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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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Initial Der Winter mußte nun kommen... Er rang noch mit dem Herbst und durchschweifte murrend die schieferblauen Fernen, wie ein hungriges reißendes Tier, so daß man nicht wußte, wann er der mächtigere sein wurde, um sich mit keinem Satz auf die Welt zu stürzen und sein grausames Gebiß in sie hineinzuschlagen... Die Schauer, die vorüberzogen, brachten nur erst den dünnen, fahlen Herbstschnee.

Noch waren die Tage, die da kamen, starr, voll einer krankhaften Bläue, bang und mit stöhnenden Lauten erfüllt; wie üble Wunden tauchten sie auf und waren von einem Wimmern ganz durchdrungen und stäubten eisiges Licht/echte Leichentage; und die Vögel flohen schreiend in die Wälder, die Wasserläufe glucksten ängstlich und schoben sich träge vorwärts, wie schon halb erstarrt vor Furcht, die Erde erschauerte und jegliche Kreatur hob die verängsteten spähenden Augen gen Norden, wo die unergründliche Wolkenflut sich staute.

Die Nächte waren noch herbstlich/blind, dumpf, verworren und voll Nebelfetzen, aus denen Sternphantome dämmerten/das waren die faulichten Nächte des schlotternden Schweigens, in dem ein erstickter Angstschrei bebte; das waren die Nächte voll schmerzlicher Seufzer, voll Gezerr und plötzlicher Starre, voll Hundegeheul und voll Gerüttel der durchfrosteten Bäume, voll kläglicher Vogelrufe, die nach einem Schutz verlangten, voll grausiger Stimmen aus den in Dunkelheit verlorenen Öden, voll unerklärlichen Flatterns und voll lauernder Gestalten, um die reglosen Wände der Bauernhütten, voll unkenntlicher Zurufe, gräßlichen Schmatzens und jäh durchdringenden Aufheulens...

Zuweilen nur schälte sich während der Sonnenuntergänge aus den düsteren Wolkenfeldern des bleigrauen Himmels eine rote gewaltige Sonne hervor und sank schwer ein, wie ein Kessel voll geschmolzenen Metalls, aus dem blutige Siededünste stiegen und pechig-schwarzer, mit flammenden Bränden gestreifter Qualm emporschlug/so daß die ganze Welt wie im Brand und Feuerschein zu sehen war.

Und lange, lange noch bis in die Nacht hinein erloschen und erkalteten die roten Gluten, so daß die Menschen sprachen:

»Der Winter wächst und wird auf bösen Winden einhergefahren kommen!«

Und der Winter wuchs alltäglich, allstündlich und mit jedem Augenblick fast.

Schließlich kam er.

Zuerst aber stürmten seine Vorboten heran. Bald nach Sankt Barbara, der Schutzheiligen des sanften Todes, kamen an einem stillen Morgen die ersten kurzen, flatternden Winde angesetzt; sie umkreisten die Erde winselnd, wie Hunde, die eine Fährte wittern, fielen über die Äcker her, knurrten im Buschwerk, zerfetzten den Schnee, zerzausten die Obstbäume in den Gärten, fegten mit ihren Schweifen die Wege rein, wälzten sich in den Gewässern und rissen heimlich etwas von den älteren Strohdächern und Einzäunungen weg. Dann fingen sie an, in sich hinein zu verschrumpfen, um jammernd in die Wälder zu flüchten. Gleich hinterdrein zur Vesperzeit begannen sich aus den Dämmerungen lange, zischende und spitzige Windzungen hervorzuschieben.

Sie wehten die ganze Nacht und wimmerten so in den Feldern, wie eine Schar hungriger Wölfe; sie hatten ordentlich ausgetobt, denn am Morgen sah schon die Erde wie gefleckt unter dem zerstampften und ausgefressenen Schnee aus. Hier und da nur in den Niederungen sah man die zerbrochenen Hürden weiß aufschimmern und die Ackerstriche ließen den Schnee wie vereinzelte Blessen leuchten. Die Wege waren steif und durchfroren; wie mit spitzen Zähnen fraß sich der Frost in die Erde hinein, so daß sie unter den Tritten wie Eisen klang./Doch sobald der Tag kam, flohen auch diese Winde mit Gekläff von dannen; sie verbargen sich in die Forsten und warteten im Hinterhalt, vor Gier bebend und zu einem neuen bösen Sprunge bereit.

Der Himmel fing schon an, sich immer finsterer zu bewölken. Die Wolken krochen alle aus ihren Höhlen hervor, hoben ihre ungeschlachten Köpfe, reckten ihre zerknitterten Rümpfe, ließen ihre grünlichen Hauer im Licht spielen und kamen in einer dichten Schar heran; sie wälzten sich in einem drohenden, düsteren und lautlosen Gedränge über den Himmel daher./Vom Norden kamen schwarze, riesige Berge, zerfetzt und zerrissen, übereinandergetürmt, wie niedergestürzte Wälder, ineinander verästelt, von tiefen Klüften zerschnitten und von eisig-grünen Wolkenbänken umlagert und drängten mit einer wilden Macht und mit dumpfem Rauschen vorwärts./Von Westen, aus der schwarzen, unbeweglichen Wälderwand schoben sich langsam blau geschwollene Wälle, hier und da wie von einem Feuer durchleuchtet, und sie folgten einander in einer endlosen Reihe, in einem immer größeren Auge, wie Schwärme gewaltiger Vögel./Von Osten schleppten sich flache, rostige, wie uralte, eiterfarbene Wolken, scheußlich, wie in Fäulnis übergegangene Kadaver, von denen die Nässe der Verwesung niedertrieft./Auch vom Süden her kamen sie gezogen, sahen verschossen und rötlich aus, Kolken und Torfmooren ähnlich, waren ganz voll Striemen und bläulicher Beulen, voll Flecke und gräßlichen Gewimmels, als wären sie mit wühlendem Gewürm bevölkert. /Und auch von oben herab, wie mitten aus der erloschenen Sonne fielen Wolken in schmutzigen Fetzen herab und waren buntgescheckt wie abkühlende Schlacken./Und alle strebten sich zu vereinen, ballten sich zu gewaltigen Massen zusammen und überfluteten den Himmel mit einem schwarzen, furchtbaren Gebrodel von Schmutz und Trümmern.

Die Welt verdunkelte sich plötzlich, eine dumpfe Stille entstand; jegliche Helle erlosch, die Augen der Gewässer wurden trüb/es war als ob alles mit erstarrten Blicken und wie staunend, mit verhaltenem Atem stehen geblieben wäre; eine Bangigkeit wehte über die Erde, der Frost ging bis ans Mark, die Angst griff an die Gurgel, die Seelen sanken in den Staub, ein grausames Entsetzen ließ schwer seine Flügel über allem Lebendigen schlagen. Man sah einen Hasen durchs Dorf rennen mit windzerzaustem Pelz, Krähen kamen mit durchdringendem Geschrei in die Scheunen gestürzt und verirrten sich selbst in die Flure der Häuser, Hunde heulten wie besessen auf den Mauerbänken, in sich geduckt flohen die Menschen in ihre Behausungen und am Weiher rannte die blinde Stute, die Trümmer ihres Wagens nachschleifend, stieß gegen die Zäune und Baumstämme und suchte mit einem wilden Angstgewieher ihren Stall.

Eine trübe, drückende Dunkelheit goß sich aus: die Wolken sanken immer tiefer, wälzten sich von den Wäldern in einem durcheinander gewirbelten Nebeldickicht heran und schoben über den Ackerbeeten dahin, wie aufgewühlte, furchtbar daherstürmende Wasserfluten; sie stürzten sich auf das Dorf und überschwemmten alles mit einem eisigen, schmutziggrauen Dunst;/plötzlich brach der Himmel in der Mitte hervor und erglänzte bläulich, wie die Fläche eines Brunnenspiegels; ein scharfes Pfeifen zerriß die Dunkelheiten, die Nebel ballten sich jäh zusammen, und aus dem aufgeplatzten Abgrund schlug der erste Sturmstoß hervor, und hinter ihm der zweite, der zehnte, hundertste!

In Herden kamen sie heulend dahergebraust, flossen aus diesem Schlund, wie nicht zu dämmende Fluten, rissen wie an Ketten und prallten in einem wütend aufgeifernden Haufen gegen die Wolkenberge an. Sie warfen sich auf die Dunkelheit, durchbohrten sie bis auf den Grund, fraßen sich hindurch und fegten sie wie morsch gewordenes Stroh auseinander.

Ein Getöse ging durch die Welt, eine Verwirrung, ein Rauschen, Pfeifen, und Staubwirbel flogen.

Die durch die scharfen Hufe der Winde zertretenen Wolkenmassen flohen geduckt hinter die Wälder und Forsten, aufs neue tauchte der Himmel hervor und der Tag öffnete blinzelnd seine bleischweren Augen. Tier und Mensch atmeten erleichtert auf.

Doch die Winde wehten in einem fort, fast eine ganze Woche lang, ohne nachzulassen und aufzuhören. Bei Tag war es noch auszuhalten, und nur der ging hinaus, den die Not trieb, die anderen saßen in ihren Hütten und harrten auf das Ende der Stürme, aber die Nächte waren kaum zu ertragen. Hoch oben waren sie hell, sternenklar und still, aber unten, dicht über der Erde feierte die Windsbraut ihre Teufelsfeste, als gälte es, den Tod hundert erhängter Mannsleute zu feiern. Man konnte nicht einschlafen: ein solches Geheul war es, ein solches Geknack, Gedonner und Geroll, als ob tausend leere Wagen in schnellster Fahrt über den hartgefrorenen, unebenen Weg angerollt kämen; und dazu noch dieses Getrampel, unter dem die Erde bebte, diese Gott weiß woher kommenden Laute, dieses Schreien und Heulen!

In den Häusern knarrte und ächzte es, denn immer wieder drückte der Sturm mit den Schultern gegen die Wände, stieß gegen die Ecken an, brach die Dachtraufen heraus, griff an die Diemen, drückte die Schlote ein und versuchte mit seinem Kopf gegen die Türen anzurennen, so daß manch eine nachgeben mußte. Die Menschen sprangen mitten in der Nacht aus ihren Betten und liefen die Fenster zu verstopfen, denn der Wind drängte sich ins Innere, wie ein lästiges, schreiendes Schwein und peitschte mit einer solchen Kälte um sich, daß die Menschen selbst unter ihren Federbetten noch vor Frost halb erstarrten. Niemand konnte später sagen, was sie alles in diesen Tagen hatten erdulden müssen. Und was für Schaden der Sturm angerichtet hatte, war gar nicht zu zählen; er hatte Zäune umgeworfen, Löcher in die Strohdächer gerissen; beim Schulzen hatte er einen neuen Schuppen umgeworfen, trug dem Bartek Kosiol sein Scheunendach gute paar Klafter weit feldeinwärts, hatte bei Wintzioreks den Schornstein zertrümmert, riß sich in der Mühle ein großes Stück Lattendach ab, und was kleinere Schäden waren, was er an Bäumen in den Obstgarten und Forsten geknickt hatte, war kaum auszudenken! Auf der Landstraße hatte er an die zwanzig Pappeln entwurzelt, so daß sie quer über den Weg lagen, wie grausam hingemordete und ausgeraubte Leichen.

Während dieser Tage voll Sturmgeheul und Getöse war Lipce wie ausgestorben, die Wirbelwinde trieben so heftig ihr ausgelassenes Spiel auf den Wegen, daß, wenn sich nur einer aus seiner Behausung hervorwagte, sie ihn schon am Schöpfe packten und ihn hin und her schleuderten wie es ihnen gerade gefiel; in die Gräben, an die Bäume, an die Zäune stießen sie die Menschen. Jaschek der Verkehrte wurde selbst von der Brücke in den Weiher geweht, so daß er sich kaum wieder herausfinden konnte. Und sie bliesen in einem zu, warfen mit Sand, trugen Aste, Späne, Stroh von den Dächern, und manchmal auch die ganze Krone eines kleinen Baumes mit sich, und alle diese Dinge flogen in einem einzigen Wirbelstaub, wie arme verwehte Vögel einher, stießen gegen die Wände und wurden weit hinausgetragen.

Die ältesten Menschen erinnerten sich nicht, so widerwärtige und unausstehbare Stürme erlebt zu haben.

Man drückte sich in den rauchigen Stuben herum und zankte nicht wenig aus Langeweile, denn es war selbst schwer, auch nur die Nase zur Haustür hinauszustecken; nur was die ungeduldigeren Frauensleute waren, die drückten sich an den Hecken entlang und machten sich sozusagen mit den Spinnrocken nach einer Gevatterin auf den Weg, aber es war doch nur um die Jungen loszulassen und einander ihr Leid zu klagen.

Die Männer droschen wütend drauf los. Hinter den angelehnten Scheunentoren hörte man die Dreschflegel von früh bis zum späten Abend klopfen. Der Frost hatte das Getreide ausgedörrt, so daß es sich leichter schälte. Nur um die Vesperzeit, wenn der Sturm etwas nachgelassen hatte, schlich manch einer von den Burschen mit einem Maß Getreide nach der Schenke.

Und die Stürme wehten immerzu mit derselben Macht, und der Frost biß immer fester um sich, so daß die Bäche und Gräben zufroren und die Moore erstarrten; selbst der Weiher bedeckte sich mit einer durchsichtigen, fast hellblauen Eisdecke, und nur an der Brücke, wo es tiefer war, brauste das Wasser noch und ließ sich nicht bändigen, aber die Uferränder lagen schon so frostgefesselt, daß man, um das Vieh zu tränken, Wunen ins Eis einhauen mußte.

Erst am Tag der heiligen Lucia kam ein Umschlag in der Witterung.

Der Frost ließ nach und es wurde etwas wärmer, die Winde waren im Verenden, denn nur von Zeit zu Zeit noch fuhren sie durch die Lüfte, waren aber weicher und nicht so zänkisch; der Himmel glättete sich wie ein geeggtes Feld, und war wie mit einem grauweißen Sackleinentuch bedeckt; er senkte sich so tief herab, daß er sich wie auf die Pappeln am Wege zu stützen schien. Doch war die Luft trüb, grau und dumpf.

Und kaum hatte man zu Mittag ausgeläutet, da wurde es ein wenig dunkler, und Schnee begann in großen Flocken zu fallen. Er rieselte so dicht, daß er bald alle Bäume und Erhebungen mit weißem Flaum bedeckt hatte.

Die Nacht senkte sich rascher, aber der Schnee ließ nicht nach zu fallen, er kam immer dichter und war etwas trockener und kleinflockiger. So schneite es die ganze Nacht.

Bei Morgengrauen lag der Schnee schon gute drei Spannen hoch, er hatte die Erde völlig mit einem Pelz bedeckt, die Welt mit einer bläulichen Weiße umflort und stäubte noch immerzu ohne Unterlaß.

Eine solche Stille legte sich über das Erdenrund, daß nicht ein einziger Lufthauch aufzuckte, nicht ein Laut durch die herabgleitenden Flocken dringen konnte – nichts! Alles wurde ringsum lautlos und taub, hielt erstarrt wie vor einem Wunder an und horchte vorgebeugt und feierlich in dieses kaum fühlbare Geräusch, in diesen stillen Flug, in diese tote Weiße hinein, die in zuckenden Schwingungen ohne Ende niederschwebte.

Eine weißliche Dämmerung stand auf, wuchs, reckte sich; ein makelloses weißes Frühlicht rann und rieselte, ganz durchsetzt von einer weißen feinen, ganz feinen schönen Wolke zur Erde nieder; es floß zu einem undurchdringlichen Flockendickicht verwoben, wie gefrorenes Himmelslicht zur Erde nieder, als wäre aller Sternenglanz zu Reifkristallen erstarrt und schüttete, durch seinen Himmelsflug zu Staub zerrieben, die Welt zu. Die Wälder verhüllten sich rasch, die Felder versanken, daß sie kein Auge mehr sehen konnte, die Wege entschwanden, das ganze Dorf zerfloß und wurde von dieser blendenden, nebelweißen Wolke aufgesogen. Schließlich nahmen die Augen nichts mehr wahr, als das Rinnen des Schneestaubes, der so leise, so gleichmäßig, so sanft hinabglitt, wie Kirschblütenblätter in einer Mondnacht.

Auf drei Schritte konnte man weder ein Haus noch einen Baum, einen Zaun noch einen Menschen unterscheiden; nur die Stimmen flogen durch die Weiße wie ermattete Falter und verflogen sich; Gott weiß, woher sie kamen und wohin sie wollten; und immer schwächer flatterten sie, immer leiser ...

So schneite es zwei Tage und zwei Nächte lang, bis schließlich alle Häuser eingeschneit waren und wie Schneehügel ragten, aus denen schmutzige Rauchsträhnen drangen; die Wege und Felder bildeten nur noch eine einzige Fläche, die Obstgärten waren voll Schnee bis an die Ränder der Zäune, der Teich verschwand ganz unter den Schneemengen; eine weiße, grenzenlose Ebene, kühl und unwegsam, breitete sich aus/flaumig und wunderbar, und der Schnee rieselte immerzu, nur daß er immer trockener und feiner wurde, denn in den Nächten drang schon das Sternengeflimmer hindurch und am Tag konnte man hier und da hinter dieser flatternden weißen Hede den Himmel blauen sehen. Auch die Luft wurde hellhöriger, die Stimmen drangen scharf, frisch und schallend durch das weiße Gewirr. Das Dorf war erwacht, man begann sich zu regen; manch einer fuhr mit dem Schlitten hinaus, mußte aber rasch wieder umkehren, denn die Wege waren nicht fahrbar; hier und da grub man Fußsteige zwischen den Häusern, schaufelte die Schneemassen von den Haustüren auseinander und öffnete sperrangelweit die Türen der Kuhställe. Alles freute sich, und die Kinder waren schon ganz toll vor Vergnügen; überall kläfften die Hunde, leckten hier und da am Schnee und jagten sich mit den jungen Burschen um die Wette; es wimmelte auf den Wegen, Gekreisch klang von den Hecken her; sie schrien, warfen sich mit Schneebällen, wälzten sich im weichen, flauschigen Schnee, richteten gewaltige Schneemänner auf, kamen mit Schlitten angezogen, daß das ganze Dorf voll Jubel und Gejage war. Selbst Rochus mußte an diesem Tage mit dem Unterricht aufhören, denn er konnte kein Kind bei der Fibel halten.

Am dritten Tag, in der Abenddämmerung, hörte es auf zu schneien, es stäubte noch hin und wieder, aber nur so viel, als ob jemand einen Mehlsack über der Welt ausklopfte, so daß man es kaum bemerken konnte; doch der Himmel wurde düster, die Krähen flatterten um die Gehöfte und blieben auf den Wegen sitzen. Eine sternenlose Nacht spannte sich bleiern aus und starrte so tot und reglos weiß aus den verdunkelten Schneemassen, als ob sie ganz außer Kräften wäre.

»Das leiseste Windchen und wir kriegen ein Schneetreiben,« murmelte am Morgen des folgenden Tages der alte Bylica, durchs Fenster sehend.

»Laß es nur kommen, mir ist alles gleich!« knurrte Antek und erhob sich von seinem Lager.

Anna zündete das Feuer auf dem Herd an und sah vom Hausflur ins Freie; es war noch früh, die Hähne krähten im Dorf, ein dichtes Dunkel lag noch über der Welt, und die Erde sah aus, als hatte sie jemand mit einem Gemisch von Kalk und Ruß überstreut. Man konnte weder Bäume, noch Häuser, noch die Ferne unterscheiden, nur im Osten glimmte ein Schimmer, wie von einer Glut unter der Asche; tiefe Stille war rings ausgebreitet und ein scharfer Frosthauch drang herein.

Auch in der Stube herrschte eine schneidende, feuchte Kälte, die so durchdringend war, daß Anna ihre bloßen Füße in die Pantinen steckte. Auf dem Herd glimmte es kaum, denn die frischen Wacholderzweige prasselten und qualmten nur; sie spaltete ein paar Späne von irgendeinem Brett und stopfte etwas Stroh dazwischen, bis schließlich eine Flamme hervorschlug und die Stube ein wenig erhellte.

»So viel ist von diesem Zeug zusammengeflogen, daß es für den ganzen Winter reicht,« knüpfte der Alte an, auf die kleine, mit grünlichem, dickem Eis überzogene Scheibe hauchend, um hinauszuschauen.

Der ältere Knabe, der schon im vierten Jahr war, fing an im Bett aufzuweinen, und von der anderen Seite des Hauses aus der Wohnung der Stachs ertönten die scharfen Stimmen eines Gezänks, ein Wehklagen, Kindergeschrei und das Schmeißen von Türen.

»Veronka beginnt wieder den Tag mit ihrem Gebet!« murmelte Antek verächtlich, sich die Füße mit am Herd gewärmten Fußlappen umwickelnd.

»Sie hat sich das Schreien nu einmal so angewöhnt und schreit, wenn es auch nicht not tut, aber nicht weil sie böse ist, nee, nur so« ... stotterte der Alte.

»Versteht sich/und die Kinder schlägt sie auch, weil sie nicht böse ist? Oder daß sie dem Stach kein gutes Wort gibt, nur in einem fort rum-bumm, wie auf einen Hund, das ist wohl auch, weil sie gut ist!« sagte Anna, an der Wiege niederkniend, um dem Jüngeren, der ab und zu greinte und mit den Beinchen strampelte, die Brust zu geben.

»Drei Wochen, seitdem wir bei euch hier in der Hütte sitzen, sind es schon, und nicht ein Tag ist vergangen, ohne Geschrei, Prügelei und Zähnegefletsch. Ein Hund von Frauenzimmer ist das! Und Stacho ist ein Waschlappen, arbeitet wie ein Vieh und hat es schlechter wie'n Hund.«

Der Alte blickte ängstlich auf, wollte selbst etwas zur Verteidigung sagen, als die Tür aufging und Stacho, der einen Dreschflegel geschultert trug, den Kopf zur Stube hereinsteckte.

»Antek, willst du zum Dreschen kommen? Der Organist hat gesagt, ich sollte mir einen zunehmen, für die Gerste; trocken ist sie und läßt sich gut abschlagen ... Philipp hat mich gebeten, aber wenn du möchtest ... dann natürlich sollst du's verdienen ...«

»Gott bezahl's, nehmt euch Philipp hinzu, ich werde nicht zum Organisten auf Tagelohn gehen.«

»Dein Wille. Bleibt mit Gott.«

Anna sprang auf unter dem Eindruck dieser Antwort, beugte sich jedoch sogleich vornüber zur Wiege und versteckte ihren Kopf darin, um ihre Tränen und ihren Kummer nicht zu zeigen!

»Was soll nur bloß werden, ein solcher Winter, eine solche furchtbare Kälte, solche Armut, daß sie nur von Kartoffeln mit Salz leben, kein Heller im Hause, und er will nicht arbeiten! Ganze Tage lang sitzt er in der Stube herum, raucht Zigaretten und spintisiert!/Oder rennt umher wie ein Dummer/hinter dem Wind wohl! Mein Gott, mein Gott!« stöhnte sie schmerzlich vor sich hin. »Selbst Jankel will nicht mehr borgen, die Kuh werden sie verkaufen müssen, was tun/er hat sich darauf versteift, dann verkauft er auch, und eine Arbeit wird er doch nicht angreifen ... Natürlich, wahr ist es schon, daß es sich für ihn nicht paßt, auf Lohnarbeit zu gehen, und unangenehm ist es auch, aber was anfangen, was?/Wenn sie doch ein Mannsbild wäre, mein Gott, ihre Krallen würde sie nicht schonen, die Arme bis über die Ellenbogen in die Arbeit stecken, nur nicht die Kuh verkaufen, nur bis zum Frühling aushalten, den Winter überdauern ... Aber was soll ich helfen, ich Arme, was? ...« Ihre Seele knirschte auf, sie wußte sich keinen Rat mehr.

Sie ging an die alltägliche Arbeit und sah verstohlen zu ihrem Mann hinüber, der vor dem Herd saß. Das ältere Bürschlein hatte er in den Schoß seines Schafpelzes gewickelt und wärmte ihm seine kleinen Füßchen mit seiner Handfläche, die er ab und zu gegen das Feuer hielt. Er starrte finster in die Glut und seufzte. Der Alte schälte am Fenster Kartoffeln.

Ein unangenehmes beunruhigendes Schweigen, getränkt mit heimlichem Kummer und übervoll vom würgenden Gefühl des Elends, webte zwischen ihnen. Sie blickten sich nicht in die Augen, redeten nicht zueinander, denn die Worte ertranken in lauter Sorgen, das Lächeln erlosch, in den Augen blitzten unterdrückte Vorwürfe und in den bleichen ausgezehrten Gesichtern war Bitterkeit zu sehen./ Groll ging zwischen ihnen um und damit eine trotzige eiserne Hartnäckigkeit. Über drei Wochen waren schon vergangen, seitdem sie aus dem väterlichen Hause vertrieben worden waren; so viele lange Tage, so viele Nächte, und sie hatten doch beide nichts vergessen, das Unrecht nicht verschmerzt, waren aus ihrem Haß nicht zu sich gekommen und fühlten alles so stark, als wäre es erst diesen Augenblick geschehen.

Das Feuer knisterte lustig, eine Wärme breitete sich in der Stube aus, so daß das Eis an den Scheiben zu schmelzen begann, die Schneestreifen, die durch die Ritzen hineingeweht waren, tauten an den nackten Mauerschwellen auf und der Lehmboden schwitzte, daß er von der Nässe ganz beschlagen war.

»Kommen denn diese Juden?« fragte sie schließlich.

»Sie sagten so.«

Und wieder sprachen sie kein Wort miteinander. Wozu denn auch? Wer von ihnen hatte was zu reden und worüber? Anna vielleicht? ... die fürchtete doch, ihren Mund aufzutun, damit nicht das Leid, wovon ihr Herz übervoll war, wider Willen hervorbrechen sollte./Nein, alles verbarg sie in sich und hielt es zurück, so gut sie konnte. Und Antek, was sollte der reden?/Daß es ihm schlecht ging? Auch ohnedem wußte man's ja, und für Vertraulichkeiten war er überhaupt nie zu haben, und darüber herumzuschwatzen, wenn auch nur mit seiner eigenen Frau, hatte er keine Lust. Wie soll man da sprechen, wenn die Seele von Haß zerfressen wird, wenn das Herz sich bei jeder Erinnerung schmerzvoll krümmt und die Hände sich mit einer solchen Wut zusammenkrallen, daß er sich am liebsten auf das ganze Dorf hätte stürzen mögen.

Er trug keine süßen Erinnerungen an Jagna mehr mit sich herum, es war als hätte er sie niemals geliebt, als hätte er sie nie in dieselben Arme genommen, die jetzt bereit waren, sie zu zerfleischen. Aber einen eigentlichen Groll hatte er nicht gegen sie.

»Manch ein Frauenzimmer ist wie ein herumtreibender Hund. Auf jeden wird sie hören, der sie mit einer Scholle Erde locken wird oder auch mit dem Stock nachhilft.« Er dachte an sie, doch nicht oft, denn sie entschwand seinem Gedächtnis unter der Last des blutenden, lebendigen und schmerzlichen Grolls, den er gegen seinen Vater hegte. Der war schuld, der Vater war es, der ihnen Unrecht getan hatte, der war dieser Haken, der sich ihm mitten ins Herz gebohrt hatte und schmerzte; durch ihn war das alles gekommen, nur durch ihn!

Und er scharrte und häufte alles Böse und alles Unrecht, das er erlitten hatte, zusammen und sagte es sich vor, wie ein Gebet, das man nicht vergessen darf! Das war ein schmerzlicher und dorniger Rosenkranz, aber er hatte sich ihn Perle nach Perle durchs Herz hindurchgefädelt, um sich besser an alles zu erinnern!

Seine Armut ging ihm wenig nahe; wenn einer ein gesundes Mannsbild ist, genügt ihm schon ein Dach über dem Kopf, und was die Kinder anbetrifft, laß doch die Frau dafür sorgen; aber das Unrecht, das ganz allein war es, das ihn wie Feuer brannte, das immerzu in ihm wuchs und wucherte, wie eine stechende Brennessel! Wie war es denn auch anders möglich, kaum drei Wochen, und schon hatte sich das ganze Dorf von ihm abgewandt, als ob sie ihn nicht einmal kennten, als wäre er der erste beste Zugelaufene; sie wichen ihm aus, wie einem Aussätzigen, kein Mensch redete ihn an, guckte mal bei ihm ein, um ihm ein gutes Wort zu sagen, das ihn hätte trösten können/wie auf einen Mörder blickten sie auf ihn.

Nicht, dann eben nicht, bitten wird er keinen, aber auch in den Ecken will er nicht herumhocken, oder den Menschen aus dem Weg gehen. Wenn Krieg, dann schon ganzer Krieg! Aber warum das alles? Weil er sich mit dem Vater geprügelt hat? War es das erstemal im Dorf, oder was? Prügelt sich Josef Wachnik nicht alle paar Tage? ... Hat denn der Stach Ploschka dem seinen nicht den Fuß aus dem Gelenk geschlagen? Niemand hat denen auch nur ein dummes Wort gesagt, ihn aber beschimpften sie, denn wenn der liebe Gott einmal gegen einen ist, dann sind es auch gleich die Heiligen obendrein. Das ist die Arbeit des Alten, aber heimgezahlt kriegt er es, alles kriegt er heimgezahlt.

Er keuchte nur so vor Rachegedanken, in denen er diese ganze Zeit wie in Fieber und Selbstvergessenheit lebte; an die Arbeit ging er nicht, dachte nicht über die Armut nach, kümmerte sich nicht um den nächsten Tag; er wälzte nur immer wieder die schweren Qualen in sich herum und zerrte daran. Oft sprang er nachts vom Lager, rannte ins Dorf, irrte auf den Wegen, verkroch sich in die Dunkelheit und träumte von einer schrecklichen Vergeltung. Nichts wollte er ihnen vergeben, das schwor er sich zu.

Sie aßen schweigend ihr Frühstück, er aber saß in einem fort mürrisch dabei und kaute seine Erinnerungen wie stechende, bittere Disteln wieder.

Es wurde vollends Tag, das Feuer glimmte nur mehr, und durch die etwas abgetauten engen Scheiben drang das weißliche kalte Schneelicht herein; trübe, kühle Lichter waren bis in alle Winkel verstreut und enthüllten allmählich die Stube, so daß sie bald in ihrem ganzen Elend sichtbar wurde.

Mein Gott, Borynas Haus war ja der reine Herrenhof im Vergleich mit diesem verfallenen Loch; was ... Haus? ... In Vaters Kuhstall konnten noch eher Menschen wohnen! Ein durchfaultet Schweinestall war das hier, aber kein Haus; ein Haufen modriger Balken mit Mist und verfaultem Kehricht darin. Auf dem Boden nicht ein einziges Brett, nichts als die kahle Lehmdiele und noch voll Löcher, voll angefrorenen Schmutzes und eingestampften Kehrichts; laß es nur mal erst vom Herd auftauen, die reine Jauche schlägt einem in die Nase. Und aus diesem Morast hoben sich ausgequollene, zermürbte und durchfaulte Wände, die Nässe floß von ihnen herab, und in den Ecken schüttelte der Frost seinen weißen Bart. Die Wände waren voll Löcher, die man mit Lehm zugeschmiert hatte, und stellenweise waren sie selbst nur mit Stroh und Mist verstopft. Die niedrige Balkendecke hing wie ein altes zerrissenes Sieb darüber; sie war mehr Stroh und Spinngewebe als Bretter. Nur der Hausrat und die paar Heiligenbilder an den Wänden verdeckten noch etwas dieses Elend. Die Kleiderstanze unter der Balkendecke mit den daran hängenden Kleidungsstücken und die Holzlade versteckten einen Verschlag aus Reisig, hinter dem die Kühe ihren Platz hatten.

Anna war ohne sich zu beeilen bald mit der Wirtschaft fertig, da war ja auch nicht viel: die Kuh, die Färse, ein Schwein und ein paar Gänse und Hühner/das war die ganze Herrlichkeit und der ganze Reichtum. Sie kleidete die Jungen an, so daß sie sich bald auf den Flur hinaustrollten, um mit Veronkas Kindern zu spielen; nicht lange danach wurde von dort Geschrei und Gekreisch vernehmbar. Sie machte sich nun selber etwas in Ordnung, da die Händler kommen sollten, und auch ins Dorf mußte sie dann gehen.

Sie wollte eigentlich mit ihrem Mann beratschlagen, um das eine oder andere im voraus über den Verkauf zu besprechen, aber sie traute sich nicht anzufangen. Antek saß nämlich noch immer vor dem ausgebrannten Herd, starrte vor sich hin und war so finster, daß sie ein Schreck durchfuhr.

Was fehlte ihm nur? Sie streifte die Pantinen ab, um ihn nicht noch durch den Lärm zu ärgern, aber immer häufiger ließ sie ihre Blicke voll ängstlicher Fürsorge und Besorgnis auf ihm ruhen.

Schwerer ist es ihm, das ist gewiß, weil er nicht so wie die anderen ist, wohl schon schwerer/sie fühlte eine rechte Lust, ihn anzureden, um ihn mal anzuhören und zu bemitleiden; schon stellte sie sich an ihn heran und hatte ein gutes Wort im Herzen für ihn bereit/doch sie wagte es nicht. Wie sollte sie da auch was sagen können, wenn er sie gar nicht beachtet, als ob er gar nicht sähe, was um ihn vor sich geht. Sie seufzte schmerzlich auf; ihr war nicht leicht zumute, nein/keine Honigsüße hatte sie im Herzen, sondern nur bittere Pein! Mein Jesu, anders haben es die anderen, selbst die Kätnerinnen haben es noch besser./Und auf ihren Schultern liegt alles, sorge dich, mühe dich, gib auf alles acht, kümmere dich um alles allein/keiner ist da, den man anreden kann, keiner, vor dem man sein Herz ausschütten könnte! Laß ihn sie anschreien, schlagen, dann wüßte sie mindestens, daß im Hause ein lebendiges Mannsbild ist und kein totes Stück Holz. Und er/nichts davon, manchmal nur knurrt er, wie ein böser Hund oder sieht einen an, daß man wird, als müsse einem die Seele verfrieren /man kann ihn nicht anreden, kann nicht mit offenem Herzen zu ihm kommen, wie das doch so ist im Ehestand, oder wenn man sich gut Freund ist. Hale! sage mal was, beklage dich nur, jawohl! Was geht ihn sein Weib an, die eigene Frau/höchstens so viel, daß sie das Haus bewacht, Essen kocht und auf die Kinder paßt. Kümmert er sich denn um etwas? Denkt er mal daran, einen zu umfassen und zärtlich zu tun, durch Güte was zu erreichen und ordentlich zu umarmen, oder mal so recht um und um mit einem zu reden? Das ist ihm alles eins, alles! Immer nur die hochspinatschen Gedanken; wie ein Fremder benimmt er sich, von nichts weiß er was! ... und du, Mensch, nimm du mal alles auf deinen eigenen Buckel, quäle dich allein herum, zerreiß' dich, sorg' dich, und nicht einmal ein gutes Wort gibt man dir dafür! ...

Sie konnte ihren Schmerz nicht mehr eindämmen und lief weinend hinter die Verschalung zu den Kühen, dort lehnte sie sich an die Krippe und schluchzte leise; als aber die Rote zu schnaufen begann und ihr Gesicht und Rücken beleckte, brach sie in ein lautes Weheklagen aus ... »Auch du wirst weggehen müssen, auch du ... bald kommen sie her ... um dich handeln werden sie ... legen dir ein Tau um die Hörner ... führen dich weg ... in die Welt werden sie dich wegschleppen, unsere Ernährerin ... weit hinaus!« ... flüsterte sie, indem sie den Hals der Kuh umfaßte und sich vom Schmerz übermannt an das kluge Tier schmiegte. Sie konnte mit ihrem Stöhnen und Weinen gar nicht fertig werden, denn eine plötzliche starke Empörung war in ihr wach geworden. Nein, so konnte es nicht länger sein, die Kuh werden sie verkaufen, zu essen gibt es nichts mehr, und er sitzt herum, sucht sich keine Arbeit, zum Dreschen geht er auch nicht, selbst wenn sie ihn darum bitten. Und wenn es auch nur ein Silberling zwanzig täglich wäre, da wär' doch mindestens was da für Salz und Fett, wenn einem auch noch diese paar Tropfen Milch genommen werden.

Sie kehrte in die Stube zurück.

»Antek!« sagte sie scharf, bereit, ihm alles furchtlos zu sagen.

Er sah aus stillen, geröteten Augen zu ihr auf und blickte sie so traurig und klagend an, daß ihr die Seele schier erstarb, der Ärger glitt von ihr ab, und das Herz fing an, voll Mitgefühl zu klopfen.

»Hast du gesagt, daß sie wegen der Kuh kommen sollen?« sprach sie leise und seltsam weich.

»Sie kommen wohl schon, die Hunde geifern ja am Weg.«

»Doch nicht, sie bellen an der Zufahrt von Sikora,« meinte sie hinaussehend.

»Noch vor Mittag haben sie zugesagt, diesen Augenblick noch müssen sie kommen.«

»Müssen wir denn verkaufen?«

»Was sollen wir denn tun, Geld braucht man und Futter reicht auch nicht mehr für zwei ... wir müssen. Hanusch, was soll man da machen ... Schade um die Kuh ... das ist schon wahr ... aber hast du kein Geld, dann wirst du selbst die Nase nicht eintunken können,« redete er leise vor sich hin und mit solcher Güte, daß Annas Seele auftaute und das Herz ihr voll wurde von freudiger Zuversicht. Sie sah ihm in die Augen mit treuen, gehorsamen Hundeblicken, und nichts war ihr mehr leid in diesem Augenblick, auch die Kuh nicht; sie blickte nur aufmerksam und ohne Groll in das ihr so liebe Gesicht und horchte auf die Stimme, die ihr wie Feuer durch und durch ging und in ihr nur lauter Güte und Rührung weckte.

»Natürlich, daß man es nötig hatte. Die Färse blieb ja noch, die würde zur Fastenzeit kalben, da kriegte man noch ein bißchen Milch,« meinte sie weiter, nur um ihn noch ein wenig reden zu machen.

»Und wenn das Futter nicht reicht, dann kauft man was zu.«

»Höchstens Haferstroh, denn das Roggenstroh reicht bis Frühjahr. Vater, tut doch da die Kartoffelgrube offenschaufeln, man muß mal nachsehen, ob nicht die Frostwinde die Kartoffeln zuschanden gemacht haben.«

»Bleibt nur sitzen,« meinte Antek, »diese Arbeit ist zu schwer für euch, ich werd' den Schnee schon wegschaufeln.«

Er erhob sich, nahm den Schafpelz ab, griff nach dem Spaten und ging vors Haus hinaus.

Der Schnee lag fast bis zu gleicher Höhe mit dem Dach, denn das Haus stand auf einer windigen Stelle fast ganz außerhalb des Dorfes, ein paar Klafter von der Landstraße, und war weder durch einen Zaun noch durch einen kleinen Garten geschützt. Ein paar wilde zerzauste Süßkirschbäume wuchsen vor den Fenstern, waren aber dermaßen zugeschneit, daß nur die Zweige aus dem Schnee herausragten, wie verkrümmte kranke Finger. Vor den Fenstern hatte der Alte schon den Schnee bei Morgengrauen fortgeschaufelt, die Kartoffelgrube aber war so zugeweht worden, daß man sie gar nicht mehr unter den Schneemassen unterscheiden konnte.

Antek machte sich rüstig an die Arbeit, denn der Schnee lag in Mannshöhe. Trotzdem er noch frisch war, hatte er sich schon etwas verhärtet und gesetzt, so daß man ihn in Blöcken abhacken mußte. Bevor er noch den Schnee abgewälzt hatte, war er schon richtig in Schweiß gebadet, doch er arbeitete gern und war guter Dinge dabei; hin und wieder warf er auf die Kinder, die vor der Türschwelle spielten, mit einem Klumpen Schnee. Nur auf Augenblicke kam ihm die Erinnerung an alle seine Qualen und lähmte seinen Mut; er hörte auf zu arbeiten und ließ die Augen in die Welt irren. Dann seufzte er, die Seele war ihm aus Irrwege gekommen und schweifte hilflos umher wie ein Schaf, das sich zur nächtlichen Stunde verlaufen hatte. Der Tag war wolkig und grau, der weißdurchsetzte Himmel lagerte tief über der Erde, die Schneelasten breiteten sich in einem dicken, weichen Pelz aus und lagen soweit das Auge reichen konnte als eine bläuliche, lautlose, tote Ebene da. Eine neblige Luft von einem starren Reif durchdrungen verhüllte wie ein seines Gewebe die Welt. Da die Hütte von Bylica ganz frei, fast wie auf einem Hügel lag, so sah man das Dorf von da aus vor sich, wie auf einer Handfläche ausgebreitet liegen. Reihen kleiner Schneehügel saßen, wie beschneite Maulwurfshaufen, dicht nebeneinander und zogen sich in einem langen Kranz um den schneeverwehten zugefrorenen Weiher. Nirgends konnte man ein Haus ganz aus dem Schnee herausragen sehen, in dem das Dorf wie versunken lag; hier und da sah man nur die schwärzlichen Scheunenwände; ein rostiggelber Torfrauch kräuselte sich in der Luft und nackte Baumgerippe zeichneten sich unbestimmt unter den Schneekappen ab. Nur die Stimmen hallten scharf wieder in dieser endlosen Weiße und flogen von einem Ende des Dorfes zum andern; das eintönige Klopfen der Dreschflegel dröhnte dumpf, als käme es tief aus der Erde. Die Wege lagen menschenleer und verschneit, und auf den Schneefeldern sah man nicht eine lebendige Seele ... nichts als die riesengroße, weiße und tote Öde, ganz in Schnee erstarrt. Die nebligen Weiten flössen so ineinander, daß man den Himmel vom Erdenrand nicht mehr unterscheiden konnte, einzig die Wälder blauten ein wenig aus dem glasigen Weiß, wie eine Wolkenwand.

Antek sah nicht lange in die öde Schneeweite, er richtete nur seine Augen auf das Dorf und suchte nach dem väterlichen Hause, doch ehe er einen Gedanken fassen konnte, kreischte Anna, die in die Kartoffelgrube gestiegen war, zu ihm herüber:

»Sie haben keinen Frost gekriegt! Den Wachniks haben die kalten Winde so die Kartoffeln mitgenommen, daß sie die halbe Grube voll an die Schweine verfüttert haben, unsere sind gesund.«

»Schon gut. Steig' mal heraus, es scheint mir, daß die Juden kommen! Man muß die Kuh vors Haus führen.«

»Jawohl, das sind die Juden, niemand anders sonst! Natürlich sind es die Pestigen!« ... rief sie böse.

Wahrhaftig stapften auf dem von der Schenke her führenden Pfad, der gänzlich zugeschneit war und den kaum die plumpen Spuren von Stachs Pantinen bezeichneten, zwei Juden daher; versteht sich, daß die Hunde des halben Dorfes hinter ihnen drein waren und sich eifrig kläffend an sie heranzumachen versuchten, so daß Antek den Händlern entgegengehen mußte, um sie in Schutz zu nehmen.

»Nu, wie geht es sich? Haben mer uns verspätet in der Zeit! Is sich das ein Schnee, ein Schnee! Nicht fahren kann man und nicht gehen. Im Walde, wißt ihr, sind sie beim Aufgraben vom Wege ... Scharwerkarbeit! ...«

Er antwortete nicht auf ihr Gerede und führte sie nur in die Stube, daß sie sich etwas erwärmen sollten.

Anna wischte inzwischen der Kuh die mistbeschmutzten Flanken ab, dann melkte sie sie noch einmal, um einen letzten Rest Milch zu bekommen, den die Kuh noch hergab, und führte sie durch die Stube hindurch ins Freie. Die Kuh ging nur störrisch und unzufrieden vorwärts, und als sie über die Türschwelle hinaus war, reckte sie ihr Maul nach unten und roch und leckte an dem Schnee, bis sie schließlich ganz unerwartet ein leises, klagendes, langgedehntes Brüllen hören ließ und so heftig an ihrem Seil riß, daß der Alte, der zugriff, sie kaum halten konnte.

Anna mochte es nicht länger mit ansehen; ein so bitteres Leid erfaßte sie und begann in ihr so heftig zu bohren, daß sie in ein Weinen ausbrach, die Kinder weinten und jammerten mit und klammerten sich an Mutters Rock. Auch Antek war es nicht froh zumute, mit zusammengeklemmten Zähnen lehnte er an der Wand und sah auf die Krähen, die um die Kartoffelgrube im aufgewühlten Schnee saßen. Die Händler muschelten inzwischen miteinander und gingen daran, die Kuh von allen Seiten zu betasten und zu besehen.

Den Antekleuten war es dabei zumute wie auf einem Totengang, sie drehten sich weg von dem guten, lieben Vieh, das vergeblich an seiner Fessel zerrte, die ängstlich glotzenden Augen auf seine Ernährer richtete und dumpf brüllte.

»Jesu! ... Dazu hab' ich dich, mein gutes Kuhchen, gefüttert, dazu für dich gesorgt und dich gepflegt ... daß sie dich auf die Schlachtbank ... ins Verderben ... bringen sollen!« lamentierte Anna, mit dem Kopf gegen die Wand schlagend, und die Kinder echoten ihr jammernd nach.

Aber vergeblich waren Klagen und vergeblich war das Weinen, ganz umsonst; denn was Muß ist, kann der Mensch nicht andern, gegen sein Los kommt keiner an, auch nicht gegen das, was sein soll ...

»Was wollt ihr haben?« fragte schließlich der ältere weißhaarige Jude.

»Dreihundert Silberlinge.«

»Dreihundert Silberlinge für so e mieses Fleisch, ihr werdet wohl krank, Antoni, oder wie is es?«

»Schnauze du mir nicht von mies auf meine Kuh, damit du nicht was abkriegst! Sieh einer nur den, die Kuh ist jung, kaum im fünften Jahr, und fett,« schrie Anna.

»Stille ... stille ... es wird nicht gezankt im Handel, von wegen einem Wort ... nehmt ihr die dreißig Rubel?«

»Ich habe meins gesagt!«

»Und ich sage meins auch, einunddreißig ... na, einunddreißig und einen halben ... na, zweiunddreißig ... gebt mir die Hand ... na, zweiunddreißig und einen halben ... abgemacht!«

»Ich hab's gesagt!«

»Das letzte Wort, dreiunddreißig! Nicht, dann nicht!« sagte der Jüngere phlegmatisch und sah sich nach seinem Stock um, während der Altere seinen Kaftan zuknöpfte.

»Für solchene ... dreiunddreißig Rubel ... Herr du mein Gott, Leute ... Diese Kuh, breit wie der ganze Kuhstall, die Haut allein ist zehn Rubel wert ... und das für solchene Kuh! ... Betrüger, Christusmörder« ... stotterte der Alte, die Kuh beklopfend, nur daß niemand auf ihn achtete.

Die Juden fingen ein verzweifeltes Handeln an, und Antek wollte von seinem auch nicht abgehen, etwas nur hatte er abgelassen, aber nicht viel, denn in Wirklichkeit hatte die Kuh einen beträchtlichen Wert, und wenn man sie zum Frühjahr einem Bauer verkauft hätte, wären ohne weiteres fünfzig Rubel gezahlt worden. Aber wo das Muß mit der Peitsche antreibt, da zieht die Not an den Ortscheiten – die Juden wußten das gut; und obgleich sie immer lauter schrien und immer häufiger Antek ihren Handschlag anboten zum Abschluß des Geschäftes, gaben sie immer nur ein wenig zu, höchstens einen halben Rubel ...

Es kam schon so weit, daß sie erzürnt fortgingen und Anna die Kuh schon wieder hinter den Verschlag zurückzerrte; selbst Antek war wütend geworden und entschlossen, den Verkauf aufzugeben, aber die Händler kehrten wieder um, und schrien, winselten und schwuren, daß sie nicht mehr geben könnten, boten aufs neue ihren Handschlag an und begannen die Kuh abermals zu durchprüfen. Man einigte sich schließlich auf vierzig Rubel und zwei Silberlinge Taugeld für Bylica ...

Sie zahlten gleich in bar aus; der Alte führte ihnen die Kuh nach bis an den Schlitten, der vor der Schenke wartete, und Anna mit den Kindern gab der Roten das Geleit bis an die Landstraße; jede paar Schritte strich sie ihr über das Maul, lehnte sich an sie und konnte sich weder von ihrem lieben Vieh trennen noch dem Kummer und dem Leid Einhalt tun.

Noch auf der Landstraße blieb sie stehen, um ihr nachzublicken und aus voller Seele auf dieses rothaarige ungetaufte Volk zu fluchen.

Eine solche Kuh zu verlieren, kein Wunder, daß da der Frau die Leber eins aufspielte.

»Als hätten sie aus dem Haus einen auf den Gottesacker gebracht, so leer ist es,« sagte sie bei der Rückkehr und sah immer wieder hinter die leere Verschalung oder durchs Fenster auf den ausgetretenen Fußweg, den Mist und Hufstapfen bezeichneten, wobei sie ein ums andere Mal in Weinen und Wehklagen ausbrach.

»Du könntest das lassen, wie das reine Kalb brüllt und brüllt sie!« rief Antek, der am Tisch vor dem ausgebreiteten Geld saß.

»Wen es nicht schmerzen tut, dem ist alles gut. Es hat dich unsere Armut nicht geschmerzt, da du die Kuh verschleudert hast, sie den Juden für die Schlachtbank gabst!«

»Hale, soll ich mich wohl aufreißen und dir aus den Eingeweiden Geld herausholen, was?«

»Wie die letzten Kätner sind wir jetzt, wie Bettelvolk, nicht mal das bißchen Milch, und gar keine Freude mehr. So viel hab' ich mir auf Meinem erworben, so viel! Du Jesu, mein Jesu! Die anderen mühen sich, arbeiten wie die Ochsen und kaufen noch was hinzu für die Wirtschaft / und der verkauft noch die letzte Kuh, die ich vom Vaterhaus habe ... Da kommt dann auch wohl schon das letzte Verderben, das allerletzte!« jammerte sie verstört.

»Heule du nur, das zieht dir vom Kopf ab, wenn du schon so dumm sein mußt und keinen Verstand hast! Hier hast du das Geld, bezahle, wo du was schuldig bist, kauf' was du brauchst und verstecke den Rest.« – Er schob ihr das Häuflein Geld zu und steckte einen Fünfrubelschein in seine Brusttasche.

»Wozu brauchst du das viele Geld?«

»Wozu? Allein mit dem Stock in der Hand werd' ich nicht losgehen.«

»Wohin willst du denn?«

»Weg, nach Arbeit sehen, faulen werd' ich hier nicht.«

»Weg? Überall gehen die Hunde barfuß und überall weht den Armen der Wind ins Gesicht! Allein soll ich hier bleiben, wie?« Sie erhob, ohne es zu wissen, ihre Stimme und näherte sich ihm drohend, er achtete nicht darauf / seinen Schafpelz hatte er umgetan, sich mit dem Gürtel umwickelt und suchte nach seiner Mütze.

»Bei den Bauern werd' ich nicht arbeiten und sollte ich verrecken, nein!« sagte er fest.

»Der Organist braucht doch einen zum Dreschen!«

»Hale, dieser Fratzen! so'n Bock, der nur an der Orgel herumblökt und den Bauern auf die Hand sieht ..., davon lebt, was er zusammenbettelt und herausschwindelt, zu einem solchen geh' ich nicht auf Taglohn!«

»Wer nicht will, dem ist alles zuviel!«

»Hast nichts gegen rumzureden!« schrie er wütend.

»Tu' ich dir jemals was sagen, bin ich dir schon lästig gekommen? Du tust ja, was du willst!«

»Ich geh' auf die Herrenhöfe nachfragen,« er sprach wieder ruhig, »werde mich nach einem Dienst umsehen, vielleicht bekomme ich was von Weihnachten an, wenn es auch nur als Pflüger ist, nur nicht hier die Luft verstinken und das Unrecht in einem fort vor Augen haben; das halt' einer aus! Genug hab' ich, Mitleid brauch' ich nicht und satt hab' ich's auch. Was haben sie einen immer anzustarren, wie einen räudigen Hund ... In die Welt will ich, so weit wie ich nur sehen kann, nur weg von hier ... nur weg, so schnell wie möglich weg!« ... fing er an zu schreien und war ganz außer sich.

Anna war wie erstarrt vor Entsetzen und stand da, ohne sich zu rühren; so hatte sie ihn noch nie gesehen.

»Bleib' mit Gott, in ein paar Tagen bin ich wieder hier.«

»Antek!« rief sie verzweifelt.

»Was denn?« Er kehrte vom Flur wieder um.

»Willst du mir denn nicht mal ein gutes Wort gönnen? ... nicht mal das? ...«

»Was denn, soll ich dich am Ende erst noch abtätscheln, und Amouren mit dir treiben? Da hab' ich andere Dinge im Kopf,« er schlug die Tür hinter sich zu und ging hinaus.

Er pfiff durch die Zähne, stützte sich auf seinen Stock und schritt rüstig aus, so daß der Schnee unter seinen Füßen knirschte. Vom Weg aus sah er sich nach dem Haus um. Anna stand an der Wand und schluchzte, und aus dem anderen Fenster sah Veronka hinaus.

»Aas, heult nur und heult – dazu hat sie Verstand genug! – In die Welt geh' ich fort!« murmelte er und sah rundum. Seine Augen flogen über die reifverhüllten Schneeweißen! Eine Sehnsucht zog und drängte ihn und trieb ihn vor sich hin, so daß er mit Freuden an andere Dörfer, neue Menschen und an ein neues Leben dachte. Ganz unerwartet war das über ihn gekommen, ganz von selbst, und hatte ihn plötzlich mit fortgerissen, wie wenn reißendes Wasser einen schwachen Strauch ergreift, so daß es gar nicht möglich war, sich zu widersetzen oder umzukehren. Sein Los hatte ihn in die Welt hinausgetrieben. Noch vor einer Stunde dachte er nicht daran, daß er gehen würde, wußte es nicht einmal. Von selbst ist es gekommen aus der Welt, wohl der Wind hatte ihm diesen Wunsch angeweht und ihm das Herz mit dem unaufhaltsamen Begehren der Flucht geschürt. Lohnarbeit oder irgendwas, nur fort von hier, fortgehen ... Hei! wie ein Vogel würde er auffliegen, in die weite Welt hinaus, über die Wälder, über das grenzenlose Land ... Natürlich, was soll er da verkommen, worauf denn warten? Diese Erinnerungen haben ihn schon aufgesogen, daß ihm die Seele wie ein Hobelspan ausgetrocknet ist, was hat er davon? ... Der Priester hat recht, gut hat er es ihm klargemacht, daß er mit dem Vater vor Gericht nichts gewinnen wird und noch viel Geld zuzahlen muß. Und mit der Rache wird er schon den rechten Augenblick finden ... den rechten Augenblick; da ist keiner, dem er ein Unrecht geschenkt hätte ... Und jetzt nur weiter irgendwohin, nur weg von Lipce ...

Wo denn zuerst wohl? ...

Er blieb an der Biegung vor der Pappelallee stehen und sah etwas unschlüssig über die im Nebeldunst daliegenden Felder. Ein Kälteschauer hatte ihn durchrieselt, so daß seine Zähne aufeinanderschlugen und ihm von innen ein Beben ankam.

»Durchs Dorf will ich gehen, und dann die Landstraße hinter der Mühle,« beschloß er rasch und bog nach dem Dorf ab. Noch war er nicht einmal ein paar Klafter gegangen, als er zur Seite hinter die Pappelbäume ausweichen mußte/mitten durch die Straße kam ein Schlitten mit Schellengeläute, ganz in eine weiße Schneestaubwolke gehüllt, geradeswegs auf ihn zu.

Boryna kam mit Jagna angefahren, er lenkte selbst; die Pferde griffen mächtig aus, den Schlittenkasten hinter sich her schleifend, wie eine Feder; der Alte schlug noch mit der Peitsche drein, trieb an und erzählte ihr lachend etwas. Auch Jagusch sprach laut, brach jedoch plötzlich ab, als sie Antek gewahrte; ihre Augen sogen sich auf einen Augenblick aneinander fest, auf dieses eine kurze Blitzen nur, dann wurden sie auseinandergerissen, der Schlitten glitt rasch davon und versank im Schneegefiirr. Antek rührte sich nicht von der Stelle, er war ganz versteinert und sah ihnen nur nach ... zuweilen tauchten sie aus der Schneeweiße auf, es blitzte der rote Beiderwand an Jagusch ihrem Kleid oder die Schellen klirrten lauter auf, sie verschwanden, verloren sich unter dem Dach der bereiften Zweige, die, ineinander verwoben, sich über dem Weg wölbten; es war als jagten sie mitten durch diese Weiße hindurch, als hätte man einen Durchschlag in den Schneemassen gemacht, und diese Wölbung stützte sich auf die schwärzlichen Stämme der Pappeln, die von beiden Seiten des Weges gebückt dastanden und sich beugten wie in einem schweren, ermüdenden Aufstieg hügelan. Er sah noch immerzu in ihre Augen, sie standen vor ihm, blitzten im Schneewirbel wie Flachsblüten, wuchsen überall aus der Landstraße hervor und schauten erschrocken und verängstigt, staunend und freudig zugleich drein und doch durchdringend und voll lebendiger Glut.

Seine Seele verdunkelte sich, versank in Nebel, als hätte ihn der weiße Reif ganz zugeschüttet und ganz durchdrungen, und nur diese himmelblauen Augen ganz allein leuchteten noch in ihm. Er ließ den Kopf hängen und schleppte sich langsam weiter, ein- und zweimal drehte er sich immer wieder um, doch es war schon nichts mehr zu sehen unter den Pappeln, manchmal nur klagte von weitem eine Schelle auf und eine Schneewolke erhob sich in der Ferne.

Alles war ihm entschwunden, als hatte er plötzlich die Seele verloren, an nichts dachte er mehr zurück, nur hilflos sah er sich um, ohne zu wissen, was er anfangen sollte ... wohin gehen ... und was mit ihm geschehen war/als wäre er in einen wachen Traum verfallen, aus dem er nicht erwachen konnte.

Fast ohne zu wissen, drehte er nach der Schenke um, ein paar Schlitten ausweichend, die mit Menschen angefüllt waren; doch er konnte niemanden unterscheiden, obgleich er aufmerksam hinsah.

»Wohin wollen denn die alle zusammen?« wandte er sich an Zankel, der an der Tür der Schenke stand.

»Zum Gericht. Die Klage gegen den Gutshof wegen der Kuh und dem Durchprügeln der Hüter, ihr wißt ja schon! Sie fahren mit allen Zeugen, Boryna ist schon voraus.«

»Werden sie denn gewinnen?«

»Warum sollen sie verlieren? Sie klagen gegen den Gutsherrn aus Wola, der Gutsherr aus Rudka wird zu Gericht sitzen, warum soll da der Gutsherr verlieren? Die Leute fahren sich etwas spazieren, werden den Weg zurechtfahren, sich amüsieren/in der Stadt brauchen die Unseren auch was zu verdienen. So gewinnen alle was.«

Antek gab nicht acht auf sein Gespött, ließ sich Branntwein geben, lehnte sich über die Tonbank und stand so in sich versunken, wie von Sinnen, fast eine gute Stunde da, ohne selbst das Schnapsglas angerührt zu haben.

»Euch fehlt was?«

»Ii, was sollte mir da fehlen ... laßt mich mal in den Alkoven hinein.«

»Man kann nicht, dort sitzen Händler, große Händler, die haben gekauft den zweiten Hau vom Gutsherrn, den in der Wolfskuhle, nu brauchen se Ruhe, vielleicht schlafen se auch.«

»Die Krätzjuden werd' ich an ihren Bärten herausschleppen und in den Schnee hinausschmeißen!« schrie er und warf sich wütend gegen den Alkoven, aber an der Tür kehrte er um, nahm die Flasche und drückte sich hinter den Tisch in die dunkelste Ecke.

In der Schenke war es leer und still, nur die Juden riefen hin und wieder mal etwas in ihrer Sprache, so daß Jankel zu ihnen hineinrannte, oder es kam auch einer herein auf ein Gläschen, trank aus und ging davon. Der Tag neigte sich schon auf die andere Seite und der Frost schien wieder zu steigen, denn die Kufen der Schlitten knirschten im Schnee und eine Kälte zog durch die Schenke. Antek aber saß noch immer und trank; er schien nachzudenken und wußte gar nicht, was mit ihm und rings um ihn geschah.

Ein Quartmaß nach dem anderen wurde ihm eingeschenkt, er aber sah immer nur jene blauen Augen vor sich, die ihm so nah waren, daß seine Augenlider sie fast streiften; die dritte Quart trank er aus und immer noch leuchteten sie, nur fingen sie an zu kreisen, zu schaukeln und durch die Schenke zu Irrlichtern. Ein Frost kam ihm vor Angst, er sprang auf, schlug mit der Flasche auf den Tisch, daß sie in Stücke zersprang und ging zur Tür.

»Bezahlen sollt ihr!« schrie Zankel, ihm den Weg eilig vertretend, »bezahlen sollt ihr, ich werd' euch nicht borgen.«

»Aus dem Weg, du Hundejud', sonst schlag' ich dich zu Tode!« brüllte er mit solcher Macht, daß der Jude erbleichte und schnell beiseite trat.

Antek aber stieß gegen die Tür und machte sich davon.

 

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