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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 20
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XVIII

Ein alter Mann, fürwahr, kann auch was thun.

Heinrich IV. Zweiter Theil.

Wir müssen nun zum Schlosse Tillietudlem zurückkehren, welches nach dem Abmarsch der Leibgarde am Morgen dieses verhängnißvollen Tages in einer tiefen stillen Angst zurückgeblieben war. Die Versicherungen Lord Evandales waren nicht im Stande gewesen, Edithas Besorgnisse zu beseitigen. Sie wußte, daß er großmüthig war und sein Wort halten würde, aber es war zu klar, daß er denjenigen, für welchen sie sich verwendete, als einen begünstigten Nebenbuhler betrachtete, und hieß es nicht Uebermenschliches von ihm erwarten, wenn sie annahm, daß er über Mortons Sicherheit wachen und ihn aus allen Gefahren retten werde, denen ihn seine Gefangenschaft und der gegen ihn erregte Argwohn immer wieder aussetzen mußte? Sie überließ sich also den quälendsten Besorgnissen, ohne der mannigfachen Trostgründe zu achten, die Jenny Dennison einen nach dem andern vorbrachte, wie ein geschickter Feldherr mit seinen verschiedenen Divisionen in regelmäßiger Folge angreift. Erstlich war Jenny moralisch überzeugt, daß dem jungen Milnwood nichts zu Leide geschehen würde, und wenn es geschah, so lag ja ein Trost in dem Gedanken; daß Lord Evandale eine bessere und geeignetere Partie sei; dann war alle Wahrscheinlichkeit für eine Schlacht vorhanden, in welcher besagter Lord Evandale umkommen könnte, und dann hätte der Spaß überhaupt ein Ende; – und schließlich, wenn die Whigs siegten, so konnten Morton und Cuddie ins Schloß kommen und die Geliebten ihres Herzens mit Gewalt entführen.

»Denn ich vergaß Euch zu sagen, gnädiges Fräulein,« fuhr das Mädchen fort, indem sie das Schnupftuch vor die Augen hielt, »der arme Cuddie ist in den Händen der Philister so gut wie der junge Milnwood, und wurde diesen Morgen als Gefangener hierhergebracht, und ich gab dem Tom Halliday gute Worte und that schön mit ihm, daß er mich zu dem armen Burschen gehen ließ; aber Cuddie war nicht so dankbar, als er doch hätte sein sollen, nun,« setzte sie mit verändertem Tone hinzu und nahm schnell das Schnupftuch von den Augen, »ich will mir die Augen mit dem Geflenne auch nicht länger verderben. Es bleiben noch junge Burschen genug übrig, wenn man auch die Hälfte davon aufhängt.«

Die übrigen Bewohner des Schlosses befanden sich ebenfalls in Angst. Lady Margarethe glaubte, daß Oberst Claverhouse, als er eine Hinrichtung vor der Thüre ihres Hauses befohlen und ihren Vorstellungen kein Gehör gegeben, die ihrem Range gebührende Achtung aus den Augen gelassen, ja sogar ihre gutsherrlichen Rechte angegriffen habe.

»Der Oberst,« sagte sie, »hätte sich erinnern sollen, Bruder, daß die Baronie Tillietudlem auch das Recht des Galgens und des Rades hat, und wenn der junge Mensch auf meinem Gebiete hingerichtet werden sollte, was ich jedoch für unpassend halte, da dieses im Besitz von Frauen ist, denen solche Trauerspiele nicht angenehm sein können, so hätte er nach gemeinem Rechte meinem Gerichtsvogt überliefert und vor seinen Augen gerichtet werden sollen.«

»Kriegsrecht, Schwester,« antwortete Major Bellenden, »geht über jedes andere. Ich muß indessen gestehen, der Oberst Graham ließ es sehr an Aufmerksamkeit gegen Euch fehlen, und ich selbst fühle mich nicht eben sehr geschmeichelt, daß er dem jungen Evandale, wahrscheinlich weil er Lord ist und Einfluß im Staatsrath hat, eine Bitte gewährte, die er mir, einem alten Diener des Königs abschlug. Aber so lange das Leben des jungen Menschen nicht gefährdet ist, kann ich mich mit dem Ende eines Liedchens trösten, das so alt ist wie ich selbst.« Und hiermit brummte er einen Vers:

Und haucht der Winter dich an so kalt,
Durchs weiße Haar, durch den Mantel so alt;
Sei getrost, du kühner Cavalier,
Der wärmende Sekt, wohl bekommt er dir!

»Ich muß heute Euer Gast sein, Schwägerin, denn ich möchte gern den Ausgang des Gefechts bei Loudonhill hören, obgleich ich nicht begreifen kann, daß sie sich gegen ein treffliches Reitercorps wie unsere Gäste von heute Morgen halten können. – Ach leider sind die Zeiten hin, wo es mir höchst unangenehm gewesen wäre, unter Dach und Fach auf den Ausgang eines Gefechts zu warten, das einige Meilen von mir vorfiel! Aber wie das alte Lied sagt:

Die Zeit macht rosten den blänksten Stahl,
Die Jahre zerbrechen des Bogens Kraft;
Und was da stark gewesen einmal,
Haben Alter und Jahre dahingerafft.«

»Es freut uns sehr, daß Ihr bleibt, Schwager,« sagte Lady Margarethe; »ich will mein altes Vorrecht geltend machen und nach der Haushaltung sehen, die durch das Frühstück etwas in Unordnung gerathen, obwohl es unhöflich ist, Euch allein zu lassen.«

»O, ich hasse alle Umstände wie ein stolperndes Pferd,« antwortete Major Bellenden. »Uebrigens würde Eure Person bei mir, Euer Sinn aber bei Eurer kalten Küche und den übrig gebliebenen Pasteten sein. – Wo ist Editha?«

»Sie ist auf ihr Zimmer gegangen und etwas unwohl, wie ich höre; sie hat sich auf einen Augenblick zu Bett gelegt,« sagte die Großmama. »Sobald sie erwacht, soll sie einige Tropfen nehmen.«

»Pah, pah! sie hat bloß das Kanonenfieber,« antwortete Major Bellenden. »Sie ist nicht gewohnt mit anzusehen, daß ein guter Bekannter hinweggeführt wird, um erschossen zu werden, und ein anderer mit der Möglichkeit ausrückt, den Heimweg nicht wieder zu finden. Sie würde sich bald daran gewöhnen, wenn der Bürgerkrieg wieder ausbräche.«

»Gott behüte und bewahre uns, Bruder!« sagte Lady Margarethe.

»Ja wahrlich, wie Ihr sagt, Gott behüte uns – unterdessen will ich mit Harrison eine Partie Tricktrack spielen.«

»Der ist ausgeritten, Herr Major,« sagte Gudyill, »um etwas von der Schlacht zu hören.«

»Die vermaledeite Schlacht!« sagte der Major; »sie bringt die Familie so aus der Ordnung, als hätte man so etwas noch nie hier zu Lande erlebt – und doch gab es einen Ort wie Kilsythe, John.«

»Ja, und wie Tippmoor, gnädiger Herr,« erwiderte Gudyill, »wo ich meines gnädigen Herrn, seligen Angedenkens, Flügelmann war.«

»Und Alford, John,« fuhr der Major fort, »wo ich die Reiter kommandirte, und Innerlochy, wo ich Adjutant des großen Marquis war, und Old Earn und Brig o'Dee.«

»Und Philippshaugh, gnädiger Herr,« fügte John hinzu.

»Hm!« brummte der Major, »je weniger wir davon sprechen, John, desto besser.«

Da sie aber einmal in Montroses Feldzüge hineingesegelt waren, so führten der Major und Gudyill den Krieg so rüstig fort, daß sie einige Stunden den furchtbaren Feind, die Langeweile, in Respect hielten, mit der alte Kriegshelden am Ende eines thätigen Lebens meistens in unversöhnlicher Feindschaft leben.

Es ist oft bemerkt worden, daß die Nachricht von wichtigen Ereignissen mit einer unglaublichen Schnelligkeit sich verbreitet und daß Gerüchte, die im allgemeinen richtig, in den Nebenumständen aber falsch sind, dem sichern Berichte voraneilen, als würden sie von den Vögeln in der Luft fortgetragen. Solche Gerüchte über den Ausgang der Schlacht waren Harrison auf seinem Ritte zugekommen, und gänzlich niedergeschlagen wendete er sein Roß nach Tillietudlem zurück. Sein erstes Geschäft war, den Major zu suchen und ihn mitten in einer weitläufigen Erzählung der Belagerung und Bestürmung von Dundee mit den Worten zu unterbrechen: »Gott gebe, Herr Major, daß wir nicht eine Belagerung von Tillietudlem erleben, ehe wir um einige Tage älter sind!«

»Was ist das, Harrison? – Was zum Teufel meint Ihr damit?« fragte der erstaunte Veteran.

»Wahrhaftig, Herr Major, man ist sehr stark der Meinung, daß Claverhouse völlig geschlagen, ja, daß er selbst geblieben sei, daß die Soldaten sämmtlich zerstreut sind und die Rebellen eiligst hierherkommen werden und allen Tod und Verderben drohen, die nicht den Covenant annehmen.«

»Das kann ich nun und nimmermehr glauben,« rief der Major aufspringend, »ich kann nimmermehr glauben, daß die Leibgarden vor den Rebellen fliehen, und doch, wozu sprach ich so? – Hab ich nicht dergleichen selbst mit angesehen? – Schickt meinen Pike und noch ein paar andere Diener um Nachrichten aus und laßt alle zuverlässigen Leute im Schloß und im Dorfe zu den Waffen greifen. Dieser alte Thurm kann ihnen schon ein wenig zu thun geben, wenn er nur gehörig verproviantirt und besetzt ist, er beherrscht den Paß zwischen dem Ober- und dem Tieflande. – Es ist ein Glück, daß ich gerade hier bin. – Geht, Harrison, mustert die Mannschaft, Ihr, Gudyill, seht, welche Vorräthe Ihr habt, oder wie viel noch herbeigeschafft werden können, und haltet Euch fertig, wenn sich die Nachrichten bestätigen, so viel Ochsen zu schlachten, als Ihr einsalzen könnt. – Der Brunnen hält aus. – Oben auf den Zinnen sind noch einige alte Kanonen, wenn wir nur Munition hätten, dann könnten wir schon etwas ausrichten.«

»Die Soldaten haben diesen Morgen einige Fässer mit Munition in der Scheune zurückgelassen, bis zu ihrer Rückkehr,« sagte Harrison.

»So eilt denn,« sagte der Major, »und bringt sie ins Schloß mit allen Piken, Säbeln, Pistolen und Flinten, die nur aufzutreiben sind; keinen Hirschfänger laßt mir liegen! – Ein Glück, daß ich hier bin! – Ich will sogleich mit meiner Schwägerin sprechen.«

Lady Margarethe Bellenden war über die eben so unerwartete als beunruhigende Nachricht ganz betroffen. Sie hatte geglaubt, daß die ansehnliche Schaar, welche heute Morgen ihre Mauern verlassen, hinreichend sei, alle Mißvergnügten in ganz Schottland in die Flucht zu schlagen, wenn sie sich gesammelt hätten, und ihr erster Gedanke war, wie unzulänglich ihr eigener Widerstand gegen ein Heer sein müßte, das stark genug war, Claverhouse und seine auserlesene Truppe zu schlagen.

»Weh mir! weh mir!« rief sie, »was wird uns das, was wir thun können, nützen, Schwager? – Was können wir durch Widerstand anderes erreichen als einen sichern Untergang dieses Hauses und der armen Editha? Denn Gott weiß, ich denke nicht an mein eigenes altes Leben.«

»Geht doch, Schwägerin,« sagte der Major, »seid nicht so niedergeschlagen. Der Platz ist fest, die Rebellen sind unwissend und schlecht versorgt. Meines Bruders Haus soll keine Diebes- und Rebellenhöhle werden, so lange der alte Ritter Bellenden darinnen ist. Meine Hand ist zwar schwächer als ehemals, aber ich danke es meinen grauen Haaren, daß ich noch etwas vom Kriege verstehe. – Hier kommt Pike mit Nachrichten. – Nun, was gibts, Pike? Einen Streich, wie Philippshaugh, he?«

»Ja, ja,« erwiderte Pike gefaßt, »alles auseinandergesprengt! – Ich dachte diesen Morgen gleich, es werde nicht viel Gutes herauskommen bei ihrer neumodischen Art die Gewehre umzuhängen.«

»Wen hast Du gesprochen? Wer gab Dir denn die Nachricht?« fragte der Major.

»O, mehr als ein halb Dutzend Dragoner, die alle spornstreichs Hamilton zueilten. Im Wettrennen werden sie gewinnen, glaub ich; mag die Schlacht gewinnen, wer Lust hat.«

»Setzt Eure Vorbereitungen fort, Harrison,« sagte der lebhafte Veteran; »schafft das Pulver herbei und laßt das Vieh schlachten. Schickt hinunter in den Flecken und laßt so viel Mehl holen, als Ihr bekommen könnt. Wir dürfen keinen Augenblick verlieren. – Thätet Ihr nicht besser, mit Editha nach Charnwood zu gehen, Schwägerin, so lange wir Euch noch dahin senden können?«

»Nein, Schwager,« sagte Lady Margarethe sehr bleich aber mit großer Fassung, »weil Ihr denn dies alte Schloß vertheidigen wollt, so will ich darin mein Schicksal erwarten. In meinem Leben bin ich zweimal daraus entflohen und habe es immer von den Besten und Tapfersten entblößt wiedergefunden, darum will ich jetzt hier bleiben und meine Pilgerschaft darin enden.«

»Es ist auch wohl das Sicherste für Editha und Euch,« sagte der Major, »denn Whigs werden wohl auf der ganzen Strecke zwischen hier und Glasgow aufstehen, und so würde Eure Reise nach, Euer Aufenthalt zu Charnwood unsicher sein.«

»So sei es denn,« sagte Lady Margarethe. »Ich übergebe Euch, mein theurer Schwager, als dem nächsten Verwandten meines seligen Ehemanns, durch dieses Sinnbild – hiermit übergab sie ihm den ehrwürdigen Stock mit goldenem Knopfe des verstorbenen Grafen von Torwood – das Besatzungsrecht, die Regierung und das Seneschallamt meines Schlosses Tillietudlem sammt allem Zubehör, mit der vollen Gewalt zu tödten, zu schlagen und zu schädigen diejenigen, so dasselbe angreifen, gleichwie ich selbst die Macht dazu habe. Und ich versehe mich zu Euch, daß Ihr es so vertheidigen werdet, wie ein Haus es verdient, in welchem Seine geheiligte Majestät nicht verschmäht hat – – –«

»Still, liebe Schwägerin,« unterbrach der Major, »wir haben jetzt wahrlich keine Zeit, von dem König und seinem Frühstück zu sprechen.«

Mit diesen Worten verließ er schnell das Zimmer und eilte mit der Lebendigkeit eines fünfundzwanzigjährigen Mannes hinab, um den Zustand der Besatzung zu untersuchen und die Maßregeln zu beaufsichtigen, welche zur Vertheidigung des Platzes nothwendig waren.

Da das Schloß von Tillietudlem sehr dicke Mauern und sehr enge Fenster hatte, da auch eine sehr starke Mauer den Hofraum umgab, mit kleinen Thürmen auf der einzig zugänglichen Seite, so war es gar wohl gegen den Angriff zu vertheidigen, den etwa von schwerer Artillerie ausgenommen. Aushungerung und Erstürmung hatte die Besatzung hauptsächlich zu fürchten. Was das Geschütz betraf, so befanden sich auf dem Thurme einige alte Festungsgeschütze, welche die veralteten Namen Feldschlangen, Falkonette und Falkonettchen führten. Diese ließ der Major mit Hilfe des John Gudyill lafettiren, laden und so richten, daß sie den Rücken des gegenüberliegenden Hügels, von dem die Insurgenten herabkommen mußten, beherrschten. Zugleich ließ er ein paar Bäume niederhauen, welche die Wirkung des Feuers verhindert haben würden. Aus diesen Baumstämmen und andern Materialien ließ er Barrikaden auf der Allee von der Landstraße zum Schlosse anlegen und sah darauf, daß eine die andere beherrschte. Das große Hofthor ließ er noch stärker verrammeln und nur ein Pförtchen zum Durchgang offen. Was er am meisten zu fürchten hatte, war die Schwäche der Besatzung, denn alle Bemühungen des Verwalters waren nicht im Stande, mehr als neun Mann, ihn und Gudyill miteingerechnet, unter Waffen zu bringen, da die Mehrzahl für die Insurgenten und gegen die Regierung gestimmt war. Major Bellenden und sein zuverlässiger Diener Pike vermehrten die Zahl auf eilf, von denen die Hälfte aus alten Männern bestand. Man hätte das Dutzend voll machen können, wenn die alte Lady erlaubt hätte, daß Gänse-Gibbie wieder die Waffen ergriff. Als aber Gudyill den Vorschlag dazu machte, bebte sie sehr davor zurück, weil die früheren Leistungen des unglücklichen Reiters in schrecklicher Erinnerung bei ihr waren, so daß sie erklärte, sie wolle lieber das Schloß verloren sehen, als daß Gibbie zur Vertheidigung desselben angeworben werden sollte. Mit elf Mann, ihn selbst in der Zahl mit eingeschlossen, war Major Bellenden willens, das Schloß bis aufs äußerste zu vertheidigen.

Die Vertheidigungsanstalten wurden nicht ohne den bei solchen Gelegenheiten obligaten Lärm getroffen. Die Kinder schrieen, das Vieh brüllte, die Hunde bellten, die Männer liefen fluchend und schwörend ab und zu, das Hin- und Herschieben der alten Geschütze erschütterte die Zinnen, der Hof ertönte von dem Galopp eilender Boten, die mit wichtigen Sendungen gingen und kamen, und das Getöse kriegerischer Zurüstungen vermischte sich mit den Klagetönen der Frauen.

Eine solche babylonische Verwirrung hätte die Todten aufwecken können, es dauerte daher auch nicht lange, daß Editha Bellenden aus ihren Träumen aufgeschreckt wurde. Sie schickte Jenny ab, damit sie sich nach der Ursache des Lärms erkundige, der das Schloß bis in seine Grundpfeiler erschütterte, Jenny aber, vom allgemeinen Strudel ergriffen, hatte so viel zu fragen und zu hören, daß sie ganz vergaß, in welchem Zustande ängstlicher Ungewißheit sie ihre junge Gebieterin zurückgelassen. Da sie keine Taube nach Kundschaft auszuschicken hatte, ihr Rabe auch nicht zurückkam, so war Editha genöthigt, sich selbst aus der Arche ihres Kämmerleins in die Sündfluth der Verwirrung zu wagen, welche das Schloß überschwemmte. Sechs Stimmen ließen sich zugleich hören und beantworteten ihre erste Frage dahin, daß Claverhouse mit seiner ganzen Mannschaft getödtet sei und daß zehntausend Whigs zur Belagerung des Schlosses herbeieilten, angeführt von John Balfour von Burley, dem jungen Milnwood und Cuddie Headrigg. Diese sonderbare Zusammenstellung schien die Lüge der ganzen Geschichte zu bekunden, und dennoch zeigte der allgemeine Lärm im Schlosse, daß man wirklich Gefahr befürchte.

»Wo ist Lady Margarethe?« war Edithas zweite Frage.

»In ihrem Betzimmer,« war die Antwort. Dies war ein an die Kapelle anstoßendes Gemach, in welchem die gute alte Dame gewohnt war, den größeren Theil der Tage zuzubringen, welche nach den Vorschriften der bischöflichen Kirche zu gottesfürchtigen Uebungen bestimmt waren, wie auch die Todestage ihres Gemahls und ihrer Kinder dort zugebracht wurden und überhaupt alle Stunden, die in Folge allgemeinen oder häuslichen Unglücks eine innigere und feierlichere Anrufung des Himmels erheischten.

»Wo ist denn Major Bellenden?« fragte Editha höchst bestürzt.

»Auf den Zinnen des Thurms, Fräulein; er richtet dort die Kanonen,« war die Antwort.

Sie ging also nach den Zinnen des Thurms, obschon von tausend Hindernissen aufgehalten, und fand den alten Herrn ganz in seinem Elemente, befehlend, verweisend, ermunternd, belehrend und unterrichtend, kurz, alle Pflichten eines guten Commandanten ausübend.

»Um Gottes willen, was gibt es, Oheim?« rief Editha.

»Was es gibt, Kind?« erwiderte der Major ganz ruhig, als er mit der Brille auf der Nase die Richtung einer Kanone untersuchte. – »Was es gibt? – Ei – John, die Mündung etwas höher! – Was es gibt – nun, Claverhouse ist geschlagen, mein Kind, und die Whigs rücken mit Gewalthaufen gegen uns, das ist alles.«

»Allmächtiger Gott!« sagte Editha, welche in diesem Augenblicke auf den Weg schaute, der sich am Fluß heraufzog, »dort kommen sie ja schon.«

»Dort? Wo?« rief der Veteran, und indem seine Augen dieselbe Richtung nahmen, bemerkte er eine große Schaar Reiter den Weg herabkommen. »An die Geschütze, Leute!« war sein erster Ausruf. »Sie sollen uns Zoll bezahlen, wenn sie dort heraus wollen. – Doch halt, halt, das ist gewiß Leibgarde!«

»O nein, Oheim, nein,« erwiderte Editha; »seht nur, wie unordentlich sie reiten und wie schlecht sie sich in der Reihe halten, das können unmöglich die hübschen Soldaten von heute Morgen sein.«

»Ach; mein gutes Kind!« antwortete der Major, »Du kennst den Unterschied nicht zwischen Kriegern vor der Schlacht und nach einer Niederlage; aber die Leibgarden sinds, ich sehe das Roth und Blau und die königlichen Fahnen. Es freut mich nur, daß noch so viel davongekommen sind.«

Seine Meinung bestätigte sich, als die Reiter näher kamen und endlich in dem Wege unter dem Schlosse Halt machten. Der Kommandirende ließ sie hier verschnaufen und ihre Pferde füttern, er selbst ritt eilends den Hügel hinauf.

»Das ist Claverhouse wahrhaftig selbst,« sagte der Major. »Es freut mich, daß er entkommen ist, aber er hat seinen berühmten Rappen verloren. Sagts der gnädigen Frau, John Gudyill, besorgt Erfrischungen und Hafer für die Pferde der Soldaten, und wir, Editha, wollen nach der Halle, um ihn zu empfangen. Ich fürchte, wir werden nicht viel Gutes hören.«

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