Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Scott >

Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 15
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
Schließen

Navigation:

Kapitel XIII

Mag ohne Herrn die Koppel sein,
Mein Falke fliege fort zum Wald,
Mein Lehensland, es falle heim,
Die Fremde sei mein Aufenthalt!

Alte Ballade.

Wir verließen Morton, als er nebst drei Mitgefangenen unter der Bedeckung eines Reiterhaufens, der den Nachtrab der Colonne unter Claverhouse bildete und unter dem unmittelbaren Befehle des Sergeanten Bothwell stand, dahin zog. Ihr Weg ging nach den Bergen, wo die aufrührerischen Presbyterianer unter Waffen sein sollten. Kaum hatte man eine Viertelmeile zurückgelegt, als Claverhouse und Evandale, von ihren Ordonnanzen begleitet, vorübersprengten, um ihre Stelle in der vorausmarschirenden Colonne einzunehmen. Sie waren nur eben vorüber, als Bothwell seinen Trupp halten und Morton die Fesseln abnehmen ließ.

»Königsblut muß Wort halten,« sagte der Dragoner. »Ich versprach, Euch höflich zu behandeln, so weit es von mir abhängt. Hier, Corporal Inglis, laßt diesen Herrn an der Seite des andern jungen Gefangenen reiten, Ihr könnt Ihnen erlauben, sich leise mit einander zu unterhalten, aber sorgt dafür, daß sie durch zwei Glieder mit geladenen Karabinern bewacht werden. Wenn sie einen Versuch zur Flucht machen, schießt sie nieder. – Ihr könnt das nicht unhöflich nennen,« fuhr er zu Morton gewendet fort, »Ihr wißt, das ist Kriegsgebrauch. – Und, Inglis, koppelt mir auch den Pfarrer und das alte Weib zusammen, 's ist die passendste Gesellschaft, hol mich der Teufel! Ein einzig Glied ist hinlänglich, sie zu bewachen. Schwatzen sie nur ein Wort von ihrem Kauderwelsch und fanatischem Unsinn, so gebt ihnen eine Tracht mit dem Wehrgehänge. Ein schweigender Pfaff muß ersticken, denn wenn er sich nicht Luft machen kann, krepirt er am eignen Gifte.«

Nach diesen Befehlen stellte sich Bothwell an die Spitze seiner Schaar, und Inglis bildete mit sechs Dragonern die Nachhut. Sie setzten sich hierauf in Trab, um das Regiment einzuholen.

Morton, von einer Menge verwirrter Gefühle bestürmt, war gegen die verschiedenen Anordnungen, die zu seiner Bewachung getroffen wurden, und selbst gegen die Befreiung von seinen Ketten ganz gleichgültig. Er fühlte jene Oede und Leere des Herzens, die auf den Sturm der Leidenschaften folgt, sein Stolz, das Bewußtsein seiner Redlichkeit hielt ihn nicht mehr aufrecht, und mit tiefem Unmuthe betrachtete er die Gegenden, durch welche er zog, und wo jede Wendung ihn an ein entschwundenes Glück, an getäuschte Liebe erinnerte. Von der Höhe, die sie jetzt hinangeritten waren, pflegte er, wenn er kam oder schied, den ersten und letzten Blick nach dem Schlosse zu richten, und es ist unnöthig, hinzuzufügen, daß er gewöhnlich hier verweilte und mit dem Entzücken eines Liebenden nach jenen Zinnen hinabsah, welche in einiger Entfernung aus dem Walde hervortauchten und diejenige umschlossen, welche er bald zu sehen hoffte, oder die er soeben verlassen hatte. Unwillkürlich wendete er sich, um den letzten Blick auf einen so theuren Ort zu werfen, und ebenso unwillkürlich seufzte er auf. Dieser Seufzer ward von seinem Unglücksgefährten mit einem lauten Stöhnen beantwortet, dessen Blick vielleicht aus ähnlichem Grunde dieselbe Richtung genommen. Dies Zeichen des Mitgefühls ward von Seiten des Gefangenen freilich auf eine rohere Weise geäußert, dennoch wars der Ausdruck eines betrübten Gemüthes, und stimmte in so weit mit Mortons Seufzer überein. Beider Blicke begegneten sich, als sie den Kopf umwendeten, und Morton erkannte Cuddie Headriggs einfältiges Gesicht, dessen klägliche Miene Kummer über sein eigenes Loos und Theilnahme an der Lage seines Gefährten an den Tag legte.

»Ach,« sagte der ehemalige Ackerknecht von Tillietudlem, »es ist traurig, daß ehrliche Leute durchs Land geschleppt werden wie Wunderthiere.«

»Es thut mir leid, Euch hier zu sehen, Cuddie,« sagte Morton, der in seinem eigenen Schmerz das Mitgefühl für andere nicht vergessen hatte.

»Mir thuts auch leid, Herr Heinrich,« antwortete Cuddie, »um mich und um Euch. Aber wahrhaftig, unser beider Kummer wird uns wenig nützen. Freilich,« fuhr er fort und schien sein Herz durch Sprechen zu erleichtern, »freilich hab ich, was mich betrifft, gar kein Recht hier zu sein; denn ich habe nichts gethan und nichts gesprochen, weder gegen den König noch gegen einen Pfarrer, aber meine Mutter, das arme Weib, konnte das Maul nicht halten, und da müssen wirs beide ausbaden, wie's scheint.«

»Eure Mutter ist auch gefangen?« sagte Morton, der kaum wußte, was er sprach.

»Freilich und hinter Euch reitet sie, wie eine Braut, mit dem alten Kerl von Pfaffen, den sie Gabriel Pauker heißen. Wenn er doch meinetwegen lieber in einer Trommel oder Pauke steckte! Seht, wir waren nicht so bald in Milnwood aus dem Hause gejagt, und Euer Oheim und die Haushälterin schlugen die Thür hinter uns zu, als hätten wir die Pest am Leibe, da sagte ich zu meiner Mutter: »Was ist jetzt anzufangen? Nun wird uns im ganzen Lande gewiß jeder Winkel, jedes Loch verstopft, denn Ihr habt die alte Dame beleidigt und seid schuld, daß der junge Milnwood den Soldaten in die Hände fiel.« Darauf sagte sie: »Sei nicht niedergeschlagen, sondern gürte Dich zu dem großen Werk des Tages und lege wie ein Mann Zeugniß ab auf dem Berge des Covenants.««

»So seid Ihr denn wahrscheinlich in ein Conventikel gegangen?« fragte Morton.

»Ihr werdets gleich hören,« fuhr Cuddie fort. – »Nun, da ich nicht viel Besseres zu thun wußte, so ging ich mit ihr zu einem alten närrischen Weibe, wie sie selbst eins ist, bei der bekamen wir ein wenig Wassersuppe und Haferkuchen, und da beteten sie und leierten einen Haufen Psalmen ab, das sollt ich auch mitmachen, eh ich zulangen durfte, denn ich war halb verhungert vor Aerger. Als der Morgen graute, mußte ich wohl oder übel mit zu einer großen Versammlung ihrer Leute auf Mirysikes, und dieser Bursche da, Gabriel Pauker, predigte ihnen vor, sie sollten ihr Zeugniß ablegen und hinziehn nach Ramot Gilead oder sonst wohin. Ach, Herr Heinrich, der Kerl ging Euch mit Predigen ins Geschirr! Ihr hättet ihn eine halbe Meile unter dem Wind hören können. – Er brüllte wie eine Kuh im fremden Gehege. Ei, dacht ich, hier zu Lande ist kein Ort, der Ramot Gilead heißt, 's wird wohl irgend wo im westlichen Moorlande sein, und sind wir dort, will ich schon sehen, wie ich mich mit meiner Mutter aus dem Staube mache, denn um keinen Pauker in der ganzen Welt steck ich meinen Hals in eine Hanfschlinge. Nun,« fuhr Cuddie fort, sich durch die Erzählung seines Mißgeschicks erleichternd, ohne sich sonderlich darum zu kümmern, ob sein Gefährte der Erzählung die ihr gebührende Aufmerksamkeit schenke, »eben als mich das Ende der Predigt langweilte, hieß es, daß die Dragoner über uns kämen. – Einige liefen davon, andere schrieen: Halt! und wieder andere schrieen: Nieder mit den Philistern! – Ich machte mich an meine Mutter, um sie Hals über Kopf fortzubringen, ehe die Rothröcke kämen, aber ich hätte eben so gut unseren alten Vorspannochsen ohne Peitsche fortbringen können; keinen Schritt wollte sie thun. Nun, das Thal, in dem wir waren, war eng, und der Nebel war dick, die Dragoner hätten uns verfehlt, wenn wir nur das Maul gehalten hätten, aber als wenn der alte Pauker nicht schon einen Lärm vollführt hätte, um die Todten aufzuwecken, fingen sie Euch noch an einen Psalm abzuorgeln, daß man's bis Lanrick hätte hören können. – Nun, um die Sache kurz zu machen, auf einmal kam der junge Lord Evandale herangesprengt, hast du nicht gesehn mit zwanzig Rothröcken hinterdrein. Zwei oder drei Bursche wollten fechten, Pistole und Degen in der einen und die Bibel in der andern Hand, aber sie kriegten bald blutige Köpfe. Viel Schadens geschah ihnen jedoch nicht, denn Evandale rief immer, sie sollten uns zerstreuen, aber unser Leben schonen.«

»Und habt Ihr Euch nicht gewehrt?« fragte Morton, der wahrscheinlich fühlen mochte, daß er sich in diesem Augenblicke um viel geringerer Ursache willen an Lord Evandale gemacht haben würde.

»Nein, wahrhaftig nicht,« antwortete Cuddie, »ich trat vor die Alte hin und schrie um Gnade und Barmherzigkeit, aber zwei von den Rothröcken kamen herbei, und einer wollte meine Mutter mit der flachen Klinge hauen, da hielt ich ihm meinen Knüppel vor und sagte, ich wollt ihm eins versetzen. Nun wendeten sie sich zu mir, fuchtelten auf mich los, aber ich schützte den Kopf mit der Hand, so gut ich konnte, bis Lord Evandale herbei kam; da schrie ich, ich sei ein Dienstmann von Tillietudlem, Ihr wißt ja, man sagt, er habe ein Auge aufs junge Fräulein geworfen, der gebot mir den Prügel wegzuwerfen, und so gab ich mich mit meiner Mutter gefangen. Ich glaube, uns hätte man davon laufen lassen, aber der Pauker war dicht neben uns gefangen, denn Wilsons Pferd, das er ritt, hatte früher einem Dragoner gehört, und je mehr der Pauker davon traben wollte, desto schneller lief das dumme Biest auf die Dragoner zu, als sie aufmarschirten. – Nun, als er und meine Mutter zusammentrafen, da gings über die Soldaten her, die kriegten gehörig ihr Fett. Das war nun Oel ins Feuer gegossen. So führten sie uns denn alle drei fort, um an uns ein Exempel zu statuiren, wie sie sagten.«

»Eine schändliche, unerträgliche Tyrannei?« sagte Morton halb zu sich. »Da ist nun ein armer friedfertiger Junge, der bloß aus kindlicher Liebe einem Conventikel beigewohnt hat, und der wird gefesselt wie ein Räuber oder Mörder, und wird auch wahrscheinlich als solcher sterben, ohne gerichtliches Verhör, das unser Gesetz auch dem ärgsten Missethäter gewährt. Nur Zeuge solcher Tyrannei zu sein ist hinreichend, das Blut des feigsten Sklaven zu empören.«

»Wahrlich,« sagte Cuddie, der zum Theil gehört und verstanden hatte, was Morton in Folge seines Unwillens ausgestoßen, »es ist nicht recht, der Obrigkeit Uebles nachzusagen, das sagte auch immer meine alte Herrschaft, und dazu hatte sie auch gewiß Recht; denn sie war ja selbst eine hohe Person, ich hörte ihr auch immer geduldig zu, denn sie ließ uns immer einen Mehlbrei geben, oder eine Kohlsuppe, oder sonst was, wenn sie uns zu unserer Pflicht ermahnt hatte. Aber weder Brei noch Kohlsuppe, nicht einmal ein Glas Wasser geben uns die Herren zu Edinburg, und doch köpfen und hängen sie unter uns herum, lassen uns von den schuftigen Soldaten fortschleppen und Hab und Gut nehmen, als wären wir vogelfrei. Ich kann nicht sagen, daß ich das hübsch von ihnen finde.«

»Das wäre auch wunderlich genug,« sagte Morton mit unterdrückter Bewegung.

»Und was mir am meisten mißfällt,« fuhr der arme Cuddie fort, »die großprahlerischen Rothröcke gerathen unter die Dirnen und schnappen uns die Schätze weg. Es war mir gar weh ums Herz, als ich diesen Morgen um die Frühstückszeit durch die Felder von Tillietudlem ging und den Rauch aus meinem eigenen Schornstein steigen sah und wußte, daß jemand anders als meine Mutter dort am Kamine säße. Aber wahrhaftig, es war mir, denk ich, noch bitterer zu Muthe, als ich den verfluchten Reiter, den Tom Halliday, Jenny Dennison vor meinen Augen küssen sah. Mich wunderts, daß Weiber so unverschämt sein können, aber sie habens alle auf die Rothröcke abgesehn. Ich habe manchmal daran gedacht, selber Soldat zu werden, wenn ich sah, daß bei Jenny nichts anders verfangen wollte, und doch darf ich sie nicht sonderlich tadeln, denn am Ende geschahs doch nur meinetwegen, daß sie den Tom ihre Bandschleifen so zerknittern ließ.«

»Euretwegen?« fragte Morton, der nicht umhin konnte, an einer Geschichte Antheil zu nehmen, welche in sonderbarer Weise Ähnlichkeit mit der seinigen zu haben schien.

»Ja, ja, Milnwood,« erwiderte Cuddie, »denn so bekam das arme Nickel die Erlaubniß mir nahe kommen zu dürfen, weil sie dem Lümmel gute Worte gab, hol ihn der Teufel! und da sagte sie denn: »geh mit Gott!« und wollte mir Geld in die Hand stecken, ich glaub, es war die Hälfte von ihrem Lohn und Trinkgeld, denn die andere Hälfte hatte sie für Putz und Geflunker verzettelt, damit wir uns beide beim Vogelschießen sehen lassen konnten.«

»Und Ihr habt es genommen, Cuddie?« fragte Morton.

»Gott behüte, Milnwood; ich war so albern, es ihr wieder hintennach zu werfen, ich war zu sehr voll Aerger, um ihr dankbar zu sein, da der Bube sie herumgezerrt und geküßt hatte. Aber ich war ein großer Narr, mich so zu weigern, denn es hätte meiner Mutter und mir gut gethan, und sie wirds in lauter Tand und Firlefanz vergeuden.«

Hier folgte eine lange tiefe Pause. Cuddie bereute es wahrscheinlich, daß er seiner Liebsten Geschenk zurückgewiesen, und Heinrich Morton dachte über die Beweggründe und Bedingungen nach, unter welchen es Editha gelungen sein möchte, Lord Evandale zu seiner Fürsprache zu verwenden.

War es nicht möglich, flüsterte ihm die erwachende Hoffnung zu, daß er ihren Einfluß auf Lord Evandale vorschnell und ungerecht beurtheilte? Sollte er sie so streng tadeln, daß sie um seinetwillen in dem jungen Edelmanne Hoffnungen nährte, die zu erfüllen sie keine Absicht hatte? Oder wie, wenn sie sich gar an Lord Evandales bekannte Großmuth gewandt und an sein Ehrgefühl appellirt hätte, um den begünstigten Nebenbuhler zu schützen?

Immer aber fielen ihm die Worte wieder ein, die er gehört, und die ihn wie Natterstiche schmerzten: nichts könne sie ihm verweigern! War es möglich, eine unumwundenere Liebeserklärung zu geben? Die Sprache der Liebe selbst hat in den Grenzen mädchenhafter Verschämtheit keinen stärkeren Ausdruck. Auf ewig ist sie nun für mich verloren, und es bleibt nichts übrig, als all das Unrecht zu rächen, welches ich erduldet, und das meinem Vaterland stündlich auferlegt wird.

Cuddie folgte offenbar, wenn auch minder zart, einem ähnlichen Ideengang, denn plötzlich fragte er Morton ganz leise: »Wärs denn so übel, wenn wir uns von den Kerlen hier losmachten, wenn es sich ausführen ließe?«

»Nicht im geringsten,« sagte Morton, »und wenn sich eine Gelegenheit darbietet, lasse ich sie gewiß nicht unbenutzt, verlaßt Euch drauf.«

»Es freut mich, daß Ihr so sprecht,« antwortete Cuddie; »ich bin nur ein armer einfältiger Bursche, aber ich kanns für kein großes Unrecht halten, uns mit Gewalt los zu machen, wenns möglich ist. Ich fürchte nichts, wenn Noth am Mann ist, aber die alte Dame würde sagen, das sei Widerspenstigkeit gegen die königliche Gewalt.«

»Jeder Gewalt auf Erden will ich mich widersetzen,« sagte Morton, »die willkürlich meine verbrieften Rechte als freier Mann angreift, und ich bin entschlossen, mich nicht ungerechter Weise in ein Gefängniß oder an den Galgen schleppen zu lassen, wenn ich durch List oder Gewalt diesen Menschen entgehen kann.«

»So denk ich auch, vorausgesetzt, daß sich die Gelegenheit dazu bietet. Aber Ihr sprecht von verbrieften Rechten. Das sind nun Dinge, die Euch und Eures Gleichen, die Edelleute, angehen, aber ich armer Bauernjunge komme damit nicht durch.«

»Die verbrieften Rechte, von denen ich spreche,« sagte Morton, »sind auch dem Geringsten in Schottland gegeben. Es ist die Freiheit von Schlägen und Banden, die Freiheit, welche, wie Ihr in der Schrift findet, vom Apostel Paulus selbst in Anspruch genommen ward, und die jeder Freigeborene vertheidigen muß, um seiner selbst und seiner Landsleute willen.«

»Meiner Seel!« erwiderte Cuddie, »das hätte lange gedauert, ehe Lady Margarethe oder meine Mutter eine solche gescheidte Stelle in der Bibel gefunden hätten! Die eine heult immer: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und die andere ist eben so toll mit ihrer Whigerei. Ich war ganz entzwei, als die beiden Alten gegeneinander schwatzten. Könnt ich aber einen Herrn finden, der mich zum Diener nähme, so würde ich gewiß ein ganz anderer Kerl, und ich hoffe, der Herr Heinrich werden daran denken, was ich gesagt habe, wenn wir glücklich aus diesem Haus der Knechtschaft befreit sind, und mich dann zu seinem Walech de Schambel –«

» Valet de chambre?« fragte Morton; »ach, das wäre eine schlechte Beförderung, auch wenn wir uns in Freiheit befänden.«

»Ich weiß, was Ihr meint; Ihr denkt, weil ich auf dem Lande groß geworden bin, würd ich Euch Unehre bringen vor den Leuten, aber Ihr müßt wissen, ich begreife so schnell wie einer. Es ist keine Handarbeit, die ich nicht leicht gelernt hätte, außer etwa Schreiben, Rechnen und Lesen. Aber im Ballspiel thut mirs keiner gleich, und ich kann mit dem Säbel hantieren so gut wie Corporal Inglis hier. Ich hab ihm früher gehörig den Schädel gedroschen, so breit er auch hinter uns herreitet. – Aber ihr wollt doch wohl nicht im Lande bleiben?« setzte er, sich selbst unterbrechend, hinzu.

»Höchst wahrscheinlich nicht,« antwortete Morton.

»Nun, daraus mach ich mir eben auch nichts. Seht, meine Mutter, die könnt ich schon unterbringen bei unserer alten Muhme Meg in Glasgow, da würde man sie vermuthlich weder als Hexe verbrennen oder verhungern lassen, noch gar als altes Whigweib aufhängen, denn der Profoß soll gegen solche arme Leute recht gutmüthig sein. Und Ihr und ich, wir gingen dann, um unser Glück zu probiren, wie in den tollen alten Märchen von Jock, dem Riesentödter, und Valentin und Orson, und wir kämen zurück ins lustige Schottland, wie's im alten Liede heißt, und ich griff wieder zur Pflugschar und machte Furchen in den schönen Boden von Milnwood, daß es eine Herzenslust sein sollte, sie anzusehen.«

»Ich fürchte,« sagte Morton, »es ist nicht sehr wahrscheinlich, mein lieber Cuddie, daß wir je zu unserer alten Beschäftigung zurückkehren.«

»Ei, Herr,« versetzte Cuddie, »es ist immer gut, wenn man das Herz voll Muth hat, wie ein zerbrochenes Schiff auch ans Land kommt. – Aber was hör ich? – Hol mich der Teufel, wenn meine Mutter nicht wieder am Predigen ist! Ich kenne schon ihren Text, er tönt wie der Wind, der durchs Zimmer pfeift, und der Pauker macht sich auch schon wieder an die Arbeit, der Himmel erbarme sich! Wenn den Soldaten die Geduld reißt, so schlagen sie beide todt und uns obendrein.«

In der That wurde ihr ferneres Gespräch durch ein Geblök unterbrochen, das die Kehle des Predigers ausstieß und in welches sich die Stimme des alten Weibes mischte, wie das Brummen einer Baßgeige neben dem Gequiek einer zerbrochenen Fiedel gehört wird. Anfangs hatte das alte Leidenspaar sich begnügt, in leisen Ausbrüchen des Jammers und Unwillens sich gegenseitig zu bedauern, aber das Gefühl des erlittenen Unrechts wurde drückender durch gegenseitige Mittheiluug, und endlich vermochten sie nicht mehr ihren Zorn zurück zu halten.

»Wehe, Wehe, dreifaches Wehe über euch, ihr blutigen und grausamen Verfolger!« rief der ehrwürdige Gabriel Pauker. – »Wehe, dreifaches Wehe über euch, bis zum Brechen der Siegel, bis zum Blasen der Trompeten, bis zum Ausgießen der Schalen!«

»Ja, ja, der schwarze Blick treffe ihre abscheulichen Angesichter, und mögen sie draußen stehn vor der Thür am jüngsten Tage!« rief die alte Mause mit gellender Stimme einfallend, wie die zweite Stimme in einem Kanon.

»Ich sag euch,« fuhr der Geistliche fort, »daß euer Aufmarschiren und Reiten, euer Wiehern und Aufbäumen, eure blutigen, barbarischen und unmenschlichen Grausamkeiten, euer Betäuben, Ersticken und Verführen der Gewissen armer Leute durch Eide, welche die Seele verderben und sich selbst widersprechen, von der Erde aufgestiegen sind gen Himmel wie ein gräßlich schrecklicher Ruf des Meineids, auf daß die Rache schnell komme über« – ein heftiger Husten erstickte seine Stimme.

»Und ich sage,« schrie Mause in demselben Tone und fast zu derselben Zeit, »ich sage mit diesem meinem alten Athem, und er ist mir benommen durch meine Engbrüstigkeit und diesen heftigen Ritt –«

»Den Teufel! ich wollte, sie müßte galoppiren,« sagte Cuddie, »da würde sie doch das Maul halten.«

»Mit diesem alten kurzen Athem,« fuhr Mause fort, »will ich Zeugniß ablegen gegen den Abfall, die Untreue und Abtrünnigkeit des Landes, gegen die Bedrückungen und Ursachen des Zornes.«

»Still, ich bitte Dich, still, gutes Weib,« sagte der Prediger, der sich eben von seinem heftigen Hustenanfall erholt hatte und sein eigenes Anathem durch Mauses bessere Lunge zum Schweigen gebracht sah, »still und nimm nicht das Wort aus dem Munde eines Dieners am Altar. – Ich sage, ich erhebe meine Stimme und verkünde euch, daß, ehe das Spiel ausgespielt ist, ja ehe noch die Sonne untergeht, sollt ihr erfahren, daß kein verzweifelter Judas wie euer Prälat Sharpe, der an seinen Ort gebracht ist, daß kein tempelschänderischer Holofernes wie der blutdürstige Claverhouse, daß kein ehrgeiziger Diotrephes wie der Knabe Evandale, noch ein habsüchtiger, weltlich gesinnter Demas wie er, den sie Sergeant Bothwell nennen, der jedes Weibes Pfennig und ihren Mehlkasten zu seinem Eigenthum macht, daß weder eure Karabiner, noch eure Pistolen, weder eure Säbel, noch eure Pferde, Sättel, Zäume, Decken, Futtersäcke und Gurten widerstehen werden den Pfeilen, welche geschärft, und den Bogen, so gegen euch gespannt sind!«

»Nein, nimmermehr werden sie ihm widerstehen, wahrhaftig!« wiederholte Mause. – »Verworfene sind sie allesammt, Besen der Verheerung, nur gut, um ins Feuer geworfen zu werden, wenn sie den Unrath aus dem Tempel gefegt, Peitschen mit kleinen Stricken, so zusammengeknotet zur Geißel derer dienen, welche weltlich Gut und Habe mehr lieben als das Kreuz oder den Covenant; aber wenn das Werk vollbracht ist, sind sie bloß noch gut zu Riemen für des Teufels Schuhe.«

»Gott verdamme mich,« sagte Cuddie, zu Morton gewendet, »wenn meine Mutter nicht eben so gut predigt wie der Geistliche! 's ist schade, daß er so den Husten hat, denn der kommt ihm immer, wenn er gerade so recht im Zuge ist, und das lange Reden von heut Morgen ist ihm auch nicht zuträglich gewesen. Beim Teufel ja, ich wollte, er brüllte sie stumm, dann hätte er alles allein zu verantworten. – Zum Glück ist der Weg holprig, und vor dem Pferdegetrappel können die Soldaten nicht Acht auf ihre Reden geben, sind wir aber erst auf ebenem Boden, dann werden wir was Neues zu hören kriegen.«

Cuddies Vermuthungen waren nur allzu begründet. Die Worte der Gefangenen waren von dem Lärm der Hufschläge auf dem rauhen steinigen Boden übertönt worden, aber nun kamen sie auf Moorgrund, wo das Zeugniß der zwei gefangenen Eiferer dieses rettenden Accompagnements entbehrte. Kaum hatten daher die Pferde den Haidegrund und Rasen betreten, und Gabriel Pauker wiederum seine Rede mit den Worten begonnen: »Ich erhebe meine Stimme wie ein Pelikan in der Wüste.« »Und ich,« hatte Mause hinzugesetzt, »wie ein Sperling auf dem Dache,« als der Corporal von hinten rief: »Hollah, ha! haltet eure Mäuler! wenn sie euch der Teufel nicht stopft, komm ich mit dem Sprungriemen!«

»Ich will nicht schweigen auf Befehl des Unheiligen,« sagte Gabriel.

»Auch ich nicht,« sagte Mause, »auf das Geheiß eines irdenen Scherben, obgleich er rothgefärbt ist, wie ein Ziegel des Thurmes zu Babylon, und sich Corporal nennt.«

»Halliday,« rief der Corporal, »hast Du keinen Knebel bei der Hand? – Wir müssen ihnen die Mäuler stopfen, sonst schwadroniren sie uns alle todt.«

Ehe eine Antwort erfolgen oder eine Maßregel des Corporals ausgeführt werden konnte, sprengte ein Dragoner an Bothwell heran, der sich weit vor dem Trupp befand, den er befehligte. Als dieser die überbrachten Befehle vernommen, ritt er sogleich an die Spitze seiner Leute, befahl ihre Reihen zu schließen, gleichen Schritt zu halten und still und behutsam vorwärts zu reiten, da sie bald am Feinde sein würden.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.