seite schien es wieder sehr unwahrscheinlich, daß Morton, den man so lange und so vergeblich gesucht, und von dem man mit so gutem Grunde vermuthete, daß er mit der »Vrijheid von Rotterdam« untergegangen sei, noch leben und sich in dem Lande verbergen sollte, wo er sich doch offen zeigen konnte, da die gegenwärtige Regierung seiner Partei geneigt war. Als Evandale seine Zweifel dem Kaplan zwar mit Widerstreben mittheilte, um dessen Meinung zu hören, erhielt er nur eine lange Vorlesung über Dämonologie, in welcher der gelehrte Herr nach Citirung des Delvio, Burthoog, De L'Ancre und anderer sich endlich dahin äußerte, daß entweder der Geist Heinrich Mortons wirklich erschienen, wovon er die Möglichkeit als Gottesgelehrter und Philosoph weder geradezu leugnen noch behaupten möge – oder, daß besagter Heinrich Morton, als noch in rerum natura vorhanden, in eigener Person diesen Morgen erschienen, oder endlich, daß eine starke deceptio visus, oder anfallende Ähnlichkeit der Personen die Augen des Fräulein Bellenden und Thomas Hallidays getäuscht habe. Welches die wahrscheinlichste Hypothese sei, darüber wollte sich der Doktor nicht aussprechen, sondern wollte lieber den Kopf dafür einsetzen, daß eine von diesen Möglichkeiten die Störung an diesem Morgen veranlaßt habe. Lord Evandale hatte bald eine Ursache mehr zur äußersten Betrübniß. Der Arzt erklärte nämlich Edithas Zustand für höchst bedenklich.

»Ich will diesen Ort nicht verlassen,« rief er, »bis ich sie außer Gefahr weiß. Ich kann und darf es nicht thun, denn was auch immer die unmittelbare Ursache ihrer Krankheit ist, ich gab die erste Veranlassung dazu durch meine unselige Bitte.«

Er richtete sich sogleich als Gast in der Familie ein, ein Schritt, den die Gegenwart seiner Schwester und der Lady Margarethe, die sich trotz ihrer Gicht hatte herbeischaffen lassen, als sie von Edithas Krankheit hörte, eben so natürlich machte, wie er Zartgefühl verrieth. So wartete er ängstlich, bis Editha, ohne ihrer Gesundheit zu schaden, eine entscheidende Erklärung von ihm ertragen könne, und nur dann erst wollte er abreisen.

»Nie soll sie,« sagte der Edelmüthige, »ihre Verpflichtung gegen mich so betrachten, als müßte sie dadurch an eine Verbindung gefesselt werden, deren bloßer Gedanke schon ihren Geist fast aus den Fugen zu bringen im Stande war.«

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