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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 29
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXVII

Er sprach: Mir übergebt das Schloß,
Gebt Euer Schloß mir her.

Edom von Gordon.

Morton hatte die Durchsicht und die saubere Abschrift der Erklärung beendigt, in welcher er in Uebereinstimmung mit Pfundtext alle Beschwerden ihrer Partei und die Bedingungen ausführlich aufgezählt hatte, unter denen der größere Theil der Insurgenten die Waffen niederlegen würde. Schon war er im Begriff sich zur Ruhe zu begeben, als es an der Thüre pochte.

»Herein,« rief Morton, und Cuddie Headrigg steckte seinen dicken Kopf ins Zimmer. »Komm herein,« sprach Morton, »und sage, was Du willst. Gibts Lärm?«

»Nein, Herr; aber ich habe jemand mitgebracht, der Euch sprechen will.«

»Wer ist das, Cuddie?« fragte Morton.

»Eine alte Bekannte,« sagte Cuddie, und die Thüre weiter öffnend, zog er ein Frauenzimmer herein, dessen Gesicht mit einem Plaid verhüllt war. »Komm, komm! Brauchst nicht so verschämt zu thun vor einem alten Bekannten, Jenny,« sagte Cuddie, und nahm ihr die Hülle ab, worauf sich seinem Herrn das wohlbekannte Gesicht Jenny Dennisons zeigte. »Nun, so sag doch dem gnädigen Herrn, was Du dem Lord Evandale eigentlich sagen wolltest!«

»Dasselbe, was ich dem gnädigen Herrn den letzten Morgen sagen wollte, als ich ihn in der Gefangenschaft besuchte, Du großer Pinsel! – Wißt Ihr denn nicht, daß man gern seine Freunde im Unglück besucht, Ihr Dickkopf?«

Diese Antwort gab Jenny mit der ihr eigenthümlichen Zungenfertigkeit, aber ihre Stimme bebte, ihre Wangen waren bleich und eingefallen, Thränen standen in ihrem Auge, ihre Hand zitterte, und ihr ganzes Wesen war unstät und zeigte die Spuren kürzlich erduldeter Leiden und Entbehrungen und einen krampfhaften Zustand ihrer Nerven.

»Was gibts, Jenny?« fragte Morton freundlich. »Ihr wißt, wie viel ich Euch in mancher Beziehung schuldig bin, und kaum könnt Ihr eine Bitte vorbringen, die ich nicht gewähren will, wenn es in meiner Macht steht,«

»Vielen Dank, Milnwood,« sagte das weinende Mädchen; »Ihr waret immer ein guter Herr, obgleich die Leute sagen, Ihr hättet Euch sehr verändert.«

»Was sagt man von mir?« fragte Morton.

»Jedermann sagt,« erwiderte Jenny, »Ihr und die Whigs hättet ein Gelübde gethan, den König Karl vom Throne zu werfen, und daß weder er noch seine Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht je wieder darauf sitzen sollten. Und John Gudyill sagt, Ihr wolltet die Orgel den Pfeifern geben und das Gebetbuch unserer Kirche durch den Henker öffentlich verbrennen lassen, aus Rache, daß der König die Acte des Covenants hat verbrennen lassen, als er heimkam.«

»Meine Freunde zu Tillietudlem sind zu voreilig und zu hart in ihrem Urtheil über mich,« antwortete Morton. »Ich wünsche nur die freie Ausübung meiner eigenen Religion, ohne einem andern zu nahe zu treten, und was Eure Leute im Schlosse betrifft, so wünsche ich nur die Gelegenheit, ihnen zu zeigen, daß ich für sie noch immer dieselbe Freundschaft und Liebe hege.«

»Für diese Worte segn' Euch Gott,« sagte Jenny heftig weinend, »sie haben auch nie der Freundschaft und Liebe mehr bedurft als jetzt, denn sie müssen bald umkommen vor Hunger, weils an allem fehlt.«

»Gerechter Gott!« rief Morton. »Ich habe wohl von Mangel gehört, aber nicht von Hungersnoth. Ists möglich? – Haben die Damen und der Major – –?«

»Sie haben gelitten wie wir übrigen,« sagte Jenny; »sie haben jeden Bissen und Trunk mit den Leuten im Schlosse getheilt. Wahrhaftig, mir wirds schwarz vor den Augen, der Kopf wird mir schwindlig, daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann.«

Die eingefallenen Wangen, die scharfen Züge des armen Mädchens bezeugten die Wahrheit ihres Berichtes. Morton war heftig erschüttert.

»Setzt Euch um Gottes willen nieder,« sagte er, und nöthigte sie auf den einzigen Stuhl in der Stube, während er selbst in Schauder und Unruhe auf- und abging. »Das hab ich nicht gewußt!« rief er in abgebrochenen Worten. »Das konnt ich nicht wissen! Kaltblütiger, hartherziger Fanatiker! Hinterlistiger Schurke! Cuddie, hole Erfrischungen! Essen! Wein womöglich, was Du nur finden kannst.«

»Branntwein ist gut genug für sie,« murmelte Cuddie. »Wer hätte gedacht, daß es so knapp bei ihnen steht, da mir das Mensch so viel kräftige Brühe über den Kopf gegossen hat?«

So schwach und elend Jenny war, so konnte sie doch diese Anspielung auf ihre Heldenthat während des Sturmes nicht anhören, ohne in ein lautes Gelächter auszubrechen, das aber bald infolge ihrer Schwäche sich in einen hysterischen Lachkrampf verwandelte. Bestürzt über ihren Zustand und entsetzt über das Elend, das im Schlosse herrschen mußte, wiederholte Morton den Befehl mit nachdrücklicherem Tone, und als sich Cuddie entfernt hatte, versuchte er es, seinen Besuch zu besänftigen.

»Vermuthlich kommt Ihr auf Befehl Eurer Gebieterin, um Lord Evandale zu besuchen. Sagt mir, was sie wünscht; ihr Befehl soll mir Gesetz sein.«

Jenny schien einen Augenblick nachzudenken und sagte dann: »Euer Edeln sind ein so alter Freund, daß ich Euch vertrauen und die Wahrheit sagen muß.«

Als Morton merkte, daß sie noch zögerte, sagte er: »Gewiß, Jenny, dient Ihr Eurer Gebieterin am besten, wenn Ihr ganz aufrichtig gegen mich seid.«

»Nun denn, Ihr müßt wissen, wir sterben bald Hungers und haben schon mehr als einen Tag nichts gegessen, und der Major hat geschworen, daß er täglich Entsatz erwarte und das Schloß nicht eher seinen Feinden übergeben wolle, als bis wir seine alten Stiefeln aufgegessen hätten – und die haben, wie Ihr wißt, schrecklich dicke Sohlen, und das Oberleder ist auch zähe. Die Dragoner aber meinen, am Ende müßten sie sich doch ergeben, und die können den Hunger nicht gut vertragen nach dem Leben, das sie seither im freien Quartier geführt haben; und seit Lord Evandale gefangen ist, sind sie nicht mehr zu bändigen, und Inglis sagt, er wolle die Besatzung den Whigs übergeben, und den Major und die Damen obendrein, wenn sie nur den Soldaten freien Abzug ließen.«

»Schurken!« sagte Morton, »warum schließen sie nicht die Bedingungen für alle?«

»Sie fürchten, man möchte ihnen selbst keinen Pardon geben, weil sie so viel Elend im Lande angerichtet haben, und Burley hat schon ein paar von ihnen hängen lassen. So wollen sie nun den eigenen Hals auf Gefahr der ehrlichen Leute aus der Schlinge ziehen.«

»Und Ihr wurdet ausgeschickt,« fuhr Morton fort, »um Lord Evandale die unerfreuliche Nachricht von der Meuterei seiner Leute zu bringen?«

»Freilich,« sagte Jenny, »den Tom Halliday kam die Reue an, und er ließ mich aus dem Schlosse, es dem Lord Evandale zu sagen, wenn ich etwa zu ihm gelangen könne.«

»Aber wie kann er denn helfen? Er ist ja gefangen!«

»Ja, leider,« antwortete das betrübte Mädchen, »aber vielleicht könnte er gute Bedingungen für uns machen, oder gibt uns am Ende einen guten Rath, oder vielleicht schickt er den Dragonern die Ordre, artig zu sein, oder – –«

»Oder vielleicht,« setzte Morton hinzu, »macht Ihr den Versuch, ihn in Freiheit zu setzen?«

»Und wenn dem so wäre,« erwiderte Jenny lebhaft, »so wäre es auch nicht das erste Mal, daß ich mein Bestes gethan, einem Freunde in der Gefangenschaft zu dienen.«

»Allerdings, Jenny, ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich das vergäße. Aber da kommt Cuddie mit Erfrischungen. – Während Ihr Euch hier erquickt, will ich dem Lord Evandale Eure Botschaft ausrichten.«

»Es wird nicht ganz unangebracht sein, daß Ihr erfahrt,« sagte Cuddie zu seinem Herrn, »daß diese Jenny, diese Jungfer Dennison versucht hat, mit Tom Rand, dem Müllerknecht, schön zu thun, damit er sie unbemerkt zu Lord Evandale lasse. Die Hexe wußte nicht, daß ich ihr auf den Fersen war.«

»Und Ihr habt mich nicht wenig erschreckt, als Ihr mich so von hinten gepackt habt,« sagte Jenny, und kniff ihn ein wenig mit dem Daumen und Zeigefinger, »wäret Ihr nicht ein alter Bekannter gewesen, Ihr grober Kerl –«

Cuddie, ein wenig besänftigt, grinste seinen schlauen Schatz lächelnd an, während Morton sich in seinen Mantel hüllte, sein Schwert unter den Arm nahm und sich in das Gefängniß des jungen Edelmanns begab. Er fragte die Wache, ob etwas Besonderes vorgefallen wäre.

»Nichts, was Erwähnung verdient,« erwiderte diese, »außer daß Cuddie ein Mädchen aufgefangen und Hauptmann Balfour zwei Eilboten abgeschickt hat, einen an den ehrwürdigen Ephraim Macbriar, den andern an Pauker, welche beide die geistliche Trommel schlagen in verschiedenen Städten zwischen der Stellung Burleys und der der Hauptarmee bei Hamilton.«

»Wahrscheinlich, um sie herbeizurufen?« sagte Morton mit scheinbarer Gleichgültigkeit.

»So hör ich,« antwortete die Wache, die mit den Boten gesprochen hatte.

»Er will eine siegreiche Majorität im Rathe aufbieten,« dachte Morton, »um jede Grausamkeit, die er im Sinne hat, sanktioniren zu lassen, und so jeden Widerstand zu beseitigen. Wenn ich nicht eile, verliere ich die günstige Gelegenheit.«

Als er den Ort betrat, wo Lord Evandale gefangen saß, fand er diesen bewaffnet auf einem Wollenbett in dem elenden Dachkämmerchen einer erbärmlichen Hütte. Er lag in Schlummer oder tiefes Nachdenken versunken, als Morton eintrat, und wie er sich aufrichtete, zeigte er jenem ein Antlitz, das durch Blutverlust, Schlaflosigkeit und Mangel an Nahrung so entstellt war, daß niemand den tapferen Krieger wieder erkannt hätte, der sich in dem Treffen bei Loudonhill so heldenmüthig geschlagen. Er verrieth bei Mortons unerwartetem Eintritte einiges Erstaunen.

»Es thut mir leid, Euch in diesem Zustande zu sehen, Mylord,« sagte der junge Hauptmann.

»Ich habe gehört, Ihr seid ein Bewunderer der Dichtkunst, Herr Morton,« antwortete der Gefangene, »in diesem Falle erinnert Ihr Euch vielleicht der Verse:

Kein Kerker ist dies Haus von Stein,
Dies Gitter keine Schranke;
Ich glaub ein Klausner hier zu sein,
So frei ist mein Gedanke.

Aber wäre meine Gefangenschaft auch weniger erträglich, ich darf ja morgen auf gänzliche Befreiung hoffen.«

»Durch den Tod?« fragte Morton.

»Allerdings,« antwortete Evandale, »ich habe keine andere Aussicht. Euer Kamerad Burley hat bereits seine Hand in das Blut von Männern getaucht, die ihr niederer Stand und ihre unbekannte Herkunft hätten retten sollen. Ich kann mich eines solchen Schildes gegen seine Rache nicht rühmen und bin auf alles vorbereitet.«

»Aber vielleicht,« sagte Morton, »ergibt sich Major Bellenden, um Euer Leben zu retten.«

»Nie, so lange noch ein Mann da ist, die Mauer zu vertheidigen, und dieser Mann noch eine Brodkruste zu nagen hat. Ich kenne seinen tapfern Entschluß, und herzlich leid wäre es mir, wollte er ihn meinetwegen ändern.«

Morton beeilte sich, ihn mit dem Aufstande unter den Dragonern und ihrem Vorsatze bekannt zu machen, das Schloß zu übergeben und die Damen und den Major dem Feinde zu überantworten. Lord Evandale schien anfangs überrascht und etwas ungläubig, bald darauf aber tief ergriffen.

»Was ist zu thun?« fragte er. »Wie ist dies Unglück abzuwenden?«

»Hört, Mylord,« sagte Morton. »Ich glaube, Ihr werdet nicht abgeneigt sein, den Oelzweig des Friedens zu tragen zwischen unserem Herrn, dem König, und jenen Unterthanen, die nicht aus freier Wahl, sondern nothgedrungen jetzt unter Waffen stehen.«

»Ihr beurtheilt mich vollkommen richtig,« sagte Lord Evandale, »aber worauf zielt das ab?«

»Erlaubt, Mylord!« fuhr Morton fort. »Ich will Euch in Freiheit setzen auf Ehrenwort; ja, Ihr sollt ins Schloß zurückkehren und freies Geleit haben für die Damen, den Major und alle, die das Schloß verlassen, mit der Bedingung unverzüglicher Uebergabe. Ihr unterwerft Euch in diesem Fall nur der Nothwendigkeit, denn bei einer Meuterei unter der Besatzung und ohne Lebensmittel ist es unmöglich, einen Tag länger den Platz zu verteidigen. Diejenigen aber, die Euch nicht folgen wollen, müssen ihr Loos erwarten. Ihr und Eure Anhänger sollt freies Geleit nach Edinburg haben, oder wo sonst der Herzog von Monmouth sein mag. Als Dank für Eure Freilassung werdet Ihr hoffentlich seiner Gnaden dem General-Lieutenant des Königreichs die untertänige Bittschrift und Vorstellung übergeben, welche die Beschwerden enthält, durch die der Aufstand veranlaßt worden ist; wird Abhilfe zugestanden, so verbürge ich mein Haupt dafür, daß die Hauptmacht der Insurgenten die Waffen niederlegt.«

Lord Evandale las die Schrift aufmerksam durch.

»Herr Morton,« sagte er, »nach meiner geringen Einsicht kann man gegen Maßregeln, wie Ihr sie hier empfehlt, wenig einwenden, ja ich glaube sogar, daß sie in mancher Beziehung mit den persönlichen Gesinnungen des Herzogs von Monmouth übereinstimmen, und doch, aufrichtig gestanden, hege ich keine Hoffnung, daß sie gewährt werden, wenn Ihr nicht vor allen Dingen im voraus die Waffen niederlegt.«

»Dadurch,« sagte Morton, »würden wir das Geständniß ablegen, daß wir unrechtmäßig zu den Waffen gegriffen, und das werde ich ein für alle Mal nicht zugeben.«

»Am Ende läßt sich das auch kaum erwarten,« sagte Lord Evandale, »und doch scheitern die Unterhandlungen an diesem Punkte, davon bin ich überzeugt. Ich will indessen, nachdem ich meine Meinung aufrichtig gesagt habe, mein Möglichstes thun, um einen Ausgleich zu erwirken.«

»Das ist alles, was wir hoffen und wünschen,« sagte Morton, »der Ausgang ist in Gottes Hand, der die Herzen der Fürsten lenkt. Ihr nehmt also freies Geleit an?«

»Gewiß!« antwortete Lord Evandale, »und wenn ich mich jetzt nicht über die Verbindlichkeit auslasse, die Ihr mir durch die abermalige Rettung meines Lebens auflegt, so glaubt mir, daß ich sie darum nicht minder fühle.«

»Und die Besatzung von Tillietudlem?« fragte Morton.

»Soll zurückgezogen werden, wie Ihr verlangt. – Ich bin fest überzeugt, der Major bringt diese Meuterer nicht zur Ruhe, und ich zittere, wenn ich an die Folgen denke für den Fall, daß die Damen und der tapfere Greis diesem blutdürstigen Schurken Burley überliefert werden.«

»In dem Falle seid Ihr frei,« sagte Morton. »Macht Euch bereit, ein Pferd zu besteigen; einige muthige Leute sollen Euch geleiten, bis Ihr vor unsern Truppen sicher seid.«

Nachdem Morton Lord Evandale, der höchst erstaunt und erfreut war über seine unerwartete Befreiung, verlassen, eilte er, einige auserlesene und berittene Leute zu finden, von denen jeder ein Handpferd erhielt. Jenny, die, während sie ihre Erfrischungen einnahm, mit Cuddie Frieden zu schließen gesucht hatte, ritt zur Linken dieses tapfern Cavaliers. Bald wurde der Hufschlag ihrer Pferde unter dem Fenster des Gefängnisses vernommen. Zwei dem jungen Lord unbekannte Männer traten in sein Gemach, entledigten ihn seiner Fesseln, führten ihn die Treppe hinab und ließen ihn in der Mitte ihres Häufleins ein Pferd besteigen. Nun gings in raschem Trabe auf Tillietudlem zu.

Das Mondlicht wich eben der Morgendämmerung, als sie sich der alten Veste näherten, deren düsteres Gemäuer vom Morgenroth schwach beleuchtet wurde. Der Reitertrupp hielt an der Verschanzung und wagte sich aus Furcht vor dem Geschütz nicht näher heran. Lord Evandale allein ritt auf das Thor zu, in einiger Entfernung folgte Jenny Dennison. Als sie sich dem Thore näherten, hörten sie, wie sich in dem Schloßhofe ein Lärm erhob, der mit der heitern Ruhe des Sommermorgens schlecht übereinstimmte. Geschrei und Flüche ließen sich vernehmen, ein paar Pistolenschüsse wurden abgefeuert, und alles verkündete, daß die Meuterei ausgebrochen war. In diesem Augenblicke kam Lord Evandale am Thor an, wo Halliday Wache stand. Als dieser Lord Evandales Stimme hörte, ließ er ihn sogleich mit Freuden ein, und Evandale trat, wie aus den Wolken gefallen, unter die Meuterer. Eben wollten sie ihren Plan, sich des Platzes zu bemächtigen, ausführen und waren im Begriff, den Major Bellenden, Harrison und die andern im Schlosse, welche sich nach Kräften wehrten, zu entwaffnen. Lord Evandales Erscheinung änderte die Scene. Er packte Inglis beim Kragen, warf ihm seine Niederträchtigkeit vor und befahl zweien seiner Kameraden, ihn zu binden, indem er ihnen versicherte, daß Gnade nur durch augenblickliche Unterwerfung zu hoffen wäre. Sodann befahl er ihnen, in Reih und Glied zu treten. Sie gehorchten. Er befahl weiter, die Waffen zu strecken. Sie zögerten. Aber der instinktmäßige Gehorsam und die Ueberzeugung, daß der so keck gegebene Befehl ihres Offiziers durch Mannschaften außerhalb des Thores unterstützt sein müsse, brachte sie zur Unterwerfung.

»Schafft diese Waffen fort!« rief Lord Evandale den Männern des Schlosses zu, »sie sollen ihnen nicht eher zurückgegeben werden, als bis sie bessern Gebrauch davon zu machen wissen. – Und jetzt,« fuhr er zu den Meuterern gewendet fort, »geht, und benutzt den dreistündigen Waffenstillstand, den euch der Feind gewährt, aufs beste, nehmt euren Weg nach Edinburg und erwartet mich am Moorhause. Ich brauche euch wohl nicht zu ermahnen, euch auf dem Wege vor jeder Gewaltthätigkeit zu hüten, denn in eurer Lage werdet ihr den Zorn der Leute schwerlich reizen wollen. Zeigt mir durch pünktlichen Gehorsam, daß ihr euer heutiges Benehmen wieder gut machen wollt.«

Die entwaffneten Soldaten zogen sich schweigend zurück, verließen das Schloß und eilten nach dem bezeichneten Versammlungsorte, um nicht auf eine Abtheilung Insurgenten zu stoßen, denen ihre jetzige wehrlose Lage und ihre früheren Gewaltthätigkeiten leicht die Lust zur Rache hätten eingeben können. Inglis, den Evandale der Strafe bestimmt, blieb in Gewahrsam. Halliday wurde wegen seines Benehmens gelobt und erhielt das Versprechen, in die Charge des Schuldigen einzurücken. Nach diesen in aller Eile getroffenen Anordnungen näherte sich Lord Evandale dem Major, vor dessen Augen der ganze Auftritt wie ein Traum vorübergegangen war.

»Mein lieber Major, wir müssen den Platz übergeben.«

»Wirklich?« sagte Major Bellenden. »Ich hoffte, Ihr hättet Vorrath und Verstärkung mitgebracht.«

»Nicht einen Mann, nicht ein Pfund Mehl,« antwortete Lord Evandale.

»Dennoch freut es mich, Euch zu sehen,« erwiderte der wackere Major. »Wir hörten gestern, diese psalmensingenden Schurken hätten einen Anschlag gegen Euer Leben, deshalb musterte ich vor zehn Minuten die schuftigen Dragoner, um Burleys Hauptquartier zu überfallen und Euch aus der Klemme zu ziehen, aber Inglis, der Hund, statt mir zu gehorchen, brach in offene Meuterei aus. – Doch was ist jetzt zu thun?«

»Ich selbst habe keine Wahl,« sagte Lord Evandale, »ich bin Gefangener, nur auf mein Ehrenwort freigegeben, und muß nach Edinburg. Ihr und die Damen müßt Euern Weg ebenfalls dahin einschlagen. Durch die Gefälligkeit eines Freundes habe ich sicheres Geleit und Pferde für Euch und Euer Gefolge. Daher eilt um Gottes willen, denn Ihr könnt nicht die Absicht hegen, mit sieben oder acht Mann und ohne Lebensmittel Euch zu halten. Für die Ehre ist genug geschehen, genug, um die Vertheidigung für die Regierung höchst wichtig zu machen. Noch mehr zu thun, wäre unnütz und tollkühn. Die englischen Truppen sind zu Edinburg angekommen und werden bald auf Hamilton losrücken. Die Besitznahme von Tillietudlem durch die Rebellen wird nur von kurzer Dauer sein.«

»Wenn Ihr so denkt, Mylord,« sagte der Veteran mit einem schweren Seufzer, »ich weiß ja, Ihr könnt mir nichts rathen, was nicht ehrenvoll ist, so muß ich mich wohl fügen, denn die Empörung dieser Wichte macht es unmöglich, die Mauern zu besetzen. – Gudyill, die Frauen sollen ihre Herrschaft herbeirufen und alle zum Abzug bereit sein. – Könnte ich freilich denken, daß es der Sache des Königs nur im geringsten nütze, wenn ich bliebe und in diesen Mauern bis zur Mumie vertrocknete, so würde der alte Ritter Bellenden nicht weichen, so lange noch ein Lebensfünkchen in ihm glüht.«

Die Damen, schon durch die Meuterei aufgeschreckt, vernahmen jetzt den Entschluß des Majors, dem sie willig beistimmten, wenn auch Lady Margarethe seufzte und stöhnte, daß die Halle, wo Seine geheiligte Majestät das Dejeuner eingenommen, jetzt den Rebellen überlassen werde. Man beeilte sich, das Schloß zu verlassen, und lange ehe das Tageslicht hell genug war, um die Gegenstände genau unterscheiden zu können, saßen sie zu Pferde und ritten nordwärts, von vier Reitern der Insurgenten begleitet. Der übrige Trupp, welcher Lord Evandale aus dem Dorfe geführt, nahm Besitz von dem verlassenen Schlosse, vermied aber jeden Act der Gewaltthätigkeit und Plünderung. Als die Sonne aufging, wehte die rothblaue Fahne des schottischen Covenants von den Zinnen Tillietudlems.

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