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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialIch dachte, daß du schon irgendwo im Schnee steckengeblieben bist!« murmelte Boryna hämisch.

»Hale, kann man denn schnell gehen bei solchem Schneesturm, ganz im Dustern bin ich gegangen, denn der Wind schleudert einem so den Schnee ins Gesicht, daß man die Augen nicht auftun kann, und dazu noch solche Schneewehen auf den Wegen und ein solches Treiben, daß man nicht zwei Schritt weit was unterscheiden kann.«

»Mutter zu Hause?«

»Versteht sich, wo würden die denn gehen bei solchem Hundewetter; heut früh waren Mutter bei Kosiols, mit Magda steht es schlecht, sie hat sich schon auf Pfarrers Kuhstall verguckt, da kann man ja auch nichts helfen,« erzählte Jagna, den Schnee abstäubend.

»Was gibt's denn Neues im Dorf?« fragte er höhnisch.

»Geht fragen, dann werdet ihr wissen, nach Neuigkeiten bin ich nicht ausgewesen!«

»Der Gutsherr ist gekommen, weißt du es nicht?«

»Ein Hund kann dieses Wetter nicht aushalten, was soll denn der Gutsherr da Lust haben ...«

»Wen das Muß treibt, der wird auch auf Schneesturm nicht achten.«

»Gewiß, wenn einer muß ...« sie lächelte zweifelnd.

»Er hat es selbst zugesagt, gebeten hat ihn niemand,« sagte Boryna streng; er legte das Schnitzmesser beiseite, stand auf vom Holzblock und trat ans Fenster, um hinauszusehen; aber draußen war ein solches Stäuben und Fegen und alles wirbelte so durcheinander, daß man weder Hecken noch Bäume sehen konnte.

»Es scheint mir, daß der Schnee aufgehört hat,« sagte er etwas sanfter.

»Das wohl, er wirbelt und stäubt nur so umeinander und fegt und fliegt einen an, daß man gar nicht den Weg erkennen kann,« sagte Jagna, wärmte die Hände und machte sich daran, das Garn von der Spindel auf die Weise zu wickeln; der Alte kehrte an seine Arbeit zurück, sah aber immer ungeduldiger zum Fenster hinaus und horchte.

»Wo ist denn Fine?« fragte er nach einer Weile.

»Gewiß bei Nastuscha, in einem fort sitzt sie da.«

»Ein Rumtreiber ist die Dirn, nicht ein Paternoster kann die zu Haus sitzen.«

»Weil sie sich langweilt, sagt sie.«

»Sieh einer, auf Amüsemang wird sie ausgehen.«

»Die redet sich nur so um die Arbeit 'rum.«

»Kannst du ihr denn nicht befehlen?«

»Jawohl, ich hab' ihr das ein- oder zweimal gesagt! Das Maul hat sie gegen mich aufgerissen, als ob ich ein Hund wäre; wenn ihr nicht die Zügel fester zieht, dann sitzen ihr meine Befehle Gott weiß wo.«

Doch der Alte ließ ihre Beschwerde an sich vorbeigehen, immer ungeduldiger schien er zu horchen, es drang aber keine Menschenstimme von draußen in die Stube; nur der Sturm heulte, wälzte sich durch die Welt dahin und stemmte sich wie mit mächtigen Schultern gegen die Wände an, so daß das Haus krachte und ächzte.

»Geht ihr denn hin?« fragte sie leise.

Er antwortete nicht; seine Ohren hatten das Offnen der Flurtür vernommen, gleich darauf kam auch Witek atemlos hereingestürzt und rief von der Türschwelle:

»Der Gutsherr ist schon angekommen!«

»Seit langem schon? Mach' du mal rasch die Tür zu.«

»Man hört ja doch noch die Schellen!«

»Ist er denn allein gekommen?«

»Es weht ja doch so, daß ich nur die Pferde hab' auskennen können.«

»Laufe sogleich und erkundige dich, wo er gehalten hat!«

»Werdet ihr denn zu ihm hingehen?« fragte sie leise mit verhaltenem Atem.

»Ich warte, bis sie mich rufen, anbieten werd' ich mich nicht, aber ohne mich werden sie doch nichts beschließen ...«

Sie schwiegen beide; Jagna wickelte das Garn auf, die Fäden zählend und sie zu Docken zusammenbindend, und der Alte warf, da ihm die Arbeit vor Ungeduld aus den Fingern glitt, alles von sich und fing an, sich zum Ausgehen anzukleiden; bevor er aber noch fertig wurde, kam Witek angerannt.

»Der Gutsherr sitzen beim Müller in der Stube nach der Straße zu, und die Pferde stehen auf dem Hof.«

»Was hast du dich da so besudelt?«

»Weil der Wind mich auf eine Schneewehe geworfen hat ...«

»Versteht sich / mußt dich schön mit den Jungen im Schnee rumgebalgt haben ...«

»Der Wind hat mich umgeschmissen ...«

»Zerreiß' deine Kleidung, zerreiß' sie; wenn ich dir, Aas, aber mit dem Riemen eins aufbrennen werde, dann wirst du dir das schon merken.«

»Es ist doch aber wahr, es weht und schmeißt einen immer zu um, daß man gar nicht stehen kann ...«

»Laß den Herd los, in der Nacht wirst du dich genug warmen und sage Pjetrek, er soll sich ans Dreschen machen, helfen sollst du ihm, und daß du dich nicht im Dorf herumtreibst wie ein junger Hund mit heraushängender Zunge.«

»Ich geh' schon, nur Holz will ich noch holen, die Bäuerin hat's befohlen ...« murmelte er kläglich, voll Verdrießlichkeit, daß er nicht erzählen konnte, was er im Dorf gesehen hatte; er drehte sich noch ein paarmal in der Stube herum, pfiff nach Waupa, der sich nur noch fester zu einem Knäuel zusammendrehte und gar nicht auf ihn hören wollte, und ging dann ohne ihn zur Stube hinaus. Boryna aber, zum Ausgehen fertig, drückte sich in den Ecken herum, stocherte im Herd, ging nach der Scheune einsehen, spähte durchs Fenster, trat dann vors Haus und wartete immer ungeduldiger, aber niemand kam ihn zu holen.

»Vielleicht haben sie es vergessen ...« bemerkte Jagna.

»Was denn, mich hätten sie vergessen? ...«

»Weil ihr immer dem Schmied glaubt, und das ist der erste Lügner ...«

»Du bist dumm, rede nicht, wovon du nichts verstehst ...«

Sie verstummte beleidigt; vergeblich versuchte er mit sanften Worten wieder anzuknüpfen, bis er schließlich selbst in Wut geriet, die Mütze aufsetzte und geräuschvoll davonging.

Jagusch machte den Spinnrocken zurecht, setzte sich ans Fenster und spann, von Zeit zu Zeit in den hinter den Scheiben tobenden Schneesturm hinausblickend.

Der Wind heulte furchtbar, wahre Schneewolken wälzten sich zerfetzt, zu haushohen Wirbeln, zu Riesenbäumen aufgetürmt durch die Welt und stießen eins ums andere Mal gegen das Haus, so daß alles in der Stube bebte, die Schüsseln, die im Schrankchen aufgestellt waren, klirrten aneinander und die Welten aus Oblaten schaukelten an der Balkendecke hin und her. Es wehte so durchdringend kalt von den Fenstern und Türen, daß Waupa immerzu sich ein wärmeres Lager suchen mußte und Jagna eine Beiderwandschürze über die Schulter zog.

Witek schob sich leise herein und sagte schüchtern:

»Bäuerin!«

»Was denn?«

»Wißt ihr, der Gutsherr ist mit einem Hengstgespann gekommen. Kutschpferde, die reinen Riesen, seine Rappen in roten Netzen mit Federn auf den Köpfen und Schellen auf den Gurten, und sie leuchten so voll Gold wie die Bilder in der Kirche! Und wie die gelaufen sind, da ist der Wind nichts bei!«

»Kein Wunder, sind doch herrschaftliche, keine Bauernpferde!«

»Jesus, noch nie hab' ich solche Ungeheuer gesehen!«

»Warum auch nicht, sie tun nichts und leben vom reinen Hafer!«

»Das schon, aber wenn man unsere Jungstute ausfüttern täte und den Schwanz abschneiden und die Mähne einflechten und mit dem Schimmel vom Schulzen zusammenspannen, dann würden sie auch so jagen, was, Bäuerin? ...«

Der Hund sprang plötzlich auf, borstete sich und fing an zu bellen.

»Sieh' doch mal hinaus, jemand ist auf der Galerie.«

Doch ehe Witek noch konnte, trat ein ganz schneebeladener Mann über die Schwelle, bot Gott zum Gruß, klopfte die Mütze gegen die Stiefel ab und sah sich in der Stube um.

»Wenn ihr es erlaubt, tu' ich mich etwas wärmen und ausruhen!« sagte er in bittendem Ton.

»Setzt euch! Witek, wirf mal was aufs Feuer,« befahl sie verwirrt.

Der Unbekannte setzte sich am Herd nieder, wärmte sich etwas und zündete die Pfeife an.

»Ist das Borynas Haus, von Matheus Boryna?« fragte er, von einem Zettel ablesend.

»Das hier ist Boryna seins,« bejahte sie ängstlich, denn es schien ihr, daß es einer vom Amt war.

»Ist der Vater zu Hause?«

»Meiner ist ins Dorf gegangen.«

»Ich werde warten; erlaubt, daß ich etwas am Feuer sitzen bleibe, durchfroren ist man.«

»Bleibt sitzen, weder Bank noch Feuer wird weniger davon.«

Der Unbekannte nahm den Schafpelz ab, aber er mußte es kalt haben, denn er schauerte ganz zusammen, rieb sich die Hände und schob sich immer näher ans Feuer heran.

»Schwerer Winter dieses Jahr,« murmelte er.

»Versteht sich, nicht leicht. Und soll ich vielleicht Milch aufkochen zum Durchwärmen?«

»Dank' euch schön, wenn ihr Tee hättet! ...«

»Da war welcher im Herbst; als Meiner es im Magen hatte, hab' ich ihn aus der Stadt mitgebracht, aber der ist jetzt hin, ich weiß nicht, bei wem man im Dorf den finden kann ...«

»Der Hochwürden trinken doch in einem zu Tee,« warf Witek ein.

»Hale, wirst du zu ihm hinlaufen und borgen, was!«

»Ist nicht nötig, nein, Tee hab' ich bei mir, kocht mir nur etwas Wasser auf ...«

»Heißes Wasser sozusagen?«

Sie stellte einen Topf Wasser ans Feuer und setzte sich an den Spinnrocken zurück, aber sie spann nicht, nur daß sie zum Schein hin und wieder mal die Spindel aufschnurren ließ, und blickte ihn eifrig an voll dumpfer Unruhe und Neugierde; was mochte das wohl für einer sein, was wollte der, vielleicht einer vom Amt mit einer Zählungsliste, denn immerzu sah er in ein kleines Büchlein hinein ... Seine Kleidung war fast herrschaftlich, grau mit grün, wie es die herrschaftlichen Jäger tragen; und dann hatte er wieder eine Mütze und einen Bauernpelz! Irgendein Sonderbarer oder ein Weltwanderer! Vielleicht auch noch was anderes, sann sie, sich mit Witek durch die Blicke verständigend, der tat, als ob er Holz aufs Feuer legte und hauptsächlich den Fremden betrachtete und sich sehr wunderte, daß er nach Waupa mit der Zunge schnalzte.

»Er wird beißen, ist ein böser Hund!« murmelte er unwillkürlich.

»Hab' keine Angst, mich beißen die Hunde nicht.« Er lächelte seltsam und streichelte den an seine Knie sich schmiegenden Hundekopf.

Bald kam Fine in die Stube und gleich hinter ihr her sah die Wawschonbäuerin ein, dann wieder einer von den Nachbarn, denn es hatte sich schon in der Nachbarschaft herumgesprochen, daß ein Fremder bei den Borynas säße.

Und jener saß und wärmte sich immer noch, ohne auf die Menschen, ihr Geflüster und ihr Gerede zu achten; erst als das Wasser aufkochte, holte er aus irgendeinem Stückchen Papier Tee hervor, schüttete ihn ein, langte sich vom Bord ein weißes Töpflein, goß kochendes Wasser hinein, und hin und wieder ein Stück Zucker in den Mund steckend und einen Schluck nehmend, ging er auf und ab, sah sich die Bilder und Gegenstände an oder blieb mitten in der Stube stehen und blickte den Menschen so durchdringend in die Augen, daß einem ganz sonderbar im Leib dabei wurde.

»Wer hat das geklebt?« er zeigte auf die Welten, die an der Balkendecke hingen.

»Das bin ich gewesen!« piepste Fine errötend.

Er ging dann noch lange auf und ab und Waupa folgte ihm Schritt für Schritt.

»Wer hat das so gemalt?« rief er erstaunt, vor den Papiersilhouetten stehenbleibend, die auf die Rahmen der Bilder und hier und da selbst unmittelbar an der Wand aufgeklebt waren.

»Das ist aber doch nichts Gemaltes, nur aus Papier ausgeschnitten!« entgegnete Jagna.

»Ist nicht möglich!« rief er aus.

»Hab' sie doch selber ausgeschnitten, da muß ich es schon wissen!«

»Und habt ihr euch das selber ausgedacht, wie?«

»Selber, jedes Kind im Dorf kann das doch.«

Er schwieg wieder, schenkte sich zum zweitenmal Tee ein, setzte sich an den Feuerherd und sprach ein paar gute Paternoster lang kein Wort.

Die Menschen waren auseinandergegangen, denn der Abend kam und der Schneesturm hatte nachgelassen, nur manchmal setzte noch ein scharfer Wind ein, der sich kreisend drehte und wirbelte und gegen die Häuser blies; aber immer seltener und schwächer war sein Flug wie bei einem Vogel, der durch einen weiten Weg ganz von Kräften gekommen ist.

Jagna stellte schließlich den Spinnrocken beiseite und machte sich an die abendlichen Arbeiten.

»Hat bei euch ein Jakob Socha gedient?« fragte der Unbekannte.

»Das soll wohl Jakob sein! Natürlich hat er bei uns gedient, aber es ist mit dem Armen doch ans Sterben gekommen im Herbst noch.«

»Der Priester hat es mir gesagt. Mein Gott, seit dem Sommer habe ich ihn in allen Dörfern im Umkreis gesucht und hab' ihn erst nach dem Tod gefunden.«

»Unseren Jakob habt ihr gesucht?« rief Witek bewegt aus.

»Dann müssen der Herr wohl dem Erbherrn aus Wola sein Bruder sein?«

»Woher kennt ihr mich denn?«

»Manchesmal haben die Leute erzählt, daß dem Gutsherrn sein Bruder aus fernen Ländern zurückgekehrt ist und in allen Dörfern nach einem Jakob sucht, aber niemand wußte, welchen er gemeint hat.«

»Den Socha, erst heute hab' ich es erfahren, daß er bei euch gedient hat und gestorben ist.«

»Sie haben ihn angeschossen, das Blut ist ihm ganz weggelaufen, er ist gestorben, tot!« rief Witek durch Tränen.

»War er lange bei euch?«

»Immer, so lange ich nur zurückdenken kann, immer hat er bei Borynas gedient.«

»Ein ehrlicher Mensch war er, wie man sagt?« fragte er schüchtern.

»Und wie noch, das ganze Dorf kann es bezeugen, alle, selbst Hochwürden haben bei dem Begräbnis geweint und haben nichts für die Totenmesse nehmen wollen.«

»Und mich hat er das Gebet gelehrt, schießen auch; wie ein eigener Vater hat er immer für mich gesorgt, und manchmal hat er mir einen Zehner geschenkt und ... und ...« er heulte los bei dieser Erinnerung.

»Und fromm war er, ein stiller, arbeitsamer Knecht, so daß selbst Hochwürden ihn häufig gelobt hat ...«

»Ist er auf eurem Kirchhof begraben?«

»Wo denn sonst anders?«

»Ich weiß es wo, ich will zeigen. Ambrosius hat ihm ein Kreuz hingesetzt, und der Rochus hat alles auf ein Täfelchen aufgeschrieben. Wenn es auch noch so zugeweht ist, da kenn' ich mich aus und bring' jeden hin,« rief Witek.

»Na, dann gehen wir gleich, da mit wir noch vor Nacht hinkommen.«

Der Unbekannte zog seinen Schafpelz an und blieb eine lange Weile mitten in der Stube stehen, irgendwo vor sich hinstarrend. Er war schon alt, etwas gebeugt, weißhaarig und dürr wie ein Span; er hatte ein zerfurchtes, erdgraues Gesicht und eine Vertiefung in der linken Backe / die alte Spur einer Kugel / und über dem Auge war eine lange rote Narbe zu sehen. Seine Nase war lang, der Bart dünn und buschig, die Augen dunkel, tief eingesunken und stark leuchtend; die Pfeife ließ er nicht für einen Augenblick aus den Zähnen und zündete sie sich immer wieder an, schließlich bewegte er sich, wollte der Jagna irgendein Geldstück geben, sie steckte aber ihre Hände weg und errötete stark.

»Nehmt nur, umsonst gibt es nichts in der Welt ...«

»Hale, vielleicht ist in der Welt eine solche Mode; bin ich denn ein Jude oder ein Händler, der sich für Wasser und Feuer zahlen läßt?« murmelte sie beleidigt.

»Gott bezahl' euch eure Gastfreundlichkeit! Sagt dem Euren, daß Jacek aus Wola da war. Er wird sich meiner erinnern, ich seh' noch mal bei euch ein, jetzt hab' ich es eilig, denn die Nacht kommt heran. Bleibt mit Gott.«

»Gott mit euch!«

Sie wollte ihm die Hand küssen, aber er entriß sie ihr und ging rasch hinaus.

Auf die Erde rieselte die erste kaum sichtbare Dämmerung herab, der Sturm hatte sich gelegt; nur von den Schneewehen, die wie Dämme sich quer über die Straße gelagert hatten, wehte ein trockener feiner Schnee, als klopfte man einen Mehlbeutel aus; aber nur auf dem Boden stäubte und wirbelte es so, denn in den Lüften war schon alles still geworden, so daß die Häuser und Obstgärten ins Klare emportauchten und ganz sichtbar in dem bläulich zerfließenden Dunst der Dämmerung dastanden.

Das Dorf war wie aus einer Starre erwacht, die Wege belebten sich, Stimmen erklangen aus den Heckenwegen, hier und da machte man sich daran, Schneemassen vor den Häusern wegzuschaufeln, schlug neue Wuhnen ins Eis, trug Wasser, öffnete die Scheunentore, daß das Aufschlagen der Dreschflegel vernehmbarer auf den Wegen erklang, und hin und wieder waren schon Schlittengespanne sichtbar, die sich mit Mühe den Weg durch den Schnee bahnten, und selbst die Krähen waren wieder um die Gehöfte herum aufgetaucht, was ein untrügliches Zeichen war, daß ein Witterungswechsel kommen sollte.

Der Herr Jacek sah neugierig ringsumher, fragte manchmal nach den Leuten, die ihnen begegneten, manchmal nach den Häusern und schritt so rüstig aus, daß Witek kaum mitkommen konnte, und voraus lief Waupa, laut und fröhlich bellend.

Vor der Kirche häuften sich solche gewaltige Schneewehen, daß die ganze Ummauerung zugeschüttet war, der Schnee reichte fast bis an die Äste der Bäume. Sie mußten am Pfarrhof, dem gegenüber sich ein ganzer Haufen Jungen schreiend umhertrieb und sich mit Schnee bewarf, einen Umweg machen. Waupa, der die Jungen anbellte, wurde von einem gerade noch am Rücken gepackt und in eine noch stäubende weiche Wehe hineingeworfen; Witek sprang ihm zu Hilfe, hatte aber auch was auszustehen durch all' die vielen Schneebälle, so daß er kaum herauskriechen konnte. Er gab dem einen und dem anderen ein paar Tüchtige wieder und rannte eiligst weiter, denn der Herr Jacek wartete nicht.

Sie konnten sich kaum bis zum Friedhof durcharbeiten, und auch da noch lag der Schnee mannshoch und in solchen Mengen, daß nur die Arme der Kreuze über den Rücken der Schneewälle dunkel emporragten; der Platz lag etwas frei, so daß der Wind bisweilen durchblies und der Schneestaub alles in einen weißen Nebel einhüllte; nur die Stämme der hin und her geschüttelten Bäume tauchten aus ihm auf. Die Felder ringsherum lagen von der Dämmerung bläulich angehaucht, in matter, fast blinder Weiße da, so daß man nichts unterscheiden konnte, weder die Bäume noch die Steinhaufen auf den Feldrainen, noch die ferneren Waldstriche/ nur dicht hinter dem Friedhof sah man auf einem verschneiten Pfad etliche Menschen schwer beladen und tief zur Erde gebeugt langsam dahinziehen; das Schneetreiben verhüllte sie etwas, so daß sie manchmal ganz verschwunden waren, und wenn der Wind nachließ, sah man einzelne Gestalten, darunter Frauen in roten Beiderwandröcken immer näher kommen.

»Was sind das für Menschen, kommen wohl vom Jahrmarkt?«

»Hale, das sind doch die Kätner, die haben im Wald Holz geholt.«

»Und auf dem Rücken tragen sie alles?«

»Das schon, sie haben doch keine Pferde, da müssen sie es schon auf dem Rücken heranschleppen.«

»Sind denn viele von denen im Dorf?«

»Natürlich, nicht wenig. Grund und Boden haben doch nur die Hofbauern, die anderen sitzen auf Miete und gehen auf Taglohn oder verdingen sich.«

»Und gehen sie denn oft so nach Holz aus, wie?«

»Einmal in der Woche doch, da erlaubt ihnen der Gutsherr, da dürfen sie mit der Kugel Holz abschlagen gehen, und was denn einer von Dürrholz abbrechen kann, das packt er in sein Leinentuch und kann es dann wegtragen, das ist dann seins; was das Recht ist, dürfen doch nur die Hofbauern mit der Axt nach dem Wald hinfahren ... Wir sind mit dem Jakob immerzu da hingefahren und nicht einmal, aber öfters haben wir eine gute Baumseele im Wagen gehabt, denn der Jakob, der wußte es schon, wie man in einem Nu eine junge Buche fällt und dann unter die Äste versteckt, daß selbst der Heger nichts gemerkt hat!« rief er ganz stolz.

»Ist denn Jakob lange krank gewesen, erzähle mir nur ja alles.«

Natürlich ließ sich Witek nicht lange bitten und erzählte was er nur wußte. Der Herr Jacek unterbrach ihn mehrmals mit Fragen, blieb erregt stehen, hob die Hände, rief etwas ganz laut, aber der Junge konnte nicht herausfinden, worum es ihm zu tun war und weshalb er sich so verwunderte, denn in Wahrheit hatte er nicht gut zugehört, es war ihm etwas die Angst angekommen, weil es schon dunkelte und der ganze Friedhof aussah, als ob er ein Totenhemd übergezogen hätte, sonderbare Laute glaubte er zu hören; so lief er, den Weg weisend, vor ihm her und schaute mit ängstlichen Augen nach Jakobs Kreuz aus; schließlich fand er es, ganz nahe an der Kirchhofsplanke neben den verwehten Grabhügeln jener, die im Krieg erschlagen worden waren und an denen er zu Allerseelen noch gebetet hatte.

»Dies hier ist seins, auf dem Kreuz steht es geschrieben: Jakob Socha!« er lautierte die Aufschrift, mit dem Finger über die weißen großen Lettern fahrend. »Das hat Rochus aufgeschrieben, und das Kreuz hat Ambrosius zurechtgemacht!«

Der Herr Jacek gab ihm zwei Silberlinge und befahl ihm, eilig nach Hause zu gehen.

Der Junge lief davon, was das Zeug hielt, und nur ein einziges Mal wandte er sich um, um nach Waupa zu pfeifen und zu sehen, was dieser da machte.

»Jesus! Dem Gutsherrn sein Bruder und kniet an Jakobs Grab,« flüsterte er erstaunt; aber da die Dämmerung sich senkte und die niedergebeugten Bäume seltsam und furchtbar zitterten, so ergriff ihn eine solche Angst, daß er im vollen Galopp querfeldein nach dem Dorf zurückrannte. Erst bei der Kirche hielt er an, um etwas Luft zu schnappen und das Geld anzuschauen, das er fest in der Faust hielt; der Hund hatte ihn auch gerade eingeholt, und so kehrten sie denn beide langsam nach Hause zurück.

In der Nähe des Weihers stieß er auf Antek, der von der Arbeit heimkehrte, der Hund warf sich ihm entgegen und schwänzelte, bellte und winselte freudig, bis Antek ihn zu streicheln begann.

»Guter Hund, schöner, guter! Woher kommst du denn, Witek?«

Witek erzählte alles, natürlich sagte er nichts vom Geld.

»Könntest mal zu den Kindern kommen.«

»Ich renn' mal hin, ich renn' mal hin; für Pjetrusch hab' ich schon einen kleinen Wagen gemacht und ein Wundertier ...«

»Bring' ihn her, hier hast du einen Zehner, damit du's nicht vergißt ...«

»Ich laufe gleich hin, werd' nur mal sehen, ob der Bauer nicht schon heimgekommen sind ...«

»Ist er denn nicht zu Hause?« fragte Antek scheinbar gleichgültig und erbebte dabei.

»Der ist beim Müller, er berät sich mit dem Gutsherrn, und mit den anderen!«

»Ist die Bäuerin zu Haus?« fragte er leiser.

»Die ist zu Hause, bei der Wirtschaft. Ich seh' nur mal nach, gleich bin ich wieder da ...«

»Kannst kommen, kannst kommen!« murmelte er und wollte ihn ausfragen, sich erkundigen, aber er wagte es nicht; es kamen und gingen Leute an ihnen vorbei, außerdem hätte der dumme Junge noch ausplaudern und herumbringen können. Er ging rasch in der Richtung seines Hauses davon; vor der Kirche sah er sich aber aufmerksam um, ob es niemand merkte und bog auf einen kleinen Pfad ab, der hinter den Scheunen lief!

Witek aber rannte ins Haus hinein.

Boryna war noch nicht da; in der Stube war es schon dunkel, nur auf dem Herd glühten einige Scheite. Jagna besorgte geschäftig die abendlichen Arbeiten; sie war ärgerlich, denn Fine hatte sich wieder irgendwo davongemacht, obgleich noch so viel Arbeit da war, daß man nicht wußte, wo man zuerst angreifen sollte! Sie hörte nicht einmal auf Witeks Erzählungen hin; erst als er Antek erwähnte, hielt sie plötzlich inne und horchte auf ...

»Sag' es nur niemandem, daß er dir einen Zehner gegeben hat.«

»Wenn ihr befehlt, dann laß ich nicht einen Ton hören.«

»Hier hast du noch einen und behalt' es gut im Gedächtnis. Ist er heimwärts gegangen? ...«

Nein, sie wollte nicht auf seine Antwort warten, sprang plötzlich auf und lief wie von Angst getrieben auf die Galerie, wo sie Pjetrek zu rufen begann und mit einem ängstlich lauernden Blick den Garten und den Heckenweg überflog. Selbst hinter dem Schuppen und vor dem Schober sah sie nach, niemand war zu sehen ... Sie beruhigte sich bald, aber es hatte sie eine solche Mißmutigkeit befallen, daß sie auf Fine einzuschreien begann und sie hin und her jagte, damit sie den Kühen schneller den Drank zurechtmachte; sie warf ihr vor, daß sie sich immerzu von Haus zu Haus herumtrieb und nichts tat. Natürlich konnte die Dirne auch noch nicht mal schweigen, denn sie war trotzig, großmäulig und eigensinnig, so zankte sie sich denn Wort um Wort.

»Maul du nur noch! Wenn Vater kommt, dann wird er dich gleich mit dem Riemen zur Ruhe kriegen!« drohte Jagna, die Lampe anzündend und sich wieder ans Spinnrad setzend. Sie antwortete nicht mehr auf Fines Gemurr, denn es war ihr, als ob jemand unter dem Fenster an der Giebelseite auf und ab ginge.

»Sieh doch einmal heraus, Witek, das Schwein muß aus dem Stall herausgekrochen sein, mir deucht, es läuft im Garten herum.«

Aber Witek versicherte, daß er alle eingejagt und die Tür gut verschlossen hätte; Fine ging auf die andere Seite und trug mit Pjetrek die Kübel mit dem Drank für die Kühe hinaus, dann kam sie angelaufen, um die Gelten zum Melken zu holen.

»Ich werde selbst melken, ruh' dich aus, wenn du dich so abgearbeitet haben willst!«

»Ja, melkt nur allein, da werdet ihr gewiß wieder die Hälfte der Milch in den Eutern lassen!« rief Fine bissig hinterher.

»Halt dein Maul!« schrie Jagna zornig zurück, schlüpfte in die Pantinen hinein, schürzte die Röcke hoch, nahm die Gelten und ging nach dem Kuhstall.

Es war schon völlig Abend geworden; der Wind hatte sich beruhigt und das Schneetreiben ließ nach, aber der schwarze, sternenlose Himmel hing ganz tief herab, große Wolken überfluteten ihn, die Schneeflächen lagen in einem düsteren Grau, eine wehmütige müde Stille drückte die Welt nieder; keine Stimme drang vom Dorf herüber, nur von irgendwo aus der Schmiede kam ein fernes dumpfes Hämmern.

Im Kuhstall war es dunkel und schwül, die Kühe schlürften den Drank und scheuerten laut vernehmbar mit den Zungen auf dem Grund der Kübel, hin und wieder schwer aufschnaufend.

Jagna fand tastend einen Schemel, setzte sich an die erste Kuh in der Reihe heran, fand das Euter, wischte es mit der Schürze ab und, den Kopf gegen den Wanst der Kuh gelehnt, fing sie an zu melken.

Eine Stille umfing sie, das kleinste Geräusch konnte sie deutlich hören; die Milch schlurpte eins ums andere Mal in die Gelte, vom Stall tönte Pferdegestampf herüber, und vom Wohnhaus hörte man das gedämpfte, geiferige Räsonnieren Fines.

»Die redet herum, aber die Kartoffeln werden nicht geschält,« brummte sie und verstummte plötzlich, um aufzuhorchen, denn der Schnee im Hof knirschte auf, als käme jemand rechts vom Schuppen her, scheinbar sehr langsam ... er blieb selbst hin und wieder stehen ... denn es wurde für Augenblicke ganz still ... dann hörte man abermals Tritte ... der Schnee knirschte immer näher ... sie riß den Kopf zurück und spähte durch das dämmerige Türloch hinaus ... eine undeutliche Gestalt hob sich plötzlich gegen die Öffnung ab.

»Pjetrek! ...« rief sie.

»Still Jagusch, still!«

»Antek!«

Sie war ganz verstört, die ganze Kraft hatte sie verlassen, so daß sie kein Wort mehr hervorbringen konnte, bewegungslos dasaß, ohne einen Gedanken fassen zu können und ohne sich Rechenschaft zu geben, an den Eutern zog, daß die Milch nur so auf den Beiderwandrock und auf die Erde spritzte. Eine Glut kam über sie, und es war ihr, als ob eine sengende Flamme sie mit ihrem Sturmhauch umfing, vor ihren Augen aufblitzte, flirrte und ihr Herz in Süße anschwellen ließ; und dermaßen hatte es sie an die Gurgel gepackt und ihr den Atem benommen, daß es sie rein wundernahm, nicht tot zu Boden gestürzt zu sein.

»Seit Weihnacht her hab' ich auf dich gelauert, Tag für Tag, jeden Abend hab' ich wie ein Hund am Schober aufgepaßt, du bist nicht gekommen ...« flüsterte er.

Diese erstickte, leidenschaftliche, durch die Glut der Liebe verharschte, mit Lust geschwängerte Stimme kam über sie wie siedende Gluten, wie Feuer, wie eine süße Wollust, wie ein siegreicher Schrei der Macht ... Er stand ihr gerade gegenüber, sie fühlte es, wie er sich auf die Kuh stützte, sich vorbeugte und sie ganz aus der Nähe ansah, so daß sein heißer Atem ihr Haupt streifte.

»Fürcht' dich nicht, Jagusch. Kein Mensch hat es gesehen, hab' keine Angst. Ich könnt' es doch nicht mehr aushalten; ich weiß mir nicht zu helfen, Tag und Nacht und zu jeglicher Stunde hab' ich dich immerzu vor den Augen, liegst mir immerzu im Sinn, Jagusch; wirst du mir denn nichts sagen?«

»Was soll ich dir sagen, was?« murmelte sie mit einer von Weinen durchbebten Stimme.

Sie schwiegen beide. Die Stimmen versagten ihnen ganz, die Rührung und die plötzliche Nähe benahm ihnen den Atem; die ersehnte Einsamkeit, die Nacht waren wie eine Ohnmacht über sie gekommen, hatten sich wie eine süße Last und seltsame Beängstigung auf sie gelegt! Es hatte sie zueinander hingerissen, und jetzt war es selbst schwer, nur ein Wort zu sagen, sie hatten nacheinander verlangt, und nun vermochten sie es nicht einmal, einander die Hand zu reichen/sie schwiegen.

Die Kuh schlürfte laut ihren Drank und schlug so heftig mit den Schweif gegen die Flanken, daß sie Antek immer wieder ins Gesicht traf, bis er kräftig zugriff, ihn fest in der Hand behielt und, sich noch mehr über den Rücken des Tieres vorbeugend, wieder zu flüstern begann:

»Der Schlaf kommt mir nicht an, essen mag ich auch nicht mehr, und mit der Arbeit will es gar nicht mehr gehen, durch dich Jagusch, durch dich ...«

»Und mir ist es auch nicht leicht, nein ...«

»Hast du denn mal an mich gedacht, Jagusch, hast du denn das getan? ...«

»Wie sollt' ich nicht denken, wenn du mir immerzu in den Sinn kommst, immerzu, so daß ich mir schon gar keinen Rat mehr weiß. Ist es denn wahr, daß du wegen mir Mathias verprügelt hast?«

»Es ist wahr. Er hat über dich gelogen; da hab' ich ihm das Maul gestopft, und jedem werd' ich dasselbe tun!«

Die Wohnhaustür klappte, und jemand kam über den Hof gerannt, geradezu auf den Kuhstall, so daß Antek kaum Zeit hatte, nach den Krippen zu springen und sich dort niederzuducken.

»Die Fine hat gesagt, ich soll die Zuber holen, weil man den Schweinen das Fressen zurechtmachen muß.

»Nimm beide, nimm!« konnte sie kaum hervorstottern.

»Die Bleß hat aber noch nicht ausgetrunken, ich komme später nochmal.«

Witek rannte davon, man hörte, wie die Tür wieder klappte, und dann erst schob sich Antek aus seinem Versteck hervor.

»Das Aas wird wiederkommen ... ich geh' nach dem Schober, da wart' ich; kommst du heraus, Jagusch?«

»Ich fürcht' mich ...«

»Komm und wär' es auch 'ne Stunde, oder zwei, warten tu' ich, komm!« flehte er.

Er schob sich von hinten näher an sie heran, denn sie saß immer noch neben der Kuh, umschlang sie heiß, beugte ihren Kopf zurück und preßte seine Lippen so heftig auf die ihren, daß sie den Atem verlor, die Hände sanken ihr matt nieder, die Gelte flog auf den Boden; sie war ganz außer sich, reckte sich immer stärker ihm entgegen und drängte sich so sinnlos mit ihrem Mund an seinen Mund heran, daß sie sich auf Tod und Leben zusammenschlossen, ineinander versanken und eine lange Weile in diesem leidenschaftlichen, wilden, bewußtlosen Kuß verharrten.

Schließlich riß er sich los und rannte geduckt zum Kuhstall hinaus.

Endlich sprang auch sie auf, um ihm nachzustürzen, aber schon war er wie ein Schatten über die Schwelle geglitten und verschwand in die Nacht. Er war nicht mehr zugegen, aber dieses leise heiße Flüstern klang in ihr so stark und befehlend wieder, daß sie sich staunend im Kuhstall umsah ... Natürlich war niemand da; die Kühe käuten ihr Futter wieder und klatschten mit den Schweifen. Sie sah hinaus auf den Hof, vor der Schwelle stand die Nacht mit ihren undurchdringlichen Dunkelheiten, eine drückende Stille lastete auf der Welt, und nur jene Hammerschläge klirrten in der Ferne ... Und doch war er dagewesen ... hatte neben ihr gestanden, sie umarmt, geküßt ... noch brennen die Lippen, noch durchfährt es sie blitzartig und heiß und im Herzen steigt ein solcher Freudenschrei auf, daß es gar nicht zu sagen ist! Jesus, mein Jesus! etwas riß sie hoch und drängte sie hinaus, so daß sie ihm gleich, in diesem Augenblick ans Ende der Welt gefolgt wäre! ... »Jantosch!« rief sie, fast ohne zu wissen, was sie tat, und erst die eigene Stimme brachte sie etwas zu sich. Sie beeilte sich soviel sie konnte mit dem Melken, aber sie war so zerfahren, daß sie oft zwischen den Vorderbeinen der Kühe nach dem Euter suchte, und sie war so berauscht vor Glückseligkeit, daß sie erst auf dem Wege nach Hause, draußen im Frost gewahr wurde, daß ihr Gesicht von Tränen feucht war. Sie trug die Milch hinüber, vergaß aber ganz, sie durchzusieben und lief auf die andere Seite, denn Nastuschas Stimme ließ sich von dorther hören; doch sie sagte ihr kein Wort, kehrte zurück und fing an, sich vor dem Spiegelchen zu putzen, dann warf sie noch Scheite aufs Feuer und überlegte, was sie noch Eiliges zu tun hatte ... aber was half es, nichts konnte sie sich erinnern, nicht das mindeste ... denn nur das einzige dachte sie, daß Antek am Schober wartete, daß er wartete ... Sie lief zwecklos in der Stube umher, warf die Beiderwandschürze um und ging davon.

Leise hatte sie sich an den Fenstern vorbeigedrückt und ging auf der Giebelseite auf den schmalen Durchgang zwischen Obstgarten und Schuppen zu, der mit schneebehangenen Ästen wie mit einem Dach überdeckt war, so daß sie sich bücken mußte.

Antek lauerte auf sie an dem Zaunüberstieg, stürzte sich wie ein Wolf aus sie und zog sie mit sich nach dem Schober, der gleich jenseits des Weges stand, sie fast im Arm tragend.

Doch sie hatten kein Glück an diesem Tage, denn kaum waren sie in den Schober geklettert, kaum hatten sie sich im Kuß zusammengefunden, als die scharfe, weit vernehmbare Stimme Borynas ertönte:

»Jagusch! Jagusch! ...«

Als wäre ein Blitz zwischen sie gefahren, so sprangen sie auseinander, Antek stürzte nach der Seite davon und rannte gebückt an den Gärten entlang und Jagna lief auf den Hof, ohne auf die Zweige zu achten, die ihr die Schürze vom Kopf gerissen hatten und sie ganz mit Schnee von oben bis unten bestäubten. Sie rieb sich das Gesicht mit Schnee ab, las eine Tracht Holz am Schuppen zusammen und kehrte langsam und ruhig in die Stube zurück.

Der Alte blickte ihr von unten herauf etwas seltsam ins Gesicht.

»Bei der Grauen habe ich nachgesehen, denn sie stöhnt ein bißchen und legt sich immerzu hin ...«

»Ich hab' dich im Kuhstall gesucht und nicht sehen können ...«

»Weil ich da schon am Schuppen Holz aufgelesen habe.«

»Und wo hast du dich denn so mit Schnee besudelt? ...«

»Wo denn? Vom Dach hängen die Schneebärte herab und stäuben einem auf den Kopf, wenn man nur daran rührt,« setzte sie ruhig auseinander, aber ihr Gesicht wandte sie vom Feuer ab, um ihre glühenden Wangen zu verbergen.

Doch den Alten führte sie nicht damit an; geradeaus in die Augen blickte er ihr nicht, sah aber gut, daß sie ganz heiß und rot war und daß ihre Augen leuchteten und loderten wie bei einer Kranken. Ein dumpfer, unklarer Verdacht glitt ihm ins Herz, eine böse Eifersucht begann sich in ihm zu regen und aufzuknurren und legte sich wie ein Hund auf die Lauer. Lange überlegte er und sann nach, bis daß es ihm einfiel, daß es gewiß Mathias war, der sie getroffen und irgendwo gegen den Zaun gedrückt hatte.

Gerade trat Nastuscha Täubich in die Stube herein, und gleich fing er an, sie auszuhorchen.

»Was denn, Mathias soll doch schon bald wieder gesund werden, er geht doch schon herum? ...«

»Hale, gesund!«

»Mir sagte jemand, daß man ihn zur Vesperzeit sah, soll im Dorf herumgegangen sein ...« redete er schlau auf sie ein und sah dabei fleißig auf Jagna.

»Die Klatschmäuler reden, was ihnen nur in den Sinn kommt; der Mathias kann sich kaum bewegen, selbst aus dem Bett steht er noch nicht auf; das einzige, daß er nicht mehr Blut von sich gibt. Ambrosius hat ihm heute Schröpfköpfe gestellt und jetzt hat er Branntwein mit Fett zurechtgebraut; sie kurieren sich beide so, daß man das Singen bis auf die Dorfstraße hört.«

Er fragte nicht mehr, aber den Verdacht konnte er nicht los werden.

Und Jagna, da dieses Schweigen ihr lästig war und Borynas spionierende Augen ihr keine Ruhe ließen, fing an, ausführlich über den Besuch des Herrn Jacek zu erzählen.

Boryna war sehr erstaunt und begann zu überlegen, was das wohl zu bedeuten haben konnte, sann darüber nach, überlegte, deliberierte, drehte jedes Wort für sich im Kopfe herum, bis ihm schließlich daraus klar wurde, daß der Gutsherr den Herrn Jacek zu ihm gesandt hatte, um herauszukriegen, was das Volk über den Schlag dachte.

»Aber er hat doch nicht ein Wort über den Wald gefragt.«

»Hale, ein solcher wird dich an der Nase herumführen wie an einem Tau, daß du, eh du dich versiehst, ihm schon alles ausgeplaudert haben wirst. Hoho, ich kenn' diese Herrenbrut.«

»Ich sag' euch doch, nach Jakob und nach den Papierbildern hat er nur gefragt.«

»Der geht auf den Feldrainen um die Sache herum, um den Weg auszuspähen! Dahinter steckt was, irgendein Streich von dem Gutsherrn; wie sollte es auch nicht, ist dem Gutsherrn sein Bruder und wird sich da um Jakob kümmern! Nur ein Dummer glaubt an solches Gerede. Man sagt, dieser Jacek soll etwas nicht ganz richtig sein, er schleppt sich immerzu von Dorf zu Dorf, spielt auf der Geige vor den Heiligenbildern und redet verschiedenes durcheinander. Und hat er denn gesagt, daß er wiederkommen wird?«

»Er hat es gesagt und nach euch gefragt.«

»Na, na, es will mir nicht in den Kopf.«

»Und habt ihr den Gutsherrn gesehen?« fragte sie weich, um ihm nur nicht Zeit zum Nachsinnen zu lassen.

Er zuckte auf, als hätte ihn eine Bremse in die Weichen gestochen.

»Nein, bei Simeon hab' ich die ganze Zeit gesessen,« sagte er und verstummte.

Sie wagte nicht mehr, zu fragen, denn er rannte in der Stube umher, wie ein wütiger Hund, schrie wegen der kleinsten Sache, trieb an und fluchte, bis es so still wurde, als hätte der Sandmann Mohn in die Stube gestreut; jeder ging ihm am liebsten aus den Augen, um nicht auch etwas abzubekommen.

In diesem lästigen Schweigen setzten sie sich zum Nachtmahl nieder, als Rochus eintrat, sich seiner Gewohnheit gemäß an den Herd setzte, das ihm gebotene Essen ablehnte, und als sie beendet hatten, leise zu sprechen begann:

»Nicht von mir komme ich. Im Dorf sagt man, daß der Gutsherr sich gegen Lipce erbost hat und nicht einen Mann zum Fällen rufen wird; ich bin hergekommen, um euch zu fragen, ob es wahr ist.«

»In Gott des Vaters und des Sohnes Namen, woher soll ich das wissen, zum erstenmal hör' ich es ...«

»Eine Beratung war doch heute beim Müller, von dort ist diese Neuheit ausgegangen.«

»Der Schulze, der Müller und der Schmied haben sich beraten, nicht ich!«

»Wieso denn, man erzählte doch, daß bei euch der Gutsherr selbst gewesen ist und daß ihr mit ihm fortgegangen seid.«

»Ich hab' mich nicht mit ihnen beratschlagt; ihr könnt ruhig glauben, was ihr wollt, aber ich sag' euch, was die Wahrheit ist.«

Er wollte nicht eingestehen, wie sehr ihn diese Übergehung schmerzte, daß sie sich ohne ihn besprochen hatten.

Er war wieder ganz zornig bei dieser Erinnerung geworden, doch er schwieg; nur in seinem Innern käute er die Kränkung wie Brennesseln wieder und beherrschte sich so gut er konnte, damit Rochus nicht merkte, was in ihm vorging.

»Wie denn, wie ein Dummer hatte er gewartet und ausgespäht, und die haben sich ohne ihn beratschlagt! Das wird er ihnen nicht vergeben, daran sollen sie sich erinnern. Sie halten ihn wohl für nichts, dann wird er ihnen zeigen, was er im Dorf bedeutet. Kein anderer als der Müller hat das gemacht, dieser Knechtsohn, hergelaufener. Durch fremdes Unrecht ist er zu Geld gekommen, und jetzt erhebt er sich über alle, dieser Betrüger; er wüßte schon über ihn solche Dinge, daß daraus Zuchthaus käme, das wüßte er ... oder auch dieser Schulze! Vieh sollte er lieber hüten und nicht den Älteren vorstehen wollen, dieser Trunkenbold; man hat ihn zum Schulzen gemacht, aber ebenso können sie ihn morgen absetzen und selbst Ambrosius wählen, derselbe Nutzen wäre von beiden! Und der Schmied, der liebe Schwiegersohn, der pestige! Laß ihn nur einmal ins Haus kommen! Oder dieser Gutsherr, ein Wolf ist das, immer nur um das Volk herumrennen und aufpassen und herumschnüffeln, wo er was für sich losreißen könnte! Ein feiner Herr, das Aas, auf dem Bauerngrund sitzt er, verkauft den Bauernwald, lebt von der Gnade der Bauern und wird sich hier noch gegen das Volk verschwören! Das Aas denkt nicht dran, daß die Dreschflegel sich auch über die herrschaftliche Haut hermachen können, wie über jede andere!«/Doch er sagte kein Wort von diesen Erwägungen, er war ja kein Frauenzimmer, um sich vor anderen zu beklagen und Freundschaften zu suchen! Das nagte ganz gewaltig an ihm, das schmerzte ihn selbst stark; aber was ging das einen anderen an! Bald besann er sich jedoch, daß es nicht üblich war, bei einem Fremden mit verschlossenem Maul dazusitzen; so erhob er sich von der Bank und sagte:

»Was für Neuigkeiten ihr erzählt; wenn sich aber der Gutsherr versteift und niemanden rufen wird, dann kann ihn doch niemand zwingen.«

»Das ist schon wahr, aber wenn ihm eine würdige Person die Sache vorstellen würde, wieviel Volk dadurch Not leidet, dann würde er vielleicht auch nachgeben.«

»Bitten werd' ich ihn nicht!« rief Boryna schneidend.

»An die zwanzig Kätner sitzen im Dorf und warten auf Arbeit, wie auf Gottes Erbarmen! Ihr wißt es selber, welche es sind, der Winter ist schwer, der Schnee, die Fröste, manch einem sind schon die Kartoffeln erfroren, und kein Verdienst! Ehe der Frühling da ist, wird eine solche Not kommen, daß man schon gar nicht daran denken mag. Jetzt schon ist die Not so groß, daß manch einer nur einmal am Tag was Warmes in den Magen kriegt und hungrig sich schlafen legen muß. Sie haben allesamt darauf gerechnet, daß, wenn der Gutsherr in der Wolfskuhle fällen ließe, es für jeden Arbeit geben würde. Und da soll er sich plötzlich zugeschworen haben, daß er nicht einen aus Lipce zur Arbeit nimmt! Er ist wohl deshalb wütend geworden, weil sie eine Klage an den Kommissar gegen ihn geschrieben haben.«

»Ich hab' sie selbst mit unterschrieben und werde fest dabei bleiben, daß er nicht ein Fichtlein fällt, bis er sich mit uns geeinigt hat und das zurückgibt, was unser ist.«

»Wenn es so ist, dann werden sie den Wald vielleicht nicht fällen.«

»Unseren nicht.«

»Was soll aber aus diesen armen Leuten werden, was?« seufzte Rochus.

»Ich kann ihnen nicht helfen, und damit sie was zu arbeiten haben, kann ich doch nicht mein Eigen fortgeben. Andere soll ich beschützen, für andere mich einsetzen, und wenn mir Unrecht geschieht, dann wird mir wohl ein Hund helfen ...«

»Ich seh' daraus, daß ihr es mit dem Gutshof haltet.«

»Ich halte mit mir und mit der Gerechtigkeit, merkt es Euch. Ich habe anderes im Kopfe. Da kann ich auch nicht weinen, wenn da Wojtek oder Bartek nichts ins Maul zu stecken haben, das ist dem Pfarrer seine Sache und nicht meine! Ein einzelner könnte mit allem nicht fertig werden, wenn er selbst wollte.«

»Aber er kann viel helfen, sehr viel!« warf Rochus traurig ein.

»Versucht mal Wasser mit einem Sieb zu tragen, da werdet ihr sehen, was ihr zusammenholt; so ist es auch mit der Armut; das ist wohl schon so eine Einrichtung Gottes, und, so scheint mir, bleibt es auch, daß der eine was hat und der andere dem Wind auf dem Feld nachjagt.«

Rochus schüttelte nur den Kopf und ging bekümmert davon, denn er hatte nicht eine solche Härte gegen die Not der Mitmenschen bei Boryna vermutet; der Alte geleitete ihn in den Heckenweg und, wie er das alltäglich tat, ging er durchs Gehöft, um zu den Kühen und Pferden einzusehen, denn es war schon spät.

Jagna machte die Betten und klopfte gerade die eine Federdecke zurecht, halblaut das Gebet vor sich hinmurmelnd, als Matheus hereintrat und ihr ein beschneites Kleidungsstück vor die Füße schmiß.

»Die Schürzen verlierst du, ich habe sie beim Zaunüberstieg gefunden!« sagte er leise und so hart und sah sie dabei so durchdringend an, daß sie vor Entsetzen erstarrte und erst nach einer ganzen Weile mit einer kläglichen Stimme sich zu rechtfertigen versuchte.

»Das ist doch ... dieser Waupa ... was er nur kann ... schleppt er aus dem Haus ... Gestern hat er mir die Holzstiefel in seine Hundehütte geschleppt! Ein Aas von Hund, was der einem Schaden macht ...«

»Der Waupa? ... Sieh, sieh ... na-na ...« murmelte er höhnisch, denn er glaubte ihr nicht das mindeste davon.

 

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