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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 30
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXVIII

Und eine Nadel war in ihrer Hand
Für meine Brust so viel wie tausend Dolche.

Marlow.

Der Reiterzug, welcher Tillietudlem verlassen, hielt bei dem Städtchen Bothwell einige Minuten an, nachdem er über die Vorposten der Insurgenten hinaus war, um einige kleine Erfrischungen zu nehmen, welche von ihren Begleitern mitgenommen worden waren, und deren die Personen, welche so lange Mangel gelitten hatten, sehr bedurften. Hierauf eilten sie auf der Straße nach Edinburg fort. Man hätte wohl erwarten sollen, Lord Evandale würde während der Reise häufig an der Seite Edithas sein, allein nachdem sie sich begrüßt und sorgfältig alle Vorkehrungen getroffen waren, die zu des Fräuleins Bequemlichkeit dienen konnten, ritt er mit dem Major an der Spitze des Zuges und schien das Geschäft der unmittelbaren Begleitung seiner lieblichen Nichte einem Reiter der Insurgenten zu überlassen, dessen dunkler Reitermantel und breitkrämpiger Federhut sein ganzes Gesicht verhüllte. Länger als eine halbe Stunde waren sie schweigend fortgeritten, als der Fremde das Fräulein mit leiser zitternder Stimme folgendermaßen anredete.

»Fräulein Bellenden muß Freunde haben, wo man sie kennt, selbst unter denjenigen, deren Handlungsweise sie jetzt mißbilligt. Sind diese im Stande, etwas zu thun, um derselben ihre Achtung zu bezeugen und ihr Bedauern über ihre Leiden auszudrücken?«

»Mögen sie um ihrer selbst willen lernen,« erwiderte Editha, »die Gesetze ehren und unschuldig Blut schonen. Mögen sie zu ihrer Pflicht zurückkehren, und ich kann ihnen alles, was ich gelitten, vergeben, und wäre es noch zehnmal mehr.«

»Ihr haltet es also für unmöglich,« entgegnete der Reiter, »daß einer in unsern Reihen dienen kann, dem das Wohl seines Vaterlandes aufrichtig am Herzen liegt, und der die Ueberzeugung hegt, daß er seine Pflicht gegen dasselbe erfüllt?«

»Es wäre vielleicht unklug,« versetzte Miß Bellenden, »diese Frage zu beantworten, da wir so vollständig in Eurer Gewalt sind.«

»Im gegenwärtigen Falle durchaus nicht, auf mein Ehrenwort als Soldat!« erwiderte der Reiter.

»Ich bin seit meiner Kindheit an Aufrichtigkeit gewöhnt,« sagte Editha, »und muß, wenn ich einmal spreche, meine wahre Meinung äußern. Gott allein kennt das Herz, die Menschen aber müssen die Absichten nach den Handlungen beurtheilen. Verrath, Mord durch Schwert und Galgen, die Unterdrückung einer harmlosen Familie wie die unsere, die nur zur Vertheidigung der bestehenden Regierung und ihres Eigenthums die Waffen ergriffen; das sind Handlungen, die alle beflecken müssen, die Theil daran genommen, so sehr sie auch durch hochklingende Worte beschönigt werden.«

»Die Schuld des Bürgerkriegs,« entgegnete der Reiter, »das Elend, welches er mit sich führt, haben diejenigen, welche ihn durch gesetzlose Unterdrückung hervorgerufen, zu verantworten, nicht die, welche zu den Waffen getrieben wurden, um ihre natürlichen Rechte als freie Männer zu vertheidigen.«

»Das heißt etwas voraussetzen, was erst bewiesen werden muß,« erwiderte Editha. »Jede Partei glaubt sich ihrem Prinzip nach im Rechte, und darum liegt die Schuld auf Seiten derer, die zuerst das Schwert zogen, wie bei einem Streite das Gesetz diejenigen für Verbrecher hält, die zuerst zu Gewaltthätigkeiten geschritten sind.«

»Ach,« rief der Reiter, »läge darin unsere Rechtfertigung, wie leicht wäre der Beweis, daß wir mit fast übermenschlicher Geduld gelitten und geduldet, ehe wir offenen Widerstand geleistet haben. – Aber ich bemerke,« fuhr er tief aufseufzend fort, »daß ich vergebens vor Miß Bellenden eine Sache vertheidige, gegen die sie ein Vorurtheil hegt, und vielleicht ebensosehr aus Abneigung gegen die Personen als gegen die Grundsätze derer, die dabei betheiligt sind.«

»Verzeiht,« antwortete Editha, »ich habe nur freimüthig meine Meinung über die Grundsätze der Insurgenten ausgesprochen, von ihren Persönlichkeiten weiß ich nichts, eine einzige ausgenommen.«

»Und diese einzige hat Euer Urtheil über alle anderen beeinflußt?« fragte der Reiter.

»Weit entfernt,« erwiderte Editha; »es ist, wenigstens glaubte ichs einst, ein Mann, mit dem sich wenige vergleichen können, es ist, oder schien ein Mann von früh gereiften Anlagen, hoher Redlichkeit, reiner Sitte und warmem Gefühl. Kann ich nun einen Aufruhr billigen, der einen solchen Mann, der zur Zierde, zur Leuchte und zum Schutz seines Vaterlandes geschaffen war, zum Genossen finsterer, dummer Fanatiker oder plärrender Heuchler, zum Anführer roher Bauern, zum Waffenbruder von Mördern, Räubern und Banditen gemacht hat? Solltet Ihr einen solchen in Eurem Lager treffen, so sagt ihm, daß Editha Bellenden mehr über seinen gesunkenen Charakter, seine zerstörten Aussichten, seinen entehrten Namen, als über das Unglück ihres eigenen Hauses geweint hat, und daß sie den Hunger, der die Blüthe ihrer Wangen und den Glanz ihres Auges getilgt hat, besser ertragen konnte als den Seelenschmerz, der sie überkam bei dem Gedanken an den, der diese Leiden über sie gebracht.«

Mit diesen Worten wendete sie ihrem Begleiter ein Gesicht zu, dessen welke Wangen die Wahrheit ihrer angedeuteten Leiden bekräftigten, selbst jetzt, wo sie die Lebhaftigkeit, mit der sie ihre Worte sprach, flüchtig färbte!.

Der Reiter war gegen diese Mahnung nicht unempfindlich. Er fuhr schnell mit der Hand über die Stirn, mit der plötzlichen Bewegung eines Menschen, dem ein stechender Schmerz durch das Hirn zuckt, dann über das Gesicht, worauf er den Hut noch tiefer herabzog, so daß er seine Stirn vollkommen bedeckte.

Diese Bewegung und das Gefühl, wodurch sie erzeugt wurde, entging Editha keineswegs, und sie bemerkte es nicht ohne Rührung.

»Und doch,« fuhr sie fort, »sollte der Mann, von dem ich spreche, zu tief ergriffen sein von der strengen Meinung einer – einer – Jugendfreundin, so sagt ihm: aufrichtige Reue stehe der Unschuld am nächsten; sagt ihm, daß er zwar von einer nicht leicht wieder zu erreichenden Höhe gefallen, daß er zwar der Urheber vielen Unheils geworden, weil er es durch sein Beispiel beschönigt, daß er aber dennoch in etwas das Uebel gut machen kann, das er angerichtet.«

»Und dieses etwas ist?« fragte der Reiter in demselben gedämpften, fast erstickten Tone.

»Wenn er alles aufbietet, seinen unglücklichen Mitbürgern die Segnungen des Friedens wiederzugeben und die verblendeten Rebellen zur Niederlegung ihrer Waffen zu bewegen. Wenn er ihr Blut schont, kann er früher vergossenes Blut sühnen; und wer sich bei der Erreichung dieses großen Zweckes am thätigsten beweist, wird sich am besten den Dank der Gegenwart und das ehrenvolle Andenken der Zukunft erwerben.«

»Aber,« sagte ihr Begleiter mit fester Stimme, »Fräulein Bellenden würde gewiß nicht wünschen, daß bei einem solchen Frieden die Interessen des Volkes ohne Rückhalt der Krone aufgeopfert werden.«

»Ich bin nur ein Mädchen,« antwortete das Fräulein, »und darf wohl kaum ohne Anmaßung über diese Dinge sprechen. Da ich aber bereits so weit gegangen, so setze ich offen hinzu, daß ich einen Frieden wünsche, der allen Parteien Ruhe gäbe und die Unterthanen vor militärischer Gewaltthätigkeit sicherte, die ich eben so sehr verabscheue wie die Mittel, die man dagegen ergriffen hat.«

»Miß Bellenden,« erwiderte Heinrich Morton, indem er den Kopf erhob und mit seiner natürlichen Stimme sprach, »der Mann, welcher eine so schätzenswerthe Stelle in Eurer Achtung verloren, besitzt doch noch Muth genug, seine Sache als Angeklagter zu vertheidigen, und da er nicht länger hoffen darf, von Euch als Freund betrachtet zu werden, würde er bei Eurem harten Tadel schweigen, könnte er sich nicht auf das ehrenvolle Zeugniß des Lord Evandale berufen, daß seine ernstlichsten Wünsche und thätigsten Bemühungen eben darauf gerichtet sind, einen solchen Frieden zu erwirken, den auch der Loyalste nicht tadeln kann.«

Er verbeugte sich mit Würde gegen die Dame, deren Sprache verrieth, daß sie wohl wußte, mit wem sie sprach, die aber wahrscheinlich nicht erwartet hatte, daß der Angegriffene sich mit solcher Lebhaftigkeit rechtfertigen würde. Verwirrt und schweigend erwiderte sie seinen Gruß. Morton ritt an die Spitze des Zugs.

»Heinrich Morton,« rief der Major, überrascht durch die plötzliche Erscheinung.

»Derselbe,« versetzte Morton, »dem es leid thut, daß Major Bellenden und seine Familie ihn so hart beurtheilen. Er überläßt es Lord Evandale,« fuhr er mit einer Verbeugung gegen den jungen Edelmann fort, »seine Freunde über seine Handlungsweise und die Reinheit seines Strebens aufzuklären. Lebt wohl, Major Bellenden! Alles Glück Euch und den Eurigen! Mögen wir einst einander in besseren und glücklicheren Tagen wieder treffen!«

»Glaubt mir, Herr Morton,« sagte Lord Evandale, »Euer Vertrauen ward auf keinen Unwürdigen gesetzt. Ich werde mich bestreben, die großen Dienste, die Ihr mir geleistet, dadurch zu belohnen, daß ich alles anwende, Euren Charakter bei Major Bellenden und allen, deren Achtung Euch werth ist, in das rechte Licht zu setzen.«

»Das hab ich von Eurer Großmuth erwartet, Mylord,« sagte Morton.

Er rief seine Leute zusammen und ritt durch die Haide Hamilton zu. Ihre Federn flatterten und ihre Stahlhauben glänzten in der Sonne. Nur Cuddie blieb hinter den Gefährten zurück, um einen zärtlichen Abschied von Jenny Dennison zu nehmen, die während dieses kurzen Morgenrittes ihren Einfluß auf sein empfängliches Herz wieder gewonnen hatte. Ein paar breitästige Bäume verhüllten ihr tête-à-tête, als sie ihre Pferde anhielten, um sich zu verabschieden.

»Leb wohl, Jenny,« sagte Cuddie mit einem höchst kraftvollen Seufzer, »denk manchmal an den armen Cuddie, einen ehrlichen Burschen, der Dich gern hat, Jenny. Willst Du manchmal an ihn denken?«

»O ja, wenn ich Kohlbrühe esse,« antwortete das boshafte Mädchen, das weder die beißende Antwort noch das schelmische Lächeln unterdrücken konnte.

Cuddie rächte sich, wie bäurische Liebhaber pflegen, und wie Jenny wahrscheinlich erwartete; er umschlang sein Liebchen, küßte ihr herzlich Wangen und Lippen, wandte sein Pferd und trabte seinem Herrn nach.

»Der Teufel steckt in dem Schlingel!« sagte Jenny, indem sie ihre Lippen abwischte und ihren Kopfputz zurecht rückte, »er hat zweimal so viel Courage als Tom Halliday. – Ich komme, gnädige Frau, ich komme. – Gott sei uns gnädig! Die alte Lady wird uns doch nicht gesehen haben?«

»Jenny,« sagte Lady Margarethe, als das Mädchen zu ihr kam, »war der junge Mann, der die Reiter anführte, nicht derselbe, der Papageienhauptmann ward, und der an dem Morgen, da Claverhouse kam, gefangen nach Tillietudlem gebracht wurde?«

Jenny, die hoch erfreut war, daß die Frage nicht ihre eigenen kleinen Angelegenheiten betraf, blickte auf ihre junge Gebieterin, um womöglich einen Wink zu erhalten, ob sie die Wahrheit sagen solle oder nicht; da sie keinen solchen erhaschen konnte, so folgte sie ihrem Stubenmädcheninstinkt und log.

»Ich glaube nicht, daß es derselbe war, Mylady,« sagte sie so zuversichtlich, als ob sie ihren Katechismus hersagte, »der war ja ein kleiner schwarzer Mann.«

»Du mußt blind gewesen sein, Jenny,« sagte der Major, »Heinrich Morton ist groß und blond, und er ist es gewesen.«

»Ich hatte andere Dinge zu thun, als mich nach ihm umzusehen,« sagte Jenny und warf den Kopf auf; »meinethalben mag er so blond sein wie ein Pfannkuchen.«

»Haben wir nicht von Glück zu sagen, daß wir den Händen eines so blutdürstigen, verzweifelten Fanatikers entgangen sind?« sagte Lady Margarethe.

»Ihr irrt Euch, gnädige Frau,« sagte Lord Evandale, »einen solchen Namen verdient Herr Morton durchaus nicht, von uns am allerwenigsten. Daß ich am Leben bin, und daß Ihr Euch jetzt zu Euern Freunden zurückziehen könnt, statt die Gefangenen eines wirklich fanatischen Mörders zu sein, verdanken wir einzig und allein der schnellen und energischen Vorsorge dieses jungen Mannes.«

Hierauf erzählte er alle Ereignisse, mit denen der Leser bereits bekannt ist, und verbreitete sich über Mortons Verdienste und die Gefahren, denen er sich durch seine Dienstleistungen ausgesetzt, als rede er von einem Bruder und nicht von einem Nebenbuhler.

»Ich wäre mehr als undankbar,« sagte er, »wenn ich die Verdienste eines Mannes verschwiege, der zweimal mein Leben gerettet hat.«

»Ich habe gern eine gute Meinung von Heinrich Morton, Mylord,« erwiderte Major Bellenden, »und ich gestehe, er hat sich gegen Eure Herrlichkeit und uns schön benommen; was aber sein gegenwärtiges Treiben betrifft, so kann ich ihm nicht dieselbe Nachsicht schenken, zu der Ihr Euch herablaßt, Herr Graf.«

»Ihr müßt erwägen,« entgegnete Lord Evandale, »daß er gewissermaßen dazu gezwungen worden ist, und ich muß gestehen, obgleich seine Grundsätze einigermaßen von den meinigen abweichen, so sind sie doch der Art, daß sie Achtung einflößen. Claverhouse, dem doch eine tiefe Menschenkenntniß durchaus nicht abzusprechen ist, hat über seine ungewöhnlichen Eigenschaften richtig geurtheilt, über seine Grundsätze und Beweggründe aber herb und vorurtheilsvoll gesprochen.«

»Ihr habt nicht viel Zeit gebraucht, seine außerordentlichen Eigenschaften kennen zu lernen, Mylord,« antwortete der Major. »Ich, der ich ihn von seiner Kindheit an kenne, habe vor diesen Ereignissen viel von seinen guten Grundsätzen und Gesinnungen gehalten, aber von seinen hohen Talenten – –«

»Diese sind wahrscheinlich verborgen gewesen, Major, sogar ihm selber, bis die Umstände sie hervorriefen; und wenn ich sie entdeckte, so lag es darin, weil unsere Unterredung höchst wichtige Gegenstände betraf. Jetzt bemüht er sich, dem Aufstande ein Ende zu machen, und die Bedingungen, die er vorschlug, sind so gemäßigt, daß es ihnen an meiner herzlichen Empfehlung nicht mangeln soll.«

»Und hofft Ihr wirklich auf das Gelingen eines so umfassenden Unternehmens?« fragte Lady Margarethe.

»Ich würde hoffen, wäre jeder Whig so gemäßigt wie Heinrich Morton, und jeder Royalist so uneigennützig wie Major Bellenden. Aber der Fanatismus, die Gereiztheit ist auf beiden Seiten so groß, daß, wie ich fürchte, nur die Schärfe des Schwertes diesen Krieg beendigen wird.«

Man kann sich leicht denken, daß Editha mit gespanntester Aufmerksamkeit auf diese Unterhaltung horchte. Während sie bedauerte, daß sie sich herb und voreilig gegen ihren Geliebten ausgelassen, fühlte sie sich zugleich von dem stolzen und erfreulichen Bewußtsein gehoben, daß sein Charakter, selbst nach dem Urtheil seines Nebenbuhlers, so beschaffen war, wie ihre Liebe ihn einst aufgefaßt hatte.

»Bürgerliche Zwiste und häusliche Vorurtheile,« dachte sie, »können es nothwendig machen, daß ich sein Andenken aus meinem Herzen tilge, aber es ist kein geringer Trost für mich, zu wissen, daß er der Stelle würdig war, die er so lange darin behauptet hat.«

Während Editha sich so ihren ungerechten Unwillen vorwarf, kam ihr Geliebter im Lager der Insurgenten bei Hamilton an und fand dieses in großer Aufregung. Zuverlässige Nachrichten waren eingetroffen, daß die Königlichen durch eine Abtheilung königlicher Garden verstärkt und im Begriff seien, ins Feld zu rücken. Das Gerücht vergrößerte ihre Zahl, die Trefflichkeit ihrer Ausrüstung und ihre Mannszucht, und verbreitete noch andere Umstände, welche die Insurgenten entmuthigten. Alles Gute, was sie etwa von Monmouth zu erwarten hatten, konnte durch den Einfluß derer vereitelt werden, die den Oberbefehl mit ihm theilten. Sein General-Lieutenant war der berühmte Thomas Dalzell, der die Kriegskunst in dem damals noch so rohen Rußland gelernt hatte und wegen seiner Grausamkeit und Gleichgültigkeit gegen menschliches Leben und Leiden ebenso gefürchtet, als wegen seiner unerschütterlichen Treue und Unerschrockenheit geachtet wurde. Dieser Mann war nach Monmouth der zweite im Oberbefehl, die Reiterei aber ward von Claverhouse befehligt, der vor Begier brannte, den Tod seines Neffen und seine Niederlage bei Drumclog zu rächen. Die so entstandene Furcht wurde noch vergrößert durch die Beschreibungen der furchtbaren Artillerie, mit der die königliche Armee ins Feld rücke.

Morton bestrebte sich, das gemeine Volk dadurch zu ermuthigen, daß er ihnen die Uebertreibung jener Gerüchte vorstellte und sie an die Stärke ihrer eigenen Stellung erinnerte, da dicht vor ihnen ein fast unpassirbarer Strom sei, über den man nur vermittelst einer langen schmalen Brücke gelangen könne. Er erinnerte sie an den Sieg über Claverhouse, als sie schwach an Anzahl und weit weniger disciplinirt und zum Kampf gerüstet waren, er zeigte ihnen, daß der Boden, auf dem sie lagerten, wegen seiner Unebenheit und der ihn durchziehenden Gebüsche bei tapferer Vertheidigung bedeutenden Schutz gegen Artillerie und sogar gegen Cavallerie gewähre, daß also ihr Heil nur von ihrer eigenen Kühnheit und Entschlossenheit abhänge.

Während er auf diese Weise den Muth des Heeres aufrecht zu erhalten suchte, benutzte er jene entmuthigenden Gerüchte, die Anführer von der Nothwendigkeit zu überzeugen, der Regierung gemäßigte Bedingungen vorzuschlagen, während sie noch ein zahlreiches unerschrockenes Heer befehligten. Er zeigte ihnen, daß bei der gegenwärtigen Stimmung ihrer Anhänger kaum zu erwarten sei, daß sie ohne Nachtheil mit den wohlgeordneten Truppen des Herzogs von Monmouth kämpften und daß, wenn sie geschlagen und zerstreut würden, der Aufstand, statt dem Lande nützlich zu sein, nur als Vorwand für härtere Bedrückungen dienen würde. Durch diese Gründe bewogen und ahnend, daß es ebenso gefährlich sei zusammen zu bleiben als die Truppen zu entlassen, pflichteten die meisten Anführer der Meinung bei, daß, wenn man solche Bedingungen erhalten könne, wie sie Lord Evandale dem Herzog von Monmouth überreichte, der Zweck, für den sie die Waffen ergriffen, größtentheils erfüllt sei. Daher kamen sie überein, der von Morton entworfenen Bittschrift und Vorstellung beizutreten. Andere dagegen, und zwar gerade Männer, die den größten Einfluß auf das Heer ausübten, wiesen jeden Vorschlag eines Vergleichs, der nicht von der Grundlage des feierlichen Bundes oder Covenants vom Jahre 1640 ausging, zurück und erklärten das Vorhaben für gottlos und unchristlich. Diese Männer verbreiteten ihre Anschauungen unter dem Pöbel, der wenig Einsicht und nichts zu verlieren hatte, und überredeten viele, daß Rathgeber, die einem Frieden das Wort redeten, der nicht wenigstens die Entthronung der königlichen Familie und die Unabhängigkeit der Kirche vom Staate zur Bedingung habe, nur furchtsame Arbeiter seien, die ihre Hände vom Pfluge abziehen wollten, und verächtliche Leisetreter, die einen Vorwand suchten, ihre Waffenbrüder zu verlassen. Diese widersprechenden Meinungen wurden in jedem Insurgentenzelt, oder vielmehr in den Hütten und Baracken, welche statt der Zelte dienten, wüthend verfochten, verfochten selbst mit der Faust, so daß man unschwer das künftige Geschick dieses Heeres von Duldern errathen konnte.

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