Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wladyslaw Stanislaw Reymont >

Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
Schließen

Navigation:

InitialAm Vorweihnachtstag brodelte schon vom frühen Morgen eine rege fieberhafte Geschäftigkeit in ganz Lipce.

In der Nacht, oder selbst erst bei Morgengrauen griff der Frost wieder heftig um sich, und da er nach einigen milderen und feuchten Nebeltagen gekommen war, so überzog er die Bäume mit dickem Rauhreif wie mit Glasspänen und allerfeinsten Daunen; selbst die Sonne hatte sich ganz herausgeschält und leuchtete am lichtblauen, mit durchsichtig-zarten Nebeln übersponnenen Himmel, nur daß sie blaß war und kalt, einer in der Monstranz ruhenden Hostie vergleichbar. Sie wärmte nicht, dagegen aber steigerte sich der Frost im Laufe des Tages und durchdrang alles mit einer so argen Kälte, daß es den Atem benahm. Jegliches Lebewesen ging im Dunst seines eigenen Atems umher, wie in einem nebligen Schwaden; doch die Welt war schon ganz in Sonne getaucht und erstrahlte in einem so flimmernd hellen Licht und scharfem Glitzern, daß es war, als ob einer mit Diamanttau die Schneefluren bedeckt hatte; die Augen taten einem weh beim Schauen.

Die umliegenden schneeverschütteten Felder lagen blendend weiß, funkelnd, aber dumpf und tot da; nur manchmal flatterte ein Vogel durch die schimmernden Weißen, so daß man seinen schwarzen Schatten über die Ackerbeete huschen sah, oder auch eine kleine Schar Rebhühner lockte sich unter den verschneiten Büschen und schlich scheu und wachsam zu den menschlichen Behausungen hin, unter die vollen Scheuern; ab und zu, aber selten, hob sich ein Hase dunkel vom weißen Gelände ab, er hüpfte auf dem Schnee, machte Männchen und scharrte an der harten Eiskruste, um an die Wintersaat zu gelangen; doch durch das Bellen der Hunde aufgescheucht, floh er wieder in die bereiften Wälder zurück, wo alles im Schnee vergraben lag und die Kälte alles erstarren ließ. Leer und lautlos war es auf diesen grenzenlosen Schneebenen, und nur irgendwo in bläulichen Fernen tauchten, wie Schemen, Dörfer mit dunstgrauen Gärten und dunkel sich abhebenden Dickichten auf, und zugefrorene Bäche gleißten auf.

Eine durchdringende, ganz vom frostigen Glanz durchleuchtete Kälte wehte durch die Welt und durchdrang alles mit ihrer eisigen Stille.

Kein Schrei zerriß das starre Schweigen der Felder, keine lebendige Stimme zuckte auf, nicht einmal ein Windstoß ließ den trockenen, glitzernden Schnee aufrascheln, nur selten kam von den in Schneewehen versunkenen Wegen ein klagendes Schellengeläut oder das Knarren der Schlittenkufen herübergeirrt, aber so schwach und fern, daß, ehe man noch erfassen und erkennen konnte, von woher und wo, alles schon wieder verklungen war, als hätte es die Stille verschlungen.

Doch auf allen Wegen von Lipce diesseits und jenseits des Weihers tummelten sich mit lautem Lärm die Menschen; frohe Feststimmung zitterte in der Lust, alle Gemüter erfüllend, und fand selbst in den Stimmen des Viehs ihren Widerhall; Rufe hallten wie Musikklänge durch die hellhörige Frostluft, lautes lustiges Lachen flog von einem Ende des Dorfes zum anderen, und Freude sprühte aus den Herzen; die Hunde wälzten sich wie toll im Schnee und bellten freudig auf, um den Krähen nachzujagen, die um die Gewese flatterten; in den Ställen wieherten die Pferde und aus den Kuhställen drang gedehntes sehnsüchtiges Gebrüll; selbst der Schnee schien lustiger unter den Füßen zu knirschen, die Schlittenkufen quietschten auf den harten glattgeschlitterten Wegen, der Rauch stieg in bläulichen Säulen kerzengerade in die Luft; die Fenster der Dorfhäuser spielten im Licht, daß es die Augen blendete, und überall war die Welt voll Stimmengewirr, Kindergeschrei, voll Lärm, gackernder Gänsestimmen und Jurufe; alle Wege waren mit Menschen überfüllt, vor den Häusern, in den Heckenwegen und durch die schneebedeckten Gärten blitzten die roten Beiderwandröcke der Frauen, die von Hütte zu Hütte rannten, und immer wieder stäubten von den im eiligen Lauf berührten Bäumen und Büschen ganze Streifen Rauhreif, gleich silbernem Staub.

Selbst die Mühle ratterte heute nicht, sie war für die ganzen Feiertage abgestellt worden; nur die kalte, durchsichtige Glasfläche des Wassers, das man aus den Stauwerken abfließen ließ, rann mit gurgelndem Getön, und von irgendwo, aus den neblig rauchenden Dünsten der Sümpfe und Moore erhoben sich die Schreie der Wildenten, und ganze Schwärme von ihnen sah man aufsteigen.

In jedem Haus bei Simeons und Mathies', bei dem Schulzen und bei Klembs/und wer wollte sie alle zählen/ lüftete man die Stuben, wusch, scheuerte, streute sie sowie die Flure und selbst den Schnee vor den Türen mit frischen Tannennadeln aus, weißte die rußgeschwärzten Rauchfänge und war überall eifrig beim Backen der Brote und Feststellen, machte die Heringe zurecht und rührte in unglasierten großen Tonschüsseln Mohn für die Klöße.

Das Weihnachtsfest sollte doch kommen, der Festtag des göttlichen Kindleins, der frohe Tag des Wunders und der Gnade Christi für die Welt, die gesegnete Unterbrechung der langen arbeitsreichen Tage. So wachte denn die Seele jeglichen Menschenkindes aus der Winterstarre auf, schüttelte alles Graue von sich, erhob sich und kam freuderfüllt, ganz vom tiefen Gefühl durchdrungen, dem Geburtstage des Herrn entgegen!

Auch auf dem Borynahof war derselbe Lärm, das gleiche Gelaufe und die gleichen Vorbereitungen.

Der Alte war mit Pjetrek, den er an Jakobs Statt für die Pferde genommen hatte, noch vor Tagesanbruch in die Stadt gefahren, Einkäufe zu machen.

Im Hause herrschte ein emsiges Schaffen, Fine sang ganz leise vor sich hin und schnitt aus bunten Papieren die seltsamsten Dinge aus, die, wenn man sie, sei es auf einen Balken oder auf Bilderrahmen klebt, aussehen wie mit grellen Farben gemalt, so daß es einem vom Anschauen ordentlich vor den Augen zu flimmern beginnt; Jagna aber knetete mit bis an die Ellenbogen hochgekrempten Ärmeln Teig in einem Trog und buk mit Mutters Beistand weiße Bröte aus gebeuteltem Mehl und so lange Stollen, daß sie aussahen, wie die langen Petersilienbeete im Garten. Sie hatte es sehr eilig, denn der Teig stieg schon und die Laibe mußten geformt werden; sie sah auch ab und zu nach Fines Arbeit, nach dem Quarkkäse mit Honig, der sich schon unter dem Federbett anwärmte und auf den Ofen wartete, oder sie lief zum Backofen auf die andere Seite, wo schon ein tüchtiges Feuer brannte.

Witek hatte befohlen bekommen, aufs Feuer zu achten und Holzscheite nachzulegen; aber er hatte sich nur beim Frühbrot sehen lassen und verschwand gleich darauf irgendwohin. Fine und die Dominikbäuerin riefen nach ihm und suchten ihn vergeblich auf dem ganzen Hof, der Bengel antwortete ihnen nicht einmal; er saß längst in den Büschen, im freien Feld hinter dem Schober und legte Netze für die Rebhühner, die er dicht mit Getreidestreu überdeckte, um sie unsichtbar zu machen und die Vögel anzulocken. Waupa und der Storch waren bei ihm. Es war derselbe Vogel, den er im Herbst gepflegt und ausgeheilt hatte, er beschützte, fütterte ihn, hatte ihn auch schon manches Kunststück gelehrt und sie waren mit der Zeit so gut Freund miteinander geworden, daß er nur auf seine Art zu pfeifen brauchte und der Vogel kam sogleich heran und folgte ihm so gut, wie Waupa selbst. Die beiden Tiere hatten sich recht miteinander befreundet und gingen gemeinsam auf Rattenjagd im Pferdestall.

Rochus, den Boryna für die ganzen Feiertage zu sich genommen hatte, saß seit frühem Morgen in der Kirche und schmückte mit Ambrosius zusammen die Altäre und Wände mit Tannenzweigen aus, die der Pferdeknecht eingefahren hatte.

Es war schon bald Mittag, als Jagna mit dem Brot fertig wurde; sie legte die Laibe auf ein Brett, beklopfte sie noch und schmierte sie mit Eiweiß, damit sie nicht allzustark im Feuer sprängen, als Witek den Kopf zur Tür hereinsteckte und rief:

»Sie kommen mit der Weihnachtsgabe!«

Vom frühen Morgen schon trug Jascho, der ältere Organistenjunge, der, welcher die Schule besuchte, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder die Oblaten herum.

Jagna erblickte sie gerade, als sie schon vor der Hausgalerie waren, so daß es nicht einmal möglich war, etwas abzuräumen, als sie schon mit einem: »Gelobt sei Jesus Christus« die Stube betraten.

Sie war beschämt über die Unordnung, die überall herrschte, suchte ihre bloßen Arme unter der Schürze zu verbergen und bat sie, sich etwas niederzusetzen, um auszuruhen, denn sie hatten gewaltige Körbe mit, und der Jüngere schleppte obendrein noch nicht allzukleine Säcke, die auch nicht leer waren.

»Wir haben noch das halbe Dorf abzulaufen, wir können nicht lange sitzen!« wehrte der Ältere ab.

»Mag der Herr Jascho sich doch ein wenig wärmen, bei solchem Frost!«

»Und vielleicht ein bißchen heiße Milch gefällig, gleich will ich sie aufkochen,« schlug die Dominikbäuerin vor. Sie versuchten eine Ausrede, ließen sich aber doch auf die Lade am Fenster nieder. Jascho hatte sich ganz in den Anblick von Jagna vertieft, so daß sie errötete und hastig die Ärmel herabzuziehen begann; auch er wurde rot wie eine Runkelrübe und suchte eifrig im Korb nach Oblaten herum; schließlich holte er ein besseres Packchen mit bunten Oblaten hervor, das dicker und von einem Goldstreifen umwunden war, Jagusch griff mit der Schürze zu und legte es auf den Tisch neben die Passion, dann trug sie ihm aus der Kammer eine gut gehäufte Metze Leinsamen und sechs Eier heraus.

»Ist der Herr Jascho schon lange zurück?«

»Erst Sonntag bin ich gekommen, vor drei Tagen!«

»Gewiß hat man Heimweh in diesen Schulen?« fragte die Dominikbäuerin.

»Nicht sehr, aber es ist auch nicht mehr lange, nur noch zum Frühling!«

»Das sagte mir die Frau Organistin schon auf meiner Hochzeit, daß der Herr Jascho auf den Priester lernt...«

»Ja, von Ostern an, ja!« sagte er leiser und senkte die Augen.

»Du mein Gott, daß er nun Priester wird und, so Gott will, noch in unserem Kirchspiel.«

»Und was gibt's denn bei euch?« fragte er, um die ihm unangenehmen Fragen zu unterbrechen.

»Was denn sonst! Gott sei Dank, nichts Schlechtes. Langsam macht es sich, langsam rundum, wie in einer Tretmühle, wie gewöhnlich im Bauernstand!«

»Zu eurer Hochzeit, Jagusch, wollte ich kommen, aber sie haben mich nicht fortgelassen.«

»Und was für ein Fest das war, drei ganze Tage haben sie getanzt!« rief Fine.

»Der Jakob ist, wie ich höre, um diese Zeit gestorben?«

»Ja, gestorben ist er, gestorben, der arme Kerl, das Blut ist ihm weggegangen, selbst ohne die heilige Beichte hat er das Leben beschlossen. Man sagt im Dorf, daß er jetzt büßt, daß sie gesehen haben, wie etwas zur nächtlichen Zeit sich herumtreibt und auf den Kreuzwegen jammert, an den Kreuzen stehenbleibt und auf Gottes Erbarmen wartet!... Das muß Jakobs Seele sein, keine andere!«

»Was ihr da redet!«

»Jawohl, die Wahrheit red' ich, selbst hab ich's nicht gesehen und will es nicht beschwören, aber es kann sein, das kann es; es gibt solche Einrichtungen in der Welt, daß Menschenverstand, wenn er selbst der größte wäre, nichts verstehen und erklären wird. Gottes Angelegenheiten sind das, nicht menschliche und was wir Armen können, das kennen wir, den Rest kann der liebe Gott!«

»Schade um den Jakob, der Priester selbst, als er mir von seinem Tode erzählte, hat um ihn geweint.«

»Das war auch ein ehrlicher Knecht, wie man so leicht keinen solchen wiederfindet, und still, fromm, arbeitsam; fremdes Gut rührte er nicht an, und er war stets bereit, mit dem Armen seinen letzten Kapottrock zu teilen.«

»So wechselt es immerzu in Lipce, daß ich jedesmal, wenn ich komme, mich nicht zurechtfinden kann. Heute war ich auch bei Anteks: die Kinder krank, so viel Not ist bei ihnen, daß es einen jammert; und er, wie hat der sich geändert, so abgemagert ist er, ich habe ihn kaum wiedergekannt!«

Sie entgegneten darauf kein Wort, nur Jagna drehte rasch ihr Gesicht ab und fing an, das Brot auf die Ofenschaufel zu legen; und die Alte rollte so mit den Augen, daß er gleich merkte, es müßte ihnen beiden unangenehm sein; er wollte es gut machen und sann nach, was er nun noch hätte sagen können, als Fine, ganz rot, zu ihm hintrat, um ihn um ein paar bunte Oblaten zu bitten.

»Für die Welten brauch' ich welche, es waren noch einige vom vorigen Jahr, aber zur Hochzeit sind sie ganz draufgegangen.«

Natürlich gab er ihr mehrere und in fünf Farben sogar.

»So viel! Jesus, das reicht ja für Welten, für Monde und Sterne!« rief sie erfreut aus; sie tuschelten beide mit Jagna, und beschämt, das Gesicht mit der Schürze verdeckend, brachte sie ihm dafür an die sechs Eier.

Gerade um diese Zeit kam Boryna aus der Stadt heim und trat in die Stube; ihm nach drängten sich Waupa und der Storch durch die Tür, denn auch Witek war gleichzeitig mit dem Bauer erschienen.

»Macht rasch die Tür zu, sonst verkühlt sich der Teig!« schrie die Alte.

»Wenn die Frauenzimmer ans Ordnungmachen gehen, dann müssen sich die Männer anderswo einmieten, selbst in der Schenke, wenn es nicht anders sein kann, sonst haben sie Schuld, wenn Klüten in den Teig kommen,« lachte Boryna, seine erstarrten Hände wärmend.

»Ein Weg ist draußen, glatt wie Glas, eine prächtige Schneebahn! Aber solch ein Frost dazu, daß es schwer fällt, im Schlitten stillzusitzen! Gib dem Pjetrek wenigstens etwas Brot, Jagusch, denn er ist bis auf die Knochen durchfroren in seinem Soldatenmantel. Bleibt Jascho für lange zu Haus?«

»Bis zu den heiligen drei Königen.«

»Der Vater hat an Jascho eine gute Hilfe bei der Orgel und auch in der Kanzlei! Dem Alten war es natürlich leid, das Federbett bei einem solchen Frost loszulassen.«

»Nicht deshalb, nur weil heute die Kuh gekalbt hat, da ist er zu Hause geblieben und paßt auf.«

»Zur rechten Zeit kommt es, für den ganzen Winter wird Milch da sein.«

»Hale, Witek, hast du dem Füllen zu trinken gegeben?«

»Ich hab' ihm doch was selbst hingetragen,« sagte Jagna, »aber selbst vom Finger wollte es die Milch nicht runtersaugen; es springt nur so herum und will nach der Stute, darum hab' ich es in die größere Abteilung gebracht.«

Die beiden Jungen gingen hinaus; Jascho aber drehte sich noch am Heckenweg nach Jagna um, denn sie schien selbst noch schöner, wie im Herbst vor der Hochzeit.

Kein Wunder, daß sie den Alten sich ganz zu Willen gemacht hatte und er von aller Welt nichts mehr sah außer ihr. Man hatte schon recht mit dem, was man im Dorf sagte; denn es schien, daß er vor lauter Liebe manchmal ganz dumm wurde; obgleich er unbeugsam wie früher gegen alle anderen geblieben war, konnte Jagusch mit ihm anfangen, was sie wollte. Er hörte auf sie in allen Dingen, sah mit ihren Augen, fragte sie um Rat und die Dominikbäuerin nicht minder, denn sie hatten ihn ganz in ihrer Macht. Und es ging ihm auch gut dabei, die Wirtschaft kam vorwärts, alles war in Ordnung, seine Bequemlichkeit hatte er und jemanden, dem er seinen Kummer klagen durfte, den er um Rat befragen konnte; er dachte auch an nichts anderes, sorgte sich um nichts, was nicht Jagusch anging, und war in sie vergafft, wie in ein Heiligenbild.

Selbst jetzt, während er sich am Herd wärmte, folgten seine verliebten Augen ihr nach, und als wäre es noch vor der Hochzeit, sagte er ihr in einem fort Zärtlichkeiten und dachte nur immer daran, womit er sich bei ihr einschmeicheln könnte.

Jagna scherte sich um sein ganzes Lieben so viel wie um den Schnee vom vorigen Jahr; sie war eigentümlich finster, ungeduldig durch seine Liebesbeteuerungen und böse dazu; alles reizte sie, so daß sie wie ein böser Wind in der Stube einherfuhr / die Arbeit schob sie auf die Mutter und auf Fine ab, und selbst der Alte wurde häufig mit bissigen Worten zum Zugreifen aufgefordert; sie aber ging auf die andere Seite und tat als ob sie nach dem Ofen sehen wollte, oder dann, um in den Stall nach dem Füllen zu gucken, und all das nur, um allein zu bleiben und ihren Gedanken über Antek freien Lauf zu lassen.

Jascho hatte ihn ihr in Erinnerung gerufen, so daß er wie lebendig vor ihren Augen auftauchte, ganz wie lebendig ...

Fast drei Monate hatte sie ihn nicht gesehen, es war noch lange vor der Hochzeit, ausgenommen das eine Mal, damals, als sie ihn im Vorüberfahren am Pappelweg traf ... Das war schon so lange her, die Zeit floß wie rinnendes Wasser vorüber; die Hochzeit, die Übersiedelung, verschiedene Sorgen, die Wirtschaft, wann hätte sie da an ihn denken sollen! Sie sah ihn nicht, so kam er ihr auch nicht in den Sinn, und die Leute trauten sich nicht, ihr von ihm zu sprechen ... Und jetzt, sie wußte selbst nicht warum, tauchte er plötzlich vor ihren Blicken auf und sah sie mit solcher Wehmut und einem solchen Vorwurf an, daß ihr die Seele vor Kummer erbebte.

»Ich habe dir nichts getan, nein, warum zeigst du dich mir, wie eine büßende Seele, warum schreckst du mich?« dachte sie leiderfüllt, sich gegen die Erinnerungen wehrend ... Es war ihr aber doch ganz seltsam, warum er ihr so lebhaft in Erinnerung kam, warum nicht Mathias, nicht Stacho Ploschka und keiner von den anderen? ... Niemand, nur gerade dieser! Er hatte ihr wohl etwas beigebracht, daß sie sich jetzt quälen und aus sich heraus mußte, daß sie in Ängsten zu ersticken drohte. Eine solche Sehnsucht wuchs in ihr, daß sie sie wie einen Druck auf den Magen fühlte; es trieb sie etwas in die Welt hinaus, daß sie hätte gehen mögen, so weit nur die Blicke reichten, über die Felder und durch die Wälder.

»Was mochte er wohl machen, der Arme, was er wohl dachte? Und keine Möglichkeit, mit ihm zu reden, keine Möglichkeit und ... nicht erlaubt! Das ist es, nicht erlaubt, du lieber Jesus, eine Todsünde war es ja, eine Todsünde!/ Das hatte ihr ja auch der Priester bei der Beichte gesagt, das hat er gesagt ... nur einmal sprechen mögen hätte sie mit ihm, wenn auch bei Zeugen, wenn auch ... und jetzt darf sie es nicht, web er heute noch morgen, noch irgendwann! Dem Boryna gehört sie für alle Ewigkeiten ... So muß es sein!«

»Jaguscha, komm doch her, man muß das Brot umsetzen!« rief die Alte.

Sie tief schnell hin und arbeitete, was sie konnte, doch den Gedanken an Antek konnte sie nicht los werden, immer wieder trat er ihr vor die Seele, und überall kamen ihr seine blauen Augen und die schwarzen Brauen und die roten, süßen, gierigen Lippen in Erinnerung.

Vergeblich griff sie mit Leidenschaft zur Arbeit, alles flog nur so in ihren Händen, die Stube hatte sie ausgeräumt, machte sich gegen Abend selbst an die Besorgung der Kühe, was sie fast nie tat; doch nichts wollte helfen, immer stand er noch vor ihr und die Sehnsucht wuchs in ihr und zerriß ihr die Seele; sie war so furchtbar aufgeregt, daß sie sich auf der Lade neben Fine, die eilig an ihren Welten bastelte, niederließ und in ein Weinen ausbrach.

Die Mutter suchte sie zu beruhigen, es beruhigte sie der erschrockene Gatte; sie gingen so fürsorglich mit ihr um, wie mit einem greinenden Kindlein, streichelten sie, sahen ihr in die Augen, doch nichts half, sie weinte sich aus, und gleich war es, als änderte sich etwas in ihr, denn sie erhob sich fast lustig von der Lade, redete lachend und war selbst bereit zu singen, wenn es nicht gerade Adventszeit gewesen wäre.

Erstaunt sah Boryna sie an, die Mutter begann sie aufmerksam zu betrachten, dann blickten sich die beiden lange und mit wichtigen Gesichtern an; sie gingen bald beide in den Hausflur, tuschelten dort etwas miteinander und kamen froh, vergnügt und lachend zurück, um nun erst sie in die Arme zu nehmen, abzuküssen, und sie waren beide so gut zu ihr, daß ihr die Alte sogar im Eifer zurief:

»Trag du den Backtrog nicht, das laß jetzt den Matheus tun!«

»Als wenn mir das was Neues wäre, noch schwerere Sachen wie das zu tragen!«

Sie begriff gar nicht.

Doch der Alte ließ es nicht zu und kriegte sie dann gelegentlich in der Kammer zu fassen, küßte sie mächtig ab und flüsterte ihr freudig erregt etwas ins Ohr, daß Fine es nicht hören sollte.

»Ihr seid mit der Mutter im Kopf verrückt, das ist nicht wahr, was ihr sagt, nein! ...«

»Wir kennen uns mit deiner Mutter beide darauf aus, ich sag' es dir, daß es so ist. Gleich, was haben wir jetzt? Weihnachten ... Dann würde es erst im Juli so weit sein, gerade zur Ernte ... keine rechte Zeit, dazu die Hitze, die Arbeiten im Feld; aber was soll man machen, man muß auch dafür Gott danken ...« Und wieder fing er an, sie zu küssen, bis sie sich ihm ärgerlich entriß und mit Vorwürfen zur Mutter lief, aber die Alte bestätigte es entschieden.

»Das ist nicht wahr, das scheint euch nur so!« verneinte sie heftig.

»Es freut dich nicht, wie ich sehe?«

»Was sollte es mich freuen, hab' ich nicht genug Sorgen, und dazu noch eine neue Plage?«

»Red' nicht so, daß dich der Herr Jesus nicht dafür bestraft.«

»Laß ihn bestrafen, laß ihn!«

»Warum denn gehst du so dagegen an, wie?«

»Weil ich nicht will, das ist genug!«

»Es würde doch, wenn ein Kind da wäre, im Falle, daß der Alte stürbe, was Gott verhüte, zu seiner Verschreibung noch das Kindesteil hinzukommen, gerad so viel wie für die anderen, und du könntest vielleicht auf dem ganzen Grund und Boden bleiben ...«

»Ihr habt nur den Boden und immer wieder den Boden im Kopf, und mir gilt er soviel, wie gar nichts ...«

»Weil du noch jung und dumm bist und das erste beste redest! Der Mensch ohne Boden ist wie einer ohne Füße, er rollt und rollt nur immer hin und her und kommt nirgends hin. Sag' nur das dem Matheus nicht, sonst wird er ärgerlich sein ...«

»Ich werd' es seinetwegen nicht zurückhalten, was geht mich Matheus an!«

»Dann sperr' dein Maul auf vor der ganzen Welt, wenn du keinen Verstand hast und laß mich in Ruhe das Brot herausnehmen, sonst verkohlt es mir noch ganz; tu lieber was, nimm die Heringe aus dem Wasser und leg' sie in Milch, dann werden sie mehr Salz verlieren und laß Fine den Mohn reiben, es ist noch so viel zu tun und bald haben wir Abend.«

Es war auch so, der Abend war schon vor der Tür, die Sonne versank hinter den Wäldern, und grelle Abendröten ergossen sich über den Himmel, blutrote Buchten bildend, so daß der Schnee zu glühen schien, als wäre er mit Gluten bestreut/im Dorf aber wurde es immer stiller und stummer: man trug noch Wasser vom Weiher herbei, hackte Holz, dann kam einer eilig in seinem Schlitten daher, so daß den Gäulen die Milz spielte, man lief über den Weiher hin und her, hier und da knarrten die Torflügel, hin und wieder erschollen verschiedene Stimmen, aber langsam mit dem Erlöschen der Abenbröte, mit der aschgrauen Bläue, die über die Welt gerieselt kam, erstarb das Leben, wurde es um die Häuser still, und die Wege leerten sich. Die fernen Felder versanken ins Dunkel, der Winterabend kam rasch und nahm die Erde in seine Gewalt, und der Frost erhob sich auch schon und griff so fest zu, daß der Schnee immer lauter unter den Tritten klang und die Scheiben sich mit seltsamen Eiszweigen und Blumen zierten.

Das Dorf verschwand in grauen Schneedämmerungen, als wäre es zerronnen, man sah weder Häuser, Zäune noch Gärten, nur die Lichter allein glimmten scharf und dichter wie sonst, denn überall bereitete man sich zum Weihnachtsmahl.

In jedem Haus beim Reichen und beim Kätner, sowie bei den Ärmsten der Armen schmückte man sich und wartete feierlich, und in jedem Haus stellte man in der Stubenecke nach Osten zu eine Getreidegarbe, bedeckte die Bänke oder Tische mit gebleichtem Linnen, unter das man Heu gebreitet hatte, und spähte durch die Fensterscheiben nach dem ersten Stern.

Man sah die Sterne nicht gleich am frühen Abend, wie das sonst gewöhnlich bei Frostwetter ist, denn als die letzten Abendgluten erloschen waren, fing der Himmel an sich wie in bläulichen Dunst einzuspinnen und verschwand dann ganz im Grau.

Fine und Witek, die Wachtposten vor der Galerie standen, waren schon ganz durchfroren, als sie endlich den ersten Stern erblickten.

»Er ist da! Er ist da!« schrie Witek auf einmal los. Darauf sah Boryna hinaus, dann die anderen und zuletzt auch Rochus noch.

Natürlich war er es, gerade im Osten waren die grauen Wolkenvorhänge wie durchgerissen und aus den tiefen dunkelblauen Gründen gebar sich ein Stern und schien zusehends zu wachsen; er kam, sprühte Licht, leuchtete immer schärfer und schien immer näher, bis Rochus auf den Schnee niederkniete und nach ihm die anderen.

»Das ist der Stern der drei Könige, der Stern von Bethlehem, bei dessen Schein unser Herr geboren wurde, möge sein Name gelobt sein!«

Sie wiederholten fromm seine Worte und starrten auf das ferne Leuchten, auf diesen Zeugen des Wunders, in dieses sichtbare Zeichen des göttlichen Erbarmens für die Welt.

Ihre Herzen begannen voll inniger Dankbarkeit, voll heißen Glaubens und voll Zuversicht zu schlagen, sie nahmen dieses reine Licht in sich auf, wie heiliges Feuer, das alles Böse vernichtet, wie ein Sakrament.

Und der Stern wurde größer und schwebte schon wie eine helle Kugel. Bläuliche Strahlen gingen von ihm aus, wie Speichen eines heiligen Rades, glitzerten über die Schneemassen dahin und zerrissen mit ihren Lichtsplittern das Dunkel. Diesem Stern folgten am Himmel wie getreue Diener viele andere, zu einem unzählbaren, undurchdringlichen Schwärm gehäuft, daß der Himmelsdom wie mit Lichttau bedeckt war und sich über die Welt breitete wie ein blaues mit silbernen Nägeln beschlagenes Tuch.

»Es ist Zeit zu abendmahlen, da das Wort Leib geworden ist!« sagte Rochus.

Sie traten ins Haus und besetzten gleich die hohe, lange Bank.

Zuerst setzte sich Boryna, dann die Dominikbäuerin mit den Söhnen, sie hatte ihr Teil dazu gegeben, um gemeinsam das Weihnachtsmahl zu feiern; Rochus setzte sich in der Mitte, es setzte sich der Pjetrek, es setzte sich Witek neben Fine, und nur Jaguscha nahm kaum auf einen Augenblick Platz, da sie ans Auftragen und Zulegen der Speisen denken mußte.

Eine feierliche Stille erfüllte die Stube.

Boryna bekreuzigte sich und verteilte die Oblate unter alle. Sie aßen sie mit Ehrfurcht, als wäre es der heilige Leib des Herrn.

»Christus ist in dieser Stunde geboren, so will jedes Geschöpf sich mit diesem heiligen Brot laben!« sagte Rochus.

Und obgleich sie Hunger hatten, denn den ganzen Tag waren sie bei trockenem Brot geblieben, aßen sie langsam und würdevoll.

Zuerst gab es mit Pilzen gekochte saure Rübensuppe mit ganzen Kartoffeln darin, dann kamen in Mehl gerollte Heringe, die auf Hanföl gebraten waren, dann Weizenklöße mit Mohn, Kraut mit Pilzen, auch mit Öl übergossen, und zuletzt gar trug Jagna einen wahren Leckerbissen auf: Ölkuchen aus Buchweizengrütze mit Honig eingerührt und in Mohnöl gebraten; sie aßen gewöhnliches Brot dazwischen, denn weder Kuchen noch Stollen, die mit Butter und Milch angerührt waren, durfte man an diesem Tage zu sich nehmen.

Sie speisten lange, und selten daß einer ein Wort sagte, so daß nur das Schaben der Löffel gegen die Schüssel und Schmatzen zu hören waren. Boryna wollte immer wieder aufspringen, um Jaguscha zu helfen, ihr die Arbeit abzunehmen, so daß die Alte ihn ermahnen mußte.

»Bleibt sitzen, der geschieht nichts, das ist noch weit bis ihre Zeit kommt; die ersten Festtage sind es auf ihrem Eigenen, laß sie sich daran gewöhnen! ...«

Waupa aber winselte leise und stupste die Sitzenden von hinten mit dem Kopf an, strich herum und schmeichelte sich ein, daß man ihm eher etwas geben sollte, während der Storch, der seinen Platz im Hausflur hatte, gar oft gegen die Wand mit dem Schnabel stieß und klapperte, so daß ihm die Hühner von den Staffeln antworteten.

Sie waren noch nicht fertig, als jemand gegen das Fenster klopfte.

»Nicht hereinlassen, nicht umsehen, das ist das Schlechte, kommt es herein, so bleibt es das ganze Jahr über!« rief die Dominikbäuerin.

Sie ließen die Löffel sinken und horchten geängstigt auf, das Klopfen wiederholte sich abermals.

»Jakobs Seele!« flüsterte Fine.

»Red' nicht dummes Zeug, es ist ein Bedürftiger; an diesem Tag darf niemand hungrig sein oder ohne Dach bleiben,« sagte Rochus, sich erhebend, um die Tür zu öffnen.

Es war Gusche; sie blieb demütig auf der Schwelle stehen, und durch Tränen, die ihr erbsengroß über die Wangen liefen, bat sie leise:

»Gebt mir eine Ecke und was ihr sonst dem Hund hingeworfen hättet! Erbarmt euch der Verlassenen ... Ich habe gewartet, daß mich meine Kinder einladen werden ... ich habe gewartet ... in der Hütte ist es kalt ... umsonst hab' ich gefroren ... umsonst ... Mein Jesus ... und jetzt, wie ein Bettelweib ... wie eine ... die eigenen Kinder ... haben mich allein gelassen ohne ein Krümchen Brot ... schlimmer selbst wie einen Hund ... aber da bei denen geht es laut zu, das ganze Haus voll Menschen ... ich bin rundum gegangen ... habe in die Fenster geguckt ... umsonst.«

»Setzt euch zu uns. Ihr hättet gleich abends kommen sollen und nicht auf die Gnade der Kinder warten ... nur in den Sarg schlagen sie euch gern die letzten Nägel, um sich zu vergewissern, daß ihr nicht mehr wiederkommt, sie zu holen.«

Und mit großer Güte machte ihr Boryna neben sich selber Platz.

Aber sie konnte kaum schlucken, obgleich Jagusch es an nichts für sie fehlen ließ und sie aufrichtig zum Essen nötigte; was half das, sie konnte nicht, saß still, in sich gekehrt und zusammengesunken da, daß man nur aus dem Zucken des Rückens sah, welcher Kummer an ihr zehrte.

Es wurde in der Stube still, warm, gemütlich und so andachtsvoll, als läge das heilige Jesuskind zwischen ihnen.

Ein gewaltiges, ständig aufrecht gehaltenes Feuer knatterte lustig auf dem Herd und erhellte die ganze Stube, daß die Gläser der Heiligenbilder schimmerten und die zugefrorenen Scheiben rot blinkten. Sie saßen jetzt nebeneinander auf der Bank vor dem Feuer und besprachen sich leise und ernst.

Dann kochte Jagusch Kaffee, den sie sich reichlich süßten und langsam tranken ...

Bis Rochus ein Buch unter dem Rock hervorzog, das mit einem Rosenkranz umwickelt war, und mit leiser, tiefgerührter Stimme zu lesen begann:

»... und also ward die neue Zeit erkoren, die Jungfrau hat einen Sohn geboren; weit im Judäischen Lande in Bethlehem der sehr ärmlichen Stadt ist der Herr in Armut auf die Welt gekommen; auf Heu, im elendigen Stall, zwischen Vieh, das ihm in dieser stillen, frohen Nacht verbrüdert wurde./ Und derselbe Stern, der heute leuchtet, entbrannte damals für das heilige Kindelein und weisete den Weg den drei Königen, die, wenn auch Heidentröpfe und schwarz wie Küchentöpfe, doch ein fühlendes Herz hatten und aus fernen Ländern von weither hinter den unübersehbaren Meeren, hinter den grausigen Bergen herbeigeeilt kamen mit Gaben, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen.«

Er las lange diese Erzählung und seine Stimme steigerte sich, wurde zu einem Beten und ging fast in ein Singen über, so daß es war, als ob er die heilige Litanei verkündete, und alle saßen sie im andächtigen Schweigen, in der Stille ihrer lauschenden Herzen, im Beben ihrer wundergeblendeten Seelen, im lautersten Erfühlen der Gnade des Herrn, die dem Volk geschenkt ward!

»Hei, du lieber Jesus! Im elenden Stall ward es dir, zur Welt zu kommen, dort in den fernen Ländern, zwischen Fremden, zwischen häßlichen Juden und bösen Ketzern! Und in solcher Armut, in einem solchen Frost! Oh du heiligste Armut, o du süßestes Kindelein! ...« dachten sie, und ihre Herzen schlugen voll Mitgefühl, und die Seelen flogen auf und strebten in die Welt hinaus, wie ziehende Vögel bis zu jenem Lande der Geburt, nach jenem Schuppen, vor jene Krippe, über der die Engel sangen; sie legten ihre Herzen zu den heiligen Füßen des Kindleins nieder und mit der ganzen Macht des entflammten Glaubens und der Zuversicht boten sie sich ihm als treueste Diener an für alle Ewigleiten, Amen!

Und Rochus las immerzu, bis Fine, die ein weichherziges Mägdlein war, über das schlimme Los des Heilands bitterlich zu weinen anfing, und auch Jagusch, die das Gesicht in die Hände gestützt hatte, weinte, daß ihr die Tränen durch die Finger rannen; sie versteckte den Kopf hinter Jendschych, der mit aufgesperrtem Maul neben ihr saß, lauschte und sich dermaßen über das, was er hörte, wunderte, daß er immer wieder den Schymek an den Rockschößen zerrte und rief:

»Sieh! ... hörst du es, Schymek!« Doch er schwieg gleich wieder unter dem strengen, zurechtweisenden Blick der Mutter.

»Selbst eine Wiege hat das arme Ding nicht gehabt!«

»'n Wunder, daß es nicht verfroren ist!«

»Und daß der Herr Jesus so viel erleiden mochte!« sprachen sie überlegend, als die Erzählung zu Ende war, und Rochus antwortete ihnen darauf:

»Weil er nur durch sein Leiden und sein Opfer das Volk erretten konnte, und wenn nicht das, hätte der Böse schon ganz über die Welt regiert und die Seelen für sich ausgenommen.«

»Er regiert hier auf Erden noch immer gut genug,« flüsterte Gusche.

»Die Sünde regiert und die Schlechtigkeit, das sind die Gevatterinnen des Bösen!«

»Ii ... wer kann wissen, was da herrscht und regiert; eins ist aber gewiß, daß das schlechte Schicksal und das Leiden seine Macht über den Menschen haben.«

»Redet nicht so, die Wut auf die Kinder macht euch blind, paßt auf, daß ihr euch nicht versündigt! ...«

Er wies sie streng zurecht, und sie redete auch nicht mehr dagegen; alle waren sie verstummt und überlegten sich, was sie gehört hatten; Schymek aber hatte sich erhoben und wollte sich unbemerkt hinausschleichen.

»Wohin denn so eilig?« zischte die Alte, die auf alles acht gab.

»Ins Dorf will ich, hier ist mir zu heiß ...« stotterte er verwirrt.

»Zu Nastuscha zieht es ihn, scharmezieren ... was?«

»Wollt ihr es mir verbieten, mich nicht weglassen! ...« sprach er etwas schärfer; aber seine Mütze hatte er schon auf die Lade geschmissen.

»Ihr geht nach Haus, du und Jendschych, das Haus ist nur unter Gottes Schutz zurückgeblieben, seht nach den Kühen und wartet bis ich komme, euch zu holen, dann gehen wir zusammen in die Kirche,« befahl sie; aber die Burschen zogen es vor, dazubleiben, anstatt in der leeren Stube zu Hause zu sitzen, sie trieb sie auch nicht weiter an, sondern erhob sich gleich und nahm vom Tisch eine Oblate.

»Witek, kannst die Laterne anzünden, wir wollen zu den Kühen gehen. In dieser Weihnachtsnacht versteht auch jedes Vieh die Menschensprache und kann selber reden, da doch der Herr unter ihnen geboren wurde. Wenn da einer ohne Sünde ist und sie anredet, dem werden sie mit Menschenstimmen Bescheid geben; heute sind sie den Menschen gleich und fühlen gemeinschaftlich mit ihnen, da muß man die Oblate mit ihnen teilen ...«

Sie begaben sich alle nach dem Kuhstall, voraus Witek mit dem Licht.

Die Kühe lagen in einer Reihe nebeneinander, langsam wiederkäuend; doch unter dem Lichtschein, beim Klang der Stimmen fingen sie an auszuschnaufen, sich schwerfällig zum Aufstehen zu bereiten und die großen Köpfe bedächtig zu wenden.

»Du bist die Hausfrau, Jagusch, und dein Recht ist es, die Oblate zu verteilen. Sie werden dir besser gedeihen und gesund bleiben; morgen früh aber darf man sie nicht melken, abends erst, sonst würden sie die Milch verlieren.«

Jagna brach die Oblate in fünf Teile, und sich zu jeder Kuh niederbückend, machte sie das Zeichen des heiligen Kreuzes auf die Stirnen zwischen den Hörnern und legte dann die Oblatenstücke in die Mäuler auf die breiten rauhen Zungen.

»Und den Pferden werdet ihr nichts geben?« fragte Fine.

»Sie waren nicht um jene Zeit bei der Geburt, deshalb darf man nicht.«

Sie kehrten in die Stube zurück, und Rochus sprach:

»Jedes Geschöpf, jeder Grashalm, wenn auch der winzigste, das geringste Steinchen, selbst der Stern, den man kaum sehen kann/alle fühlen sie heute und wissen es alle, daß der Herr geboren ward.«

»Lieber Jesus! Alle! Dann auch diese Erde und diese Steine?« rief Jagna aus.

»Die Wahrheit hab' ich gesagt, so ist es/alles hat seine Seele. Was es nur auf der Welt gibt, alles ist fühlend und wartet auf seine Stunde, bis der Herr Jesus sich erbarmt und sagen wird:

›Stehe auf, Seele, lebe, verdiene dir den Himmel!‹ Denn auch der kleinste Wurm und der zitternde Grashalm, alles macht sich auf seine Art verdient und nimmt auf seine Art teil an Gottes Ehre. Und in dieser einzigen Nacht im ganzen Jahre erhebt sich alles, wacht auf, horcht und wartet auf dieses Wort.

»Für die einen kommt es, für die anderen ist die Reihenfolge noch nicht da, darum legen sie sich dann wieder geduldig ins Dunkel, auf den Tag wartend, der eine als Stein, der andere als Wasser, Erde, Baum und wer als noch was anderes, wie es der Herr da einem jeden bestimmt hat! ...«

Sie schwiegen und überlegten, was er gesagt hatte, denn es waren kluge Worte, die unmittelbar zu Herzen gingen; doch Boryna und der Dominikbäuerin schienen sie nicht die reine Wahrheit; sie legten sie sich auf diese und jene Art zurecht und konnten es doch nicht begreifen. Gewiß, Gottes Macht ist unerklärlich und tut Wunder, aber daß die Steine und jedes seine Seele haben sollte ... das konnten sie nicht herausbekommen und dachten auch nicht länger darüber nach, denn die Schmiedsleute traten mit ihren Kindern ein.

»Wir möchten beim Vater etwas zusammenbleiben und dann gemeinsam zur Hirtenmesse gehen,« erklärte der Schmied.

»Setzt euch, setzt euch ... es wird angenehmer sein im ganzen Haufen, alle werden wir ja da beisammen sein, nur Gregor fehlt.«

Fine warf dem Vater einen zornigen Blick zu, weil ihr die Anteks in den Sinn kamen; aber sie fürchtete sich, darüber etwas zu sagen.

Sie besetzten wieder die Bänke vor dem Feuer, nur Pjetrek blieb auf dem Hof und spaltete Holz, damit genug Feuerung für die Feiertage da wäre, Witek aber trug die Scheite mit einer Tracht und legte sie im Flur zurecht.

»Na, das hätt' ich bald vergessen! Der Schulze ist mir nachgelaufen und hat mich gebeten, daß ihr gleich zu der Seinen kommen sollt, Dominikbäuerin, sie schreit schon und kommt immer hoch; gewiß wird sie diese Nacht niederkommen.«

»Ich wollte doch mit allen zusammen in die Kirche; wenn es aber schon so ist, daß sie schreit, dann laufe ich schnell hin nachzusehen. Heute früh war ich da, ich hab' gedacht, daß sie noch ein paar Tage aushalten tät.«

Sie redete leise mit der Schmiedin und machte sich eilig auf den Weg nach der Kranken; sie war eine, die sich auf Krankheiten auskannte und manchen besser auskuriert hatte als die Doktoren.

Rochus aber begann inzwischen verschiedene Geschichten zu erzählen, die zu diesem Tag paßten, und unter anderen auch diese:

»Es wird schon lange her sein, denn soviel Jahre, wieviel von Christi Geburt verflossen sind, als ein Mann, ein reicher Hofbauer vom Jahrmarkt heimkehrte, auf dem er ein paar tüchtige Bullenkälber verkauft hatte; die Taler hielt er wohlverwahrt im Stiefelschaft und einen nicht schlechten Stecken hatte er in der Hand, stark war er auch, vielleicht selbst der Stärkste im Dorf; er eilte sich aber, um noch vor der Nacht nach Hause zu kommen, denn zu jenen Zeiten versteckten sich arge Räuber in den Wäldern und vertraten oft den guten Leuten den Weg.

In der Sommerzeit mußte es gewesen sein, denn der Forst war grün, duftend und voll lebendiger Stimmen; da es aber mächtig wehte, so schaukelten die Bäume, und ein furchtbares Rauschen ging hoch oben durch die Lüfte. Es eilte sich der gute Bauersmann soviel er konnte und sah sich ängstlich um in der Runde, aber nichts war zu sehen ... nur mächtige Tannen standen neben Tannen, Eichen an Eichen und Kiefern an Kiefern, und nirgends eine lebendige Seele, nur daß die Vögelein zwischen den Stämmen schwirrten. Die Angst ergriff ihn immer stärker, da er gerade an einem Kreuz vorbei mußte und durch ein solches Gestrüpp, daß man da selbst mit den Augen nicht durchdringen konnte. Hier war es, wo die Räubermänner meistens die Menschen anfielen; so bekreuzigte er sich, sprach laut das Gebet und rannte was das Zeug halten wollte ...

Er war schon glücklich aus dem Hochwald herausgekommen und schlug sich schon durch krüppeliges Fichten- und Wacholdergebüsch hindurch, sah schon das wogende grüne Feld und hörte das Rauschen des Flusses, und Lerchen sangen, Menschen erblickte er bei den Pflügen und ein Schwärm. Störche zog gerade den Mooren zu; er roch selbst schon bei jedem Windzug die Kirschgarten, die gerade in Blüte standen ... als aus diesem letzten Gestrüpp die Räubermänner hervorsprangen. Zwölf waren es an der Zahl und alle mit Messern! Er wehrte sich, aber bald hatten sie ihn überwältigt, und da er die Gelder nicht im Guten abgeben wollte und schrie, so hatten sie ihn auf den Rücken geworfen, mit den Füßen niedergedrückt, hoben die Messer und schon wollten sie ihn stechen ... und sieh da! plötzlich versteinerten sie und blieben so mit erhobenen Messern, gebückt, furchtbar und doch unbeweglich stehen/und rings um ihn war auch alles andere erstarrt ... Die Vögel verstummten und hingen in den Lüften ... die Flüsse stockten ... die Sonne hing wie erkaltet ... die Bäume und die Getreidefelder blieben so, wie sie der Wind niedergebeugt hatte ... und die Störche waren mit ihren ausgebreiteten Flügeln wie am Himmel festgewachsen ... selbst der pflügende Bauer blieb mit erhobener Peitsche stehen/die ganze Welt hielt in einem Nu erschrocken und versteinert an.

Wie lange das war, weiß man nicht, bis über der Erde Engelsgesang ertönte:

›Es wird Gott geboren, alle Macht erschauert!‹

Alles setzte sich gleich in Bewegung, aber die Räubersleute ließen von dem Bauer ab, und in diesem Wunder eine Warnung sehend, gingen sie gemeinsam diesen Engelsstimmen nach zu jenem Stall, um dem Neugeborenen zu huldigen! Und mit ihnen zugleich alles was nur lebte auf Erden und in der Luft.«

Sie wunderten sich alle sehr darüber, was Rochus erzählte; danach gab Boryna und auch der Schmied manches und allerlei zum besten.

Schließlich sagte Gusche, die die ganze Zeit über still dagesessen hatte, bitter:

»Ihr redet und redet, und davon ist gerade soviel wahr, daß euch die Zeit lang wird! Hale, als ob's wahr wäre, daß früher verschiedene Beschützer vom Himmel kamen und den Armen und Bedrückten nicht verderben ließen. Warum sieht man denn jetzt solche nicht mehr? Gibt es vielleicht weniger Elend und Armseligkeit und Seelenpein? ... Der Mensch ist wie ein schutzloser Vogel, der in die Welt gelassen wurde/und der Habicht und die reißenden Tiere und der Hunger und zum Schluß die Knochenmadam, die kriegen ihn schon 'rum/und die da reden von Barmherzigkeit, leben wie die Dummen und täuschen einen mit Hoffnungen, daß Erlösung kommen wird! Es kommt schon was, aber der Antichrist, der wird Gerechtigkeit machen, der wird sich erbarmen, wie ein Habicht, wenn er ein Kücken frißt.«

Rochus sprang auf und fing an, mit lauter Stimme zu rufen:

»Lästere nicht, Weib, mach' dich nicht sündig, höre nicht auf teuflische Einflüsterungen, sonst bringst du dich ins Verderben und in ewiges Feuer!« Er fiel auf die Bank zurück, die Tränen hatten ihm die Stimme erstickt, daß er nur so bebte vor heiligem Grausen und vor Schmerz über die verlorene Seele; und nachdem er etwas zu sich gekommen war, legte er mit der ganzen Macht der gläubigen Seele die Wahrheit aus und wies sie auf gute Wege.

Lange, lange sprach er, daß selbst der Priester auf der Kanzel das nicht hätte besser können.

Inzwischen aber rief Witek, der über die Erzählung, daß in dieser Nacht die Kühe Menschenstimmen annähmen, tief bewegt war, Fine heraus, und sie gingen beide nach dem Kuhstall.

Sich bei den Händen haltend und vor Angst zitternd, dabei sich ein ums andere Mal bekreuzigend, schoben sie sich zu den Kühen in den Stall hinein.

Sie knieten vor der größten nieder, die wie die Mutter des ganzen Kuhstalls war; der Atem ging ihnen aus, ihre Seelen bebten, und Tränen füllten ihnen die Augen, und ihre Herzen waren voll Bangigkeit, voll von einer heiligen Angst, wie in der Kirche bei der Vorzeigung des heiligen Sakraments; aber eine herzliche Zuversicht und ein Glaube war in ihnen ... da beugte sich Witek bis ans Ohr der Kuh vor und sagte bebend:

»Grauchen, Grauchen!...«

Sie antwortete mit keinem einzigen Laut, schnaufte nur, kaute, bewegte das Maul und schleckte mit der Zunge.

»Es ist ihr wohl was geschehen, daß sie nicht antwortet, vielleicht zur Strafe.«

Sie knieten bei der anderen nieder und wieder fragte Witek, aber schon fast mit Weinen ...

»Schecke! Schecke! ...«

Beide drängten sie sich an das Maul der Kuh und horchten mit erstorbenem Atem, hörten jedoch nichts, kein Wort, gar nichts ...

»Gewiß sind wir sündig, dann werden wir auch nichts hören; nur denen antworten sie, die ohne Sünde sind, und wir sind sündig ...«

»Is wahr, Fine, is wahr? Sündige sind wir, Sündige ... mein Jesus ... is wahr? ... Dem Bauer hab' ich Spagat genommen ... und auch noch den alten Riemen ... und auch noch ...« Er konnte nicht weiter reden, ein Weinen kam über ihn, und die Reue und das Bewußtsein der Schuld, daß er zu schluchzen anfing, und Fine weinte herzlich mit. Sie weinten so gemeinsam, ohne sich beruhigen zu können, bis sie beide einander alle ihre Verschuldungen und Sünden gebeichtet hatten ...

In der Stube merkte niemand ihre Abwesenheit, man sang dort jetzt fromme Lieder, da es vor Mitternacht nicht an der Zeit war, Weihnachtslieder anzustimmen.

Auf der anderen Seite aber wusch und säuberte sich Pjetrek gründlich und zog sich ganz um; Jagna hatte ihm die neuen Kleider, die sie ihm in der Kammer aufbewahrt hatte, hinausgetragen.

Sie schrien erstaunt auf, als er danach in die Stube trat; seinen Soldatenmantel und die ganze Uniform hatte er abgelegt und blieb nun, wie alle bäurisch gekleidet, vor ihnen stehen.

»Man hat mich ausgelacht, hat mich grauer Burek genannt, so hab' ich mich denn umgekleidet!« stotterte er hervor.

»Die Sprache ändere du, nicht die Lappen!« warf Gusche ein.

»Von selbst kommt sie ihm wieder, von selbst, denn die Seele, scheint es, hat er nicht ganz verloren.«

»Fünf Jahre draußen gewesen, hat seine Sprache nicht gehört, da ist es auch kein Wunder! ...«

Sie schwiegen plötzlich, denn der scharfe durchdringende Ton der Betglocke drang in die Stube.

»Sie läuten zur Hirtenmesse, wir müssen uns zurechtmachen.«

In einem Paternoster vielleicht traten sie alle hinaus außer Gusche, die geblieben war, das Haus einzuhüten und hauptsächlich, um dem bedrängten Herzen freien Lauf zu geben.

Die Frostnacht war blau und voll Sternengefunkel.

Die Betglocke läutete immerzu und zwitscherte wie ein Vöglein, die Menschen zur Kirche zusammenrufend.

Die Leute traten auch schon überall aus den Behausungen; hier und da blitzte durch eine der sich öffnenden Türen ein Lichtstreif, hier und da erloschen die Fenster, manchmal klang aus dem Dunkel eine Stimme, ein Husten, das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln, oder ein frommes Wort, mit dem sie sich begrüßten; und immer häufiger tauchten Gestalten aus der graublauen Nacht hervor, sie zogen in Scharen vorüber, man hörte das Aufstampfen ihrer Füße durch die trockene Luft schallen.

Alles was lebte, zog zur Kirche, in den Häusern blieben nur die ganz Alten, die Kranken und Krüppel zurück.

Von weitem schon sah man durchs Dunkel die Kirchenfenster glühen und die Haupttür, die sperrangelweit offen stand und aus der das Licht quoll, das Volk aber flutete und flutete durch diesen Eingang, wie ein Strom, langsam das mit Fichten und Tannen geschmückte Innere der Kirche füllend; es war als ob in ihr ein dichter Wald emporgewachsen wäre, der sich an die weißen Wände lehnte, die Altäre umstand, aus den Bänken emporragte und fast mit seinen Wipfeln die Kirchenwölbung berührte; er schaukelte, wankte unter dem Druck der lebendigen Flut, und wie ein Nebel umflorte ihn der Dunst der atmenden Menschen, hinter dem die Lichter der Kerzen an den Altären verschleiert flimmerten.

Und die Menschen strömten immer noch hinzu und fluteten ohne Ende ...

In einem ganzen Haufen kamen die aus Rudka, sie gingen Arm an Arm, rasch und wuchtig, denn es waren gewaltige Kerle von hoher Statur, in dunkelblauen Knieröcken, und dazu schienen sie alle fast weißköpfig, denn ihre Haare waren wie aus Flachs gesponnen, und ihre Frauen, allesamt von schönem Wuchs, trugen doppelte Beiderwandschürzen und große Hauben, die mit roten Kopftüchern umwunden waren.

Hin und wieder, spärlich, nur immer zu zweien und dreien, kamen die aus Modlica gezogen, lauter mageres, elendes Volk in geflickten weißgrauen Kapottröcken, mit Knütteln in den Fäusten; denn sie kamen zu Fuß. In den Schenken machte über sie das Gespött die Runde, daß sie sich nur von Beißkern nährten, denn sie saßen auf tiefgelegenen Ackern zwischen Mooren, und ein Geruch kam von ihnen wie von Torfrauch.

Auch aus Mola kamen die Leute familienweise an und waren wie Wacholderbüsche, die immer in einen Haufen zusammengedrängt wachsen; nicht sehr hoch gewachsen, lauter Mittelwuchs und dickbäuchig, wie Säcke, dabei aber doch rasch, großmäulig, mächtige Prozessierer, Raufbolde und nicht geringe Walddiebe. Sie trugen graue, mit schwarzen Litzen benähte Kapottröcke und waren mit roten Gurten umgürtet.

Auch die kleinadligen Dörfler aus dem Geschlecht derer von Rschepetzki waren gekommen, »Sack, Pack und Lumpetzki«, wie man zu sagen pflegte, oder man sagte auch, daß derer fünf an einem Kuhschwanz hingen und zu dreien eine Mütze hatten. Sie gingen in einem Haufen, schweigend, blickten lauernd und von oben herab, und ihre Frauen, die wie die Gutsherrinnen geputzt waren, dabei schön weiß ums Maul und wie lustige Vöglein zwitschernd, führten sie in ihrer Mitte und behandelten sie mit Respekt.

Gleich hinterher drängten sich die Leute aus Pschylenka, sie kamen hochgewachsen wie ein Fichtenwald, schlank und stark und so aufgeputzt, daß es die Augen schmerzte; weiße Haartuchröcke hatten sie an, trugen rote Westen und grüne Bänder am Hemd, und die Hosen waren gelbgestreift. Sie bahnten sich trotzig und auf keinen achtend ihren Weg bis vor den Hauptaltar.

Ihnen folgten fast schon als letzte etwa die Bauern aus Dembitza, wie Gutsherren; viele waren es nicht, jeder kam für sich mit Pomp und blähte sich und tat stolz und nahm in den Bänken vor dem Hauptaltar Platz, vor den anderen den Vortritt heischend in der Zuversicht des eigenen Reichtums; ihre Frauen trugen Gebetbücher, hatten weiße, unter dem Kinn festgebundene Häubchen und Bauschröcke aus feinem Tuch an ... Dann kamen noch Leute aus weiter gelegenen Dörfern, aus verschiedenen Siedelungen und Gehöften, die im Walde lagen, aus Holzhackerhütten und von Herrenhöfen/wer hätte das alles behalten und aufzählen können! ...

Und in diesem dichtgestauten und wogenden Gedränge, das wie ein Wald rauschte, blitzten häufig die weißen Kapottröcke der Leute aus Lipce und die roten Tücher ihrer Frauen auf.

Die Kirche war gedrängt voll, bis auf den letzten Platz in der Vorhalle, so daß die, die zuletzt kamen, ihre Andacht draußen vor der Tür halten mußten.

Der Priester erschien für die erste Messe, die Orgel ertönte, das Volk regte sich, beugte sich nieder und sank in die Knie vor der Majestät des Herrn.

Stille war nun eingetreten, niemand sang mehr, jeder betete nur und starrte auf den Priester und auf jenes Lichtlein hoch oben über dem Altar, die Orgel summte mit einem innig gedämpften Klang, daß es einen bis ins Mark erschauern ließ; manchmal wandte sich der Priester um, breitete die Hände auseinander und sprach laut das heilige lateinische Wort, und das Volk erhob seine Arme, seufzte tief auf, beugte sich in frommer Reue, schlug sich auf die Brust und betete inbrünstig.

Als dann die Messe zu Ende war, stieg der Priester auf die Kanzel und redete lange, unterwies die Menschen über die Heiligkeit des Tages, warnte vor dem Schlechten, wetterte, fuchtelte mit den Armen und donnerte so glühende Worte, daß manch einer tief aufseufzte, ein anderer sich gegen die Brust schlug, jener in seinem Gewissen die Sünde bereute und mancher in Gedanken Buße tat, mancher sich versann, und wer da ein weicheres Gemüt hatte, wie meist die Frauen, brach in ein Weinen aus, denn der Priester sprach mit Feuer und so klug, daß es jedem zu Herzen und zu Sinn ging, natürlich aber nur denen, die zuhörten, denn es waren viele da, die das Duseln in der Warme übermannt hatte.

Erst vor der zweiten Messe, als das Volk schon etwas mürber geworden war vom Beten, erdröhnte wieder die Orgel, und der Priester sang:

»In der Krippe liegt das Kindelein,
wer kommt hin und kehret bei ihm ein...«

Das Volk wogte auf, erhob sich von den Knien, griff im Nu die Melodie auf und sang wie aus einer Kehle mit, daß es brauste:

»Dem Kleinen Weihnachtslieder singen!«

Die Tannen in der Kirche erbebten, die Lichter zuckten auf unter diesem herzlichen Sturm der Stimmen.

Und schon hatten sie sich dermaßen mit ihren Seelen mit der Inbrunst ihres Glaubens und mit ihren Stimmen zusammengeschlossen, daß es war, als ob eine einzige Stimme dieses gewaltige Lied sang, das aus den Herzen der Menschen quoll, um bis an die Füßchen des heiligen Kindes zu branden.

Als sie auch die zweite Messe zu Ende gehört hatten, fing der Organist dermaßen tanzfrohe Weihnachtslieder an zu spielen, daß es schwer war, ruhig auf einer Stelle zu bleiben, sie rückten hin und her, traten sich den Takt dazu, drehten sich zum Chor um und jauchzten froh ihre Weihnachtslieder zur Begleitung der Orgel.

Nur Antek allein sang nicht mit den anderen, er war mit der Frau und mit den Stachs gekommen, ließ sie aber voraus und blieb selbst hinter den Bänken; er wollte nicht mehr die alte Stelle unter den Hofbauern am Hauptaltar einnehmen und sah sich gerade um, wo er sich hinsetzen konnte, als er den Vater mit all seinen Leuten bemerkte; sie drängten sich durch die Mitte der Kirche, voran kam Jagna.

Er trat hinter einen Tannenbaum zurück und ließ sie nicht mehr aus den Augen, denn man konnte schon von weitem ihre aufrechte Gestalt sehen; sie setzte sich gleich beim Durchgang auf den Rand einer Bank, er aber drängte sich, ohne sich auch nur einen Gedanken zu machen, noch sich irgendwie Rechenschaft zu geben, eigensinnig durch das Menschengewühl, bis er an ihre Seite gelangte, und als man während der Messe niederkniete, kniete auch er hin und neigte sich so dicht zu ihr heran, daß er mit dem Kopf ihre Knie berührte.

Sie bemerkte es nicht gleich, denn das kleine Wachsstöckchen, in dessen Schein sie aus dem Gebetbuch lesend betete, verbreitete ein so schwaches Licht, und die Tannenzweige deckten ihn so zu, daß man selbst in der Nähe nichts sehen konnte, erst bei der Erhebung des heiligen Sakraments, als sie niedergekniet war und sich auf die Brust schlagend den Kopf vorbeugte, blickte sie unwillkürlich zur Seite/das Herz stockte ihr, sie erstarrte fast vor freudigem Schreck, wagte sich nicht zu rühren, wagte nicht zum zweitenmal hinzusehen, denn dieses Gesicht schien ihr ein Traum zu sein, ein Trugbild und nichts anderes sonst ... Sie schloß die Augen und kniete lange, lange gebeugt, zur Erde hingekauert, vor Aufregung fast bewußtlos ... bis sie sich plötzlich wieder hinsetzte und ihm geradeaus ins Gesicht blickte.

Ja, er war es, Antek, sehr abgemagert, schwärzlich, elend, sie konnte es selbst in diesem Dämmer leicht erkennen, und diese großen, einen überfallenden und trotzigen Augen sahen voll Zärtlichkeit auf sie und waren so voll Leid, daß sich ihr die Seele vor Bangigkeit und Mitleid zusammenpreßte und die Tränen ihr von selbst in die Augen kamen.

Sie saß steif da, wie auch die anderen Frauen, starrte ins Buch, konnte aber nicht einen einzigen Buchstaben erkennen, nicht einmal die Seiten, nichts! Denn seine traurigen klagenden Augen, seine Augen, aus denen ein Leuchten ging, standen vor ihr, schimmerten wie Sterne und hatten ihr die ganze Welt verdeckt, so daß sie sich ganz verloren hatte, ganz hin war/und er kniete immerzu, sie hörte seinen kurzen, heißen Atem und fühlte diese süße Gewalt, diese furchtbare Gewalt, die von ihm strömte, die ihr ans Herz ging, sie wie mit Stricken band und mit Bangen und Lust erfüllte, sie mit Schauern durchrieselte, so daß sie der Verstand schier verließ, in ihr mit so mächtigem Schrei nach Liebe wiederhallte, daß jedes Gliedlein bebte und das Herz wie ein Vogel zuckte, dem man aus Mutwillen die Flügel an die Wand genagelt hatte! ...

Die Messe wurde abgehalten, die Predigt kam, die zweite Messe war vorüber; das Volk sang gemeinsam, betete, seufzte auf, weinte/und sie beide waren wie außerhalb der ganzen Welt, hörten nichts, sahen nichts, fühlten nichts, als nur einander selbst.

Angst, Freude, Liebe, Erinnerungen, Versprechungen, Beschwörungen und Begehren loderten abwechselnd in ihren Herzen auf, gingen von Herz zu Herz, verbanden sie, so daß sie sich schon als eins fühlten, so daß ihnen die Herzen zusammenschlugen und die Augen im gleichen Glanz erstrahlten.

Antek schob sich noch näher heran und stützte seinen Arm gegen ihre Hüfte, so daß sie ganz die Besinnung verlor, eine dunkle Röte übergoß ihr Gesicht; und als sie zum zweitenmal niederkniete, flüsterte er mit heißen, glühenden Lippen dicht an ihrem Ohr:

»Jagusch! Jagusch!«

Sie erbebte und wäre fast vor Freude und Erregung umgesunken, dermaßen hatte sie diese Stimme mit Freude und Lust erfüllt und sie getroffen wie mit einem scharfen Schwertstoß voll süßer Wollust.

»Komme doch einmal hinter den Schober hinaus ... jeden Abend werde ich auf dich warten ... fürchte dich nicht ... ich muß durchaus mit dir sprechen... komm!...« flüsterte er leidenschaftlich und so nah, so nah, daß sein Atem ihr auf dem Gesicht brannte ...

Sie antwortete nicht, die Kräfte ließen sie im Stich, die Stimme blieb ihr in der Kehle stecken, das Herz bebte und pochte dermaßen, daß es wohl die anderen ringsum hören mußten/und dennoch hob sie sich etwas, als wollte sie schon dorthin laufen ... wohin er sie bat ... wohin seine Liebe sie rief ...

Gerade zur rechten Zeit stimmte man das Weihnachtslied an, die Kirche erschallte aufs neue vor Gesängen, so daß sie etwas zu sich kam, sich setzte und die Blicke durch die Kirche und über die Menschen schweifen ließ.

Aber Antek war nicht mehr da, unmerklich war er beiseite getreten und hatte sich dann bis auf den Kirchhof zurückgezogen.

Lange stand er in der Kälte am Glockenhaus, versuchte sich zu ernüchtern, Luft zu schöpfen und zu sich zu kommen ... eine solche Freude weitete ihm das Herz, ein solcher Jubel war in ihm, ein solcher Schrei der Macht, daß er weder den Gesang hörte, der durch die Kirchentür hinausflutete, noch die stillen wimmernden Laute, die vom Glockenhaus kamen ... Nichts hörte er, nichts wußte er mehr, er griff eine Handvoll Schnee und schluckte ihn gierig herunter, und sprang dann über die Mauer auf den Weg und rannte schnell, wie ein Sturmwind, querfeldein.

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.