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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XII

O, bewahrt euch, Herr, vor Eifersucht.

Othello.
(Shakespeare, III. Aufz., 3. Sc.)

Um den tiefen Eindruck zu erklären, den die wenigen abgerissenen Worte aus der soeben mitgetheilten Unterredung auf den unglücklichen Gefangenen machten, ist es nöthig, über seinen früheren Gemüthszustand und über den Ursprung seiner Bekanntschaft mit Editha einiges mitzutheilen.

Heinrich Morton war einer von jenen reich begabten Menschen, die eine treffliche, ihnen selbst unbewußte Geistesanlage besitzen. Er hatte von seinem Vater einen unerschütterlichen Muth und einen entschiedenen, unversöhnlichen Abscheu gegen Unterdrückung sowohl in politischer als religiöser Beziehung geerbt. Aber seine Begeisterung war unbefleckt von Fanatismus und rein von dem Beigeschmack puritanischen Geistes. Hiervon war sein Gemüth frei geblieben, und zwar theils durch die Thätigkeit seines eigenen trefflichen Verstandes, theils durch seine häufigen und langen Besuche bei Major Bellenden, wo er Gelegenheit hatte, viele Gäste kennen zu lernen, deren Unterhaltung ihn belehrte, daß Trefflichkeit und innerer Werth nicht von einer bestimmten Religion abhingen.

Der Geiz seines Oheims war seiner Entwickelung vielfach hinderlich gewesen, aber er hatte die Gelegenheiten zur Fortbildung, die sich ihm darboten, so gut benutzt, daß seine Lehrer und Freunde über seine Fortschritte unter so ungünstigen Umständen erstaunten. Die Regsamkeit seines Geistes war aber immer noch gebunden durch das Bewußtsein seiner Abhängigkeit und Armut, besonders aber seiner lückenhaften und beschränkten Erziehung. Diese Gefühle bewirkten, daß ihm ein Mißtrauen und eine Zurückhaltung eigenthümlich war, die jedem, außer seinen vertrautesten Freunden, den Umfang seiner Talente und seiner Charakterfestigkeit verbargen. Die Zeitverhältnisse gaben jener Zurückhaltung das Ansehen von Unschlüssigkeit und Gleichgültigkeit, denn da er keiner der Parteien huldigte, hielt man ihn für stumpfsinnig und unempfindlich für Religion und Vaterlandsliebe. Kein Schluß aber hätte ungerechter sein können, und die Neutralität, die er bis jetzt behauptet, hatte ihren festen Grund in ganz andern und höchst lobenswerthen Motiven. Mit einigen der Verfolgten hatte er eine genauere Verbindung angeknüpft und fühlte sich angewidert durch ihren engherzigen und selbstischen Parteigeist, ihren düstern Fanatismus, ihre abscheuliche Verdammung der schönen Wissenschaften oder unschuldigen Leibesübungen und den giftigen Groll in ihren politischen Ansichten. Aber sein Gemüth war noch mehr empört über das tyrannische Unterdrückungssystem der Regierung, über die Unordnung, Zügellosigkeit und Rohheit des Kriegsvolks, über die Hinrichtungen auf dem Schaffot, über die Metzeleien auf offenem Felde, die Einquartirungen und Erpressungen, welche Leben und Eigenthum eines freien Volkes auf das gleiche Niveau mit dem asiatischer Sklaven stellte. Jede Partei also verdammend, wenn er ihre Ausschweifungen in Betracht zog, des Anblicks von Uebeln überdrüssig, die er nicht zu lindern vermochte, abwechselnd Klagen und Jauchzen vernehmend, mit denen er nicht sympathisiren konnte, würde er längst Schottland verlassen haben, wenn seine Neigung für Editha ihn nicht zurückgehalten hätte.

Das frühere Zusammentreffen der jungen Leute hatte zu Charnwood stattgefunden, wo Major Bellenden sie ermunterte, einander Gesellschaft zu leisten, ohne über die natürlichen Folgen die geringste Besorgniß zu hegen. Als Editha Bellenden in ihrer Großmutter Schloß zurückberufen wurde, war es erstaunlich, welche sonderbaren und stets wiederkehrenden Zufälle bewirkten, daß sie immer dem jungen Morton auf ihren einsamen Spaziergängen begegnete, besonders wenn man die Entfernung bedenkt, in welcher die beiderseitigen Wohnungen von einander lagen. Doch äußerte Editha niemals ihr Erstaunen über dieses häufige Zusammentreffen, so daß ihr Umgang allmählich einen zarten Charakter annahm, und ihre Zusammenkünfte den Anschein von Verabredungen trugen. Bücher, Zeichnungen, Briefe wurden getauscht, und jeder unbedeutende Auftrag gab zu neuem Briefwechsel Veranlassung. Zwar ward die Liebe bei ihnen noch nicht mit Namen genannt, aber jedes kannte die Stimmung seines Herzens und ahnte, was in dem Busen des andern vorging. Unfähig, einen Umgang abzubrechen, der für beide so viel Reiz hatte, und dennoch vor den nur zu wahrscheinlichen Folgen zitternd hatten sie ihn ohne besondere Erklärung bis jetzt fortgesetzt, wo das Schicksal den Schluß in seine Hände genommen zu haben schien.

Es war nur eine nothwendige Folge dieser Lage und des Mißtrauens, welches Morton zu dieser Zeit gegen sich selbst fühlte, daß sein Vertrauen in Edithas Gegenliebe ab und zu erkältet wurde. Ihre Lage war in jeder Hinsicht glänzender als die seinige, ihr Werth so hervorstechend, ihr Aeußeres so reizend, ihr Betragen so bezaubernd, daß er nicht umhin konnte zu fürchten, es möchte zwischen ihn und den Gegenstand seiner Neigung ein Nebenbuhler treten, der vom Glücke mehr begünstigt als er selbst, zugleich Edithas Familie angenehmer sein würde. Ein allgemeines Gerücht stellte ihm diesen Nebenbuhler in Lord Evandale entgegen, den Geburt, Vermögen, Verbindungen und politische Grundsätze, sowie seine häufigen Besuche zu Tillietudlem und der Umstand, daß er die Damen des Landsitzes an alle öffentlichen Orte begleitete, selbstverständlich als einen Bewerber um Edithas Gunst bezeichneten. So traf es sich oft und unvermeidlich, daß manche Lustbarkeiten, an denen der Lord Theil nahm, die Zusammenkünfte der Liebenden störten, und Heinrich konnte nicht umhin zu bemerken, daß Editha es entweder absichtlich vermied, von dem jungen Edelmann zu sprechen, oder dies nur mit sichtlicher Zurückhaltung und Zögerung that.

Diese Symptome, welche thatsächlich nur in Edithas zarten Gefühlen gegen Morton ihren Grund hatten, wurden von seinem Mißtrauen falsch gedeutet, und die Eifersucht, die in ihm erwachte, wurde durch einige gelegentliche Bemerkungen Jenny Dennisons noch verstärkt. Diese echte Kammerzofe war eine vollkommene Dorfkokette, und wenn es ihr an Gelegenheit fehlte, ihre eigenen Liebhaber zu necken, so benutzte sie gern jeden Umstand, um die ihres Fräuleins zu plagen. Das geschah nicht etwa aus Abneigung gegen Heinrich Morton, der sowohl um ihres Fräuleins willen als seiner eigenen Schönheit und Person wegen hoch in ihrer Gunst stand, aber Lord Evandale war auch schön, er war überdies viel freigebiger, als es Morton sein konnte, und noch dazu ein Lord; und wenn Fräulein Bellenden seine Hand annehmen wollte, so wurde sie eine Baronesse, und was noch mehr war, die kleine Jenny Dennison, die sich von der furchtbaren Haushälterin zu Tillietudlem nach Belieben mußte auszanken lassen, wurde dann bei Lady Evandale Kammerfrau oder gar Ehrenfräulein der gnädigen Frau. Jenny Dennisons Unparteilichkeit ging daher nicht so weit, daß sie wie Frau Hurtig in den lustigen Weibern von Windsor wünschte, daß beide Bewerber ihre junge Lady heirathen könnten, ja man muß gestehen, die Wagschale ihrer Rücksichten sank zu Gunsten Lord Evandales, und ihre Wünsche für ihn nahmen oft eine für Morton höchst qualvolle Gestalt an. Bald warnte sie ihn freundschaftlich, bald scherzte sie muthwillig über seinen Nebenbuhler, immer aber hatte sie die Absicht, den Gedanken zu befestigen, daß sein romantisches Verhältniß mit ihrer jungen Gebieterin über kurz oder lang ein Ende nehmen müsse, und daß Editha Bellenden trotz aller Spaziergänge im Grünen, trotz des Austausches von Versen, Zeichnungen und Büchern zuletzt doch noch Lady Evandale werden müsse.

Diese Winke trafen so genau mit Mortons Argwohn und Befürchtungen zusammen, daß er sehr bald jene Eifersucht empfand, welche jeder empfunden, der wahrhaft geliebt hat, der aber diejenigen am meisten ausgesetzt sind, deren Liebe die Billigung der Freunde fehlt, oder denen sich sonst ein mißgünstiges Geschick entgegenstellt. Editha selbst trug unwillkürlich in ihrer edelmüthigen Offenherzigkeit zu dem Irrthum bei, in den ihr Geliebter zu fallen im Begriffe stand. Ihre Unterhaltung lenkte sich einst auf die Ausschweifungen, welche die Soldaten kürzlich begangen hatten, deren Anführer, wie man mit Unrecht behauptete, Lord Evandale gewesen sein sollte. Editha, so treu in der Freundschaft wie in der Liebe, fühlte sich über den strengen Tadel verletzt, den Morton bei dieser Gelegenheit äußerte und den vielleicht die Eifersucht noch ein wenig schärfte. Sie vertheidigte Lord Evandale mit einem Feuer, das Morton bis in die innerste Seele verletzte, was Jenny Dennison, die gewöhnliche Begleiterin auf den Spaziergängen, nicht wenig belustigte. Editha bemerkte ihren Irrthum und wollte ihn verbessern, aber der Eindruck war nicht so leicht verwischt und trug nicht wenig dazu bei, in ihrem Freunde den Entschluß, die Heimat zu verlassen, zur Reife zu bringen, ein Entschluß, der, wie wir sahen, vereitelt wurde. Der Besuch, welchen ihm Editha im Gefängniß machte, die tiefe und innige Theilnahme, die sie für sein Schicksal an den Tag legte, hätten freilich seinen Argwohn beseitigen sollen, aber erfinderisch in der Selbstqual redete er sich ein, auch dies könne ja wohl auf Rechnung ihrer alten Freundschaft oder höchstens einer flüchtigen Neigung geschrieben werden, welche bald den Umständen, den Bitten ihrer Freunde, dem Ansehen der Lady Margarethe und endlich der beharrlichen Werbung Lord Evandales weichen würde.

»Und was ist die Schuld,« sagte er, »daß ich nicht aufstehen kann wie ein Mann, um meine Ansprüche an sie geltend zu machen, ehe ich darum betrogen werde? Was anders, als diese fluchwürdige Tyrannei, welche zu gleicher Zeit Leib und Seele, Gut und Neigung zerstört? Und einem dieser besoldeten Kehlabschneider der tyrannischen Zwingherrschaft soll ich meine Rechte auf Editha Bellenden abtreten? Beim Himmel, nein! – Eine gerechte Strafe ist es für mich, der ich taub war gegen das allgemeine Elend, daß ich nun mit Beleidigungen heimgesucht werde, die sich gar nicht mehr dulden und ertragen lassen.«

Als diese stürmischen Gefühle in seinem Busen tobten, und er die mannigfachen Beleidigungen und Kränkungen durchging, die er in seiner eigenen Sache und in der seines Vaterlandes erduldet hatte, trat Bothwell in den Thurm, von zwei Dragonern begleitet, von denen der eine Handschellen trug.

»Ihr müßt mir folgen, junger Mann,« sprach er, »aber erst müssen wir Euch ausstaffiren.«

»Ausstaffiren?« fragte Morton. »Was meint Ihr damit?«

»Ei, wir müssen Euch diese harten Armbänder anlegen. Ich wage nicht, nein verdammt! – ich wage schon manches; aber nicht um dreistündige Plünderung einer erstürmten Stadt möchte ich einen Whig ohne Ketten vor meinen Obersten bringen. Kommt, kommt, junger Mann, und seht mir nicht so finster drein.«

Er schickte sich an, ihm die Eisen anzulegen; aber Morton ergriff den nahe stehenden Stuhl und drohte, dem ersten, der sich ihm nähern würde, das Gehirn einzuschlagen.

»Ich könnte Euch wohl bändigen, mein Junker,« sagte Bothwell, »aber es wäre mir lieber, wenn Ihr ruhig die Segel streichen wolltet.«

Hier sprach er in der That die Wahrheit, denn er empfand nicht etwa Furcht oder Widerwillen gegen gewaltsame Maßregeln, sondern er scheute die Folgen eines geräuschvollen Streites, wodurch es wahrscheinlich an den Tag gekommen wäre, daß er, dem ausdrücklichen Befehle zuwider, seinen Gefangenen die ganze Nacht ohne Fesseln gelassen.

»Ihr thätet besser, Vernunft anzunehmen,« fuhr er in einem Tone fort, der besänftigend sein sollte, »und Euch nicht selbst das Spiel zu verderben. Man sagt hier im Schlosse, daß die Nichte der Lady Margarethe sich in kurzem mit unserm jungen Kapitän, dem Lord Evandale, verheirathen werde. Ich sah sie beide in der Halle zusammen stehen und hörte, wie sie ihn bat, daß er sich für Eure Begnadigung verwenden solle. Sie sah ihm so verteufelt schön und freundlich ins Auge, daß, meiner Seel – aber, was zum Henker ist Euch denn? – Ihr seid ja bleich wie ein Laken. – Wollt Ihr etwas Branntwein?«

»Miß Bellenden erbat mein Leben von Lord Evandale?« fragte der Gefangene mit schwacher Stimme.

»Ja, ja, die Weiber sind die besten Freunde, die gelten alles bei Hof und im Felde. – Nun, jetzt seid Ihr ja vernünftig. Ich dachte gleich, daß ich Euch herumbringen würde.«

Hiermit legte er ihm selbst die Fesseln an, und Morton, durch jene Nachricht wie vom Donner gerührt, leistete nicht den geringsten Widerstand.

»Mein Leben von ihm erbettelt, und durch sie! – Ja, ja, legt die Fesseln an, meine Glieder werden sich gegen die Qual nicht sträuben, die mir in die tiefste Seele gedrungen ist. – Mein Leben durch Editha erbettelt von einem Evandale!«

»Ja, und der kanns gewähren,« sagte Bothwell; »er vermag bei dem Obersten mehr als irgend ein anderer im Regimente.«

Mit diesen Worten führte er und seine Leute den Gefangenen in die Halle. Indem sie hinter Edithens Stuhl vorübergingen, vernahm der unglückliche Gefangene genug von den abgerissenen Worten, die zwischen Editha und Lord Evandale gewechselt wurden, um alles, was ihm der Sergeant gesagt, bestätigt zu finden. Dieser Augenblick brachte eine ebenso eigenthümliche wie plötzliche Veränderung in seinem Charakter hervor. Die Verzweiflung, zu der seine Liebe und sein Geschick gebracht war, die Gefahr, in welcher sein Leben zu schweben schien, Edithas Sinnesänderung, ihre Verwendung für ihn, welche ihren Wankelmuth noch schmerzlicher machte, dies alles schien nicht nur jedes Gefühl zu zerstören, für das er bis jetzt gelebt hatte, sondern es erweckte auch zugleich diejenigen Empfindungen, die bisher durch sanftere, obgleich selbstsüchtigere Regungen in den Hintergrund getreten waren. An sich selbst verzweifelnd entschloß er sich, die Rechte seines Vaterlandes, die in seiner Person verletzt waren, aufrecht zu erhalten. Sein Gemüth war in diesem Augenblicke gerade so verwandelt, wie das Aeußere eines Landsitzes, der, lange ein Sitz häuslichen Friedens und Glückes, plötzlich durch das Eindringen einer bewaffneten Macht in einen furchtbaren Vertheidigungsposten umgewandelt wird. Wir haben bereits erwähnt, daß er auf Editha einen Blick warf, aus welchem Vorwurf und Schmerz zugleich sprachen, gleichsam als wolle er ihr ein ewiges Lebewohl sagen. Hierauf ging er festen Schrittes auf den Tisch zu, an welchem der Oberst Graham saß.

»Mit welchem Rechte,« sagte er fest und ohne eine Frage abzuwarten, »mit welchem Rechte haben diese Soldaten mich meiner Familie entrissen und einen freien Mann in Fesseln geschlagen?«

»Auf meinen Befehl!« antwortete Claverhouse, »und jetzt befehle ich Euch zu schweigen und auf meine Fragen zu hören.«

»Ich will nicht,« antwortete Morton in einem entschiedenen Tone, während seine Kühnheit alle Umstehenden zu elektrisiren schien. »Ich will wissen, ob ich gesetzmäßig verhaftet bin und vor einer bürgerlichen Obrigkeit stehe, ehe der Freiheitsbrief meines Vaterlandes in meiner Person verletzt wird.«

»Auf meine Ehre, ein sauberes Bürschchen!« sagte Claverhouse.

»Seid Ihr toll?« sagte Major Bellenden zu seinem jungen Freunde. »Um Gottes willen, Heinrich Morton,« fuhr er halb tadelnd, halb bittend fort, »bedenkt doch, daß Ihr mit einem Oberoffizier des Königs sprecht!«

»Eben darum, Herr Major,« entgegnete Heinrich fest, »eben darum wünsche ich zu wissen, welches Recht ihm zusteht, mich ohne gesetzlichen Verhaftsbefehl fest zu halten. Wäre er ein Civilbeamter, so wüßte ich, daß Unterwerfung meine Pflicht sei.«

»Euer Freund hier,« sagte Claverhouse kalt zu dem Veteranen, »gehört zu jenen bedenklichen Herren, die, wie der Narr in der Komödie, ihr Halstuch nicht umbinden wollen ohne Befehl des Herrn Friedensrichters Overdo; aber ehe wir uns trennen, will ich ihm zeigen, daß meine Achselschnüre ebenso gesetzliche Zeichen sind wie der Stab des Friedensrichters. Also, ohne Umschweife, sagt mir gefälligst, junger Mann, wann Ihr Balfour von Burley gesehen.«

»Da Ihr, so viel ich weiß, kein Recht habt zu fragen, so habe ich keine Lust zu antworten.«

»Ihr habt doch meinem Sergeanten mitgetheilt, daß Ihr ihn gesehen und bewirthet, obgleich Ihr wußtet, daß er ein geächteter Verräther ist. Warum seid Ihr nicht auch gegen mich so offen?«

»Weil ich vermuthe,« entgegnete der Gefangene, »daß Ihr durch Eure Erziehung die Rechte kennen gelernt, die Ihr jetzt mit Füßen zu treten geneigt seid, und weil ich Euch zeigen will, daß es noch Schotten gibt, welche Schottlands Freiheit zu behaupten wissen.«

»Und diese vermeintlichen Rechte wollt Ihr vermuthlich mit Eurem Schwert vertheidigen?« fragte Oberst Graham.

»Wär ich bewaffnet wie Ihr, und wir stünden allein auf den Bergen draußen, Ihr solltet diese Frage nicht zweimal an mich richten.«

»Genug,« antwortete Claverhouse gelassen, »Eure Sprache stimmt völlig mit dem überein, was ich von Euch gehört habe; aber Ihr seid der Sohn eines Kriegers, wenn auch eines rebellischen, und sollt nicht sterben wie ein Hund, diese Schmach will ich Euch sparen.«

»Wie ich auch sterben mag,« erwiderte Morton, »ich werde wie der Sohn eines Ehrenmannes sterben, und die Schmach, von der Ihr redet, wird auf die fallen, welche unschuldiges Blut vergießen.«

»Nun, so schließt Eure Rechnung mit dem Himmel ab, ich lasse Euch fünf Minuten. – Bothwell, führt ihn in den Hof, Eure Leute sollen sich bereit halten.«

Diese schreckliche Unterredung und ihr Ausgang hatte allen Anwesenden ein stummes Entsetzen eingeflößt. Bald aber brachen sie in Geschrei und Klagen aus; die alte Dame, welche trotz aller Vorurtheile ihres Standes und ihrer Partei die Gefühle ihres Geschlechts nicht abgelegt hatte, erhob eine laute Fürbitte.

»Ach, Oberst Graham,« rief sie, »schont ein junges Blut! Ueberlaßt ihn dem Gesetze, aber vergeltet nicht meine Gastfreundschaft damit, daß Ihr Menschenblut auf meiner Schwelle vergießt.«

»Oberst Graham,« sagte Major Bellenden, »Ihr werdet diese Gewaltthat verantworten müssen. Glaubt nicht, weil ich so alt und kraftlos bin, daß ich ungestraft den Sohn meines Freundes vor meinen Augen hinmorden lasse. Ich kann Freunde finden, die Euch dafür zur Rechenschaft ziehen.«

»Seid ganz ruhig, Major Bellenden, ich werde es verantworten,« entgegnete Claverhouse ohne die mindeste Bewegung, »und Ihr, gnädige Frau, erspart mir die Unannehmlichkeit, diese dringende Verwendung für einen Verräther unbeachtet zu lassen, und bedenkt das edle Blut Eures Hauses, das durch solche Menschen wie er vergossen wurde.«

»Oberst Graham,« erwiderte die Dame, vor Angst zitternd, »ich überlasse die Rache Gott, der sie sein nennt. Das vergossene Blut des jungen Mannes wird die, so mir theuer waren, nicht wieder ins Leben rufen. Und wie kann mich der Gedanke trösten, daß vielleicht noch eine andere Mutter kinderlos wird, gleich mir, in Folge einer blutigen That, die an meiner Schwelle verübt wurde?«

»Das ist reine Tollheit!« rief Claverhouse. »Ich muß meine Pflicht erfüllen gegen Kirche und Staat. Ganz in der Nähe stehen tausend Schurken in offener Rebellion, und Ihr begehrt, daß ich einen jungen Schwärmer begnadige, der allein hinreicht, ein ganzes Königreich in Flammen zu setzen? – Es kann nicht sein, führt ihn weg, Bothwell.«

Diejenige, welche bei dieser furchtbaren Entscheidung am meisten betheiligt war, hatte zweimal zu sprechen versucht, aber ihre Stimme versagte gänzlich. Ihre Seele konnte keine Worte finden, ihre Zunge keine aussprechen. Jetzt sprang sie auf und suchte vorwärts zu eilen, aber ihre Kräfte verließen sie, und sie wäre der Länge nach hingestürzt, wenn sie nicht von ihrer Dienerin aufgefangen worden wäre.

»Hilfe!« schrie Jenny, »Hilfe, um Gottes willen! Mein Fräulein stirbt!«

Bei diesem Aufruf schritt Evandale vor, der während der ganzen Scene regungslos auf sein Schwert gelehnt dagestanden hatte, und sagte zu seinem Befehlshaber: »Oberst Graham, wollt Ihr mir nicht ein Wort im Geheim gönnen, ehe Ihr in der Sache weiter geht?«

Claverhouse sah ihn erstaunt an, stand aber sogleich auf und zog sich mit dem jungen Edelmann in eine entfernte Nische zurück, wo folgendes kurze Gespräch zwischen ihnen gehalten wurde:

»Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern, Oberst, daß die Vermittelung unserer Familie Euch im vorigen Jahre in der Angelegenheit vor dem Staatsrathe gute Dienste geleistet, und daß Ihr glaubtet, uns einigermaßen verbindlich zu sein.«

»Gewiß, mein theurer Evandale,« antwortete Claverhouse, »ich bin nicht der Mann, der solche Schulden vergißt. Ihr werdet mich erfreuen, wenn Ihr mir sagt, wie ich meine Dankbarkeit bezeugen kann.«

»Die Schuld sei vernichtet, wenn Ihr dieses jungen Mannes Leben schont,« sagte Lord Evandale.

»Evandale!« erwiderte Graham, höchst überrascht, »Ihr seid toll, rein toll! Was kann Euch an der Brut des alten Rundkopfs liegen? – Sein Vater war der gefährlichste Mann in ganz Schottland, kalt, entschlossen, kriegslustig und unbeugsam in seinen fluchwürdigen Grundsätzen. Der Sohn scheint sein vollkommenes Ebenbild. Ihr begreift nicht, welch Unheil er anrichten kann. Ich kenne die Menschen, Evandale; wäre er ein unbedeutender, schwärmerischer Bauerntölpel, glaubt Ihr, daß ich dann der Lady und ihrer Familie eine solche Kleinigkeit wie sein Leben abgeschlagen haben würde? Aber der Bursche hat Feuer, Eifer und Bildung, und jene Buben brauchen nur einen solchen, der ihre blinde, schwärmerische Kühnheit leitet. Ich erwähne dies nicht, um Eure Bitte abzuschlagen, sondern um Euch auf die etwaigen Folgen aufmerksam zu machen, ich werde nie mein Wort zu umgehen suchen, oder es vermeiden, eine erwiesene Gefälligkeit zu erwidern, – wenn Ihr sein Leben begehrt, soll ers behalten.«

»Haltet ihn in enger Haft,« antwortete Evandale, »aber wundert Euch nicht, wenn ich auf der Bitte beharre, ihn nicht tödten zu lassen. Ich habe die triftigsten Gründe dazu.«

»So sei's denn!« erwiderte Graham; »aber, junger Mann, solltet Ihr in der Zukunft wünschen, in dem Dienste Eures Königs und Vaterlandes zu steigen, so laßt es Eure erste Sorge sein, alle Eure Leidenschaften, Neigungen und Gefühle dem allgemeinen Wohle und der Erfüllung Eurer Pflicht aufzuopfern. Das sind keine Zeiten, wo man dem Geschwätz der Graubärte oder den Thränen alberner Weiber heilsame Maßregeln opfert, die zu ergreifen uns die Gefahr zwingt. Und bedenkt, daß wenn ich auch in Rücksicht auf Euren dringenden Wunsch Euch in diesem Punkte nachgebe, meine jetzige Gefälligkeit mich von künftigen Gesuchen ähnlicher Art befreien muß.«

Mit diesen Worten trat er an den Tisch und heftete seine Augen fest auf Morton, als ob er beobachten wolle, welche Wirkung die Pause der schrecklichsten Ungewißheit, die alle Umstehenden mit Schauder und Entsetzen erfüllte, auf den Gefangenen selbst hervorgebracht hatte. Morton behauptete eine Standhaftigkeit, welche nur ein Gemüth, das auf Erden nichts mehr zu lieben oder zu hoffen hat, in einem solchen Augenblicke zeigen kann.

»Seht Ihr ihn?« sagte Claverhouse halb leise zu Evandale, »er steht auf der Scheide zwischen Zeit und Ewigkeit, in einer Lage, die gräßlicher ist als die schrecklichste Gewißheit, und doch ist nur seine Wange nicht blaß, sein Auge das einzig ruhige, sein Herz allein das feste, seine Nerven die einzigen, die nicht beben. Betrachtet ihn genau, Evandale. – Wenn dieser Mensch einst an der Spitze eines Rebellenheeres steht, seid Ihr schwer verantwortlich für das Werk des heutigen Morgens.« Darauf sprach er laut: »Junger Mann, auf die Fürbitte Eurer Freunde seid Ihr für den Augenblick gerettet. – Bringt ihn fort, Bothwell, laßt ihn gehörig bewachen und mit den andern Gefangenen weiter schaffen.«

»Wenn mein Leben,« sagte Morton, durch den Gedanken verletzt, daß er seine Rettung seinem glücklichen Nebenbuhler zu verdanken habe, »wenn mein Leben auf Lord Evandales Bitten gewährt ist – –«

»Schafft den Gefangenen fort, Bothwell,« sagte Oberst Graham ihn unterbrechend, »ich habe weder Zeit schöne Reden zu hören, noch sie zu beantworten.«

Bothwell zog Morton mit Gewalt fort, und sagte, als er ihn in den Hofraum führte: »Habt Ihr drei Leben in der Tasche außer dem in Eurem Leibe, Junker, daß Ihr Eure Zunge in dieser Weise mit ihnen davon laufen laßt? Kommt, kommt, ich will sorgen, daß Ihr dem Obersten nicht in den Weg rennt, denn wahrhaftig! Ihr würdet nicht fünf Minuten bei ihm sein, so hieße es schon: »An den nächsten Baum, in den nächsten Graben mit ihm!« Kommt also zu Euren Mitgefangenen!«

Mit diesen Worten zog der Sergeant, dem es nicht an Mitgefühl für den hübschen jungen Mann gebrach, Morton in den Hof, wo drei andre Gefangene, zwei Männer und ein Weib, die Lord Evandale aufgegriffen, von einigen Dragonern bewacht, warteten.

Inzwischen nahm Claverhouse Abschied von Lady Margarethe. Aber es fiel der guten Dame schwer, ihm die Vernachlässigung ihrer Bitte zu verzeihen.

»Ich habe bis jetzt geglaubt,« sagte sie, »daß Tillietudlem jedem, der in Lebensgefahr ist, eine sichere Zufluchtsstätte biete, wenn er auch noch so sehr den Tod verdient hätte, ich sehe, alte Früchte munden nicht, unsere Leiden und Verdienste sind schon alt.«

»Ich versichere Euch, gnädige Frau, daß ich sie nie vergessen werde,« sagte Claverhouse. »Nur die heilige Pflicht konnte mich abhalten, Euch und dem Major eine Bitte abzuschlagen. Kommt, theure Lady, laßt mich hören, daß Ihr mir verzeiht, und wenn ich heute Abend zurückkehre, bring ich Euch ein Rudel von zweihundert Whigs mit, und begnadige fünfzig derselben um Euretwillen.«

»Es soll mich freuen, von Eurem Erfolg zu hören, Oberst,« sagte Major Bellenden, »aber nehmt den Rath eines alten Kriegers an und schont Blut, wenn der Kampf vorüber ist, und laßt mich noch einmal Bürgschaft leisten für den jungen Morton.«

»Das soll sich finden, wenn ich zurückkehre,« sagte Claverhouse. »Bis dahin seid überzeugt, daß ihm kein Leid geschieht.«

Während dieses Gesprächs hatte sich Evandale ängstlich nach Editha umgesehen, aber Jenny Dennison hatte ihr Fräulein vorsichtig auf ihr Zimmer bringen lassen.

Langsam und zögernd gehorchte er Claverhouses Aufforderungen, der nach einem höflichen Abschiede von der Dame und dem Major in den Hof geeilt war. Die Gefangenen waren bereits mit ihrer Wache aufgebrochen, und die Offiziere und ihre Eskorte saßen auf und folgten. Alle eilten, das Hauptcorps einzuholen, denn man glaubte in etwa zwei Stunden dem Feinde gegenüber zu stehen.

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