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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 24
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XXII

Mit leichter Müh' erlangt, – nun frisch zu Roß!

Heinrich IV., Erster Theil.
(Shakespeare, II. Aufz., 2. Sc.)

Mit dem frühesten Sonnenstrahl wachte Heinrich auf und fand den treuen Cuddie an seiner Seite, einen Mantelsack in der Hand.

»Ich habe schon Euer Edeln Sachen in Bereitschaft gehalten, auf den Fall, daß Ihr aufwachtet,« sagte Cuddie, »wie's auch meine Schuldigkeit ist, da Ihr so gut waret, mich in Eure Dienste zu nehmen.«

»Ich Euch in meine Dienste nehmen, Cuddie?« sagte Morton. »Ihr träumt wohl?«

»Nein, nein, lieber Herr,« antwortete Cuddie, »sagt ich Euch nicht, als ich damals ans Pferd gebunden war, daß ich Euer Diener sein wolle, wenn ich je wieder los käme? Und Ihr sagtet nicht nein dazu. Nun, wenn das nicht jemanden miethen heißt, so weiß ich nicht! Ihr habt mir freilich kein Handgeld gegeben, aber Ihr habt mir dafür früher in Milnwood genug gegeben.«

»Gut, Cuddie! wenn Du darauf bestehst, es auf mein ungünstiges Geschick zu wagen.«

»O, ich steh Euch dafür, es wird wieder günstig genug für uns alle,« antwortete Cuddie fröhlich, »wenn nur erst meine alte Mutter gut untergebracht wäre. Ich hab das Kriegshandwerk beim rechten Zipfel angefangen, es ist leicht zu lernen.«

»Mit Plündern vermuthlich,« sagte Morton, »denn wie wärst Du sonst zu diesem Mantelsacke gekommen?«

»Ich weiß nicht, ob das Plündern heißt,« entgegnete Cuddie, »aber es kommt einer ganz natürlich dazu und es ist ein profitables Gewerbe. Unsere Leute hatten schon die todten Dragoner so nackt ausgezogen wie gerupfte Spatzen, noch ehe wir loskamen. – Als ich aber merkte, daß die Whigs vom Pauker und den andern bei den Ohren gehalten wurden, da machte ich mich auf die Beine, für mich und Euch. Ich ging also etwas rechts, den Sumpf entlang, wo ich Pferdespuren bemerkte, und kam auch richtig an einen Platz, wo sie sich tüchtig versohlt haben mußten, denn die armen Schelme lagen noch da in ihren Kleidern, gerade wie sie sich am Morgen angezogen hatten. Niemand hatte den Haufen Leichen aufgefunden, und wen fand ich in ihrer Mitte liegen? Unsern alten Bekannten, den Sergeanten Bothwell.«

»So ist er gefallen?« fragte Morton.

»Ei freilich!« antwortete Cuddie. »Seine Augen waren offen, seine Stirn gerunzelt und seine Zähne zusammengeklemmt, wie eine Marderfalle, wenn die Klappe zugeschnappt ist; ich hatte ordentlich Angst ihn anzusehen, dacht aber doch, wie Du mir, so ich Dir, und so leerte ich ihm die Taschen, wie ers selber mit manchem rechtschaffenen Manne gethan, und hier ist Euer Geld wieder, oder Eurem Oheim seins, was das nämliche ist, das er zu Milnwood bekommen hat an jenem unglücklichen Abend, der uns beide zu Soldaten gemacht hat.«

»Davon können wir ohne Skrupel Gebrauch machen, Cuddie,« sagte Morton, »da wir wissen, wie er dazu gekommen ist. Aber Ihr müßt mit mir theilen.«

»Wartet ein bischen! wartet ein bischen!« rief Cuddie. »Seht, da ist auch ein kleiner Ring, den er an einem schwarzen Bande auf der Brust hängen hatte. Wird wohl, denk ich, ein Liebeszeichen gewesen sein; armer Schelm, 's ist doch niemand so hart, daß er nicht gegen die Mädchen ein weiches Herz hätte, und da ist auch ein Buch mit etlichen Papieren; sonst hab ich noch allerlei wunderliche Sachen gefunden, die ich für mich selbst behalten will.«

»Auf mein Wort, für einen Anfänger hast Du schon eine gute Beute gemacht,« sagte sein neuer Herr.

»Ist das nicht wahr?« sagte Cuddie mit großer Freude. »Ich sagte Euch ja gleich, wenns aufs Stibitzen ankommt, bin ich nicht auf den Kopf gefallen. Und außerdem hab ich noch zwei schmucke Pferde erwischt. Ein armer Racker von Leinweber, der Webstuhl und Haus verlassen hat, um sich auf den kalten Hügel zu setzen und zu gröhlen, hatte zwei Dragonerpferde aufgefangen, aber er wußte sie weder zu füttern noch zu lenken, so gab er mir beide für ein Goldstück. Ich hätte ihn wohl mit der Hälfte rumgekriegt, aber man kriegt ja an dem verwünschten Orte nichts gewechselt. – Ihr werdet finden, daß das Geld in Bothwells Beutel fehlt.«

»Du hast einen vortrefflichen und vortheilhaften Handel gemacht, Cuddie, aber wie stehts mit diesem Mantelsack?«

»Der Sack,« antwortete Cuddie, »gehörte gestern noch dem Lord Evandale! Heute gehört er Euch. Ich fand ihn hinter dem Ginsterbusche dort. – Jeder hat einmal seinen guten Tag und wenns ein Hund ist. – Ihr wißt, wie's im alten Liede heißt:

Schau um Dich, Mutter, sprach Thom von der Linn.

Dabei fällt mir ein, daß ich mich doch nach meiner Mutter umsehen muß, das arme alte Weib, wenn Euer Edeln sonst nichts zu befehlen haben.«

»Aber Cuddie,« sagte Morton, »ich kann doch diese Sachen nicht ohne Belohnung von Dir nehmen.«

»Ach still doch, gnädiger Herr,« antwortete Cuddie, »nehmts nur, was die Belohnung betrifft, so denkt ein anderes Mal daran, hab mich auch schon mit etwas vorgesehen, das besser für mich paßt. Was sollt ich mit Lord Evandales schönen Kleidern machen? Die vom Sergeanten Bothwell thun auch ihren Dienst.«

Da Morton seinen uneigennützigen Diener nicht bewegen konnte, von dieser Beute etwas für sich selbst zu behalten, so war er entschlossen, bei der ersten Gelegenheit dem Lord Evandale dessen Eigenthum zurückzugeben, vorausgesetzt, daß er noch lebe, er trug jedoch kein Bedenken, von Cuddies Beute insoweit Nutzen zu ziehen, daß er sich unter den Sachen einige Wäsche und andere unbedeutende Dinge zueignete. Dann durchlief er schnell die Papiere, die sich in Bothwells Taschenbuch vorfanden. Diese waren von sehr verschiedener Art. Das Namensverzeichniß seiner Mannschaft und der Urlauber, Wirthshausrechnungen, Delinquentenlisten, die mit Geldstrafen zu belegen oder gerichtlich zu verfolgen waren, dabei die Abschrift eines Verhaftsbefehls vom Staatsrath gegen einige angesehene Personen, fielen ihm zuerst in die Hände. In einer andern Tasche befanden sich ein paar Aufträge, die Bothwell zu verschiedenen Zeiten ausgeführt, und Dienstzeugnisse, in denen sein Muth und seine militärischen Talente sehr gerühmt wurden. Aber das Merkwürdigste war ein sorgfältig ausgearbeiteter Stammbaum mit Beziehungen auf mehrere Urkunden, die dessen Echtheit bewiesen, nebst einem Verzeichniß der großen Besitzungen der geächteten Grafen von Bothwell, und eine besondere Angabe von Hofleuten und Adeligen, denen Jakob VI. dieselben verliehen und deren Nachkommen noch in ihrem Besitze waren. Unter dieser Liste war mit rothen Buchstaben von der Hand des Verstorbenen geschrieben: Haud immemor, F. S. C. B., wahrscheinlich die Initialen von Franz Stuart Comes Bothwell. Bei diesen Urkunden, welche den Charakter und die Gefühle des verstorbenen Eigenthümers deutlich kennzeichneten, lagen noch andere, die diesen in einem ganz andern Lichte darstellten, als ihn der Leser bis jetzt kennen gelernt.

In einer geheimen Tasche des Buches, die Morton nicht ohne Mühe entdeckte, befanden sich mehrere von Frauenhand geschriebene Briefe. Ihr Datum wies auf ungefähr zwanzig Jahre zurück, doch hatten sie keine Adresse und waren nur mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet. Morton hatte nicht Zeit, sie genau durchzulesen, doch bemerkte er, daß sie überzärtliche Ausdrücke weiblicher Zuneigung enthielten, die an einen Mann gerichtet waren, dessen Eifersucht beschwichtigt werden sollte und über dessen heftige, argwöhnische und ungeduldige Gemüthsart die Schreiberin sich in zarter Weise beklagte. Die Tinte war durch die Länge der Zeit fast ganz verblaßt, und ungeachtet der großen Sorgfalt, die offenbar auf ihre Erhaltung verwendet worden, war sie an einigen Stellen fast unleserlich. »Es thut nichts,« war auf den Umschlag des Briefes geschrieben, der am meisten gelitten, »ich weiß sie auswendig.« Bei diesen Briefen lag auch eine Haarlocke, die in die Abschrift von Versen eingewickelt war, welche nach Mortons Meinung so viel Empfindung bekundeten, daß sie für die Kunstlosigkeit der Poesie und die absonderlichen Wendungen entschädigte, die dem Geschmack jener Zeit eigen waren:

Du glänzest noch in reiner Pracht,
Du liebes Pfand, wie in der Nacht,
Wo du geflochten wardst für mich,
Und Agnes sprach: Ich liebe Dich.
Wie oft seitdem wardst du mit Lust
Gedrückt an diese heiße Brust,
In der sich Haß verschwor und Wuth
Zu wohnen mit der Hölle Gluth,
In der das Blut wie Sturmfluth wallt,
Ein Herzschlag wie Erdbeben hallt.
Kannst solcher Gluth du widerstehn,
So wird dein Glanz auch nicht vergehn;
Hier durfte all irrthümlich Denken,
Als Herrin Agnes richten, lenken,
Mit solchem Engel an der Seiten
Dürft ich nicht ziehn in öde Weiten,
Nicht Gott und Menschen grollten mir,
Blieb sie, um mich zu lieben, hier,
Der Erde wilde Lust war mir
Geblieben nicht zum Jagdrevier,
Nie wäre mir zum Hauptergötzen
Geworden wüstes, wildes Hetzen,
Aufscheuchen, Jagen und Umstellen,
Zustoßen, Niederwerfen, Fällen,
Um dann vom Leichnam mich zu wenden,
Den ich zerriß mit wilden Händen.
Die Sanftmuth hätte dieses Herz
Behütet, lindernd jeden Schmerz,
Nicht Gott und Menschen grollten mir,
Blieb sie, um mich zu lieben, hier.

Als Morton diese Zeilen gelesen, konnte er sich des Mitleids über das Schicksal dieses seltsamen, höchst unglücklichen Mannes nicht erwehren, der in dem Zustande tiefster Erniedrigung und Verachtung unausgesetzt an die hohe Stellung dachte, zu der seine Geburt ihn zu berechtigen schien, und der, während er sich den gröbsten Ausschweifungen hingab, heimlich noch immer mit bitterer Reue an seine Jugendzeit dachte, während welcher er eine tugendhafte, wenn auch unglückliche Neigung genährt hatte.

»Ach, was sind wir,« sagte Morton, »daß unsere besten und löblichsten Gefühle so entwürdigt und entweiht werden können, daß rühmlicher Stolz bis zu hochmüthiger, verzweifelter Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung sinken kann, daß Gram über unglückliche Liebe in demselben Busen wohnen kann, wo Ausschweifung, Rachsucht und Raubgier ihre Zwingburg haben? Aber so ists überall; die maßvollen Grundsätze eines Menschen schrumpfen zusammen in kalte Gleichgültigkeit, und einen andern reißt der religiöse Eifer zu wilder, toller Schwärmerei. Unsere Entschlüsse, unsere Leidenschaften gleichen den Meereswogen, und ohne den Beistand dessen, der die Menschenbrust gebildet, können wir den Wogen nicht sagen: Bis hierher und nicht weiter!«

Als er während dieser ernsten Betrachtungen die Augen aufschlug, sah er Burley vor sich stehen.

»Schon wach?« sagte dieser. – »Das ist brav und zeigt Euren Eifer, die Bahn zu betreten, die vor Euch liegt. – Was sind das für Papiere?«

Morton berichtete ihm in gedrungener Kürze von Cuddies glücklichem Fang und überreichte ihm Bothwells Taschenbuch nebst dessen Inhalt.

Der cameronianische Führer betrachtete mit einiger Aufmerksamkeit die Papiere, welche sich auf militärische oder öffentliche Angelegenheiten bezogen; als er auf die Verse stieß, warf er sie mit Verachtung weg.

»Ich hätte nicht gedacht,« sagte er, »als ich mit Gottes Beistand diesem Hauptwerkzeuge der Grausamkeit und Verfolgung mein Schwert dreimal durch den Leib rannte, daß ein so verzweifelter und gefährlicher Mensch sich mit einer ebenso nichtsnutzigen als frivolen Kunst abgeben könnte. Aber ich sehe, der Satan kann in seinen geliebtesten und auserwählten Gehilfen die verschiedensten Eigenschaften mischen, und diejenige Hand, welche eine Keule oder sonst eine Mordwaffe gegen die Frommen im Thale der Zerstörung schwingt, kann auch auf einer klimpernden Laute oder Zither spielen, um die Ohren der tanzenden Töchter der Verdammniß in ihrer Eitelkeit zu kitzeln.«

»Eure Ansichten von Pflicht,« sagte Morton, »schließen also die Liebe zu den schönen Künsten aus, von denen man doch allgemein glaubt, daß sie die Seele läutern und erheben?«

»Mir, junger Mann,« antwortete Burley, »und allen, welche gleich mir denken, sind die Vergnügungen dieser Welt, wie sie auch heißen mögen, lauter Eitelkeiten, und Größe und Macht dieser Welt nur ein Fallstrick. Wir haben nur ein Ziel auf Erden, und das ist, den Tempel des Herrn zu bauen.«

»Ich habe meinen Vater sagen hören,« erwiderte Morton, »daß viele, die sich im Namen des Himmels Gewalt anmaßten, eben so streng in deren Ausübung waren und sich so unwillig davon getrennt haben, als ob sie nur irdische Eitelkeit angetrieben. – Doch davon ein ander Mal! Habt Ihrs durchgesetzt, daß ein Ausschuß des Kriegsraths ernannt wird?«

»Ja wohl!« antwortete Burley. »Die Zahl ist auf sechs beschränkt, wovon Ihr einer seid, und ich komme, Euch zur Berathung zu rufen.«

Burley schritt voran zu einem abgelegenen Rasenplatze, wo ihre Collegen sie erwarteten. Bei dieser Uebertragung der Gewalt hatten beide Hauptfraktionen des ordnungslosen Heeres Sorge getragen, daß jede drei Leute ihrer Partei sandte. Auf Seiten der Cameronianer waren Burley, Macbriar und Pauker, und auf der Seite der Gemäßigten Pfundtext, Heinrich Morton und ein kleiner Gutsbesitzer, der Laird von Langcale genannt, erwählt worden. So hielten sich beide Parteien im Ausschuß das Gleichgewicht, obwohl es wahrscheinlich war, daß die heftige Partei, wie gewöhnlich in solchen Fällen, mit größerer Energie handeln und dadurch prävaliren würde. Ihre Verhandlungen wurden jedoch menschlicher geführt, als man nach ihrem Benehmen am vorigen Abend hätte erwarten sollen. Sie kamen überein, für diesen Tag in ihrer Stellung zu verbleiben, um die Mannschaft gehörig ausruhen zu lassen und Verstärkung abzuwarten, am nächsten Tage jedoch sollte nach Tillietudlem aufgebrochen und diese Veste der Bosheit, wie sie sich ausdrückten, zur Uebergabe aufgefordert werden. Wenn sie sich nicht ergäbe, so sollte ein kühner Sturm versucht werden, und mißlänge dieser, sollte ein Theil des Heeres zur Blokirung zurückgelassen werden, um den Platz durch Hunger zu zwingen, während die Hauptmacht weiter vorzurücken hätte, um Claverhouse und Lord Roß aus der Stadt Glasgow zu verjagen. Dies war der Beschluß des Kriegsraths, und Mortons erste Unternehmung im thätigen Leben war also aller Wahrscheinlichkeit nach der Angriff auf das Schloß, das der Großmutter seiner Geliebten gehörte und von ihrem Verwandten, dem Major Bellenden, vertheidigt wurde, dem er persönlich so viel Verbindlichkeiten schuldete. Er selbst fühlte das Quälende seiner Lage, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß seine neuerworbene Gewalt ihm jedenfalls die Mittel geben werde, den Bewohnern von Tillietudlem einen Schutz angedeihen zu lassen, den sie sonst entbehren würden. Auch durfte er hoffen, er werde zwischen ihnen und dem presbyterianischen Heere einen Vergleich zu Stande bringen, der ihnen während des bevorstehenden Krieges sichere Neutralität gewährte.

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