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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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Initial Auf dem Borynahof war es wie in einem Grab nach diesem Fest/kein Weinen, kein Zanken und Fluchen, aber eine lastende Stille, feindlich lauernd und voll zurückgehaltenen Zornes und unterdrückter Klagen.

Das ganze Haus verstummte, umspann sich mit Düsterkeit und lebte in ständiger Angst und Erwartung vor etwas Schrecklichem, als müßte das Dach jeden Augenblick den Menschen über den Köpfen zusammenstürzen.

Der Alte, nachdem er zurückgekehrt war, sagte weder gleich darauf noch am nächsten Tage ein einziges Wort zu Jagusch, beklagte sich selbst nicht vor der Dominikbäuerin, als ob nichts geschehen wäre.

Er wurde nur von dem in seinem Inneren niedergeduckten Zorn krank und konnte sich nicht vom Bett erheben, fühlte in einem fort eine Übelkeit, hatte Stechen in der Seite und eine zehrende Hitze im Leib.

»Das ist nichts anderes, als daß die Leber einen Brand gekriegt hat oder auch daß die Gebärmutter sich gesenkt hat!« sagte die Dominikbäuerin, ihm die Seiten mit heißem Öl schmierend; er antwortete nichts, stöhnte nur schmerzlich und sah eigensinnig auf die Balkendecke.

»Nein, Jaguscha ihre Schuld ist das nicht!« begann sie leise, damit es die Leute in der Stube nicht hörten, denn sie war schon arg darüber besorgt, daß er kein Wort über den gestrigen Vorfall gesagt hatte.

»Wessen denn sonst?« brummte er.

»Worin soll sie denn schuldig sein! Ihr habt sie doch allein gelassen und seid in den Alkoven trinken gegangen, die Musik spielte, alle tanzten, vergnügten sich, was sollte sie vielleicht wie ein Termit in der Ecke stehen? Jung ist sie doch und gesund und will sich doch amüsieren. Er hat sie dazu gezwungen, da ist sie denn mit ihm tanzen gegangen. Konnte sie da nicht gehen, jeder hat doch in der Schenke das Recht, die aufzufordern, die ihm gefällt; und daß er sie gewählt und dann nicht losgelassen hat, dieser Räuber, das ist nur aus Wut auf euch, nur aus Wut!«

»Schmiert nur zu und macht, daß ich bald gesund werde, und lehrt mich nicht Verstand, ich weiß gut, wie es war, euer Reden brauch' ich nicht.«

»Wenn ihr so klug seid, dann müßtet ihr auch das wissen, daß eine junge, gesunde Frau auch ihren Spaß braucht! Es ist doch kein Stück Holz oder ein altes Weib, hat ein Mannsbild geheiratet und braucht auch ein Mannsbild und nicht einen Greis, um mit ihm den Rosenkranz durchzufingern, nee!«

»Warum habt ihr sie mir denn gegeben?« warf er höhnisch hin.

»Warum? Wer hat denn da wie ein Hund gewinselt? Ich war es nicht, die euch gebeten hat, daß ihr sie nehmen sollt, ich hab' sie euch nicht unter die Nase gebunden, sie selbst sich auch nicht! Sie hätte jeden anderen heiraten können von den Ersten im Dorf, genug waren für sie da ...«

»Das schon, aber nicht zum Heiraten ...«

»Daß sich euch die Zunge verdreht für dieses hundsgemeine Gegeifer!«

»Euch hat wohl die Wahrheit wie Brennesseln gestochen, daß ihr hier so auffahrt!«

»Häßlicher Lügenkram, das ist nicht wahr! Lügenkram!«

Er zog das Federbett über die Brust, drehte sich nach der Wand und ließ sich mit keinem Wort auf ihre hitzigen Beweisführungen ein; erst als sie zu weinen anfing, murmelte er bissig:

»Wenn das Weib mit dem Schlegel nicht kann, dann glaubt sie mit Tränen was zu kriegen!«

Er wußte schon gut, was er gesagt hatte, ganz gut! Jetzt, da er sich vom Bett nicht erheben konnte, kam es ihm in den Sinn, was man über sie früher erzählt hatte. Er überdachte es, legte es sich zurecht, zog seine Schlüsse und überlegte, und eine solche Wut erfaßte ihn, eine solche Eifersucht nagte an ihm, daß er nicht ruhig liegen konnte, sondern sich auf dem Bett hin- und herwarf, leise vor sich hin fluchte oder sich mit dem Gesicht nach der Stube hindrehte und mit seinen bösen Habichtaugen Jagna auf Schritt und Tritt verfolgte ... Sie aber sah etwas blaß und abgehärmt aus, ging wie traumbefangen im Hause herum und blickte ihn mit kläglichen Augen eines zu Unrecht bestraften Kindes an und seufzte so, daß es ihm leid wurde, sein Herz begann schon etwas aufzutauen; aber um so größer wuchs seine Eifersucht.

So schleppte es sich fast schon eine ganze Woche lang, daß es gar nicht mehr zum Aushalten im Hause war, denn sie hatte doch eine empfindsame Seele und war wie eine Blume, die ein Frost nur etwas anzuhauchen braucht/und sie läßt den Kopf hängen und erbebt vor Schmerz. Sie magerte auch zusehends ab, denn sie konnte nicht schlafen, das Essen schmeckte ihr nicht; es war ihr schwer, still auf dem Fleck zu sitzen und sich mit irgendeiner Arbeit zu befassen, denn alles flog ihr aus den Händen, und immerwährend folgte ihr auf Schritt und Tritt die Angst. Wie sollte es denn auch anders sein, wenn der Alte dalag, immerzu herumächzte, kein gutes Wort sagte und mit Räuberblicken nach ihr sah! Immerzu fühlte sie seine Augen auf sich ruhen, immerzu, so daß sie es schon gar nicht aushalten konnte. Das Leben dünkte ihr eine Last, denn auch von Antek wußte sie nichts; er hatte sich die ganze Woche noch nicht blicken lassen, obgleich sie manchen Abend in tödlicher Angst nach dem Schober gelaufen war, um nach ihm auszuschauen. Sie wagte keinen zu fragen. Es wurde ihr auf dem Borynahof die Zeit so lang, daß sie ein paarmal am Tag zur Mutter lief; aber die Dominikbäuerin saß wenig zu Hause. Mal war sie bei Kranken, dann steckte sie in der Kirche; und wenn sie da war, zeigte sie ein grimmiges Gesicht und machte ihr bittere Vorwürfe; auch die Jungen gingen finster, mißmutig und bedrückt herum, denn die Alte hatte Schymek mit der Flachsbreche durchgeprügelt, da er am Dreikönigstag in der Schenke ganze vier Silberlinge versoffen hatte. Dann fing sie an, bei den Nachbarn einzusehen, um irgendwie den Tag herumzubringen; aber auch dort wollte es ihr nicht wohl werden; natürlich wiesen sie sie nicht fort, aber sie siebten die Worte so dünn durch die Zähne und sahen mürrisch vor sich hin, dabei klagten sie alle zusammen über die Krankheit des Alten und jammerten über das schlechte Wetter, das jetzt gekommen war.

Auch Fine gab ihr bissige Antworten, wo und wie sie immer nur konnte; und selbst Witek fürchtete sich, auf seine Art zu plappern in Gegenwart des Bauern. Sie hatte wirklich rein niemanden mehr, mit dem sie ein Wort reden konnte, höchstens das bißchen Freude und die Zerstreuung, wenn Pjetrek an den Abenden nach der Arbeit leise im Stall auf seiner Geige spielte, denn im Hause erlaubte es ihm der Alte nicht.

Und der Winter war immerzu streng, frostig und stürmisch, so daß man zu Hause sitzen mußte!

Erst so gegen Sonnabend kroch der Alte, obgleich er noch nicht gesund war, aus dem Bett, zog sich warm an, denn es war gerade eine sehr starke Kälte und ging ins Dorf.

Er sah bei verschiedenen ein, hier um sich etwas zu wärmen, dort kam er mit besonderen Angelegenheiten und ließ sich selbst mit solchen ein, an denen er sonst ohne ein Wort vorbeiging, und überall fing er zuerst von dem Vorfall in der Schenke an, drehte alles ins Lächerliche um und erzählte bereitwillig, wie tüchtig er sich angetrunken hätte und daß er dadurch krank geworden wäre.

Man wunderte sich darüber, bestätigte, nickte mit den Köpfen, aber niemand ließ sich was weismachen. Sie kannten doch seinen unbeugsamen Hochmut und wußten nur zu gut, daß man ihn, wenn sein Ehrgefühl dabei im Spiel war, auf lebendigem Feuer hatte rösten können und er hätte doch keinen Laut von sich gegeben; sie wußten auch, wie sehr er sich stets über die anderen erhob, wie er sich blähte und sich für den Besten im Dorf hielt, dabei auch mächtig achtgab, daß die Leute nicht an ihm die Zungen wetzten.

Man begriff es, daß er vorsorgte, um den Klatsch, der entstanden war, zu ersticken.

Und der alte Simeon, der Schultheiß, sagte ihm, wie das so seine Art war, geradeaus ins Gesicht:

»Eia popei, es pflückt der Bauer Pflaumen, und es sind ihrer zwei! Das Menschengerede ist wie Feuer, mit den Krallen werdet ihr es nicht auslöschen, es muß von selbst ausbrennen! Und das will ich euch noch in Erinnerung bringen, was ich da vor der Hochzeit gesagt habe: wenn der Alte eine Junge freit, dann jagt er den Bösen nicht mal mit geweihtem Wasser davon!«

Boryna wurde ärgerlich und ging geradeswegs nach Haus; Jagusch aber, die im Glauben war, daß nun, da er aufgestanden war, alles vorüber sei und zum Alten wiederkehren würde, atmete erleichtert auf und versuchte wieder mit ihm anzuknüpfen, ihm in die Augen zu sehen, sich einzuschmeicheln und in der Stube süß herumzugirren, wie vorher ... Aber bald ernüchterte er sie mit einem solchen scharfen Wort, daß sie ganz außer sich vor Schreck wurde; und auch später änderte er sich nicht, tat nicht zärtlich, zog sie nicht an sich, versuchte nicht ihre Gedanken zu erraten, bemühte sich nicht um ihre Gunst, sondern herrschte sie scharf an, wie eine Dienstmagd, wegen jeder Nachlässigkeit und trieb sie an die Arbeit.

Von diesem Tag an nahm er wieder alles in seine Fäuste, überwachte alles und ließ nichts aus den Händen. Tagelang, nachdem er wieder gesund geworden war, drosch er mit Pjetrek und machte sich in der Scheune am Korn zu schaffen, ohne fast einen Schritt aus dem Gehöft zu gehen, denn sogar an den Abenden brachte er noch die Pferdegeschirre in Ordnung und schnitzte auf dem Holzblock verschiedene Wirtschaftssachen; dabei bewachte er Jagna so fleißig, daß sie selbst nicht einen Schritt tun konnte, ohne daß er nachsehen ging; selbst ihre Festtagskleider hielt er unter Verschluß und trug den Schlüssel mit sich herum.

Was sie da nicht alles auszustehen hatte. Und daß er wegen jeder Kleinigkeit auf sie einschrie und nicht ein gutes Wort für sie hatte, das allein war noch nicht genug; aber er tat noch gerade so, als ob sie nicht die Hausfrau wäre, denn nur der Fine gab er Anordnungen, was zu tun sei, mit ihr nur besprach er verschiedene Angelegenheiten, von denen die Dirn nicht viel verstehen konnte, und ließ Fine allein auf alles Obacht geben.

Und Jagna war wie nicht mehr vorhanden für ihn, sie spann ganze Tage lang, ging wie irr umher oder flüchtete zur Mutter, um sich da auszuklagen und ihr Leid zu erzählen; aber auch die Alte hatte nichts ausrichten können, denn er sagte ihr scharf:

»Die Herrin war sie, konnte tun und lassen was sie wollte, nichts hat ihr gefehlt; sie hat es nicht zu schätzen gewußt, laß sie jetzt was anderes ausprobieren! Und das will ich euch nur gesagt haben, ihr könnt es ihr wiedersagen: solange ich meine Klumpen rühre, werde ich, was mein ist, zu hüten wissen und lasse nicht zu, daß man über mich lacht, wie über eine Strohpuppe, merkt euch das.«

»Um Gotteswillen, sie hat doch nichts Schlimmes getan!«

»Hätte sie was getan, würde ich ihr noch ganz anders beikommen! Es ist mir schon genug, daß sie sich mit dem Antek eingelassen hat!«

»In der Schenke, beim Tanz doch, wo alle dabei waren!«

»Hale, in der Schenke nur! Hale ...!« er hatte es sich nämlich überlegt, daß sie zu Antek hinausgewesen sein mußte, als er damals ihre Schürze im Heckenweg fand.

Er ließ sich also nicht überzeugen, glaubte nicht und hielt fest an seiner Meinung; zum Schluß aber sagte er:

»Ich bin ein guter und friedfertiger Mensch, alle wissen das; aber wenn einer mit der Peitsche nach mir langt, der kann die Runge zu fühlen kriegen.«

»Schlagt den, der schuldig ist, aber Unrecht sollt ihr nicht tun, denn aus jedem Unrecht wächst Vergeltung.«

»Wer seins verteidigt, der tut kein Unrecht!«

»Nur daß ihr rechtzeitig seht, wo euer Eigentum zu Ende ist!«

»Ihr droht, wie ich sehe!«

»Ich sag' nur, was ich zu sagen habe, und ihr vertraut allzusehr auf euch selbst. Denkt nur daran: Wer die anderen zeichnet/ist selbst gezeichnet!«

»Genug hab' ich von euren Lehren und Sprüchen, ich hab' noch meinen eigenen Verstand!« sagte et im Zorn.

Und dabei blieb es, denn die Dominikbäuerin, da sie seine Verstocktheit und seinen Starrsinn sah, kam nicht auf diese Angelegenheit zurück in der Hoffnung, daß es auch schon so vorübergehen und sich einrenken würde, er aber ließ nicht einen einzigen Tag locker, er verbiß sich sogar und gefiel sich in seinem Ärger; und obgleich er des öfteren bei Nacht, wenn er Jagusch weinen hörte, unbewußt hochkam, um schnell nach ihr zu sehen, so besann er sich doch wieder zur rechten Zeit und tat dann, als wäre er aufgestanden, um durchs Fenster zu gucken oder nachzuprüfen, ob die Türen gut verschlossen seien.

Das schleppte sich so ganze paar Wochen lang ohne Unterbrechung; Jagna war es verdrießlich, traurig und so schlecht zumute, daß sie es kaum mehr so ertragen konnte; den Menschen wagte sie nicht in die Augen zu sehen, sie schämte sich vor dem ganzen Dorf, denn alle wußten es gut, was da auf dem Borynahof vor sich ging.

Das Haus mutete ganz finster an, und sie schlichen darin alle leise und ängstlich wie Schatten einher.

In Wahrheit war da auch kaum einer, der bei ihnen einsah, da jeder bei sich zu Hause selbst genug Zank hatte! Auch der Schulze zeigte sich nicht, verärgert darüber, daß Boryna sein Kind nicht hatte aus der Taufe heben wollen; nur einzig die beiden Dominikburschen kamen manchmal vorbei, oder Nastuscha Täubich mit dem Spinnrocken; die kam aber hauptsächlich zu Fine und um sich mit Schymek zu treffen, so daß man von ihr keinen Nutzen haben konnte. Manchmal kam auch Rochus nachzusehen; doch da er die düsteren, verärgerten Gesichter sah, blieb er nur kurz sitzen.

Einzig der Schmied war jeden Abend da und blieb lange, hetzte so gut er konnte den Alten gegen Jagna auf und schmeichelte sich neu in Gunst ein. Natürlich kam auch Gusche oft, um das ihre beizutun, wo es gerade einen Zank gab. Die Dominikbäuerin erschien jeden Tag und wiederholte nun Tag für Tag, Jagna müsse den Alten durch Demut gewinnen.

Was half's, Jagna wollte sich nicht demütigen, nein, um keinen Preis, im Gegenteil: eine Empörung wuchs in ihr und ein Zorn zuckte in ihr immer öfter auf. Sehr viel unterstützte sie darin Gusche, und einmal sagte sie ihr selbst leise:

»Jagusch, du tust mir ja furchtbar leid, als ob du meine leibliche Tochter wärest! Dieser alte Hund tut dir unrecht! Und du leidest wie ein Lämmlein! Nicht so machen es die anderen Weiber! ...«

»Wie denn?« fragte sie neugierig, denn ihre Lage war ihr schon ganz zuwider.

»Den Bösen wirst du durch Güte nicht 'rumkriegen, nur mit noch größerer Bosheit! Wie eine Magd hält er dich, und du sagst nichts dazu; er soll dir ja die Kleider in der Lade verschlossen halten und bewacht dich, wo du stehst und gehst, gibt dir nicht ein gutes Wort/und du, was tust du dagegen? Seufzen, dich grämen und auf Gottes Erbarmen warten! Solange der Mensch nichts selber tut, gibt ihm auch der Herrgott weder Hab noch Gut! Wenn es so auf mich käme, dann würde ich wissen, was zu tun wäre! Die Fine würde ich verprügeln, daß sie mir nicht im Hause regiert, du bist doch die Bäuerin, und dem Mann würde ich auch in nichts nachgeben! Will er Krieg, dann soll er einen solchen haben, daß er ihm bis zum Hals heraushängt! Hale, laß mal das Mannsbild über dich regieren, bald wird er da selbst nach dem Stock greifen, und Gott weiß, womit es dann endet!

Und das erste«, sie senkte die Stimme und flüsterte es ihr ins Ohr, »stell' ihn zurück, wie den Jungstier von der Kuh und laß ihn nicht ein bißchen an dich heran, halt' ihn dir wie einen Hund an der Schwelle! Du wirst bald sehen, wie er weich wird, wie er sich begütigt!«

Jagna sprang vom Spinnrocken auf, um ihr errötetes Gesicht zu verbergen.

»Was schämst du dich, Dumme? Da ist nichts Schlechtes dabei! Alle tun dasselbe und werden es immer tun; ich bin nicht die erste, die so ein Mittel ausgedacht hat! Man weiß ja doch, daß man ein Mannsbild mit dem Weiberrock weiter hinlocken wird, wie einen Hund mit einer Speckschwarte, denn der Hund wird es eher noch gewahr! Und mit einem Alten ist es leichter, wie mit einem Jungen, weil er gieriger ist und auch schwerer in fremden Häusern auf Schaden gehen kann! Tu das, und bald wirst du mir danken! Und was sie da über dich und Antek schnauzen, das nimm dir nicht zu Herzen; wenn du wie der frisch gefallene Schnee wärest, den Ruß finden sie doch auf dir! Das ist in der Welt eine solche Einrichtung, daß sie einen, der sich duckt, nicht einmal durchgehen lassen, wenn er einen Finger krümmt; und wer nicht darauf achtet, was man über ihn sagt, wer fest und keck ist, der kann tun, was ihm nur in den Sinn kommt. Keiner wird selbst mit einem Wörtchen dagegen anmurren, und einschmeicheln werden sie sich bei einem, wie Hündchen! Den Starken gehört die ganze Welt, den Zähen, Unnachgiebigen! Über mich haben sie genug geredet, gerade genug, und über deine Mutter auch, da es doch bekannt war mit diesem Florek ...«

»Rührt mir nicht die Mutter an!«

»Mag sie dir heilig bleiben! Das ist auch wahr, daß jeder etwas Heiliges nötig hat.«

Lange noch redete sie und unterwies sie, und allmählich, wenn auch nicht gefragt, erzählte sie über Antek, was sie sich nur ausdenken konnte! Gierig hörte Jaguscha zu, ohne sich jedoch mit einem Wort zu verraten, und ihre Ratschläge nahm sie sich stark zu Herzen und grübelte darüber einen ganzen Tag. Abends aber, als Rochus, der Schmied und Nastuscha da waren, sagte sie zum Alten:

»Gebt mir doch die Schlüssel zur Lade, die Kleider muß ich durchlüften!«

Er reichte sie ihr etwas beschämt, denn Nastuscha lachte los; trotzdem aber, als sie mit dem Umlegen fertig war, streckte er die Hand nach dem Schlüssel aus.

»Da drinnen ist nur meine Kleidung, dafür paß ich schon selber auf!« sagte sie trotzig.

Und von diesem Abend an fing im Hause die Hölle an! Der Alte änderte sich nicht, aber auch sie ließ nicht nach, und auf ein Wort antwortete sie mit einem Schock und so laut, daß man ihr Schreien auf der Dorfstraße hören konnte. Viel half das nicht; so fing sie denn an, alles dem Alten zum Ärger zu machen.

Auf Fine hackte sie bei jeder Gelegenheit ein und züchtigte sie oft so schmerzlich, daß das Mädchen weinend davonlief, um sich zu beklagen. Das nützte aber nicht viel, denn Jaguscha keifte nur noch mehr, wenn nicht alles nach ihrem Willen ging. Für die Abende ging sie absichtlich auf die andere Seite hinüber, den Alten in der ersten Stube zurücklassend, hielt Pjetrek zum Spielen an und sang zu seiner Begleitung verschiedene Lieder bis spät in die Nacht; dann wiederum putzte sie sich Sonntags aus, so gut sie nur konnte, und ohne auf den Ehemann zu warten, ging sie allein zur Kirche, auf den Wegen mit den Burschen herumstehend.

Der Alte staunte über diesen Wechsel, wütete, versuchte sich dagegen zu stemmen, beugte vor, daß es nicht im Dorf ruchbar wurde, konnte aber nicht gegen ihre Launen an, und immer häufiger gab er nach, um des heiligen Friedens willen.

»Du liebe Güte! Wie ein Lämmlein schien sie, wie ein demütiges Schäflein, und jetzt ist sie wie eine Borste!« rief er einmal, mit der Gusche redend.

»Das Brot bläht sie auf und geht mit ihr durch!« sagte sie empört, denn sie pflichtete immer dem bei, der sie um Rat fragte. »Aber das will ich euch sagen, solange es noch Zeit ist, muß man mit was Hartem die Launen austreiben, denn später wird man selbst mit einer Runge nicht beikommen!«

»Das ist kein Brauch bei den Borynas!« sagte er hochfahrend.

»Es scheint mir, daß es auch bei den Borynas dazu kommt!« murmelte sie bissig.

Ein paar Tage später, gleich nach Mariä Lichtmeß, brachte Ambrosius abends Bescheid, daß der Priester am nächsten Tag seine Weihnachtsrundfahrt beginnen würde.

Sie machten sich gleich am frühen Morgen ans Reinemachen, und sogar der Alte ging selbst daran, den Heckenweg vom Schnee reinzuschaufeln, um der Hölle aus dem Weg zu gehen, denn Jagna hatte das reine Donnerwetter auf Fine losgelassen; sie lüfteten die Stuben, fegten die Spinnweben von den Wänden ab, Fine streute die Galerie und den Flur mit gelbem Sand aus, und eiligst warfen sie sich in ihren Feiertagsstaat, denn der Priester war schon bei den Balcereks in der nächsten Nachbarschaft.

Bald hielt auch sein Schlitten vor der Galerie, und er selbst in einem Chorhemd über dem Pelz, von den beiden Organistenjungen geführt, die wie zur Messe gekleidet waren, trat in die Stube. Er sprach die lateinischen Gebete, besprengte alles und ging auf den Hof, die Gebäude und den ganzen Besitz zu weihen. Boryna trug ihm auf einem Teller Weihwasser nach, der Priester aber betete laut und weihte alles der Reihenfolge nach. Die Organistenjungen gingen daneben, Weihnachtslieder singend und oft mit den Schellen klirrend, der Rest folgte ihnen, wie bei einer Prozession.

Nachdem Hochwürden fertig war, kehrte er in die Stube zurück und setzte sich, um auszuruhen; und bis Boryna mit dem Knecht einen halben polnischen Scheffel Hafer und ein Quartmaß Erbsen in den Schlitten geschüttet hatten, begann er Fine und Witek das Gebet abzuhören.

Sie konnten es so fein, daß er sich selbst verwunderte und danach fragte, von wem sie es gelernt hätten.

»Das Gebet hat mich Jakob gelehrt und den Katechismus und die Fibel Rochus,« antwortete Witek keck, so daß ihn der Priester über den Kopf streichelte; doch Fine hatte dermaßen den Mut verloren, daß sie nur errötete, zu weinen anfing und nicht ein Wort mehr hervorstottern konnte. Er gab ihnen je zwei Heiligenbilder und ermahnte sie, gegen die Älteren gehorsam zu sein, fleißig zu beten und sich vor Sünde zu hüten, denn der Böse lauert auf Schritt und Tritt und überredet einen zur Hölle. Und dann aber, die Stimme erhebend und Jagna anschauend, schloß er drohend:

»Ich sag' euch, nichts wird sich vor den Augen der göttlichen Gerechtigkeit verbergen, nicht das geringste! Hütet euch vor dem Tag des Gerichts und der Strafe, tut Buße und bessert euch, solange es noch Zeit ist!«

Die Kinder brachen in ein Weinen aus, denn es war ihnen zumute, wie in der Kirche während der Predigt. Auch Jaguscha fing das Herz an ängstlich zu klopfen, und eine Röte überzog ihr Gesicht, denn sie verstand es wohl, daß das für sie gemeint war; und als Matheus wieder in die Stube trat, ging sie hinaus, ohne zu wagen, dem Priester in die Augen zu sehen.

»Ich wollte mit euch reden, Matheus!« murmelte der Priester, als sie allein geblieben waren, ließ ihn neben sich sitzen, räusperte sich, reichte ihm die Schnupftabaksdose, wischte sich die Nase mit einem feinen Tuch; von dem, wie Witek später erzählte, ein Duft kam, wie aus einem Weihrauchschiffchen, reckte sich die Finger, daß sie knackten, und begann leise:

»Die Leute haben es mir erzählt, was da in der Schenke geschehen ist!«

»Natürlich, vor aller Augen war es!« bestätigte der Alte traurig.

»Geht doch nicht in die Schenke und bringt dort nicht die Frauen hin, so oft verbiet' ich es, schreie mir die Lunge krank, bitte/nichts nützt; da habt ihr also denn euren Lohn. Aber dankt Gott heiß, daß es keine größere Sünde gewesen ist, ich sag' es euch, keine größere Sünde!«

»Keine!« sein Gesicht erhellte sich, denn dem Priester glaubte er.

»Sie erzählten mir auch, daß ihr sie jetzt grausam dafür straft; da tut ihr unrecht, und wer Ungerechtigkeit begeht, sündigt, ich sage es euch, er sündigt!«

»Ii, wo denn, ich wollte sie nur etwas stramm nehmen, ich wollt' ja nur ...«

»Antek ist schuld, nicht sie!« unterbrach er ihn hitzig. »Absichtlich euch zum Ärger hat er sie zum Tanzen gezwungen, augenscheinlich wollte er mit euch einen Krakeel, ich sag' es euch, einen Krakeel wollte er!« versicherte er feierlich, durch die Dominikbäuerin unterwiesen, auf deren Worte er sich vollständig verließ. »Aber was ich da noch sagen wollte ... aha ... das Fohlen rennt so im Stall herum, man muß es hinter die Umzäunung tun, sonst wird der Wallach noch nach ihm ausschlagen und das Unglück ist fertig; im vorigen Jahr ist mir eins ganz ebenso zuschanden gerichtet worden. Von welchem Hengst denn?«

»Von dem Müller seinem!«

»Das hab' ich gleich an der Farbe und an der Blesse erkannt, ein tüchtiges Fohlen! Aber mit Antek müßtet ihr durchaus Frieden machen, durch diese Ärgernisse ist der Kerl ganz außer Rand und Band geraten.«

»Ich hab' mich nicht mit ihm gezankt, so werd' ich ihn auch nicht um Frieden bitten,« sagte Boryna verbissen.

»Ich rat' es euch als Priester, ihr könnt dann tun, was euch das Gewissen sagt; aber das sag' ich euch: durch eure Schuld geht der Mensch zugrunde. Heute erst haben sie mir erzählt, daß er immerzu in der Schenke sitzt, alle Burschen aufreizt, gegen die Alten schimpft und etwas gegen den Gutshof vorhat.«

»Mir hat man davon nichts erzählt.«

»Wenn ein räudiges Schaf zwischen die Herde kommt, dann steckt es alle anderen an! Und von diesen Aufwiegeleien gegen den Gutshof kann großes Unglück für das ganze Dorf kommen.« Aber Boryna wollte nicht über diese Angelegenheit sprechen, so sprach der Priester noch über dies und jenes und sagte schließlich:

»Nur mit Eintracht, mein Lieber, nur mit Eintracht.« Er nahm eine Prise und setzte die Mütze auf. »Auf Eintracht steht die ganze Welt, einträchtig, auf gütlichem Wege, da würde auch der Gutsherr mit euch einig werden; er sagte es, erwähnte mir etwas darüber, das ist ein guter Mensch, er würde lieber alles gut nachbarlich erledigen ...«

»Wolfsnachbarschaft! Gegen solchen ist ein Knüttel oder Eisen das beste.«

Der Priester machte eine jähe abwehrende Bewegung und sah ihm ins Gesicht; da er aber seinen grauen, kalten, unerbittlichen Augen begegnete und seine zusammengepreßten Lippen sah, drehte er sich rasch weg und rieb sich nervös die Hände, denn er mochte keinen Streit.

»Ich muß schon gehen. Das will ich euch aber noch sagen, ihr solltet nicht mit allzugroßer Strenge die Frau gegen euch verstimmen. Jung ist sie noch, hat es bunt im Kopf, wie jede Frau, da muß man mit ihr klug und gerecht umgehen; manches darf man nicht sehen und nicht hören und auf das andere nicht achten, um sich dadurch gegen Unfrieden zu verwahren, denn daraus kommen die schlechtesten Dinge. Gottes Segen ist mit den Friedfertigen, ich sag es euch, Gottes Segen!/Was ist das für 'n Teufelsfratz!« schrie er, plötzlich aufspringend, denn der unbeweglich neben der Truhe stehende Storch holte mit einem mächtigen Stoß gegen den glänzenden Stiefel des Priesters aus und stieß darauf ein.

»Der Storch doch; Witek hat ihn sich im Herbst hergenommen, denn der arme Vogel ist zurückgeblieben, hat ihn sich auskuriert, weil ja sein Flügel gebrochen war, und jetzt sitzt er hier und fängt Mäuse, wie eine Katze.«

»Na, wißt ihr, einen zahmen Storch hab' ich noch nicht gesehen, seltsam, ganz seltsam!«

Er beugte sich zu ihm und wollte ihn streicheln; aber der Storch ließ sich nicht anfassen, drehte den Hals herum und, seitwärts lauernd, versuchte er wieder gegen den Priesterstiefel auszuholen.

»Wißt ihr, der gefällt mir so, den würd' ich gern euch abkaufen, wollt ihr?«

»Was sollt' ich da verkaufen, der Junge wird ihn gleich hinübertragen nach dem Pfarrhof.«

»Ich schicke den Walek danach.«

»Der läßt sich von keinem anfassen, nur auf Witek hört er.«

Sie riefen den Jungen, der Priester gab ihm einen Silberling und beauftragte Witek, den Vogel in der Abenddämmerung zu bringen, nachdem er von seiner Rundfahrt zurück wäre; aber Witek brach in ein Geheul aus, nahm gleich nach dem Weggehen des Priesters den Storch in den Kuhstall und brüllte dort fast bis zum Abend, so daß der Alte ihn erst mit einem Riemen zur Ruhe bringen mußte, um ihn an das Hinübertragen des Vogels erinnern zu können. Natürlich mußte der Junge gehorchen, aber sein Herz krampfte sich ihm vor Leid und Bitternis zusammen; selbst die Schläge fühlte er nicht sehr, ging mit vor Weinen geschwollenen Augenlidern wie blöd umher und stürzte, sobald er nur konnte, immer wieder auf den Storch, umarmte und küßte ihn, und schluchzte immer wieder kläglich auf ...

In der Dämmerung aber, als der Priester schon aus dem Dorf heimgekehrt war, bedeckte er den Storch mit seinem Rock, um ihn gegen die Kälte zu schützen und trug ihn mit Fine gemeinsam hinüber, denn der Vogel war schwer. Hin und wieder noch aufschluchzend, trugen sie ihn auf den Pfarrhof und Waupa begleitete sie; aber auch er bellte etwas mißmutig.

Je länger der Alte die Worte des Priesters überlegte und das, was ihm dieser so aufrichtig versichert hatte, desto heiterer wurde er, beruhigte sich und änderte langsam und unmerklich sein Benehmen Jagna gegenüber.

Alles kehrte zum früheren Zustand zurück; aber das frühere, freudige Leben wollte nicht wieder ins Haus einziehen, auch die innere Ruhe nicht und das stille tiefe Vertrauen.

Es war wie mit einem zerschlagenen Topf, der, wenn er auch bedrahtet und vollständig wieder ganz zu sein scheint, doch irgendwo durchsickert und das Wasser an irgendeiner solchen Stelle durchläßt, daß man sie selbst nicht gegen das Licht erkennen kann.

So war es jetzt auf dem Borynahof bestellt, denn in diesen Frieden sickerten, wie durch unkenntliche Ritzen, lauerndes Mißtrauen, kaum verblaßter Groll und noch ganz lebendiger und nicht erstickter Verdacht.

Der Alte nämlich, verlor sein Mißtrauen nicht trotz der aufrichtigsten Mühe, die er sich gab, und achtete fast unwillkürlich immerzu auf jede Bewegung Jagnas; sie aber hatte nicht auf einen Augenblick seine Wut und seine scharfen Worte vergessen und kochte nur immer so vor Rachegedanken, ohne imstande zu sein, sich diesen durchdringenden und bewachenden Blicken zu entziehen.

Vielleicht aber begann sie gerade darum, daß er sie ständig belauerte und ihr nicht glaubte, ihn um so mehr zu hassen und immer unwiderstehlicher nach Antek hinzustreben.

Sie hatte sich schon so geschickt einzurichten gewußt, daß sie jede paar Tage ihn am Schober traf. Darin war ihnen auch Witek behilflich, der wegen dem Storch gar kein Herz mehr für den Bauern hatte und sich an Jagna hing, da sie ihm jetzt auch besseres Vesperbrot gab, mit mehr Belag, und da ihm nun auch von Antek nicht selten ein paar Groschen abfielen. Hauptsächlich aber half ihnen Gusche; sie hatte sich dermaßen in Jagnas Gunst einzuschmeicheln vermocht und so viel Vertrauen bei Antek erweckt, daß es den beiden geradezu unmöglich war, sich ohne ihre Beihilfe zu treffen. Sie war es auch, die Nachrichten von einem zum anderen herübertrug, die die beiden gegen den Alten schützte und sie vor Überraschungen bewahrte. Und alles das tat sie aus reinem Groll gegen die ganze Welt! Sie rächte sich nur bei den anderen für ihr eigenes Elend und Unrecht; sie konnte nämlich weder Jagna noch Antek leiden, noch weniger aber den Alten, wie schließlich alle Reichen im Dorf, die da alles hatten, während für sie selbst nicht einmal ein Winkel übrigblieb, wo sie ihr Haupt hätte hinlegen können und wo auch nur ein Löffel Nahrung für sie zu finden gewesen wäre. Gleich stark haßte sie aber auch die Armen und höhnte noch obendrein über sie.

Geradezu die Teufelsgevatterin oder selbst noch etwas Schlimmeres war sie, was man ihr allerwegs nachsagte.

»Sie werden sich bei den Köpfen fassen und wie die wütenden Hunde totbeißen,« dachte sie oft, sehr über ihr Werk zufrieden; da man aber im Winter nicht viel zu arbeiten hatte, so ging sie mit dem Spinnrocken von Haus zu Haus, horchte aus und stachelte die einen gegen die anderen auf, sich über alle zugleich lustig machend. Sie wagten nicht, die Tür vor ihr zu schließen aus Angst vor ihrer bösen Zunge, hauptsächlich aber, weil man ihr den bösen Blick nachsagte ... sie sah auch zu den Anteks ein, traf ihn aber am häufigsten, wenn er von der Arbeit heimkehrte, und steckte ihm dann die Neuigkeiten über Jagna zu.

Etwa zwei Wochen nach der Anwesenheit des Priesters im Borynahof wurde sie seiner in der Nähe des Weihers habhaft.

»Das will ich dir nur sagen, mächtig hat der Alte beim Priester auf dich geschimpft.«

»Weswegen hat er denn da wieder gejaffelt?« fragte er nachlässig.

»Daß du die Menschen gegen den Gutshof aufwiegelst, daß man dich den Gendarmen übergeben müßte und noch anderes ...«

»Laß ihn nur versuchen! Ehe sie mich nehmen, würde ich ihm einen solchen roten Hahn aufs Dach setzen, daß nicht Stein auf Stein übrigbliebe!« rief er leidenschaftlich.

Sie kam gleich mit dieser Neuigkeit zum Alten angerannt; er dachte lange nach und sagte schließlich leise:

»Das sieht ihm ähnlich, diesem Räuber, das sieht ihm ähnlich.«

Mehr sagte er nicht, er wollte keine Vertraulichkeiten mit einem Frauenzimmer; als aber Rochus abends kam, vertraute er sich ihm an.

»Glaubt nicht alles, was Gusche bringt, das ist eine schlechte Frau!«

»Vielleicht ist es auch nicht wahr, aber es hat schon ähnliches gegeben. Der alte Pritschek hat doch bei seinem Schwager angezündet, weil er ihn bei der Teilung der Erbschaft benachteiligt hatte; im Kriminal hat er deswegen gesessen, aber 'runtergebrannt hat er ihm seins doch. Das könnte Antek auch tun, er muß was darüber erwähnt haben, ganz von selbst hätte sie sich das nicht ausgesonnen.«

Rochus, der ein guter Mensch war, wurde darüber sehr besorgt und fing an, ihn zu überreden.

»Versöhnt euch doch, laßt ihm doch etwas von dem Grund und Boden ab, auch er muß leben; um so eher kommt er zur Vernunft, und es werden schon keine Gründe zum Gezänk und zu Drohungen sein.«

»Das tu' ich nicht, nein! und sollte ich darum ganz zugrunde gehen und mit Bettelsäcken losziehen/dann werd' ich gehen; aber solange ich lebe, geb' ich nicht ein Ackerbeet ab. Daß er mich geschlagen und wie einen Hund traktiert hat, das tät' ich vergeben, obgleich es einem schwer ankommt/ wenn er aber auch noch so was vorhat! ...«

»Vorgeschwatzt haben sie euch was, und ihr nehmt's zu Herzen!«

»Natürlich, daß es Unwahrheit ist, natürlich ... aber daß dieses möglich wäre, darüber läuft es einem ordentlich kalt durch die Knochen, und der Verstand geht einem schier umeinander ... wenn ich denke, daß so was geschehen könnte ...«

Er erstarrte förmlich vor Grauen bei der alleinigen Vermutung einer solchen Möglichkeit und ballte die Fäuste. Er wußte nichts Bestimmtes, dachte auch nie darüber nach und war sogar im Innern tief von Jaguschas Unschuld überzeugt; aber es kam ihm jetzt plötzlich, daß in diesem Sohneshaß gegen ihn etwas mehr sein mußte, als Wut und Groll wegen des Grund und Bodens, daß diese hartnäckige Feindschaft, die er damals in seinen Augen gesehen hatte, aus einem anderen Quell kommen mußte, das fühlte er gut/und gerade in diesem Augenblick fühlte er in seinem Innern denselben kalten, rachegierigen und unerbittlichen Haß, so daß er zu Rochus gewandt leise sagte:

»Zu eng ist es für uns beide in Lipce!«

»Was euch nur in den Kopf kommt, was?« rief dieser erschrocken aus.

»Und Gott bewahre, daß er mir je unter die Finger kommt bei einer solchen Gelegenheit ...«

Rochus beruhigte ihn, redete auf ihn ein, konnte aber nichts erreichen.

»Er wird mich verbrennen, ihr werdet es sehen.«

Seit dieser Zeit fand er nur selten Ruhe. Bei jedesmaligem Hereinbrechen der Dämmerung hielt er in unauffälliger Weise Wacht, lauerte hinter den Ecken herum, ging ums Haus und um die Gebäude und sah unter die Strohdächer. Auch nachts wachte er oft auf, horchte ganze Stunden lang, und bei dem geringsten Lärm sprang er aus dem Bett und durchsuchte mit seinem Hund alle Winkel und Ecken. Einmal erspähte er am Schober ausgetretene, halb zugewehte Spuren, er entdeckte sie später auch noch beim Zaunüberstieg und vergewisserte sich noch mehr in der Überzeugung, daß Antek nachts herausschleiche und nur die Gelegenheit suche, um bei ihm Feuer anzulegen; etwas anderes kam ihm noch nicht in den Sinn.

Er kaufte vom Müller einen sehr bösen Hund, zimmerte ihm ein Hundehaus am Schuppen zurecht, reizte ihn immerzu, gab ihm wenig zu essen und tat ihn immer noch hetzen, so daß das Tier die ganzen Nächte lang wütend heulte und jedermann anging. Manch einen hatte es schon ordentlich zugerichtet, und man hatte darüber schon verschiedenfach Klage geführt.

Aber bei all den Vorsichtsmaßregeln und dem vielen Wachen wurde der Alte magerer und zehrte so ab, daß ihm der Gurt schon auf die Hüften hinabrutschte und tiefe Schatten in sein Gesicht kamen; der Rücken wurde krumm, seine Füße begann er nachzuschleifen und war bald rein zu einem Hobelspan ausgedörrt von all den heimlichen Sorgen und Gedanken. Seine Augen glühten, wie in einer Krankheit.

Da er aber mit niemandem näheren Umgang pflegte und niemanden hatte, bei dem er sich erleichtern konnte, so brannten und versengten ihn denn diese heimlichen Gluten noch mehr.

Niemand erriet auch, was ihm da in den Eingeweiden saß und seine Kräfte untergrub.

Man wußte nur, daß er jetzt mehr über sein Hab und Gut wachte, sich einen bösen Hund angeschafft hatte, ganze Nächte lang aufpaßte, und man glaubte, es wäre darum, weil die Wölfe sich in diesem Winter über alle Maßen vermehrt hatten; denn selten verging eine Nacht, daß sie nicht in Rudeln an das Dorf heranschlichen, man hörte öfters ihr Heulen, und häufig untergruben sie Kuhställe, um zu den Kühen zu gelangen; hier und da gelang es ihnen auch, sich etwas wegzuholen. Und außerdem, wie das so immer der Fall war, wenn es nach dem Frühling ging, machten immer häufiger Gerüchte über Diebe die Runde; sie sollten einem Bauer aus Dembica ein paar Stuten gestohlen haben, in Rubka einen Masteber, dann wiederum anderweitig eine Kuh/und wie ein Stein, der ins Wasser gefallen ... keine Spur von ihnen! Manch einer in Lipce kratzte sich denn auch den Schädel, besah die Verschlüsse und bewachte den Stall, da sie ja die besten Pferde der Umgegend hatten.

Und so ging die Zeit langsam, gleichmäßig, wie die Stunden in einer Uhr dahin, man konnte ihr weder voraneilen, noch sie aufhalten!

Der Winter war immer noch streng, obgleich veränderlich, wie selten; es kamen solche Fröste, wie die Ältesten sich nicht erinnerten, dann gingen gewaltige Schneemengen nieder, es folgten ganze Wochen Tauwetter, daß das Wasser hoch in den Gräben stand und hier und da auch die Ackerbeete schwarz hervorlugten, oder es kamen solche Schneegestöber und Stürme, daß man die Welt nicht mehr sah, und darauf wieder ruhige Tage, an denen die Sonne so wärmte, daß die Wege von Kindern wimmelten. Die Türen wurden aufgerissen, Freude erfaßte die Menschen, und die Alten wärmten sich an den Wänden.

In Lipce ging aber alles nach den uralten Ordnungen, wem Tod bestimmt war/der starb, wem Freude/der vergnügte sich, wem Armut/der klagte, wem Krankheit/der beichtete und wartete auf das Ende/und man schob sich so mit Gottes Hilfe von Tag zu Tag, von Woche zu Woche vorwärts, um nur den Frühling erst zu erleben, oder das was einem bestimmt ist.

Indessen erklang jeden Sonntag die Musikkapelle in der Schenke, man tanzte, trank, zankte manchmal, griff auch einander an die Schöpfe, daß der Priester darauf von der Kanzel ermahnen mußte, und natürlich auch langwierige Gerichtsverhandlungen danach kamen. Die Hochzeit von Klembs Tochter wurde gefeiert, drei Tage lang hatte man sich vergnügt, und so großspurig, daß der Klemb, wie man sagte, fünfzig Rubel beim Organisten für diese Hochzeitsfeier hinzuborgen mußte. Der Schultheiß richtete auch eine nicht schlechte Verlobungsfeier seiner Tochter mit Ploschka her. Anderwärts wurden Taufen gefeiert, aber wenige nur, weil es noch nicht die Zeit war, denn viele Frauen erwarteten erst etwas zum Frühjahr.

Auch der alte Pritschek war um diese Zeit gestorben, kaum daß er eine Woche lang krank war, und er war erst im vierundsechzigsten Lebensjahr, der arme Teufel; das ganze Dorf ging zum Begräbnis, denn die Kinder hatten ein feines Leichenmahl gegeben ...

Wo man sich aber an den Abenden zum Spinnen versammelte, fanden sich so viele Mädchen und Burschen ein und es kam solches Vergnügen, solches Gelächter und solche Fröhlichkeit auf, daß es eine Freude war; und auch Mathias, der wieder ganz hergestellt war, führte die Jugend an und trieb den meisten Schabernack.

Und das viele Getratsch und Geklatsch, verschiedene Verdrießlichkeiten, Gezänk, nachbarlicher Hader, Neuigkeiten/ das ganze Dorf hallte davon wider. Und manchmal traf es sich, daß ein Bettler kam, der viel herumgewesen war, allerhand über die Welt erzählte und wochenlang im Dorf saß.

Manchmal kam auch ein Brief von einem der Burschen, die beim Militär waren; was aber dann da gelesen, beratschlagt und erzählt wurde, was die Mädchen dann da zu seufzen und die Mütter zu weinen hatten, das reichte für ganze Wochen.

Auch andere Sachen kamen vor! Die Magda war in die Schenke in Dienst gegangen; Borynas Hund hatte Walek seinen Jungen gebissen, daß man dem Alten mit Prozeß drohte; Andreas seine Kuh war an einer Kartoffel erstickt, so daß sie Ambrosius notschlachten mußte; Gschela borgte vom Müller hundertundfünfzig Rubel und gab als Pfand seine Wiese her; dann wieder hatte der Schmied ein paar Pferde gekauft, worüber man sich sehr verwunderte und sich mächtig aufhielt. Hochwürden waren eine ganze Woche lang krank gewesen, daß selbst ein Priester aus Tymow kommen mußte, ihn zu vertreten; von den Dieben sprach man, von verschiedenen Gespenstern plapperten die Weiber; auch von den Wölfen erzählte man sich recht häufig, daß sie zum Beispiel die Schafe im Gutshof abgewürgt hätten. Man sprach über die Wirtschaft, über die Welt und die Menschen und von verschiedenen anderen Dingen, wer könnte das alles behalten und erzählen! Und so war immerzu was Neues, daß es allen für die Tage und die langen Abende reichte, denn jeder hatte ja im Winter keinen Mangel an Zeit.

Desgleichen unterhielt man sich auf dem Borynahof, nur mit dem einen Unterschied, daß der Alte immerzu wie angewachsen zu Hause saß, zu keinen Vergnügungen hinging und auch den Frauen das Hingehen nicht erlaubte, so daß Jagna schon die Verzweiflung ankam und Fine ganze Tage lang vor Ärger maulte, die Zeit wurde ihr zu Hause furchtbar lang. Das einzige Vergnügen, das er ihnen nicht verbot, war mit den Spinnrocken auf Besuch zu gehen, aber auch nur dorthin, wo sich lauter ältere Frauen versammelten.

Sie saßen denn die Abende meistens zu Hause.

Eines Abends, so gegen Ende Februar, hatten sich auf dem Borynahof ein paar Personen zusammengefunden und saßen auf der anderen Seite des Hauses; die Dominikbäuerin webte bei einem kleinen Lämpchen das Leinen. Sie hatten sich wegen des starken Frostes um den Herd versammelt. Jagna und Nastuscha spannen, daß die Spindeln surrten; das Abendessen war noch am Kochen, und Fine wirtschaftete in der Stube herum; der Alte aber paffte den Rauch seiner Pfeife in den Rauchfang und schien tief nachzusinnen, denn er sprach kaum ein Wort. Allen war diese Stille langweilig/denn nur das Feuer knatterte, das Heimchen knarrte, und der Webestuhl in der Ecke schlurrte von Zeit zu Zeit; niemand redete ein Wort, so fing denn Nastuscha als erste an:

»Geht ihr denn morgen zu Klembs mit den Wocken?«

»Maruscha ist heute bitten gewesen.«

»Rochus hat versprochen, daß er dort aus den Büchern Geschichten von den Königen lesen wird.«

»Ich würd' schon hingehen, aber ich weiß es noch nicht ...« Sie sah fragend zum Alten hinüber.

»Dann geh' ich auch hin, Väterchen ...« bat Fine.

Er antwortete nicht, denn der Hund bellte laut auf der Galerie, und gleich darauf schob sich schüchtern Jaschek der Verkehrte, den sie zum Spott so nannten, zur Stube hinein.

»Schließ' die Tür, du Dämlak, hier ist kein Kuhstall!« schrie die Dominikbäuerin.

»Fürchte dich nur nicht, wir werden dich hier nicht auffressen. Was siehst du dich so um?« fragte Jagna.

»Weil ... der Storch ... der lauert gewiß, er will mich nur hacken ...« stotterte er, mit erschrockenen Augen nach allen Ecken spähend.

»Hoho, den Storch haben der Bauer Hochwürden herausgegeben, der tut dir schon nichts mehr!« brummte Witek.

»Ich weiß auch nicht, wozu man ihn halten mußte, hat nur den Menschen Unrecht getan.«

»Setz' dich, red' kein dummes Zeug!« befahl ihm Nastuscha, einen Platz neben sich freimachend.

»Hale, wem hat er was getan, den Dummen nur und den fremden Hunden! Ging wie ein Gnädiger in der Stube herum, fing Mäuse, ging allen aus dem Weg, und doch haben sie ihn weggetan!« murmelte der Junge mit einem Vorwurf.

»Still, still man, zum Frühjahr wirst du dir einen anderen zähmen, wenn es dir so leid tut wegen dem Storchvieh.«

»Nee, zähmen tu' ich mir keinen, denn auch dieser wird wieder mein; laß es nur erst warm werden, da hab' ich mir schon so ein Mittel dafür ausgedacht, daß er es auf dem Pfarrhof nicht aushalten wird und ankommt.«

Jaschek wollte durchaus dieses Mittel erfahren, aber Witek knurrte nur:

»Dummer! kannst die Hühner befühlen? Denkst wohl, daß du was Besseres raten kannst. Wer seinen Verstand hat, der wird auch sein Mittel finden und wird es nicht von anderen nehmen!«

Nastuscha schimpfte ihn aus, Jaschek in Schutz nehmend, denn sie hielt viel von ihm; etwas dummelig war er schon, man lachte über ihn im Dorf und ein Tölpel war er auch, aber der einzige Sohn auf zehn Morgen; das Mädchen rechnete also, daß Schymek doch nur fünf hatte und man auch noch nicht wußte, ob die Dominikbäuerin ihm erlauben würde zu heiraten; so hatte sie denn den Burschen auf sich ganz versessen gemacht, daß er ihr immerzu nachlief, sie wollte ihn sich für den Notfall vorbehalten.

Jetzt saß er neben ihr, sah ihr in die Augen und überlegte, was er da wohl sagen könnte, als der Schulze eintrat. Er war wieder mit dem Alten versöhnt; gleich an der Schwelle rief er laut aus:

»Eine Zustellung hab' ich euch gebracht, ihr sollt morgen mittag zum Gericht.«

»Wegen der Kuh, zweite Instanz?«

»So steht es hier auch, wegen der Kuh gegen den Gutshof!«

»Früh muß man wegfahren, denn nach der Kreisstadt ist es ein Stück Wegs. Witek, geh' gleich zu Pjetrek und macht alles zurecht, was nottut, du fährst mit als Zeuge; und ist Bartek benachrichtigt?«

»Ich bin heut im Amt gewesen, und für alle hab' ich Aufstellungen gebracht, im ganzen Haufen werdet ihr hinfahren; der Gutshof ist schuld, laß ihn zahlen.«

»Und ob, vielleicht nicht, so eine Kuh!«

»Kommt auf die andere Seite, ich hab' noch mit euch zu reden,« flüsterte der Schulze.

Sie gingen hinüber und saßen da so lange, daß ihnen Fine dort das Abendbrot bringen mußte.

Der Schulze beredete Boryna, und nicht zum erstenmal, er möge sich ihnen anschließen und es mit dem Gutshof nicht ganz verderben, die Gerichtsentscheidung hinausschieben und warten, aber nicht zu Klemb und zu den anderen halten und dergleichen mehr. Der Alte schwankte noch immer, berechnete, sagte nicht nein und neigte sich weder nach der einen noch nach der anderen Seite, denn er war sehr erzürnt, daß ihn der Gutsherr nicht zur Beratung beim Müller hinzugezogen hatte.

Der Schulze aber, da er sah, daß er ihm nicht beikommen konnte, sagte zum Schluß, um ihn anzulocken:

»Wißt ihr, daß ich, der Müller und der Schmied uns mit dem Gutshof geeinigt haben, daß wir drei allein das Holz nach der Sägemühle und dann die Bretter nach der Stadt fahren?«

»Das versteht sich, daß ich das weiß; genug haben die anderen doch, gerade genug auf euch geflucht, daß ihr niemanden was verdienen laßt.«

»Das geht mich gerade viel an, was die da schnauzen, schade um die Zeit; da will ich euch aber sagen, was wir drei beschlossen haben/paßt nur auf, was ich euch sage.«

Der Alte blinzelte nur mit den Augen und überlegte, was das für eine List sein sollte.

»Wir haben beschlossen, euch mit zur Kompanie zuzulassen. Fahrt mit uns! Gute Pferde habt ihr, der Knecht faulenzt jetzt nur herum, und der Verdienst ist sicher. Sie zahlen nach Kubik. Bis die Arbeiten im Feld beginnen, werdet ihr mindestens an die hundert Rubel verdienen.«

»Wann wollt ihr mit dem Einfahren beginnen?« sagte er nach langer Überlegung.

»Selbst morgen, wenn es sein soll! Sie fällen schon auf dem näheren Hau, die Wege sind auch nicht schlecht, da kann man, solange die Schlittenbahn anhält, viel zusammenbringen, mein Knecht fährt Donnerstag los.«

»Verflucht noch mal, wenn ich aber nur wüßte, wie diese meine Sache mit der Kuh ausfallen würde!«

»Schlagt euch nur zu uns, und sie wird schon gut ausfallen, ich, der Schulze, sag' es euch ...«

Der Alte überlegte lange, aufmerksam den Schulzen beäugend, schrieb was mit Kreide auf die Bank, kratzte sich den Kopf und sagte:

»Gut, ich werde mit euch Holz einfahren und will mich mit euch zusammenspannen.«

»Wenn es so ist, dann seht mal morgen nach der Gerichtssitzung beim Müller ein, dann wollen wir noch beraten; ich muß aber schon laufen, denn der Schmied beschlägt mir den Schlitten.«

Er ging sehr zufrieden davon, in der Überzeugung, daß er den Alten mit diesem Holzeinfahren festgelegt und auf seine Seite hinübergebracht hatte.

»Versteht sich, der Müller konnte mit dem Gutshof Abkommen treffen, sein Grund und Boden war nicht Bauernland und der Wald ging ihn nichts an; auch der Schulze saß auf ehemaligem Kirchland, der Schmied ebenso, aber doch nicht er, Boryna! Das Holz einfahren für sich, und die Sache um den Wald für sich,« rechnete er; »bevor eine Einigung mit dem Gutsherrn zustande kommt, oder ehe es zum Krieg kommt, wird noch viel Zeit vorübergehen ... was schadet's ihm, wenn er denen beipflichtet, sich auf den Dummen ausspielt und mit ihnen Part macht, er wird auch dann nicht ablassen von dem was sein ist; inzwischen aber kann er seine sechzig, siebzig Rubel verdienen, die Pferde müssen ja auch so Futter kriegen, und der Knecht muß bezahlt werden!« Er schmunzelte in sich hinein, rieb sich die Hände und murmelte zufrieden.

»Dumme Biester, dumm wie die reinen Schöpse, glauben, daß sie mich am Strick haben, wie ein Kalb, die Dummen.«

Er kehrte vergnügt zu den Frauen zurück. Jaguscha war nicht in der Stube.

»Wo ist denn Jaguscha?«

»Den Schweinen haben sie das Futter hingetragen!« erklärte Nastuscha.

Er redete fröhlich dies und jenes, scherzte mit Jaschek, mit der Dominikbäuerin und wartete immer ungeduldiger auf die Frau, denn sie kam ziemlich lange nicht zurück; er ließ sich nichts anmerken und ging auf den Hof hinaus. Witek und Pjetrek richteten auf der Tenne in der Scheune den Schlitten für die morgige Fahrt, man mußte den Wagenkorb auf die Kufen stellen und ihn daran befestigen. Er sah zu, redete, guckte zu den Pferden ein, zu den Schweinen, in den Kuhstall /Jagna war nirgends zu sehen. Er blieb unter der Dachtraufe, etwas im Schatten stehen und wartete. Die Nacht war dunkel, ein kalter Wind flog auf, und es sauste in den Lüften; große schwarze Wolken jagten in Rudeln über den Himmel, der Schnee stäubte hin und wieder.

Vielleicht in einem oder zwei Paternostern tauchte ein Schatten auf dem Gang vom Zaunüberstieg auf/der Alte schob sich rasch hervor, sprang heran und flüsterte wütend:

»Wo warst du denn, was?«

Aber Jagna, obgleich sie sich zuerst erschrocken hatte, sagte spöttisch:

»Seht nach, ob ihr nicht mit der Nase den Weg findet!«

Er fing nicht mehr darüber in der Stube an, und als sie sich zum Schlafen bereiteten, sagte er gütig und ganz weich, ohne die Augen aus Jagna zu erheben:

»Willst du denn morgen zu den Klembs laufen?«

»Wenn ihr's nicht verbietet, dann gehen wir, ich und die Fine.«

»Möchtest du, dann werd' ich dich nicht hindern ... Aber zur Gerichtsverhandlung muß ich hin, das Haus bleibt unter Gottes Obhut allein; besser wär' es, du bliebest zu Hause ...«

»Werdet ihr denn nicht vor Nacht heimkommen? ...«

»Es scheint mir, daß es wohl erst spät in der Nacht sein wird ... es sieht nach Schnee aus, weit ist es auch, ich werde nicht zurecht kommen ... Aber wenn du durchaus darauf dringst, dann geh', ich will es dir nicht verwehren ...«

 

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