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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 19
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XVII

Die Kanzel, die geistliche Trommel, traun
Sieht man mit der Faust, statt mit Schlägeln haun.

Hudibras.

Inzwischen kam die Reiterei der Insurgenten, ermüdet und erschöpft durch die ungewohnte Anstrengung, von der Verfolgung zurück, und das Fußvolk, durch Hunger und Arbeit ermattet, sammelte sich auf dem Schlachtfelde, das sie gewonnen. Ihr Sieg war indeß für jeden eine Herzensstärkung und schien Nahrung und Erfrischung zu ersetzen. Er war auch in der That weit glänzender, als sie zu hoffen wagen durften, denn ohne großen Verlust auf ihrer Seite hatten sie ein Regiment auserlesener Mannschaft, welches noch dazu von dem ersten Offizier Schottlands befehligt wurde, dessen Name ihnen lange ein Schrecken war, völlig aufgelöst. Auch schien der Erfolg auf ihre Gemüther wirklich betäubend zu wirken, denn weit mehr die Verzweiflung als die Hoffnung hatte sie vermocht, zu den Waffen zu greifen. Ihre Vereinigung war ebenfalls zufällig, und sie hatten sich in aller Eile unter solche Befehlshaber gestellt, die durch Eifer und Muth hervorragten, ohne andere Eigenschaften viel zu berücksichtigen. Dieser Mangel an Organisation hatte zur Folge, daß das ganze Heer sich zu einem allgemeinen Ausschuß formiren zu wollen schien, um zu erwägen, welche Schritte nach dem Siege gethan werden sollten, und keine Meinung war so absurd, die nicht ihre Begünstiger und Vertheidiger gefunden hätte. Einige riethen, nach Glasgow, einige nach Hamilton, einige nach Edinburg und andere nach London zu marschiren. Einige waren dafür, eine Deputation aus ihrer Mitte nach London zu senden, um Karl II. von seinen Irrthümern zu bekehren, andere, die nicht so mitleidig waren, schlugen vor, entweder einen neuen Thronfolger zu berufen oder Schottland für eine freie Republik zu erklären. Ein freies Nationalparlament und eine freie Kirchenversammlung wünschten die Maßvollsten und Verständigsten. Inzwischen erhob sich unter den Soldaten ein Geschrei nach Brod und anderen Bedürfnissen, und während sich alle über Hunger und Entbehrungen beklagten, ergriff doch niemand die nöthigen Maßregeln, der Bedrängniß abzuhelfen. Kurz, das Lager der Covenanter schien sich selbst im Augenblicke des Sieges aus Mangel an nothwendiger Ueberlegung und Einigkeit auflösen zu wollen.

Burley, der jetzt von der Verfolgung zurückkehrte, fand seine Anhänger in diesem Zustande der Auflösung. Mit dem raschen Talente eines Mannes, der gewohnt ist, Verlegenheiten abzuhelfen, schlug er vor, daß hundert der frischesten Leute zum Wachtdienst herangezogen werden sollten, daß eine kleine Anzahl der bisherigen Anführer so lange einen Ausschuß zur obersten Leitung bilde, bis man Offiziere gewählt habe, und daß, um den Sieg zu krönen, Gabriel Pauker aufgefordert würde, durch ein zeitgemäßes Wort an das Heer das von der Vorsehung bescherte Glück zu verherrlichen. Er rechnete nicht ohne Grund sehr viel auf das letzte Mittel, da er dadurch die Aufmerksamkeit des gemeinen Haufens zu beschäftigen hoffte, während er mit einigen der Anführer einen geheimen Kriegsrath hielt, ungestört durch die widerstrebenden Meinungen und das unverständige Geschrei des großen Haufens.

Pauker übertraf Burleys Erwartung. Zwei tödtlich lange Stunden predigte er in einem Athem fort, und gewiß wäre keine Lunge, keine Lehre als die seinige im Stande gewesen, die Aufmerksamkeit der Leute so lange in solch precären Umständen zu fesseln. Aber er besaß vollkommen jene rohe und leichtfaßliche Beredsamkeit der Prediger jener Zeit, die zwar von einer gebildeten Versammlung als geschmacklos verworfen worden wäre, aber für den Gaumen derer, denen sie geboten wurde, ein Kuchen von echtem Sauerteig war. Sein Text war aus dem 49. Kapitel des Jesaias: »Nun sollen die Gefangenen dem Riesen genommen werden, und der Raub des Starken loswerden; und ich will mit deinen Haderern hadern und deinen Kindern helfen. Und ich will deine Schinder speisen mit ihrem eigenen Mute, daß sie wie von süßem Weine trunken werden, und alles Fleisch soll erfahren, daß ich bin der Herr, dein Heiland und dein Erlöser, der Mächtige in Jakob.«

Die Rede, welche er über diesen Gegenstand hielt, war in fünfzehn Hauptstücke eingetheilt, von denen jedes mit sieben Nutzanwendungen ausgestattet war, nämlich: zwei Tröstungen, zwei Strafen, zwei Erklärungen der Ursachen des Abfalls und des Zornes, und eine, welche die verheißene und erwartete Erlösung verkündigte. Er schloß seine Rede mit der unumwundenen Anwendung des Textes: »Und das Thal Tophet, so da heißen soll das »Würgethal«, ist bestimmt seit lange, und es ist ausersehen für den König, er hat es tief gemacht und weit, und die Säulen darin sind Feuer und viel des Holzes, aber der Athem des Herrn entzündet sie gleich einem Strome von Schwefel.«

Pauker hatte kaum geendet und war von dem ungeheuren Felsen, der ihm zur Kanzel gedient, herabgestiegen, als sein Posten durch einen Prediger ganz anderer Art eingenommen ward. Der ehrwürdige Gabriel war schon bei Jahren, etwas wohlbeleibt, besaß eine sonore Stimme, ein breites Gesicht und einfältige geistlose Züge, in welchen der Körper mehr über den Geist herrschte, als es sich für einen rechten Geistlichen ziemt. Der Jüngling, der nach ihm die außerordentliche Versammlung erbaute, war kaum zwanzig Jahre alt und hieß Ephraim Macbriar. Seine eingefallenen Züge verkündeten, daß seine schon von Natur hektische Constitution durch Nachtwachen, Fasten, harte Gefangenschaft und die Beschwerden der Verfolgung bereits zu Grunde gerichtet war. So jung er auch war, hatte er doch schon zweimal mehrere Monate im Kerker gelegen und viele Bedrängniß erfahren, was ihm einen großen Einfluß bei seiner Sekte verschaffte. Er warf seine matten Augen auf die Versammlung und über das Schlachtfeld, ein Strahl des Triumphes erhellte sein bleiches aber ausdrucksvolles Gesicht, das noch durch einen Anflug hektischer Röthe gefärbt wurde, er faltete die Hände, erhob sein Antlitz gen Himmel und schien in stilles Dankgebet versenkt, ehe er das Volk anredete. Beim Beginn seiner Rede schien seine schwache und gebrochene Stimme unfähig, seine Gedanken auszudrücken. Aber das tiefe Schweigen der Versammlung, die Begierde, mit welcher jedes Wort verschlungen wurde, wie von den Israeliten einst das himmlische Manna, hatten auf den Redner eine anregende Wirkung. Seine Worte wurden deutlicher, sein Vortrag ernster und nachdrücklicher, und sein religiöser Eifer schien über seine körperliche Schwäche und Gebrechlichkeit zu siegen. Seine natürliche Beredsamkeit war zwar nicht unbeeinflußt geblieben von der Rohheit seiner Sekte, doch bewahrte ihn ein angeborner Geschmack vor den plumpen und lächerlichen Fehlern seiner Zeitgenossen. Die Sprache der Schrift, welche in ihrem Munde bisweilen durch falsche Anwendungen erniedrigt wurde, hatte in Macbriars Ermahnungen eine volle, feierliche Wirkung, gleich den Sonnenstrahlen, die durch die bemalten Fenster einer alten gothischen Kathedrale dringen.

Er malte die Zerstörung der Kirche während der letzten Periode ihres Elends mit den lebendigsten Farben aus. Er verglich sie mit Hagar, die in der wasserlosen Wüste über das schwindende Leben ihres Kindes wacht; mit Juda, das unter dem Palmbaume über die Zerstörung seines Tempels klagt; mit Rahel, die um ihre Kinder weint und den Trost von sich weist. Aber er schwang sich zu wilder Erhabenheit empor, als er die noch vom Schlachtenblut triefenden Männer anredete: »Eure Kleider sind gefärbt, aber nicht vom Safte der Kelter; eure Schwerter triefen von Blut, aber nicht vom Blute der Ziegen und Lämmer; der Staub der Wüste, auf der ihr steht, ist gedüngt mit Blut, aber nicht mit dem Blute der Stiere, denn der Herr hat angerichtet ein Opfer in Boprah und ein großes Blutbad im Lande Idumäa. Das waren nicht die Erstlinge der Heerde, das kleine Gethier des Brandopfers, deren Leiber da liegen, gleich dem Dünger aus dem gepflügten Felde des Landmanns, dies ist nicht der Geruch von Myrrhen, von Weihrauch oder von duftigen Kräutern, der da aufdampft in eure Nasen, nein, diese blutigen Leichen sind die Körper derer, so den Bogen hielten und die Lanze, so da grausam waren und kein Erbarmen zeigten, deren Stimme geheult wie das Meer, und so auf Rossen ritten, ein jeglicher Mann zur Schlacht gerüstet; das sind die Leichname der gewaltigen Kriegsmänner, so da zogen gegen Jacob am Tage der Befreiung, und der aufsteigende Rauch ist der des verzehrenden Feuers, das sie vernichtet hat. Und diese wilden Berge, die euch umgeben, sind kein Heiligthum, getäfelt mit Cedern und ausgelegt mit Silber, noch seid ihr dienende Priester am Altare mit Rauchfaß und Fackeln, sondern ihr haltet in euren Händen das Schwert und den Bogen und die Waffen des Todes. Aber wahrlich, ich sage euch, als noch der alte Tempel stand in seiner ersten Herrlichkeit, ist kein angenehmeres Opfer dargebracht worden als das, so ihr an diesem Tage geschlachtet, indem ihr den Zwingherrn und Bedrücker dem Tode geweiht, da ihr den Felsen zum Altar genommen und den Himmel zu euerm gewölbten Heiligthum und eure guten Schwerter zu Opfermessern. Darum lasset nicht stehen den Pflug in der Furche, wendet euch nicht rückwärts auf dem Pfade, den ihr getreten, gleich den berühmten Helden der Vorzeit, die Gott erhob zur Verherrlichung seines Namens und zur Erlösung seines betrübten Volkes, haltet nicht an auf der Bahn, die ihr laufet, auf daß das Ende nicht schlimmer sei denn der Anfang. Darum pflanzet auf ein Banner im Lande, stoßet in die Trompete auf den Bergen, lasset den Schäfer nicht säumen bei der Hürde, oder den Säemann auf dem gepflügten Felde, sondern haltet scharfe Wacht, wetzet die Pfeile, glättet die Schilde, ernennet die Hauptleute von Tausenden und Hauptleute von Hunderten, von Fünfzigen und von Zehnen; ruft zusammen das Fußvolk, gleich dem Rauschen des Windes, und lasset herbeikommen die Reiter, gleich dem Toben vieler Wasser; denn die Pfade der Verwüster sind gehemmt, ihre Ruthen sind verbrannt und das Angesicht ihrer Kriegsmänner hat sich zur Flucht gewendet. Der Himmel ist mit euch gewesen und hat zerbrochen den Bogen der Gewaltigen, darum möge das Herz einem jeglichen sein wie das Herz des Maccabäus, die Hand eines jeglichen wie die Hand des gewaltigen Simson, das Schwert eines jeglichen wie das Schwert Gideons, das sich nimmer gewendet vom Blutvergießen, das Banner der Reformation ist nun ausgebreitet auf den Bergen in seiner ersten Lieblichkeit, und die Pforten der Hölle sollen es nicht überwältigen.

»Wohl dem, der an diesem Tage vertauscht sein Haus für einen Helm und sein Kleid verkauft für ein Schwert, und sein Loos wirft mit den Kindern des Covenants, bis zur Erfüllung der Verheißung, und wehe, wehe dem, der um fleischlicher selbstsüchtiger Zwecke willen von dem großen Werke absteht, denn der Fluch wird ihn treffen, ja der grimmige Fluch des Meroz, weil er nicht kam, dem Herrn beizustehn gegen die Gewaltigen. Auf denn, ans Werk! Das Blut der Märtyrer, das auf den Gerüsten raucht, schreit um Rache; die Gebeine der Heiligen, die auf den Heerstraßen bleichen, fordern Vergeltung; die Seufzer der unschuldigen Gefangenen auf wüsten Inseln des Meeres und aus den Kerkern der festen Schlösser flehen um Befreiung; die Gebete der verfolgten Christen, die sich in Einöden und Höhlen vor dem Schwerte ihrer Verfolger verbergen, erschöpft vor Hunger, vergehend vor Kälte, ohne Feuer, Obdach und Kleidung, weil sie Gott mehr dienen als den Menschen, – alle sind mit euch, bitten, bewachen, pochen und stürmen die Pforte des Himmels für eure Sache. Der Himmel selbst wird für euch streiten, wie die Sterne in ihrem Laufe stritten wider Sisera. Laßt also jeden, der unsterblichen Ruhm in dieser Welt und ewige Seligkeit in der zukünftigen gewinnen will, eintreten in den Dienst Gottes und Handgeld nehmen von seinem Diener, einen Segen nämlich über ihn und sein Haus und seine Kinder bis ins neunte Glied, ja den Segen der Verheißung für immer und ewig! Amen.«

Die Beredsamkeit des Predigers wurde durch das tiefe und ernste Beifallsgemurmel belohnt, das durch die bewaffnete Versammlung am Schlusse einer Ermahnung tönte, die sich so gut für das eignete, was sie bereits gethan, wie für das, was ihnen noch zu thun übrig blieb. Die Verwundeten vergaßen ihren Schmerz, die Schwachen und Hungrigen ihre Ermattung und Entbehrungen, als sie den Lehren lauschten, welche jeden über das Elend und die Bedürfnisse dieser Welt erhoben und seine Sache zur Sache Gottes machten. Viele drängten sich um den Prediger, als er von der Anhöhe herabstieg, reichten ihm die Hände, an denen das Blut noch nicht geronnen war, und gelobten aufs heiligste, als wahre Krieger des Himmels zu handeln. Erschöpft durch seine eigene Begeisterung und durch den Feuereifer, mit dem er gesprochen, konnte der Prediger nur in gebrochenen Tönen antworten: »Gott segne euch, meine Brüder, es ist seine Sache, stehet fest zusammen und seid Männer, das Schlimmste, was uns begegnen kann, ist nur ein kurzer und blutiger Weg zum Himmel.«

Balfour und die andern Führer hatten die Zeit nicht verloren, die diesen geistlichen Uebungen gewidmet war. Wachtfeuer wurden angezündet, Posten ausgestellt und Anordnungen getroffen, die Krieger mit den Lebensmitteln zu stärken, welche von den nächsten Pachthäusern und Dörfern in aller Eile herbeigeschafft werden konnten. Nachdem also für die gegenwärtigen Bedürfnisse gesorgt war, richteten sie ihre Gedanken auf die Zukunft. Sie hatten Streifwachen ausgesendet, die Nachricht von ihrem Siege zu verbreiten und mit Güte oder Gewalt diejenigen Unterstützungen zu erhalten, deren sie am dringendsten bedurften. Dies glückte ihnen über alle Erwartung, da sie in einem Dorfe ein kleines Magazin von Lebensmitteln und Munition erbeutet hatten, das für die königlichen Truppen angelegt worden war. Dieser Erfolg gewährte ihnen nicht nur augenblickliche Hilfe, sondern erweckte auch solche Hoffnungen für die Zukunft, daß, wenn manche angefangen hatten in ihrem Eifer nachzulassen, sie sich jetzt einmüthig entschlossen, unter den Waffen zu bleiben und sich und ihre Sache der Entscheidung des Krieges anzuvertrauen. Und was man auch von der Ueberspanntheit und engherzigen Bigotterie ihrer Glaubenssätze denken mag, so kann man doch den Ruhm eines frommen Muthes diesen wenigen hundert Landleuten nicht absprechen, die ohne Führer, ohne Geld, ohne Vorräthe, ohne festen Plan und fast ohne Waffen, nur von ihrem glühenden Eifer und Abscheu gegen Unterdrückung bewogen, einer wohlbefestigten Regierung offenen Krieg anzukündigen wagten, einer Regierung, die von einem regelmäßigen Heere und der ganzen Macht dreier Königreiche unterstützt wurde.

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