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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 22
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XX

Ananias. Der Mann mißfällt mir, denn er ist ein Heide,
Und spricht fürwahr die Sprache Canaans.

Trübsal. Gib Acht auf seine Stunde und das Kommen
Des guten Geistes. Unrecht ists, ihn tadeln.

Der Alchymist.

Wir kehren zu Heinrich Morton zurück, den wir auf dem Schlachtfelde verließen. An einem der Wachtfeuer verzehrte er seinen Antheil an den Lebensmitteln, die man unter das Heer vertheilt hatte, und war über den Weg, den er zunächst einzuschlagen habe, in tiefes Nachdenken versunken, als Burley plötzlich an ihn herantrat, begleitet von dem jungen Prediger, dessen Ermahnung nach dem Siege eine so gewaltige Wirkung hervorgebracht.

»Heinrich Morton,« sagte Balfour kurz, »der Kriegsrath des Covenants hat, im vollen Vertrauen, daß der Sohn des Silas Morton kein lauwarmer Laodiceer, kein gleichgültiger Gallio ist, Euch an diesem großen Tage zum Hauptmann ernannt, mit dem Stimmrecht im Kriegsrath nebst aller Gewalt, die einem Offizier ziemt, der christliche Krieger anführt.«

»Herr Balfour,« erwiderte Morton ohne Zögern, »ich weiß dieses Vertrauen zu schätzen, und es ist nicht zu verwundern, wenn ein natürliches Gefühl für die erduldeten Leiden meines Vaterlandes, der eigenen nicht zu gedenken, mich sehr geneigt macht, für die Gewissensfreiheit mein Schwert zu ziehen; aber ich gestehe Euch, ehe ich eine Befehlshaberstelle unter Euch annehme, muß ich über die Grundsätze, auf die Ihr Eure Sache stützt, besser aufgeklärt werden.«

»Und könnt Ihr an unsern Grundsätzen zweifeln,« antwortete Burley, »da wir zum Zweck haben: die Reformation des Staats und der Kirche, den Wiederaufbau des verfallenen Heiligthums, die Sammlung der zerstreuten Frommen und die Vertilgung der Sündigen?«

»Ich muß offen gestehen, Herr Balfour,« erwiderte Morton, »diese bei andern so wirksame Sprache ist an mir gänzlich verloren. Es ist nöthig, daß Ihr das wisset, bevor wir weiter reden.« Hier seufzte der junge Geistliche tief auf. »Ich thue Euch wehe, lieber Herr,« sagte Morton, »aber vielleicht nur, weil Ihr mich nicht ausreden ließet. Ich verehre die Schrift so gut als Ihr oder irgend ein Christ. Ich lese sie mit der demüthigen Hoffnung, Vorschriften für mein Handeln und Lehren des Heils aus ihr zu schöpfen. Aber dies hoffe ich durch Erforschung ihres Inhalts im allgemeinen und des Geistes, den sie athmet, zu finden, nicht aber, indem ich Stellen aus ihrem Zusammenhange reiße oder Ausdrücke der Schrift auf Umstände und Ereignisse anwende, mit denen sie in gar keiner Beziehung stehen.«

Der junge Geistliche schien durch diese Erklärung wie vom Donner gerührt und war im Begriff, Einwendungen zu machen.

»Still, Ephraim,« sagte Burley, »bedenkt, er ist nur ein Säugling in Windeln. – Höre auf mich, Morton, ich will mit Dir reden in der weltlichen Sprache jener fleischlichen Vernunft, welche bis jetzt noch Deine blinde, unvollkommene Führerin ist. Welches ist das Ziel, für das Du Dein Schwert zu ziehen gern bereit bist? Ist es nicht, daß Kirche und Staat verbessert werden durch die freie Stimme eines freien Parlaments und durch Gesetze, die in Zukunft die ausübende Gewalt hindern, Blut zu vergießen, Menschen zu martern und einzukerkern, Güter einzuziehen und das Gewissen der Bürger mit Füßen zu treten nach eigener sündhafter Willkür?«

»Allerdings,« versetzte Morton, »halte ich das für rechtmäßige Ursachen zum Kriege, und dafür will ich fechten, so lange ich noch ein Schwert regieren kann.«

»Ja,« sagte Macbriar, »aber Ihr behandelt diese Sache zu gelind, mein Gewissen erlaubt mir nicht, die Ursachen des göttlichen Zornes zu schminken oder zu übertünchen – – –«

»Still, Ephraim Macbriar!« unterbrach ihn Burley abermals.

»Ich will nicht still sein,« sagte der junge Mann. »Ist es nicht die Sache meines Meisters, der mich gesandt hat? Ist es nicht eine profane, erastinianische Zerstörung seines Ansehens, eine Anmaßung seiner Gewalt, eine Verleugnung seines Namens, den König oder das Parlament an seine Stelle zu setzen, als Herrn und Lenker seines Haushalts, als den ehebrecherischen Gemahl seiner Braut?«

»Ihr sprecht gut, aber nicht klug,« sagte Burley, ihn auf die Seite ziehend, »Eure eigenen Ohren haben diese Nacht im Rathe vernommen, wie dieser zerstreute Ueberrest zertheilt und zerrissen ist, und Ihr wollt nun eine trennende Scheidewand zwischen sie bringen? Wollt Ihr eine Mauer aufführen mit ungelöschtem Kalk? – Wenn ein Fuchs dagegen anrennt, wird er sie durchbrechen.«

»Ich weiß,« entgegnete der junge Geistliche, »Du bist getreu, redlich und eifrig bis zum Blutvergießen, aber glaube mir, diese weltliche List, diese Geduld mit den Sündigen und Schwachen ist an sich selbst ein Abfall, und ich fürchte, der Himmel wird uns nicht würdigen, noch mehr zu seinem Ruhme zu thun, wenn wir zu fleischlicher List, zu einem fleischlichen Arm Zuflucht nehmen. Der heilige Zweck muß durch heilige Mittel wieder erreicht werden.«

»Ich sage Dir,« antwortete Balfour, »Dein Eifer ist zu streng in dieser Sache; wir können noch nicht handeln ohne Hilfe der Laodiceer und Erastinianer, wir müssen noch einige Zeit Nachsicht üben, die Söhne Zerujahs sind noch zu stark für uns.«

»Ich sage Dir, das gefällt mir nicht,« sagte Macbriar. »Gott kann die Befreiung ebenso bewirken durch wenige wie durch viele. Das Heer der Getreuen, das auf den Pentlandshügeln zerstob, litt nur die gerechte Strafe dafür, daß es die fleischliche Sache des Tyrannen und Unterdrückers Karl Stuart anerkannt hatte.«

»Nun denn,« sagte Balfour, »Du kennst den heilsamen Entschluß, den der Kriegsrath gefaßt hat, eine umfassende Erklärung ergehen zu lassen und den zarten Gewissen aller derjenigen gerecht zu werden, die jetzt unter dem Joche der Unterdrücker seufzen. Kehre in den Kriegsrath zurück, wenn Du willst, und bewirke, daß sie ihrem Beschluß eine weniger weitreichende Fassung geben. Aber verweile nicht länger hier, um mich zu verhindern, diesen Jüngling zu gewinnen, für den meine Seele leidet, sein Name allein wird Hunderte zu unsern Bannern rufen.«

»Thue, wie Du willst,« sagte Macbriar, »aber ich will nicht helfen, den Jüngling zu verleiten, noch ihn in Lebensgefahr zu bringen, außer unter Bedingungen, die ihm ewige Belohnung zusichern.«

Der listigere Balfour entließ hierauf den ungeduldigen Prediger und kehrte zu seinem Proselyten zurück. Um die weitläufigen Gründe übergehen zu können, durch welche er in Morton drang, sich den Insurgenten anzuschließen, wollen wir bei dieser Gelegenheit eine kurze Skizze des Mannes selbst entwerfen.

John Balfour von Kinloch, oder Burley, denn unter beiden Namen wird er in den Geschichtsbüchern und Urkunden jener traurigen Periode erwähnt, war ein Edelmann von einigem Vermögen und guter Familie in der Grafschaft Fife, und von Jugend auf Soldat. In jüngeren Jahren hatte er ein wildes, zügelloses Leben geführt, doch früh sich von offenkundiger Ausschweifung abgewandt und die strengsten Lehren des Calvinismus angenommen. Unglücklicherweise ließen sich Ausschweifung und Unmäßigkeit eher aus seinem finstern, mürrischen und unternehmenden Gemüthe tilgen als Rachgier und Ehrgeiz, die trotz seines frommen Bekenntnisses fortfuhren seine Seele zu beherrschen. Kühn in seinen Plänen, rasch und gewaltthätig in ihrer Ausführung, bis zum äußersten gehend in der Widerspenstigkeit, entschlossen zu allem, hegte er den Ehrgeiz, sich an die Spitze der Presbyterianer zu stellen.

Um dieses Ansehen zu erlangen, hatte er eifrig die Versammlungen der Whigs besucht, sie mehrmals befehligt, wenn sie in Waffen erschienen, und die zu ihrer Zerstreuung ausgeschickten Truppen geschlagen. Endlich stellte ihn seine eigene wilde Schwärmerei, verbunden, wie man sagt, mit dem Streben nach Privatrache, an die Spitze jener Schar, die den Primas von Schottland, als den Urheber aller Leiden der Presbyterianer, ermordete. Die gewaltsamen Maßregeln, welche die Regierung ergriff, um diese That nicht allein an den Urhebern derselben, sondern auch an allen zu rächen, die ihrer Glaubensrichtung anhingen, so wie die langen vorhergehenden Leiden, die keine andere Befreiung als durch Waffengewalt hoffen ließen, veranlaßten den Aufstand, der mit Claverhouses Niederlage in dem blutigen Gefecht bei Loudonhill begann.

Burley aber war, trotz seines Antheils am Siege, weit entfernt von jener Höhe, nach der sein Ehrgeiz strebte. Die Verschiedenheit der Meinungen, welche unter den Insurgenten über die Ermordung des Erzbischofs Sharpe herrschten, war daran schuld. Die Heftigeren billigten die That als einen Akt der Gerechtigkeit, der an einem Verfolger der Kirche des Herrn durch mittelbare Eingebung der Gottheit selbst vollstreckt wurde, aber der größere Theil der Presbyterianer betrachtete sie als ein höchst strafbares Verbrechen, obgleich sie zugaben, daß die Strafe des Erzbischofs nicht zu schwer gewesen sei. Die Insurgenten waren noch über einen andern Punkt uneinig, der bereits berührt worden ist. Die feurigeren Fanatiker verdammten diejenigen Prediger und Versammlungen, die sich auf irgend eine Art begnügt hatten, ihre Religion mit Erlaubniß der herrschenden Kirche auszuüben, weil sie die Rechte der Kirche kleinmüthiger Weise aufgeopfert hatten. Dies, sagten sie, wäre absoluter Erastinianismus oder Unterwerfung der Kirche Gottes unter die Anordnungen einer irdischen Regierung und darum wenig besser als Prälatenwirthschaft und Papismus. – Ebenso wollten auch die Gemäßigteren dem König das Recht auf den Thron einräumen und in weltlichen Angelegenheiten seine Obergewalt anerkennen, so lange sie mit gebührender Rücksicht auf die Freiheit der Unterthanen und im Einklang mit den Reichsgesetzen ausgeübt werde. Aber die Grundsätze der wilderen Sekte, die man auch von ihrem Führer Richard Cameron Cameronianer nannte, gingen soweit, den regierenden Monarchen sowie jeden seiner Nachfolger zu verwerfen, der nicht den feierlichen Bund oder Covenant anerkennen würde. Der Same der Zwietracht war also in dieser unseligen Partei dick gesäet, und Balfour, so schwärmerisch er auch war und so sehr er auch den gewaltthätigsten Grundsätzen anhing, wie wir gezeigt haben, sah im voraus das Verderben der allgemeinen Sache, wenn man auf jenem Wege in einer Zeit beharrte, wo Einigkeit so nöthig war. Darum mißbilligte er den redlichen, geraden Eifer Macbriars und wünschte eifrigst, den Beistand der gemäßigten Partei der Presbyterianer zum augenblicklichen Sturz der Regierung zu gewinnen, in der Hoffnung, bald dictiren zu können, was an deren Stelle zu treten habe.

Er war aus diesem Grunde ängstlich darauf bedacht, sich den Beitritt von Heinrich Morton zur Sache der Insurgenten zu sichern. Das Andenken seines Vaters war unter den Presbyterianern allgemein geachtet, und da nur wenige aus den höhern Ständen sich den Insurgenten angeschlossen, so konnte der junge Mann bei seiner Familie und seinen Aussichten bestimmt darauf rechnen, zum Anführer gewählt zu werden. Durch Morton, den Sohn seines alten Kriegsgefährten, hoffte Burley Einfluß auf den mehr gemäßigt-liberalen Theil des Heeres zu gewinnen und sich bei ihm endlich so in Gunst zu setzen, daß er zum Oberbefehlshaber ernannt würde, ein Ziel, nach dem allein sein Ehrgeiz strebte. Er hatte also, ohne abzuwarten, bis ein anderer den Gegenstand anregte, dem Kriegsrathe die Fähigkeiten und Gesinnungen Mortons gerühmt und dessen Erhebung zu dem beschwerlichen Posten eines Anführers in diesem uneinigen und undisciplinirten Heere ohne Mühe erreicht.

Die Gründe, durch welche Balfour, sobald er seinen minder listigen und hartnäckigen Gefährten Macbriar los war, unsern Morton zur Annahme der gefährlichen Beförderung drängte, waren schlau und gewichtig. Zwar suchte er weder zu leugnen noch zu verhehlen, daß seine Ansichten über das Kirchenregiment mit denen des Predigers, der sie soeben verlassen hatte, vollkommen übereinstimmten; er behauptete jedoch, daß in einem Augenblicke, wo die Angelegenheiten des Volkes so verzweifelt seien, kleine Meinungsverschiedenheiten diejenigen, welche im allgemeinen das Wohl ihres bedrückten Vaterlandes wünschten, nicht abhalten dürften, das Schwert für dasselbe zu ziehen. Manche Streitpunkte, wie zum Beispiel der über die Indulgenz, entsprängen aus Umständen, welche aufhören würden, sobald ihr Versuch, das Land zu befreien, gelänge; denn im Fall des Sieges würden die Presbyterianer nicht nöthig haben, einen solchen Vertrag mit der Regierung abzuschließen, und mit Abschaffung der Indulgenz werde aller Streit über das Zurechtbestehn derselben ein Ende haben. Sehr nachdrücklich sprach er über die Nothwendigkeit, die jetzige Krisis zu benutzen, bei der Gewißheit, daß die ganze Macht der westlichen Grafschaften auf ihrer Seite sein werde, sowie über die schwere Schuld, welche diejenigen begehen würden, die gegenüber der Noth des Vaterlandes und der wachsenden Tyrannei aus Furcht oder Gleichgültigkeit der guten Sache ihre thätige Hilfe entzögen.

Morton bedurfte dieser Gründe nicht, um darein zu willigen, sich einer Verbindung anzuschließen, die eine denkbare Aussicht zur Befreiung seines Vaterlandes bot. Er zweifelte indessen sehr, ob der jetzige Versuch Aussicht haben werde, durch Streitkräfte unterstützt zu werden, die den Erfolg sichern konnten, oder durch Weisheit und Mäßigung, die eine Ausnutzung der Vortheile ermöglicht. Indem er aber die Unbilden erwog, die er persönlich erfahren und die er seine Mitbürger täglich erdulden sah, und indem er die gefährliche Stellung bedachte, in welcher er sich bereits der Regierung gegenüber befand, hielt er sich in jeder Hinsicht für berufen, sich den bewaffneten Presbyterianern anzuschließen. Doch stellte er, indem er Burley seine Zustimmung zu dem Beschluß aussprach, der ihn zu einem Anführer der Insurgenten und zum Mitgliede des Kriegsraths berief, gewisse Bedingungen.

»Ich bin bereit,« sagte er, »alles aufzubieten, was in meinen beschränkten Kräften liegt, um mein Vaterland zu befreien. Aber Ihr dürft mich nicht mißverstehen, ich mißbillige im höchsten Grade die That, welche zu diesem Aufstande Veranlassung gegeben, und keine Gründe würden mich je bewegen, an demselben Theil zu nehmen, wenn er mit weiteren derartigen Maßregeln fortgeführt würde.«

Das Blut schoß in Burleys Antlitz und verlieh seiner gebräunten Stirne eine düstere Gluth.

»Ihr meint,« sagte er mit einer Stimme, die seine Aufregung nicht verrathen sollte, »Ihr meint den Tod des Jacob Sharpe?«

»Ehrlich gestanden,« antwortete Morton, »den meine ich.«

»Ihr glaubt also,« sagte Burley, »daß der Allmächtige in Zeiten der Drangsal keine Werkzeuge hervorruft, seine Kirche zu befreien von den Unterdrückern? Ihr seid der Meinung, daß die Gerechtigkeit einer Hinrichtung nicht in der Größe des begangenen Verbrechens bestehe, nicht in der heilsamen Wirkung, die ein solches Beispiel auf andere Uebelthäter hervorbringen muß, sondern Ihr meint, sie hänge von dem Kleide des Richters, der hohen Bank und der Stimme des Urtheilssprechers ab? Ist eine gerechte Strafe nicht gerecht vollzogen, sei es nun auf dem Schaffot oder auf der Haide? Und wo die eingesetzten Richter aus Feigheit, oder weil sie mit den Uebertretern des Gesetzes selbst das Loos geworfen, dulden, daß jene frei im Lande umherziehen und hohe Stellen einnehmen, und ihr Gewand färben mit dem Blute der Heiligen, ist es da nicht wohl gethan von jeglichem Braven, daß er sein Schwert ziehe für die allgemeine Sache?«

»Ich bin nicht gesonnen,« sagte Morton, »ein weiteres Urtheil über diese einzelne Handlung abzugeben, nur will ich Euch mit meinen Grundsätzen bekannt machen. Ich wiederhole demnach, daß Eure Voraussetzungen und Schlüsse mich nicht befriedigen. Daß der Allmächtige in geheimnißvoller Voraussicht einen blutdürstigen Menschen zu einem blutigen Ende bringt, rechtfertigt die nicht, welche ohne irgend eine gesetzliche Autorität es über sich nehmen, sich als Vollstrecker der göttlichen Rache aufzuwerfen.«

»Und waren wir das nicht?« sagte Burley in einem Tone grimmiger Begeisterung. »Waren wir nicht, war nicht jeder, dem das Wohl der durch den Covenant befestigten Kirche Schottlands am Herzen lag, eben durch jenen Covenant verpflichtet, den Judas umzubringen, der die Sache Gottes um ein Jahrgeld von fünfzigtausend Mark verkauft hatte? Hätten wir ihn auf dem Wege von London hierher angetroffen und ihn dort mit der Schärfe des Schwertes erschlagen, so hätten wir nur unsere Pflicht gethan als Männer, die ihrer Sache und ihren im Himmel verzeichnten Eiden treu sind. War nicht die Hinrichtung selbst ein Beweis unserer Vollmacht? Hat ihn nicht der Herr in unsere Hände überliefert, als wir uns nur nach einem der geringeren Werkzeuge der Verfolgung umschauten? Beteten wir nicht um eine Richtschnur, wie wir handeln sollten, und ward es nicht in unsere Herzen gegraben wie mit diamantenem Griffel: »Wahrlich, ihr sollt ihn greifen und erschlagen?« – Dauerte das Trauerspiel nicht schon eine ganze halbe Stunde, ehe das Opfer vollendet war, und zwar auf offener Haide, mitten unter den Streifwachen ihrer Besatzungen – und doch, wer hat das große Werk gehemmt? Hat auch nur ein Hund danach gebellt, als wir ihn verfolgten, ergriffen, schlugen und tödteten? Wer also will, wer kann behaupten, daß nicht ein mächtigerer Arm als der unsere sich hier offenbart habe?«

»Ihr täuscht Euch selbst, Herr Balfour,« sagte Morton. »Eine so leichte Ausführung, ein so glückliches Entkommen war oft in Begleitung der entsetzlichsten Verbrechen. – Aber es ist nicht meine Sache, Euch zu richten. Ich habe nicht vergessen, daß auch der Weg zu der früheren Befreiung Schottlands durch eine Gewaltthat gebahnt wurde, die niemand rechtfertigen kann; es war die Ermordung Cummings durch die Hand des Robert Bruce, und wenn ich daher auch die That verdamme, wie ich thun muß, so will ich doch glauben, daß Ihr Beweggründe gehabt haben könnt, welche dieselbe in Euren Augen rechtfertigen, obgleich nicht in den meinen, oder in denen der gesunden Vernunft. Ich führe dies nur an, um Euch begreiflich zu machen, warum ich mich Männern anschließe, die ihre Sache in offenem Kampfe verfechten wollen nach den Kriegsgesetzen civilisirter Nationen, ohne irgend wie eine Gewaltthat zu billigen, die die unmittelbare Veranlassung des Kampfes war.«

Balfour biß sich in die Lippen und unterdrückte mit Mühe eine heftige Antwort. Er bemerkte verdrießlich, daß sein junger Waffenbruder eine Klarheit des Urtheils und eine Festigkeit des Geistes besaß, die ihm wenig Hoffnung gewährten, jenen mächtigen Einfluß auf ihn zu erwerben, den zu gewinnen er sich geschmeichelt. Nach kurzem Schweigen sagte er ruhig und gefaßt: »Mein Benehmen liegt offen vor Erde und Himmel. Die That ist nicht in einem Winkel vollbracht worden, ich bin hier in Waffen, sie einzugestehen, und es gilt mir gleich, wo oder vor wem ich dazu aufgefordert werde, ob vor dem Staatsrath oder auf dem Schlachtfelde, ob auf dem Richtplatze oder am Tage des jüngsten Gerichts. Ich mag jetzt nicht weiter mit einem streiten, der noch außerhalb des Vorhanges steht. Wollt Ihr aber als Bruder Euer Loos mit uns werfen, so kommt mit mir in den Kriegsrath, der noch versammelt ist, um die künftigen Schritte des Heeres zu bestimmen und unsern Sieg zu benutzen.«

Morton stand auf und folgte schweigend, nicht sehr erbaut von seinem Verbündeten und mehr durch die Gerechtigkeit der Sache beruhigt, die er verfechten wollte, als einverstanden mit den Maßregeln und Beweggründen so mancher, die sich ihr gewidmet hatten.

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