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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 26
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXIV

Noch einmal in die Bresche, liebe Freunde!

Heinrich V.
(Shakespeare, III. Aufz., 1. Sc.)

Alle Nachrichten, welche man am Abende dieses Tages einziehen konnte, führten auf die Vermuthung, daß die Insurgenten mit Tagesanbruch gegen Tillietudlem anrücken würden. Lord Evandales Wunden waren von Pike untersucht worden, der eine baldige Heilung in Aussicht stellte. Sie waren zwar zahlreich aber nicht gefährlich, und der Blutverlust hatte vielleicht eben so sehr als das gerühmte Specificum der Lady Margarethe das Fieber abgehalten, so daß der Kranke trotz einiger Schmerzen und großer Schwäche behauptete, er könne mit Hilfe eines Stockes umherschleichen. Unter diesen Umständen wollte er das Zimmer nicht hüten, theils um die Soldaten durch seine Gegenwart zu ermuthigen, theils auch um nothwendige Ergänzungen zu dem Vertheidigungsplan zu machen, den der Major voraussichtlich nach einer veralteten Kriegsweise entworfen hatte. Lord Evandale war durchaus fähig, in solchen Dingen Rath zu ertheilen, da er früher in Frankreich und den Niederlanden gedient hatte.

Indessen war nur wenig oder nichts an den bereits getroffenen Anstalten zu ändern, und, den Punkt der Lebensmittel ausgenommen, schien bei der Verteidigung eines so festen Platzes gegen Angreifer, wie die erwarteten, fast nichts zu fürchten.

Mit Tagesanbruch waren Lord Evandale und Major Bellenden wieder auf den Zinnen, untersuchten genau und wiederholt die getroffenen Anstalten und erwarteten mit gespannter Aufmerksamkeit die Annäherung des Feindes. Es hätte noch bemerkt werden sollen, daß inzwischen die Berichte der Kundschafter regelmäßig erstattet worden waren. Aber der Major nahm den Bericht, daß Morton gegen die Regierung in Waffen sei, ungläubig und mit wegwerfender Verachtung auf.

»Ich kenne den Jungen besser,« war die einzige Antwort, deren er die Nachricht würdigte. »Die Bursche haben sich nicht nahe genug gewagt, haben sich durch irgend eine Aehnlichkeit täuschen lassen oder sonst ein Geschwätz mit halbem Ohre aufgefangen.«

»Ich bin nicht Eurer Meinung, Major,« antwortete Lord Evandale, »ich glaube, Ihr werdet den jungen Mann an der Spitze der Insurgenten sehen, und obgleich es mir herzlich leid ist, werde ich doch nicht sehr darüber erstaunt sein.«

»Ihr seid so schlimm wie Claverhouse,« sagte der Major, »der behauptete mir gestern früh ins Gesicht, der junge Mensch, der so hoch und edel gesinnt ist, als ich je einen gekannt, brauche nur eine Gelegenheit, um an die Spitze der Rebellen zu treten.«

»Erwägt man die Behandlung, die er erduldet hat, und den Verdacht, der auf ihm lastet,« sagte Lord Evandale, »welcher Weg bleibt ihm offen? Was mich betrifft, so weiß ich nicht, ob er mehr Tadel oder Mitleid verdient.«

»Tadel, Mylord? – Mitleid?« wiederholte der Major erstaunt. »Er verdiente gehängt zu werden, das ist alles, und wäre er mein eigener Sohn, ich würde ihn mit Vergnügen am Strange sterben sehen. – Tadel? Wahrhaftig! Aber Ihr könnt unmöglich so denken, wie Ihr sprecht, Herr Graf.«

»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Major Bellenden, es hat mir schon oft geschienen, daß unsere Staatsmänner und Prälaten die Sache in unserem Lande bis zu einer peinlichen Höhe getrieben und sich durch ihre Gewaltthätigkeiten nicht bloß die niedern Klassen entfremdet haben, sondern auch diejenigen in den höhern Ständen, welche weder ein starker Parteigeist, noch das Streben nach Hofgunst an ihre Fahnen fesselt.«

»Ich bin kein Politiker,« antwortete der Major, »und verstehe nichts von spitzfindigen Distinctionen. Mein Schwert gehört dem König, und wenn er befiehlt, so zieh ich es für seine Sache.«

»Hoffentlich werdet Ihr finden, daß ich in diesem Punkte nicht hinter Euch zurückstehe,« antwortete der junge Lord, »obgleich ich von ganzem Herzen wünsche, daß die Feinde Ausländer wären. Es ist indessen jetzt nicht Zeit, die Sache zu besprechen, denn dort kommen sie, und wir müssen uns nach Kräften vertheidigen.«

Bei diesen Worten ließ sich der Vortrab der Insurgenten auf dem Wege blicken, der über den Hügel führte und sich dem Schlosse gegenüber herabsenkte. Sie kamen jedoch nicht herab, da sie wohl merkten, daß sich ihre Reihen dadurch dem Geschütz der Veste aussetzen würden. Aber ihre Anzahl, die anfangs nur gering schien, zog sich immer dichter zusammen, und wenn man die Haufen, welche auf dem Wege hinter dem Hügel standen, nach der Dichtigkeit der Fronte schätzte, die sich an der Spitze zeigte, so war ihre Stärke jedenfalls beträchtlich. Auf beiden Seiten entstand eine ängstliche Pause, und während die unsteten Reihen der Covenanter in Bewegung geriethen, als würden sie von hinten gedrängt, oder als wüßten sie nicht, wohin sie sich zunächst zu wenden hätten, gewährten ihre Waffen durch ihre Mannigfaltigkeit einen malerischen Anblick in der Morgensonne, deren Strahlen von den Piken, Hellebarden, Musketen und Streitäxten zurückgeworfen wurden. Die bewaffnete Masse verharrte einige Minuten in dieser schwankenden Stellung, bis endlich drei oder vier Reiter, welche Anführer zu sein schienen, sich von der Fronte vorwärts auf eine Anhöhe begaben, die dem Schlosse etwas näher lag. John Gudyill, der kein ungeschickter Artillerist war, wollte eine Kanone auf die abgesonderte Gruppe richten.

»Ich will den Falken, (so nannte man eine kleine Kanone), ich will den Falken fliegen lassen, wenns Eure Gnaden befehlen. Meiner Seel, er soll ihnen die Federn raufen!«

Der Major sah Lord Evandale an.

»Wartet einen Augenblick,« sagte der junge Edelmann, »sie senden uns eine weiße Flagge.«

Wirklich stieg auch in diesem Augenblick einer der Reiter ab, entfaltete ein weißes Tuch an einer Pike und näherte sich dem Schlosse, während der Major und Lord Evandale von der Zinne des Hauptforts herabstiegen und ihm bis zur Verschanzung entgegen gingen. Sie hielten es nämlich für unklug, ihn den zu verteidigenden Bezirk selbst betreten zu lassen. Zu derselben Zeit, wo der Abgesandte hinwegritt, zog sich die Reitergruppe auf die Hauptmacht zurück, als ahnte sie, welche Anstalten zu ihrem Verderben John Gudyill getroffen hatte.

Nach Haltung und Benehmen zu urtheilen, schien der Abgesandte ganz von jenem geistlichen Stolz erfüllt, der seine Sekte auszeichnete. Seine Züge waren zu hochmüthiger Verachtung heraufgeschraubt und seine halbgeschlossenen Augen schienen es zu verschmähen, auf die rings befindlichen irdischen Gegenstände zu blicken, während er bei jedem Schritte die Fußspitzen feierlichst auswärts setzte, als verachte er den Boden, auf dem er dahinschritt. Lord Evandale konnte beim Anblick dieser absonderlichen Gestalt kaum ein Lächeln unterdrücken.

»Habt Ihr je solch einen abgeschmackten Automaten gesehen?« sagte er zu dem Major. »Man sollte schwören, er ginge auf Sprungfedern. Glaubt Ihr wohl, daß er sprechen kann?«

»O ja,« sagte der Major; »es scheint mir einer meiner alten Bekannten zu sein, ein Erzpuritaner von echt pharisäischem Sauerteig. – Halt, er hustet und räuspert sich. Er ist im Begriff, das Schloß mit einer salbungsvollen Pauke, statt mit der Trompete zur Uebergabe aufzufordern.«

Der Veteran, der seiner Zeit so manche Gelegenheit gehabt, sich mit den Sitten dieser Sekte bekannt zu machen, hatte sich in seiner Vermuthung nicht getäuscht, nur daß der Laird von Langcale, denn kein geringerer war es, statt einer Einleitung von Prosa mit seiner Stentorstimme eine Strophe aus dem vierundzwanzigsten Psalm hersagte: »Erschleußt das Thor, thut auf die Thür, so ewig dauern soll!«

»Sagt ichs Euch nicht?« sprach der Major zu Evandale, ging dann zum Eingang der Verschanzung und verlangte zu wissen, warum er ein so jämmerliches Geschrei erhebe unter den Thoren des Schlosses wie ein armer Hund in der Winternacht.

»Ich komme,« entgegnete der Abgesandte mit gellender Stimme, und ohne die übliche Begrüßung und Höflichkeit, »ich komme von dem gottseligen Heere des feierlichen Bundes und Covenants, um mit den beiden fleischlichen Uebelgesinnten, William Maxwell, genannt Lord Evandale, und dem Ritter Bellenden von Charnwood zu sprechen.«

»Und was habt Ihr dem Ritter Bellenden und Lord Evandale mitzutheilen?« fragte der Major.

»Seid Ihr die beiden?« sagte der Laird von Langcale in demselben scharfen, hochmüthigen und unehrerbietigen Tone.

»Wir sinds, weil keine bessern da sind!« entgegnete der Major.

»So ist hier eine öffentliche Aufforderung,« sagte der Abgesandte und stellte dem Lord Evandale ein Papier zu, »und hier ist auch ein Privatschreiben an den Ritter Bellenden von einem gottseligen Jüngling, der die Ehre hat, eine Abtheilung unseres Heeres zu führen. Leset schnell, und Gott gewähre Euch die Gnade, daß der Inhalt fruchtbringend für Euch sei, obgleich daran gewiß zu zweifeln ist.«

Die Aufforderung lautete:

»Wir, die ernannten und bestallten Anführer der Edelleute, der Geistlichen und anderer, gegenwärtig in Waffen für die Sache der Freiheit und des wahren Glaubens, warnen und fordern Euch auf, Euch, William Lord Evandale und Ritter Bellenden von Charnwood und andere, die jetzt unter Waffen stehen und das Schloß Tillietudlem besetzt halten, besagtes Schloß zu übergeben unter annehmlichen Bedingungen des Pardons und freien Abzugs mit allem Gepäcke, oder im Fall der Weigerung jeglicher Verwüstung mit Feuer und Schwert gewärtig zu sein, wie es nach den Kriegsgesetzen denen gebührt, so einen unhaltbaren Posten vertheidigen. Gott möge seine gute Sache beschützen!«

Diese Aufforderung war von John Balfour von Burley als Generalquartiermeister des Covenants für sich und im Namen der andern Führer unterzeichnet.

Der Brief an Major Bellenden war von Heinrich Morton und lautete folgendermaßen:

»Ich habe einen Schritt gethan, mein verehrter Freund, der unter manchen übeln Folgen mir auch, fürchte ich, Eure ganz entschiedene Mißbilligung zuziehen wird. Aber ich habe meinen Entschluß ehrenhaft, redlich und mit völliger Zustimmung meines Gewissens gefaßt. Ich kann nicht länger dulden, daß meine eigenen Rechte und die meiner Mitunterthanen mit Füßen getreten, unsere Freiheiten verletzt, unsere Personen beschimpft werden, und daß man unser Blut vergießt ohne gerechte Ursache und gesetzliches Verfahren. Die Vorsehung scheint jetzt durch die Gewaltthätigkeit der Unterdrücker selbst den Weg zur Befreiung von dieser unerträglichen Tyrannei geöffnet zu haben, und ich halte den nicht des Namens und der Rechte eines freien Mannes würdig, der, mit meinen politischen Ansichten, der Sache des Vaterlands seinen Arm entzieht. Aber Gott, der mein Herz kennt, sei mein Zeuge, daß ich den Zorn und die heftigen Leidenschaften der unterdrückten und gequälten Dulder nicht theile, mit denen ich jetzt gemeinsame Sache gemacht. Ich habe keinen ernsteren Wunsch, kein heißeres Verlangen, als diesen unnatürlichen Krieg durch die Vereinigung der guten, weisen und mäßigen Männer aller Parteien bald beendigt und einen Frieden hergestellt zu sehen, der, ohne des Königs verfassungsmäßige Rechte zu verletzen, das Ansehen gleich richtender Gesetze statt militärischer Gewaltthätigkeit zurückbringt und jedermann gestattet, Gott nach seinem eigenen Gewissen zu verehren, damit die fanatische Schwärmerei durch Vernunft und Milde besiegt und nicht durch Verfolgung und Unduldsamkeit zur Raserei entflammt werde.

Ihr könnt Euch vorstellen, mit welchem Schmerz ich bei solchen Ueberzeugungen vor dem Hause Eurer ehrwürdigen Verwandten erscheine, das Ihr, wie wir hören, gegen uns vertheidigen wollt. Erlaubt mir, Euch aufs bestimmteste zu versichern, daß Eure Maßregeln nur zu Blutvergießen führen werden, daß, wenn auch der Sturm mißlingt, wir doch noch stark genug sind, die Veste einzuschließen und sie durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen, da uns Eure unzulänglichen Mittel, eine langwierige Belagerung auszuhalten, bekannt sind. Der Gedanke, welche Leiden dann bevorstehen und wer sie dulden muß, zerreißt mir das Herz.

Glaubt nicht, mein verehrter Freund, daß ich Euch Bedingungen vorschlagen könnte, die den würdevollen und ehrenhaften Namen, den Ihr Euch erworben und den Ihr so lange nach Verdienst behauptet, verletzen. Wenn die Soldaten, denen ich einen freien Abzug zusichern will, aus der Veste entlassen werden, so wird man, wie ich überzeugt bin, nichts von Euch verlangen, als während dieses unglückseligen Streits neutral zu bleiben; auch will ich Sorge tragen, daß der Lady Margarethe Eigenthum und Euer eigenes gebührend geachtet und Euch keine Besatzung aufgedrängt werde. Ich könnte viel zu Gunsten dieses Vorschlages sagen, aber da ich in Euren Augen jetzt als Verbrecher erscheine, so fürchte ich, daß auch gute Gründe ihre Wirkung verlieren, da sie von unwillkommener Stelle herrühren. Ich breche also mit der Versicherung ab, daß, wie auch Eure Gesinnungen gegen mich in Zukunft sein mögen, nie mein Gefühl der Dankbarkeit gegen Euch sich vermindern oder aufhören wird, und es würde der glücklichste Augenblick meines Lebens sein, Euch dessen durch mehr als bloße Worte versichern zu können. Wenn Ihr also auch in dem ersten Augenblicke der Erbitterung meinen Vorschlag verwerft, so laßt Euch das nicht hindern, die Sache nochmals zu erwägen, wenn künftige Ereignisse dieselbe annehmbarer machen sollten, denn wann und wie ich Euch dienen kann, mir wird es stets die größte Freude gewähren.

Heinrich Morton.«

Nachdem Major Bellenden diesen langen Brief mit allen Zeichen des Unwillens gelesen hatte, überreichte er ihn dem Lord Evandale.

»Das hätte ich von Heinrich Morton nicht geglaubt,« sagte er, »und wenn es die halbe Welt beschworen hätte. Der undankbare, rebellische Verräther! Rebellisch mit kaltem Blute, und selbst ohne Vorwand einer Schwärmerei, die den hirntollen Herrn Gesandten, unsern Freund, in Hitze bringt. Aber ich hätte bedenken sollen, daß er ein Presbyterianer ist, ich hätte bedenken sollen, daß ich einen jungen Wolf nährte, dessen teuflische Natur ihn antreiben würde, nach mir zu schnappen und mich zu zerreißen. Wäre der heilige Paulus wieder auf Erden und würde ein Presbyterianer, er würde in drei Monaten ein Rebell, es liegt ihnen einmal im Blute.«

»Ich,« sagte Lord Evandale, »werde der letzte sein, der zur Uebergabe räth, aber wenn unser Vorrath ausgeht, und wir keinen Entsatz von Edinburg oder Glasgow erhalten, dann, denk ich, sollten wir dies Anerbieten benutzen, um wenigstens die Damen sicher aus dem Schloß zu bringen.«

»Sie würden lieber alles erdulden, ehe sie den Schutz eines so glattzüngigen Heuchlers annehmen,« erwiderte der Major unwillig, »ich würde sie nicht mehr für meine Verwandten anerkennen, wenn sie anders dächten. Aber laßt uns den würdigen Abgesandten entlassen! – Mein Freund,« sagte er, zu Langcale gewendet, »sagt Euren Anführern und dem zusammengelaufenen Gesindel, daß, wenn sie nicht ihre Schädel für ganz besonders hart halten, ich ihnen rathen möchte, sich dieselben nicht an diesen alten Mauern einzurennen. Auch sollen sie keine weißen Flaggen mehr senden, oder wir knüpfen den Boten auf zur Wiedervergeltung für die Ermordung des Cornets Graham.«

Mit dieser Antwort kehrte der Abgesandte zu den Seinigen zurück. Kaum hatte er das Hauptcorps erreicht, als sich ein Gemurmel unter der Menge hören ließ und vor ihrer Fronte eine große rothe Fahne mit blauer Einfassung aufgerichtet wurde. Als dieses Zeichen zu Kampf und Angriff sich in voller Größe im Morgenwinde entfaltete, wurde auch das alte Familienbanner der Bellenden nebst der königlichen Fahne auf den Mauern des Schlosses aufgepflanzt, und zu gleicher Zeit die Kanonen gegen die vordersten Reihen der Insurgenten abgefeuert, wodurch sie einigen Verlust erlitten. Ihre Anführer zogen sich sogleich hinter den schützenden Hügel zurück.

»Ich denke,« sagte John Gudyill, während er seine Kanonen wieder lud, »sie haben den Schnabel des Falken ein bischen zu hart gefunden, ja, der Raubvogel pfeift auch nicht umsonst.« Kaum aber hatte er diese Worte gesprochen, so war auch die Anhöhe nochmals mit den Reihen der Feinde bedeckt. Alle feuerten nun ihre Gewehre gegen die Vertheidiger des Schlosses ab, und unter der Hülle des Dampfes eilte ein Haufen Pikenträger entschlossenen Muthes den Weg hinab und stürmte trotz alles Widerstandes, unter dem heftigen Feuer der Besatzung, bis zur ersten Verschanzung, durch welche der Eingang gedeckt war. Sie wurden von Balfour selbst angeführt, der einen seiner Schwärmerei vollkommen entsprechenden Muth an den Tag legte. Trotz alles Widerstandes nahm er die Verschanzung, verwundete und tödtete einige der Vertheidiger und drängte die übrigen hinter die zweite Schutzwehr zurück. Die Vorsichtsmaßregeln des Majors machten indessen dieses Vordringen erfolglos, denn kaum befanden sich die Covenanter im Besitze dieses Postens, als sie ein mörderisches Feuer vom Schlosse und von den hintern Posten auszuhalten hatten. Da sie sich vor diesem Feuer weder schützen, noch es nachdrücklich gegen die durch Verschanzungen und Pallisaden Gedeckten erwidern konnten, so waren sie genöthigt sich zurückzuziehen, doch geschah das nicht, ohne daß sie vorher mit ihren Aexten das Pfahlwerk niederschlugen, damit die Vertheidiger es nicht wieder besetzen könnten.

Balfour war der letzte, der sich zurückzog. Er blieb sogar noch eine Weile allein zurück und arbeitete mit der Axt in der Hand wie ein Pionier mitten im Kugelregen, dessen Ziel gerade er war. Der nächste Angriff der Covenanter wurde mit mehr Vorsicht unternommen. Eine starke Abtheilung Schützen, von denen sich beim Vogelschießen viele um den Preis beworben hatten, schlich sich unter Heinrich Mortons Befehl durch das Gehölz und bahnte sich durch Busch und Bäume und über Felsen hin den Weg nach einer Stelle, von wo aus sie, ohne dem feindlichen Feuer allzusehr ausgesetzt zu sein, die zweite Barrikade von der Seite beschießen konnten, während sie von Burley mit einem zweiten Angriff in der Fronte bedroht wurde. Die Belagerten sahen die Gefahr dieser Bewegung und suchten die Annäherung der Schützen zu verhindern, indem sie auf jeden Punkt, an welchem sie sich zeigten, heftig feuerten. Die Angreifenden dagegen verriethen große Kaltblütigkeit, Muth und Einsicht in der Art, wie sie sich den Verschanzungen näherten. Dies war hauptsächlich der festen und geschickten Leitung ihres jungen Anführers zuzuschreiben, der eben so viel Gewandtheit zeigte, die Seinigen zu decken, als dem Feinde zu schaden.

Er schärfte seinen Schützen unablässig ein, hauptsächlich auf die Rothröcke zu schießen, die übrigen Vertheidiger aber zu schonen, besonders das Leben des alten Majors nicht zu verletzen, der in seinem Eifer sich mehr als einmal so der Gefahr aussetzte, daß seine Handlungsweise ohne diese Großmuth des Feindes gewiß verderblich für ihn gewesen wäre. Ein unausgesetztes Feuer blitzte nun auf allen Seiten des steilen Berges, auf dem das Schloß stand. Von Busch zu Busch, von Fels zu Fels, von Baum zu Baum rückten die Schützen unaufhaltsam vor, indem sie Wurzeln und Zweige zum Emporklimmen benutzten, zugleich aber mit dem ungünstigen Boden und dem feindlichen Feuer kämpften. Endlich waren sie so hoch gekommen, daß mehrere von ihnen im Stande waren, in die Verschanzung hinein auf die Belagerten zu feuern, die von dieser Seite nicht gedeckt waren, und Burley benutzte die Verwirrung des Augenblicks und drang von vorn auf sie ein. Sein Angriff geschah mit derselben Todesverachtung wie das erste Mal und fand nur wenig Widerstand, da die Vertheidiger durch das Vordringen der Scharfschützen beschäftigt waren. Entschlossen, seinen Vortheil zu benutzen, verfolgte Burley mit der Axt in der Hand das entgegenstehende Häuflein bis zur dritten und letzten Verschanzung und drang zugleich mit ihm ein.

»Schlagt sie todt! Nieder mit den Feinden Gottes und seines Volkes! Schlagt sie todt! Keinen Pardon! Das Schloß ist unser!« waren die Zurufe, mit denen er seine Freunde ermuthigte. Die Unerschrockenen unter diesen folgten ihm auf dem Fuße, während die andern mit Aexten, Spaten und anderen Werkzeugen die Erde aufwarfen, Bäume fällten und so in aller Eile bemüht waren, hinter der zweiten Verschanzung eine Schutzwehr zu errichten, um sich den Besitz derselben zu sichern, im Falle das Schloß nicht durch diesen raschen Angriff genommen würde.

Lord Evandale konnte seine Ungeduld nicht länger zügeln. Er griff mit einigen Kriegern an, die man im Schloßhofe zurückgehalten hatte, und obgleich er noch den Arm in der Binde trug, ermuthigte er sie auf jede Weise, ihren Gefährten beizustehen, die im Kampfe mit Burley begriffen waren. Das Gefecht nahm jetzt eine verzweifelte Gestalt an. Der enge Weg war mit Burleys Leuten gefüllt, die zur Unterstützung ihrer Gefährten vordrangen. Durch Lord Evandales Zuruf und Gegenwart ermuntert, fochten die Soldaten mit wahrer Wuth. Ihre geringe Anzahl wurde einigermaßen durch ihre größere Geschicklichkeit und den Vorzug des höher gelegenen Standortes ersetzt, den sie theils mit Piken und Hellebarden, theils mit Flintenkolben oder Schwertern vertheidigten. Die Mannschaft innerhalb des Schlosses suchte ihren Kameraden zu helfen, so oft sie nämlich ihre Kanonen so gegen den Feind richten konnte, daß ihre eignen Leute nicht gefährdet wurden. Die rings zerstreuten Scharfschützen feuerten unablässig auf alles, was sich auf den Zinnen zeigte. Das Schloß war in Dampf gehüllt und die Felsen hallten vom Geschrei der Kämpfenden wider. Mitten in dieser Verwirrung hätte ein sonderbarer Zufall die Veste beinahe in die Hände der Belagerer gebracht.

Cuddie Headrigg, der mit den Scharfschützen vorgedrungen war, und jeden Fels und Busch in der Nähe des Schlosses kannte, wo er so oft mit Jenny Dennison Nüsse gesammelt, war durch seine Ortskenntniß im Stande, viel weiter vorzudringen, als die meisten seiner Gefährten, ausgenommen drei oder vier, die ihm auf der Ferse gefolgt waren. Nun war Cuddie, obgleich im Ganzen ein ziemlich kecker Bursche, durchaus kein Freund von Gefahr, weder um ihrer selbst willen, noch wegen des Ruhmes, den sie einbringt. Er hatte daher bei seinem Vordringen keineswegs, wie das Sprüchwort sagt, den Stier bei den Hörnern gepackt, oder sich dem feindlichen Feuer in der Fronte ausgesetzt. Im Gegentheil hatte er sich allmählich von dem Schauplatze des Kampfes gedrückt und sich mehr links wendend, war er aufwärts bis an eine Seite des Schlosses gelangt, wo kein Gefecht stattfand und die von den Vertheidigern, im Vertrauen auf die Unzugänglichkeit des Felsens, unbeachtet geblieben war. Auf dieser Seite befand sich aber ein gewisses Fenster, das zu einer gewissen Speisekammer gehörte und in Verbindung mit einem gewissen Eichbaum stand, der aus einer tiefen Felsenspalte emporwuchs, an welchem der Gänse-Gibbie aus dem Schloß hinabgeschmuggelt wurde, um Edithas Botschaft nach Charnwood zu befördern, und der seiner Zeit wahrscheinlich auch zu andern Contrebandezwecken gedient hatte. Cuddie stützte sich auf seinen Gewehrkolben, guckte zum Fenster hinauf und bemerkte gegen einen seiner Gefährten: »Den Ort da kenne ich recht gut; hier hab ich manch liebes Mal der Jenny Dennison aus dem Fenster geholfen, bin auch manchmal selbst hineingekrochen, um mit ihr zu schäkern, Abends, wenn ich vom Pflug kam.«

»Und was hält uns ab, jetzt hineinzukriechen?« sagte der andere, der ein kecker unternehmender Bursche war.

»Freilich hält uns nichts ab,« antwortete Cuddie, »Wenns damit gethan wäre. Aber was fangen wir hernach an?«

»Wir wollen das Schloß nehmen,« schrie der andere, »wir sind unserer fünf oder sechs und die Soldaten sind alle am Thore beschäftigt.«

»So kommt denn,« sagte Cuddie; »aber – vergeßt nicht! Nicht mit einem Finger dürft Ihr mir die Lady Margarethe oder Fräulein Editha anrühren, nur die Soldaten, die könnt Ihr massakriren, oder auch gefangen nehmen, mich solls nicht kümmern.«

»Ja, ja,« sagte der andere, »erst laß mich drinnen sein, dann wollen wir ihnen schon unsere Bedingungen stellen.«

Leise und wie wenn er auf Eiern ginge, fing Cuddie an, den wohlbekannten Pfad hinan zu klimmen, jedoch mit einigem Widerwillen, denn außerdem daß er den Empfang im Innern scheute, beunruhigte ihn noch sein Gewissen, daß er der Lady Margarethe früheres Wohlwollen gar jämmerlich erwidere. Dennoch stieg er auf den Eichenbaum, und seine Gefährten folgten ihm einer nach dem andern. Das Fenster war klein und früher mit eisernen Stäben gesichert gewesen, aber diese waren längst von der Zeit zerstört, oder von der Dienerschaft herausgebrochen, damit sie zum eignen gelegentlichen Gebrauch einen freien Ausgang hätte. Das Hineinschlüpfen war daher leicht zu bewerkstelligen, wenn sich gerade niemand in der Speisekammer befand, ein Punkt, den Cuddie erst genau untersuchen wollte, ehe er den letzten gefahrvollen Schritt wagte. Während ihn seine Gefährten von hinten drängten und bedrohten, und er zögerte und seinen Hals ausstreckte, um in die Kammer zu schauen, wurde sein Kopf der Jenny Dennison sichtbar, die sich darin, als dem sichersten Orte, versteckt hatte, von dem aus sie den Ausgang des Kampfes abwarten wollte. Dieser Schreckensanblick entlockte ihr ein lautes Geschrei, sie floh in die anstoßende Küche und ergriff in Angst und Verzweiflung einen Topf mit Kohlsuppe, den sie selbst vor Beginn des Kampfes über das Feuer gesetzt hatte, weil sie dem Tom Halliday versprochen, ein Frühstück für ihn zu bereiten. Mit dieser Suppe beladen, kehrte sie zum Fenster der Speisekammer zurück, und mit dem Geschrei: »Mörder! Mörder! Wir werden alle geplündert und beraubt, das Schloß ist genommen! Theilts unter Euch!« schüttelte sie den ganzen siedenden Inhalt des Topfes über dem unglückseligen Cuddie aus. So willkommen ihm auch diese Spende gewesen wäre, wenn er sie auf eine reguläre Weise erhalten hätte, so würde sie ihm in der Art, wie sie ihm Jenny darbot, das Soldatspielen durchaus verleidet haben, hätte er gerade empor gesehen, als er übergossen wurde. Zum Glück aber war unser Krieger schon durch Jennys erstes Geschrei gewarnt worden. Er schaute abwärts und stritt mit seinen Kameraden, die seinen ängstlich begonnenen Rückzug hindern wollten, so daß die Stahlhaube und das Büffelwamms, welche früher dem Sergeanten Bothwell gehört hatten und sehr dauerhaft waren, ihn gegen die kochende Suppe schützten.

Er hatte jedoch genug abbekommen, um vor Schmerz und Schreck schnell vom Baume über seine Gefährten hinweg zu springen und zwar mit augenscheinlichster Gefahr für deren Glieder. Darauf lief er auf dem sichersten Wege zum Hauptcorps, zu dem er gehörte, zurück, und weder Drohung noch Ueberredung vermochten ihn, zum Angriff zurückzukehren.

Jenny, die so auf den Leib des einen Anbeters die Speise geschüttet, welche ihre schönen Hände für den Magen des andern bereitet, setzte ihr Allarmgeschrei fort und zählte kreischend alle Verbrechen auf, von denen sie und das Schloß bedroht wäre: Mord, Brand, Menschenraub, Plünderung u. s. w. Dieser scheußliche Lärm verbreitete so viel Unruhe im Schlosse, daß Major Bellenden und Lord Evandale es fürs beste hielten, den Kampf außerhalb der Thore einzustellen, dem Feinde alle äußeren Vertheidigungswerke preis zu geben und sich nach dem Schlosse zu ziehen, aus Furcht, dieses möchte an einer unbeschützten Stelle überrumpelt werden. Ihr Rückzug wurde durchaus nicht beunruhigt, denn der panische Schrecken Cuddies und seiner Gefährten hatte unter den Belagerern fast eben so viel Verwirrung hervorgebracht, als Jennys Geschrei unter der Besatzung.

Auf beiden Seiten wurde an diesem Tage kein fernerer Versuch gemacht, den Kampf zu erneuern. Die Insurgenten hatten schwere Verluste erlitten, und bei der Schwierigkeit, die sie schon in der Besetzung der verschanzten Positionen außerhalb des Schlosses gefunden, blieb ihnen wenig Hoffnung, die Veste mit Sturm zu nehmen. Auch die Lage der Vertheidiger war schlimm genug. Im Gefecht hatten sie zwei oder drei Mann verloren und mehrere waren verwundet; und obgleich ihr Verlust verhältnißmäßig geringer war, als der des Feindes, der zwanzig Mann todt auf dem Platze gelassen, so war bei ihrer geringen Anzahl der Verlust doch empfindlicher; und die verzweifelten Angriffe der Gegner verriethen deutlich, wie ernst die Anführer darauf bedacht waren, den Platz zu nehmen, und wie sehr sie hierin von dem Eifer ihrer Leute unterstützt wurden. Besonders aber hatte die Besatzung Hungersnoth zu fürchten, im Falle man die Zuflucht zur Blokade nahm, als dem einzigen Mittel, die Uebergabe zu erzwingen. Des Majors Befehle in Bezug auf Verproviantirung waren nur unvollkommen befolgt worden, und die Dragoner sahen ganz so aus, als ob sie aller Warnungen und Befehle ungeachtet sehr verschwenderisch mit den Lebensmitteln umgehen würden. Mit schwerem Herzen also ertheilte der Major Befehl, das Fenster, durch welches das Schloß beinahe überrumpelt worden wäre, so wie alle andern zu bewachen, die nur im entferntesten die Erneuerung eines solchen Unternehmens befürchten ließen.

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