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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Einleitung

Die zahlreichen Traditionen, die während der Jugendjahre unseres Dichters unter der ländlichen Bevölkerung Westschottlands und der Niederungen bezüglich jener grausamen Kämpfe im Umlauf waren, die von der Regierung beider Königreiche gegen die Anhänger der presbyterianischen Kirchenverfassung geführt wurden, schienen ein hinreichend interessantes Material als Grundlage des vorliegenden Romans zu liefern. Der Dichter hat für seine ebenso spannende wie belehrende Erzählung das Jahr 1685, also jene Zeit gewählt, wo Argyle und Monmouth Schottland und den Westen Englands mit einem Einfall bedrohten, und der geheime Staatsrath von Schottland mehr als hundert Personen der südlichen und westlichen Provinzen verhaften ließ, weil man sie in Folge ihrer religiösen Ueberzeugung für regierungs- oder gar staatsfeindliche Elemente hielt. Es ist nicht unsere Sache, zu untersuchen, ob der Staatsrath in seiner Auffassung der damaligen Situation zu weit im Argwohn gegangen sei oder nicht; – die Werkzeuge, deren er sich zur Bekämpfung der Gegner bediente, haben, wie so häufig in solchen Fällen, in ihrem blinden Eifer entschieden die Grenzen überschritten, die Christenthum, Humanität und Stammverwandtschaft den Verfolgten gegenüber vorschrieb. Man trieb, wie ein alter Berichterstatter erzählt, die Gefangenen wie eine Heerde Vieh nach dem Norden des Landes, traf aber weniger Vorsorge für sie, als man sie den unvernünftigen Geschöpfen erwiesen haben würde. Die Unglücklichen wurden schließlich in einem unterirdischen Kerker des Schlosses Dunnottar zusammengepfercht, der nur ein einziges Fenster nach der Nordsee hatte. Anstrengung, Entbehrungen aller Art, Krankheit und Kummer raffte viele derselben hin, denn ihre Hüter, rohe Berufssoldaten, versagten ihnen selbst den Genuß des frischen Wassers, wenn sie nicht dafür bezahlten. Dies Gefängniß heißt jetzt noch im Volke das Whig-Gewölbe, und ein Denkstein in der Nähe desselben erinnert an jene traurigen Opfer des religiösen und gouvernementalen Fanatismus, die unter demselben begraben liegen. Auch in andern Theilen Schottlands finden sich auf Haiden und in öden Moorgegenden zahlreiche Grabmäler aus jener Periode, welche die Märtyrer der religiösen Ueberzeugung und die der loyalen Pflichterfüllung im Dienste des Königs decken. Die scharfen Gegensätze, die damals im Volke hervortraten, wurden nur noch schroffer, als die Sekte der »Bergmänner« ( Hill-men) zur Führerschaft der Presbyterianer gelangte, die an Strenge und blindem Eifer alle anderen Richtungen überboten, nach ihrem Gründer Cameron auch Cameronianer genannt wurden, und selbst noch am Ende des vorigen Jahrhunderts ihre zahlreichen Anhänger in Schottland hatte. Einer dieser Anhänger war Robert Paterson, ein Steinmetz seines Gewerbes, der 1715 geboren, bei dem Landvolke unter dem Namen: » Vater Sterblich« ( Old Mortality) bekannt war, und in seinem 86. Lebensjahre, also erst im Anfange dieses Jahrhunderts gestorben ist. Diese originelle Persönlichkeit verließ schon in verhältnißmäßig jungen Jahren sein Weib und fünf Kinder, wie es scheint, eben so sehr aus Neigung zu einem vagirenden Leben, als aus religiösem Eifer, um jene oben erwähnten Denkmäler und Grabsteine gefallener Presbyterianer auf Kirchhöfen, in Einöden und Moorgründen von Moos und Gerolle zu säubern und wieder herzustellen oder neue Steine zu setzen. Seine Thätigkeit erstreckte sich über die ganze Niederung Schottlands. Es gibt wenig Kirchhöfe in Ayrshire, Galloway oder Dumsries-shire, wo sich nicht die Thätigkeit seines Meißels nachweisen ließe; denn überall, wohin er auf seiner Wanderung kam, standen ihm die Thüren der Cameronianer zu jeder Tagesstunde offen.

Wir würden uns über diese charakteristische Figur des Presbyterianismus nicht so weit verbreitet haben, wenn sie unserem Dichter nicht wichtig genug erschienen wäre, um ihren Beinamen Old Mortality seinem Roman als Titel vorzusetzen, gleichsam als führe er in der Behandlung der Denkwürdigkeiten jener Zeit die Thätigkeit des alten Steinmetzen von Hawick weiter. Da indessen im Verlauf der Erzählung dieser Persönlichkeit nicht Erwähnung geschieht, so glauben wir bei unseren Lesern wohl entschuldigt zu sein, wenn wir von diesem Namen gänzlich absahen, und unsere Erzählung unter dem Titel: »Die Presbyterianer« einführten.

Der erwähnte Gegensatz bedingt in unserem Romane ebenso die Gruppirung der handelnden Figuren, wie er naturgemäß die Voraussetzung der Handlung und des Kampfes bildet, und der Handlung ihren besonderen Charakter verleiht. Daß der puritanische Geist im schottischen und englischen Volke an sich staatsgefährlich sei, hatte die Revolution unter Cromwell hinlänglich bewiesen; die beiden letzten Stuarts suchten daher eben so sehr eine energische Reaktion gegen denselben durchzuführen, als die fanatisirten Gemüther durch friedliche Mittel zu versöhnen, wie sie in der Einleitung zu unserer Erzählung erwähnt sind. Aber in ihrem Rigorismus verabscheuten die Puritaner alle öffentlichen Volksbelustigungen, wie sie im Mittelalter und noch zur Zeit der Elisabeth und Jakob I. im Schwange waren. Die Bibel war ihr einziger Codex, sie schrieb ihnen ihre Lebensnorm und selbst die Umgangsformen vor, ließ aber gerade die Strenggläubigen in Unmündigkeit und jener Bornirtheit des Denkens, Wollens und Handelns, die sie dem Parteilosen und Unbefangenen so ungemein lächerlich erscheinen läßt. Grade diese komische Seite hat Scott mit großem Glück und bewundernswerther Meisterschaft am Puritanismus aufzudecken vermocht; aber sie ist es zugleich, die uns jene langweiligen und beschränkten Menschen zugleich interessant macht. Welch treffliche Figur ist nicht jene alte Mause, die eben so beredte als zärtliche Mutter des ewig hungrigen Cuddie, die sich und ihren Sohn um Haus und Garten, Kohlsuppe und Haferkuchen, um Heimat und Freiheit und schließlich beinahe um den Hals predigt! Sie ist der echte Typus jener passiven Fanatiker, die im Dulden das Glück des Märtyrerthums suchen. Wie unendlich fein ist in dieser Alten der Kampf mütterlicher Zärtlichkeit mit der starren Wortgläubigkeit und unerbittlichen Consequenz der Cameronianerin geschildert! Ihr zur Seite steht der ehrwürdige Pauker, der heilige Mann, bei dem die Lunge ersetzen muß, was ihm an Geist abgeht, der die Fahne der strenggläubigen Puritaner hochhält, und von der Indulgenz nichts wissen will, die die Gemäßigten, d. h. Abtrünnigen, wie Pfundtext, von der Regierung angenommen haben; sodann der hektische Schwärmer Macbriar, der die Menge mit der Gewalt eines Propheten beherrscht, und jener bis zum Wahnsinn fanatische Bruder Habakuk Wütheviel (Mucklewrath) dessen wüste und zerrüttete Phantasie nur von Erschlagenen träumt. Wie drollig erscheint neben dieser enthusiastischen Gesellschaft der phlegmatische, scheinbar beschränkte Cuddie Headrigg, bei dem der Mutterwitz und die bäurische Pfiffigkeit fortwährend die dichte Hülle durchbricht, die eine rohe und einseitige Erziehung über seine geistigen Anlagen gelegt hat. Es ist dies eine Clownfigur, wie sie selbst Shakespeare nicht besser erfunden haben würde. Dieser Gruppe, deren Stärke mehr in der Zungenfertigkeit und Bibelfestigkeit, als in dem Muth und der kriegerischen Tüchtigkeit liegt, stehen jene geharnischten Streiter der Kirche zur Seite, die in ihrem blinden Eifer zum Schwerte gegriffen, und sich der Staatsgewalt als Feinde gegenüber gestellt haben. In dieser Reihe findet der Ehrgeiz und das Verbrechen seine Stelle. Obenan in derselben steht der finstre, grausame John Balfour of Burley, der selbst vor dem Morde zur größeren Ehre Gottes nicht zurückbebt. In ihm vereinigen sich Heuchelei, Fanatismus, Ehrgeiz und Rachsucht. Selbst die Worte der Schrift werden in seinem Munde zum Deckmantel alles gesetzwidrigen Thuns, der Unmenschlichkeit, der Bosheit, des Verbrechens. Den Gemäßigten seiner Partei steht er fast eben so feindselig gegenüber, wie den Gegnern derselben; er ist tapfer ohne jede Spur von Großmuth; verschlagen und diplomatisch schlau – aber treulos; ein Mann des planlosen Umsturzes wie jeder Desperate, ein Vorkämpfer der Unfreiheit, wie jeder Anhänger der extremsten Politik.

Diesen Elementen, die wie die Socialfanatiker unserer Tage aus der Zertrümmerung des Staates die regenerirte Gesellschaft in adamitischer Unschuld hervorgehen lassen wollen, steht zunächst die Gruppe der Conservativen gegenüber, wie sie durch das Haus der ehrwürdigen Gräfin Margarethe Bellenden repräsentirt wird. Die alte Dame ist in ihrer übertriebenen Loyalität, die sie das Frühstück, welches einst der flüchtige König Karl II. auf ihrem Schlosse von Tillietudlem eingenommen, nie vergessen läßt, mit ganz vorzüglichem Humor gezeichnet. Aber das stolze Adelsbewußtsein, der strenge Royalismus ist in ihr durch viele individuelle Züge, namentlich durch eine gewisse patriarchalische Leutseligkeit ihren Untergebenen gegenüber, durch einen sehr wohlthuenden Hang zur Menschenfreundlichkeit oder durch natürliche Herzensgüte vielfach gemildert. Es sind dies Züge, denen wir auch bei ihrem Schwager, dem wackeren Major Bellenden, begegnen, der uns als ein treffliches Muster der loyalen englischen Aristokratie gelten könnte, wenn er sich zu etwas mehr als bloß soldatischer Auffassung der Königstreue zu erheben vermöchte. Aber selbst diesem Trefflichen begegnet, was dem Strengconservativen so leicht begegnen kann, daß ihn die ritterliche Unterwerfung unter die Autorität der Krone, das traditionelle Recht des Volkes, seinen natürlichen Anspruch auf Freiheit vergessen läßt. Ihm fehlt keineswegs das Herz für das Volk, wohl aber die sittliche Energie, die der echte Aristokrat haben muß, sich in das Gesammtbewußtsein seiner Nation zu vertiefen, wie es der Monarch, das Haupt der Nation selbst muß. Nur das beschränkte Junkerthum kann sich in einem Gegensätze zum Volksbewußtsein fühlen; es wird nie dauernd die Stütze der Throne werden können. Der junge Lord Evandale steht darum ungleich höher als der Major Bellenden, weil er trotz seines kriegerischen Berufs sich das Bewußtsein der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit mit der ganzen Nation klar bewahrt hat. Er spielt auf der königlichen Seite annähernd die gleiche Rolle, die Heinrich Morton auf Seiten der Rebellen zugefallen ist.

Dieser junge Edelmann, der Sohn eines tapfern Führers unter Cromwell schließt sich der Empörung keineswegs aus bloßer Sympathie für die Puritaner an. Er gehört im Gegentheil zu jener gemäßigten Partei, die ihren Frieden mit der Regierung geschlossen hat und sich darum einer gewissen religiösen Unabhängigkeit erfreut. Aber die Organe der Regierung selbst, das rücksichtslose engherzige Soldatenthum, das nur die Ordre kennt, die von oben kommt, und im Mitbürger nur seinen Gegensatz sieht, verletzt das patriotische Gefühl des jungen Mannes, der den König als das Haupt des Staates eben so verehrt, wie seine Standesgenossen. Er kennt freilich die royalistische Schwärmerei nicht, wie sie im Kreise der Gräfin Bellenden gepflegt wird, aber er weiß, daß er die Sache des Königthums nicht schädigt, wenn er für die Freiheit und die Rechte des Volkes eintritt. Morton ist ein Muster für den reinen Liberalismus aller Zeiten, der immer die Aufgabe haben wird, der Autorität der Krone dadurch zu dienen, daß er den centrifugalen Elementen im Staatsorganismus eine centripetale Richtung gibt. So jung er noch ist, so ahnt er doch, daß er auf Seiten der Königlichen, bei den Anhängern brutaler Gewalt, so gut wie nichts ausrichten werde; und wenn auch sein Verhältniß zu Edith, oder vielmehr seine Eifersucht gegen Evandale zunächst zur Triebfeder wird, die ihn die Sache der Whigs ergreifen läßt, so liegt doch bereits jene liberale Überzeugung in ihm, die ihn später befähigt, die Versöhnung der Gegensätze herbeiführen zu helfen, die eigentliche Aufgabe des Liberalismus glänzend zu lösen. Vollständig klar wird uns dieser Charakter, wenn wir ihn neben den eminent befähigten, mit allen, großen soldatischen Eigenschaften begabten Claverhouse, den Mann der eisernen Consequenz halten; bei aller Vortrefflichkeit richtet der gefürchtete Oberst doch nur Unheil an, weil sich mit der starren Dienstpflicht politische Fragen unmöglich lösen lassen; aber Morton, der Rebell, ist trotz aller Hindernisse, die ihm im Wege standen, doch schließlich im Stande, den Frieden herzustellen, dem Volke seine Rechte, dem Könige seinen Thron zu sichern.

An charakteristischen Figuren ist unser Roman auch sonst noch reich; namentlich ist der bis zum Unteroffizier herabgekommene Graf Bothwell, jener schottische Königssproß, trefflich geschildert; sowie auch Halliday, der Vicegeliebte der unvergleichlichen Jenny Dennison, die mit ihrer anmuthigen Treulosigkeit ein hübsches Seitenstück zu der ehrbaren Alison, oder vielmehr Fräulein Wilson bildet. Edith Bellenden, die in einen wohlthuenden Contrast zur stolzen Schwester Evandales gestellt ist, steht an Seelenschönheit keiner Frauenfigur, die Scott geschildert hat, nach, wenn ihr auch nicht so viel Gelegenheit geboten wird, tatsächlich in den Gang der Ereignisse einzugreifen, wie z. B. einer Alice Lee in Schloß Woodstock, die zu ihrem Geliebten, Everard, in einem ganz ähnlichen Verhältnisse steht, wie Edith zu Morton.

Die Schilderungen der kriegerischen Partieen in unserem Romane sind mit höchster Anschaulichkeit und Lebendigkeit ausgeführt, namentlich aber verleiht das Ende John Burleys und der tragische Ausgang Evandales unserer Erzählung einen tief ergreifenden Abschluß.

Unser Roman wurde als die erste unter den » Erzählungen meines Wirths« veröffentlicht, und erschien 1816 mit einer Einleitung von Jedediah Cleishbotham, und 1829 mit einer eben solchen, in welcher noch viele Einzelheiten aus dem Leben Robert Patersons ( Old Mortality) mitgetheilt werden.

K. Tschischwitz.

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