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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialAm Tage der heiligen drei Könige, der in diesem Jahre gerade auf einen Montag fiel, zog das Volk, bevor noch der Abendgottesdienst zu Ende war, denn es klang noch Gesang und Orgelspiel von der Kirche herüber, bedächtigen Schritts zur Schenke, da zum erstenmal nach der Adventszeit und nach Weihnachten Tanzmusik sein sollte, und außerdem auch die Verlobung der Malgoschka Klemb mit Wizek Socha bevorstand; dieser Socha, obgleich er sich ebenso schrieb, wie der verstorbene Jakob, leugnete jegliche Verwandtschaft mit ihm, da er ein schlechter Mensch war und sich auf seine paar Morgen mächtig viel einbildete.

Man sagte auch, daß Stacho Ploschka, der schon seit der Kartoffelernte der Schultheißentochter Ulischja den Hof machte, heute auch gewiß die Angelegenheit mit Schnaps begießen und mit dem Alten alles in Ordnung bringen würde. Dieser war ihm nicht gewogen und versagte ihm die Tochter, da Stacho ein mächtiger Draufgänger und ein unbezwingbarer Sausewind war und mit seinen Eltern immerzu in Streit lag; er wollte auch zu der Ulischja noch ganze vier Morgen oder zweitausend Rubel Auszahlung in bar haben und zwei Kuhschwänze obendrein.

Auch der Schulze feierte heute Taufe, aber zu Hause; trotzdem rechneten viele von seinen Bekannten, daß er, wenn er sich erst einen angetrunken hätte, nicht mehr zu Hause bleiben würde und mit der ganzen Kompanie in die Schenke käme, und spendieren würde er dann auch.

Außer diesen Lockmitteln gab es noch größere, wichtigere Angelegenheiten, die im gleichen Maße alle beschäftigten.

Denn es war so geschehen, daß man während des Hochamts von Leuten aus anderen Dörfern in Erfahrung gebracht hatte, der Gutsherr hätte, was er an Menschen für den Schlag brauchte, schon verdingt, und die Handgelder waren schon gegeben. Aus Rudka sollten zehn gehen, fünfzehn aus Modlica, an die acht aus Dembica und von den kleinadligen Dörflern derer von Rschepetzki nahe an die zwanzig, aus Lipce aber keiner. Die Tatsache war also klar und sicher, denn auch der Förster selbst, der zum Hochamt da war, hatte es bestätigt.

Nicht klein war denn auch die Sorge, die sich auf die Ärmeren legte, und nicht leicht.

Gewiß gab es in Lipce Reiche genug, die den ganzen Mund voll nehmen konnten, und noch mehr; und auch selbst geringeres Volk, das sich nichts aus Nebenverdiensten machte. Aber es waren auch solche da, bei denen die Armut zum Fenster herausschrie, obgleich sie das nicht gerne wahr haben wollten, um die Freundschaft mit den Reichen nicht zu verlieren und stets mit ihnen auf gleich und gleich zu gelten; es fehlte außerdem auch nicht an Kätnern und an solchen, die nur ihre Hütten hatten, die alle mit Dreschen bei den Hofbauern oder an der Sagemühle mit der Art sich ihr Geld verdienten, und wo sich nur Arbeit fand, dabei waren. Die konnten sich sowieso kaum so viel zusammenkratzen, daß sie mit Gottes Hilfe durchkamen, und es blieben immer noch etwa fünf Familien, für die es im Winter völlig an Arbeit fehlte; und gerade diese warteten, wie auf Erlösung, auf die Arbeit im Schlag.

Und was jetzt anfangen?

Der Winter war hart, nur wenige hatten vorrätiges Geld und manchen waren schon die Kartoffeln ausgegangen. Not herrschte in den Hütten; und der Hunger grinste zur Tür hinein; bis zum Frühling war es noch weit und von nirgendwo Hilfe; kein Wunder, daß schwere Besorgnis auf die Seelen fiel. Sie hielten in den Häusern Versammlungen ab, überlegten hin und her, bis sie schließlich in einem großen Haufen zu Klemb kamen, daß er sie zum Pfarrer führen möchte, um dort Rat zu holen; aber Klemb redete sich mit der Verlobungsfeier seiner Tochter heraus, auch die anderen Hofbauern drehten sich wie die Aale, denn es war ihnen nur um sich selbst zu tun, und ihre Berechnung hatten sie auch dabei. Darüber wurde der Bartek von der Sägemühle ganz erzürnt, denn obgleich er selbst Arbeit genug hatte, hielt er es doch mit dem armen Volk. Er nahm sich noch den Philipp von jenseits des Weihers hinzu, Stacho, den Schwiegersohn von Bylica, den Bartek Kosiol und Walek mit dem schiefen Maul, und alle gingen sie zu Hochwürden mit der Bitte, sich beim Gutsherrn für das arme Volk zu verwenden.

Sie kamen lange nicht wieder zum Vorschein; erst nach der Vesper kam Ambrosius zu dem Kobusbauer angelaufen und erzählte, daß sie sich mit dem Pfarrer berieten und später gleich in die Schenke kämen.

Inzwischen war es Abend geworden, die letzten Gluten brannten aus und glühten nur noch hier und da im Westen auf, wie in grauer Asche verlöschende Scheite und langsam hüllte sich die Welt in das bläuliche eiskalte Leinentuch der Nacht ein. Der Mond war noch nicht zu sehen, aber von den trockenen, frostumfangenen Schneemassen kamen kalte eisige Scheine, in denen jedwedes Ding aussah, als hätte es ein Totenhemd um und wäre schon gestorben; nun fingen auch die Sterne an, sich über den dunklen Himmel auszustreuen, und sie wuchsen und funkelten so in jenen Weiten und leuchteten so lebhaft, daß ein Gleißen über das Schneeland ging. Auch der Frost nahm mächtig zu, und eine solche böse Kälte entstand, daß es in den Ohren summte, und selbst der leiseste Laut flog in die Weite hinaus.

In den Hütten hatte man schon Licht angebrannt, man eilte mit den abendlichen Arbeiten und trug noch Wasser vom Weiher; manchmal knarrte ein Tor, oder ein Vieh ließ sich vernehmen, ein Schlitten eilte nach Hause, und die Menschen liefen rasch über die Gehöfte, denn der Frost brannte wie mit glühendem Eisen ins Gesicht und benahm den Atem; im Dorf wurde es allmählich schon stiller.

Nur von der Schenke ließen sich die Stimmen der Musik immer schärfer vernehmen, und natürlich machte sich fast aus jedem Haus irgendwer auf und ging hinüber, um Nachrichten zu holen; und manche, die weder eine Verlobung noch ein Geschäft hatten, zogen hin, weil sie den Schnaps witterten. Da es aber auch den Frauenzimmern über wurde, allein zu Hause zu sitzen, und die Mädchen es gar nicht mehr aushalten konnten ohne Amüsement, so daß ihnen die Füße schon von selbst in Erwartung der Musik gingen, kam auch das Weibsvolk nach der Schenke gelaufen, ehe es noch ganz dunkel wurde, um die Männer sozusagen nach Hause zu treiben; sie blieben dann aber. Den Eltern nach kamen auch die Kinder, die schon in den Jahren waren, besonders die Burschen; sie lockten sich durch Pfiffe an den Heckenwegen und erschienen haufenweise, den Flur der Schenke und die Wandbänke vor dem Haus besetzend, obgleich der Frost wie mit lebendigem Feuer zu Leibe ging.

In der Schenke aber war schon ein tüchtiges Gedränge. Ein mächtiges Feuer loderte auf dem Herd, so daß die Hälfte der Stube von dem blutigen Schein der Scheite übergossen war, die der Jude durch seine Magd ständig nachwerfen ließ. Wer hereinkam, putzte seine Stiefel am Feuerherd, wärmte sich die steifgefrorenen Hände und schob sich ins Gedränge, die Seinen ausfindig zu machen; denn trotz des Herdfeuers und der Lampe über der Tonbank lagen die Ecken im Dunkeln, und leicht war es nicht, sich gleich auszukennen. In einer Ecke nach der Dorfstraße zu, auf Sauerkrautfässern saßen die Musikanten, hin und wieder auf den Instrumenten wie aufs Geratewohl klimpernd; der Tanz hatte noch nicht richtig begonnen, nur daß sich da manchmal ein ungeduldigeres Paar etwas drehte.

In der Stube aber, an den Wänden entlang und um die Tische herum scharten sich die Menschen in Kompanien, doch nur wenige hielten ein Glas in den Fingern oder tranken einander zu, hauptsächlich redeten sie nur miteinander, sich hin und wieder umsehend und auf die Eintretenden achtend.

An der Tonbank war der Lärm am lautesten, denn es standen da in einem ganzen Haufen Klembs Gäste und Sochas Verwandte. Doch auch sie tranken einander selten zu, redeten nur miteinander und erwiesen sich gegenseitige Ehrenbezeugungen, wie es so bei einer Verlobung schicklich ist.

Alle aber sahen häufig, doch unmerklich, nach den Fenstern hin, wo hinter den Tischen mehrere derer von Rschepetzki saßen; sie waren noch bei Tag gekommen und sitzengeblieben. Niemand zeigte ihnen Feindschaft, aber auch niemand hatte es eilig, sich mit ihnen abzugeben; nur Ambrosius mußte sich gleich an sie heranmachen und sich mit ihnen verbrüdern, er sog gehörig den Schnaps ein und log was nur das Zeug zusammenhielt. Neben ihnen stand Bartek von der Sägemühle mit seiner Gesellschaft und erzählte laut, was ihm Hochwürden gesagt hatte, dabei auf den Gutsherrn mächtig fluchend, worin ihm Wojtek Kobus am lautesten beipflichtete. Dieses war ein magerer kleiner Mann und so hitzig, daß er immerzu hochsprang, mit den Fäusten auf den Tisch einschlug und hin und her schoß, wie der Vogel, dessen Namen er trug, denn er hieß mit Recht Lerchenfalk; das tat er aber mit Absicht, man setzte nämlich voraus, daß die von Rschepetzki am kommenden Tag in den Wald zum Fällen ziehen würden, doch keiner von ihnen schien etwas zu merken, so ruhig und mit sich selbst nur beschäftigt saßen sie da.

Auch von den Hofbauern gab niemand weiter acht auf dieses Geschimpfe und nahm es sich nicht allzusehr zu Herzen, daß Hochwürden sich nicht für sie beim Gutsherrn verwenden wollte, im Gegenteil, man wandte sich von ihnen ab und mied sie, je lauter sie schrien; denn im Gedränge, das die Schenke füllte, suchte sich jeder nach Belieben seine Gesellschaft und tat sich mit solchen zusammen, mit denen es ihm am besten paßte, ohne auf seine Nachbarn zu achten / einzig Gusche ging von Haufen zu Haufen, stichelte, vollführte allerhand Späße, legte den Menschen Neuigkeiten in die Ohren und gab dabei fleißig acht, wo schon die Flaschen klirrten und das Glas die Runde machte.

Und so kamen sie allmählich, langsam und unmerklich, ins Vergnügen hinein; ein immer lauteres Stimmengewirr füllte die Stube, und immer öfter klangen die Gläser, und immer dichter wurde es, daß die Tür schon fast gar nicht mehr zublieb, und immer noch kamen und kamen sie / schließlich spielten die Musikanten, die Klemb bewirtet hatte, einen üppigen Mazurek, und als erstes Paar ging Socha mit Malgoschka in den Tanz, und ihnen folgte, wer gerade Lust hatte.

Doch nicht viele waren es, die da tanzten; man sah sich nach den ersten Dorfkavalieren um/auf Stacho Ploschka, Wachnik, auf den Bruder des Schulzen und auf andere noch, die sich mit den Mädchen in den Ecken verabredeten, lustige Reden führten und halblaut sich über die Rschepetzkischen adligen Dörfler lustig machten, denen Ambrosius in einem fort beipflichtete.

Gerade in dem Augenblick kam Mathias an; er ging noch am Stock, denn er war kaum erst vom Krankenlager aufgekommen; es hatte ihn nach Menschen verlangt. Er ließ sich mit Honig aufgekochten Schnaps zurechtbrauen, setzte sich neben den Herd, trank hin und wieder und warf mal hier, mal da seinen Bekannten ein vergnügliches Wort hinüber; doch plötzlich wurde er still, denn Antek erschien in der Tür, bemerkte ihn, hob trotzig den Kopf, verdrehte die Augen und versuchte vorüberzugehen, als ob er ihn nicht gesehen hätte.

Mathias hob sich etwas hoch und rief:

»Boryna! kommt doch zu mir.«

»Hast du ein Geschäft, dann komm selbst heran,« sagte dieser scharf, im Glauben, daß Mathias ihn anrempeln wollte.

»Ich käm' schon, aber ohne Stecken kann ich mich ja noch nicht rühren,« entgegnete Mathias weich.

Antek traute ihm nicht, runzelte drohend die Brauen und ging; aber Mathias griff ihn darauf am Arm und nötigte ihn, sich neben ihn auf die Bank niederzusetzen.

»Setz' dich zu mir! Hast gemacht, daß ich mich nun vor der ganzen Welt genier', und verhauen, du Biest, hast du mich, daß sie mir schon den Priester 'rangeholt haben; aber was gegen dich hab' ich doch nicht. Ich will denn schon als erster kommen mit dem guten Wort. Trink' eins mit mir, sonst hat mich niemand noch verprügelt; ich dachte nicht, daß es je einen auf der Welt gäbe. Bist ein deftiger Kerl, einen, wie ich einer bin, gleich so wie ein Bund Stroh hinzuschmeißen, nee... so was...«

»Weil du mir in der Arbeit immerzu dreingefahren bist und wegen deinem Herumschwatzen, das mir schon eklig war; es hat mich denn endlich so angepackt, daß ich mir gar nichts mehr überlegt hab', was ich da anrichte.«

»Recht hast du, ja ja, selbst will ich das bestätigen, und das nicht aus Angst, aber gutwillig... Hast du mich aber zugerichtet, na, lebendiges Blut hab' ich von mir gegeben, die Rippen sind mir zerplatzt. Ich will dir einen zutrinken, Antek, ach was, laß den Zorn fahren, ich tu' dir schon nichts mehr nachtragen, obgleich mir mein Buckel noch weh tut... Du bist wohl noch stärker, als der Lorenz aus Wola?...«

»Hab' ich den nicht erst zur Erntezeit auf der Kirmes verhauen, der soll sich noch kurieren...«

»Den Lorenz? Gesagt haben sie's, aber geglaubt hab' ich es nicht. Jude, Arrak her, mit Essenz, in einem Nu aber, sonst renk' ich dich aus!« schrie er.

»Aber was du da vor den Kerlen geschnauzt hast, das ist doch nicht wahr?« fragte Antek leise.

»Nee, is schon nich wahr, aus Ärger hab' ich nur so geredet... wie sollt' ich denn da...« wehrte er ab, die Flasche gegen das Licht haltend, daß ihm der andere nicht die Wahrheit aus den Augen lesen sollte.

Sie tranken einander ein- und zweimal zu, dann gab Antek eine Runde aus und sie tranken sich abermals zu; und so saßen sie denn nebeneinander schon ganz verbrüdert und in einer solchen Freundschaft, daß man sich selbst in der Schenke darüber wunderte. Mathias aber hatte sich keinen Schlechten angetrunken, schrie der Musik zu, sie sollte flinker spielen, stampfte im Takt auf, lachte laut mit den Burschen, bis er plötzlich stiller wurde und Antek ins Ohr zu erzählen begann.

»Natürlich, auch das ist wahr, daß ich sie mit Gewalt 'rumkriegen wollte, aber sie hat mich mit den Krallen so zugerichtet, als ob man mich mit dem Maul über die Dornen gezogen hätte. Die hatte dich schon lieber, das weiß ich gut, du brauchst nicht gegen anzureden; dich hat sie gemocht, darum wollte sie mich nicht einmal angucken!... Es ist schon schwer, den Ochsen zu führen / will er sich von selbst nicht vorwärts rühren; der Neid hat an mir genagt, daß es gar nicht zu sagen ist. Ha! So 'n Mädel, wie ein Wunder, eine Schönere kann der Mensch gar nicht finden, und hat den Alten geheiratet zu deinem Schaden, das kann ich schon gar nicht verstehen ...«

»Zu meinem Schaden und zu meinem Verderben!« stöhnte Antek leise auf und sprang hoch, so hatte die Glut in ihm aufbegehrt bei dieser Erinnerung. Er fluchte nur auf und murmelte etwas vor sich hin.

»Still doch, wenn die Leute es hören, tragen sie es herum.«

»Hab' ich denn was gesagt?«

»Versteht sich, nur daß ich's nicht gut gehört habe, aber die anderen konnten es vielleicht.«

»Weil ich es schon gar nicht mehr aushalten kann, so preßt es mir die Brust auseinander, daß es von selbst aus mir hervorbricht, ganz von selbst ...«

»Ich sag' dir, laß dich nicht unterkriegen, solange noch Zeit ist,« riet er schlau, ihn vorsichtig aushorchend.

»Kann ich denn da, wenn das Lieben schlimmer wie eine Krankheit ist; es geht einem wie Feuer durch die Knochen, als ob es einem im Herzen siedete, und solche Sehnsucht kommt über einen, daß man zuletzt nicht mehr schläft und nicht mehr ißt und nichts tun kann, nur mit dem Kopf gegen die Wand rennen möchte man, oder sich lieber gleich das Leben nehmen!«

»Und ob ich das nicht weiß! Mein Jesus, bin ich denn nicht selbst hinter der Jaguscha her gewesen? Aber einen Rat gibt es nur gegen das Lieben: sich verheiraten; als ob man sich im Handumdrehen umgewandelt hätte, so ist's einem dann mit einemmal. Eine andere ließe sich auch schon finden; und wenn man nicht heiraten kann, dann muß man eben sehen, das Weibsbild so 'ranzukriegen, und da ist einem dann gleich der Hunger weg, und mit dem Lieben ist man auch fertig. Die Wahrheit sag' ich dir, bin doch kein schlechter Praktikus!« setzte er ihm prahlerisch auseinander.

»Und wenn es auch dann nicht vorübergeht?« sagte Antek traurig.

»Natürlich, wenn einer hinter dem Zaun herumwimmert, an den Häuserecken auflauert und mit den Beinen schlottert, sobald er einen Weiberrock knistern hört/bei einem solchen wird's nicht rasch besser; das ist aber ein Kalb und kein Kerl, für einen solchen würd' ich nicht einmal einen Pfifferling geben,« warf er verächtlich hin.

»Die reine Wahrheit hast du gesagt, aber ich glaub', es gibt auch solches Mannsvolk, das gibt es ...« er versank in Nachsinnen.

»Trink' nur einen zu, es ist mir in der Kehle ganz trocken geworden! Hundsverdammt mit diesen Weibsleuten; manch eine ist ein solches Püppchen, daß sie sich, wenn einer nur auf sie pustete, schon mit den Beinen zudecken würde, und ein andermal kann sie den kräftigsten Kerl wie ein Kalb an der Schnur herumführen, nimmt einem die ganze Macht weg, den ganzen Verstand weg und macht einen zum Schluß noch zum Gespött der ganzen Welt! Ein Teufelssamen sind diese Äser, ich sag's dir, trink' mir einen zu! ...«

»In deine Hände, Bruderherz, in deine!«

»Gott bezahl's, ich sag' dir, spuck' auf dieses Teufelsvolk, deinen Verstand hast du doch ...«

Sie tranken einmal und noch einmal und redeten miteinander. Antek war schon etwas angetrunken, und da er niemals Gelegenheit hatte, sich vor jemandem das Herz zu erleichtern, faßte ihn eine rasende Lust, sich auszusprechen, so daß er sich kaum schon zurückhalten konnte und hin und wieder ein schwerwiegendes Wort hinwarf, aus dem Mathias sich sowieso alles zurechtlegen konnte; er ließ sich jedoch nichts davon merken.

In der Schenke aber war das Vergnügen schon recht im Gange, die Musikanten fiedelten aus Leibeskräften, und Tänze folgten auf Tänze. Man trank bereits in allen Ecken, und verschiedentlich war man selbst beim Zanken, überall aber redete man so laut, daß ein Heidenlärm die Stube füllte; und das Gestampf der Tänzer tönte wie Dreschflegelgeklopf. Klemb und seine Kompanie waren nach dem Alkoven abgeschoben, von woher auch ein nicht geringes Geschrei herüberdrang; nur Socha und Malgoschka tanzten eifrig, oder sie liefen, sich unterfassend, in den Frost hinaus, an die frische Luft./Bartek von der Sägemühle mit den Seinen stand noch immer auf derselben Stelle, sie tranken schon aus der zweiten Flasche, und Wojtek Kobus schrie den Rschepetzkischen gerade ins Gesicht:

»Edle Herren, Aaszeug, Sack und Pack!« Denn sie hielten sich ja für Edelleute.

»Feine Gutsherren, ein halbes Dorf melkt eine Kuh!« warf ein anderer bissig ein.

»Weichselzöpfe, ohne Pferde kommen sie aus, weil die Läuse sie schon allein vorwärts tragen.«

»Judenknechte!«

»Gutskehrichtbesen, als Hunde sollten sie sich verdingen, wenn sie so gute Witterung haben!«

»Die haben sich ihr Teil auf dem Gutshof herausgewittert und kommen jetzt angezogen.«

»Werden hier den Menschen die Arbeit wegnehmen.«

»Wir wollen euch schon die Weichselzöpfe kämmen, daß ihr ohne Köpfe davonlauft!«

»Eckenschnüffler, Herumstreicher, den Juden fehlt die Heizung in den Ofen, gleich kommen sie angelaufen!« Sie setzten ihnen mit allerhand Reden stark zu, und manch einer drohte ihnen mit der Faust und wollte auf sie eindringen; immer mehr Menschen tobten gegen sie an, ein immer hitzigerer Kreis umgab sie, da der Schnaps schon mit manchem durchging; sie aber entgegneten nichts, saßen im Haufen beieinander, hielten nur die Knüttel fest zwischen den Knien, tranken Bier, aßen Wurst dazwischen, die sie mitgebracht hatten, und blickten trotzig und unerschrocken auf die Bauern.

Es wäre vielleicht auch zu einer Schlägerei gekommen, aber Klemb kam angerannt, fing an zu beruhigen, vorzustellen und zu bitten, und die anderen wurden denn auch beiseitegezogen und an der Tonbank bewirtet. Dann spielte die Musik wieder mächtig auf, und Ambrosius fing abermals an, seine unerhörten Geschichten über Kriege, Napoleon und den Kapitän aufzutischen und dann auch andere kurzweilige Dinge zu erzählen, so daß sich manch einer vor Lachen nicht mehr halten konnte; er aber lehnte sich sehr befriedigt und schon nicht übel angetrunken breit über den Tisch und sprach:

»Zum Schluß will ich euch noch eine Geschichte erzählen, kurz ist sie, dann ich hab' es eilig, in den Tanz zu gehen, und auch die Mädel sind mir gram, daß ich mich nicht sehen lasse! Ihr wißt doch, daß heute die Verlobung der Klembschen mit dem Wizek Socha ist. Wenn ich gewollt hätte, dann wäre es meine Verlobung mit der Malgoschka gewesen, ja, meine! Und das war nämlich so, am Donnerstag kamen sie beim alten Klemb angesetzt, mit Schnaps! Au gleicher Zeit kamen sie von Socha und auch von Pritschek; die einen trinken ihm mit Arrak zu, die anderen mit Süßem, und den einen trinkt Klemb Bescheid und gießt auch, was die anderen anbieten, nicht weg. Der eine ist gut und der andere ist nicht schlechter!

Die Brautbitter schwitzen, so reden sie und preisen ihre Kavaliere an:

Der hat pikfeine Morgen, mit Lärchendünger gedüngt, und der andere solche, auf denen die Hunde ihre Hochzeiten feiern.

Einer hat ein Haus, wo die Schweine unter der Mauerschwelle hineinkriechen und der andere auch kein schlechteres.

Beide sind reiche Herren, wie man sie sich weit und breit suchen kann!

Socha hat einen ganzen Kragen von Schafpelz, denn den Rest haben die Hunde auseinandergeschleppt; Pritschek aber hat einen Gurt von einer Sonntagshose und einen leuchtenden Hosenknopf, wie reines Gold!

Der eine ist ein Bursche, schlank wie ein Heuhaufen, und dem anderen haben die Kartoffeln den Bauch aufgebläht.

Feine Kerle!

Dem Socha lauft die Spucke aus dem Maul von selbst 'runter, und Pritschek hat Triefaugen!

In allem sind sie sich gleich und so arbeitsam und verbissen, daß sie ein halbes Quart Kartoffeln auf einmal aufessen und sich gleich nach einem zweiten umsehen! Beide sind gut als Schwiegersöhne, beide können Vieh hüten, die Stube ausfegen, Mist ausnehmen; beide tun der Dirn kein Leid an, denn mit den Störchen sind sie nicht in Kompanie.

Prächtige Burschen, gesprächig, schlaue Köpfe, scharfsinnige, und mit dem Löffel finden sie immer den Weg nach dem Mund und nicht anderswohin.

Was soll man da machen; beide scheinen sie dem Alten gleich gut. So dreht er sich denn hin und her, bohrt in der Nase herum und fragt die Malgoschka, welchen willst du denn?

Beide sind Mißgeburten, Väterchen, erlaubt, daß ich dann schon lieber den Ambrosius wähle.

Der Alte schüttelte den Kopf, überlegte lange, man weiß ja, daß er ein Kluger ist. Und die Burschen drängen, und die Brautbitter reden immerzu das ihre; so trank er von dem einen Arrak und von dem anderen trank er Süßen und sagte: bringt mal die Wage her!

Sie brachten die Wage, stellten sie auf und er redete.

Wiegt euch mal, Jungen; wer schwerer wiegt, den will ich zum Schwiegersohn nehmen.

Die Brautbitter fingen an, sich zu sorgen, schickten nach frischem Schnaps und überlegten: welcher nun? Denn beide waren in Wirklichkeit wie ausgetrocknete Wanzen.

Da holten Pritschek seine Brautbitter ihren Verstand hervor, sie steckten dem Bräutigam Steine hinter den Brustlatz und stopften ihm auch die Taschen damit voll. Auch Socha seine waren nicht dumm, es war aber nur nichts da; so haben sie ihm einen Gänserich unter den Kapottrock gesteckt und stellen ihn so auf die Wage ... sie zählen ab, da sagt plötzlich etwas Ss... Ss... Ss..., Socha nämlich, und der Gänserich, bums, auf den Boden! Alle lachten los und der alte Klemb sagt: ein Schlaumeier ist das Biest, wenn er auch das Gewicht nicht hält, du wirst mein Schwiegersohn!«

Versteht sich, daß bei der ganzen Geschichte außer diesem Wiegen nichts Wahres dran war; da er es aber so komisch erzählte, so lachten sie Tränen vor Vergnügen und brachen in solche Lachsalven aus, daß es durch die ganze Schenke schallte.

Bald strömten Klembs Gäste aus dem Alkoven in die Stube und gingen im ganzen Haufen zum Tanz; ein Geschrei, Getrampel, Gejohl erhob sich, daß man schon die einzelnen Stimmen nicht mehr unterscheiden konnte.

Die Köpfe fingen an zu dampfen, die Hitze ging ihnen schon durch und durch und die Fröhlichkeit stieg. Die Zungen vergnügten sich, was sie nur konnten, und die Älteren umdrängten die Tische, gesellten sich zueinander, wo es nur anging und wo immer nur Platz war, denn die Tänzer drehten sich in immer weiteren Kreisen und stießen sie auseinander. Jeder sprach laut, trank den anderen zu, vergnügte sich mit ihnen, gab seine Meinung zum besten und genoß den Festtag.

Die Musik aber fiedelte feurig drauf los, und rasende Tänze folgten einander, obgleich ein solches Gedränge herrschte, daß Kopf an Kopf, Schulter an Schulter gepreßt waren, und sie sprangen und ruckten dermaßen durch die Stube, juchzten fröhlich und schlugen mit den Hacken auf, daß die Dielen quietschten und die Tonbank schüttelte.

Es war ein deftiges Vergnügen, denn alle gaben ihr volles Teil hinzu, soviel es nur herhalten wollte.

Es war doch die Winterzeit, das Volk hatte seine arbeitsmüden Hände von der Mutter Erde abgehoben, richtete die gebeugten Nacken auf, ließ die sorgenbeladenen Seelen aufatmen. Ein jeder reckte sich, wuchs, und alle wurden sie sich gleich im Genuß des Freiseins, der Ruhe und im Bewußtsein einer Sorglosigkeit, so daß jeder Mensch für sich deutlich zu sehen war/wie die einzelnen Bäume in einem Wald, die man im Sommer nicht herauskennen kann, denn gleichmäßig steht er in einem grünen Dickicht über die Heimaterde gebeugt, und erst wenn Schnee gefallen ist und die Erde sich zudeckt, sieht man jeden Baum für sich und unterscheidet sogleich, ob es eine junge Eiche, Buche oder eine Espe ist ...

Ganz so war es auch mit dem Volk.

Nur Mathias und Antek rührten sich nicht von ihrem Platz, sie saßen freundschaftlich beieinander und plauderten halblaut, während sich ihnen immerzu jemand beigesellte, das Seine zulegend über manches und mancherlei; es schloß sich ihnen Stacho Ploschka und Balcerek an, es kam der Bruder des Schulzen und andere, all die ersten Junggesellen im Dorf, die auf der Hochzeit von Jaguscha Hochzeitsbitter gewesen waren. Zuerst gesellten sie sich ihnen etwas zögernd bei, da man nicht wußte, ob Antek nicht mit scharfen Worten um sich schmeißen würde; aber nein, er reichte jedem die Hand und sah ihnen allen freundlich ins Gesicht, so daß sie bald einen dichtgedrängten Kreis um ihn schlossen, eifrig auf ihn hörten, ihm Freundschaft bezeugten und Freundlichkeiten sagten und ihm in allem zustimmten wie früher, als er noch ihr Anführer war; er lächelte etwas bitter, denn es kam ihm in Erinnerung, wie noch gestern ganz dieselben ihm schon von weitem auf der Dorfstraße ausbogen.

»Man sieht dich auch nirgends, du kommst nicht in die Schenke!« sagte Ploschka.

»Ich arbeit' von früh bis spät, da hab' ich für die Schenke keine Zeit.«

»Wahr, wahr!« bestätigten sie halblaut und gingen dann langsam auf verschiedene Dorfangelegenheiten über, sprachen von den Vätern, über die Mädchen, über den Winter; aber das Gespräch wollte nicht recht in Gang kommen. Antek redete kaum etwas und sah in einem zu nach der Tür, er hoffte nämlich, daß Jagna kommen sollte. Erst als Balcerek über die während der Feiertage bezüglich des Waldes bei den Klembs stattgefundene Beratung zu erzählen anfing, hörte er aufmerksam zu.

»Was haben sie denn beschlossen?« fragte er.

»Ach, was sollten die wohl, gewimmert haben sie, geklagt, gejammert; aber einen Beschluß haben sie nicht gefaßt, außer dem, daß man das Fällen nicht zulassen darf.«

»Was werden die Vernünftiges beschließen, diese Strohwische!« rief Ploschka. »Sie versammeln sich, trinken Schnaps, verpusten sich, klagen sich aus, und von diesen Beratungen bleibt so viel nach wie vom vorjährigen Schnee, und der Gutsherr kann inzwischen ruhig fällen, den ganzen Wald, wenn es ihm paßt.«

»Man soll nicht erlauben,« sagte Mathias kurz.

»Wer wird ihn denn zurückhalten, wer wird es ihm verbieten,« fingen sie an zu rufen.

»Wer, wenn nicht ihr?«

»Natürlich, die werden einem was erlauben, einmal hab' ich ein Wort gesagt, da hat mich der Vater angeschrien, ich sollte auf meine eigene Nase achten; dieses wäre nicht meine Angelegenheit, sondern ihre, die der Hofbauern! Natürlich haben sie das Recht dazu, denn sie halten alles in der Faust und lassen es selbst nicht auf eine Minute los; und was haben wir zu bedeuten, soviel wie Knechte sind wir!« tobte Ploschka.

»Schlecht ist es, ganz schlecht.«

»Und nicht wie es sein sollte!«

»Versteht sich, daß sie die Jüngeren 'ranlassen sollten zum Boden und zum Regieren.«

»Und selbst sollten sie auf den Altenteil gehen!«

»Ich habe meinen Militärdienst gemacht, die Jahre gehen, und was mein ist, das wollen sie mir nicht geben!« schrie Ploschka.

»Jeder hat seine Zeit.«

»Und alle sind wir hier im Nachteil.«

»Am meisten aber Antek.«

»Man müßte im Dorf eine neue Ordnung machen!« murmelte Schymek, Jaguschas Bruder, hart; er war vor kurzem gekommen und hatte still hinter den anderen gestanden. Sie sahen ihn erstaunt an; er aber trat ganz nach vorne und fing leidenschaftlich an, über die ihm zugefügte Ungerechtigkeit zu räsonnieren, sah dabei allen in die Augen und errötete, da er nicht gewohnt war, vor anderen zu sprechen und auch noch ein bißchen Angst vor der Mutter hatte.

»Den Verstand hat ihm die Nastuscha beigebracht!« murmelte einer; alle lachten los, so daß Schymek verstummte und sich ins Dunkel zurückzog; darauf begann Gschela Rakoski, der Bruder des Schulzen, zu reden, obgleich er nicht gesprächig war und etwas mit der Zunge anstieß.

»Daß die Alten den Grund und Boden festhalten und den Kindern nichts ablassen, ist natürlich schlecht, weil es Unrecht ist/aber was das Schlimmste ist, daß sie dumm regieren. Mit diesem Wald hatte es doch schon lange ein Ende genommen, wenn die sich mit dem Gutsherrn geeinigt hätten.«

»Wieso denn, je zwei Morgen hat er geben wollen, während uns vier auf die halbe Hufe zukommen.«

»Zukommen oder nicht zukommen, das weiß man noch gar nicht, das werden schon die Beamten entscheiden.«

»Die halten aber doch mit den Herren!«

»Hale, hat sich was; der Kommissar selbst hat doch gesagt, daß man sich nicht auf zwei Morgen einigen sollte, da muß der Gutsherr doch mehr geben! erläuterte Balcerek.

»Ruhig da, der Schmied kommt mit dem Serschanten!« flüsterte Mathias.

Sie sahen nach der Tür, und wirklich: der Schmied und der Sergeant geleiteten sich, beide unterhakt, herein; beide waren nicht schlecht angetrunken und drängten sich derb durch die Menge, geradeswegs auf die Tonbank zu; aber sie blieben dort nicht lange stehen, der Jude geleitete sie nach dem Alkoven.

»Auf der Taufe beim Schulzen haben sie sich so traktiert.«

»Na, feiert er sie denn heute?« fragte Antek.

»Unsere Väter sitzen doch alle da. Der Schultheiß hat mit der Balcerekbäuerin Pate gestanden, denn der alte Boryna soll einen Zank gehabt haben mit ihm, er hat nicht wollen,« erklärte Ploschka.

»Was ist denn das für einer?« rief Balcerek.

»Das? Das ist der Herr Jacek, dem Gutsherrn sein Bruder aus Wola!« erläuterte Gschela; sie standen selbst auf, um sich ihn besser anzusehen, wie er sich durch das Gedränge einen Weg bahnte und langsam mit den Augen herumsuchte, bis er auf den Bartek von der Sägemühle stieß und sich mit ihm bis an die Wand zurückzog, wo die von Rschepetzki saßen.

»Was will er?«

»Was? Gar nichts/der geht nur so in den Dörfern herum, redet mit den Bauern, unterstützt mal einen, spielt auf der Geige, lehrt die Mädchen verschiedene Lieder singen; soll ein bißchen bummelig sein.«

»Erzähle doch zu Ende, Gschela, was du angefangen hast! Sprich doch weiter!«

»Vom Wald hab' ich gesprochen; ich mein', wenn ich so raten soll, daß wir die Sache nicht den Alten allein überlassen, sonst verderben sie sie nur noch.«

»Ach was, dagegen ist nur ein Rat; fangen sie an, den Wald zu schlagen, muß das ganze Dorf hin ... auseinandertreiben, nicht erlauben, bis der Gutsherr sich mit der Gemeinde verständigt hat!« sagte Antek fest.

»Dasselbe haben sie bei Klemb beschlossen.«

»Beschlossen ja, aber tun werden sie's nicht, wer wird da mitmachen?«

»Die Hofbauern gehen mit.«

»Nicht alle.«

»Wenn Boryna führen wird, dann gehen sie alle.«

»Man weiß es nur nicht, ob es Matheus wollen wird.«

»Dann kann Antek führen!« schrie der junge Balcerek hitzig.

Alle pflichteten ihm eifrig bei, einzig Gschela war dagegen; und da er in der Welt herum gewesen war und eine Zeitung »Das Morgenrot« las, so fing er an gelehrt wie aus einem Buch zu beweisen, daß man Gewalttaten nicht ausführen dürfe, denn die Gerichte würden sich dazwischen mischen, keiner würde dann etwas erlangen, außer dem einen/eingesperrt zu werden. Man müßte sich schon aus der Stadt einen Advokaten bestellen, und der würde dann alles nach Recht und Gerechtigkeit zu drehen wissen.

Sie wollten nicht lange auf ihn hören und manch einer machte sich lustig über ihn, bis er arg wütend wurde und sagte:

»Auf die Väter klagt ihr, daß sie dumm sind, und selbst habt ihr nicht für einen Groschen Verstand und redet nur Fremdes nach, gerad wie die Kinder, die noch auf allen Vieren kriechen!«

»Boryna mit Jaguscha und mit den Mädchen!« bemerkte einer.

Antek, der etwas dem Gschela entgegnen wollte, schwieg und folgte Jagna mit den Augen.

Sie kamen schon spät nach dem Abendessen, denn der Alte hatte sich lange dem Gejammer Fines und dem Zureden Nastuschas widersetzt, er wartete bis Jagusch ihn bitten würde; aber sie hatte gleich nach dem Mittagessen ganz entschieden angekündigt, daß sie zur Tanzmusik gehen würde; er entgegnete ihr streng, sie würde nicht einen Schritt aus dem Hause tun, er wäre nicht zum Schulzen hingegangen, darum ginge er auch nirgends hin.

Sie bat ihn nicht mehr, hatte sich dermaßen in sich verbissen, daß sie mit keinem Wort mehr sich vernehmen ließ; sie weinte nur in den Ecken herum, blieb vor dem Haus stehen mitten im Frost und wirbelte, wie ein böser Wind, durch die Stuben, es wehte eine Kälte von ihr, so verärgert war sie; und als sie sich zum Abendbrot setzten, kam sie nicht zum Essen, sondern fing an, die Beiderwandröcke aus der Lade hervorzuholen, anzuprobieren und sich zu putzen.

Was sollte denn der Alte tun, er fluchte, redete dawider, versicherte, er würde nicht mitgehen und mußte schließlich noch mächtig um Verzeihung bitten und sie, ob er mochte oder nicht, in die Schenke führen.

Trotzig und hochfahrend kam er herein, begrüßte kaum einen, denn es waren noch wenig Gleichgestellte zugegen. Was die Ersten waren, die nahmen beim Schulzen an der Tauffeier teil; den Sohn aber hatte er nicht bemerkt, obgleich er sich eifrig im Gedränge umsah.

Antek seinerseits ließ die Jaguscha nicht mehr aus den Augen, sie stand gerade an der Tonbank; die Burschen drängten von allen Seiten auf sie ein, sie zum Tanz zu laden, sie aber lehnte ab, redete lustig mit ihnen weiter, dabei heimlich mit den Blicken die Menschen streifend; und so schön kam sie ihnen heute vor, daß man, obgleich das Volk schon angetrunken war, erstaunt auf sie blickte. Schöner wie alle anderen war sie. Und doch war da noch Nastuscha, die einer Malve glich, der Farbe ihrer roten Kleider und ihrem Wuchse nach, und Veronka Ploschka, rot wie eine Georgine und sehr selbstbewußt; Sochas Tochter, kaum herangewachsen, der reine Kiek-in-die-Welt noch, aber ein schlankes Mädchen mit einem Mäulchen, süß wie Zucker; es waren auch genug andere da/wohlgeratene und schöngewachsene, die die Augen der Burschen auf sich zogen, wie Balcereks Maruschka zum Beispiel/eine üppig aufgeschossene Dirn, die schön weiß war und stramm wie eine Rübe und als die erste Tänzerin im Dorf galt/und doch konnte sich keine mit Jagna messen, gar keine.

Sie übertraf alle an Schönheit, Kleidung, Haltung und durch das Leuchten ihrer hellblauen Augen. Wie eine Rose Kressen, Malven, Georginen und Mohnblumen übertrifft, daß sie in allem geringer neben ihr erscheinen, so übertraf auch sie alle und herrschte über allen. Sie hatte sich heute wie zu einer Hochzeit aufgeputzt, hatte einen kräftig-gelben, grün und weiß gestreiften Beiderwandrock angezogen und ein Mieder aus blauem Samt mit einem goldenen Faden durchwebt und zur halben Brusthöhe tief ausgeschnitten, und auf dem seinen Hemd, das in blendendweißen Krausen sich um Hals und Hände üppig wellte, hatte sie Schnüre von Korallen, Bernstein und Glasperlen umgetan. Auf dem Haar trug sie ein seidenes Tüchlein, blaßblau mit rosa Buketts bestreut, von dem die Enden ihr auf den Rücken herabfielen.

Die Weiber nahmen sie wegen dieses Aufputzes mächtig vor und zogen boshaft über sie her; sie kümmerte sich gar nicht darum. Sie hatte bald Antek herausgefunden und errötete vor Freude, wie Wasser bei Sonnenuntergang; dann drehte sie sich nach dem Alten um, dem der Jude etwas erzählte, ihn gleich nach dem Alkoven geleitend, wo er denn auch sitzen blieb.

Natürlich hatte Antek nur darauf gewartet, denn gleich drängelte er sich seitwärts an sie heran und begrüßte sie beide ruhig, obgleich Fine sich absichtlich abgewandt hatte.

»Seid ihr zur Tanzmusik oder zu Malgoschkas Verlobung hier?«

»Zur Tanzmusik ...« antwortete sie leise, denn die Aufregung hatte ihr ganz die Stimme benommen.

Sie standen eine Zeitlang wortlos nebeneinander, atmeten nur rascher und blickten sich heimlich in die Augen; die Tänzer hatten sie nach der Wand zu beiseite gedrängt; die Nastuscha wurde von Schymek zum Tanz weggeholt, und Fine war irgendwo aufgehalten worden, so daß sie allein stehenblieben.

»Tag für Tag warte ich ... Tag für Tag ...« flüsterte er ganz leise.

»Kann ich denn kommen? ... Sie bewachen mich ja ...« antwortete sie bebend; ihre Hände begegneten sich ganz von selbst, ihre Hüften preßten sie gegeneinander an; sie waren beide blaß geworden, der Atem stockte ihnen, und ein Feuer glühte aus ihren Augen, und in ihren Herzen war ein solches Jubilieren, daß es kaum zu sagen war.

»Geh ein bißchen zurück, laß los! ...« bat sie ganz leise, denn es war voll Menschen rings um sie herum.

Er antwortete nicht, faßte sie nur fest um, stieß die Menschenmenge auseinander und führte sie im Kreise, den Musikanten zurufend:

»Einen Oberek, Jungen, aber einen festen!«

Natürlich fuhren sie denn auch in die Saiten, daß es krachte und die Baßgeige aufstöhnte; sie kannten ihn doch, daß er, wenn er im Schwung war, die ganze Schenke traktieren würde!

Hinter ihm drein folgten die Kameraden im Tanzschritt, der Ploschka tanzte, es tanzte Balcerek, es tanzte Gschela und auch andere noch, und Mathias, da es seine Rippen noch nicht zuließen, trampelte im Takt und rief ihnen aufmunternde Worte zu!

Antek drehte sich im raschen Tanz, er hatte sich an die Spitze geschoben, hatte alle überholt und führte als erstes Paar so feurig an, daß er an nichts mehr dachte und auf nichts mehr achtete, und Jagusch drückte sich so zärtlich an ihn und bat nur immerzu, nach Atem ringend:

»Nur noch ein wenig, Jantosch, noch ein wenig!«

Sie tanzten lange zusammen, ruhten nur so viel aus, um etwas Atem zu schöpfen und Bier zu trinken und stürzten sich aufs neue in den Tanz, ohne zu beachten, daß die Leute auf sie aufmerksam wurden, tuschelten, die Gesichter verzogen und ganz laut bissige Bemerkungen machten.

Antek war heute alles gleich; er war ganz außer sich, wenn er sie nur bei sich fühlte und sie an sich pressen konnte, so fest, daß sie sich ganz aufrecken mußte und die lieben blauen Augen schloß. Freude klang in ihm und ein solcher Jubel, als stände der Frühling in ihm auf. Er hatte die Menschen und die ganze Welt vergessen, das Blut begann in ihm zu wallen, und eine so trotzige, unnachgiebige Macht erhob sich in seinem Innern, daß ihm die Brust fast springen wollte. Und Jagusch war wie ertrunken in Wonneseligkeit und Leidenschaft! Er hob sie, wie ein Riese, fast vom Boden im Tanz, sie widerstand ihm auch nicht; wie sollte sie auch, wie hätte sie das können, wenn er mit ihr drehte, wirbelte, sie an sich preßte, daß ihr zuweilen dunkel vor den Augen wurde und die ganze Welt ihr entschwand. Und es war in ihr ein solcher Jubel, eine solche Lust und das Gefühl eines solchen Jungseins, daß sie schon nichts mehr sah, nur diese seine schwarzen Brauen, die unergründlichen Augen und den roten, lockenden Mund.

Und die Geigen jauchzten verwegen auf und sangen und klangen in einem Lied dahin, das brennend wie der Wind zur Erntezeit war und das das Blut in Feuer verwandelte und das Herz in Jubel und Macht widerhallen ließ; die Baßgeigen aber meckerten im Hopsatakt dazu, daß die Füße wie von selber flogen und die Hacken aneinanderknallten; die Flöte pfiff dazwischen und lockte wie eine Amsel im Lenz und erfüllte mit solchem Wohlgefühl und öffnete das Herz so weit, daß einem ein Schauer der Lust über den Rücken lief, der Kopf ganz verwirrt wurde, der Atem stockte und man zugleich weinen und lachen, juchzen und sich anschmiegen, küssen und irgendwohin in die weite Welt, in eine leidenschaftliche Versunkenheit hätte fliegen mögen. Sie tanzten so hitzig, daß die Schenke zitterte und die Fässer mit den Musikanten obendrauf bebten.

An die fünfzig Paare flimmerten bunt auf in diesem großen Kreis, der sich von Wand zu Wand drehte in einem so voll Freude und Macht trunkenen Sang, daß die Flaschen umfielen, die Lampen sich verdunkelten und sie ein nächtliches, zuckendes Dunkel umfing. Nur von den Scheiten auf dem Herd, die durch den Wirbel des Vorbeisausens zur Glut angefacht waren, stäubten die Funken und brachen in blutige Flammenzungen aus, in deren Schein der zusammengedrängte Menschenknäuel, der sich in einem dichten Durcheinander rundum drehte, kaum zu sehen war. Man konnte mit dem Auge weder fassen noch erkennen, wo der Mann und wo das Weibsbild waren! Die Kapottröcke wehten hoch her, wie weiße Flügel; Beiderwandröcke, Bänder, Schürzen, erhitzte Gesichter, leuchtende Augen, wütendes Getrampel, Gesänge, Zurufe/alles mischte sich durcheinander, drehte sich im Kreise; wie eine Spindel, von der ein gewaltiger Lärm kam und durch die geöffnete Flurtür hinaus in die schneebedeckte frostige Winternacht zog.

Antek aber tanzte immerzu voraus, klappte am lautesten mit den Hacken, fegte wie ein wirbelnder Sturmwind rundum, ließ sich auf ein Knie zur Erde nieder, so daß sie dachten, er würde fallen ... aber weit gefehlt! ... Schon stand er wieder, raste aufs neue, juchheite, warf von Zeit zu Zeit den Musikanten ein Liedlein zu und flog durch das Gedränge, stieß auseinander, stampfte aus, kam wie ein Wetter, daß manch einen die Furcht packte und nur wenige ihm nachkommen konnten.

Eine gute Stunde tummelte er sich so herum, und obgleich die anderen ermüdet anhielten und auch den Musikanten die Hände erlahmen wollten, warf er ihnen Geld hin, feuerte sie zum Spielen an und tanzte, daß sie zum Schluß nur zu zweien im Kreise übriggeblieben waren.

Versteht sich, daß die Weiber deswegen schon ganz laut über eine solche Lustbarkeit mäkelten, die Köpfe schüttelten, die Jungen in Bewegung setzten und Boryna bemitleideten, bis Fine, die auf Antek böse war, und mehr noch auf die Stiefmutter, zum Alten hingerannt kam.

»Vater, der Antek tanzt mit der Stiefmutter, so daß die Leute sich aushalten!« flüsterte sie.

»Laß sie tanzen, dazu ist die Schenke da!« antwortete er und stieß weitererzählend wieder mit dem Sergeanten und mit dem Schmied an.

Sie kehrte unverrichteter Sache wieder um und fing an, die beiden aufmerksam zu beobachten, da sie nach dem Tanz an der Tonbank mit einem ganzen Haufen Mädchen und Burschen standen. Lustig war es da, denn Ambrosius, schon ganz betrunken, erzählte solche Geschichten, daß die Madchen sich die Schürzen vors Gesicht hielten und die Burschen laut lachten und noch das ihre zugaben. Antek spendierte allen Bier, trank als erster allen zu, nötigte und umhalste die Burschen, umarmte sie und steckte den Mädchen ganze Hände voll Karamelbonbons zwischen das Mieder, um dabei auch Jagusch dasselbe tun zu können; trotzdem er ermüdet war, lachte er am lautesten und redete vergnügt drauf los.

In der Schenke amüsierte man sich denn auch nicht schlecht, das Volk war schon ganz aufgetaut und mitten im Vergnügen; immerzu tanzten Paare vorüber und die anderen stauten sich, wo nur Platz da war, besprachen sich, tranken einander zu, verbrüderten sich miteinander und vergnügten sich aus ganzem Herzen. Die Rschepetzkischen Edelleute waren hinter ihrem Tisch hervorgekommen, denn sie hatten sich schon mit den Leuten aus Lipce beim Schnaps befreundet, einige von ihnen gingen selbst in den Tanz; die Mädchen zeigten sich ihnen nicht abgeneigt, denn sie hatten ein zarteres Benehmen und brachten höflich ihre Aufforderung vor.

Anteks Gesellschaft vergnügte sich für sich, es waren lauter junge Leute und die ersten im Dorf. Er aber, obgleich er mit allen redete, wußte gar nichts mehr von Gottes Welt und achtete, als hätte er heute die ganze Besinnung verloren, auf nichts mehr, verbarg sich mit nichts, denn er hätte es selbst nicht vermocht/so gab er auch darauf nicht mehr acht, daß die Menschen ringsum ihn aufmerksam beäugten und scharf beobachteten. Hale, was sollte er sich darum kümmern, immerzu flüsterte er Jaguscha etwas ins Ohr, preßte sie an die Wand, umfaßte sie, griff nach ihren Händen und hielt sich kaum noch vom Küssen zurück! Die Augen irrten geistesabwesend umher, und in seiner Brust war ein so stürmisches Drängen, daß er bereit war, alles zu wagen, wenn es nur gleich in ihrer Gegenwart wäre, denn in ihren blauen, leidenschaftentflammten Augen sah er/Bewunderung und Liebe! Er schien zu wachsen, blickte stolz um sich und juchzte hin und wieder den anderen zu, wie ein Sturmwind, der losbrechen muß! Dabei trank er tüchtig und zwang auch Jaguscha dazu, so daß es ihr ganz wirr im Kopf wurde, und sie nicht wußte, was mit ihr geschah. Nur zuweilen, wenn die Musik schwieg und es in der Schenke etwas stiller wurde, kam sie ein bißchen zur Besinnung, eine Angst erfaßte sie dann und sie sah staunend um sich, als ob sie nach Hilfe suchte; selbst zu fliehen hatte sie Lust, aber er stand neben ihr und sah sie so an und eine solche Glut kam von ihm, ein solches Lieben staute sich in ihr, daß sie in einem Nu alles vergaß.

Das dauerte so ziemlich lange, Antek gab schon Branntwein für die ganze Gesellschaft aus. Der Jude gab ihm bereitwillig auf Kredit und strich jedes Quart doppelt an die Tür.

Da aber der ganzen Kumpanei sich die Köpfe zu verwirren begannen, so gingen sie allesamt wieder in den Tanz, um sich etwas zu ernüchtern. Natürlich tanzte Antek mit Jaguscha vornan.

In diesem Augenblick trat Boryna aus dem Alkoven hervor, denn die empörten Weiber hatten ihn herbeigeholt; er sah hin und hatte auch schon rasch alles begriffen; ein arger Zorn packte ihn, er biß aber nur die Zähne zusammen, knöpfte die Ösen seines Knierocks zu, setzte die Mütze fest auf und begann, sich zu ihnen durchzudrängen. Man trat vor ihm auseinander, denn er war weiß wie die Wand geworden und seine Augen funkelten wild.

»Nach Hause!« sagte er laut, als sie herangetanzt kamen und wollte Jagna am Arm festhalten, aber in einem Nu drehte Antek auf der Stelle um und wirbelte weiter, so daß sie sich ihm vergeblich zu entreißen versuchte.

Da sprang Boryna heran, stieß den Kreis auseinander und riß sie aus Anteks Armen; er ließ nicht locker und, ohne den Sohn anzusehen, führte er sie zur Schenke hinaus.

Die Musik schwieg plötzlich, eine jähe Stille legte sich auf die Anwesenden, so daß sie wie erstarrt dastanden; keiner sagte ein Wort, sie begriffen, daß etwas Entsetzliches vor sich gehen würde, weil Antek den Davoneilenden nachstürzte, die zusammengedrängten Menschen wie Garben auseinanderschob und aus der Schenke rannte; kaum hatte ihn die Frostluft getroffen, stolperte er über einen Holzblock, der vor dem Hause lag und fiel in den Schnee; bald hatte er sich jedoch wieder erhoben und holte sie an der Biegung des Weges am Weiher ein.

»Gehe deines Wegs, fall' die Menschen nicht an!« schrie der Alte, sich nach ihm umwendend.

Jagna rannte schreiend ins Haus, und Fine steckte dem Alten irgendeine Latte in die Hände und kreischte auf:

»Schlagt den Räuber, haut ihn doch, Väterchen!«

»Laßt sie los, laßt sie! ...« gurgelte Antek ganz besinnungslos vor Zorn und schob sich mit den Fäusten heran, bereit, loszuschlagen.

»Ich sage dir, geh weg, denn so wahr Gott im Himmel, schlag' ich dich tot, wie einen Hund! Hörst du!« schrie wieder der Alte, schon zu allem bereit. Antek trat, ohne es selbst zu wissen, zurück, die Hände sanken ihm herab und eine so große Angst befiel ihn, daß er zu zittern anfing. Der Alte ging langsam dem Hause zu.

Antek rannte ihm schon nicht mehr nach, er stand bebend und gedankenlos und ließ die leeren Augen in die Runde schweifen; ringsum war niemand mehr da, der Mond schien hell, die Schneemassen funkelten, und ein düsteres Weiß lag über allem. Er konnte sich nicht darauf besinnen, was geschehen war, kam erst wieder in der Schenke etwas zu sich, wohin ihn seine Freunde geführt hatten, die ihm zu Hilfe gesprungen waren, als es ruchbar geworden war, daß er sich mit dem Vater prügle.

Das Tanzvergnügen war auch schon zu Ende; man ging auseinander, da es ja auch schon spät war, die Schenke leerte sich rasch, und auf den Wegen schallten eine Zeitlang Zurufe und Gesänge. Nur die Rschepetzkischen waren noch dageblieben, denn sie wollten übernachten. Der Herr Jacek spielte ihnen auf der Geige sehr traurige Weisen vor, daß sie am Tisch mit aufgestützten Armen saßen und vor sich hin seufzten; Antek war nun auch da und saß für sich in einer Ecke; da man aus ihm kein vernünftiges Wort hatte herausbekommen können, ließen sie ihn alle im Stich. Er kauerte dort wie tot und auf nichts mehr achtend, und der Jude erinnerte ihn vergeblich daran, daß er die Schenke schließen wollte; er hörte nicht und verstand gar nichts, er kam erst auf Annas Stimme zu sich. Sie war gekommen, denn die Leute hatten ihr zugetragen, daß er sich wieder mit dem Vater geprügelt habe.

»Was willst du?« fragte er.

»Komm nach Haus, es ist schon spät,« bat sie, die Tränen zurückhaltend.

»Geh selbst, ich geh' nicht mit dir! Ich sag' dir, scher' dich!« schrie er drohend, und dann plötzlich beugte er sich ganz ohne Grund zu ihr und sagte ihr geradeaus ins Gesicht: »Wenn sie mich in Ketten schmieden sollten und ins Gefängnis sperren, würde ich noch freier sein, wie bei dir ... freier! Hörst du? ...«

Anna weinte kläglich auf und ging ihres Wegs.

Auch er erhob sich jetzt, trat hinaus und schleppte sich in der Richtung nach der Mühle davon.

Die Nacht war hell, von Mondesglanz durchschimmert; die Bäume warfen lange, ganz blaue, silbrige Schatten, der Frost hatte so fest zugepackt, daß hin und wieder ein Knacken in den Zaunlatten zu hören war und etwas, wie ein gequältes Ächzen, über das funkelnde Schneeland glitt; eine tote, frosterstarrte Ruhe hüllte die ganze Welt ein, das Dorf schlief schon, nicht ein einziges Fenster blinkte Licht, nicht ein Hund bellte auf, selbst die Mühle ratterte nicht/nichts; nur fern von der Schenke drang noch die heisere Stimme von Ambrosius herüber, der seiner Gewohnheit gemäß mitten auf dem Weg sang/es klang aber nur noch schwach und wie verschleiert.

Antek schleppte sich schwer und langsam am Weiher entlang, blieb stehen, sah sich geistesabwesend um und horchte angstvoll auf; denn immer wieder hallten in ihm die furchtbaren väterlichen Worte nach, und immerzu sah er seine zornigen Augen, die auf ihn wie mit einem Messer einstachen, so daß er, ohne es zu wissen, immer wieder zurückschrak. Ein Angstgefühl schnürte ihm die Kehle zu, das Herz stockte, die Haare sträubten sich und aus den Gedanken schwand der Groll, schwand das Lieben, schwand alles hin und blieb nur der tödliche Schreck, das bebende Entsetzen und die verzweifelte, qualvolle Ohnmacht.

Er wußte selbst nicht, daß er heimwärts zu gehen begann, als ihn vom Kirchhof her laute Klagen und ein klägliches Weinen erreichten; unter einem Kreuze, das ganz dicht an der Kirchhofspforte stand, lag jemand mit weit ausgespreizten Armen auf dem Schnee. Im Schatten, der von der Mauer fiel, konnte man nichts unterscheiden; er bückte sich im Glauben, es wäre ein fremder Wanderer oder auch ein Betrunkener/das war aber Anna, die da lag und Gottes Gnade anflehte.

»Komm nach Haus, bei dieser Kälte, komm, Hanusch!« bat er, denn es war ihm seltsam weich ums Herz geworden; da sie aber nichts sagte, hob er sie mit Gewalt empor und brachte sie heim.

Sie sprachen nicht mehr miteinander, denn Anna weinte bitterlich.

 

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