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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialAm hellen Tag, nach dem Frühstück brachte der Müller Antek auf den Arbeitsplatz, ließ ihn an der Zufahrt inmitten von angehäuften großen Holzblöcken stehen und ging selbst zu Mathias, der gerade auf der Sagemühle das Holz zurechtrichten und die Sägen in Bewegung setzen ließ, er redete mit ihm etwas und rief:

»Geht hier an die Arbeit und hört in allem auf Mathias, er disponiert hier in meinem Namen.« Gleich darauf ging er weg, denn vom Fluß kam eine unangenehme Kälte und durchdringende Zugluft.

»Gewiß habt ihr kein Beil?« fragte Mathias zu ihm hinabsteigend und ihn freundschaftlich begrüßend.

»Mit der Axt bin ich hergekommen, ich hab' es nicht gewußt.«

»Das ist gerade so, als ob ihr euch mit den Zähnen dranmachen solltet; das Holz ist durchfroren und bröckelt ab, wie Glas, nichts würdet ihr mit einer Axt anfangen können, die greift nicht an oder höchstens so viel, als ob ihr was abnagen wolltet. Ich borg' euch für heute ein Beil, man muß es aufschärfen, etwas mehr flach legen, seht, so ... Bartek, macht euch mit Boryna zu zweit an diese junge Eiche heran, macht sie rasch zurecht, denn das Holz kommt bald von der Säge herunter.«

Hinter einem gewaltigen im Schnee liegenden Holzblock reckte sich ein hagerer, hoher Mann von etwas vornübergebeugter Haltung, mit einer Pfeife zwischen den Zähnen und einer mächtigen grauweißen Schafpelzmütze auf dem Kopf. Er trug einen gelben Schafpelz, Pantinen und rote gestreifte Hosen; auf sein blinkendes Beil gestützt spie er durch die Zähne aus und sagte vergnügt:

»Mit mir heiratet euch an, ihr werdet sehen, das gibt ein Paar, das in Frieden lebt, ohne Geschrei und Prügel.«

»Ein mächtiger Wald, und die Bäume wie Kerzen.«

»Knorrige Biester, daß Gott erbarm, wie mit Kieselsteinen beschlagen; selten ein Tag, daß nicht das Beil daran schartig wird. Wetzt nur eures nicht ganz trocken, aber glatt, man muß es dem Strich nach über den Stein abziehen, nach einer Richtung nur, dann ist die Schneide kräftiger; mit dem Eisen da ist es so wie mit manch einem Menschen: triffst du, was es mag, dann kannst du es führen wie einen Hund an der Leine, wohin es dir nur einfällt; der Schleifstein steht im Mühlhaus am Gang zum Schroten.«

In einem kurzbemessenen Paternoster schon stellte sich Antek an die Arbeit dem Bartek gegenüber und fing an, ganze Holzschichten abzuspalten und den Stamm der Länge nach zu behauen, bis zur scharfen Kante, die Bartek mit Teer bezeichnet hatte; er redete nicht, denn es hatte ihn stark verletzt, daß ein solcher wie Mathias ihm, dem Boryna, befehlen sollte/was aber tun, muß der Bauch mal suchen/darf das Hemd nicht fluchen, so spuckte er nur in die Hände und klammerte sich mit Wut an sein Beil.

»Das läßt sich nicht schlecht an bei euch, nicht schlecht!« bemerkte Bartek.

Natürlich, daß er damit fertig werden konnte, nichts Besonderes war ihm die Holzbearbeitung, und den Verstand hatte er doch auch auf dem Fleck; nur daß die Arbeit für einen nicht Gewohnten sauer war, so kam er bald ganz außer Atem und in Schweiß, daß er selbst den Schafpelz abwerfen mußte.

Der Frost aber war mächtig, und da man immerzu aufrecht stehen und im Schnee wühlen mußte, erstarrten die Hände und blieben ihm fast am Griff haften. Die Zeit wurde ihm so lang, daß er kaum Mittag erwarten konnte.

Doch zu Mittag kaute er nur ein Stück trockenes Brot, trank frisches Wasser vom Fluß dazu und folgte nicht einmal den anderen ins Mühlhaus unter Dach, er fürchtete dort auf Bekannte zu stoßen, die ihr Getreide zum Mahlen nach der Mühle gebracht hatten und auf die Reihenfolge warteten. Sie hätten sich am Ende über ihn aufgehalten und sich noch über sein Elend und seine Erniedrigung freuen können, eher sollten sie verrecken ... Er blieb draußen im Frost stehen, dann setzte er sich an die Wand des Mühlhauses, kaute Brot und ließ die Augen über das Sägewerk schweifen, das an der einen Ecke mit der Mühle verbunden war und dicht am Fluß lag, so daß das Wasser unter ihm von den vier Mühlenrädern herunterfloß und als ein dicker grünlicher Wall die Sägen in Bewegung setzte.

Er war noch nicht ganz ausgeruht und hatte sich noch nicht erholt, wie es sich gehört, als Mathias, der bei den Müllersleuten zu Mittag aß, zurückkam und schon von weitem zu rufen anfing:

»Rauskommen! Rauskommen!«

Es nützte schon nichts, ob einer wollte oder nicht, er mußte doch, wenn auch über die Kürze der Mittagspause fluchend, aufstehen und mit den anderen an die Arbeit gehen.

Und sie rührten sich eifrig, denn der Frost peitschte sie und trieb sie mächtig an.

Die Mühle ratterte immerzu und das Wasser trieb brausend auf die Sägemühle zu, unter den Rädern hervorsprudelnd, die mit Eis bewachsen waren, als hätten sie grüne Zotteln und lange ineinander verwickelte Strähnen; die Sägen knirschten ohne Unterlaß, daß es war, als bissen sie Glas entzwei und spien gelbe Sägespane aus. Mathias machte sich unermüdlich zu schaffen, richtete die Klötze, staute das Wasser auf, ließ es wieder fließen, nagelte das Holz mit Klammern an die Borten, machte Vermessungen, schrie auf die Leute und trieb sie an. Überall war er geschäftig dabei, eifrig wie ein Stieglitz im Hanf; sein rot und grün gestreifter Spenzer und die grauweiße Schafpelzmütze flitzten überall auf dem mit zerstampftem Schnee und mit Holzspänen bedeckten Hof hin und her, wo man das Holz zurecht machte. Dann sah man ihn wieder nach der Mühle laufen, mit Menschen reden, disponieren, antreiben, lachen, herumscherzen und vor sich hin pfeifen. Er mühte sich mächtig ab, am häufigsten sah man ihn aber auf dem Brettergerüst bei den Sägen. Er war da gut zu erkennen, denn das Sägewerk hatte keine Seitenwände und machte deswegen einen freien Durchblick möglich. Es ruhte ziemlich hoch über dem Fluß auf vier tüchtigen Pfählen, gegen die das Wasser so stark anprallte, daß das Reitdach, welches nur auf den beiden Giebelwänden ruhte, hin und wieder gerüttelt wurde, wie ein Strohwisch im Winde.

»Ein geschicktes Biest!« murmelte Antek mit Anerkennung, aber nicht ohne Ärger.

»Kriegt er vielleicht wenig dafür?« brummte Bartek als Antwort.

Sie schlugen sich mit den Armen warm, denn der böse Frost wurde immer stärker, und arbeiteten schweigend weiter.

Viel Volk war da an der Arbeit, man hatte aber keine Zeit zur Unterhaltung/zwei paßten bei den Sägen auf, warfen die zersägten Klötze ab und zogen neue herauf, zwei andere zerschnitten die nicht durchgesägten Enden und legten die Bretter zu gewaltigen Stößen aufeinander; was dünner war und noch feucht, bargen sie vor dem Frost in den Schuppen, und noch zwei andere schälten die Rinde von den umherliegenden Eichen, Fichten und Tannen ab, so daß Bartek oft zu ihnen spottend hinüberrief:

»He, ihr da, pestige Baumschinder, werdet ihr nicht bald zum Abdecker ausgelernt haben!«

Sie ärgerten sich darüber, denn es waren doch keine Köter, denen sie die Haut abzogen; aber Zeit war nicht da, wegen eines Spitznamen Zank anzufangen. Mathias jagte sie dermaßen, daß nur selten einer hin und wieder sich nach dem Mühlhause schleichen konnte, um die froststarren Hände zu wärmen; er kam schon gleich atemlos von selber zurück, denn die Arbeit duldete keinen Aufschub.

Es dämmerte schon gut, als Antek sich nach Hause schleppte, er war so durchfroren, ermüdet und abgemattet, alle Knochen schmerzten ihm so, daß er gleich nach dem Abendbrot unter das Federbett kroch und wie ein Klotz schlief.

Anna hatte keinen Mut, ihn über irgend etwas auszufragen, sie trachtete ihm alles nach Möglichkeit recht zu machen, beschwichtigte in einem fort die Kinder und hielt den Alten an, mit seinen klotzigen Stiefeln keinen Lärm zu machen; sie selbst ging barfuß herum, um ihn nur nicht aufzuwecken, und bei Morgengrauen, als er sich zurechtmachte, auf Arbeit zu gehen, kochte sie ihm einen Topf Milch zu den Kartoffeln, damit er ordentlich was in den Magen bekäme und besser warm würde.

»Hundsverdeubelt! die Knochen schmerzen mir, daß ich mich gar nicht bewegen kann!« klagte er.

»Das ist nur zuerst, weil ihr es nicht gewohnt seid und euch nicht eingewöhnt habt ...« erklärte der Alte.

»Vorbeigehen wird es schon, das weiß ich. Wirst du mir nicht Mittagessen rüberbringen, Hanusch?«

»Versteht sich, so ein Stück Weg kannst du doch nicht zu Mittag laufen, ich bring' es dir hin ...«

Er machte sich gleich auf den Weg, denn bei Tagesanbruch mußte schon mit dem Arbeiten begonnen werden.

Und so fingen für ihn die Tage einer schweren, mühevollen Arbeit an.

Und ob es der ärgste Frost war, der einem mit der bösen Kälte zusetzte, ob Stürme mit Wind und Schnee um sich peitschten, daß man kaum die Augen auftun konnte, ob Tauwetter kam und einer tagelang im aufgeweichten Schnee stehen mußte, während ihm die widerwärtige, feuchte Kälte bis ins Mark kroch, ob Schneegestöber kamen, so daß man sein eigenes Beil nicht mehr sehen konnte/man mußte doch vor Tagesgrauen aufspringen und ganze Tage lang arbeiten, daß es in den Knochen knackte, und jede Sehne vor Müdigkeit nachgab; und immerzu sich sputen mußte man obendrein, denn die vier Sägen fraßen so geschwind das Holz, daß man kaum genug zurechtmachen konnte, und Mathias trieb auch noch immerzu vorwärts.

Doch nicht das war ihm zuwider, die schwere Arbeit nicht und nicht die Stürme, die Fröste, die Nässe und argen Schneegestöber, allmählich gewöhnte er sich daran/ denn ist's erst einer gewohnt, dann merkt er nicht, daß er selbst in der Hölle wohnt/sagen die klugen Leute; was er aber nicht ausstehen konnte, das war Mathias sein Regieren und seine ewigen Quengeleien.

Die anderen achteten nicht darauf; er aber kochte vor Wut jedesmal, wenn er es hörte, und gab ihm manches Mal eine so knurrige Antwort, daß dieser ihn nur so mit den Augen anblitzte und danach an allem etwas auszusetzen hatte, gerade wie mit Absicht, aber direkt etwas zu sagen traute sich Mathias nicht. Und doch wußte er ihn immer so zu treffen, daß Antek die Hände juckten und seine Fäuste sich ballten, doch er beherrschte sich immer wieder, so gut er konnte, dämpfte seinen Zorn und häufte nur im Gedächtnis all jene Sticheleien an. Er fühlte es wohl, daß Mathias nur auf die Gelegenheit wartete, ihn aus der Arbeit zu treiben.

Es lag ihm nicht soviel an der Arbeit selbst, als daran, daß er sich nicht von dem ersten besten unterkriegen lassen wollte/und noch von einem solchen Lumpensohn dazu, wie Mathias ...

Kurz und gut, daß sie immer wütender sich gegeneinander erzürnten; und ganz tief auf dem Grunde ihres Zornes steckte, wie ein schmerzender Splitter, Jaguscha. Beide waren sie hinter ihr her gewesen, seit langem schon, seit Frühjahr und vielleicht selbst seit Fastnacht und hatten im geheimen versucht, einander auszustechen, denn ein jeder wußte über den andern Bescheid. Nur daß Mathias alles fast vor den Augen des Dorfes machte und laut über sein Lieben sprach, Antek aber sich damit verstecken mußte/ darum verzehrte ihn auch ein dumpfer brennender Neid.

Sie hatten nie miteinander Freundschaft gehalten und sich schon stets mit scheelen Augen angesehen; schon oft hatten sie vor den Leuten Drohungen gegeneinander laut werden lassen, dabei hielt sich jeder von ihnen für den Stärksten im Dorfe; doch jetzt wuchs in ihnen Wut und Verstimmung von Tag zu Tag, so daß sie schon nach Ablauf einer Woche sich nicht mehr begrüßten und mit funkelnden Augen aneinander vorübergingen, wie zwei wütende Wölfe.

Mathias war kein schlechter und ungefälliger Mensch, im Gegenteil, er hatte ein hilfsbereites Herz und eine offene Hand; nur etwas allzustark eingebildet war er, erhob sich zu sehr über die anderen, sah sie über die Achsel an und hatte außerdem auch noch diesen Fehler, daß er sich für einen solchen hielt, dem kein Mädchen widerstehen konnte. Er hatte es gern, sich gelegentlich damit zu brüsten und herumzuprahlen, um nur in allem immer als erster zu gelten. So war es ihm auch jetzt sehr willkommen, über sich reden zu können und zu erzählen, daß Antek jetzt unter ihm arbeite und ihm in allem gehorchen müsse, daß er demütig zu ihm emporblicke, um nur nicht von der Arbeit weggejagt zu werden.

Eigentümlich schien das denen, die Antek kannten, aber sie meinten, daß er sich wohl unterworfen und gebeugt haben müsse, um die Arbeit nicht zu verlieren; andere aber wollten daraus folgern, daß noch mal ganz andere Geschichten daraus kommen würden, denn Antek würde sich das nicht gefallen lassen, meinten sie, und würde, wenn schon nicht heute, dann morgen, für sein Recht mit den Fäusten einstehen, und es gab selbst Leute, die bereit waren, darauf eine Wette einzugehen, daß er Mathias zu Apfelmus schlagen würde.

Antek wußte nichts von diesem Gerede, denn in die Häuser ging er nicht, wich den Bekannten aus, ohne ein Wort gesagt zu haben und kehrte geradeswegs von der Arbeit nach Hause zurück; wohin es aber kommen mußte, das wußte er schon gut, denn den Mathias durchschaute er längst.

»Dich Aas werd' ich so zu Brei schlagen, daß ein Hund dich nicht mal fressen wird, das wird dir schon deine Schnauze sanft machen, daß du dich nicht mehr überhebst und rumspreizst,« entschlüpfte es ihm eines Tages bei der Arbeit; Bartek vernahm es und sagte:

»Laßt ihn doch, man bezahlt ihn ja dafür, daß er antreiben soll!« Der Alte verstand nicht, worum es ging.

»Selbst der Hund kann mich ärgern, wenn er um nichts geifert.«

»Ihr nehmt es euch zu sehr zu Herzen, euch wird noch die Leber brandig, dabei, deucht mir, seid ihr bei der Arbeit auch zu hitzig.«

»Weil ich friere,« warf er nachlässig hin.

»Langsam muß man alles machen, der Reihe nach, auch der Herr Jesus hätte die Welt in einem Tage bauen können und hat es doch vorgezogen, eine ganze Woche in Ruhe darüber zu arbeiten ... Die Arbeit ist kein Vogel, die fliegt euch nicht auf und davon, und sich für den Müller oder für einen anderen abzurackern, da gibt es für euch doch weder einen Willen noch ein Muß ... der Mathias ist ja dafür da, wie ein Hund, der über fremdes Gut wachen muß; ihr werdet euch doch nicht wegen dem Gegeifer auf ihn erbosen?« ...

»Wie ich's meine, hab' ich es gesagt... Wo wart ihr denn im Sommer, daß ich euch nicht einmal im Dorfe gesehen habe?« fragte er ihn, um das Gespräch abzulenken.

»Etwas gearbeitet hat man, etwas Gottes Welt beguckt, die Augen daran geweidet und der Seele zu wachsen geholfen ...« sprach Bartek langsam, mit dem Behauen an der anderen Seite des Baumes beschäftigt, dann und wann reckte er sich auf und dehnte die Glieder, daß es ihm in den Gelenken knackte; seine Pfeife behielt er aber dabei immer zwischen den Zähnen und erzählte behaglich weiter.

»Ich habe mit Mathias an einem neuen Gutshaus gebaut, weil er aber immer so antrieb und weil auch schon Frühling draußen war und es nach Sonne roch, so hab' ich ihn sitzen lassen, und damals gingen gerade die Menschen nach Kalvaria, da ging ich denn mit, um an einem Sündenablaß teilzuhaben und die Welt etwas zu besehen.«

»Ist es denn da weit nach diesem Kalvaria?«

»Zwei Wochen sind wir gegangen, das liegt schon ganz hinter Krakau; aber ich bin nicht hingekommen. In einem Dorf, wo wir zu Mittag aßen, baute der Bauer ein Haus, und er verstand sich so schön darauf, wie eine Ziege auf Pfeffer; da wurde ich ärgerlich und habe das Biest ausgeschimpft, denn er hatte viel Bauholz verdorben; und so blieb ich denn bei ihm, da er mich ja auch darum gebeten hatte. In zwei Monaten hab' ich ihm ein Haus zurechtgezimmert, daß es rein wie ein Herrenhof war. Dafür wollte er mich sogar mit seiner Schwester, einer Witwe, verheiraten, die nebenan auf fünf Morgen saß.«

»Gewiß war sie alt.«

»Auch noch eine Junge sollte es vielleicht sein! Aber noch gar nicht zu verachten, jawohl, nur ein bißchen kahlköpfig und krummbeinig, und dazu noch ein Blick, schief wie ein Bohrer, und ums Maul war sie glatt wie ein Brotlaib, den ein paar Wochen lang die Mäuse benagt haben/ein pikfeines Frauenzimmer, 'ne gute Seele; ein deftiges Fressen hatt' ich bei ihr/mal Rührei mit Wurst, mal Fettes mit Schnaps, und andere Schmackhaftigkeiten waren auch da; und sie war so versessen auf mich, daß sie mich nicht schnell genug hätt' unter das Federbett kriegen mögen ...; da hab' ich mich denn schließlich bei Nacht und Nebel davongemacht ...«

»Hätte man da nicht einheiraten sollen, sind doch immerhin fünf Morgen? ...«

»Und der lausige Schafpelz des Seligen dazu. Was soll ich da mit einem Frauenzimmer? Ist mir schon längst zuwider, dieses Weibergezücht, längst schon! Immer nur das Geschrei, Gekreisch und Gerenne um einen herum, rein wie die Elstern auf dem Zaun, und sagst du ihr ein Wort, dann raschelt sie mit ihren zwanzig, wie mit Erbsenstroh ... du hast den Verstand, und die fegt nur immer mit der Zunge umher. Du redest zu ihr wie zu einem Menschen, und die versteht nichts und überlegt nichts und plappert nur das erste beste drauf los. Man sagt, daß der Herr Jesus der Frau nur eine halbe Seele gegeben hat, und das muß wahr sein ... und die andere Hälfte soll der Teufel zurechtgemacht haben ...«

»Es sollen auch Kluge darunter sein ...« sagte Antek melancholisch.

»Auch weiße Krähen soll es geben, nur daß sie niemand gesehen hat!«

»Habt ihr nicht eure eigene Frau gehabt, was?«

»Das hab' ich, ja!« ... er brach plötzlich ab, reckte sich und starrte mit seinen grauen Augen in die Weite. Alt war er schon und wie ein Hobelspan so dürr, sehnig und aufrecht / nur jetzt sah er etwas gebückt aus und die Pfeife wackelte ihm zwischen den Zähnen; seine Augenlider klappten rasch, rasch auf und ab.

»Holz herunter, aufziehen!« rief der Mann von den Sägen herüber. »Rasch da, Bartek, nicht stehenbleiben, sonst bleiben auch die Sägen stehen,« schrie Mathias.

»Hale, Dummer, rascher, wie einer kann, kann er nicht! Sieh mal einer, da ist die Krähe aufs Kirchendach gestiegen, krächzt und glaubt, daß sie der Priester auf der Kanzel ist,« brummte er böse, doch mußte ihn etwas im Inneren angekommen sein, denn immer häufiger ruhte er aus, seufzte und guckte, ob's nicht bald Mittag würde.

Gut, daß es auch bald darauf so weit war, denn auch die Frauen zeigten sich schon mit ihren Zweierkrügen, und auch Anna bog um die Ecke der Mühle. Das Sägewerk hielt an; alle gingen zum Essen ins Mühlhaus. Antek aber, der mit dem Müllersknecht gut bekannt war, denn sie hatten manche Flasche miteinander ausgetrunken, setzte sich in dessen Kammer zurecht. Er versteckte sich nicht mehr vor den Leuten und wich ihnen nicht aus, zeigte ihnen aber solche Augen, daß sie ihm von selbst aus dem Weg gingen.

In einer Hitze, daß man darin kaum atmen konnte, saßen ein paar Männer in Schafpelzen und redeten lustig miteinander; es waren Leute aus entlegeneren Dörfern, die ihr Getreide nach der Mühle gebracht hatten und darauf warteten, bis es gemahlen wurde. Sie füllten Torf nach in den schon glühend roten kleinen Ofen, rauchten Zigaretten, daß das ganze Stübchen in Rauch schwamm und redeten miteinander.

Antek setzte sich auf ein paar Säcken dicht am Kammerfenster nieder, nahm seinen Zweiertopf zwischen die Knie und machte sich gierig daran, seinen Kohl mit Erbsen und seine Kartoffelklöße mit Milch zu verzehren, Anna aber hockte neben ihm und sah gerührt zu. Die Arbeit hatte ihn etwas magerer gemacht und ließ ihn dunkler erscheinen, und hier und da schelperte ihm die Haut im Gesicht ab, von dem vielen Arbeiten im Frost; dennoch schien er ihr schön wie kein anderer in der Welt/und das war er auch: hoch war er, gerade gewachsen, schlank in der Taille und breit in den Schultern; er hatte ein länglich-schmales Gesicht; eine kühn gebogene Nase wie einen Habichtschnabel, nur nicht so höckerig, große graugrüne Augen und Brauen, die aussahen, als hätte jemand mit einer Kohle einen Strich quer über seine Stirn gezogen, fast von Schläfe zu Schläfe, und es war ein Anblick zum Fürchten, wenn er sie im Zorn zusammenzog. Seine hohe Stirn war bis zur Hälfte mit einem dunklen, fast schwarzen Haar verdeckt, das in einem geraden Strich gestutzt war, und den Schnauzbart hatte er wie alle anderen glatt ausrasiert, so daß man die weißen Zähne mitten zwischen den roten Lippen blitzen sah, wie eine Perlenschnur ... so wohlgestaltet schien er ihr, daß sie sich nie an ihm satt sehen konnte.

»Konnte denn der Vater das nicht herbringen, warum sollst du jeden Tag solchen Weg laufen!«

»Er sollt' bei der Färse etwas Mist wegnehmen, und ich wollte es dir auch lieber selber bringen.«

Sie richtete es sich immer so ein, daß sie ihm das Essen selber hintragen konnte, um ihn doch wenigstens sehen zu können.

»Was gibt's?« fragte er, den Rest auslöffelnd.

»Was soll es geben!/Einen Sack Wolle hab' ich schon fertig gesponnen und fünf Docken hab' ich der Organistin hingebracht. Die hat sich ordentlich gefreut ... Nur Pietrusch ist etwas fiebrig, er will nicht recht essen und quält immerzu.«

»Überfressen hat er sich, das ist es.«

»Gewiß, so muß es sein, gewiß ... Auch Jankel war wegen der Gänse da ...«

»Willst du sie verkaufen?«

»Hale, und zum Frühjahr soll ich welche einkaufen!«

»Mach' wie du willst, das ist deine Sache.«

»Und bei den Wachniks haben sie sich wieder verprügelt, nach dem Priester haben sie selbst geschickt, daß er sie auseinander bringt und bei Patsches soll ein Kalb an einer Mohrrübe erstickt sein.«

»Was geht es mich an,« brummte er ungeduldig.

»Der Organist war zur Garbenbitte da,« sagte sie nach einer Weile, aber schon ganz schüchtern.

»Was hast du gegeben?«

»Zwei Handvoll gekämmten Flachs und vier Eier ... Er sagte, daß er, wenn wir es nötig hätten, uns einen Wagen Haferstroh geben kann, und auf das Geld will er bis zum Sommer warten, oder auch auf Abzahlung in Tagelohn können wir es bekommen. Ich habe nichts genommen, was sollen wir auch bei ihm holen, es ist doch ... es kommt uns ja noch Trockenfutter vom Vater zu, nur zwei Wagen haben wir von so vielen Morgen genommen ...«

»Ich werd' nicht fragen gehen, und daß du dich nicht unterstehst! Nimm beim Organisten auf Abzahlung in Tagelohn, und wenn nicht, dann wird man das letzte Viehstück verkaufen, aber solange ich lebe, werd' ich den Vater nicht darum bitten, verstehst du?« ...

»Ich versteh' schon, vom Organisten nehmen« ...

»Vielleicht verdien' ich auch so viel, daß es reichen wird, nur nicht vor allen Menschen heulen!«

»Ich wein' doch nicht, nee ... Nimm du nur aber vom Müller einen halben polnischen Scheffel Gerste für Grütze, das kommt billiger, wie fertige kaufen.«

»Gut, heute will ich es sagen und dann bleib' ich mal einen Abend da, damit sie gemahlen wird.«

Anna ging fort und er blieb noch, eine Zigarette rauchend, ohne sich in die Gespräche einzumischen, die die Bauern miteinander führten. Sie sprachen gerade vom Bruder des Gutsherrn aus Wola.

»Jacek war sein Name, ich hab' ihn gut gekannt!« rief Bartek, gerade in die Kammer tretend.

»Dann wißt ihr es gewiß, daß er aus fernen Ländern heimgekehrt ist.«

»Nein, ich dachte schon, daß er lange gestorben ist.«

»Er lebt noch, keine zwei Wochen sind es erst her, daß er gekommen ist.«

»Er ist zurück, aber sie sagten, daß er nicht ganz bei rechtem Verstand ist ... will nicht auf dem Herrenhof wohnen, und ist in den Wald zum Förster übergesiedelt; alles macht er selbst, Essen und Kleidung, daß sich alle wundern; und abends spielt er auf der Geige, oft trifft man ihn auf der Landstraße und auf verschiedenen Grabhügeln, wo er sich etwas spielt ...«

»Sie sagten doch, daß er von Dorf zu Dorf geht und alle nach irgendeinem Jakob ausfragt ...«

»Jakob! Mancher Hund heißt Burek.«

»Den Familiennamen sagt er nicht, sucht nur immerzu nach einem Jakob, der ihn aus dem Krieg herausgetragen hat und vom Tode gerettet.«

»Wir hatten auch einen Jakob, der mit den Herren in die Wälder gegangen ist, der ist aber schon tot!« warf Antek hin und erhob sich, denn schon hörte man Mathias hinter der Wand schreien.

»Herauskommen, ihr wollt hier wohl bis zur Vesperzeit Mittag machen!«

Antek packte die Wut, er lief hinaus und schrie zurück:

»Brüll' nicht umsonst, wir können schon alle hören.«

»Mit Fleisch hat er sich vollgefressen und will sich mit Geschrei den Wanst leicht machen,« sagte Bartek.

»Ii ... der schreit nur, um sich bei dem Müller gut einzusetzen,« gab einer hinzu.

»Beim Essen liegen sie herum, bereden sich, spielen die Hofbauern, die Biester, und können nicht einmal ein ganzes Hosenpaar zeigen ...« murmelte Mathias immerzu.

»Das ist für euch, Antek!«

»Halt dein Maul und nimm die Zunge hinter das Gebiß, daß ich sie dir nicht einklemme, und hüte dich, über die Hofbauern herzuziehen!« schrie Antek auf, jetzt schon zu allem bereit.

Aber Mathias zog vor, sein Maul zu halten, nur mit bösen Blicken schaute er drein und sagte schon den ganzen Tag kein Wort mehr zu irgendeinem; aber auf Anteks Arbeit gab er eifrig acht und bewachte jeden seiner Schritte; er konnte ihm aber gar nicht beikommen, denn Antek arbeitete ehrlich, daß selbst der Müller, der zweimal täglich kam, nach dem Gang der Arbeit zu sehen, dieses bemerkte und bei der ersten Wochenauszahlung ihm den Lohn um ganze drei Silberlinge erhöhte.

Mathias schäumte darüber vor Wut und rückte später dem Müller ordentlich zu Leibe, der aber sagte gelassen:

»Du giltst mir als gut, er gilt mir auch als gut; gut ist mir jedermann, der seine Arbeit ehrlich tut.«

»Das ist nur mir zum Ärgernis, daß der Herr Müller Antek mehr Lohn gibt.«

»Der ist mir soviel wert wie Bartek, vielleicht auch noch mehr, darum hab' ich ihm den Lohn erhöht. Ich bin ein gerechter Mann, das weiß ein jeder.«

»Dann schmeiß' ich alles zum Teufel, laß den Herrn Müller sich selbst an die Arbeit stellen ...« drohte er.

»Schmeiß er sie, such er Semmeln, wenn ihm das Brot nicht schmeckt, mag er gehen; das Sägewerk wird Boryna leiten können; und selbst für vier Silberlinge pro Tag!« sagte der Müller lachend, denn er richtete alles mit Absicht so ein, um billiger Arbeit zu haben.

Mathias merkte auch sofort, daß der Müller nicht nachlassen würde und daß er nicht einzuschüchtern war, darum drängte er nicht länger und versteckte den Ärger gegen Antek tief innen. Wie lebendiges Feuer fraß der Zorn an ihm weiter, aber gegen die Leute schien er nachgiebiger und nachsichtiger geworden zu sein; man merkte es auch sofort, und Bartek sagte zu den anderen, verächtlich ausspuckend:

»Dumm ist er, wie'n junger Hund, der nicht weiß, wie er in einen Stiefel beißen soll; hat eins ins Maul gekriegt, nun wedelt er herum. Er dachte, daß die Gnade nur für ihn allein da ist, man wird ihn ebensogut wegjagen, wenn nur ein besserer da ist ... mit den Reichen ist es immer so ...«

Antek war das alles gleich, er freute sich weder über den größeren Lohn noch darüber, daß Mathias das Mundwerk weich geworden war, und daß das Dorf sich über ihn jetzt lustig machte; was man sich bei der Arbeit erzählte, das ging ihn alles zusammen gerade soviel an, wie das vergangene Jahr, oder selbst weniger noch. Nicht um Geld arbeitete er, das war eher Annas Freude, sondern weil es ihm so gefiel, und wenn es ihm beliebt hätte, auf dem Rücken zu liegen, hätte er es getan, wenn selbst Gott weiß was passiert wäre. Und da es ihm paßte zu arbeiten, hatte er sich geradezu darin festgebohrt und schaffte wie ein Pferd in der Tretmühle, das auch ohne angetrieben zu werden im Kreise läuft, solange man es nicht anhält.

So ging ein Tag nach dem anderen, eine Woche nach der anderen in schwerer ununterbrochener Arbeit bis dicht vor Weihnachten vorüber, langsam begann auch ihm die Seele stiller zu werden, bis sie ihm allmählich wie zu Eis erstarrte. Er war gar nicht mehr dem früheren Antek ähnlich; die Leute wunderten sich darüber und sprachen verschieden über diese Umwandlung. Aber das war nur nach außen hin, für die Menschenaugen, denn innen war er ganz anders. Wie im reißenden tiefen Strudel, den der Frost in Eisketten schlägt und den die Schneemassen zudecken und der doch immerdar gurgelt und schäumt und tost bis die Eishülle jäh birst und die Wasser losbrechen/so war es in Anteks Seele. Er arbeitete, schuftete, brachte das Geld bis auf den letzten Heller der Frau, saß die ganzen Abende zu Hause und war gut wie niemals, so still und so ruhig, spielte mit den Kindern, half in der Wirtschaft, sagte keinem ein unnützes Wort, klagte nicht und schien alles Unrecht vergessen zu haben/ doch er betrog Annas Herz damit nicht, nein; natürlich freute sie sich über diesen Wechsel, las ihm von den Augen ab, was er brauchte, und war ihm die treueste und aufmerksamste Magd; oft genug aber fing sie mit ihren Augen seine traurigen Blicke auf, hörte oft geängstet auf seine verstohlenen Seufzer und ließ oftmals mutlos die Hände sinken und blickte sich mit angsterstorbenem Herzen um, um vorauszusehen, woher das Unglück kommen würde, denn sie fühlte es gut, daß in seinem Innern etwas Schreckliches braute, etwas, was er nur mit Macht zurückhielt, das sich in ihm nur geduckt, nur auf die Lauer gelegt hatte und ihm die Seele aussog, immer und immerzu.

Doch er sagte kein Wort, ob es ihm schlecht oder gut ging, kehrte von der Arbeit geradeswegs nach Hause und sprang bei Morgengrauen, wenn zur Adventsandacht geläutet wurde, aus den Federn, so daß er Tag für Tag an der erleuchteten Kirche vorbeiging, Tag für Tag blieb er vor der Vorhalle stehen, um auf das Spiel der Orgel zu horchen, auf diese Musikstimmen, diese gedämpften, durchdringenden und aufsingenden Töne, die wie mitten aus all den Frösten erklangen, sich aus dem morgendlichen Grau gebaren, aus den kupfernen Morgenröten aufklirrten und aus den Eishüllen und der durchfrorenen Erde heraus emporschwebten, wie ein sehnsuchtsvoll heraufbrechendes Träumen aus langem Schlaf/aus dem langen, schweren Winterschlaf. Tag für Tag beschleunigte er die Schritte, man sollte nicht sehen, daß er andächtig hinhörte, und lief dann jenseits des Weihers, auf dem weiteren Weg, nur um nicht an Vaters Haus vorüberzukommen und irgendwem zu begegnen.

»Keinem! Nein!«

Darum saß er auch Sonntags fest zu Hause, trotz der Bitten Annas, mit ihr zur Kirche zu gehen. Nein und nochmal nein! Er fürchtete eine Begegnung mit Jagna, er wußte gut, daß er nicht an sich halten würde, es nicht ertragen könnte!

Außerdem wußte er von Bartek, mit dem er gut Freund geworden war, und selbst fühlte er es auch, daß sie ihn auf Schritt und Tritt, wie einen Dieb, bewachten und belauerten, als ob sie sich gegen ihn verschworen hätten; und er bemerkte auch oft ein Paar um die Ecke lugende Augen, fühlte manches Mal, daß man sich nach ihm umblickte, daß neugierig sich anklammernde Blicke hinter ihm hergingen, die gerne bereit wären, bis auf den Grund der Seele zu tauchen, jede ihrer Absichten ans Licht zu zerren und ganz zu durchschauen. All diese Blicke, die wie mit einem Bohrer sich in seine Seele versenkten, quälten ihn arg.

»Ihr beißt es doch nicht auf, Aasvolk, nie und nimmer,« murmelte er haßerfüllt, sich immer wütender in seinen Zorn gegen alle verbeißend und ging noch eifriger den Menschen aus dem Weg.

»Ich brauche keinen. Die Freundschaft mit mir selbst ist mir schon genug, kaum daß ich damit fertig werde,« sagte er zu Klemb, der ihm Vorwürfe machte, daß er nie zu ihm einsah.

Und er hatte recht, kaum daß er mit sich selber fertig werden konnte, so war es schon; mit starker Faust hatte er sich zusammengerissen, hatte die Seele wie in eine eiserne Kandare genommen und hielt sie fest, ließ sie nicht locker; doch immer häufiger geschah es, daß ihn eine Ermattung packte, immer häufiger überkam ihn die Lust, alles wegzuschleudern und sich der Gnade seines Schicksals zu überlassen. Mochte es schlecht oder gut werden/das war ihm einerlei. Das Leben wurde ihm zuwider, ein tiefer Schmerz fraß sich in ihn ein, hatte sich wie ein Habicht ihm ins Herz gekrallt, riß daran und zerfleischte es.

Es war ihm schwer in diesem Joch, lästig, eng und beklemmend, wie einem angekoppelten Gaul in der Hürde, wie einem Hund an der Kette, so schwer ... man konnte es gar nicht sagen!

Wie ein Fruchtbaum fühlte er sich, den der Sturm gebrochen hatte und der, dem Untergang geweiht, inmitten eines blühenden, gesundheitsstrotzenden Obstgartens langsam dahindorrt.

Denn ringsumher lebten doch die Menschen, war das Dorf, brodelte des Lebens tiefgründiges Gegurgel; seine Wellen schlugen wie fließendes Wasser, das vorüberzieht, und ergossen sich immerwährend mit dem gleichen, vollen, frischen Lebensstrom. Lipce lebte das alltägliche, altgewohnte Leben. Bei den Wachniks da hatte man Taufe gefeiert; bei Klembs war eine Verlobung gewesen und man hatte sich gut unterhalten, wenn auch ohne Musik, wie es sich für die Adventszeit paßte; es war auch einer ans Sterben gekommen, der Bartek, sagten sie, den der Schwiegersohn nach der Kartoffelernte so verprügelt hatte, daß er kränkelte und dahinsiechte, bis er nur mehr bei Abraham seinen Bierschoppen trinken konnte; Gusche war auf Klage gegangen, wider die Kinder wegen ihres Altenteils, und manche andere Geschäfte waren im Gange, immer verschiedene und in jedem Haus fast etwas Neues, so daß das Volk genug zum Beratschlagen hatte, genug zum Lachen und zum Sorgen; und in verschiedenen Häusern versammelten sich an den langen Winterabenden die Frauen mit ihren Spinnrocken, um gemeinsam zu spinnen/Jesus, was die dann da lustig waren und lachten, und das Gerede und die Zurufe; bis auf die Dorfstraße hörte man ihre ausgelassene Lustigkeit. Zank hatte es inzwischen überall schon genug gegeben, und wie viele Freundschaften, Versprechungen, Liebeleien, was da herumgestanden wurde vor den Häusern, und das Getue und Gedreh', all die Schlägereien und Sticheleien und kurzweiligen Wortgefechte/rein wie in einem Bienenschwarm oder Ameisenhaufen war es, es hallte nur so davon in den Häusern wieder.

Und jeder lebte auf seine Weise, wie es ihm am besten zu passen schien, und doch mit den anderen in Gemeinschaft, wie es Gott geboten hatte.

Der plagte sich, mühte sich und sorgte, der andere vergnügte sich und hatte nichts Lieberes zu tun, als mit seinen Freunden den Becher kreisen zu lassen; einer blähte sich, dünkte sich erhaben über die anderen, noch einer war hinter den Mädchen drein, ein anderer kränkelte und sah nichts mehr vom Leben als Pfarrers Kuhstall; und der und jener verkroch sich auf der warmen Ofenbank/dem einen war Freude, dem anderen Sorge beschieden, und diesem weder eins noch das andere/und alle lebten sie das geräuschvolle Leben, mit ihrer ganzen Seele und mit voller Macht.

Er allein nur war wie außerhalb des Dorfes, außerhalb der Menschen und fühlte sich wie ein fremder Vogel, der ängstlich und hungrig ist/und wenn er auch um die hellen Fenster flattert, sich nach den vollen Scheuern sehnt und gern zu den Menschen möchte, so wagt er doch nicht hineinzufliegen; beschreibt nur Kreise, späht hinein, horcht auf, nährt sich mit Qual, trinkt Sehnsüchte, und wagt doch nicht hineinzufliegen.

»Höchstens, wenn der Herr Jesus etwas ändern täte ... zum Guten brächte ...«

Doch er fürchtete sich, auch nur an eine solche Wendung zu denken.

Ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest begegnete er von ungefähr eines Morgens dem Schmied; Antek wollte ihm ausweichen, doch dieser vertrat ihm den Weg, streckte ihm als erster die Hand hin und sagte weich, wie bedauernd:

»Gewartet hab' ich, daß du kommen würdest, wie zum leiblichen Bruder ... ich hätte dir doch raten können und helfen, obgleich auch bei mir kein Überfluß ist.«

»Du hättest hinkommen können und helfen!«

»Wie denn, als erster sollte ich mich aufdrängen, daß du mich fortgejagt hättest, wie die Fine ...«

»Natürlich, wen es nicht schmerzen tut, der hat zum Warten Mut.«

»Nicht schmerzen! Das gleiche Unrecht ist uns geschehen, darum ist auch der Schmerz der gleiche.«

»Schwindle einem nicht noch in die lebendigen Augen, hale, glaubst wohl, einen Dummen vor dir zu haben ...«

»Bei Gott im Himmel, die reine Wahrheit hab' ich gesagt.«

»Fuchsluder! kommt dahergerannt, schnüffelt, dreht und wischt noch mit dem Schwanz die Spuren weg, damit man nicht einmal Wind von ihm kriegt und seinen Schaden rächt.«

»Daß ich auf der Hochzeit war, deswegen, scheint mir, bist du mir gram! Das ist wahr, ich bin dagewesen, das will ich gar nicht bestreiten, ich mußte ja hin, der Priester selbst hat auf mich eingeredet und mich gedrängt, damit keine Gotteslästerung daraus käme, daß die Kinder für sich bleiben und der Vater für sich.«

»Auf des Priesters Zureden bist du hingegangen? Sag' das einem anderen, der wird's vielleicht glauben, ich nicht. Rupfen tust du den Alten für diese Freundschaft, wie du nur kannst, du gehst da schon nicht mit leeren Händen weg ...«

»Nur die Dummen nehmen nicht, wenn man ihnen was geben will; aber ich hab' doch nicht gegen dich geredet, nein, das kann das ganze Dorf bezeugen, frag' mal die Gusche, die sitzt doch so wie so den ganzen Tag bei dem Alten; ich hab' selbst mit dem Vater gesprochen, daß ihr euch versöhnen solltet ... das wird sich schon machen ... zurechtdeichseln ... man kriegt es schon glatt ...«

»Versöhn' du die Hunde, hast du verstanden! Um den Krieg hab' ich dich nicht gefragt, da brauchst du mir nicht mit der Versöhnung zu kommen; sieh mir mal da, diesen guten Freund! Du würdest mir schon 'ne Versöhnung machen, wenn du mir noch erst diesen letzten Schafpelz vom Buckel gerissen hättest ... Ich sag' es dir nochmal, laß du mich ganz in Ruhe und geh' du mir aus dem Weg, denn wenn mich einmal die Wut packt, dann rupf' ich dir deine Eichhornzotteln vom Kopf und faß dich mal an die Rippen, daß dich selbst die Gendarmen nicht retten werden, obgleich du mit ihnen unter einer Decke steckst. Das will ich dir gesagt haben.«

Er wandte sich weg und ging davon, ohne sich nach dem anderen auch nur umzusehen, der mit aufgesperrtem Maul mitten auf dem Weg stehenblieb.

»Zigeuner, Aas! ... hält zum Alten und kommt mir hier mit Freundschaften; beide würde er uns am liebsten auf den Bettel schicken, wenn er es nur könnte.«

Er konnte sich lange nicht beruhigen nach dieser Begegnung, obendrein hatte er kein Glück an diesem Tage vom frühen Morgen an; kaum hatte er sich ans Behauen gemacht, wurde das Beil an einem Knorren schartig, und dann gleich nach Mittag wurde ihm noch der Fuß durch einen Baum geklemmt; es war ein wahres Wunder, daß er nicht ganz zerquetscht wurde, den Stiefel mußte er aber abziehen und Eis auflegen, denn der Fuß war geschwollen und schmerzte arg ... Und zudem war auch Mathias heute wie ein giftiger Hund, er zankte mit allen, nichts war ihm recht, alles zu wenig; er schrie, trieb an, und beinahe wäre es wohl zu etwas Schlechterem gekommen. Es legte sich schon alles so seltsam zurecht, selbst die Grütze, die Franek für heute fertig mahlen sollte und weswegen ihm Anna Tag für Tag den Kopf heiß machte, hatte dieser nicht fertiggemacht und redete sich mit Zeitmangel aus.

Au Hause war es auch nicht wie immer, Anna ging besorgt und mit verweinten Augen herum, denn Pietrusch lag im Fieber, ganz in Glut, so daß sie die Gusche bestellen mußte, um den Jungen zu beräuchern und abzustreichen.

Die Gusche war gerade während des Abendessens gekommen, setzte sich an den Herd und sah sich heimlich in der Stube um; sie hatte große Lust zu reden; doch die beiden antworteten ihr nur wenig, so daß sie sich gleich daranmachte, den Jungen zu untersuchen und zu behandeln ...

»Ich geh' zur Mühle nachsehen, sonst machen sie mir das mit der Grütze nicht,« sagte Antek nach der Mütze greifend.

»Der Vater könnte doch gehen und aufschütten! ...«

»Ich tu' es selbst, um so eher hast du sie!«/Und er ging eilig davon. Wütend war er und erregt und bis im Innersten aufgewühlt, wie ein einsamer Baum, den der Sturm zerzaust. Alles reizte ihn zu Hause und machte ihn ungeduldig, am meisten aber noch die alles betastenden diebischen Augen von Gusche.

Es war ein stiller Abend ohne Frost; schon vom Morgen an war es milder geworden; viele Sterne waren nicht da, nur hier und dort sah man einen in weiter Ferne wie durch Schleier zucken; vom Wald kam Wind auf und mit ihm ein fernes, dumpfes Rauschen, wie vor einem Witterungsumschlag; im Dorfe klang häufig Hundegebell, und immer wieder wehte der Schnee stäubend von den Bäumen ... der Rauch schlängelte sich dicht über dem Weg/die Lust war feucht und durchdringend.

In der Mühle befanden sich, da es dicht vor Weihnachten war, viele Menschen; die, deren Korn gerade gemahlen wurde, paßten an den Gängen auf, und der Rest saß im Stüblein des Müllerknechts. Mitten unter ihnen war Mathias, er schien etwas Besonderes zu erzählen, denn jeden Augenblick brachen sie in ein Gelächter aus.

Antek trat gleich von der Schwelle des Stübchens zurück und ging nach der Mühle, Franek zu suchen.

»Der findet sich mit der Magda auf dem Deich ab, mit der, die die Organistenleute fortgejagt haben.«

»Der Müller wollte ihn davonjagen, wenn er noch einmal das Frauenzimmer in der Mühle treffen würde, und sie saß hier die ganzen Nächte herum, wo sollte sie denn auch bleiben, das arme Mensch!« erklärte ihm ein Bauer.

»Wofür einer im Frühling springen tut, davor wird ihm im Winter schlecht zumut,« warf ein anderer lachend ein.

Antek setzte sich an den Walzen, worin das feinste Mehl zubereitet wurde; von seinem Platz aus konnte er gerade die offenstehende Tür und einen Teil der Kammer überblicken, so daß er dort Mathias, mit dem Rücken zur Tür gewandt, sitzen sah und hinter ihm die Köpfe der anderen, die sich ihm dicht zuneigten und eifrig lauschten; er hätte selbst hören können was sie sprachen, denn er saß ganz nahe; nur das Rattern der Mühle hinderte ihn etwas daran, außerdem war es ihm auch ganz gleich was sie sagten.

Er hatte sich auf ein paar Säcke geworfen und schien, müde wie er war, einnicken zu wollen.

Die Mühle ratterte ohne Unterlaß, zitterte in allen Fugen, bebte und arbeitete mit all ihren Gängen; die Räder klapperten so laut, als ob hunderte von Frauen mit Waschschlägeln immerzu dreinschlügen; das Wasser wälzte sich mit gurgelndem Lärm über die Räder, zerschlug sich in zischenden Schaum und schneeichte Spritzer und stürzte sich rauschend in den Fluß.

Antek wartete eine gute Stunde auf Franek; schließlich erhob er sich, um ihn zu suchen und sich auch gleichzeitig etwas aufzurütteln, denn eine Schläfrigkeit lag drückend auf ihm. Die Ausgangstür war dicht neben dem Stübchen, er ging vorbei und, schon an die Türklinke fassend, hielt er plötzlich inne, denn Mathias' Worte trafen sein Ohr.

»... und der Alte kocht selbst die Milch oder den Tee und trägt ihn ihr ans Federbett heran... Man sagt, daß er selbst die Kühe besorgt und mit Gusche den Hausstand führt, daß sie sich nur nicht die Händchen beschmutzt ... er soll ihr in der Stadt einen aus Putzellan gekauft haben, wenn sie mal hinter die Scheune muß, sonst könnte sie sich doch mal verkühlen...«

Sie brachen in ein heftiges Gelächter aus, und allerhand Witze regneten hageldicht. Antek aber wich, ohne selbst zu wissen warum, bis auf die alte Stelle zurück, ließ sich auf die Säcke fallen und sah gedankenlos in den langen roten Lichtstreif hinein, der durch die offene Tür der Kammer drang. Er hörte nichts, das Rattern übertönte die Stimmen, die Mühle bebte immerzu, eine graue Wolke Mehlstaub breitete sich wie ein Schleier im Mühlhaus aus, die Lämplein an der Decke glimmten hier und da durch den weißen Staub, funkelten gelb wie lauernde Katzenaugen und zuckten hin und wieder an ihren Schnüren. Er konnte nicht ruhig sitzenbleiben, erhob sich wieder, schob sich leise auf den Zehenspitzen dicht an die Tür heran und horchte.

»... alles hat sie ihm erklärt,« redete Mathias, »sie hatte Eile und ist über den Jaun gestiegen, und davon ... sagt sie./Die Dominikbäuerin hat es bestätigt, daß so was den Mädchen oft passiert, daß auch ihr dasselbe passiert ist in ihrer Jungfernschaft... Das kann jetzt jede sagen, wenn sie nur mal ordentlich über den Zaun gestiegen ist ... und der Alte, das Schaf, glaubt daran. So klug wie der sein will und glaubt so was...«

Sie lachten so, daß sie fast umfielen und ein quarrendes Gelächter durch das Mühlhaus schallte.

Antek schob sich näher heran und blieb fast auf der Schwelle stehen, blaß wie eine Leiche, mit geballten Fäusten, geduckt wie zu einem Sprung.

»Und das, was sie über Antek erzählt haben,« nahm Mathias wieder auf, nachdem sie genug gelacht hatten, »daß die beiden sich schon gut kannten, ist nicht wahr, das werd' ich wohl selber am besten wissen. Hab' doch selbst gehört, wie er da bei ihr an der Kammertür, wie ein Hund, herumgewinselt hat, mit einem Besen hat sie ihn da fortjagen müssen. Wie eine Klette am Hundeschwanz, so hat er sich da angehangen, sie hat ihn aber immer weggetrieben ...«

»Ihr habt es doch gewiß nicht gesehen, im Dorf haben sie was anderes darüber erzählt ...« meinte einer.

»Und ob ich das gesehen habe, als ob ich nur einmal bei ihr in der Kammer gewesen wär', die hat sich doch oft genug bei mir über ihn beklagt!«

»Du lügst, du Hund!« schrie Antek, die Schwelle überschreitend.

Mathias sprang in einem Nu hoch und wandte sich nach ihm um; aber ehe er sich etwas versah, warf sich Antek auf ihn, wie ein wütender Wolf, griff mit einer Hand nach den Rockklappen und begann ihn zu würgen, bis Mathias den Atem verlor und keinen Laut mehr von sich geben konnte, mit der anderen Hand packte er ihn am Gurt und riß ihn hoch auf, wie man einen Strauch herausreißt, stieß mit dem Fuß die Tür ins Freie auf und schleppte ihn hinter das Sägewerk an den von einem Zaun umgrenzten Fluß. Dort stieß er ihn mit solcher Gewalt von sich, daß vier Latten wie Halme knickten, und Mathias, wie ein schwerer Klotz, ins Wasser stürzte.

Ein plötzlicher Lärm und ein großes Geschrei entstand, denn der Fluß war an dieser Stelle reißend und tief. Es kamen von allen Seiten Leute zur Rettung herbei und zogen Mathias eilig wieder heraus; doch er war besinnungslos, kaum daß sie ihn wieder zu Bewußtsein bringen konnten. Selbst der Müller lief herbei, und in ein paar Paternostern brachten sie den Ambrosius. Es hatten sich schon viele Leute vom Dorf zusammengefunden, ehe sie so weit waren, daß sie Mathias ins Haus des Müllers trugen, denn er verlor immer wieder die Besinnung und brach Blut.

Selbst nach dem Priester war schon hinübergeschickt worden, denn es schien so schlecht mit ihm zu stehen, daß man glaubte, er würde den Morgen nicht erleben.

Antek setzte sich, nachdem Mathias fortgetragen worden war, ruhig an seinen Platz am Ofen, wärmte sich die Hände und redete mit Franek, der sich eingefunden hatte; und als alle zurückgekehrt waren und der Lärm sich etwas gelegt hatte, sagte er laut und nachdrücklich, damit es alle hörten und ein jeder es sich ein für allemal merkte:

»Wer über mich das Maul aufreißt und meint, er kann über mich herziehen, dem kann es nochmal so gehen oder noch besser!«

Niemand sagte ein Wort, sie blickten auf ihn voll Achtung und mit großem Staunen; wie konnte das nur möglich sein, einen solchen Kerl wie Mathias so mir nichts dir nichts sich herzulangen wie einen Strohwisch, ihn wegzuschleppen und ins Wasser zu schmeißen! Niemand hatte wohl noch von einem gehört, der eine solche Kraft hatte! ... Wenn sie sich noch geprügelt oder gerungen hätten und einer von dem andern überwältigt worden wäre, wenn er ihm selbst die Knochen im Leibe zerschlagen oder ihn sogar umgebracht hätte/ das passierte schon mehr! Aber nein, einen nur so, wie einen jungen Hund, an den Ohren zu kriegen und ins Wasser zu schleudern! Daß ihm die Rippen an den Zaunlatten gebrochen sind, schadet nichts, die wird er sich schon ausheilen; aber die Schande die wird Mathias nicht verwinden können! ... Den Menschen so zum Spott zu machen für das ganze Leben! ...

»Nee, nee, du meine Güte, so was ist noch nicht dagewesen,« tuschelten sie untereinander.

Aber Antek achtete nicht auf sie, er hatte die Grütze fertig gemahlen und ging gegen Mitternacht heim; es war noch Licht beim Müller in der Stube, wo sie Mathias hingebettet hatten.

»Jetzt wirst du, Aas, nicht mehr damit groß tun, daß du bei Jagna in der Kammer gewesen bist!« murmelte er haßerfüllt und spie aus.

Zu Hause sagte er nichts darüber, obgleich Anna noch nicht schlief, denn sie hatte noch zu spinnen; aber am Morgen ging er nicht mehr arbeiten, denn er war sicher, daß sie ihn doch fortschicken würden. Gleich nach dem Frühstück jedoch kam der Müller selbst herübergelaufen.

»Kommt doch 'rüber zur Arbeit, das mit Mathias geht mich nichts an, das ist eure Sache; aber das Sägewerk kann nicht warten bis er wieder gesund ist; leitet ihr die Arbeit, ich geb' euch dafür vier Silberlinge und das Mittagessen.«

»Ich werd' nicht gehen; gibt mir der Herr das, was er dem Mathias gegeben hat, dann ist es recht, ich werd' es ihm nicht schlechter führen.«

Der Müller wütete, feilschte, mußte aber schließlich klein beigeben, denn es war kein anderer Rat möglich; er nahm ihn auch gleich mit, und sie gingen davon.

Anna begriff nichts davon, denn sie hatte noch nichts darüber gehört.

 

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