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Die Presbyterianer

Walter Scott: Die Presbyterianer - Kapitel 10
Quellenangabe
authorWalter Scott
titleDie Presbyterianer
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1876
translatorBenno Tschischwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160926
projectid17cc60b6
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Kapitel VIII

Ein Sohn des Kriegs bin ich,
Der nie in Schlachten wich.
Hab manchen Hieb und Stich,
Die zeig ich überall.
Den hier für eine Maid,
Den da im blut'gen Streit,
Aus der Franzosenzeit
Beim Trommelschall.

R. Burns.

»Seid nicht gar zu niedergeschlagen,« sagte der Sergeant Bothwell zu seinem Gefangenen, als sie nach dem Hauptquartier ritten. »Ihr seid ein hübsches kluges Bürschchen und von guter Familie; das Schlimmste, was Euch passiren könnte, wäre gehängt werden, und das ist das Loos manches braven Jungen. Ich sag es Euch rund heraus, Euer Leben ist dem Gesetz verfallen, wenn Ihr Euch nicht unterwerft und mit einem ordentlichen Stück Geld von Eures Onkels Vermögen loskommt. Der kann schon herhalten.«

»Das quält mich mehr als alles Uebrige,« sagte Heinrich. »Er trennt sich nur mit Schmerzen von seinem Gelde, und da er durchaus unschuldig daran ist, daß ich diesem Mann ein Obdach für die Nacht gegeben, so wünschte ich zu Gott, daß, wenn ich mit dem Leben davon komme, die Buße derartig wäre, daß ich sie einzig und allein tragen könnte.«

»Nun, vielleicht wird man Euch vorschlagen,« meinte Bothwell, »in irgend ein schottisches Regiment einzutreten, das im Auslande steht. Das ist kein übler Dienst; wenn Eure Freunde thätig sind, und es einmal tüchtig zum Klopfen kommt, könnt Ihr bald avanciren.«

»Ich weiß wahrlich nicht,« erwiderte Morton, »ob ein solcher Urtheilsspruch nicht das beste wäre, was mir begegnen könnte.«

»Ei, da seid Ihr am Ende gar kein richtiger Whig,« sagte der Sergeant.

»Ich habe mich bis jetzt mit keiner Partei im Staate eingelassen,« sagte Heinrich, »sondern bin ruhig zu Hause geblieben und habe oft ernstlich daran gedacht, in eins der auswärtigen Regimenter einzutreten.«

»Wirklich?« erwiderte Bothwell; »nun, allen Respect vor Euch! ich selbst habe manch lieben Tag in Frankreich bei der schottischen Garde gedient. Ich will verdammt sein, wenn man dort nicht Disciplin lernt! Sie kümmern sich um Euer Thun und Lassen keine Bohne, wenn Ihr außer Dienst seid; fehlt Ihr aber einmal beim Appell, dann sollt Ihr sehn, wie sie Euch dran kriegen. Ich will des Teufels sein, wenn mich nicht der alte Hauptmann Montgomerie am Zeughause in vollem Harnisch, mit Armschienen und Sturmhaube in der brennendsten Sonnengluth Wache stehen ließ, daß ich zuletzt gebacken war wie eine Schildkröte in Port-Royal. Ich habe bei mir geschworen, nie wieder zu fehlen, wenn Franz Stuart aufgerufen wird, und müßt ich auch die Karten auf der Trommel liegen lassen. – Ja, Disciplin ist die Hauptsache.«

»In jeder andern Hinsicht gefiel Euch der Dienst?« sagte Morton.

» Par excellence!« sagte Bothwell. »Weiber, Wein und Zechgelage – alles umsonst zu kriegen! Und wenn Ihrs gar mit Eurem Gewissen vereinigen könnt, einem feisten Pfaffen weis zu machen, er habe Aussicht Euch zu bekehren, so hilft der Euch wahrhaftig selber noch zu solcher Herzstärkung, um sich Eurer Zuneigung zu versichern. Wo findet Ihr einen stutzohrigen Whigpfaffen, der so artig mit Euch wäre?«

»Nirgends, darin stimme ich Euch bei,« sagte Heinrich; »was war denn aber Euer Hauptdienst?«

»Des Königs Person zu bewachen,« sagte Bothwell; »für die Sicherheit des großen Ludwig zu sorgen, mein Junge, und dann und wann etwas unter den Huguenotten, d. h. den Protestanten, herum zu fuchteln. Da hatten wir freien Spielraum, was mich so ziemlich auf den Dienst hier zu Lande vorbereitete. Aber kommt! da Ihr ein buen camarado seid, wie die Spanier sagen, so muß ich Euch wohl mit ein paar von Eures Oheims Goldfüchsen versehn. Das ist so Brauch bei uns Draufgängern. Wir müssen keinen netten Burschen darben lassen, so lange wir selbst Geld haben.«

Mit diesen Worten zog er seine Börse, nahm ein paar Goldstücke heraus und reichte sie ungezählt unserm Heinrich. Dieser lehnte die Freundlichkeit ab und versicherte, daß er ohne Schwierigkeit von seinem Oheim Unterstützung erhalten werde.

»Gut,« sagte Bothwell, »in diesem Falle müssen die gelben Schufte noch ein Weilchen als Ballast in meinem Beutel bleiben. Ich habe es mir zur Regel gemacht, die Kneipe nie zu verlassen, so lange mein Beutel noch schwer genug ist, um sich übers Wirthshausschild werfen zu lassen. Ist er so leicht, daß ihn der Wind zurückweht, dann heißt es: gespornt und gesattelt! – Wir müssen ihn auf die eine oder andere Weise wieder füllen. Aber was ist denn das für ein Thurm vor uns, der sich so auf der steilen Anhöhe über die Wälder hinweg erhebt, die ihn von allen Seiten umgeben?«

»Das ist das Schloß von Tillietudlem,« sagte einer der Soldaten. »Die alte Frau von Bellenden wohnt dort. Sie ist eine der wohlwollendsten Damen der Umgegend und dazu eine Soldatenfreundin. Ich habe vier Wochen dort im Quartier gelegen, als ein verdammter Hund von einem Whig mich hinter einer Schafhürde hervor verwundet hatte, und wollte noch so eine Wunde aushalten für ein so gutes Quartier.«

»Wenn dem so ist,«, sagte Bothwell, »so will ich ihr im Vorbeigehen meine Aufwartung machen und sie für die Leute und Pferde um Erfrischungen bitten. Ich bin so durstig, als hätte ich zu Milnwood nichts zu trinken gekriegt. Aber es ist doch hübsch in diesen Zeitläuften,« fuhr er zu Heinrich gewendet fort, »daß des Königs Soldat an keinem Hause vorbei kommt, wo er nicht Erfrischungen erhält. In Häusern wie zu Tilli– wie heißts doch? gibt man uns freiwillig, in den Häusern der bekannten Schwärmer greift man zu und nimmt mit Gewalt, und bei den gemäßigten Presbyterianern und andern verdächtigen Leuten regalirt man uns aus Furcht; so wird stets unser Durst auf diese oder jene Weise gelöscht.«

»Und Ihr beabsichtigt also deshalb nach dem Schlosse zu gehen?« fragte Heinrich ängstlich.

»Ohne Frage,« antwortete Bothwell. »Wie könnte ich meinem Vorgesetzten günstig von den schönen Grundsätzen der würdigen Dame berichten, wenn ich nicht ihren Sekt gekostet habe? – Denn mit Sekt rückt sie ganz gewiß heraus; der ist Euch der Lieblingstrost der alten hochadeligen Wittwen, wie leichter Rothwein der Trank Eurer Lairds auf dem Lande ist.«

»Wollt Ihr durchaus hin,« sagte Heinrich, »so nennt ums Himmels willen meinen Namen nicht, setzt mich auch den Blicken einer Familie nicht aus, die mich kennt. Laßt mich unterdeß einen Eurer Soldatenmäntel umnehmen und erwähnt meiner bloß im allgemeinen als eines Gefangenen unter Eurer Aufsicht.«

»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Bothwell; »ich habe versprochen, Euch höflich zu behandeln und weiß mein Wort zu halten. – Hier, Andrews, wirf den Mantel um den Gefangenen und nenne seinen Namen nicht; verschweige auch, wo wir ihn gefangen, wenn Du nicht auf einem hölzernen Gaul reiten Eine unter den Stuarts übliche Militärstrafe. Es scheint, daß der Bestrafte mit dem Gesicht nach hinten auf das hölzerne Pferd gesetzt wurde, und daß man ihm die Füße unter dem Bauch desselben zusammenband, oder sie mit Gewichten belastete. willst.«

Sie erreichten nun einen gewölbten Thorweg mit Schießlucken und Thürmen, von denen der eine bis auf den unteren Stock ganz zusammengestürzt war, und dem Bauer, der den andern Thurm bewohnte, als Kuhstall diente. Das Thor selbst war während des Bürgerkrieges durch Monks Soldaten abgebrochen und nicht wieder aufgebaut worden, weshalb Bothwell mit seinen Leuten ungehindert durchreiten konnte. Der sehr steile, enge und mit großen runden Steinen gepflasterte Pfad zog sich an der Seite des jähen Felsens im Zickzack hinan und ließ die Burg, die senkrecht über ihren Köpfen zu schweben schien, mit ihren äußeren Bollwerken bald sehen, bald verschwinden. Die Ueberbleibsel der gothischen Befestigungswerke waren von einer Stärke und Festigkeit, daß Bothwell unwillkürlich ausrief: »Es ist gut, daß dieser Platz in wackern und loyalen Händen ist. Bei Gott, hätte der Feind ihn, so könnte ein Dutzend alte Whigweiber ihn mit bloßen Kunkeln gegen eine Schwadron Dragoner vertheidigen, wenigstens, wenn sie nur halb so viel Schneide hätten wie die Alte zu Milnwood. Bei meinem Leben,« fuhr er fort, als sie vor dem großen Doppelthurm und dessen Bollwerken und Vorsprüngen standen, »'s ist ein herrlicher Platz, der, wie die halbverlöschte Inschrift über dem Thore sagt – wenn mir mein bischen Latein nicht ganz in die Wicken gegangen ist – von Sir Ralph von Bellenden im Jahre 1350 gegründet worden ist, ein respektables Alter. Ich muß die Dame mit gebührender Ehrfurcht begrüßen, wenns mir auch Mühe macht, Complimente hervorzusuchen, mit denen ich, als ich noch solche Gesellschaft aufsuchte, um mich warf.«

Während dieses Selbstgesprächs meldete der Kellermeister, der die Soldaten durch eine Schießscharte beobachtete, seiner Gebieterin, daß ein Commando Dragoner, oder, wie er glaube, Leibgardisten mit einem Gefangenen am Thore warte.

»Es ist ausgemacht und ganz gewiß,« sagte Gudyill, »der sechste Mann ist ein Gefangener; denn sein Pferd wird geführt, und die zwei vorreitenden Dragoner haben ihre Karabiner herausgezogen und auf die Schenkel gestützt. So bewachten wir immer die Gefangenen in den Tagen des großen Marquis.«

»Königliche Soldaten?« sagte die Dame, »vermuthlich verlangen sie Erquickung. Geht, Gudyill, heißt sie willkommen und laßt ihnen alles reichen, was das Schloß an Vorrath und Futter hergeben kann. – Und warte! sag der Zofe, daß sie mir meinen schwarzen Schleier und Mantel bringe. Ich will selbst hinunter und sie empfangen, man kann der königlichen Leibgarde nicht zu viel Achtung beweisen in Zeiten, wo sie so viel für die Aufrechthaltung des königlichen Ansehens thut. Und hört, Gudyill, sagt Jenny Dennison, sie solle ihren Schmuck anlegen, um vor mir und meiner Nichte hergehen zu können; drei Frauen sollen hinter uns gehen, und meine Nichte soll sogleich kommen.«

In voller Rüstung und bekleidet, wie sie angeordnet hatte, segelte jetzt Lady Margarethe mit aller Würde und Feierlichkeit in den Hof hinab. Sergeant Bothwell begrüßte die stolze und ehrwürdige Dame mit einer Zuversicht, die etwas von dem leichten und ungezwungenen Benehmen der lockeren Männer von Welt am Hofe Karls II. und gar keinen Beischmack von den rohen plumpen Sitten eines Dragonerunteroffiziers hatte. Seine Sprache und sein Benehmen schienen sich für diese Zeit und Gelegenheit zu verfeinern; denn er hatte wirklich in seinem vielbewegten, abenteuerlichen und ausschweifenden Leben bisweilen einen Umgang genossen, der mehr seiner Abkunft als seiner gegenwärtigen Stellung angemessen war.

Als ihn die Matrone fragte, ob sie ihm irgend wie dienen könne, antwortete er mit einer tiefen Verbeugung, daß sie diese Nacht noch einige Meilen weiter reiten müßten, und daß ihnen die Erlaubniß, ein Stündchen die Pferde hier rasten zu lassen, höchst angenehm sein würde.

»Das gewähre ich äußerst gern,« antwortete Lady Margarethe, »und ich glaube, meine Leute werden Sorge tragen, daß es weder Menschen noch Pferden an geeigneten Erfrischungen gebricht.«

»Wir wissen wohl, gnädige Frau,« fuhr Bothwell fort, »daß die Leute des Königs innerhalb der Mauern von Tillietudlem stets in solcher Weise empfangen wurden.«

»Wir haben uns bestrebt, unsere Pflicht bei allen Gelegenheiten in loyaler Ergebenheit zu erfüllen,« antwortete Lady Margarethe auf dieses Compliment, »sowohl gegen unsern Monarchen selbst, als auch gegen dessen Anhänger und hauptsächlich gegen seine treuen Soldaten. Es ist noch nicht so gar lange und wahrscheinlich hat Seine geheiligte Majestät es auch nicht vergessen, daß er selbst mein armes Haus mit seiner Gegenwart beehrte und in einem Zimmer frühstückte, welches Euch, Herr Sergeant, meine Kammerfrau zeigen soll, wir nennen es heute noch das Königszimmer.«

Inzwischen hatte Bothwell seine Leute absitzen lassen und vertraute die Pferde einer Abtheilung und den Gefangenen einer andern, so daß er selbst ungestört die Unterhaltung fortsetzen konnte, welche die Lady so herablassend begonnen hatte.

»Da der König, mein Herr, die Ehre gehabt hat, sich Eurer Gastfreundschaft zu erfreuen, so wundere ich mich nicht, daß sich dieselbe auch auf die erstreckt, welche ihm dienen und deren Hauptverdienst darin besteht, dies mit Treue zu thun. Uebrigens stehe ich in näherer Beziehung zu Seiner Majestät, als dieser grobe rothe Rock anzudeuten scheint.«

»Wirklich, mein Herr?« sagte Lady Margarethe; »Ihr habt vermutlich zu seinem Hausstande gehört?«

»Nicht so eigentlich zu seinem Hausstande, sondern vielmehr zu seinem Hause, eine Verbindung, durch welche ich die Verwandtschaft der angesehensten Häuser Schottlands ansprechen kann, selbst Tillietudlem nicht ausgenommen.«

»Wie,« sagte die alte Lady, sich stolz emporrichtend, da sie das eben Vernommene für einen frechen Scherz hielt, »ich verstehe Euch nicht, mein Herr!«

»In meiner Lage ist es wirklich thöricht, das zu erwähnen, gnädige Frau,« antwortete der Krieger; »aber Ihr müßt von der Geschichte und dem Unglück meines Großvaters, Franz Stuart, gehört haben, dem Jakob I., sein leiblicher Vetter, den Titel Bothwell gab, wie ihn mir meine Kameraden als Spitznamen geben. Er brachte ihm am Ende eben nicht mehr Vortheil als mir.«

»So?« sagte Lady Margarethe mit Theilnahme und großem Erstaunen. »Ich habe allerdings oft vernommen, daß der Enkel des letzten Grafen in dürftigen Umständen sei, aber ihn in so niederem Dienstgrade zu sehen, hätte ich nimmermehr erwartet. Welch widriges Geschick kann bei solchen Verbindungen Euch dahin gebracht haben – –«

»Gar nichts Ungewöhnliches, gnädige Frau,« sagte Bothwell, die begonnene Frage unterbrechend, »ich habe auch, so gut wie meine Nachbarn, Augenblicke günstigen Geschickes erfahren, habe meine Flasche mit Rochester geleert, mit Buckingham lustige Streiche ausgeführt und vor Tanger an Sheffields Seite gefochten. Aber mein Glück war nie von Dauer, ich konnte meine Zechgefährten nie zu nützlichen Freunden machen – vielleicht fühlte ich auch nicht genug,« – fuhr er mit einiger Bitterkeit fort, »wie sehr der Nachkomme der schottischen Stuarts geehrt wurde, wenn er zu den Gelagen von Wilmot und Villiers zugelassen wurde.«

»Aber Eure schottischen Freunde, Herr Stuart, Eure so zahlreichen und mächtigen Verwandten?«

»Nun ja, gnädige Frau,« erwiderte der Sergeant, »ich glaube wohl, daß mich einige von ihnen zu ihrem Wildhüter gemacht hätten, da ich ein leidlicher Schütze bin, einige hätten mich wohl auch als ihren Bravo gedungen, denn ich weiß mein Schwert zu führen, und hier und da wäre vielleicht einer gewesen, der in Ermangelung bessern Umgangs mich zum Gesellschafter gemacht haben würde, da ich meine drei Flaschen Wein vertragen kann, – aber ich weiß nicht, wie es kommt, muß ich einmal Dienste thun, so ist mir der meines Vetters Karl der liebste von allen, wenn der Lohn auch noch so gering und die Livree weit entfernt ist glänzend zu sein.«

»Das ist doch ein Schimpf und eine unauslöschliche Schande!« sagte Lady Margarethe. »Warum wendet Ihr Euch nicht an Seine geheiligte Majestät? Er wird erstaunt sein, wenn er hört, daß ein Sprößling seiner erlauchten Familie–«

»Verzeiht, gnädige Frau,« unterbrach der Sergeant, »ich bin nur ein schlichter Soldat, und Ihr werdet mich entschuldigen, das weiß ich, wenn ich behaupte, daß Seine geheiligte Majestät mehr daran denkt, selbst Sprößlinge zu setzen als die zu ernähren, welche von seinen und seiner Großväter Ahnen gepflanzt wurden.«

»Gut, Herr Stuart,« sagte Lady Margarethe, »eins müßt Ihr mir versprechen, daß Ihr diese Nacht in Tillietudlem bleibt, morgen erwarte ich Euren Commandanten, den tapfern Claverhouse, dem König und Vaterland so viel wegen seiner Thaten gegen diejenigen schulden, welche gern die Welt umkehren möchten. Ich will mit ihm in Betreff Eurer schnellen Beförderung sprechen und gewiß, er fühlt zu sehr, was dem Blute in Euren Adern und dem Verlangen einer Dame gebührt, die von Seiner Majestät so sehr ausgezeichnet wurde, um besser für Euch zu sorgen, als es bisher geschehen ist.«

»Ich bin Ew. Gnaden sehr verbunden und will gern mit meinem Gefangenen hier bleiben, weil es Euer Wunsch ist, besonders aber, weil ich ihn dann am ehesten dem Obersten Graham vorstellen und seine letzten Befehle in Betreff des jungen Menschen empfangen kann.«

»Wer ist Euer Gefangener? bitte,« fragte Lady Margarethe.

»Ein junger Mensch aus der bessern Klasse hier in der Nachbarschaft, der so leichtsinnig gewesen ist, einem von des Primaten Mördern Zuflucht zu gewähren und dem Hunde das Entkommen zu erleichtern.«

»Pfui über ihn!« sagte Lady Margarethe; »ich bin nur allzu geneigt, die Beleidigungen zu vergeben, die mir diese Schurken zugefügt, obgleich einige unter ihnen von der Art sind, daß ich sie nicht leicht vergessen kann, aber wer die Thäter eines so grausamen und überdachten, an der Person eines Erzbischofs verübten Mordes beschützen kann, pfui über ihn! Wenn Ihr ihn, ohne Eure Leute allzusehr zu belästigen, sicher haben wollt, so soll Harrison oder Gudyill den Schlüssel unseres Burgverließes suchen. Es ist seit dem Siege bei Kilsythe noch nicht geöffnet worden, wo mein armer Sir Arthur Bellenden zwanzig Whigs einstecken ließ. Auch liegt es nur zwei Stock unter der Erde und ist nicht ungesund, besonders da es, wenn mir recht ist, irgendwo eine Oeffnung ins Freie hat.«

»Verzeiht, gnädige Frau,« antwortete der Sergeant, »ich glaube wohl, daß es ein vortrefflicher Kerker ist, aber ich habe versprochen, den Burschen höflich zu behandeln, und ich will dafür sorgen, daß ihm das Entrinnen unmöglich gemacht wird. Die Wachthabenden sollen ihn so fest halten, als wären seine Beine im Stock und seine Finger in Daumschrauben.«

»Gut, Herr Stuart,« erwiderte die Lady; »Ihr kennt am besten Eure Pflicht. Ich wünsche Euch von Herzen guten Abend und überlasse Euch der Fürsorge meines Verwalters Harrison. Ich würde Euch bitten, uns Gesellschaft zu leisten, aber ein – ein – ein – –«

»O es bedarf keiner Entschuldigung, gnädige Frau, ich weiß wohl, der grobe rothe Rock König Karls II. muß alle Vorrechte des rothen Blutes von König Jakob V. her vertilgen.«

»In meinen Augen gewiß nicht, Herr Stuart; Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr dies denkt. Ich will morgen mit Eurem Obristen sprechen, und Ihr werdet Euch gewiß bald in einem Range befinden, wo keine Anomalien mehr auszugleichen sind.«

»Ich fürchte,« sagte Bothwell, »Eure Güte wird sich getäuscht finden; doch bin ich Euch für Eure Absicht verbunden und will jedenfalls mit Herrn Harrison eine lustige Nacht zubringen.«

Lady Margarethe nahm einen ceremoniösen Abschied, und zwar mit der Achtung, die sie dem königlichen Blute schuldig zu sein glaubte, sogar wenn dasselbe nur in den Adern eines Gardesergeanten floß, und versicherte Herrn Stuart wiederum, daß alles im Schlosse Tillietudlem zu seiner und seiner Leute Verfügung stehe.

Sergeant Bothwell ermangelte nicht, die Dame beim Wort zu nehmen, und vergaß bald die Höhe, von der seine Familie herabgestiegen war, bei einem fröhlichen Zechgelage, zu welchem Herr Harrison nicht nur das Beste aus dem Keller brachte, sondern auch seinen Gast durch jenes verführerische Beispiel, welches beim Trinken mehr gilt als irgend eine Vorschrift, in besonderer Weise anregte. Der alte Gudyill schloß sich einer Gesellschaft an, welche so sehr nach seinem Geschmacke war, gerade wie Davy im zweiten Theile Heinrichs IV. an den Schwelgereien seines Herrn, des Richters Shallow, Theil nimmt. Mit Gefahr den Hals zu brechen rannte er in den Keller, um ein geheimes Behältniß zu plündern, das, wie er vorgab, nur ihm allein bekannt war, und welches während seines Kellermeisteramtes niemals einem andern als einem Königsfreunde eine Flasche geliefert habe, noch je liefern werde.

»Als der Herzog hier speiste,« sagte der Kellermeister, der sich in einiger Entfernung vom Tische niedergelassen, da ihm Bothwells Stammbaum eine ehrfürchtige Entfernung aufnöthigte, die er bei jedem Absatze seiner Rede um eine halbe Elle geringer machte, »als der Herzog hier speiste, wünschte die Gnädige durchaus eine Flasche von diesem Burgunder,« hier rückte er etwas näher, – »aber ich weiß nicht, wie es kam, Herr Stuart, ich traute ihm nicht recht. Ich hielt ihn nicht für einen Freund der Regierung, wie er vorgab, der Familie ist nicht zu trauen. Dieser alte Herzog Jakob verlor seine Courage, ehe er seinen Kopf verlor, und der Worcester-Mann war nur ein sehr schlechter Schmaus, weder gut gekocht, noch gebraten.« Mit dieser witzigen Bemerkung vollendete er seine erste Parallele, und begann im Zickzack, nach der Art eines geschickten Ingenieurs, seine Annäherung an den Tisch fortzusetzen. »Je mehr also die gnädige Frau schrie: »Burgunder für Seine Gnaden! Alten Burgunder, vom besten Burgunder, den Neununddreißiger!« – desto mehr sagte ich zu mir: Hol mich der Teufel, wenn ein Tropfen in seine Kehle fließt, ehe ich seine Grundsätze kenne; Sekt und Claret sind gut genug für ihn. Nein, nein, meine Herren, so lange ich im Schlosse Tillietudlem das Kellermeisteramt verwalte, soll kein Mensch, dessen Treue bezweifelt werden kann, das Beste von unsern Vorräthen bekommen. Finde ich aber einen, der dem König und seiner Sache, sowie dem gemäßigten Bischofsthum anhängt, wenn ich, wie gesagt, einen Mann finde, der zur Kirche und Krone hält, wie ich selbst zu meines Herrn und Montroses Lebzeiten, dann ist nichts im Keller zu gut, um es ihm nicht zu geben.«

Inzwischen hatte er sich in einem Hauptpunkte der Festung festgesetzt, oder, mit andern Worten, seinen Stuhl dicht an den Tisch gerückt. »Und nun, Herr Franz Stuart von Bothwell, habe ich die Ehre, auf Eure Gesundheit zu trinken. Ich wünsche Euch eine Offizierstelle und viel Glück bei Eurem Geschäfte, das Land von Whigs und Rundköpfen, von Schwärmern und Covenantern rein zu harken.«

Bothwell, der, wie sich leicht denken läßt, längst aufgehört hatte in der Wahl seines Umgangs scrupulös zu sein, that dem Kellermeister gern Bescheid, indem er zugleich die Vortrefflichkeit des Weines lobte, und Herr Gudyill, der schon ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft war, versah sie unablässig mit neuen Stoffen zur Fröhlichkeit, bis zum nächsten Morgen.

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