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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 36
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXXIV

Bereitet die Klage, die Anwält zur Hand,
Die Richter am Tische – war furchtbar zu schau'n.

Die Bettler-Oper.

So tief war der Schlaf, der auf die Unruhe und Gemüthsbewegung des vorigen Tages folgte, daß Morton kaum wußte, wo er sich befand, als er durch Pferdegetrappel und Trompetenklang geweckt wurde. Kurz darauf kam der Sergeantmajor, um ihn zu rufen; er that dies auf eine sehr respektvolle Weise, indem er sagte: der General – Claverhouse hatte diesen Rang erhalten – hoffe das Vergnügen von Herrn Mortons Gesellschaft auf der Reise zu genießen. In manchen Lebenslagen ist eine Andeutung Befehl, und als einen solchen betrachtete Morton diese Einladung. Er begab sich daher möglichst schnell zu Claverhouse und fand sein Pferd schon gesattelt und Cuddie zu seiner Bedienung bereit. Die Feuerwaffen wurden ihnen abgenommen, im übrigen schienen sie eher zu den Truppen als zu den Gefangenen zu gehören. Morton durfte sogar sein Schwert behalten, das zu jener Zeit den Edelmann kennzeichnete. Claverhouse schien mit Vergnügen an seiner Seite zu reiten, mit ihm zu sprechen und Mortons Ideen zu verwirren, wenn dieser es versuchte, den Charakter des Generals festzustellen. Die feinen Sitten und das gewandte Benehmen des letzteren, seine hohen ritterlichen Ansichten von militärischer Hingebung, die er gelegentlich kundgab, seine tiefe, gründliche Kenntniß des menschlichen Herzens erregten die Bewunderung und den Beifall aller, die mit ihm verkehrten, während seine kalte Gleichgültigkeit gegen militärische Gewaltthätigkeit und Härte doch ganz unvereinbar schien mit diesen vorzüglichen und bewunderungswürdigen Eigenschaften. Morton kam unwillkürlich dazu, ihn im Stillen mit Balfour von Burley zu vergleichen, und dieser Vergleich nahm seinen Geist derart in Anspruch, daß er eine Andeutung darüber fallen ließ, als sie in einiger Entfernung von den Soldaten neben einander herritten.

»Ihr habt Recht,« sagte Claverhouse lächelnd, »Ihr habt wirklich Recht, wir sind beide Fanatiker. Aber man muß doch den Fanatismus der Ehre und den eines finstern albernen Aberglaubens unterscheiden.«

»Aber ihr beide vergießt Blut ohne Schonung und ohne Gewissensbisse,« sagte Morton, der seine Gefühle nicht unterdrücken konnte.

»Allerdings,« sagte Claverhouse mit derselben Fassung, »aber Blut welcher Art? Es ist doch wohl ein Unterschied zwischen dem Blute gelehrter ehrwürdiger Priester, tapferer Soldaten und Edelleute, und der rothen Masse, die in den Adern psalmsingender Handwerker, hirnverbrannter Demagogen und einfältiger Bauern hinschleicht – kurz, ein Unterschied zwischen dem, der eine Flasche edeln Weines vergießt und dem, der einen Krug schlechten Bieres ausschüttet?«

»Diese Unterscheidung ist mir zu fein,« erwiderte Morton. »Gott weckt jeden Lebensfunken, den des Bauern sowohl wie den des Fürsten, und wer das Werk des Schöpfers ohne Rücksicht und ohne Grund zerstört, hat es einst zu verantworten. Welches größere Recht zum Beispiel habe ich jetzt auf General Grahams Schutz als damals, wo ich zuerst mit ihm zusammentraf?«

»Und kaum den Folgen dieses Zusammentreffens entrann, wolltet Ihr sagen?« antwortete Claverhouse. – »Nun ich will Euch offen gestehen, damals dachte ich, es mit dem Sohne eines alten rundköpfigen Rebellen und dem Neffen eines schmutzigen presbyterianischen Lairds zu thun zu haben, jetzt kenne ich Euch besser, Ihr besitzt das, was ich an einem Feinde eben so sehr achte, als ich es an meinen Freunden liebe. Ich habe seit unserm ersten Zusammentreffen viel über Euch erfahren, und hoffentlich habt Ihr gefunden, daß ich aus diesen Nachrichten keinen für Euch ungünstigen Schluß gezogen habe.«

»Aber –,« sagte Morton.

»Aber –,« unterbrach Graham, »Ihr wollt sagen, Ihr seid jetzt noch derselbe, der Ihr damals waret, wo wir uns zuerst begegneten. Freilich! Aber wie konnte ich das wissen? Obgleich, beiläufig gesagt, schon mein Widerstreben, Eure Hinrichtung aufzuschieben, Euch zeigen kann, wie sehr ich Eure Eigenschaften gewürdigt habe.«

»Erwartet Ihr, General,« sagte Morton, »daß ich Euch für einen solchen Beweis der Achtung besonders dankbar sein soll?«

»Geht doch, Ihr nehmts zu genau,« erwiderte Claverhouse. »Ich sage Euch, ich hielt Euch für einen ganz andern Menschen. Habt Ihr je Froissart gelesen?«

»Nein!«

»Ich habe so halb und halb im Sinne,« sagte Claverhouse, »Euch auf sechs Monate ins Gefängniß zu schicken, um Euch dies Vergnügen zu verschaffen. Sein Werk begeistert mich mehr als alle Poesie. Mit welchen ritterlichen Gefühlen beschreibt der edle Canonicus die schönen Aeußerungen des Kummers über den Tod des tapfern hochgebornen Ritters, dessen Fall man nur mit tiefem Mitleid sehen kann, so groß war seine Treue gegen den König, so rein sein Glaube, so gehärtet sein Herz gegen den Feind, so ergeben seine Treue gegen seine Geliebte! – Ach, Benedicite! wie pflegte er zu trauern über den Fall einer solchen Perle der Ritterschaft, ob er fällt auf der Seite, welche er gerade begünstigt, oder auf der andern. Werden aber etliche hundert gemeine Kerle von der Erde gefegt, Kerle nämlich, die nur für den Pflug geboren sind, da zeigt der hochgeborene und sonst so peinlich genaue Geschichtsforscher verdammt wenig Sympathie, so wenig oder vielleicht noch weniger, als John Graham von Claverhouse.«

»Es befindet sich ein Ackersknecht in Eurer Gewalt, General,« sagte Morton, »für den ich mir erlaube, Eure Gunst zu erbitten, trotz der Verachtung, die Ihr gegen einen Stand hegt, den die Philosophen für einen ebenso nützlichen als den des Soldaten halten.«

»Ihr meint,« sagte Claverhouse, in sein Notizbuch blickend, »einen gewissen Hatherick, Hedderig, oder Headrigg. Ja, ja, Cuddie Headrigg, hier habe ich ihn. Seid unbesorgt für ihn, wenn er sich fügsam zeigt. Die Damen von Tillietudlem haben sich schon vor einiger Zeit bei mir für ihn verwandt. Ich glaube, er soll ihr Kammermädchen heirathen. Man wird ihn schon durchwischen lassen, wenn er nicht selbst seinem Glück im Wege steht.«

»Ich glaube nicht, daß er Ehrgeiz genug hat, Märtyrer zu werden,« sagte Morton.

»Desto besser für ihn,« sagte Claverhouse. »Und obgleich der Bursche so manches zu verantworten hätte, ich will sein Freund sein, weil er sich gestern mit so blinder Bravour in unsere Reihen warf, um Hilfe für Euch zu suchen. Ich verlasse niemand, der mir so unbedingtes Vertrauen schenkt. – Halliday, bringe mir das schwarze Buch her.«

Als der Sergeant das ominöse, alphabetisch geordnete Verzeichniß der Uebelgesinnten übergeben hatte, blätterte Claverhouse während des Reitens in demselben und las die Namen her, wie sie ihm just aufstießen. »Gumblegumption, ein Geistlicher, fünfzig Jahre, geduldet, verschlossen, schlau u. s. w.; pah! nun – nun – hier ist er – Heathercat, geächtet – Prediger – eifriger Cameronianer – hält Conventikel auf den Campsiebergen – still – o, da ist der Headrigg – Cuddie – seine Mutter eine bitterböse Puritanerin – er ein einfältiger Bursche, gerade darauf los, aber Genie für Complotte – mehr Hand als Kopf – könnte auf die rechte Seite herübergezogen werden, wenn nicht seine Anhänglichkeit an – –« Hier blickte Claverhouse auf Morton, schloß das Buch und fuhr in einem andern Tone fort: »Redlich und treu sind Worte, die niemals bei mir weggeworfen werden, Herr Morton. Ihr könnt wegen des Burschen ruhig sein.«

»Empört es nicht einen Mann wie Euch,« sagte Morton, »ein System zu befolgen, welches durch so kleinliche Nachforschungen nach unbedeutenden Individuen aufrecht erhalten werden muß?«

»Ihr glaubt doch nicht, daß wir uns damit abgeben?« sagte der General stolz. »Die Pfarrer liefern ihrer eigenen Sicherheit wegen alle diese Materialien, sie kennen am besten die schwarzen Schafe in ihrer Herde. Euer Conterfei habe ich schon vor drei Jahren gehabt.«

»Wirklich?« entgegnete Morton. »Wollt Ihr es mir nicht mittheilen?«

»Gern!« sagte Claverhouse. »Es hat wenig zu bedeuten; denn Ihr könnt Euch nicht an dem Pfarrer rächen, da Ihr wahrscheinlich Schottland auf einige Zeit verlassen werdet.«

Dies sagte er ganz gleichgültig, Morton aber schauderte unwillkürlich bei diesen Worten, die eine Verbannung aus seinem Vaterlande ankündigten. Ehe er indessen antwortete, las Claverhouse: »Heinrich Morton, Sohn des Silas Morton, Obersten eines Reiterregiments des schottischen Parlaments, Neffe Mortons von Milnwood – von unvollkommener Erziehung aber früh entwickelten Geistes, ausgezeichnet in allen körperlichen Uebungen, gleichgültig gegen religiöse Formen, aber scheinbar zum Presbyterianismus geneigt, hat hochfliegende und gefährliche Ansichten über Freiheit des Gedankens und der Rede, und schwankt zwischen dem Freigeist und Enthusiasten. Er hat viele Anhänger und Bewunderer unter Leuten seines Alters, in seinem Betragen bescheiden, ruhig und anspruchslos, doch im Herzen hervorragend, kühn und unbeugsam. Er ist – hier folgen drei rothe Kreuze, welche »dreifach gefährlich« bedeuten. – Ihr seht nun, welche wichtige Person Ihr seid. Aber was will dieser Bursche?«

Ein Reiter sprengte herbei und übergab einen Brief. Als der Bote davongeritten war, begann Claverhouse mit verächtlichem Tone: »Ein Alliirter von Euch, oder besser von Eurem Freunde Burley, ist Euch desertirt; hört nur, was er schreibt: Theurer Sir! – ich weiß nicht, daß wir je so intim waren – Eure Excellenz belieben, meine unterthänigsten Glückwünsche zu dem Siege zu genehmigen – hm! hm! – mit welchem Seiner Majestät Waffen gesegnet worden sind. Ich bitte Euch, Act davon zu nehmen, daß ich meine Leute unter Waffen halte, um alle Flüchtlinge aufzufangen; auch habe ich bereits mehrere Gefangene gemacht u. s. w. Unterschrieben Basil Olifant. – Ihr kennt den Burschen wohl dem Namen nach?«

»Ist er nicht ein Verwandter der Lady Margarethe Bellenden?« fragte Morton.

»Ja,« erwiderte Graham, »und der einzige männliche, obgleich entfernte Erbe aus ihres Vaters Familie; überdies ein Freier der schönen Editha, obgleich als unwürdig abgewiesen, besonders aber ein Bewunderer der Besitzungen von Tillietudlem und alles dessen, was dazu gehört.«

»Der schlägt eine verfehlte Methode ein, um sich der Familie von Tillietudlem zu empfehlen,« sagte Morton, seine eigenen Gefühle unterdrückend, »wenn er mit unserer unglücklichen Partei Verbindungen unterhält.«

»O dieser kostbare Basil wird immer den Mantel nach dem Winde drehen!« rief Claverhouse. »Er war unzufrieden mit der Regierung, weil sie nicht zu seinen Gunsten eine Verfügung des verstorbenen Grafen von Torwood umstoßen wollte, der seine Besitzungen seiner eigenen Tochter vermacht hatte; er war unzufrieden mit der Lady Margarethe, weil diese kein Verlangen nach einer Verbindung mit ihm zeigte, und mit der schönen Editha, weil sie eben nicht für seine lange abstoßende Persönlichkeit eingenommen war. So stand er nun mit Burley in vertrautem Briefwechsel und brachte seine Leute unter Waffen, um ihm zu helfen, wenn er keine Hilfe brauchte, nämlich, wenn Ihr uns gestern geschlagen hättet. Und jetzt behauptet der Schurke, er habe alles für die Sache des Königs gethan, und so viel ich weiß, wird der hohe Rath seinen Vorwand für baare Münze nehmen, denn er weiß, wie man sich Freunde macht. Und etliche Dutzend armer vagabondirender Schwärmer werden erschossen oder gehenkt werden, weil dieser verschmitzte Schuft den Mantel der Loyalität heraushängt, der mit dem Fuchspelz der Heuchelei gefüttert ist.«

Durch diese und andere Gespräche verkürzten sie sich den Weg. Claverhouse sprach ganz offen mit Morton und behandelte ihn mehr als Freund und Gesellschafter denn als Gefangenen, so daß diesem trotz der Ungewißheit über sein Schicksal, die Stunden, die er mit dem merkwürdigen Manne verlebte, durch dessen Unterhaltung zu so heiteren wurden, daß sich ihm diese Zeit seit dem Augenblicke seiner Gefangenschaft, welche ihn plötzlich von der Sorge um seine schwankende und gefährliche Stellung unter den Insurgenten und von den Folgen ihres argwöhnischen Hasses befreite, minder sorgenvoll verlief, als irgend eine seit seinem Auftreten im öffentlichen Leben. In seinem Geschick glich er jetzt einem Reiter, der seinem Rosse die Zügel über den Hals gehängt hat, und während er sich den Verhältnissen überläßt, sich wenigstens die Mühe erspart, dieselben zu lenken. In dieser Stimmung setzte er die Reise fort. Unterdessen verstärkte sich die Zahl seiner Gefährten durch die Gefangenen, welche die von allen Seiten ankommenden Reiterhaufen herbeiführten. Endlich näherten sie sich Edinburg.

»Ich glaube,« sagte Claverhouse, »unser Staatsrath ist entschlossen, durch seinen gegenwärtigen Jubel die Größe seiner früheren Angst zu bekunden, und hat für uns Sieger mit unsern Gefangenen eine Art Triumphzug beschlossen; da ich aber dergleichen keinen Geschmack abgewinnen kann, so bin ich geneigt, meinen Antheil am Gepränge aufzugeben und auch Euch den Eurigen zu ersparen.«

Mit diesen Worten übergab er Allan, jetzt Oberstlieutenant, das Kommando, lenkte sein Pferd in eine Nebengasse und ritt, bloß von Morton und ein paar Dienern begleitet, in die Stadt. In seinem Quartier angelangt, das in der Canongate-Vorstadt lag, wies er seinem Gefangenen ein kleines Zimmer mit der Andeutung an, daß sein Ehrenwort ihn verpflichte, einstweilen darin zu verbleiben. Nachdem Morton ungefähr eine Viertelstunde über die seltsamen Wechsel seiner Lebensschicksale in der letzten Zeit nachgedacht, rief ihn ein lautes Geräusch auf der Straße ans Fenster. Trompeten, Trommeln und Pauken wetteiferten mit dem Jauchzen eines zahlreichen Pöbels, und benachrichtigten ihn, daß die königliche Reiterei den Triumphzug feiere, von dem Claverhouse gesprochen hatte. Der Magistrat der Stadt war den Siegern mit der Hellebardiergarde zur Begrüßung bis ans Thor entgegengegangen und zog ihnen in Prozession voran. Dann folgten zwei Köpfe auf Piken, vor deren jedem die Hände der zerstückelten Unglücklichen getragen wurden, mit denen die rohen Träger ihren Scherz trieben. Diese blutigen Trophäen gehörten den beiden Predigern zu, die an der Bothwellbrücke gefallen waren. Hinter diesen her fuhr ein von einem Henkersknecht geführter Karren, auf welchem Macbriar und zwei andere Gefangene saßen, die ebenfalls Prediger zu sein schienen. Sie waren baarhaupt und stark gefesselt, blickten aber mehr triumphirend als betrübt um sich, und schienen weder durch das Loos ihrer Gefährten, deren blutige Häupter vor ihnen hergetragen wurden, noch durch die Furcht vor ihrem eigenen nahen Ausgange, der nur zu deutlich zu lesen war, erschüttert zu sein. Hinter diesen dem öffentlichen Hohne und Gelächter preisgegebenen Gefangenen kam ein Trupp Reiter, die ihre Schwerter schwangen und die weite Straße mit ihrem Freudengeschrei erfüllten, das vom Jauchzen des Pöbels beantwortet wurde, der sich in jeder großen Stadt überglücklich preist, wenn er schreien darf. Hinter diesem Trupp zog das Hauptcorps der Gefangenen einher, mit einigen Anführern an der Spitze, die mit allem nur denkbaren Spott und Schimpf behandelt wurden. Einige saßen verkehrt zu Pferde, das Gesicht dem Schwanze zugekehrt, andere waren an Eisenstangen gekettet, die sie mit den Händen tragen mußten, wie die spanischen Galeerensklaven, wenn sie nach dem Hafen transportirt werden. Noch andere Köpfe wurden theils auf Piken und Hellebarden, theils in Säcken, mit dem Namen der Getödteten an der Außenseite, den Ueberlebenden vorangetragen. Hinter diesen kam der namenlose Haufe, einige hundert an der Zahl, von denen einige noch in ihrem Unglück ein Gefühl des Vertrauens zu der Sache behielten, für welche sie Gefangenschaft erduldet hatten, und wahrscheinlich ein noch blutigeres Zeugniß ablegen sollten, andere waren bleich, entmuthigt, niedergeschlagen und schienen theils ihre Klugheit zu bezweifeln, daß sie eine Sache ergriffen, welche die Vorsehung doch zu mißbilligen schien, theils nach einem Ausweg zu blicken, durch den sie den Folgen ihrer Unbesonnenheit entgehen könnten. Andere wiederum schienen unfähig, sich über die Sache eine richtige Meinung zu bilden, oder irgend Hoffnung, Vertrauen und Furcht zu hegen, sondern stolperten erschöpft von Durst und Anstrengung vorwärts wie abgetriebene Ochsen, gefühllos für alles andere Elend und unwissend, ob sie zur Weide oder zur Schlachtbank geführt würden. Diese Unglücklichen wurden auf beiden Seiten von Soldaten bewacht, und hinter ihnen folgte die Hauptmasse der Cavallerie, deren Musik von den Häuserreihen dumpf widerhallte und sich mit dem Sieges- und Freudengesang der Soldaten und dem wilden Jauchzen des Pöbels vermischte.

Morton fühlte sich übel, als er auf dieses Schauspiel blickte und in den blutigen Häuptern und den noch entstellteren Gesichtern der Lebenden die Züge erkannte, welche ihm während des kurzen Aufstandes so vertraut geworden. Tieferschüttert sank er in einen Sessel nieder, bis Cuddies Stimme den Betäubten erweckte.

»Gott sei uns gnädig, Herr!« rief der arme Junge und seine Zähne klapperten, wie Nußknacker, seine Haare standen zu Berge wie Eberborsten, und sein Gesicht war leichenblaß, »Gott sei uns gnädig, Herr! wir müssen sogleich vor den hohen Rath! – Ach Gott, was wollen von einem armen Teufel wie ich so viel schmucke Herren und Edelleute! – Und da ist meine Mutter gekommen von Glasgow, um zu sehen, wie ich Zeugniß ablege, das heißt, wie ich bekenne und gehangen werde. Aber hol mich der Teufel, wenn der Cuddie so viehdumm ist, sobald ers besser haben kann. Doch hier ist Claverhouse selbst, der Herr vergeb uns unsere Sünden, sag ich noch einmal.«

»Ihr müßt augenblicklich vor den hohen Rath, Herr Morton,« sagte Claverhouse, der indeß eingetreten war. »Euer Diener muß mit Euch. Für Euch persönlich habt Ihr nichts zu fürchten, aber ich sag es Euch im voraus, Ihr werdet etwas sehen, was Euch schmerzlich berühren wird, und was ich Euch gern erspart hätte, wenn es in meiner Macht gestanden. Mein Wagen wartet – wollen wir gehen?«

Man kann sich leicht denken, daß Morton gegen diese Einladung nichts einzuwenden wagte, so unangenehm sie ihm auch war. Er stand auf und begleitete Claverhouse. »Ich muß Euch sagen,« begann dieser, als er die Treppe hinabging, »Ihr kommt wohlfeil weg, eben so Euer Diener, wenn er nur das Maul hält.«

Cuddie hörte diese letzten Worte mit der größten Freude.

»Ich will mich schon meiner Haut wehren,« sagte er, »wenn sich die Mutter nur nicht drein mischt.«

In diesem Augenblicke faßte ihn die alte Mause an der Schulter, die sich ins Vorzimmer hineingedrängt hatte.

»Kind! Kind!« sagte sie zu Cuddie, als sie an seinem Halse hing. »Froh und stolz, betrübt und demüthig bin ich zugleich, daß ich mein Kind hingehen sehe, vor dem hohen Rath Zeugniß abzulegen mit dem Munde, wie er mit seiner Waffe that im Felde.«

»Still, still, Mutter!« rief Cuddie ungeduldig. »Ihr thörichtes Weib, ist jetzt die Zeit, von solchen Dingen zu reden? Ich sag Euch, ich werde nicht Zeugniß ablegen, weder so, noch so. Ich hab mit Herrn Pfundtext gesprochen, und will die Erklärung annehmen, wie sie das Ding nennen, und so gehen wir alle frei aus, wenn wirs thun, er hat sich und all seinen Leuten das Leben gerettet, und das ist ein Geistlicher, wie ich ihn haben will. Ich mag keine von Euren Predigten, die mit einem Psalm auf dem Richtplatz endigen.«

»O Cuddie,« rief die alte Mause, wankend im Wunsche, die Seele oder den Leib ihres Sohnes zu retten, »es wird mir weh thun, wenn sie Dir ein Leides zufügen. Aber bedenke, liebes Kind, Du hast gekämpft für den Glauben, laß Dich nicht abziehen vom schönen Kampfe des Glaubens wegen der Furcht, den irdischen Trost zu verlieren.«

»So schweigt doch, Mutter,« erwiderte Cuddie, »ich hab schon mehr als zu viel gekämpft und jetzt hab ich das Geschäft satt gekriegt, um gerade heraus zu reden; ich hab mich lange genug mit allen Waffen herumgeschlagen, mit Musketen, Pistolen, Panzern und Büffelwämmsern und Bandelieren, aber die Pflugschar hab ich doch viel lieber. Ich weiß gar nicht, warum einer fechten soll, wenn er nicht zornig ist, es sei denn, wenn man ihm droht, gehangen oder erschossen zu werden, wenn er ausreißt.«

»Aber, mein lieber Cuddie,« fuhr die beharrliche Mause fort, »Dein bräutlich Gewand. – O Kind, beflecke nicht Dein Hochzeitskleid!«

»So geht doch nur, Mutter!« erwiderte Cuddie, »seht Ihr denn nicht, daß die Leute auf mich warten? – Fürchtet nichts für mich, ich weiß die Geschichte schon weit besser anzufassen als Ihr. Ihr schwatzt da von Hochzeit, und es handelt sich doch jetzt darum, wie man sich vom Galgen losbringt.«

Mit diesen Worten riß er sich aus den Armen seiner Mutter und bat die Soldaten, die ihn bewachen sollten, ihn unverzüglich in das Untersuchungslocal zu führen. Claverhouse und Morton waren schon vorangegangen.

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