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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialGegen Mittag erhellte sich der Tag ein wenig, aber nur so viel, wie wenn jemand einen brennenden Kienspan durch die Luft geschwenkt hätte; die Helle erlosch wieder bald und es fing an, sich zu verdüstern, als wollte sich Schnee in der Luft zu einem neuen Gestöber zusammenballen.

In der Stube der Anteks war es seltsam finster, kalt und traurig; die Kinder spielten auf dem Bett und schirpten leise, wie erschrockene Küchlein, Anna aber wurde von einer Unruhe hin- und hergezerrt, so daß sie sich keinen Rat mehr wußte. Sie lief von Ecke zu Ecke, sah durchs Fenster oder stellte sich vors Haus und ließ die brennenden Augen über das Schneeland streifen. Aber nicht ein lebendiges Wesen war auf den Wegen oder im Felde zu sehen – ein paar Schlittengespanne schoben sich nach der Schenke zu vorbei und verschwanden unter den. Pappeln, als waren sie in den Schneetiefen eingesunken ohne Spur und ohne einen Laut. Nichts blieb zurück als diese tote Stille und die Leere ohne Ende.

»Wenn doch wenigstens ein Bettler käme, daß man mit jemand sprechen könnte!« seufzte sie vor sich hin.

»Kutzusch! Kutzu, Kutzu, Ku ... tzu!« Sie fing an, die Hühner durch den Schnee vor sich hinzujagen, denn sie waren herausgekrochen und suchten sich Sitzgelegenheiten auf den Kirschbäumen. Sie griff sie und trug sie auf die Staffeln zurück. Auf dem Flur begann sie, auf Veronka einzuschelten, wie konnte man denn den Eimer mit Spülwasser für die Schweine auf den Flur stellen! Diese pestigen Biester hatten alles umgeworfen, daß sich eine Pfütze an der Tür gebildet hatte.

»... Achte auf die Schweine, wenn du hier Hausfrau sein willst, laß die Kinder aufpassen ... ich werde nicht deinetwegen im Schmutz herumplatschen ...« schrie sie durch die Tür.

»... Die Kuh hat sie verkauft und will hier das Wort führen, sieh mal an, der Schmutz stört sie schon, feine Dame, und selbst sitzt sie wie im Schweinestall.«

»... Das geht dich nichts an, wo ich sitze und um meine Kuh hast du dich nicht zu kümmern!«

»... Dann laß auch meine Schweine in Ruh, du!«

Anna warf die Tür hinter sich zu; was sollte sie sich mit einem solchen Höllenweib einlassen/sage ihr ein Wort, und sie wird an einem halben Schock nicht genug haben und am liebsten noch schlagen. Sie schloß die Tür mit einem Haken, holte das Geld hervor und machte sich daran, alles mühsam zu berechnen. Nicht wenig hatte sie sich abgequält bei dieser Menge Geld, sie irrte sich immerzu dabei: der Arger auf Veronka saß ihr noch in den Gliedern und die Unruhe um Antek peinigte sie; dann wieder war es ihr, als schnaufte die Kuh hinter der Wand/und Erinnerungen an den Borynahof überkamen sie.

»... Ist schon wahr, wie in einem Schweinestall sitzt man hier, das ist so!« murmelte sie und sah sich in der Stube um, »da war ein Fußboden, Fenster wie es sich gehört, geweißte Wände, warm und sauber überall und alles im Überfluß ... Was sie da wohl machen? ... Fine wäscht das Geschirr auf nach dem Mittagessen und Jagna spinnt und sieht durch die Fensterscheiben, die sauber sind, ohne Eis ... hat sie denn was auszustehen? ... Alle Perlenschnüre der Seligen hat sie bekommen und die Beiderwandröcke, die Kleider, Tücher... Viel zu arbeiten hat sie nicht, braucht sich nicht zu sorgen, kriegt fettes Essen ... Hat denn Stacho nicht gesagt, daß Gusche für sie arbeiten muß ... und die räkelt sich unter dem Federbett in den hellen Tag hinein und trinkt Tee ... die Kartoffeln bekommen ihr nicht ... und der Alte schmeichelt an ihr herum und tut, als wenn sie ein kleines Kind wäre ...«

Eine Wut ergriff sie plötzlich, so daß sie mit eins von ihrer Lade aufsprang und die geballte Faust drohend erhob.

»Dieb, Aas, Diebische, das Mensch, so'n Luder!« schrie sie laut, so daß der Alte, der auf der Ofenbank nickte, erschrocken aufgesprungen war.

»Vater, stopft die Kartoffelgrube mit dem Strohbündel zu und schaufelt den Schnee darüber, denn es fängt an zu frieren,« sagte sie ruhiger und machte sich wieder ans Zählen.

Dem Alten ging die Arbeit nicht rasch vonstatten, es war eine Menge Schnee da, und viel Kräfte hatte er nicht, dabei ließen ihm die zwei Silberlinge Taugeld keine Ruh, die beiden Silbermünzen leuchteten auf dem Tisch, fast ganz neu waren sie, er hatte es gut im Gedächtnis.

»Vielleicht geben sie sie mir auch ...« dachte er, »wem sollen sie denn gehören? ... Der Klumpen war ihm ganz abgestorben von dem Strich so hat die Rote gezerrt ... und er hat sie doch festgehalten ... und hat er sie nicht den Händlern angepriesen... das haben sie gehört ... vielleicht geben sie's ... Gleich würde er dem Älteren, Pietrusch, auf der ersten Kirmes eine Mundharmonika kaufen ... auch dem Kleinen müßte man... der Veronka ihrem auch ... Spitzbuben sind es, lästiges Zeug, aber müssen tut man doch ... und für sich selbst Schnupftabak ... kräftigen, daß es einem dabei in den Eingeweiden bohrt, denn dem Stach seiner ist milde... nicht einmal niesen tut man danach ...« Er rechnete sich alles vor und arbeitete so gemächlich, daß, als Anna in einer Stunde nach ihm sah, kaum das Stroh der Kartoffelgrube mit Schnee bedeckt war.

»Für einen Mann tut ihr essen, aber nicht so viel wie'n Kind könnt ihr arbeiten ...«

»Ich eile mich, Hanusch, ... doch ... nur daß ich ein bißchen außer Atem gekommen bin, da hab' ich etwas Luft geschnappt ... in diesem Momang wird's ... in diesem Momang ...« stotterte er erschrocken.

»Der Abend ist schon überm Wald, der Frost nimmt zu und die ganze Grube ist durcheinandergewühlt, als wenn die Schweine dabei gewesen wären. Geht ins Haus und paßt auf die Kinder auf.«

Sie machte sich selbst ans Schneeschaufeln und mit solchem Eifer, daß in zwei guten Paternostern die Grube zugeworfen und schön festgeklopft war.

Es fing schon an zu dämmern, als sie fertig wurde, in der Stube breitete sich eine durchdringende Kälte aus, der nasse Lehmboden verhärtete sich und dröhnte hohl wie eine Tenne unter den Pantinen; der Frost setzte jäh an und bedeckte aufs neue die Fensterscheiben mit seinen vielfältigen Mustern. Die Kinder quästen etwas, es schien, daß sie hungrig waren, sie hatte nicht einmal Zeit, sie zu beschwichtigen, denn sie mußte doch noch Häcksel für die Färse schneiden, das Schwein füttern, denn es quiekte und drängte an der Tür, und die Gänse waren noch zu tränken; schließlich, nachdem alles besorgt war, wiederholte sie sich, was sie einem jeden zu zahlen hatte und machte sich zum Fortgehen bereit.

»Vater, macht mal Feuer und paßt auf die Kinder auf, in ein paar Augenblicken bin ich wieder hier, und wenn Antek kommen sollte, dann ist der Kohl im Tiegel auf der Herdplatte.«

»Gut, Hanusch, ich werd' gleich einheizen und Obacht geben und der Kohl ist im Tiegel, ich weiß, Hanusch, ich weiß.«

»Und das Taugeld hab' ich genommen, ihr braucht es doch nicht, zu essen habt ihr und was anzuziehen auch, was braucht ihr da mehr?« ...

»Versteht sich ... alles hab' ich, Hanusch, alles ...« murmelte er ganz leise und drehte sich rasch nach den Kindern um, denn die Tränen begannen ihm aus den Augen zu tropfen.

Der Frost wehte ihr entgegen, als sie hinaustrat, daß sie die Beiderwandschürze fester über dem Kopf zusammenzog; der Schnee knirschte unter den Füßen. Eine bläuliche, spröde, seltsam durchsichtige Dämmerung rieselte auf die Erde herab, der Himmel war klar, wie aus Glas und in den Fernen ganz unverhüllt, hier und da flackerten schon in den Höhen ein paar Sterne.

Sie tastete immer wieder an der Brust nach ihrem Gelde und überlegte, daß sie hier und da herumfragen würde, vielleicht ließe sich eine Arbeit finden oder erbitten für Antek; in die Welt hinaus läßt sie ihn nicht gehen! Jetzt erst kam es ihr zu Bewußtsein, was er da alles geredet hatte, und es wurde ihr dunkel vor Augen bei dieser Erinnerung. Nein, solange sie lebt, will sie nicht in ein anderes Dorf ziehen, will nicht unter Fremde gehen, verdorren würde sie da aus Sehnsucht!

Sie umfaßte mit den Augen den Weg, die verschneiten Häuser, die Gärten, die kaum aus den Schneewällen zu sehen waren, und die dämmernden endlosen Felder. Der stille, frostige Abend sank immer rascher nieder, der Sterne kamen immer mehr, als ob sie jemand mit vollen Händen ausstreute, und auf der nächtlichen Erde blitzten im Schneeland die Lichtlein der Häuser auf; man fühlte den Rauch in der Luft, Menschen gingen auf der Dorfstraße und Stimmen hallten, als kämen sie dicht über den Schnee daher geflogen.

»Das ist meine Heimat und ich will mich nicht in der Welt herumtreiben wie Wind, nein!« flüsterte sie entschlossen und verlangsamte etwas die Schritte, denn stellenweise sanken ihre Beine bis an die Knie in den krustigen Schnee ein, so daß sie die Pantinen herausziehen mußte.

»Hier hat mich der Herr Jesu auf die Welt gesetzt, dann will ich auch hier bis zu meinem Tode bleiben. Nur bis zum Frühjahr durchhalten, dann wird es schon besser, leichter auch. Und wenn Antek nicht arbeiten will, so gehe ich doch noch lange nicht betteln; ans Spinnen werd' ich mich machen, weben, irgendwas tun, nur um die Krallen irgendwo festzuhaken, damit einen die Armut nicht unterkriegt ... das ist wahr, Veronka verdient mit dem Weben so viel, daß sie noch etwas Geld beiseitegelegt hat,« überlegte sie, in den Pfad zur Schenke einbiegend. »Gelobt sei Jesus Christus,« sagte sie, eintretend. »In Ewigkeit,« gab Jankel zurück und schaukelte wie gewöhnlich über seinem Buch, ohne auf sie zu achten, erst als sie das Geld vor ihm ausbreitete, lächelte er freundschaftlich, hellte etwas das Licht der Hängelampe auf und half ihr zu zählen; selbst einen Schnaps bot er ihr an. Von Antek und über seine Schuld sagte er kein Wort. Er war ein Schlauer, was brauchte so ein Frauenzimmer die Geschäfte der Mannsleute zu wissen, gut in den Kopf geht es ihr doch nicht hinein, begreifen tut sie nicht und ist nur gleich bereit, mit dem Maulwerk loszufahren. Erst als sie sich zum Weggehen anschickte, sagte er:

»Und der Eurige, was tut er?«

»Antek ... der ist fort, Arbeit suchen.«

»Ist denn da vielleicht Mangel an Arbeit im Dorf, in der Mühle ist das Sägewerk im Gange, und ich kann auch einen geschickten Mann zum Holzeinfahren brauchen.«

»Hale, in der Schenke wird Meiner nicht arbeiten,« rief sie.

»Dann laß ihn schlafen, laß ihn sich erholen, wenn er ein so großer Herr ist! Gänse habt ihr, füttert sie heraus, dann kauf' ich sie für die Feiertage.

»Verkaufen sollt' ich die, habe doch nur eben so viel gelassen, wie zur Zucht nötig ist.«

»Zum Frühjahr werdet ihr junge kaufen, ich brauche die gemästeten. Wenn ihr wollt, könnt ihr alles auf Kredit nehmen, mit den Gänsen bezahlt ihr dann, wir werden abrechnen.«

»Nein, die Gänschen verkauf' ich nicht!«

»Ihr verkauft sie schon, ihr verkauft sie schon, wenn ihr die Kuh erst aufgegessen habt, selbst billig werdet ihr sie verkaufen ...«

»Daß du's nicht erlebst, du krätziger Jud'!« murmelte sie schon im Weggehen.

Der Frost wuchs, daß es schon in den Nasenlöchern kribbelte, am Himmel funkelten viele Sterne und von den Wäldern kam ein frostiger, beißender Luftzug herüber. Anna ging langsam mitten auf der Dorfstraße und sah sich nach den Häusern um; bei Wachniks, die als letzte vor der Kirche saßen, war Licht; von dem Gehöft der Ploscheks drang ein Lärm von Stimmen und Schweinegequiek herüber und im Pfarrhaus leuchteten alle Fenster; man hörte ungeduldiges Pferdegestampf vor der Hausveranda; bei den Klembs, die gleich neben dem Pfarrhof wohnten, blinkte Licht, es mußte jemand bei den Kuhställen sein, denn das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln war vernehmbar, und etwas weiter vor der Kirche, wo sich das Dorf zerteilte, wie zwei Arme, die den Weiher umfaßten, war kaum mehr etwas in der Dunkelheit zu erkennen, nur hier und da erklang ein Hundegebell und ein einsames Lichtlein schimmerte durch die weiße Nacht.

Anna sah nach der Richtung des Borynahofs, seufzte auf und bog vor der Kirche in einen langen Heckenweg ein, der zwischen Klembs Obstgarten und dem Pfarrgarten zu den Organistenleuten führte. Der Fußweg war ganz verschneit, nur wenige Fußspuren bildeten einen schmalen Pfad; Buschwerk verdeckte ihn fast ganz und fast bei jedem Schritt stäubten die angestreiften schneebehangenen Zweige Schnee auf sie nieder.

Das Haus stand im Hintergrund des Pfarrhofs, hatte aber seine eigene Zufahrt. Weinen und Schreien klang von dort herüber und vor dem Hauseingang zeichneten sich die dunklen Umrisse eines Holzkoffers vom Schnee ab, Kleidungsstücke, ein Federbett und allerhand Kram lagen rings umher, und an der Wand schluchzte Magda, die Organistenmagd, und schrie gottserbärmlich.

»Hinausgejagt haben sie mich! Hinausgetrieben haben sie mich! In diese Kälte wie einen Hund, ganz hinaus! Und wo soll ich da bleiben, ich arme Waise, wo denn nur?«

»Schreie nicht, du Schwein!« krächzte eine Stimme vom Flur aus, dessen Türen aufstanden. »Wenn ich einen Stock nehme, dann wirst du gleich das Maul halten! Mach', daß du mir auf der Stelle fortkommst, geh' nach deinem Franek, du, Schlampe.«

»Guten Tag, Anna Borynowa! Du meine Güte, seit Herbst wußte man es ja schon ... und hab' ich nicht gebeten, beschworen, bewacht/behüte du mal so was Liederliches! Alle zu Bett, und die hinaus in die Welt, hat sich jetzt ein Balg zurechtpromeniert! Und gleich hab' ich ihr doch gesagt: Magda, besinne dich, gehe in dich, er wird dich nicht heiraten ... in die lebendigen Augen hat sie mir alles verneint. Natürlich, daß ich es schließlich gemerkt habe, das Frauenzimmer wurde ja immer dicker und wuchs wie Sauerteig, und da hab' ich ihr noch gesagt, wie einer die's verdient: geh', versteck' dich wo, auf ein anderes Dorf, solange es Zeit ist, solange die Menschen noch nichts sehen ... Als ob die auf mich hat hören wollen ... Bis sie heute im Kuhstall beim Melken die Wehen gepackt haben ... eine ganze Gelte voll Milch hat sie mir ausgegossen ... und meine Franja kommt erschrocken angelaufen und schreit, daß der Magda was passiert. Jesus Maria, in meinem Hause, eine solche Schande, was würde der Priester dazu sagen! Daß du mir vom Haus weggehst, sonst laß ich dich auf die Dorfstraße hinausschmeißen!« kreischte sie noch einmal auf, vors Haus stürzend.

Magda riß sich empor von der Wand und fing an, weinend und wehklagend ihr Zeug aufzusammeln und in Bündel zusammenzubinden.

»Tretet ein, Anna, ist das kalt draußen. Daß hier keine Spur nach dir übrigbleibt!« schrie sie im Weggehen.

Sie führte Anna durch einen langen Flur.

Die sehr große, niedrige Stube erhellte ein auf dem Herbrost flackerndes Feuer. Der Organist, der Rock und Weste abgelegt hatte, saß mit hochgekrempten Hemdsärmeln, rot wie ein Krebs, vor der Glut und buk Oblaten ... immer wieder schöpfte er mit dem Löffel den angerührten, flüssigen Teig aus einer großen Schüssel, goß ihn in eine Eisenform, preßte sie zusammen, daß es zischte und setzte sie aufs Feuer über einen auf die Schmalseite gelegten Ziegelstein, darauf drehte er die Form um, nahm die Oblate heraus und warf sie auf ein niedriges Stühlchen, vor dem ein kleiner Junge die Ränder jeder Oblate mit der Schere beschnitt.

Anna bot allen einen Gruß an und küßte der Organistin die Hand.

»Setzt euch, wärmt euch etwas, und was gibt's denn bei euch Gutes?«

Sie konnte sich nicht gleich sammeln, um etwas darauf zu erwidern, sie wagte es nicht und sah sich in der Wohnung um, verstohlen nach dem Nebenzimmer schielend, wo auf einem langen Tisch an der Wand ganze Stöße weißer Oblaten zu sehen waren; sie waren mit einem Brett belastet, und zwei Mädchen legten sie zu kleinen Päckchen zusammen und wickelten bunte Papierstreifen darum. Aus dem unsichtbaren Hintergrund des Raumes kam das eintönige Summen eines Klavizimbels ... die Musik zog sich wie Spinnwebe durchs Zimmer, einmal griff sie in die höheren Register, erhob sich wie im Singen, dann dämpfte sie sich, daß man nur mehr das klimpernde Herumgreifen der Finger hörte, oder die Töne rissen plötzlich kurz und mit durchdringendem Kreischton ab, daß es der Anna wie ein Schauer durch und durch fuhr, der Organist aber rief:

»Tä, Esel! das Fis verschluckt er, wie die reine Speckgriebe! ... Wiederholen von Laudamus pueri ...«

»Schon für das Weihnachtsfest?« fragte sie, da es doch nicht anging, wie ein Murmeltier zu sitzen.

»Ja, ein so großes Kirchspiel und so weit auseinander, allen muß man doch vor dem Fest Oblaten bringen, da fang' ich schon rechtzeitig an.«

»Sind die aus Weizenmehl?«

»Probiert nur.«

Er reichte ihr eine noch ganz warme Oblate.

»Wie sollt' ich das wagen, die aufzuessen?«

Sie griff mit der Beiderwandschürze zu und hielt die Oblate ehrfurchtsvoll gegen das Licht.

»Was da für verschiedene Geschichten aufgedruckt sind, Jesus!«

»Rechts im ersten Kreis sind die Muttergottes, Sankt Johannes, Herr Jesus, und im anderen Kreis ... seht ihr da ... die Krippe mit der Raufe, das Vieh ... das Jesuskindlein im Heu, Sankt Joseph, die heilige Jungfrau, und hier knien die drei Könige,« ... erläuterte die Organistin.

»Ganz so, wahrhaftig, wie das alles schlau gemacht ist, das ist wahr!« ...

Sie wickelte die Oblate ins Tuch und steckte sie hinters Mieder. Es trat ein Mann herein und sagte etwas, worauf der Organist ausrief.

»Michael! Zur Taufe sind sie gekommen, nimm die Schlüssel und geh' in die Kirche, denn Ambrosius bedient heute im Pfarrhaus, der Pfarrer weiß es schon ...«

Die Musik verstummte und durch die Stube kam ein hoher, blasser Junge.

»Is 'ne Waise, Bruderskind, 'ne Wohltat von Meinem ... er lernt bei ihm ... Man kann da ja nicht anders, wenn man sich auch selbst schädigt, in der Familie muß man sich doch helfen ...«

Anna kam allmählich in ein wehleidiges Reden und ließ ihren Klagen und ihrer Besorgnis freien Lauf, zum erstenmal seit drei Wochen konnte sie sich gründlich sattreden.

Sie hörten ihr zu, sprachen hin und wieder ein Wort, und obgleich sie sich hüteten, über Boryna auch nur ein Wort zu sagen, bedauerten sie sie so herzlich, daß sie selbst ins Heulen kam. Die Organistin, die eine kluge Frau war, begriff gleich und sagte als erste:

»Vielleicht habt ihr etwas Zeit über, dann könntet ihr mir meine Wolle zurechtspinnen. Ich wollte sie sonst der Pakulina geben, aber nehmt ihr sie nur mit; spinnt sie mir aber ja auf dem Spinnrad, denn auf dem Wocken kommt es nicht egal heraus.«

»Gott bezahl's, ich brauch' schon Arbeit, nur ich wußt' nicht, wie ich darum bitten sollt'.«

»Na, na, laßt das Danken; der Mensch soll einer dem anderen hilfreich sein. Die Wolle ist schon gekrempelt, an die hundert Pfund werden es sein.«

»Ich werd' sie schon fein Herrichten, das kenn' ich, beim Vater habe ich doch allein für alle gesponnen, gewebt und gefärbt; nichts haben sie für die Kleidung anzuschaffen brauchen, nein!« ...

»Seht nach, trocken und weich ist sie.«

»Muß wohl von Gutsschafen sein, schöne Wolle.«

»Und wenn ihr Mehl, Grütze, Erbsen nötig habt, dann sagt es nur, ich werd' es euch geben. Wir können es mit im Arbeitslohn verrechnen.«

Sie führte sie in die Kammer, wo es ganz voll von Getreidetonnen und -säcken war; Speckseiten waren an der Wand aufgehangen, und ganze Bündel Garn hingen von den Balken herab; die gewaltig dicken Leinwandballen lagen da, übereinandergetürmt zu Haufen, und was da noch an getrockneten Pilzen, Käsen, verschiedenen Glaskruken, an radgroßen Brotlaiben, die eine ganze Reihe auf den Borten bildeten, und an allem anderen Hab und Gut zu sehen war, das konnte man sich gar nicht ausdenken.

»Ganz gleichmäßig werd' ich sie ihnen auf dem Spinnrad fertig machen; Gott soll es ihnen vergelten, daß sie mir geholfen haben, aber ich glaube, daß ich die Wolle allein nicht forttragen kann.«

»Ich schick' sie euch nach durch einen Knecht.«

»Das ist schon recht, denn ich muß auch noch ins Dorf.«

Sie bedankte sich nochmals, aber etwas leiser und kühler/ der Neid hatte sie ins Herz gebissen.

»Alles gibt das Volk diesen, schleppt's ihnen heran, macht's ihnen zurecht/da haben sie auch volle Kammern; oder zieht er vielleicht nicht den Menschen das Fell über die Ohren mit seinen Prezenten! Hat einer eine Schafherde, dann hat er was für jede Begerde! Laß sie mal das alles selbst erarbeiten. Hale!« ... sann sie, in den Heckenweg hineintretend; von Magda war auch nicht eine Spur mehr zu sehen, außer einem alten schlechten Stiefel, der sich schwarz vom Schnee abzeichnete; sie beschleunigte ihre Schritte, denn es war schon spät, etwas zu lange hatte sie bei den Organistenleuten gesessen.

»Wo könnte man denn und bei wem wegen einer Arbeit für Antek Umfrage halten?«

Solange sie als Hofbäuerin galt, hielten sie alle Freundschaft mit ihr, immerzu kam irgendwer ins Haus, hatte dies und jenes nötig, sagte ihr Freundlichkeiten ins Gesicht ... und jetzt muß sie hier mitten im Weg stehen und sich sorgen, wohin sie wohl gehen soll, zu wem? ... Nein, sie wird sich keinem aufdrängen, mit den Frauen würde sie nur gern wie früher etwas plaudern.

Sie blieb vor dem Hause der Klembs, vor Simeons Hof stehen; aber hineingehen, dazu konnte sie sich nicht entschließen, und es kam ihr in Erinnerung, daß ihr Antek befohlen hatte, sich nicht mit Menschen einzulassen. »Einen guten Rat geben sie einem nicht, helfen werden sie nicht, aber bemitleiden werden sie dich, wie einen verreckten Hund, sagte er.«

»Oh, das ist wahr, die reinste Wahrheit!« murmelte sie, an die Organistenleute denkend.

Hei, wenn sie ein Mannsbild wäre, gleich würde sie sich an die Arbeit machen und für alles Rat schaffen. Herumwinseln würde sie nicht und den Leuten ihre Armut vor die Nase halten.

Sie fühlte in sich einen solchen Wolfshunger auf Arbeit, einen solchen Kräftezudrang, daß sie sich reckte und dabei fester und sicherer ausschritt. Es lockte und lockte sie immerzu, auch am Hause des Schwiegervaters vorüberzugehen, um mindestens doch in den Heckenweg einen Blick zu werfen und sich, wenn auch nur einmal, daran satt zu sehen; sie kehrte aber dennoch an der Kirche um und schwenkte auf einen schmalen Pfad ab, der quer durch den zugefrorenen Weiher nach der Mühle zu lief. Sie schritt rasch aus, ohne nach den Seiten zu blicken, nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, auf dem glatten Eis nicht auszugleiten und so schnell wie möglich vorüberzugehen, nicht zu sehen, nicht noch mehr die Seele durch Erinnerungen zu verwunden. Aber sie konnte es nicht lassen und blieb gerade gegenüber dem Borynahof jäh stehen, ohne die Macht zu haben, ihre Augen von den durch die Fensterscheiben glimmenden Lichtern loszureißen.

»Und es ist doch unser, unser ... wie soll man denn in die Welt gehen ... Der Schmied würde sofort alles an sich raffen ... nein, ich rühr' mich nicht von hier ... wie ein Hund werde ich aufpassen, ob Antek will oder nicht ... Der Vater hat auch kein ewiges Leben, und vielleicht ändert sich noch etwas ... die armen Kinder geb' ich nicht ins Verberben, und selbst geh' ich auch nicht ... das gehört doch ihnen ... uns ...« träumte sie, auf den schneebelasteten Obstgarten starrend, gegen den die Umrisse der Gebäude mit ihrem weißen silbrig aufglitzernden und schwärzlichen Wänden hervortraten und im Hintergrund über einem Schuppen sich der spitze Giebel eines Getreideschobers zeigte. Die Füße waren ihr wie am Eis festgefroren, so daß sie sich weder von der Stelle bewegen noch die Augen und das ungestüm klopfende Herz von dem Anblick losreißen konnte.

Eine stille, dunkelblaue Frostnacht mit Sternenschwärmen, wie mit silbernem Staub bestreut, umhüllte die verschneite Erde; die Baume standen regungslos unter der Schneelast gebeugt, schlafgebannt, rätselhaft in dieser Stille, die sich über die Welt ergoß, wie weiße Schatten von Gespenstern oder zu Gestalten erstarrte Dünste; die fast körperlosen zarten Schneemassen glitzerten, jeglicher Laut war erstorben, nur hin und wieder zitterte es durch die Frostluft fast wie ein Raunen von zuckenden Sternen, von Pulsschlägen der durchfrornen Erde und von schlaftrunkenen Atemzügen der todesstarren Bäume. Und Anna stand immerzu, ohne auf die entfliehende Zeit, noch auf die beißende eisige Kälte zu achten. Ihre Augen hatten sich an dem Hause festgesogen und tranken sein Bild. Sie umschlang es mit ihrem ganzen Herzen und nahm es mit der ganzen Macht ihres hungernden Verlangens und ihrer Traumwünsche in sich auf.

Erst das Aufknirschen des Schnees rüttelte sie auf; irgend jemand kam von der Straße auf den Weiher zu und lenkte seine Schritte nach ihrer Richtung hin; nach einigen Augenblicken befand sie sich Auge in Auge mit Nastuscha Täubich.

»Hanka!« rief diese erstaunt aus.

»Du wunderst dich, als wäre ich schon verreckt und ginge hier nach dem Tode um!«

»Was euch nur einfällt, ich hab' euch doch lange nicht gesehen, da hab' ich mich verwundert./Wohin geht ihr denn?«

»Nach der Mühle doch.«

»Das ist auch mein Weg, ich bringe dem Mathias sein Abendbrot dahin.«

»Arbeitet er jetzt in der Mühle, lernt die Müllerei?«

»Wie sollte er sich wohl für einen Müllersknecht bereiten! An dem Sägewerk ist er, das man neben der Mühle gebaut hat, sie haben es eilig und arbeiten schon bis in die Nacht.«

Sie gingen nebeneinander. Anna sagte kaum ein Wort mehr und Nastuscha plapperte in einem fort, doch hütete sie sich, über Boryna etwas zu sagen. Natürlich fragte auch Anna nicht danach; es ging nicht gut, obgleich sie da gern etwas davon gewußt hätte.

»Zahlt denn der Müller gut?«

»Fünf Silberlinge, fünfzehn bekommt der Mathias.«

»So viel sogar! Fünf Silberlinge und noch ...«

»Es geht doch alles da nach seinem Kopf, da ist es auch kein Wunder.«

Anna schwieg; als sie aber gerade an der Schmiede vorbeigingen, wo man durch die eingeschlagenen Fensterchen rote Lichter flackern sah, die auf den Schnee einen blutigen Schein warfen, murmelte sie:

»Dieser Judas hat immer was zu tun.«

»Einen Gesellen hat er sich hinzugenommen, und selbst ist er immer unterwegs; er soll mit den Juden wegen dem Wald in Kompanie sein, und gemeinsam betrügen sie dann die Menschen.«

»Wird denn der Wald schon geschlagen?«

»Aus was für einer Wildnis ihr bloß kommt, daß ihr das nicht wißt.«

»Aus einer Wildnis nicht, aber wegen Neuigkeiten lauf' ich nicht im Dorf herum.«

»Na, daß ihr es wißt, die fällen schon den Forst, aber dort, wo der hinzugekaufte ist.«

»Versteht sich, unseren werden sie sich doch nicht erlauben anzurühren.«

»Nur weiß man nicht, wer's verbieten wird, der Schulze hält's mit dem Gutshof, der Schultheiß, und was sonst so alle Reichen sind, auch.«

»Das ist so, wer wird die Reichen 'rumkriegen, wer wird sie überwinden? ... Sieh doch bei uns mal ein, Nastuscha.«

»Gott auf den Weg, ich komm' mal mit dem Spinnrocken zu euch.«

Sie trennten sich vor dem Wohnhaus der Müllersleute, Nastuscha bog nach der etwas tiefer gelegenen Mühle ab und Anna trat durch den Hof in die Küche. Sie war nur mit knapper Not hineingekommen, denn die Hunde fielen sie an und kläfften dermaßen und drängten sie so gegen die Wand, daß Eve sie erst verteidigen und hineingeleiten mußte. Ehe sie noch ins Reden kamen, trat die Müllerin ein und sagte gleich ohne Umschweife.

»Habt ihr für meinen Mann was Geschäftliches? Er ist in der Mühle.«

Anna wartete nicht, sondern ging, aber sie traf ihn unterwegs. Er führte sie ins Zimmer, wo sie ihm auch gleich bezahlte, was sie für Grütze und Mehl schuldig war.

»Die Kuh eßt ihr auf?« sagte er, das Geld in ein Schubfach schiebend.

»Was soll man tun! Steine kann man doch nicht beißen.« Sie war verärgert.

»Ein Tagedieb ist er, euer Mann, das laßt euch gesagt sein.«

»Ein Tagedieb oder auch nicht! Was soll er denn arbeiten, wo und bei wem?«

»Gibt's denn nicht genug zu dreschen im Dorf?«

»Ein Knecht und ein Tagelöhner ist er noch nicht gewesen, da kann man sich auch nicht wundern, daß er sich nicht dazwischendrängt.«

»Wird sich schon dran gewöhnen müssen, das wird er! Schade um den Mann, obgleich ihm der Wolf aus den Augen guckt, und diese Unverträglichkeit; selbst vor dem eigenen Vater hat er keine Achtung gehabt, aber schade ist es doch um den Menschen ...«

»Man sagt ja ... daß bei dem Herrn Müller Arbeit ist ... tät ich bitten ... vielleicht nimmt der Herr Antek für die Arbeit ... tät ich bitten;« sie fing an zu weinen, umfing seine Knie, küßte seine Hände und bat inbrünstig.

»Laß ihn kommen, bitten werd' ich ihn nicht, Arbeit ist da, aber schwere Arbeit, das Holz ist für die Sägemühle herzurichten.«

»Das wird er schon kriegen, er ist zu allem geschickt, wie kaum einer im Dorf ...«

»Das weiß ich, darum sag' ich auch, daß er sich melden kann; aber das will ich euch sagen, ihr paßt schlecht auf Euren auf – ja ja ...«

Sie blieb erschrocken stehen, ohne etwas verstanden zu haben.

»Der Kerl hat Weib und Kinder und jagt anderen Frauenzimmern nach.«

Sie erblaßte und begann innerlich zu beben.

»Die Wahrheit sag' ich euch, die Nächte treibt er sich umher, die Leute haben ihn schon mehr wie einmal gesehen.«

Sie atmete mächtig erleichtert auf, denn das wußte sie und verstand es auch, daß ihn der Gedanke an das ihm geschehene Unrecht in den Nächten umhertrieb und nicht schlafen ließ ... und die Menschen müssen das gleich auf ihre Art ausmalen.

»Der könnte sich mal an die Arbeit machen, da würde ihm das Lieben gleich aus dem Kopf fahren.«

»Er ist doch aber ein Hofbauernsohn ...«

»Ein Gutsherr ist das Biest vielleicht; wird hier in Arbeitsgelegenheiten herumwühlen, wie das Schwein in einen vollen Trog; wenn er so wählerisch ist, hätte man mit dem Vater in Frieden leben sollen, anstatt hinter Jaguscha herzurennen ... das ist doch schon 'ne Sünd' und Schand', und dazu nicht eine kleine ...«

»Was ist dem Herrn in den Kopf gekommen?« rief sie rasch.

»Ich sage euch wie es ist, das ganze Dorf weiß davon, fragt nur herum,« rief er laut und schnell, da er hitzig von Natur war und gern die Wahrheit einem ohne Umschweife direkt an den Kopf warf.

»Soll er denn kommen?« fragte sie leise.

»Laß ihn kommen, es kann selbst morgen sein. Was habt ihr denn, warum heult ihr?« ...

»Nein, nein, daß ist nur so vom Frost ...«

Langsam und schweren Schrittes, als ob sie etwas bis zur Erde niederbeugte, kehrte sie nach Hause zurück, kaum konnte sie die Beine von der Stelle heben. Die Welt war dunkel geworden und der Schnee grau, so daß sie sich nicht auf den Fußpfad zurechtfinden konnte. Vergeblich rieb sie sich die Augen, wischte sich die halberstarrten Tränen von den Wimpern ab/vergeblich; sie fand ihn nicht, sah nichts und ging nur immerzu durch diese plötzliche Finsternis, die sie mit Wehmut erfüllte, Jesu, und mit solcher Wehmut.

»Hinter der Jaguscha läuft er, hinter der Jaguscha ...«

Sie konnte keinen Atem fangen, das Herz zuckte in ihr wie ein getroffener Vogel, es schwindelte ihr, so daß sie sich gegen irgendeinen Baum am Weiher lehnte und sich fest daran drückte bis zum Schmerz.

»Vielleicht ist es auch nicht wahr, vielleicht hatte er gelogen ...« Sie griff ängstlich danach und klammerte sich daran fest.

»Mein Jesu, nicht genug Unglück, nicht genug Schmach, und nun noch das auf meinen armen Kopf, das noch ...« sie stöhnte wehmütig auf, und um den Schmerz zu dämpfen, fing sie an schnell zu laufen, bis sie den Atem und die Besinnung verlor, als jagten Wölfe hinter ihr drein. Atemlos, halb tot stürzte sie in die Stube.

Antek war noch nicht dagewesen.

Die Kinder saßen am Herd auf Großvaters Schafspelz; der Alte schnitzte ihnen eine Windmühle und unterhielt sie.

»Die Wolle haben sie gebracht, Hanusch, in drei Säcken haben sie sie gebracht ...«

Sie band die Säcke auf und fand in einem, oben einen großen Laib Brot, ein ordentliches Stück Speck und über ein halbes polnisches Quart Grütze.

»Der Herr Jesus zahle dir diese Güte heim,« murmelte sie gerührt und bereitete gleich ein reichliches Abendessen, die Kinder aber legte sie bald schlafen.

Es wurde rasch still im ganzen Hause, denn bei Veronka schliefen sie schon, und der Alte hatte sich auch schon auf die Ofenbank hingestreckt und war eingeschlafen. Anna machte das Spinnrad in Ordnung, setzte sich am Herd zurecht und fing an zu spinnen.

Bis tief in die Nacht hinein saß sie, bis die Hähne zum erstenmal krähten, und immerzu, wie ihr Faden, spannen sich ihr die Worte des Müllers durch den Sinn: »hinter Jagna rennt er, hinter der Jagna!«

Das Rädchen surrte leise, eintönig, unermüdlich, durch das Fenster blickte die Mondnacht mit einem froststarren Gesicht, schien gegen die Scheiben zu klirren und aufseufzend sich an die Wände zu pressen; die Kälte kroch aus den Ecken hervor, griff nach den Beinen und breitete sich wie weißer Schimmel über den Lehmboden aus; das Heimchen zirpte hinter dem Herd, manchmal unterbrach es sich, wenn eins der Kinder durch den Schlaf zu schreien anfing und sich im Bett herumwarf/und wieder entstand eine tiefe frostgebannte Stille! Es fror immer schärfer, wie mit eisernen Klauen preßte die Kälte alles zusammen, denn immer wieder knackten die Bretter im Dachstuhl, es knallte in den alten verbogenen Wänden jäh auf, als hatte jemand geschossen, oder ein Balken quoll, vom Frost auseinandergezwängt, leise knisternd in die Breite. Die Kälte hatte die Diemen ganz und gar durchdrungen, so daß sie wie im Schmerz aufbebten, und das ganze Haus krümmte sich, drückte sich an den Erdboden und zuckte vor Kälte.

»Daß mir das auch nicht in den Kopf gekommen ist! Natürlich eine solche schöne, wohlgenährte Schmeichelkatze, und ich, was? ... Ein solches Gestell, nur Haut und Knochen, was bin ich denn! Und wenn ich auch jede Ader für ihn aufreißen würde, hilft das nicht, wenn er das Herz nicht für mich hat./Was bin ich! was?« ...

Eine große Hilflosigkeit kam über sie, so still und schmerzlich, so furchtbar schmerzlich, daß sie selbst nicht mehr weinen konnte, die Kräfte versagten ihr, sie bebte in ihrem Innern wie ein schwaches Bäumchen, das vor Kälte dem Erstarren nahe ist und weder seiner Marter entfliehen kann noch Hilfe erbitten oder sich wehren/wie ein solches armes Bäumchen fror Annas Seele. Sie lehnte den Kopf gegen das Spinnrad, ließ die Hände sinken und starrte vor sich hin in ihr unglückseliges Los, in ihre bittere Hilflosigkeit. Lange, lange verharrte sie so, nur hin und wieder rollte unter den bläulichen Lidern eine heiße Träne hervor und fiel auf die Wolle, zu einem Schmerzensrosenkranz voll blutigen Leids erstarrend.

Am nächsten Morgen aber stand sie etwas beruhigter auf, wie hätte es auch sonst werden sollen; hatte sie vielleicht Zeit zum Sichsorgen wie eine Gutsherrin! »Vielleicht ist es so, wie dieser Müller es gesagt hat, vielleicht ist es aber auch nicht so! Wird sie ihre Hände darum müßig in den Schoß legen, wird sie weinen und klagen, wenn alles auf ihren Schultern liegt, die Kinder und die Wirtschaft und die ganze Not! Wer wird da helfen, wenn sie es nicht tut?« Sie betete nur heiß vor der schmerzensreichen Muttergottes und machte das Gelübde, wenn Herr Jesus alles zum Guten wenden würde, im Frühjahr nach Tschenstochau zu pilgern, drei Messen zu bestellen und einen ganzen Stein Wachs, wenn es ihr besser gehen sollte, in die Kirche zu tragen für Licht am Hauptaltar.

Sie fühlte sich so erleichtert, als hätte sie gebeichtet und das heilige Sakrament empfangen, so daß sie sich eifrig ans Spinnen machte; doch der Tag, obgleich er hell und sonnig war, zog sich ihr über die Maßen in die Länge, so quälte sie die Sorge um Antek.

Erst abends kam er an, gerade zum Abendbrot, er sah so armselig aus, war so mitgenommen und still und begrüßte sie so treuherzig, hatte auch den Kindern Semmeln mitgebracht, daß sie fast allen Verdacht vergaß; und als er ihr noch Häcksel geschnitten hatte und ihr bei der Besorgung der Wirtschaft half, so gut er konnte, wurde sie innerlich so tief gerührt, daß es kaum zu sagen war.

Er sprach nicht davon, wo er gewesen war und was er getrieben hatte; natürlich traute sie sich nicht, ihn deswegen auszufragen.

Nach der Abendmahlzeit kam Stacho, der oft zu ihnen einsah, obgleich ihm Veronka dieses verbot, und kurze Zeit nach ihm erschien der alte Klemb.

Sie waren nicht wenig verwundert, denn es war der erste Mensch aus dem Dorf, seit sie hinausgetrieben worden waren, sie glaubten er käme mit irgendeinem Geschäft.

»Da sich niemand von euch zeigt, so hab' ich gedacht, euch mal aufzusuchen,« sagte er offenherzig.

Sie dankten ihm mit aufrichtiger und herzlicher Dankbarkeit.

Man setzte sich in eine Reihe auf die Bank am Herd und unterhielt sich langsam und würdig; der alte Bylica warf inzwischen ab und zu frische Zweige aufs Feuer.

»Der Frost ist nicht schlecht!«

»Man kann schon schwerlich ohne Schafpelz und Fäustlinge dreschen,« sagte Stacho.

»Und das Schlimmste ist, daß sich auch schon Wölfe zeigen.«

Sie blickten Klemb verwundert an.

»Das ist wirklich wahr, heute nacht haben sie versucht, unter dem Schulzen seinem Schweinestall sich durchzugraben, etwas muß sie schon verscheucht haben, daß sie sich keins von den Ferkeln mitgenommen haben, und ein Loch haben sie gescharrt, bis ganz unter die Mauerschwellen. Ich bin mittags selbst dort gewesen und hab' es mir besehen, fünf Stück sind es sicher gewesen!«

»Das soll uns gewiß auf einen harten Winter deuten.«

»Das muß so sein, denn kaum haben die Fröste angesetzt und schon kommen die Wölfe heran ...«

»Bei Wola, auf dem Weg hinter der Mühle, ihr wißt doch, habe ich dichte Spuren gesehen, als ob eine ganze Herde schräg über den Weg gelaufen wäre, besehen hab' ich sie, aber ich dachte, daß es die Feldhunde des Gutsherrn gewesen wären, und gewiß waren's Wölfe ...« sagte Antek mit Lebhaftigkeit.

»Wart ihr auch im Schlag?« fragte Klemb.

»Nein, die Leute sagten mir nur, daß man schon den zugekauften Wald bei der Wolfskuhle fällt.«

»Auch mir hat der Förster erzählt, daß der Gutsherr keinen aus Lipce zur Arbeit rufen läßt, aus Ärger scheint es, daß sie ihren Anteil fordern.«

»Wer wird ihm denn den Wald fällen, wenn nicht unsere aus Lipce?« mischte sich Anna hinein.

»Du meine Güte, überall sitzt so viel Volk zu Hause und wartet auf Arbeit, wie auf Gnade. Gibt's denn vielleicht wenige in Wola selbst, und diese Weichselzöpfe aus Rubka oder etwa die Schmutzfinken aus Dembica. Laß den Gutsherrn nur ein Wort sagen, und in einem Tag wird er ein paar hundert der Geschicktesten haben. Solange sie auf dem Zugekauften fällen, laß sie nur fällen, die können auch was verdienen, viel ist das auch nicht, und für unsereinen ist es zu weit.«

»Und wenn sie mit unserm Wald anfangen?« fragte Stacho.

»Lassen wir nicht zu!« warf Klemb kurz und fest hin, »wir wollen schon unsere Kräfte versuchen, laß den Gutsherrn sehen wer stärker ist, er oder das ganze Volk, laß ihn sehen.«

Sie sprachen nicht mehr davon, zu sehr lag diese Sache allen auf der Leber und fraß an ihnen, nur der alte Bylica stotterte noch schüchtern etwas hervor:

»Ich kenn' das Herrengewächs aus Wola, und ob ich's kenn', der wird euch gut zum Narren halten ...«

»Laß ihn, Kinder sind wir nicht, irreführen lassen wir uns nicht,« schloß Klemb.

Sie redeten noch etwas über die Hinaustreibung Magdas durch die Organistenleute, auch darüber sagte Klemb seine Meinung.

»Versteht sich, menschlich ist das nicht, aber es ist auch schwer, ein Spital aus dem eigenen Haus zu machen, die Magda ist doch mit ihnen weder verwandt noch verschwägert.«

Sie sprachen über dies und jenes und gingen ziemlich spät auseinander; im Weggehen forderte sie Klemb in seiner kurz angebundenen Art und Weise auf, mal bei ihm vorzusehen; wenn sie was nötig hätten, brauchten sie es nur zu sagen/da würde man schon nachbarlich etwas Hülsenfrüchte, Futter für die Färse oder auch ein paar Silberlinge finden ...

Die Antekleute blieben allein.

Nach langem Zögern und vielen ängstlichen Seufzern fragte Anna schließlich:

»Hast du denn irgendwo Arbeit gefunden?«

»Nein, auf dem einen und dem anderen Gut bin ich gewesen, hab' herumgefragt, auch bei den Leuten, aber nichts war da ...« sagte er leise, ohne die Augen zu heben, denn obgleich es auch auf Wahrheit beruhte, daß er hier und da gewesen war, so hatte er sich doch nicht um Arbeit bemüht, sondern sich die ganze Zeit nur herumgetrieben.

Sie gingen schlafen; die Kinder waren der Wärme wegen am Fußende des Bettes niedergelegt und schliefen. Dunkelheit erfüllte die Stube, nur das Mondlicht flutete durch die zugefrorenen glitzernden Scheiben und drang in die Stube in einem leuchtenden Streifen, sie aber schliefen nicht. Anna wälzte sich von einer Seite auf die andere und überlegte: sollte sie jetzt was von dem Sägewerk sagen oder morgen früh erst?

»Gesucht hab' ich, aber wenn ich selbst was bekommen würde, gehe ich nicht aus dem Dorf, in der Welt werd' ich mich nicht herumtreiben, wie ein herrenloser Hund,« murmelte er nach einem langen Schweigen.

»Dasselbe hab' ich mir überlegt, ganz dasselbe!« rief sie freudig aus, »was soll man das Brot in der Welt suchen; auch im Dorf trifft sich gerade ein nicht schlechter Verdienst, der Müller hat mir gesagt, daß er für dich Arbeit an der Sagemühle hat, gleich von morgen an selbst, und zahlen tut er zwei Silberlinge und fünfzehn.«

»Bist du fragen gewesen?« rief er aus.

»Nein, bezahlen tat ich ihm, was ich ihm schuldig war, und er hat selbst gesagt, daß er nach dir schicken wollte; nicht einmal ein Wort hab' ich ihm gesagt,« entschuldigte sie sich verängstigt.

Er sagte nichts mehr und so schwieg sie denn auch. Unbeweglich lagen sie nebeneinander, ohne ein Wort, der Schlaf war ihnen ganz abgekommen, ganz heimlich sannen sie sich etwas zurecht, manchmal seufzte eines von ihnen auf, und wieder ließen sie ihre Seelen in diese dumpfe tote Stille versinken. Hunde bellten im Dorfe irgendwo, weit, weit und kaum vernehmbar, sie hörten die Hähne krähen, und ein leises Windesrauschen begann über dem Haus zu raunen.

»Schläfst du denn?« sie schob sich etwas näher heran.

»Der Schlaf ist mir ganz vergangen.«

Er lag rücklings mit den Armen unter dem Kopf so nahe bei ihr und doch so fern in Gedanken und in seinem Herzen/ unbeweglich lag er, ohne Atem fast, ohne Besinnung, denn Jaguschas Augen tauchten wieder aus der Dunkelheit vor ihm auf und funkelten bläulich im Mondlichtschimmer ...

Anna schob sich noch näher heran, preßte das heiße Gesicht an seine Schulter, schmiegte sich aus ganzem Herzen an ihn./Nein, es waren schon keine Zweifel mehr in ihr, kein Groll und keine Bitterkeit, nur voll eines herzlichen Liebesgefühls, voll einer Seelenfreude, in der Zuversicht und Hingabe war, drängte sie sich an sein Herz.

»Jantosch, willst du morgen arbeiten gehen?« fragte sie bebend, um nur etwas zu sagen, um seine Stimme zu hören und sich mit seiner Seele zu bereden.

»Vielleicht tu' ich's auch, versteht sich, man muß hin, man muß ...« antwortete er ihr, ohne nachzudenken.

»Geh, Jantosch, geh hin ...« bat sie weich, warf ihm ihren Arm um den Nacken und suchte mit heißen Lippen nach seinem kaum atmenden Mund.

Doch er zuckte nicht einmal, antwortete nicht, fühlte nicht ihre Umarmung, wußte nichts von ihr. Mit weit aufgerissenen Augen sah er in die Augen der anderen, in Jagusch ihre himmelblauen Augen.

 

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