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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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Initial Die Borynaleute kehrten erst bei Morgengrauen aus der Kirche zurück, und kaum in einem Paternoster schnarchte alles im Hause, daß es nur so widerhallte; nur Jagusch allein, obgleich sie sehr ermüdet war, konnte nicht einschlafen; vergeblich preßte sie den Kopf in die Kissen, vergeblich versuchte sie die Augen zu schließen, wahrend sie das Federbett über den Kopf zog/nichts wollte helfen, der Schlaf kam nicht; nur etwas wie ein Alp überfiel sie, legte sich mit einer solchen Schwere auf ihre Brust, daß sie nicht aufatmen, nicht schreien, noch aus dem Bett aufspringen konnte; unbeweglich lag sie halb wach, halb träumend in einer Starre da, in der der Verstand nichts unterscheidet und nur die Seele Erinnerungen aus sich spinnt, wie ein Wocken, und die ganze Welt mit ihrem Gespinst umwindet, lauter Wunder sieht, über die Lande schwebt, sich in Sonne kleidet und selbst nicht mehr ist, als die Spiegelungen in einem klaren aber aufgewühlten Wasser ... so war es mit Jagna; und obgleich sie nicht eingeschlafen war, so war ihr doch alles aus dem Bewußtsein geschwunden; wie ein Vogel flog ihre Seele von Wunder zu Wunder/ durch jene erloschenen Tage, durch jene erstorbenen Zeiten, die nur noch in Erinnerungen lebten ... sie glaubte noch in der Kirche zu sein ... und da war Antek, der neben ihr kniete und in einem fort sprach, er glühte sie mit seinen Augen an, er glühte sie mit seinen Worten an, erfüllte sie mit einer süßen Qual und einer süßen Angst zugleich ... Dann hörte sie einen Gesang erschallen und eine Orgel dröhnte so durchdringend, daß sie fast jeden Ton gesondert in sich fühlte ... das rote drohende Gesicht des Priesters sah sie, seine über dem Volk ausgestreckten Hände ... dann Lichter ... und später kamen andere, alte Erinnerungen über sie ... die Begegnungen mit ihm... die Küsse ... Umarmungen, und eine solche Fieberglut durchdrang sie, eine solche Wohligkeit, daß sie sich dehnte und sich mit aller Macht in die Kissen preßte ... dann wieder hörte sie genau und laut: »Komm hinaus! komm hinaus! ...« bis sie sich erhob und gehen fühlte ... geduckt unter Bäumen und in Dunkelheiten ... und eine Angst bebte in ihr, ein Schrei lief ihr nach, ein Entsetzen wehte aus den Dunkelheiten ...

Und so immerzu und immerzu im Kreise herum, einmal das eine, einmal das andere, das zehnte und das hundertste kam über sie, daß sie sich weder auf sich selbst besinnen noch diesem Zauber entrinnen konnte/ es war gewiß nichts anderes, als ein Alp, der sie plagte, oder der Böse mußte sie versuchen und machte sie für die Sünde willfährig.

Es war schon voller Tag, als sie sich von ihrem Lager erhob; doch sie fühlte sich wie gerädert, alle Glieder schmerzten sie, sie war blaß, aufgewühlt und sehr traurig.

Der Frost hatte etwas nachgelassen, das Wetter wurde trüb, der Schnee stäubte zuweilen und hin und wieder kam ein heftiger Wind auf, zerrte an den Bäumen, die wie in einer Schneestaubwolke standen, und blies pfeifend über die Wege; trotzdem hallte es im Dorf vor festlichem Jubel wider, eine Menschenmenge bewegte sich auf allen Wegen, oft sauste einer in einem Schlitten vorbei, und in Haufen stand das Volk, miteinander redend, an den Zäunen herum; man besuchte einander nachbarlich, und die Kinder tollten auf dem Weiher herum, wie junge Füllen auf der Weide, ihre Zurufe und ihr Geschrei schallten durchs ganze Dorf.

Aber Jagusch wollte es nicht froh noch wohl im Herzen werden, mitnichten: sie fror, obgleich das Feuer auf dem Herd lustig flackerte; es war ihr dumpf zumute trotz all des herrschenden Lebens und der Liedchen von Fine, die durch das Haus klangen; fremd fühlte sie sich unter ihren Leuten, so fremd, daß sie sie alle mit Angst anblickte; ihr war als wäre sie unter böse Menschen geraten.

Und ohne widerstehen zu können, gab sie sich immer wieder den heißen Flüsterworten Anteks hin, die immerzu gleich mächtig in ihrem Herzen widerhallten ...

»Gottes Zorn und ewige Verdammnis für solche,« hörte sie ganz deutlich die Stimme des Pfarrers reden, sah vor sich sein rotes Gesicht und die ausgestreckten drohenden Hände.

Sie verschwor sich bebend im tiefen Schuldbewußtsein, daß sie nicht hinausgehen würde; nein, nein! Ich gehe nicht hinaus! Eine Todsünde wäre es, eine furchtbare Todsünde!« wiederholte sie, sich an diesem Worte stärkend und sich gegen das Böse wehrend; aber ihre Seele schrie in Leid und Qual und riß sich ihm entgegen mit ganzer Macht, mit der ganzen Lebenskraft, wie ein Baum, den die Schneewehen niedergebeugt haben, sich im Frühjahr zur Sonne emporreißt, wie die Erde, die sich unter dem ersten warmen Hauch reckt ...

Aber die Angst vor der Sünde gab dennoch den Ausschlag, so daß sie sich bezwang und sich Mühe gab, ihn zu vergessen, für immer zu vergessen ... Sie ging nicht aus dem Haus, hatte selbst Angst, sich in den Heckenweg hinauszuwagen, denn vielleicht wartete und lauerte er irgendwo auf sie und würde sie dann rufen ... würde sie sich ihm dann widersetzen können, würde sie die Seele halten können und nicht dieser Stimme nachrennen? ...

Eifrig machte sie sich an die häuslichen Arbeiten, aber es war ja nicht viel zu tun, Fine hatte schon alles besorgt, und obendrein ging der Alte immerzu hinter ihr her und erlaubte ihr nicht, irgend etwas anzufassen.

»Ruhe aus, überheb' dich nicht, damit dir nicht etwa was Schlechtes zustößt.«

So machte sie denn auch nichts und irrte ziellos in den Stuben umher, sah hinaus, ohne zu wissen warum, blieb auf der Galerie stehen, und immer größer wurde die Gereiztheit in ihr; es ärgerten sie die bewachenden Augen des Ehemanns, es ärgerte sie die Freude und das Leben des ganzen Hauses, selbst der in der Stube auf und ab wandelnde Storch machte sie wütend, so daß sie ihn absichtlich mit ihrem Beiderwandrock anstieß, bis sie es schließlich nicht länger aushielt und in einem geeigneten Augenblick zur Mutter hinüberrannte; aber sie lief quer über den Weiher, sich alle Augenblicke ängstlich umsehend, ob er nicht irgendwo hinter einem Baum auf der Lauer stände.

Die Mutter war nicht zu Hause, am Morgen hatte sie nachgesehen und war zur Schulzin zurückgekehrt. Jendschych rauchte in den Rauchfang hinein und lief immer wieder auf den Weg hinaus, um auszuspähen, denn Schymek putzte sich in der Kammer.

Es wurde ihr mit einem Male anders zumute, aller Kummer war von ihr gewichen, als sie sich wieder, wie früher, in ihrer Stube im alten Heim fühlte; sie wurde ganz lustig und fing fast unbewußt an, herumzuwirtschaften, sah zu den Kühen ein, siebte die Milch durch, die vom Morgen noch in den Gelten stand, warf den Hühnern Futter hin, kehrte die Stube und räumte alles auf, was nötig war; dabei unterhielt sie sich lustig mit den Jungen, denn auch Schymek war, mit einem neuen Kapottrock angetan, in die Stube gekommen und kämmte sich sein Haar vor dem kleinen Spiegel zurecht.

»Warum machst du dich denn so sein?«

»Ins Dorf will ich, bei den Ploscheks sammeln sich die Burschen.«

»Wird dir denn die Mutter das erlauben, ha?«

»Immerzu werd' ich sie doch nicht um Erlaubnis fragen, ich habe auch meinen Verstand und meinen Willen ... und was mir gut dünkt/das tu' ich! ...«

»Gewiß tut er es, gewiß!« pflichtete Jendschych bei, ängstlich den Weg entlang lugend.

»Daß du es weißt, ich tu's, ihr zum Trotz, zu den Ploscheks geh' ich, in die Schenke geh' ich auch und mit den Burschen werd' ich trinken!« schrie er trotzig.

»Gib dem Dummen seinen Willen, dann geht er wie ein Kalb auf und davon, obgleich er nur noch das Euter braucht,« sagte sie leise vor sich hin, ohne dagegen zu reden, obgleich er über die Mutter herzog und heftig drohte; sie hörte nur wenig danach hin, denn es war schon Zeit, nach Hause zu gehen, sie mußte doch zurückkehren; aber es tat ihr leid, von hier fort zu müssen, so daß sie sich fast mit Weinen erhob und langsam und schwerfällig davonging.

Zu Hause aber ging es noch lauter und lustiger her, wie vorhin. Nastuscha Täubich war herübergerannt gekommen und neckte sich mit Fine herum, daß man es bis auf die Straße hören konnte.

»Wißt ihr, mein Zweig ist aufgeblüht!« rief Fine der eintretenden Jagna zu.

»Was für ein Zweig?«

»Am Andreasabend hab' ich ihn doch abgeschnitten, in den Sand gesteckt und auf den Ofen gestellt, und jetzt blüht er! Gestern hab' ich noch nachgesehen, nicht ein einziges Blümelein war da, und in der Nacht ist er ganz aufgeblüht, seht mal!«

Sie brachte behutsam einen mit Sand angefüllten Topf, in dem ein ziemlich großer, mit zarten Kirschblüten bedeckter Zweig stak.

»Schöne rosa Süßkirschblüten und duften fein,« murmelte Witek nachdenklich vor sich hin.

»Das ist wahr, Süßkirschblüten!«

Sie stellten sich ringsherum und betrachteten mit Staunen und seltsamer Freude das blütenbedeckte, duftende Reis, als Gusche eintrat. Sie war aber heute, schon wie immer, selbstbewußt, laut, trotzig und nur darauf achtend, wie sie einem ordentlich was anhaken konnte.

»Der Zweig ist aufgeblüht, aber nicht für dich, Fine, du brauchst noch 'n Riemen oder selbst was Härteres!« sagte sie gleich beim Eintritt.

»Gewiß ist er für mich aufgeblüht, ich hab' ihn doch ganz allein in der Andreasnacht abgeschnitten, ganz allein ...«

»Bist nur 'ne junge Dirn, das soll gewiß für Nastuschas Hochzeit sein!« meinte Jagusch.

»In den Topf haben wir ihn beide gesteckt, aber ich hab' ihn doch selbst abgeschnitten, der ist für mich aufgeblüht.. schrie sie weinerlich, weil man ihr nicht beipflichten wollte.

»Du hast noch Zeit, hinter den Burschen herzurennen und am Zaunüberstieg herumzustehen, erst ist es Zeit für die Älteren, die Älteren kommen erst an die Reihe!« sagte sie, nach Nastuscha hinlachend und die Blicke abwendend. »Sei nur still, Fine ... Wißt ihr denn schon, in der Nacht ist die Organistenmagda in der Vorhalle der Kirche niedergekommen!«

»Was ihr nicht sagt!«

»Die reine Wahrheit! Ambrosius ging läuten und ist fast auf sie getreten.«

»Mein Jesus! und ist sie nicht totgefroren?«

»Na und ob, das Kind ist auf den Tod verfroren und die Magda kann kaum mehr wieder zu Atem kommen. Sie haben sie nach dem Pfarrhaus gebracht und wollen sie wieder zu sich bringen; aber besser wär' es schon, sie blieb ganz weg ... was hat denn die für ein Muß zu leben, was hat sie da zu erwarten: nur Kummer und Mühsal.«

»Mathias hat gesagt, daß sie, seit die Organistenleute sie rausgejagt haben, meist in der Mühle gesessen hat; aber nachher hat sie der Franek mal geschlagen und weggetrieben, wohl weil der Müller es nicht mehr wollte.«

»Was hätte er denn mit ihr anfangen sollen, vielleicht sie sich einrahmen und an die Wand hängen? Er ist ein Mannsbild, gerade wie alle anderen, viel versprochen/gebrochen, genommen/zerronnen! Versteht sich, ohne Schuld ist er auch nicht, aber am meisten sind die Organistenleute schuld! Solange sie gesund war, hat sie schuften können, wie zwei Ochsen, ganz allein hat sie alles gemacht, und ist das vielleicht 'ne kleine Wirtschaft, die sie haben? Fünf Kühe allein, und die vielen Kinder, und noch Schweine und Geflügel und das ganze Land! Und wie sie nun krank war, da haben sie sie denn einfach rausgejagt, solches Aaszeug, wie die! Und das wollen noch Menschen sein!«

»Warum hat sie sich denn auch mit Franek eingelassen!« rief Nastuscha.

»Dasselbe würdest du auch tun, sogar mit Jaschek, wenn du nur glauben würdest, daß er das Aufgebot bezahlen wird!«

Nastuscha wurde ganz wütend und fing an, auf sie einzuzanken, aber da Boryna in die Stube trat, wurden beide still.

»Wißt ihr das von Magda! Sie lebt wieder, sie haben den Geist noch in ihr aufgestöbert; Ambrosius sagt: noch ein Paternoster länger und die Welt hätte von ihr nur mehr die Fersen sehen können; Rochus reibt sie mit Schnee ab und flößt ihr zu trinken ein, aber die wird wohl lange an sich 'rumkurieren müssen.«

»Wo soll sie sich denn aber hintun, so 'n armes Ding?«

»Die Kosiols müssen wohl 'ran, das ist doch ihre Verwandtschaft!«

»Die Kosiols! Die leben ja selbst nur davon, was sie sich irgendwo herlangen und abzigeunern, wofür sollen denn die sie kurieren! So viel reiche Leute sind im Dorf, all die Hofbauern, und keiner geht da helfen!«

»Natürlich, die Hofbauern haben Brunnen, die nie alle werden, denen soll es von selber vom Himmel herabfliegen, daß sie nur so nach allen Seiten was wegschenken können! Jeder hat genug an seinen eigenen Sorgen, was sollen ihn da auch noch die fremden angehen! Das fehlte noch, daß ich jeden, der was braucht, vom Weg auflesen, ins Haus bringen, füttern und pflegen sollte und vielleicht auch noch die Doktoren bezahlen! Alt seid ihr, und im Kopf habt ihr Wind.«

»Das ist wahr, daß niemand ein Muß hat, den anderen zu helfen, aber der Mensch ist auch kein Vieh, daß er unter dem Zaun verrecken soll.«

»Das ist schon solche Einrichtung in der Welt und wird es auch bleiben, werdet ihr's vielleicht ändern?«

»Ich weiß noch, daß früher vor den Kriegen, zu Herrenzeiten, ein Hospital für die Armen im Dorf war, in dem Haus, wo jetzt der Organist sitzt; ich hab' es noch gut in Erinnerung, daß sie dafür von jedem Morgen etwas zahlen mußten.«

Boryna wurde ungeduldig und wollte nicht weiter darüber reden.

»Unser Reden hilft da so viel wie der Weihrauch dem Toten!« schloß er finster.

»Versteht sich, daß es nicht helfen wird, das schon wohl! Wer keine Barmherzigkeit für Menschenleid hat, dem ist auch das Weinen nichts nütze! Wem es gut geht, dem scheint es, daß alles in der Welt geschieht, wie es sich gehört und wie der liebe Gott geboten hat!«

Aber Boryna antwortete nicht mehr darauf, Gusche wandte sich also an Nastuscha.

»Wie sind denn Mathias seine Rippen, besser?«

»Mathias, was ist denn dem passiert?«

»Wißt ihr denn das nicht?« ... rief Nastuscha. »Noch vor den Feiertagen, am Dienstag war es, glaub' ich, hat ihn euer Antek so verprügelt, an die Rockklappen hat er ihn zu fassen gekriegt, aus dem Mühlhaus hinausgetragen und so gegen den Zaun geschleudert, daß vier Latten weggebrochen sind, ins Wasser gefallen ist er, fast wäre er ertrunken. Jetzt liegt er krank und speit Blut, er kann sich kaum bewegen, und Ambrosius sagt, daß sich ihm die Gebärmutter Gebärmutter: Die Bauern in Polen glauben, daß auch der Mann eine Gebärmutter hat. im Leib umgekehrt hat, vier Rippen hat er gebrochen! Und er jammert und stöhnt immerzu!«

Sie begann zu weinen.

Jagna war bei den ersten Worten aufgesprungen, als wäre sie mitten ins Herz gestochen worden; denn es war ihr gleich in den Sinn gekommen, daß das gewiß nur ihretwegen gewesen war; sie ließ sich aber gleich wieder auf die Lade zurücksinken und fing an, die zuckenden Lider gegen die Kirschblüten zu pressen, um sie zu kühlen.

Es war bei Borynas ein allgemeines Staunen, denn sie wußten von nichts; im ganzen Dorf hatte man es gleich herumgetragen, nur bis zu ihnen war nichts davon gedrungen.

»Da sind sich die Rechten begegnet, ein Raufbold dem anderen, die werden einander nicht allzuviel Schaden antun!« knurrte der Alte, aber er mußte böse sein, denn er hatte Runzeln übers ganze Gesicht; danach fing er an, Brennholz aufs Feuer zu werfen.

»Weswegen haben sie sich denn verprügelt?« fragte Jagna später.

»Deinetwegen!« knurrte die Alte böse.

»Wirklich? Sagt doch die Wahrheit!«

»Ich sagt' es ja! Mathias hat damit in der Mühle vor dem Mannsvolk geprotzt, daß er oft bei dir in der Kammer war. Das hat denn Antek gehört und ihn verprügelt! Wie die Hunde um eine Hündin, so beißen sie sich deinetwegen zu Tode.«

»Macht euch nicht lustig, mir ist es nicht leicht, so was zu hören.«

»Frage im Dorf herum, wenn du mir nicht glaubst, jeder wird dir dasselbe sagen; ich erzähl' doch nicht, daß Mathias die Wahrheit gesagt hat, nur was er den Menschen sagte ...«

»Der abscheuliche Lügner, so ein Lügner!«

»Wer wird sich da wohl vor Klatschmäulern wahren können! Selbst im Grabe noch lassen sie einem oft keine Ruh.«

»Das ist gut, daß er ihn verprügelt hat, gut ist es, ich möchte ihm selbst noch was zugeben!« zischte sie gehässig.

»Sieh mal an, wie da dem Kücken die Habichtkrallen wachsen.«

»Für Unwahrheit würde ich einen gleich totschlagen! Dieses Lügenaas!«

»Dasselbe sag' ich allen, nur daß sie es nicht glauben wollen und dich auf die Zungen nehmen.«

»Wenn ihnen Antek die Zungen zuschlägt, dann werden sie schon den Mund halten!«

»Hale, mit der ganzen Welt soll er deinetwegen Krieg führen, wie?« Sie verzerrte boshaft ihr Gesicht.

»Und ihr seid wie der richtige Judas, flüstert einem eure Sachen ein und freut euch noch über fremde Not.«

Jagna wurde furchtbar zornig, vielleicht zum erstenmal im Leben hatte es sie so heftig gepackt; sie war so böse auf Mathias, daß sie bereit gewesen wäre, zu ihm hinzurennen und ihm, wenn nicht anders, mit ihren Krallen zu Leibe zu gehen, sie hätte diesen Jörn nicht ertragen können, wenn sie die Erinnerung an Antek und an seine Güte nicht besänftigt hätte! Eine große Zärtlichkeit überkam sie, und ein Gefühl unaussprechlicher Dankbarkeit, daß er sie verteidigt hatte und ihr kein Unrecht hatte geschehen lassen; trotzdem aber fuhr sie so im Hause herum und schrie dermaßen auf Fine und Witek wegen jeder Kleinigkeit ein, daß der Alte sich besorgt zu ihr setzte, sie übers Gesicht zu streicheln anfing und fragte:

»Was ist dir denn, Jagusch, was nur?«

»Was sollte mir denn sein, nichts. Rückt doch weg, vor Leuten wird er zärtlich tun!«

Sie schob ihn barsch beiseite.

»Hale, streicheln wird er sie hier noch und umfassen, dieser alte Knasterbart!« dachte sie wütend; zum erstenmal bemerkte sie sein Alter, zum erstenmal erwachte in ihr eine tiefe Abneigung, ein Abscheu und fast ein Haß gegen ihn. Mit einer lauernden und schadenfrohen Verächtlichkeit betrachtete sie ihn jetzt, denn tatsächlich war er in den letzten Zeiten stark gealtert; er schleppte die Füße nach, hielt sich krumm, und die Hände zitterten ihm.

»Dieser Greis, dieses Gestell!«

Sie schüttelte sich vor Ekel, dachte um so eindringlicher an Antek, wehrte sich nicht mehr vor den Erinnerungen und floh nicht mehr vor dem verführerischen, süßen Geflüster.

Schier ohne Ende schien ihr heute der Tag, nicht zum Aushalten, so daß sie jeden Augenblick auf die Galerie trat, in den Garten hinter das Haus und durch die Bäume hindurch auf die Felder spähte ... oder sie lehnte gegen den Reiserzaun, der den Obstgarten von der Straße trennte, die hinter dem Dorf an den Garten und Wirtschaftsgebäuden entlang lief, und ließ die Augen in die weite Welt schweifen, über die Schneefelder, nach den Wäldern zu, die kaum dunkelten, daß sie zuletzt nichts mehr sah, nichts unterscheiden konnte; eine tiefe Freude war über sie gekommen, daß er sich für sie eingesetzt hatte und nicht erlauben wollte, daß ihr ein Unrecht geschah.

»Ein solcher würde mit allen fertig werden! Ein Starker, wie der ist, solch ein Starker!« dachte sie voll Zärtlichkeit./ Wenn er jetzt erschienen wäre, in diesem Augenblick! Nein, sie hätte ihm nicht widerstehen können! ...

Der Schober stand nur einen Katzensprung entfernt, gleich hinter dem Weg, etwas im Feld; die Spatzen schirpten in ihm und verbargen sich in ganzen Schwärmen in einer großen Höhlung im Heu; der Knecht war zu faul gewesen, hoch hinaufzusteigen und das Heu von oben abzutragen, obgleich es Boryna so befohlen hatte, und zerrte sich ganze Büschel Heu so lange heraus, bis ein Loch entstanden war, in dem mehrere Menschen bequem Platz finden konnten.

»Komm hinaus zum Schober! Komm!« wiederholte sie sich unbewußt Anteks Bitte.

Sie floh ins Haus zurück, denn man fing an, zur Vesper zu läuten, und sie bekam plötzlich Lust, allein zur Kirche zu gehen, in der dumpfen, unklaren Hoffnung, daß sie ihn dort treffen würde.

Natürlich war er nicht in der Kirche, dafür traf sie Anna gleich am Eingang in der Halle; sie bot ihr Gott zum Gruß und hielt die Hand zurück, damit Anna ihre Finger zuerst im Weihwasserbecken netzen konnte.

Diese aber antwortete ihr mit keinem Gruß, langte auch nicht nach dem Weihwasser und ging an ihr vorbei, sie mit einem harten Blick treffend.

Die Tränen kamen Jagna in die Augen über diesen Schimpf und die offenkundige Bosheit, aber sie konnte, nachdem sie in ihrer Bank Platz genommen hatte, die Blicke nicht von diesem bleichen, abgemagerten Gesicht losreißen.

»Anteks Frau, und solch ein blasses Ding, diese magere Armseligkeit, nee, nee!« ging es ihr durch den Kopf; aber bald hatte sie sie vergessen, denn auf dem Chor wurde gesungen und die Orgel spielte so schön und leise und so feierlich, daß sie sich ganz in die Musik vertiefte. Niemals noch war es ihr so wohl und so süß zumute gewesen in der Kirche, niemals; sie betete nicht einmal, das Gebetbuch lag aufgeschlagen vor ihr, der unbenutzte Rosenkranz hing ihr zwischen den Fingern; sie aber seufzte nur und schweifte mit den Blicken durch die Dämmerung, die durch die Fenster hereinflutete über die Bilder, über die vielen Vergoldungen, über das Flimmern der Kerzen und die kaum noch sichtbaren Farben, und die Seele schwebte hinaus in andere Welten, in die Herrlichkeiten, in die Himmel der Träume, in die verlöschenden, gedämpften Klänge, in die gebeterfüllten Gesänge, in den heiligen Frieden der Ekstase und trank ein solches Vergessen eines jeglichen, daß Jagna nicht mehr daran dachte, wo sie war; es schien ihr nur, als träten die Heiligen aus den Bildern hervor, stiegen herab, kämen auf sie zu mit dem süßseligsten Lächeln, streckten die segnenden Arme über ihr aus und schritten weiter über den Köpfen des Volkes, das sich, wie ein Getreidefeld, etwas geneigt hatte ... und da droben wehen blaue und rote Gewänder, leuchten mitleidige Blicke, tönen unaussprechliche Weisen und Dankeslieder, daß es schon gar nicht mehr zu sagen war!

Sie erwachte erst als die Vesper zu Ende war und die Orgel verstummte, die Stille weckte sie aus diesem träumerischen Schwärmen. Sie erhob sich mit Bedauern und trat mit den anderen hinaus; vor der Kirche kam ihr Anna wieder über den Weg. Sie blieb plötzlich dicht vor ihr stehen, und es schien, als hätte sie ihr etwas sagen wollen, doch sie sah sie nur haßerfüllt an und ging.

»Die glotzt einen an und meint, damit tut sie einen erschrecken, die Dumme!« dachte Jagna auf dem Heimweg.

Der Abend war schon herabgesunken, ein friedlicher, gedämpfter Feiertagsabend; es war dunkel, die Sternenlichter erblaßten im trüben Himmel, so daß nur hier und da ein Strahl aufsprühte; der Schnee stäubte etwas und fiel langsam, geräuschlos nieder, glitzerte hinter den Scheiben und spann sich in einem endlos langen, flockigen Gespinst dahin.

In der Stube war es auch still, es ging dort selbst etwas schläfrig her, früh am Abend war Schymek gekommen, dem Anschein nach zum Besuch, hauptsächlich aber, um Nastuscha zu treffen; sie saßen nebeneinander und unterhielten sich leise. Boryna war noch nicht da. Gusche saß, Kartoffel schälend, vor dem Herd, und auf der anderen Hausseite spielte Pjetrek leise auf der Geige und noch dazu so klagend, daß Waupa zuweilen aufwinselte und langgedehnt zu heulen begann; auch Witek und Fine saßen dort, bis Jagna, der die Musik durch und durch ging, von der Tür aus rief:

»Hör' auf, Pjetrek, es kommt einem schon rein das Weinen an bei dieser Musik.«

»Ich meinerseits könnte selbst schlafen beim Spielen,« lachte Gusche.

Die Geige verstummte; erst nach einer Zeit wieder ließ sie sich ganz leise, kaum hörbar, aus dem Stall vernehmen, denn bis dahin hatte sich Pjetrek verzogen und spielte noch lange in die Nacht hinein. Das Essen zum Abend war fast gargekocht, als der Alte zurückkehrte.

»Die Schulzin ist niedergekommen, ein Lärm ist da, die Dominikbäuerin muß die Menschen auseinandertreiben, so viele sind zusammengelaufen. Du mußt auch da morgen nachsehen, Jagusch.«

»Da will ich hinlaufen, sofort!« rief sie eifrig und ganz erhitzt.

»Kannst auch gleich, ich komme mit.«

»Ach ... dann schon vielleicht besser morgen ... Ihr sagt, daß dort so viel Volk ist, ich mag besser am Tag, es schneit und dunkel ist es auch! ...« entschuldigte sie sich plötzlich verstimmt, und Boryna war damit einverstanden; er drängte auch nicht, da gerade die Schmiedin mit den Kindern in die Stube trat.

»Und wo ist denn Deiner?«

»Die Dreschmaschine in Wola ist nicht in Ordnung, da haben sie ihn gerufen, weil der Gutsschmied allein keinen Rat weiß ...«

»Etwas oft fährt er jetzt nach dem Herrenhof,« warf Gusche bedeutungsvoll hin.

»Schadet es euch denn?«

»Wie sollte es? Ich merk' mir nur und überleg' es mir und warte, was dabei rauskommt ...«

Damit war es aber zu Ende, denn niemand hatte Lust, eine laute Unterredung für die anderen zu führen, jeder redete leise und träge ein gelegentliches Wort, Schläfrigkeit überkam sie fast allesamt vom gestrigen Nachtaufsitzen her, so daß sie selbst das Abendbrot ohne Appetit aßen; der eine und der andere sah aber staunend auf Jaguscha, die fieberhaft in der Stube herumhantierte, zum Essen nötigte, obgleich sie schon die Löffel hingelegt hatten, und ohne Grund in ein Lachen ausbrach, dann wieder sich zu den Mädchen setzte, eins durchs andere redete und ohne es zu beendigen auf die andere Seite des Hauses rannte. Vom Flur aus kehrte sie aber schon wieder zurück. Sie war in ein quälendes Drängen voll Besorgnisse und Ängste verfallen. Der Abend schleppte sich träge, langsam und schläfrig vorwärts, und in ihr wuchs und steigerte sich die unüberwindliche Lust hinters Haus ... nach dem Schober ... zu laufen. Aber sie konnte sich nicht entschließen, sie hatte Angst, man würde es bemerken ... fürchtete sich vor der Sünde ... hielt sich mit ganzer Macht zurück und bebte vor Qual; ihre Seele aber klagte in ihr wie ein Hund an der Kette, und das Herz wollte sich losreißen ... nein, sie konnte nicht, sie konnte nicht ... und er steht vielleicht schon dort ... wartet ... späht aus ... irrt vielleicht ums Haus ... oder guckt im Garten versteckt durch die Fenster, schaut sie jetzt an ... und bittet ... und verzagt vor Kummer, daß sie nicht hinausgekommen ist ... Sie lauft wohl doch hin, länger hält sie es nicht aus ... nur auf einen kleinen Augenblick, auf das eine einzige Wort, um ihm zu sagen: »Geh, ich komme nicht, das ist Sünde...« Schon sah sie sich nach ihrer Beiderwandschürze um, schon ging sie auf die Tür zu ... sie ging schon ... aber etwas hatte sie ans Genick gepackt und auf der Stelle festgehalten ... sie hatte Angst... und Gusches Augen gingen ihr nach wie Hunde, die eine Fährte wittern; auch Nastuscha sah sie seltsam an ... der Alte auch ... Wissen sie was? ... Ob sie was merken? ... Nein, heute geh' ich nicht hin, nein! ...

Sie überwand sich schließlich, fühlte sich aber dermaßen ermattet, daß sie gar nicht mehr wußte, was um sie geschah. Sie erwachte erst, als Waupa vor dem Hause zu bellen anfing; in der Stube war es fast leer, einzig Gusche nickte am Kamin, und der Alte blickte zum Fenster hinaus, denn der Hund bellte immer wütender.

»Gewiß Antek, er hat vergeblich auf mich gewartet und« ... sie sprang erschrocken auf.

Aber es war der alte Klemb, der in der Tür auftauchte, und hinter ihm her traten langsam, den Schnee abstäubend und die Stiefel an der Schwelle putzend, Wintziorek, der lahme Gschela, Michael Caban, Franz Bylica, der Bruder von Annas Vater, Walenty mit dem schiefen Maul und Joseph Wachnik ein.

Boryna wunderte sich über diese Prozession, aber natürlich ließ er nichts davon über den Mund kommen, antwortete auf die Begrüßungen, reichte die Hand, lud zum Sitzen ein, schob die Bänke heran und bot Schnupftabak an ...

Sie setzten sich in eine Reihe, langten bereitwillig zu, dieser nieste, der andere wischte sich die Nase, jener die Augen, denn der Tabak war kräftig, ein anderer sah sich in der Stube um, ein dritter warf ein Wort hin und der nächste antwortete bedächtig und mit Überlegung / dieser sprach vom Schnee, jener tischte seine Sorgen auf und mancher seufzte nur und bekräftigte das Gesagte mit einem Kopfnicken, und sie führten allzusammen kluge Reden, langsam die Unterredung dahin lenkend, worum sie gekommen waren ...

Boryna drehte sich hin und her auf der Bank, sah ihnen in die Augen, zog sie an den Zungen und versuchte ihnen von allen Seiten beizukommen.

Sie ließen sich jedoch nicht irreführen, saßen in einer Reihe, lauter weiße Köpfe, vertrocknet, glatt ausrasiert und zur Erde gebeugt / wie moosbewachsene Steinblöcke im Feld saßen sie da, streng, hart, unzugänglich, lauter kluge Köpfe, und sie hüteten sich wohl, vor der Zeit das Gewünschte auszusprechen und gingen im Kreise, wie auf Feldrainen, um die Angelegenheit herum, ganz wie die schlauen Schäferhunde, wenn sie die Schafe eintreiben wollen.

Bis schließlich Klemb sich räusperte, ausspie und feierlich sagte:

»Was soll man da lange herumzögern und warten; wir sind hergekommen, um zu erfahren, ob ihr zu uns haltet? ...«

»Wir können uns nicht gut ohne euch entscheiden ...«

»Ihr seid doch der Erste im Dorf.«

»Und mit Verstand hat bei euch der Herr Jesus nicht gespart.«

»Und wenn ihr auch kein Amt habt, so seid ihr doch obenan in der Gemeinde ...«

»Jeder sieht erst auf euch hin.«

»Umso mehr, da es um das Unrecht zu tun ist, das allen geschieht.« Jeder hatte sein Teil gesagt und ihn möglichst herausgestrichen, so daß Boryna rot wurde, seine Hände ausbreitete und ausrief:

»Liebe Leute, nur daß ich nicht weiß, weswegen ihr hergekommen seid?«

»Wegen unserem Wald doch, nach den Drei Königen sollen sie ihn fällen.«

»Sie schneiden doch schon auf dem Sägewerk immerzu Holz.«

»Das Judenholz aus Rudka, wißt ihr es nicht?«

»Ich hab' es nicht gewußt, die Zeit ist mir zu knapp, um unter die Leute zu gehen und herumzuhorchen ...«

»Und ihr wart es doch, der zuerst gegen den Gutsherrn geschimpft hat ...«

»Weil ich meinte, daß er unseren Wald verkauft hat ...«

»Wessen denn sonst, wessen?« schrie Caban auf.

»Natürlich den auf dem Zugekauften.«

»Auf dem Zugekauften hat er ihn verkauft und in der Wolfskuhle auch, und fällen soll er bald ...«

»Ohne unsere Erlaubnis wird er nicht fällen.«

»Versteht sich, aber das Holz haben sie schon gezeichnet, den Wald ausgemessen und fangen nach den Drei Königen an.«

»Wenn es so ist, dann muß man mit einer Klage nach dem Kommissar fahren,« sagte Boryna nach einiger Überlegung.

»Von der Saat zum Erntekranz bleibt nicht jeder heil und ganz,« brummte Caban.

»Und wer auf den Tod krank ist, dem nützen auch keine Doktoren!« fügte Walenty mit dem schiefen Maul hinzu.

»Eine Klage hilft so viel, daß, bevor die Beamten kommen und verbieten, schon nicht einmal Stümpfe von unserem Wald übrigbleiben, und wie war es in Dembica, erinnert ihr euch?«

»Mit dem Gutshof ist es so wie mit einem Wolf: laß ihn nur ein Schaf schmecken, dann holt er sich bald die ganze Herde.«

»Man darf nicht zulassen, daß er aufsässig wird.«

»Da habt ihr ein kluges Wort gesagt, Matheus; morgen nach der Kirche sollen sich die Hofbauern bei mir versammeln, damit die Gemeinde irgendeinen Beschluß faßt; so sind wir zu euch gekommen, euch zur Beratung einzuladen.«

»Werden alle kommen? ...«

»Alle, und gleich nach der Kirchzeit ...«

»Morgen ... Wie soll ich das nur, da muß ich ja notwendig nach Wola fahren, das ist wirklich wahr; Verwandte teilen da ein Gut auf und zanken und prozessieren miteinander, da hab' ich versprochen, eine Entscheidung zu treffen, damit den Waisen kein Unrecht geschieht; fahren muß ich, aber was ihr beschließt, das werd' ich so annehmen, als ob ich gemeinsam mit euch beratschlagt hätte.«

Sie gingen etwas verdrießlich davon, denn obgleich er auch allen recht gab und sich mit allem einverstanden erklärte, was sie sagten, so hatten sie doch gut herausgefühlt, daß er nicht ehrlich zu ihnen hielt.

»Hale, beschließt euch was, aber ohne mich!« dachte er/ »der Schulze und der Müller und was die Ersten im Dorf sind, gehen nicht mit euch! Mag der Gutshof erfahren, daß ich nicht gegen ihn bin, desto eher bezahlen sie mir meine Kuh ... und werden mit jedem einzelnen Einigung suchen ... Die Dummen ... bis zur letzten Fichte sollte man ihm erlauben, den Wald zu fällen ... und dann erst mit dem Geschrei los, vor die Gerichte, mit Beschlag belegen, an die Wand drücken/mehr würde er da geben, als bei friedlicher Abmachung. Laß sie sich beratschlagen, ich will abseits abwarten, Eile hab' ich nicht, nein! ...«

Das ganze Haus hatte sich schon schlafen gelegt und Matheus saß noch immer, schrieb mit der Kreide auf der Bank, rechnete und überlegte lange in die Nacht hinein.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, ließ er den Knecht den Schlitten richten.

»Ich fahr', wie ich es gestern gesagt habe, nach Wola, paß auf das Haus auf, Jagusch, und wenn einer fragen sollte, dann sag' ihm, daß ich hab' weg müssen, und sieh' bei der Schulzin ein.«

»Kommt ihr spät wieder?« fragte sie mit einer lauernden Freude im Herzen.

»Vielleicht zur Vesperzeit oder auch später.«

»Er zog sich festlich an, und sie trug ihm die Kleidungsstücke aus der Kammer heran, band ihm die Schleife am Halsausschnitt des Hemdes fest und half in allem mit fieberhafter Ungeduld, trieb den Pjetrek an, daß er die Pferde rascher anspannen sollte, zitterte an allen Gliedern und konnte nicht ruhig auf der Stelle bleiben. Die Freude schrie in ihr, die Freude, daß er für einen ganzen Tag wegfahren und spät zurückkehren würde, vielleicht erst in der Nacht, und sie würde allein bleiben und beim Dunkelwerden / beim Dunkelwerden geht sie zum Heuschober hinaus ... Sie tut es! Hei! Die Seele wollte ihr auffliegen, die Augen lachten, die Hände streckten sich aus, die Brust spannte sich, und Gluten fuhren blitzartig durch sie hin und überfluteten sie mit einer quälenden Süße ... Aber plötzlich und unvermutet ergriff sie ein seltsames Bangen und schnürte ihr das Herz zu; so daß sie verstummte, im Innern ganz still wurde und wie geistesabwesend Boryna nachblickte, der sich mit dem Gurt umwickelt hatte, die Mütze aufsetzte und Witek allerhand Befehle gab.

»Nehmt mich mit!« flüsterte sie leise.

»Hole, wer bleibt denn im Haus?« Er verwunderte sich sehr.

»Nehmt mich doch mit, Sankt Stephan ist heut, viel Arbeit ist nicht da, nehmt mich, es wird mir die Zeit so lang, nehmt mich mit,« bat sie mit solcher Wärme, daß er trotz seiner Verwunderung doch nicht widerstehen konnte und zusagte.

In ein paar Augenblicken war sie fertig, und sie sausten gleich vom Haus aus in voller Fahrt davon, daß der Schlitten nur so über den Schnee fegte.

 

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