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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 28
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXVI

– Ich bin bestimmt nach Bothwellhill,
Wo ich siegen oder sterben muß.

Alte Ballade.

Es trat nun auf beiden Seiten eine Pause in den militärischen Bewegungen ein. Die Regierung schien zufrieden, die Rebellen von ihrem ferneren Vordringen gegen die Hauptstadt abzuhalten, während die Insurgenten auf die Vermehrung ihrer Streitkräfte bedacht waren. Zu diesem Zwecke errichteten sie in dem zum herzoglichen Wohnsitz in Hamilton gehörigen Parke eine Art von Lager, woselbst sie die Neugeworbenen an sich ziehen könnten und zugleich gegen einen plötzlichen Ueberfall gesichert wären, da der Clyde, ein tiefer und reißender Fluß, ihre Fronte schützte, da er nur vermittelst einer langen schmalen Brücke nahe am Schloß und Dorf Bothwell zu passiren war.

Morton blieb hier ungefähr vierzehn Tage nach seinem Angriff auf Glasgow, mit seinen militärischen Pflichten ausschließlich beschäftigt. Er hatte mehrmals Nachrichten von Burley erhalten; diese enthielten aber nur im allgemeinen, daß sich das Schloß Tillietudlem immer noch halte. Ungeduldig über die Ungewißheit in einer für ihn so wichtigen Angelegenheit, theilte er endlich den übrigen Hauptleuten seinen Wunsch oder vielmehr seine Absicht mit, denn er sah nicht ein, warum er sich nicht ebenso gut wie jeder andere in diesem ungeordneten Heere etwas herausnehmen sollte, auf einige Tage nach Milnwood zu gehen, um dort einige wichtige Privatangelegenheiten zu ordnen.

Der Vorschlag wurde durchaus nicht gebilligt, denn sie waren von der Wichtigkeit seiner Dienste zu sehr überzeugt, um nicht deren Verlust zu fürchten, und fühlten gar wohl ihre eigene Unfähigkeit, seinen Platz auszufüllen. Sie konnten ihn indessen keinen strengeren Gesetzen unterwerfen, als die waren, denen sie selbst gehorchten, und er durfte also ohne ausdrücklichen Widerspruch abreisen. Der ehrwürdige Herr Pfundtext ergriff ebenfalls die Gelegenheit, seinem Wohnort in der Nachbarschaft von Milnwood einen Besuch abzustatten und beglückte Morton mit seiner Gesellschaft auf der Reise. Da die Gegend umher ihrer Sache geneigt und bis auf die Burgen von ein paar ritterlichen Herren durch ihre Truppen besetzt war, so reisten sie ohne andere Begleitung als die des treuen Cuddie.

Es war gegen Sonnenuntergang, als sie Milnwood erreichten, wo Pfundtext seinen Gefährten Lebewohl sagte, um allein nach seinem Pfarrhause weiter zu reisen, das eine halbe Meile über Tillietudlem hinaus lag. Mit welchen gemischten Empfindungen sah Morton die ihm so bekannten Wälder und Gefilde wieder, als er seinen eigenen Gedanken überlassen war.

Sein Charakter, seine Gewohnheiten, Gedanken und Beschäftigungen hatten sich in einem Zeitraume von wenig Wochen gänzlich verwandelt, ja diese Zeit hatte mehr an ihm bewirkt als viele Jahre. Ein sanfter, romantischer, weichgesinnter Jüngling, in Abhängigkeit erzogen und sich der Leitung eines geizigen und tyrannischen Verwandten willig fügend, ward er plötzlich durch die Zuchtruthe der Unterdrückung und den Stachel verletzten Gefühls gereizt, als der Anführer bewaffneter Schaaren aufzutreten, war in öffentliche Angelegenheiten ernstlich verwickelt, hatte Freunde zu ermuntern, Feinde zu bekämpfen, und fühlte sein eigenes Geschick mit einem Volksaufstande, mit einer Revolution verknüpft. Es schien, als sei er plötzlich aus den romantischen Träumen der Jugend in die Sorgen und Bestrebungen des Mannes versetzt worden.

Alles, was ihn früher gefesselt, war jetzt seinem Gedächtniß entschwunden, bis auf seine Liebe zu Editha, und selbst diese schien einen männlicheren und uneigennützigeren Charakter angenommen zu haben, da sie mit andern Pflichten und Gefühlen vermischt und in Contrast getreten war. Als er diese plötzliche Veränderung, die Umstände, unter denen sie eingetreten war, und die möglichen Folgen seiner jetzigen Laufbahn erwog, wich die seine Seele durchbebende Aengstlichkeit der Gluth einer edlen und hochgemuthen Zuversicht.

Wenn ich fallen muß, sagte er, so werde ich jung fallen; meine Absichten werden mißdeutet, meine Handlungen von denen verdammt werden, deren Beifall mir über alles geht. Aber das Schwert der Freiheit und der Vaterlandsliebe ist in meiner Hand, und ich werde weder unedel, noch ungerächt fallen. Mögen sie meine Gebeine beschimpfen und mögen sie meinen Leib dem Galgen preisgeben, einst wird die Zeit kommen, wo die Schmach auf das Haupt derer fällt, die sie gegen mich aussprechen. Und wo der Himmel, dessen Name während dieses unnatürlichen Krieges so oft entweiht wurde, für die Reinheit meiner Absichten, die mich geleitet, zeugen wird.

Als Heinrich zu Milnwood ankam, verkündete sein Pochen an der Pforte nicht mehr das unruhige Gewissen des unbedachtsamen Jünglings, der über die Grenzen hinausging, sondern die Zuversicht eines Mannes, der im Vollbesitz seiner eigenen Rechte und Herr seiner Handlungen ist, kühn, frei und entschieden. Die Thür wurde von seiner alten Bekannten Fräulein Alison Wilson vorsichtig geöffnet, die erschrocken zurückfuhr, als sie die Stahlhaube und den nickenden Busch des kriegerischen Gastes gewahrte.

»Wo ist mein Oheim, Alison?« fragte Morton, über ihre Bestürzung lächelnd.

»Um Gotteswillen, Herr Heinrich, seid Ihr es?« erwiderte die Alte. »Wahrhaftig, ich ahnte es! Aber Ihr könnts nicht selber sein, denn Ihr seht größer und männlicher aus als früher.

»Ich bin es aber doch!« sagte er seufzend und lächelnd zugleich. »Ich glaube, diese Tracht macht mich größer, und diese Zeit macht aus Knaben Männer.«

»Traurige Zeiten, wahrlich!« wiederholte die Alte, »und schlimm genug, daß Ihr dabei in Gefahr kommen müßt, aber was hilfts? Ihr seid schlecht genug behandelt worden, und wie ich Eurem Oheim immer sagte: der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.«

»Ihr habt mich immer vertheidigt, Ailie,« sie ließ sich jetzt die kurze Benennung gefallen, »und keinen Tadel auf mich bringen lassen als von Euch selbst, das weiß ich wohl. – Aber wo ist mein Oheim?«

»In Edinburg,« erwiderte Alison; »der brave Mann hielts für das beste, sich an den Kamin zu setzen, wenn der Rauch aufsteigt, er ist ein ärgerlicher Mann und ein furchtsamer Mann. Doch, Ihr kennt ja den Herrn so gut als ich.«

»Seine Gesundheit hat doch hoffentlich nicht gelitten?« fragte Heinrich.

»Nicht der Rede werth,« antwortete die Haushälterin, »auch sein Vermögen nicht. Wir wehrten uns, so gut wir konnten, und obgleich uns die Reiter von Tillietudlem die rothe Kuh und die alte Hackie genommen, Ihr werdet Euch ihrer wohl noch erinnern, ließen sie uns vier andere zu billigem Preise ab, die sie eigentlich nach dem Schloß treiben wollten.«

»Ließen ab?« fragte Morton, »wie meint Ihr das?«

»Je nun, sie waren ausgezogen, Lebensmittel für die Besatzung zu holen,« antwortete die Haushälterin, »aber sie trieben bald wieder ihr altes Handwerk, ritten im Lande umher und feilschten und handelten mit allem, was sie kriegten, wie die westlichen Viehtreiber. Meiner Seel, der Major Bellenden hat das wenigste von dem bekommen, was sie eintrieben, obgleich alles in seinem Namen geschah.«

»So leidet die Besatzung Mangel?« fragte Morton hastig.

»Mangel genug,« erwiderte die Alte, »daran ist nicht zu zweifeln.«

»Den Teufel, so muß Burley mich hintergangen haben! Sein Glaube gestattet ihm List und Grausamkeit. Ich kann nicht länger bleiben, Fräulein Wilson, ich muß sofort weiter gehen.«

»Aber wartet doch und nehmt erst einen Bissen zu Euch,« bat die sorgsame Haushälterin. »Ich wills Euch zubereiten, wie ich früher gethan, vor diesen traurigen Zeiten.«

»Es ist unmöglich,« antwortete Morton. »Cuddie, halte die Pferde bereit!«

»Sie sind gerade beim Füttern,« sagt dieser.

»Cuddie?« rief Ailie, »warum habt Ihr diesen häßlichen, unglückseligen Jungen mitgebracht? Mit ihm und seiner zänkischen Mutter fing alles Unglück in unserem Hause an.«

»Still, still,« erwiderte Cuddie, »Ihr müßt vergessen und vergeben, Fräulein. Die Mutter ist in Glasgow bei ihrer Base und wird Euch nicht wieder plagen, und ich bin jetzt des Hauptmanns Kammerdiener und halt ihm seine Sachen besser zurecht, als Ihr je gethan, – habt Ihr ihn schon so schmuck gesehen, wie jetzt?«

»Freilich, das ist wahr,« sagte die alte Haushälterin und blickte mit großem Wohlgefallen auf ihren jungen Herrn, dessen Aeußeres in ihren Augen durch den Anzug vortheilhaft verändert war. Wahrhaftig, ein solches Spitzentuch habt Ihr zu Milnwood nie um den Hals gehabt. Das hab ich nicht genäht.«

»Nein, nein, Fräulein,« erwiderte Cuddie, »das rührt von meiner Hand her, das ist etwas von Lord Evandales Staat.«

»Lord Evandale?« fragte die Alte, »das ist ja der, den die Whigs diesen Morgen hängen wollen, wenn ich recht gehört habe.«

»Die Whigs wollen Lord Evandale hängen?« fragte Morton höchst erstaunt.

»Freilich,« sagte die Haushälterin; »gestern Abend machte er einen Ausfall, um sich Lebensmittel zu verschaffen, aber seine Leute wurden zurückgetrieben und er gefangen; und der Hauptmann bei den Whigs, Balfour, hat einen Galgen aufrichten lassen und geschworen oder bei seinem Gewissen betheuert, denn sie schwören ja nicht, daß er, wenn sich die Besatzung nicht bis zum nächsten Morgen ergebe, den jungen Lord, das arme Geschöpf, hängen lassen wolle so hoch wie Haman. Das sind böse Zeiten! – Aber niemand kann da helfen, darum setzt Euch hin und eßt Brod und Käse, bis etwas besseres fertig ist. Ich hätte kein Wort davon gesagt, hätte ich gewußt, daß es Euch den Appetit verdirbt.«

»Sattle die Pferde, Cuddie, sie mögen gefressen haben oder nicht; wir dürfen nicht eher ruhen, als bis wir das Schloß erreicht haben.«

Trotz aller Bitten Ailies setzten sie ihre Reise fort.

Morton verfehlte nicht, bei Pfundtexts Wohnung anzuhalten und diesen aufzufordern, ihm ins Lager zu folgen. Der ehrenwerthe Geistliche hatte für einen Augenblick wieder seine friedlichen Gewohnheiten angenommen und las eben einen theologischen Tractat, mit einer Pfeife im Munde und einem kleinen Kruge Bier neben sich, die ihm bei der Verdauung behilflich waren. Mit großem Widerwillen verließ er diese Behaglichkeit, die er sein Studium nannte, um wieder einen sauern Ritt auf seinem schweren Klepper zu beginnen. Als er aber von dem, was bevorstand, unterrichtet war, verzichtete er mit einem tiefen Seufzer auf die Hoffnung, einen ruhigen Abend in seinem kleinen Stübchen verbringen zu können, denn er stimmte mit Morton völlig überein, daß, welches Interesse auch Burley haben mochte, den Bruch zwischen den Presbyterianern und der Regierung durch die Hinrichtung des jungen Edelmanns unversöhnlich zu machen, die gemäßigte Partei niemals eine so grausame Handlung zulassen dürfe. Auch lassen wir Herrn Pfundtext nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir hinzufügen, daß er, wie die meisten seiner Partei, jeder unnöthigen Grausamkeit entschieden feind war. Dazu kam, daß seine augenblicklichen Gefühle ihn veranlaßten, Morton mit großem Wohlgefallen zuzuhören, der ihm bewies, daß Lord Evandale ein Vermittler werden könne, um den Frieden unter billigen und gemäßigten Bedingungen wiederherzustellen. Bei dieser Gleichheit der Ansichten beschleunigten sie also ihre Reise und kamen gegen 11 Uhr Abends in ein kleines Dorf unweit Tillietudlem, wo Burley sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Sie wurden von der Schildwache angerufen und erst eingelassen, als sie ihren Namen und Rang im Heere angaben. Eine zweite Wache stand vor einem Hause, das sie für Lord Evandales Gefängniß hielten, denn es war ein Galgen von solcher Höhe vor demselben errichtet, daß er von den Mauern des Schlosses gesehen werden konnte, wodurch der Bericht der Frau Wilson eine traurige Bestätigung erhielt. Morton verlangte sogleich mit Burley zu sprechen und wurde in dessen Quartier gewiesen. Sie fanden ihn in die Lectüre der Bibel vertieft, seine Waffen lagen ihm zur Seite, als sei er eines plötzlichen Angriffs gewärtig. Als seine Collegen im Kommando eintraten, fuhr er auf.

»Was hat Euch hergeführt?« sagte er hastig. »Bringt Ihr schlimme Nachrichten vom Heere?«

»Nein,« erwiderte Morton, »aber wir hören, daß hier ein Schritt geschehen soll, der mit der Sicherheit des Heeres eng verknüpft ist. – Lord Evandale ist Euer Gefangener?«

»Der Herr hat ihn in unsere Hände geliefert,« antwortete Burley.

»Und Ihr wollt diesen vom Himmel gewährten Vortheil benutzen, um unsere Sache in den Augen der Welt zu entehren, indem Ihr den Gefangenen einem schmachvollen Tod preisgebt?«

»Wenn das Schloß Tillietudlem sich nicht mit Tagesanbruch ergibt,« entgegnete Burley, »so thu mir Gott dasselbe und noch mehr, wenn er nicht den Tod stirbt, den sein Anführer und Vorbild, John Graham von Claverhouse, so viel Heilige des Herrn hat erdulden lassen.«

»Wir sind in Waffen,« erwiderte Morton, »um solche Grausamkeiten zu tilgen, nicht sie nachzuahmen, noch weit weniger, die Thaten der Schuldigen an dem Unschuldigen zu rächen. Durch welches Gesetz könnt Ihr die Grausamkeit rechtfertigen, die Ihr zu begehen im Begriff seid?«

»Wenn Du es nicht weißt,« antwortete Burley, »so wird doch Deinem Gefährten das Gesetz wohl bekannt sein, das die Männer von Jericho dem Schwerte Josuas, des Sohnes Nun, preisgab.«

»Aber wir,« antwortete der Geistliche, »leben unter einem bessern Gesetze, welches uns lehrt, Böses mit Gutem zu vergelten, und für diejenigen zu beten, die uns verächtlich behandeln und verfolgen.«

»Das heißt,« sagte Burley, »Du willst Dein graues Haar mit seiner grünen Jugend vereinigen, um mir in dieser Sache entgegen zu handeln?«

»Wir sind zwei von denen,« entgegnete Pfundtext, »welchen mit Dir zugleich Gewalt über dieses Heer gegeben ist, und wir werden nicht dulden, daß dem Gefangenen ein Haar gekrümmt werde. Es kann Gott gefallen, ihn zum Werkzeug zu wählen, diesen unglücklichen Bruch in unserm Israel zu heilen.«

»Dacht ichs doch, daß es so weit kommen würde,« antwortete Burley, »wenn Leute wie Du in den Rath der Aeltesten berufen werden.«

»Leute wie ich?« fragte Pfundtext. »Und wer bin ich denn, daß Ihr mich mit solcher Verachtung nennt? – Hab ich nicht die Herde dieser Hürde vor Wölfen geschützt dreißig Jahre lang? Ja sogar als Du, John Balfour, in den Reihen der Unbeschnittenen fochtest, selbst ein Philister von frecher Stirn und blutiger Hand. – Wer bin ich, sprich Dich aus!«

»Da Du es so gern wissen möchtest, so will ich Dirs sagen,« sprach Burley. »Du bist einer von denen, die da ernten wollen, wo sie nicht gesäet, und die Beute theilen, während andere die Schlacht schlagen. Du bist einer von denen, die dem Evangelium folgen um der Brode und Fische willen, die ihr eigenes Pfarrhaus mehr lieben als die Kirche Gottes, und die lieber ihre Gefälle und Zehnten einziehen unter Prälatisten und Heiden, als das Schicksal theilen mit jenen edeln Geistern, welche alles hinter sich geworfen haben um des Covenants willen.«

»Ich will Dir sagen, John Balfour,« erwiderte Pfundtext, mit Recht aufgebracht, »ich will Dir sagen, wer Du bist. Du bist einer von denen, durch deren blutiges, schonungsloses Gemüth ein Vorwurf geschleudert worden ist auf die ganze Kirche dieses leidenden Königreichs, und wegen deren Gewaltthätigkeit und Blutschuld zu fürchten steht, daß diese schöne Unternehmung, unsere bürgerlichen und religiösen Rechte wieder zu gewinnen, niemals von der Vorsehung mit dem gewünschten Erfolg gekrönt wird.«

»Meine Herren,« sagte Morton, »lasset diese gegenseitigen Beschuldigungen. Ihr aber, Herr Balfour, sagt uns, ob es Eure Absicht ist, Euch der Befreiung Lord Evandales zu widersetzen, die uns in dem gegenwärtigen Zustande der Dinge eine vortheilhafte Maßregel scheint.«

»Ihr seid hier zwei Stimmen gegen eine,« antwortete Burley, »aber Ihr werdet Euch nicht weigern, zu warten, bis der vereinte Rath über diese Sache entscheidet.«

»Dagegen hätten wir nichts einzuwenden,« erwiderte Morton, »wenn wir nur den Händen trauen könnten, in denen der Gefangene bleiben soll. – Ihr wißt recht wohl,« setzte er mit einem finstern Blick auf Burley hinzu, »daß Ihr mich in dieser Sache schon einmal betrogen habt.«

»Geht!« sagte Burley verächtlich, »Ihr seid ein thörichter unbesonnener Knabe, der wegen der schwarzen Augen eines albernen Mädchens den Glauben, die Ehre und die Sache Gottes und des Vaterlandes hingäbe.«

»Herr Balfour,« sagte Morton, die Hand aufs Schwert legend, »diese Sprache fordert Genugthuung.«

»Und Du sollst sie haben, Bübchen, wann und wo Du es wagen willst, sie zu fordern,« versetzte Burley, »darauf geb ich mein Wort!«

Jetzt war die Reihe an Pfundtext sich in die Verhandlung zu mischen, er bewies ihnen das Thörichte eines solchen Streites und erwirkte mit Mühe eine Art mürrischer Versöhnung.

»Was den Gefangenen betrifft,« sagte Burley, »so macht mit ihm, was euch gut dünkt. Ich reinige meine Hände von allen Folgen. Er ward mein Gefangener durch mein Schwert und meinen Speer, während Ihr, Herr Morton, auf Exerzierplätzen und Paraden den Adjutanten spieltet, und Ihr, Herr Pfundtext, die Schrift in Erastinianismus umkehrtet. Nehmt ihn dennoch hin und verfahrt mit ihm nach Wohlgefallen. – Dingwall,« fuhr er fort, indem er eine Art von Adjutanten herbeirief, der im nächsten Zimmer schlief, »laßt den Posten, der bei dem übelgesinnten Evandale steht, die Wache an die Mannschaften abgeben, welche Hauptmann Morton zur Ablösung senden wird. – Der Gefangene,« sagte er, wieder zu Morton und Pfundtext sich wendend, »steht nun zu eurer Verfügung, ihr Herren. Aber bedenkt wohl, daß einst der Tag kommen wird, wo ihr schwere Rechenschaft für alle diese Vorgänge ablegen müßt.« Mit diesen Worten entfernte er sich, ohne guten Abend zu bieten, in ein inneres Gemach. Seine beiden Gäste kamen nach kurzer Ueberlegung überein, daß es gerathen sei, zur persönlichen Sicherheit des Gefangenen noch eine zweite Wache aus ihrem eigenen Kirchsprengel hinzuzufügen. Zufällig befand sich gerade eine Abtheilung derselben im Dorfe, die einstweilen Burleys Befehl unterstellt waren, damit die Leute so lange als möglich ihrer Heimat nahe bleiben möchten. Es waren meist flinke, rührige Bursche, die von ihren Kameraden gewöhnlich die Milnwooder Schützen genannt wurden. Auf Mortons Verlangen übernahmen vier von diesen bereitwillig den Wachtdienst, auch ließ er Headrigg bei ihnen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, mit dem Befehle ihn zu rufen, wenn sich etwas Auffallendes ereignete.

Nach dieser Anordnung nahm Morton mit seinem Gefährten für diese Nacht Besitz von einer Wohnung, wie sie das überfüllte elende Dorf bieten konnte. Sie begaben sich jedoch nicht zur Ruhe, als bis sie eine Denkschrift entworfen hatten, welche die Beschwerden der gemäßigten Presbyterianer enthielt und die dieselben in dem Wunsche zusammenfaßte, in Zukunft ihre Religion frei ausüben zu dürfen und ohne Druck und Belästigung die gottesdienstlichen Gebräuche von ihren eigenen Geistlichen verwalten zu lassen. Ihre Petition ging weiter dahin, daß sie ein freies Parlament verlangten, welches die Angelegenheiten der Kirche und des Staates in Ordnung bringen und den von den Unterthanen erlittenen Ungerechtigkeiten abhelfen sollte, und daß endlich allen, die zur Erreichung dieses Zwecks unter Waffen wären oder gewesen wären, völlige Amnestie verliehen werde. Morton hegte große Hoffnung, daß diese Bedingungen, welche alles umfaßten, was die gemäßigte Partei unter den Insurgenten bedurfte oder wünschte, selbst unter den Royalisten Fürsprecher finden würden, da sie von allem Fanatismus frei waren und nur die gewöhnlichen Rechte freier Schotten verlangten.

Er rechnete um so mehr auf eine günstige Aufnahme, als der Herzog von Monmouth, dem Karl die Unterdrückung des Aufstandes aufgetragen, ein gemäßigter wohlwollender Mann, und als Freund der Presbyterianer wohl bekannt, vom König mit unumschränkter Vollmacht versehen war, alle Maßregeln zur Herstellung der Ruhe in Schottland zu ergreifen. Morton war der Ansicht, daß es notwendig sei, um ihn zu ihren Gunsten zu stimmen, eine passende und angesehene Vermittelung zu finden, und eine solche schien sich in Lord Evandale zu bieten. Er beschloß daher, den Gefangenen am nächsten Morgen zu besuchen und dessen Neigung in Betreff des Mittleramtes zu prüfen. Allein es ereignete sich ein Vorfall, der ihn veranlaßte, diese Absicht noch früher zu verwirklichen.

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