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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 13
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel XI

Ein warmes Frühstück, das nahmen sie ein,
Denn nüchtern darf man beim Reisen nicht sein.

Prior.

Das Frühstück der Lady Bellenden glich eben so wenig einem Dejeuner unserer Tage, als die große Steinhalle von Tillietudlem einem modernen Gesellschaftssaale. Weder Thee noch Kaffee, noch verschiedenerlei Stöllchen, sondern solide und kompakte Fleischspeisen – der priesterliche Schinken, der ritterliche Lendenbraten, das freiherrliche Rindfleisch, die fürstliche Wildpretpastete, während silberne Krüge, mit knapper Noth aus den Klauen der Covenanter gerettet, theils mit Bier, theils mit Meth und verschiedenen edlen Weinen gefüllt zur Seite standen. Die Eßlust der Gäste stimmte zur Pracht und Solidität der Bewirthung, kein zimperliches Nippen, kein Kinderspiel, sondern jene beharrliche und rüstige Kinnladenübung, die am besten in frühen Morgenstunden und bei gelegentlich harter Kost zu lernen ist.

Lady Margarethe sah mit Entzücken, daß die Speisen, die sie hatte bereiten lassen, mit solcher Eile in den Magen der hochverehrten Gäste hinabglitten, und hatte, außer an Claverhouse, wenig Gelegenheit, die Gäste zum Essen zu nöthigen, ein Zwang, dem die Damen jener Zeit ihre Gäste zu unterwerfen pflegten.

Aber der Anführer selbst, mehr darauf bedacht, Miß Bellenden, neben welcher er saß, den Hof zu machen, als seine Eßlust zu befriedigen, schien die guten Gerichte einigermaßen zu vernachlässigen. Editha hörte, ohne etwas darauf zu erwidern, manche Artigkeiten, die er mit seiner biegsamen Stimme an sie richtete, welche eben so leicht zu den leisen Tönen einer interessanten Unterhaltung herabschmolz, als sie im Schlachtensturm laut wie der Trompete Silberklang anschwellen konnte.

Das Gefühl, daß sie sich in der Gegenwart des gefürchteten Anführers befand, von dessen Ausspruch Mortons Schicksal abhing, die Erinnerung an das Schreckliche, das in dem bloßen Namen des Obersten lag, raubten ihr für einige Zeit nicht nur die Stimme, sondern sogar die Kraft, auf ihn zu blicken. Als sie aber, durch seine sanfte Stimme ermuthigt, die Augen erhob, um eine Antwort an ihn zu richten, zeigte ihr sein Aeußeres wenigstens keins der schrecklichen Attribute, mit denen ihre Furcht ihn ausgestattet.

Graham von Claverhouse war noch in der Blüthe des Lebens, ziemlich klein und zart von Gestalt, aber schlank und wohl gebaut. Seine Geberden, seine Sprachen und Mienen waren die eines Mannes, der jederzeit mit feinen und lebenslustigen Leuten Umgang gepflogen. Seine Züge hatten fast die Regelmäßigkeit eines weiblichen Antlitzes. Ein ovales Gesicht, eine gerade wohlgeformte Nase, dunkelbraune Augen, eine Gesichtsfarbe, die hinlänglich gebräunt war, um nicht weibisch zu sein, eine kurze aufwärtsgebogene Oberlippe, wie bei einer griechischen Bildsäule, die leicht von einem kleinen hellbraunen Schnauzbärtchen beschattet war, und eine Fülle gleichfarbiger Ringellocken auf beiden Seiten bildeten ein Antlitz, wie es Maler gern darstellen und Frauen gern betrachten. Seine Charakterstrenge sowohl als die höhern Eigenschaften eines unerschrockenen und unternehmenden Muthes, den selbst seine Feinde anerkennen mußten, lagen unter einem Aeußern verborgen, das mehr für den Hof als für das Feldlager zu passen schien. Dieselbe Sanftheit, dieselbe Heiterkeit des Ausdrucks, der seine Züge belebte, schien auch in seinen Handlungen und Bewegungen zu herrschen, und im Ganzen hätte man ihn beim ersten Anblick eher für einen Lebemann als für einen Sohn seines ehrgeizigen Berufs gehalten. Aber unter diesem sanften Aeußern lag ein Geist verborgen, der, wie unbegrenzt auch im Wagen und Streben, doch so besonnen und vorsichtig war, wie Macchiavell selbst. Tief eingeweiht in die Politik, und darum mit jener Verachtung individueller Rechte begabt, welche fast immer aus ihren Ränken entspringt, war dieser Anführer kalt und gefaßt in jeder Gefahr, heftig und feurig in der Verfolgung des Sieges, gleichgültig gegen den eigenen Tod und darum geneigt, ohne Erbarmen andere zu opfern. Solche Charaktere bilden sich in den Zeiten bürgerlicher Zwiste, wo die herrlichsten Eigenschaften, durch Parteigeist verderbt und durch gewohnheitsmäßigen Widerstand entflammt, nur allzuoft mit Lastern und Ausschweifungen gepaart sind, die sie des Verdienstes und Glanzes zugleich berauben.

Editha zeigte bei dem Bemühen, Claverhouses nichtssagende, wenn auch artige Redensarten zu erwidern, so große Verlegenheit, daß es ihre Großmutter für nöthig erachtete, ihr Beistand zu leisten.

»Editha Bellenden,« sagte die alte Lady, »hat bei meiner zurückgezogenen Lebensweise wenig Personen Ihres Standes gesehen, so daß sie ihre Worte kaum zu passenden Antworten formen kann. Ein Soldat ist bei uns eine so seltene Erscheinung, Oberst Graham, daß wir, den jungen Lord Evandale ausgenommen, kaum einen Edelmann in Uniform empfangen. Da ich aber gerade auf diesen vortrefflichen jungen Herrn zu sprechen komme, so erlaubt mir zu fragen, ob ich nicht die Ehre gehabt, ihn diesen Morgen beim Regimente zu sehen?«

»Lord Evandale, gnädige Frau, befand sich auf dem Marsche mit uns,« antwortete der Oberst; »aber ich war genöthigt, ihn mit einer kleinen Abtheilung zu detachiren, um ein Conventikel jener unruhigen Schurken zu zerstreuen, welche so unverschämt waren, sich zwei bis drei Stunden von meinem Hauptquartier zusammenzurotten.«

»In der That,« sagte die alte Dame, »ein Grad von Frechheit, dessen ich diese fanatischen Empörer nicht für fähig gehalten hätte. Aber es sind sonderbare Zeiten! Es herrscht ein böser Geist im Lande, Oberst Graham, der selbst die Vasallen der Vornehmen zur Empörung reizt gegen das Haus, welches sie erhält und nährt. Glaubt Ihr wohl, daß neulich einer meiner rüstigsten Leute sich förmlich weigerte, auf mein Geheiß der Waffenschau beizuwohnen? Gibts denn kein Gesetz gegen solche Widerspenstigkeit, Herr Oberst?«

»Ich könnte wohl eins finden,« sagte Claverhouse mit großer Ruhe, »wenn Ihr mir Namen und Wohnort des Schuldigen nennen wollt?«

»Sein Name,« sagte Lady Margarethe, »ist Cuddie Headrigg. Von seinem gegenwärtigen Wohnort kann ich Euch nichts sagen, denn Ihr dürft mir glauben, Oberst Graham, daß er nicht mehr lange in Tillietudlem blieb, sondern wegen seiner Störrigkeit fortgeschickt wurde. Ich wünsche dem Burschen gerade nichts Böses, aber Einsperrung, oder sogar ein paar Hiebe könnten ein gutes Exempel für die ganze Gegend sein. Seine Mutter, auf deren Geheiß er, wie ich glaube, handelt, ist eine alte Dienerin meines Hauses, was mich zum Mitleid geneigt macht, obgleich,« fuhr die Dame fort, indem sie auf die Bildnisse ihres Gatten und ihrer Söhne blickte, die die Halle zierten, und tief aufschluchzte, »obgleich ich, Oberst Graham, nur sehr wenig Ursache habe, mit diesen verstockten und aufrührerischen Leuten Mitleid zu fühlen. Sie haben mich zur kinderlosen Wittwe gemacht, und ohne den Schutz unseres geheiligten Königs und seiner tapferen Krieger würden sie mich bald meiner Ländereien und Güter, meines Herdes und Altars berauben. Sieben von meinen Pächtern, deren Grundzins zusammen sich auf etwa hundert Mark belaufen mag, haben sich schon geweigert, Steuer und Pachtgeld zu zahlen, und waren keck genug, meinem Verwalter zu sagen, daß sie weder einen König noch Gutsherrn anerkennen würden, der nicht den Covenant beschworen.«

»Ich will sie schon vornehmen, das heißt, mit Ew. Herrlichkeit Erlaubniß,« antwortete Claverhouse; »es würde mir übel anstehen, wenn ich das Ansehen des Gesetzes nicht aufrecht erhalten wollte, zumal wenn dasselbe so würdigen Händen anvertraut ist, wie denen der Lady Bellenden. Aber ich muß gestehen, es wird täglich schlimmer hier im Lande, und ich werde nothgedrungen zu Maßregeln veranlaßt, die mehr mit meiner Pflicht als mit meinen Neigungen übereinstimmen. Indem ich davon spreche, kann ich nicht umhin, Ew. Herrlichkeit für die freundliche Aufnahme zu danken, die Ihr einigen von meinen Leuten angedeihen ließet, welche einen Gefangenen eingebracht, den man beschuldigt, den schändlichen Mörder Balfour von Burley beherbergt zu haben.«

»Tillietudlem,« antwortete die Lady, »hat stets den Dienern Seiner Majestät offen gestanden, und ich hoffe, kein Stein wird auf dem andern bleiben, sobald es aufhört, ebenso sehr zu ihren als zu unsern Diensten zu stehn. Und dies, Oberst Graham, erinnert mich, Euch zu sagen, daß der Edelmann, welcher den Trupp befehligt, wohl kaum die ihm gebührende Stelle in der Armee einnimmt, wenn man berücksichtigt, was für Blut in seinen Adern fließt, und könnte ich mir schmeicheln, daß eine kleine Bitte Gehör fände, so möchte ich Euch ersuchen, ihn bei irgend einer günstigen Gelegenheit zu befördern.«

»Gnädige Frau meinen gewiß den Sergeanten Franz Stuart, den wir Bothwell nennen?« sagte Claverhouse lächelnd. – »Die Wahrheit zu gestehen, er ist ein wenig zu ungeschlacht hier zu Lande und den Gesetzen der Mannszucht nicht so durchaus gehorsam, wie es die Dienstregeln erheischen. Da aber Lady Bellenden mir zeigt, wie ich sie verbinden kann, so soll ihre Bitte Befehl für mich sein. – Bothwell,« fuhr er fort und wandte sich an den Sergeanten, der eben in der Thür erschien, »geht und küsset Lady Margarethe Bellenden die Hand, sie verwendet sich für Eure Beförderung und bei der nächsten Vacanz sollt Ihr bedacht werden.«

Bothwell verrichtete die befohlene Huldigung nicht ohne Zeichen des Widerwillens und sagte darauf: »Einer Dame die Hand küssen, kann keinen Edelmann herabsetzen, aber ich würde, außer dem König, keinem Mann die Hand küssen, und sollte ich auch General werden.«

»Da hört Ihrs,« sagte Claverhouse lächelnd, »hier ist der Fels, an dem er scheitert. Er kann seinen Stammbaum nie vergessen.«

»Ich weiß, mein edler Oberst,« sagte Bothwell in demselben Tone, »daß Ihr Euer Versprechen nicht vergessen werdet, und dann werdet Ihr vielleicht gestatten, daß sich der Cornet seines Großvaters erinnert, den der Sergeant freilich vergessen muß.«

»Genug davon, Herr!« sagte Claverhouse mit dem ihm eigenthümlichen gebieterischen Tone, »sagt mir, was Ihr zu berichten habt.«

»Mylord Evandale und sein Trupp halten auf der Straße mit einigen Gefangenen,« sagte Bothwell.

»Mylord Evandale?« fragte Lady Margarethe. »Ihr werdet gewiß erlauben, Oberst Graham, daß er mich mit seiner Gesellschaft beehre und ein geringes Frühstück hier einnehme, um so mehr, da selbst Seine geheiligte Majestät nicht bei dem Schlosse Tillietudlem vorbeizog, ohne einige Erfrischungen zu sich zu nehmen.«

Da dies bereits das dritte Mal im Laufe der Unterhaltung war, daß Lady Margarethe auf jenes merkwürdige Ereigniß anspielte, so benutzte Oberst Graham, sobald es die Artigkeit erlaubte, die erste Pause, um den Fortgang der Erzählung zu unterbrechen, indem er sagte:

»Wir sind zwar bereits der Gäste zu viel, da ich aber weiß, wie viel Lord Evandale entbehren würde,« hier blickte er auf Editha, »wenn er des Vergnügens verlustig würde, dessen wir uns hier erfreuen, so will ichs schon wagen, Eure Gastfreundschaft zu überbürden. – Bothwell, sagt dem Lord, Frau von Bellenden ersuche ihn um die Ehre seiner Gesellschaft.«

»Und Harrison soll Sorge tragen,« setzte die Lady hinzu, »daß die Leute und ihre Pferde gehörig gepflegt werden.«

Edithas Herz pochte vor Erregung während dieser Unterhaltung, denn es fiel ihr ein, daß sie durch ihren Einfluß auf Lord Evandale ein Mittel finden könne, Morton aus seiner gegenwärtigen gefährlichen Lage zu reißen, im Falle ihres Oheims Verwendung bei Claverhouse erfolglos sei. Zu jeder andern Zeit wäre es ihr gewiß widerwärtig gewesen, einen solchen Einfluß zu benutzen, denn so unerfahren sie auch war, so sagte ihr doch ihr angebornes Zartgefühl, welchen Vortheil ein schönes junges Mädchen einem jungen Manne einräumt, wenn sie ihm erlaubt, ihr Verbindlichkeiten aufzuerlegen. Ja, sie würde noch abgeneigter gewesen sein, den Lord Evandale um eine Gefälligkeit zu ersuchen, da die Klatschzungen in Clydesdale, aus später zu erwähnenden Gründen, ihn zu ihrem Anbeter machten, und weil sie es sich nicht verhehlen konnte, daß selbst die kleinste Aufmunterung jenen Vermuthungen eine Art Bestätigung verleihen könne, deren dieselben bisher ermangelten. Dies mußte sie um so mehr befürchten, als im Fall einer förmlichen Erklärung Lord Evandale hoffen durfte, durch den Einfluß der alten Lady und ihrer übrigen Freunde unterstützt zu werden, und als sie ihren Bitten und Befehlen nichts würde entgegensetzen können außer einer Neigung, welche zu gestehen, wie sie wußte, ebenso gefährlich als unnütz sein würde. Sie beschloß demnach, den Ausgang von ihres Oheims Verwendung abzuwarten, und wenn diese fehl schlug, was sie bald aus den Blicken und Worten des offenherzigen Veteranen entnehmen konnte, als letztes Mittel ihren Einfluß bei dem Lord Evandale zu Gunsten Mortons geltend zu machen. Ueber die Verwendung ihres Oheims blieb ihr Herz nicht lange in Ungewißheit.

Major Bellenden, welcher an der Tafel die Honneurs gemacht und mit den militärischen Gästen am Ende des Tisches gelacht und geschwatzt hatte, war jetzt nach Beendigung des Mahles im Stande, seinen Posten zu verlassen und benutzte sogleich die Gelegenheit, sich dem Obersten Claverhouse zu nähern und seine Nichte zu ersuchen, ihn demselben vorzustellen. Da sein Name und Stand wohlbekannt waren, begegneten sich die beiden Männer mit gegenseitiger Hochachtung, und Editha sah klopfenden Herzens ihren alten Oheim mit seinem neuen Bekannten sich in eine Fenstervertiefung zurückziehen. Sie überwachte die Unterhaltung mit unruhigen Blicken und einer durch die innerste Seelenunruhe geschärften Aufmerksamkeit. Aus den Geberden, welche das Gespräch begleiteten, konnte sie leicht errathen, welchen Fortgang und Erfolg diese Verwendung zu Gunsten Mortons hatte.

Anfangs zeigte das Gesicht des Obersten jene offene und bereitwillige Höflichkeit, welche, noch ehe sie die verlangte Gefälligkeit kennt, zu sagen scheint, wie glücklich der Gebetene sich fühle, den Bittenden zu verpflichten. Im Verlaufe der Unterhaltung aber wurde die Stirne des Obersten finsterer und strenger, und seine Züge, obgleich sie noch immer den Ausdruck der vollkommensten Höflichkeit behielten, nahmen, wenigstens für Edithas erregte Einbildungskraft, einen rauhen und unerbittlichen Charakter an. Seine Lippen waren bald wie vor Unwillen zusammengepreßt, bald leicht aufwärts gezogen, als ob er mit höflicher Nichtachtung die Gründe des Majors anhöre. Die Sprache ihres Oheims schien, so viel aus seinen Bewegungen zu entnehmen war, die einer ernsten Verwendung, unterstützt durch all seine wohlwollende Charaktereinfalt, sowie durch das Gewicht, zu dem sein Alter und sein Ruf ihn berechtigten. Aber alles schien nur einen geringen Eindruck auf den Obersten Graham zu machen, der sehr bald seine Stellung änderte, als wolle er des Majors lästige Bitten kurz abschneiden, und das Gespräch mit einem höflichen Bedauern abbrechen, welches die positive Weigerung begleiten sollte. Diese Bewegung brachte beide der Lauscherin so nahe, daß sie Claverhouse sagen hörte:

»Es kann nicht sein, Major Bellenden; Milde liegt in diesem Falle außer dem Bereich meines Auftrags, in anderen Fällen bin ich gern zu Euren Diensten erbötig. – Doch hier kommt ja Evandale! – Was bringt Ihr uns für Botschaft, Evandale?« fuhr er fort und wandte sich an den jungen Lord, der eben in voller Uniform, jedoch mit etwas nachlässigem Anzug und bespritzten Stiefeln eintrat, als hätte er einen anstrengenden Ritt hinter sich.

»Unerquickliche Neuigkeiten, Herr Oberst,« war die Antwort. »Ein starker Haufen Whigs steht auf den Bergen unter Waffen in offener Empörung. Sie haben die Suprematsakte öffentlich verbrannt, sodann die, welche das Episkopat begründet und die, welche Karl I. als Märtyrer zu ehren gebietet, nebst noch einigen andern und erklärt, unter den Waffen bleiben zu wollen, um das durch den Covenant begonnene Reformationswerk zu fördern.«

Diese unerwartete Nachricht überraschte die Anwesenden auf eine sehr unangenehme Weise, Claverhouse allein ausgenommen.

»Unerquickliche Nachrichten nennt Ihr das?« begann Graham mit feuerfunkelnden Blicken. »Die besten sinds, die ich seit sechs Monaten vernommen. Jetzt, da sich die Schurken in einem Haufen zusammengerottet, wollen wir kurze Arbeit machen. Wenn die Natter ans Tageslicht kriecht,« fügte er hinzu, und stampfte mit dem Absatz, als ob er einen giftigen Wurm zertrete, »dann kann ich sie todt treten; sie ist nur sicher, so lange sie in Höhlen und Sümpfen lauert. Wo sind diese Schurken, Lord Evandale?«

»Ungefähr drei Stunden von hier im Gebirge, an einem Ort, den man Loudonhügel nennt,« antwortete der junge Edelmann. »Ich habe das Conventikel zerstreut, gegen welches Ihr mich gesendet und nahm einen alten Trompeter der Rebellen gefangen, das heißt einen Prediger, der gerade seine Zuhörer ermahnte, für die gute Sache aufzustehen, nebst einigen seiner Zuhörer, welche sich besonders unverschämt benahmen. Von einigen Landleuten und Kundschaftern habe ich erfahren, was ich Euch eben sagte.«

»Wie stark mögen sie sein?« fragte der Oberst.

»Etwa tausend Mann, doch sind die Angaben sehr verschieden.«

»Dann,« sagte Claverhouse, »ist es Zeit, daß auch wir Hand ans Werk legen. – Laßt zum Aufsitzen blasen, Bothwell.«

Bothwell, der wie das Schlachtroß in der Bibel den Kampf schon von fern witterte, eilte, sechs Mohren den Befehl zu ertheilen, welche in weißer, reichgestickter Kleidung und mit silbernen Hals- und Armbändern die Stelle der Trompeter versahen, und bald hallten Schloß und Wälder rings von ihrem schmetternden Signale wieder.

»Ihr müßt uns also verlassen?« sagte Lady Margarethe, deren Herz zu brechen drohte bei der Erinnerung früherer unglücklicher Tage; »wollt Ihr nicht lieber erst über die Streitkräfte der Rebellen nähere Erkundigungen einziehen lassen? – O wie manches edle Angesicht haben uns diese furchtbaren Töne hinweggerufen vom Schlosse Tillietudlem, und ich habe es nie wieder gesehen!«

»Ich kann unmöglich bleiben,« sagte Claverhouse; »es gibt genug Schurken im Lande, um die Aufrührer um das Fünffache zu verstärken, wenn sie nicht rasch und auf einmal gebändigt werden.«

»Viele,« sagte Evandale, »strömen ihnen zu und verbreiten die Nachricht, daß sie einen starken Haufen der geduldeten Presbyterianer erwarten, die der junge Milnwood anführt; der Sohn jenes berüchtigten alten Rundkopfes, des Obersten Silas Morton.«

Diese Worte brachten eine verschiedene Wirkung auf die Zuhörer hervor. Editha sank fast vom Stuhle vor Schrecken, während Claverhouse einen höhnenden Blick auf den Major warf, der zu sagen schien: »Ihr seht, welchen Grundsätzen der junge Mann huldigt, dem Ihr das Wort redet.«

»Es ist eine Lüge, es ist eine verdammte Lüge dieser schuftigen Schwärmer,« rief der Major heftig. »Ich stehe für Heinrich Morton wie für meinen eigenen Sohn. Er ist ebenso rechtgläubig wie irgend ein Herr aus der Leibgarde. Ich will niemand zu nahe treten. Er ging mehr denn fünfzigmal mit mir zum Gottesdienst, und nie ließ er beim Gebete etwas aus. Das kann Miß Bellenden bezeugen, so gut wie ich. Er las stets mit ihr aus demselben Gebetbuch, und kannte den Text so gut als der Pfarrer selbst. Ruft ihn herein, er mag für sich selbst sprechen.«

»Das kann nichts schaden,« sagte Claverhouse, »mag er nun unschuldig oder schuldig sein. – Major Allan,« fuhr er fort, sich zu dem Offizier wendend, »nehmt einen Wegweiser und führt Euer Regiment so schnell als möglich nach dem Loudonhügel. Reitet gemach und bringt die Pferde nicht in Hitze; in einer Viertelstunde haben Lord Evandale und ich Euch eingeholt. Laßt Bothwell mit einigen Reitern zurück, um die Gefangenen fortzuschaffen.«

Allan verneigte sich, und sämmtliche Offiziere verließen mit ihm den Saal, Claverhouse und den jungen Lord ausgenommen. In wenigen Minuten verkündigten die Töne der Musik und der Hufschlag der Rosse, daß die Reiter das Schloß verließen. Bald hörte man nur noch einzelne Töne, die in kurzer Zeit gänzlich verhallten. Während Claverhouse sich bestrebte, die Angst der Lady Margarethe zu verscheuchen und den alten Major zu seiner Meinung über Morton zu bekehren, näherte sich Evandale Editha, die natürliche Schüchternheit überwindend, welche einen sittenreinen Jüngling bei der Annäherung an den Gegenstand seiner Zuneigung gewöhnlich befällt, und redete sie in einem Tone an, der Achtung und Zuneigung zugleich ausdrückte.

»Wir müssen Euch verlassen,« sagte er und faßte ihre Hand, die er in heftiger Bewegung preßte, »wir verlassen Euch, um einem Auftritt entgegen zu gehen, der nicht ohne Gefahr ist. Lebt wohl, theures Fräulein; laßt mich zum ersten und vielleicht zum letzten Male sagen, theure Editha! Wir scheiden von einander und unter so eigenthümlichen Umständen, daß es zu entschuldigen ist, wenn ich Euch mit einiger Feierlichkeit ein Lebewohl sage, Euch, die ich so lange kannte und die ich so – hoch schätze.« Sein Benehmen schien ein tieferes und bewegteres Gefühl auszudrücken, als in seinen Worten lag. Kein weibliches Herz hätte gegen den bescheidenen und tiefgefühlten Ausdruck seiner Zärtlichkeit ganz unempfindlich bleiben können. Auch Editha, obgleich durch das Mißgeschick und die augenscheinliche Gefahr des Mannes betrübt, den sie liebte, wurde durch die hoffnungslose und ehrerbietige Leidenschaft des schönen Jünglings gerührt, der jetzt von ihr schied, um sich in Gefahren nicht gewöhnlicher Art zu stürzen.

»Ich hoffe, ich glaube zuversichtlich,« sagte sie, »es ist keine Gefahr vorhanden. Ich hoffe, wir haben keine Ursache zu diesem feierlichen Abschied; diese unbesonnenen Aufrührer werden eher durch Furcht als durch Gewalt zersprengt werden, und Lord Evandale wird bald zurückkehren, um wieder zu sein, was er immer sein muß, der theure und geschätzte Freund aller in diesem Schlosse.«

»Aller?« wiederholte er, einen melancholischen Nachdruck auf das Wort legend. »Aber mag es so sein, was Euch nahe ist, ist mir theuer und werth, und dessen Beifall mir schätzbar. Ich hoffe keinen allzuglücklichen Erfolg. Wir sind unserer zu wenige, als daß ich ein schnelles, unblutiges und gefahrloses Ende dieses unseligen Aufstands erwarten dürfte. Diese Menschen sind schwärmerisch, entschlossen und verzweifelt, und haben Führer, die in Kriegsangelegenheiten durchaus nicht unerfahren sind. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß das Ungestüm unseres Obersten uns ihnen etwas zu voreilig entgegentreibt. Aber es gibt wenige, die geringere Ursache haben, Gefahr zu meiden als ich.«

Editha hatte nun die gewünschte Gelegenheit, des jungen Edelmanns Verwendung und Schutz für Heinrich Morton zu erbitten, und es schien auch kein anderer Weg übrig, ihn dem drohenden Verderben zu entreißen. Doch war es ihr in diesem Augenblicke, als ob sie dadurch Neigung und Vertrauen eines Liebenden mißbrauche, dessen Herz so offen vor ihr lag, als ob sein Mund eine Erklärung ausgesprochen hätte. Konnte sie also ehrlicher Weise Lord Evandale veranlassen, einem Nebenbuhler zu dienen? oder gestattete es ihr die Klugheit, eine Bitte an ihn zu richten, oder sich eine Verbindlichkeit gegen ihn aufzulegen, ohne Hoffnungen zu wecken, die sie niemals erfüllen konnte? Aber der Augenblick war zu dringend für solche Bedenklichkeiten, oder auch nur für jene Erläuterungen, mit denen sie sonst ihre Bitte hätte motiviren können.

»Ich will nur erst über das Schicksal des jungen Menschen entscheiden,« sagte Claverhouse an der andern Seite der Halle, »und dann, Lord Evandale – es thut mir leid, Eure Unterhaltung wieder zu unterbrechen –, aber wir müssen dann gleich aufsitzen. – Bothwell, warum bringt Ihr nicht den Gefangenen herauf? Und hört Ihr, zwei Glieder sollen ihre Karabiner laden.«

In diesen Worten glaubte Editha das Todesurtheil ihres Geliebten zu vernehmen. Augenblicklich brach sie den Zwang, der sie bis jetzt am Sprechen gehindert hatte.

»Lord Evandale,« sagte sie, »dieser junge Mann ist ein genauer Freund meines Oheims. Euer Einfluß auf Euren Obersten muß groß sein, laßt mich Euch um Eure Verwendung für ihn bitten. Ihr würdet meinen Oheim Euch auf ewig verbinden.«

»Ihr überschätzet meinen Einfluß, Miß Bellenden,« sagte Lord Evandale. »Ich bin in solchen Verwendungen oft unglücklich gewesen, wenn ich sie bloß im Interesse der Menschlichkeit unternahm.«

»Versucht es dennoch noch einmal, um meines Oheims willen.«

»Und warum nicht um Euretwillen?« sagte Lord Evandale. »Wollt Ihr mir nicht erlauben zu hoffen, daß ich dadurch Euch persönlich verbinde? – Traut Ihr einem alten Freunde so wenig, daß Ihr ihm nicht die Freude gönnen wollt, zu denken, er werde Eure eignen Wünsche erfüllen?«

»Gewiß, gewiß,« erwiderte Editha, »Ihr werdet mich unendlich verbinden. – Ich nehme Antheil an dem jungen Manne, meines Oheims wegen. – Verliert keine Zeit, um Gottes willen.«

Ihre Bitten wurden kühner und dringender, denn sie hörte die Schritte der Soldaten, die sich mit ihrem Gefangenen näherten.

»Beim Himmel!« sagte Evandale, »er soll nicht sterben, und müßte ich an seiner Statt das Leben lassen. Aber wollt Ihr nicht,« sprach er, indem er ihre Hand ergriff, welche sie im Drange ihres Gefühls zurückzuziehen nicht Muth genug hatte, »wollt Ihr mir nicht zur Belohnung meines Eifers in Eurem Dienst ein Gesuch gewähren?«

»Alles dürft Ihr fordern, Lord Evandale, was schwesterliche Zuneigung gewähren kann.«

»Und dies ist alles,« fuhr er fort, »was Ihr meiner Liebe im Leben, meinem Andenken im Tode widmen könnt?«

»Sprecht nicht so, Mylord,« sagte Editha, »Ihr betrübt mich und thut Euch selbst Unrecht. Es gibt keinen Freund, den ich höher schätze oder dem ich bereitwilliger jeden Beweis der Hochachtung, vorausgesetzt – indessen –«

Ein tiefer Seufzer verursachte, daß sie sich schnell umsah, ehe sie das letzte Wort hatte aussprechen können, und als sie noch nachdachte, wie sie die Ausnahme einkleiden könne, die ihren Satz beschließen sollte, gewahrte sie, daß Morton sie gehört hatte, der gefesselt und von Soldaten bewacht hinter ihr vorbeiging, um Claverhouse vorgestellt zu werden. Als ihre Augen sich begegneten, schien der düstere und vorwurfsvolle Blick Mortons ihr anzudeuten, daß er einen Theil ihres Gesprächs gehört und gänzlich mißverstanden habe. Dies fehlte nur, um Edithens Kummer und Bestürzung zu vollenden. Das Blut trat ihr auf die Stirn und plötzlich zum Herzen zurück, so daß sie todtenbleich dastand. Diese Veränderung entging der Aufmerksamkeit Evandales nicht, dessen schneller Blick leicht entdeckte, daß zwischen dem Gefangenen und dem Gegenstande seiner eigenen Zuneigung eine seltsame, ungewöhnliche Verbindung obwalte. Er ließ das Fräulein los, blickte den Gefangenen noch schärfer an, sah wieder auf Edithen und gewahrte deutlich die Bestürzung, die sie nicht länger verbergen konnte.

»Das ist, glaub ich, der junge Herr, der beim Vogelschießen den Preis gewonnen,« sagte er nach einem Augenblick düsteren Schweigens.

»Ich weiß es nicht gewiß,« stammelte Editha, »aber nein, ich glaube nicht,« sagte sie, ohne zu wissen, was sie sprach.

»Er ist es,« sagte Evandale entschieden. »Ich kenne ihn genau. Ein Sieger,« fügte er stolz hinzu, »sollte einer schönen Zuschauerin doch mehr Interesse einflößen.«

Er wandte sich hierauf von Editha ab. Zu dem Tische tretend, wo Claverhouse sich niederließ, stand er in einiger Entfernung auf sein Schwert gestützt, ein stiller aber nicht gleichgültiger Zuschauer bei allem, was vorging.

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