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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 38
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXXVI

Mit wem galoppirt die Zeit davon?

Wie es Euch gefällt.

Es ist ein Glück für die Romanschreiber, daß sie nicht wie die Dramatiker an die Einheit der Zeit und des Ortes gebunden sind, sondern daß sie ihre Personen nach Belieben bald nach Athen und Theben versetzen und bald wieder zurückbringen können. Bisher hat die Zeit, nach Rosalindens Gleichniß, mit dem Helden unserer Geschichte gleichen Schritt gehalten, denn zwischen Mortons erstem Auftreten als Preisbewerber beim Vogelschießen und seiner Abreise nach Holland waren kaum zwei Monate verstrichen. Aber Jahre verschwanden bis zu dem Momente, wo wir den Faden unserer Erzählung wieder aufnehmen können, und es muß daher angenommen werden, daß die Zeit über diesen Zwischenraum hinweg galoppirt sei. Ich berufe mich also auf das Privilegium meiner Zunft und lenke die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Fortsetzung der Erzählung, die von einer neuen Epoche, nämlich von dem Jahre unmittelbar nach der brittischen Revolution beginnt.

Schottland hatte sich soeben von der Erschütterung zu erholen begonnen, die durch den Wechsel der Dynastie veranlaßt worden, und war durch die kluge Mäßigung König Wilhelms den Schrecken eines langen Bürgerkrieges entgangen. Der Ackerbau fing an wieder aufzublühen, und die Leute, deren Gemüther durch die heftigen politischen Erschütterungen und den allgemeinen Regierungswechsel in Staat und Kirche beunruhigt worden waren, gelangten wieder zur Besonnenheit und schenkten nun ihrem Privatinteresse die alte Aufmerksamkeit, statt das des Staates zu besprechen. Nur die Hochländer widersetzten sich der eingeführten Ordnung der Dinge und standen in beträchtlicher Menge bewaffnet unter dem Viscount von Dundee, den unsere Leser bis jetzt unter dem Namen Graham von Claverhouse kennen gelernt. Aber der allgemeine Zustand der Hochlande war so regellos, daß eine größere oder geringere Unruhe in denselben die allgemeine Ruhe nicht gefährden konnte, so lange jene Unordnungen nicht über die Grenzen hinaus um sich griffen. Im Tieflande erwarteten die Jakobiten, die jetzt eine untergeordnete Partei waren, keinen unmittelbaren Vortheil mehr vom offenen Widerstand und waren ihrerseits genöthigt, Privatzusammenkünfte zu halten und Versammlungen zu gegenseitiger Vertheidigung zu bilden, was die Regierung Hochverrath nannte, während jene über Verfolgung schrieen.

Als die triumphirenden Whigs den Presbyterianismus als Staatsreligion wieder herstellten und den Generalversammlungen der Kirche ihren ursprünglichen Einfluß zurückgaben, gingen sie durchaus nicht so weit, als die Cameronianer und der ausschweifendere Theil der Nonconformisten unter Karl und Jakob es gewollt hatten. Sie wollten nichts von der Wiederherstellung des Covenants hören, und diejenigen, welche in König Wilhelm einen eifrigen Anhänger des Covenants zu finden gehofft, waren bitter getäuscht, als er ihnen mit echt holländischem Phlegma seine Absicht mittheilte, jede nur irgend mit der Sicherheit des Staats verträgliche Religionsform dulden zu wollen. Diese von der Regierung gehegten Grundsätze der Toleranz waren ein großes Aergerniß für die heftigere Partei, welche der Meinung war, dieselben ständen zu der heiligen Schrift in directem Widerspruch. Sie citirten für ihre engherzige Lehre manchen Bibelspruch, der, wie sich leicht denken läßt, aus dem Zusammenhange gerissen war, und worin den Juden im alten Testamente die Erlaubniß ertheilt wurde, die Götzendiener im gelobten Lande zu vertilgen. Sie murrten auch laut über den Einfluß, den sich weltliche Personen durch das Patronatsrecht anmaßten, das sie eine Befleckung der Kirchenkeuschheit nannten. Sie verurtheilten die Maßregeln, durch welche die Regierung nach der Revolution eine Neigung zeigte, sich in das Kirchenregiment zu mischen, und verdammten sie als erastinianisch, auch wollten sie durchaus nicht dem König Wilhelm und der Königin Maria den Eid der Treue leisten, bis diese ihrerseits den Covenant, die Magna Charta der presbyterianischen Kirche, wie sie ihn nannten, beschworen hätten.

So blieb diese Partei voll Groll und Unzufriedenheit und erließ wiederholt Erklärungen gegen den Abfall und die Ursachen des göttlichen Zorns, welche, wären sie wie von den beiden früheren Regierungen verfolgt worden, ebenfalls zu offener Empörung geführt hätten. Da man aber den Murrenden gestattete, ihre Zusammenkünfte ununterbrochen abzuhalten und sie Zeugniß ablegen ließ gegen Socinianismus, Erastinianismus und gegen jede sträfliche Nachsicht und die Abfälle der Zeit, so viel sie nur immer Lust hatten, so erstarb allmählich ihr Eifer, der durch keine Verfolgung angefacht wurde, ihre Anzahl verminderte sich, und sie schwanden bis auf einen kleinen zerstreuten Rest düsterer, grübelnder, aber harmloser Schwärmer zusammen. Der alte »Vater Sterblich«, dessen Lebensgeschichte der Verfasser seinem Roman, den er nach ihm benannt ( Old Mortality), vorausgeschickt, ist ein würdiger Repräsentant dieser Seite. Aber in den Jahren, welche unmittelbar auf die Revolution folgten, blieben die Cameronianer eine starke Sekte von heftigen politischen Ansichten, welche die Regierung zu entmuthigen wünschte, indem sie sich wohlweislich jeder Einmischung enthielt. Diese Leute bildeten eine heftige Partei im Staate, und die Episkopalen und Jakobiten strebten trotz ihres alten Hasses immerfort danach, Ränke unter ihnen zu spinnen, ihre Abneigung gegen die Regierung zu benutzen und ihren Beistand zur Rückberufung der Familie Stuart zu erwerben. Die Revolutionsregierung war indessen durch die große Masse der Tieflandbewohner unterstützt, welche besonders einem mäßigen Presbyterianismus geneigt waren und größtentheils die Partei bildeten, die unter dem Drucke der früheren Regierungen von den Cameronianern gebrandmarkt war, weil sie die Indulgenz unter Karl II. angenommen. Dies war der Zustand der Parteien in Schottland unmittelbar nach der Revolution.

Es war an einem entzückend schönen Sommerabende, als ein Fremder, dem Anscheine nach ein Soldat von Rang, auf einem schönen Pferde den sich windenden Pfad hinabritt, der dicht an den romantischen Ruinen des Bothwellschlosses und am Clydeflusse endigt, der sich so anmuthig durch Felsen und Waldung schlängelt, um die alten Thürme zu bespülen, die einst von Aymer von Valence erbaut worden waren. Nahe daran und ebenfalls sichtbar lag die Bothwellbrücke. Das gegenüberliegende Feld, einst der Schauplatz von Mord und Kampf, lag jetzt still und ruhig, wie die Oberfläche eines Sees zur Sommerzeit. Bäume und Büsche, welche rings in romantischer Abwechselung wuchsen, wurden kaum vom Abendwinde bewegt. Selbst das Gemurmel des Flusses schien sich der Stille der Landschaft ringsum anzubequemen und leiser zu werden. Der Pfad, den der Reisende herabritt, war hier und da durch einzelne größere Bäume oder durch Einfriedigungen von Obstbäumen beschattet, die jetzt mit den Früchten des Sommers beladen waren. Der nächste wichtigere Gegenstand war ein Pachthof, vielleicht auch die Wohnung eines kleinen Gutsbesitzers, auf der Seite eines sonnigen Abhanges, der mit Aepfel- und Birnenbäumen bedeckt war. An dem Fuße des Pfades, der zu der bescheidenen Wohnung aufwärts führte, stand ein kleines Häuschen, das beinahe wie eine Privatwohnung aussah, obgleich sie dies offenbar nicht war. Die Hütte schien bequem und niedlicher eingerichtet, als es sonst in Schottland gewöhnlich ist. Sie hatte ihren kleinen Garten, wo Fruchtbäume und Gebüsche mit Küchengewächsen untermischt waren; eine Kuh und sechs Schafe weideten dicht dabei in einem Gehege, der Hahn stolzirte und krähte vor der Thüre oder lockte seine Familie um sich, ein Haufe trockenes Reisig und Torf, zierlich aufgeschichtet, verkündete, daß für Winterfeuerung gesorgt war, und der blaue Rauch, der aus dem mit Stroh umwundenen Schornsteine aufstieg, zeigte, daß die Abendmahlzeit eben bereitet werde. Um diese Scene ländlicher Ruhe und Behaglichkeit zu vollenden, füllte ein Mädchen von ungefähr fünf Jahren den Krug an einem schönen Brunnen voll des kristallklarsten Wassers, das ungefähr zwanzig Schritte von dem Häuschen entfernt an einer alten morschen Eiche hervorsprudelte.

Der Fremde hielt und rief die kleine Nymphe heran, um den Weg nach Fairy-Knowe zu erfragen. Das Kind setzte den Krug hin, da es kaum die Frage verstand, strich sich das goldene Haar aus der Stirn, öffnete die runden blauen Augen, und fragte verwundert: »Was wollt Ihr?« – des Landmannes erste Antwort, wenn sie eine heißen kann, auf jede an ihn gerichtete Frage.

»Ich möchte gern den Weg nach Fairy-Knowe wissen.«

»Mutter, Mutter,« rief das kleine Bauermädchen und eilte nach der Thüre, »komm heraus und sprich mit diesem Herrn.«

Die Mutter kam, eine junge hübsche Bauersfrau, deren ursprünglich schalkhaften Zügen die Ehe jenen decenten matronenhaften Ausdruck verliehen, der die Bäuerinnen in Schottland besonders kennzeichnet. Sie trug auf dem rechten Arme einen Säugling und mit dem linken glättete sie ihre Schürze, an der ein pausbackiges Kind von zwei Jahren hing. Das Mädchen aber, welches der Reisende zuerst gesehen, trat hinter die Mutter und behielt diese Stellung, indem sie nur zuweilen verstohlen nach dem Fremden hinblickte.

»Was ist gefällig, Herr?« sagte das Weib mit achtungsvoller Artigkeit, die sonst solchen Leuten nicht eigen ist, ohne daß sie sich jedoch zudringlich zeigte.

Einen Augenblick betrachtete sie der Fremde aufmerksam und sagte dann: »Ich suche den Ort Fairy-Knowe und einen Mann Namens Cuddie Headrigg. Ihr könnt mich vielleicht zu ihm weisen?«

»Das ist mein Mann, lieber Herr,« sagte die junge Frau freundlich lächelnd.

»Wollt Ihr absteigen, Herr, und in unsere arme Wohnung eintreten? – Cuddie! Cuddie!« – ein weißköpfiger Bursche von vier Jahren erschien an der Thüre – »lauf, mein Bübchen, und sag dem Vater, ein fremder Herr wolle ihn sprechen – oder bleib, – Jenny, Du wirst mehr Verstand haben, – lauf Du hin und sags ihm, er ist im Vieracker-Park unten. Wollt Ihr nicht absteigen und einen Augenblick ausruhen? Oder wollt Ihr einen Bissen Brod und Käse und einen Schluck Bier genießen, bis mein Mann kommt? Das Bier ist gut, obgleich ichs nicht sagen soll, die ichs selber braue. Aber Ackersleute haben saure Arbeit und müssen ein Labsal haben, drum nehme ich immer ein gutes Maß Malz zum Gebräu.«

Während der Fremde ihr höfliches Anerbieten ablehnte, erschien Cuddie, des Lesers alte Bekanntschaft, in eigener Person. Sein Gesicht zeigte noch immer die Mischung scheinbarer Dummheit und gelegentlicher Geistesblitze, die so oft die Schlauheit im Holzschuh andeutet. Er betrachtete den Reiter wie einen Mann, den er noch nie gesehen, und fragte ebenfalls: »Was wollt Ihr, Herr?«

»Ich hätte Lust, einiges über diese Gegend zu erfahren,« sagte der Reisende, »und man hat mich an Euch als einen vernünftigen Mann gewiesen, der mir Auskunft geben kann.«

»Gewiß, Sir,« sagte Cuddie nach kurzem Nachdenken, »aber erst möchte ich doch wissen, was es für Fragen sein sollen, die Ihr stellen wollt. Man hat seiner Zeit schon so viel Fragen und in so verzwickter Weise an mich gerichtet, daß, wenn Ihr sie alle wüßtet, Ihr Euch nicht wundern würdet, daß ich ein wenig Bedenken trage, flugs zu antworten. Meine Mutter ließ mich den kleinen Katechismus lernen, was eine große Plage war! Dann sollt ich auch, der alten Lady zu Gefallen, von meinen Pathen und Pathinnen lernen, da mischt' ich Kraut und Rüben durch einander und macht' es keinem recht; als ich ins Mannesalter kam, kamen andere Fragen in die Mode, die mir noch weniger gefielen als die Gnadenwahl. Daher, lieber Herr, wünsch ich erst die Fragen deutlich gestellt zu hören, ehe ich antworte.«

»Von meinen Fragen habt Ihr nichts zu fürchten, guter Freund, sie beziehen sich nur auf den Zustand des Landes.«

»Des Landes?« erwiderte Cuddie; »ei, mit dem stehts gut genug, wäre nicht der Teufelskerl, der Claverhouse, jetzt heißt er Dundee, der rumort in den Hochlanden mit all den Donalds und Duncans und Dugalds, die je ohne Hosen gingen, um alles wieder durch einander zu bringen, was wir so ganz vernünftig in Ordnung gebracht haben. Aber Mackay wird ihn schon zu Boden bringen, das steht fest! Er wird ihm schon sein Fett geben, dafür stehe ich.«

»Was macht Euch so sicher darin, mein Freund?« fragte der Reiter.

»Ich habs mit eigenen Ohren gehört,« antwortete Cuddie. »Ein Mann hats ihm prophezeit, der schon drei Stunden todt war und wieder lebendig wurde, nur um ihm den Standpunkt klar zu machen. Es war an einem Orte, den man Drumschinnel nennt.«

»Wirklich?« sagte der Fremde. »Das kann ich kaum glauben, mein Freund.«

»Ihr könntet meine Mutter fragen, wenn sie noch lebte,« erwiderte Cuddie, »sie hat mir alles auseinandergesetzt, denn ich glaubte, der Mann wäre bloß verwundet gewesen. Jedenfalls aber sprach er von der Vertreibung der Stuarts und was für eine Rache gegen Claverhouse und seine Dragoner vorbereitet werde; der Mann hieß Habakuk Wütheviel, es war hier nicht ganz richtig bei ihm, aber ein Prediger war er wie einer.«

»Ihr scheint in einem reichen und friedlichen Lande zu leben,« sagte der Fremde.

»Man kann sich nicht beklagen, lieber Herr, wenn wir das Korn gut hereinkriegen,« sagte Cuddie. »Wenn Ihr aber das Blut dort oben auf der Brücke hättet rinnen sehen, so schnell wie das Wasser unten, nun, das hätte Euch vielleicht nicht so gut gefallen.«

»Ihr meint wohl die Schlacht vor einigen Jahren? – Ich habe an jenem Morgen dem Herzog von Monmouth meine Aufwartung gemacht und ein Stück von der Schlacht mit angesehen,« sagte der Fremde.

»Da habt Ihr ein schönes Durcheinander gesehen, das hat mir das Fechten auf Lebenszeit verleidet,« entgegnete Cuddie. – »Nach Eurem rothen gestickten Rock und Eurem Tressenhut würde ich Euch für einen Soldaten halten.«

»Und auf welcher Seite wart Ihr denn, mein Freund?« fragte der neugierige Fremde wiederum.

»Siehste wohl!« erwiderte Cuddie mit einem schlauen Blicke, »wozu darauf antworten, wenn man den Frager nicht kennt?«

»Ich billige Eure Vorsicht, doch habt Ihr sie jetzt nicht nöthig. Ich weiß, Ihr wart damals Heinrich Mortons Diener.«

»Ei, ei!« rief Cuddie erstaunt, »wer hat Euch dies Geheimniß anvertraut? – Nicht, daß ich mir einen Pfifferling draus machte, denn jetzt haben wir den Vortanz. Ich wollte, mein Herr wäre noch am Leben, daß er auch noch was davon abkriegte.«

»Was ist denn aus ihm geworden?« fragte der Reiter.

»Er ist mit dem Schiff untergegangen auf der Reise nach dem leidigen Holland, Mann und Maus untergegangen und mein armer Herr mit,« seufzte Cuddie, »Man hat nie wieder von ihm gehört.«

»Ihr habt ihn also wohl gern gehabt?« fragte der Fremde.

»Wie konnt ich denn anders? Schon sein Gesicht machte einem Freude! Und ein braver Soldat war er. Ach, wenn Ihr ihn auf der Brücke gesehen hättet! Da flog er umher wie ein fliegender Drache, um die Leute zum Gefecht zu bringen, die eben nicht viel Lust dazu hatten, er und der finstere Whig, der Burley, – wenn zwei Mann eine Schlacht gewinnen könnten, hätten wir nicht mit unserm Fell bezahlen müssen an jenem Tage.«

»Ihr erwähnt den Burley, wißt Ihr, ob er noch lebt?«

»Viel weiß ich eben nicht von ihm. Man sagt, er sei außer Landes gewesen, und unsere Dulder wollten nichts mit ihm zu schaffen haben, weil er den Erzbischof ermordet hat. So kam er wieder heim, noch zehnmal schlimmer als je, und brach mit vielen Presbyterianern. Und wie der Prinz von Oranien ins Land kam, konnte er kein Kommando kriegen wegen seiner teufelsmäßigen Gesinnung, und seitdem hat man nichts von ihm gehört, und einige sagen, Stolz und Zorn hätten ihn rein toll gemacht.«

»Und – und,« sagte der Fremde nach einigem Zögern, »wißt Ihr etwas von Lord Evandale?«

»Ob ich etwas von Lord Evandale weiß? – Ist doch meine junge Lady in dem Hause dort so gut als verheirathet mit ihm.«

»Doch, wirklich, also sind sie noch nicht verheirathet?« fragte der Reiter hastig.

»Nein, nur was die Vornehmen so verlobt nennen, ich und meine Frau waren Zeugen, vor einigen Monaten, eine lange Freierei wars, wenig Leute wissen darum, nur ich und Jenny. – Aber wollt Ihr nicht absitzen? Ich kann Euch nicht so auf dem Gaul sehen, die Wolken im Westen ziehen dicht über Glasgow hin und die meisten Vernünftigen glauben, das bedeute Regen.«

Wirklich hatte eine dichte schwarze Wolke die untergehende Sonne verdunkelt, einige große Regentropfen fielen nieder, und das Rollen des Donners wurde aus der Ferne gehört.

»Dem steckt der Teufel im Leibe,« dachte Cuddie. »Ich wollt, er stiege ab oder machte sich fort, um in Hamilton einzukehren, ehe das Wetter losbricht.«

Aber der Reiter saß nach seiner letzten Frage einige Augenblicke, wie von ungewöhnlicher Anstrengung erschöpft, regungslos auf dem Pferde. Endlich raffte er sich plötzlich zusammen und fragte Cuddie, ob Lady Margarethe Bellenden noch lebe?

»Ja,« erwiderte Cuddie, »aber ziemlich knapp. Es hat sich gar manches schlimm verändert, seit diese rauhen Zeiten begonnen haben. Sie haben genug gelitten anfangs und zuletzt, sie haben das alte Schloß verloren und die schöne Baronie und die Aecker, die ich so oft gepflügt, und meinen Kohlgarten, den ich wieder bekommen sollte, und alles für weiter nichts, wie man sagt, als weil einige Fetzen Pergament fehlten, die bei der Einnahme von Tillietudlem verloren gegangen sind.«

»Ich habe etwas davon gehört,« sagte der Fremde mit leiserer Stimme, indem er den Kopf abwandte. »Ich nehme Antheil an der Familie und würde ihnen gern helfen, wenn ich könnte. Könnt Ihr mir hier ein Bett geben für die Nacht, mein Freund?«

»Unser Haus ist zwar selber nur ein Winkel, lieber Herr,« sagte Cuddie, »doch wir wollens versuchen, eh Ihr in diesem Donnerwetter fortreitet, denn, aufrichtig gesagt, Ihr scheint nicht übermäßig gesund.«

»Ich leide an Schwindelzufällen,« sagte der Fremde, »aber sie sind stets schnell vorüber.«

»Ein leidliches Abendessen sollt Ihr bekommen, lieber Herr, das weiß ich,« sagte Cuddie, »und ein Bett auch, so gut wirs eben haben. Viele Betten haben wir freilich nicht, aber es thäte uns leid, wenn ein Fremder bei uns keins bekäme. Jenny hat so viel Kinder, Gott erhalte sie, daß ich wahrscheinlich Lord Evandale ansprechen muß, uns etwas zum Häuschen hinzuzugeben, weils zu sehr an Platz zu fehlen anfängt.«

»Ich bin leicht befriedigt,« sagte der Fremde, als er ins Haus trat.

»Euer Pferd soll gut versorgt werden, verlaßt Euch darauf,« sagte Cuddie. »Ich weiß ein Pferd zu füttern, und das ist gar ein hübsches Thier.«

Cuddie führte das Pferd in den kleinen Kuhstall und rief seiner Frau zu, sie sollte inzwischen für den Fremden sorgen. Der Offizier trat ein, warf sich auf den Sessel in einiger Entfernung vom Feuer und kehrte absichtlich dem Fenster seinen Rücken.

Jenny, oder wenn der Leser lieber will, Frau Headrigg, bat ihn, Mantel, Wehrgehenk und den breitkrämpigen Hut abzulegen; er entschuldigte sich aber mit dem Vorgeben, daß ihn friere, und um sich die Zeit bis zu Cuddies Rückkehr zu vertreiben, fing er an mit den Kindern zu schwatzen und entzog sich immer sorgfältig den neugierigen Blicken seiner Wirthin.

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