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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialEs ging zum Frühling ... In einer ununterbrochenen Kette kamen die nassen Märztage, daß schon ein richtiges Hundewetter entstand, mächtig kalt und neblig; Tag für Tag fiel Regen mit Schnee, Tag für Tag schleppten sich schmutzige zerzauste Wolken dunkel über die Felder und hielten dermaßen jegliche Helle nieder, daß eine düstere, zähe Dämmerung vom Morgengrauen bis in die Nacht über der Welt hing, und wenn manchmal aus den grauen Untiefen die Sonne hervorsah, dann war es kaum auf ein Ave, so daß, ehe sich die Seele des Lichts erfreuen konnte und die Knochen die Wärme fühlten, schon neue Dunkelheiten über der Welt sich ausbreiteten, neue Winde ihre Klagen anstimmten, neue Schauer und Wetter kamen, so daß mancher Tag, wie ein besudelter Köter aussah, ganz voll Dreck, mit niederrieselndem Schmutz über und über bedeckt und vor Kälte winselnd.

Die Zeit wurde den Leuten lang, daß es gar nicht zu sagen war, man stärkte und tröstete sich nur damit, der Lenz würde, wenn man nur noch ein zwei Wochen aushielte, sicherlich siegen und alles gut machen. Inzwischen aber dauerte das Schmutzwetter an; es war nicht mehr zum Aushalten, durch die Dächer sickerte die Nässe hindurch, drang hier und da durch die Wände und Fenster und kam zuletzt schon von überallher angeflossen, so daß man mit dem Wasser keinen Rat mehr wußte, denn es flutete von den Feldern her, füllte alle Gräben und ließ die Wege aufglitzern, als wären sie reißende Bäche, es überflutete die Zäune, bildete auf den Höfen große Lachen, und da der Schnee von Tag zu Tag schneller taute und dazu immer noch Regen fiel, die Erde aber rasch aufweichte und das Eis schmolz, so entstand hier und da auf den nach Süden zu gelegenen Stellen ein solcher Dreck, daß man vor den Häusern Bretter legen und auf die Straßenübergänge Stroh auswerfen mußte.

Auch die Nächte waren schwer zu ertragen, sie waren lärmend, regnerisch und so voll Dunkelheit, daß es schon manches Mal scheinen wollte, als wäre alle Helle für ewig erloschen; in den wenigsten Häusern wurde am Abend noch Licht angezündet, die Leute gingen mit dem Eintritt der Dämmerung schlafen, denn die Zeit wurde ihnen gar zu lang. Nur da, wo die Spinnerinnen sich versammelten, leuchteten die Fensterscheiben, und leise tönten die Fastengesänge und andere Lieder von dem bitteren Leiden Christi/ es antwortete ihnen der Wind, die Regenschauer und das Rauschen der Bäume, die mit ihren Ästen gegen die Zäune schlugen.

So war es denn auch kein Wunder, daß Lipce in diesem Tauwetter wie versunken dalag, denn kaum konnte man die Häuser von den durchweichten Feldern und der regenerfüllten Welt unterscheiden, kaum konnte man sie in diesen schmutzig grauen Nebeln erspähen, wie sie zur Erde geduckt, triefend vor Nässe, schwarz und ganz armselig dahockten, und Felder, Gärten, Wege und Himmel schienen eine einzige bläuliche Flut, so daß man nicht wußte, wo der Anfang und wo das Ende sein sollte.

Es herrschte dabei eine lästige, durchdringende Kälte, und selten, daß man einem auf der Dorfstraße begegnete; nur der Regen klatschte, die Winde fegten, die armen Bäume zitterten und Trauer wehte durch die Welt. Es schien rings alles leer, und im Dorf, das wie ausgestorben war, regte sich nichts; man hörte nur so viel an lebendigen Stimmen, was dort an Vieh vor seiner leeren Krippe brüllte oder was die Hähne krähten und die Gänseriche, die man von den brütenden Gänsen getrennt hatte, auf den Höfen hin und wieder schrien.

Und weil die Tage immer länger wurden, so wurde den Menschen die Zeit noch mehr zur Last, denn niemand hatte etwas zu tun; nur einige arbeiteten an der Sägemühle, ein paar fuhren Holz für den Müller ein, und der Rest saß in den Häusern herum. Manch einer von den Älteren machte sich daran, die Pflüge zurechtzumachen, Eggen und anderes Ackergerät für den Frühling in Ordnung zu bringen; nur daß auch dieses nicht glatt vonstatten gehen wollte, denn alle wurden durch das Regenwetter in gleicher Weise gequält und Sorgen erfüllten die Herzen, denn das Winterkorn litt schwer unter den kalten Schauern, so daß es auf niedriger gelegenen Feldern teilweise schon ganz erfroren schien. Bei manch einem war es wieder das Viehfutter, das zu Ende ging, und der Hunger sah in die Kuhställe hinein, hier und da zeigte es sich, daß die Kartoffeln erfroren waren. Krankheiten nisteten sich in den Häusern ein und viele spürten schon die böse Zeit der Not, die vor den neuen Ernten kam.

Und in mehr als einem Haus kochte man nur einmal täglich das Essen und bekam Salz als die einzige Zutat. So zog man denn auch immer häufiger zum Müller, einen Scheffel gegen blutigen Tagelohn zu holen, denn er war ein arger Menschenschinder. Niemand hatte bares Geld zu Hause, noch etwas, das er in die Stadt zum Verkauf fahren konnte; es waren auch solche da, die zum Juden in die Schenke gingen und bei ihm bettelten, er möge ihnen doch wenigstens etwas Salz, ein Quart Grütze oder selbst einen Laib Brot borgen.

Natürlich: muß der Bauch mal suchen, darf das Hemd nicht fluchen.

Und bedürftiges Volk war gerade genug da, doch nirgends ein Verdienst; die Hofbauern hatten selbst nichts zu tun; der Gutsherr hatte nicht nachgegeben und gehalten was er sich zugeschworen, daß er keinen aus Lipce etwas im Walde verdienen lassen wollte, obgleich sie von der ganzen Dorfgemeinde bei ihm gewesen waren; natürlich war da jetzt bei Kätnern und ärmeren Bauern eine solche Not, daß manch einer noch sich glücklich preisen und Gott danken konnte, wenn er Kartoffeln mit Salz hatte und die bitteren Tränen als Beigabe dazu. So war es auch natürlich, daß aus allen möglichen Gründen immerwährende Klagen und Unfrieden, Hader und Schlägereien entstanden, denn das Volk hatte schwer zu leiden, ging bedrückt herum in dem Gefühl eines unsicheren Morgens und vor Unruhe krank, so daß es die erste beste Gelegenheit suchte, um dem lieben Nächsten mit Zuschlag das zu vergelten, was an einem jeden selber fraß/darum waren die Häuser voll Geklatsch, Gegeifer und Unfrieden. Und als Teufelszugabe stürzten sich verschiedene Krankheiten aufs Dorf, wie das eben meistens so vor dem Frühling ist, in der ungesunden Zeit, wenn stinkende Ausdünstungen aus der auftauenden Erde steigen. Zuerst kamen also die Pocken, und wie ein Habicht unter den Gosseln würgten sie die kleinen Kinder ab, hin und wieder selbst ein älteres ergreifend; sogar die beiden jüngsten vom Schulzen konnten die herbeigeholten Doktoren nicht retten, so trug man sie denn auf den Friedhof hinaus; dann kamen Fieber und böse Hitzen und andere Krankheiten über die Älteren, in jedem zweiten Hause kränkelte einer, sah auf des Pfarrers Kuhstall und wartete auf Gottes Erbarmen/so daß die Dominikbäuerin gar nicht mit all dem Herumkurieren fertig werden konnte; und dabei fingen auch die Kühe an zu kalben, und manche Frau kam in die Wochen; die Unruhe im Dorf wurde immer größer und die Verwirrung wuchs.

Diese Sachen brachten es mit sich, daß es unter den Leuten zu gären begann; man erwartete immer ungeduldiger den Frühling, denn allen schien es, daß, wenn nur erst der Schnee weg wäre, die Erde auftaute und abtrocknete, die Sonne etwas zu wärmen anfinge und man mit dem Pflug ins Feld hinausgehen könnte, Not und Sorgen ein Ende nehmen müßten.

Aber es hatte den Anschein, als ob der Frühling in diesem Jahr etwas langsamer käme, als in früheren, denn es goß immerzu und auch die Erde taute langsam auf, das Wasser floß träger ab, und was noch schlimmer war, die Kühe haarten noch gar nicht, der Winterpelz saß noch fest; dieses aber bedeutete, daß der Winter noch länger anhalten sollte.

Wenn also nur irgendeine trockene Stunde kam und die Sonne aufleuchtete, wimmelte es gleich vor den Häusern, und die Menschen prüften sehnsüchtig mit erhobenen Köpfen den Himmel, überlegend, ob es nicht auf einen längeren Witterungswechsel ginge; die Alten krochen bis vor die Häuserwände hinaus, sich die machtlosen Glieder zu wärmen; und was an Kindern im Dorfe war, rannte mit Geschrei auf den Wegen, wie Fohlen, die man auf das junge Gras hinausgelassen hatte.

Und was gab es da in solchen Stunden, Freude, Lustigkeit und Lachen!

Die ganze Welt war voll Sonne, alle Gewässer leuchteten, die Gräben waren als hätte sie jemand mit flüssigem Sonnenlicht bis an die Ränder gefüllt, die Wege schienen wie aus geschmolzenem Gold gemacht zu sein, das durch den Regen reingewaschene Eis auf dem Weiher blinkte schwärzlich wie eine Zinnschüssel, selbst die Bäume funkelten naß betaut, nur die von Rinnsalen zerfurchten Felder lagen noch stumm, schwarz und tot da und doch schon wie Wärme atmend und lenzgeschwellt, voll Geglitzer und gurgelnder Wasserstimmen; hier und da leuchtete noch nicht abgetauter Schnee in seiner grellen Weiße, wie Linnen, das man zum Bleichen ausgebreitet hatte. Der Himmel wurde blau, die etwas nebligen wie mit Spinnweben umsponnenen Weiten taten sich auf, so daß das Auge sie durchdringen und hinaus in die endlosen Felder eilen konnte auf die dunklen Umrisse der Dörfer zu, nach dem Umkreis der Wälder, in die freudeatmende Welt, und durch die Lüfte ging ein so liebes, lenzliches Wehen, daß in den Menschenherzen ein Freudeschrei laut wurde, daß die Seelen sich losrissen und es einen in die Welt hinausdrängte, und jeder wäre gern in diesen Sonnenglanz hineingeflogen, wie die Vögel, die von irgendwo aus dem Osten hergezogen kamen und am reinen Himmel dahinschwammen; jeder war froh, vor dem Haus zu stehen und redete gern, selbst mit seinen Feinden.

Dann verstummte alles Gezänk, der Streit erlosch, Wohlwollen zog in die Herzen und lustige Zurufe flogen durchs ganze Dorf, füllten die Häuser mit Frohsinn und zitterten wie Vogelgezwitscher in der warmen Luft.

Man öffnete weit die Haustüren, die vernagelten Fenster, um in die Stuben etwas Luft hineinzulassen, die Weiber setzten sich mit ihren Wocken auf die Wandbänke und selbst die Kindlein trug man in ihrer Wiege hinaus ins Sonnenlicht. Aus den offenen Kuhställen kam hin und wieder sehnsüchtiges Gebrüll, die Pferde wieherten, an den Halftern zerrend, die Gänse liefen von den Eiern weg und lockten sich kreischend mit den Gänserichen in den Obstgärten, die Hähne krähten auf den Zäunen und die Hunde bellten wie toll auf den Wegen, mit den Kindern durch den Straßenschmutz jagend.

Die Leute aber blieben an den Hecken stehen und sahen, mit den Augen gegen das blendende Licht blinzelnd, freudig auf das sich im Sonnenlicht badende Dorf, dessen Fensterscheiben wie im Feuer spielten; die Frauen redeten nachbarlich miteinander von Garten zu Garten, ihre Stimmen hallten im ganzen Dorf wider. Man erzählte sich, daß schon einer die Lerche gehört und daß man schon Bachstelzen auf dem Pappelweg gesehen hätte; dann wiederum wollte einer am Himmel, hoch unter den Wolken, eine Schnur Wildgänse erkannt haben, so daß bald das ganze Dorf auf die Straße stürzte, um sie zu sehen, und noch ein anderer erzählte dann, auch die Störche wären schon auf den Wiesen hinter der Mühle eingefallen. Man glaubte diesem nicht, denn der Monat März war kaum zur Hälfte gediehen! Und einer/es war anscheinend dem Klemb sein Junge/brachte die erste Sumpfviole und rannte mit ihr von Haus zu Haus, daß sie das blasse Blümelein, wie eine große Heiligkeit, mit tiefem Staunen betrachteten und sich sehr verwunderten!

So machte es die verräterische Wärme, daß es den Menschen schien, als finge der Frühling an, als könnten sie bald mit den Pflügen ins Feld hinausziehen. Darum blickte man mit um so größerer Furcht auf den sich plötzlich umwölkenden Himmel und sah mit tiefer Trauer die Sonne sich wieder verbergen und aufs neue einen eisigen Wind aufkommen. Die frohen Lichter erloschen, die Welt wurde dunkler und ein seiner Regen begann zu sprühen! ... Und gegen abend fing es an, große nasse Flocken zu schneien, daß vielleicht in zwei Paternostern das ganze Dorf und die Felder wieder weiß waren.

Alles kehrte so rasch zum früheren Zustand wieder zurück, daß es manch einem bei den neuen Regentagen voll Hagelschauern, Graupeln und Schmutz schien, als wären jene sonnigen Stunden nur ein seliger Traum gewesen.

In solchen Geschäften, Freuden, Nöten und Sehnsüchten ging den Menschen die Zeit dahin; kein Wunder also, daß Anteks Streiche, Borynas Eheleben oder auch andere Geschichten, Todesfälle und was noch alles vorfiel, wie Steine auf den Grund der Erinnerung fielen; denn jeder hatte genug Eigenes, daß er kaum damit fertig werden konnte.

Und die Tage flossen unaufhaltsam vorüber, wuchsen wie Fluten an, die von einem großen Meer kommen, dessen Anfang und Ende kein Mensch erkennen kann; sie flossen und flossen, und kaum hatte einer die Augen geöffnet, kaum hatte er sich umgesehen, kaum etwas begriffen, da war schon eine neue Dämmerung, eine Nacht, ein neues Morgengrauen und ein neuer Tag und neue Sorgen gekommen, und so immerzu im Kreislauf, damit Gottes Wille geschehe!

An einem Tag, wohl gerade zur Halbfastenzeit, wurde das Wetter noch schlechter, als es je sonst gewesen; und obgleich nur ein feiner Regen rann, fühlten sich die Menschen so schlecht wie nie zuvor, krochen wie gefesselt im Dorf herum, wehmütig die Welt beschauend, die so dicht mit Wolken vollgedrängt war, daß es schien, als ob sich ihre aufgequollenen großen Bäuche an den Baumkronen aufrissen. Es war trübe, naß und kalt und so dunkel, daß es einem zumute war, als müßte man vor unüberwindlicher Sehnsucht weinen; niemand zankte sich an diesem Tag, niemand stritt, jedem war alles gleich, denn jeder suchte nach einer stillen Ecke, um sich hinzulegen und alles zu vergessen.

Der Tag war traurig, wie die Blicke eines Kranken, der kaum, nachdem er die Augen geöffnet und etwas erkannt hat, gleich wieder in das krankhafte Dämmern zurücksinkt. Kaum hatte man Mittag eingeläutet, verfinsterte es sich plötzlich, ein dumpf heulender Wind erhob sich und schlug mit Regen vermengt gegen die dunklen Hauswände.

Auf den Wegen war es still und menschenleer, nur der Wind fegte sausend über den Schmutz, der Regen platschte nieder, daß es war als bewerfe jemand die bebenden Bäume und die altersschwarzen Wände mit schwerem Korn. Der Weiher kämpfte gegen das berstende Eis an, denn immer wieder ertönte ein Krachen und Donnern und das Wasser spritzte lärmend über die Ufer.

An einem solchen Tag, gerade zur Vesperzeit, verbreitete sich im Dorf die Kunde, der Gutsherr hätte den Bauernwald zu fällen begonnen.

Niemand wollte dem erst Glauben schenken, denn wie sollte er nun, da er bis jetzt nicht gefällt hatte, Mitte März, wenn die Erde auftaut und die Bäume die Säfte aufzusaugen beginnen, noch fällen?

Gewiß, man arbeitete im Forst, aber jeder wußte, daß es bei der Bearbeitung des Holzes war.

Wie der Gutsherr war, so war er, aber für dumm hielt ihn keiner.

Und man wußte selbst nicht, wer eine solche Neuigkeit verbreitet hatte; trotzdem kochte es auf im Dorf, daß nur die Türen so klappten und der Schmutz unter den Stiefeln aufsprang; sie rannten mit dieser Nachricht von Haus zu Haus, blieben damit auf den Wegen stehen, kamen in der Schenke zusammen, um zu überlegen und den Juden auszufragen; aber der Rote, das Biest, versicherte und schwor, daß er nichts wüßte; hier und da schrie man schon, böse Worte fielen, und selbst das Wehklagen der Frauen ließ sich vernehmen, die Erregung aber wuchs über die Maßen, und Unruhe, Zorn und Angst befielen das Volk.

Erst der alte Klemb meinte, man solle die Neuigkeit zunächst nachprüfen, und ohne auf das schlechte Wetter zu achten, schickte er seine beiden Söhne zu Pferd in den Wald, um Kundschaft einzuziehen!

Sie kamen lange nicht wieder; kein Haus gab es im ganzen Dorf, aus dem nicht jemand nach dem Wald zu über den Feldweg spähte, auf dem sie ausgeritten waren. Aber schon fing es an zu dämmern und sie waren noch nicht zurück; allmählich befiel die Leute eine Erregung, die, wenn sie sich auch nicht äußerte, weil sie mit Gewalt niedergehalten wurde, doch ganz bedrohlich war; denn sie erfüllte die Seelen mit Zorn wie mit beißendem Rauch, und obgleich noch niemand ganz daran glaubte, waren doch alle sicher, daß die böse Kunde sich bewahrheiten würde. So fluchte denn manch einer, knallte mit den Türen und ging auf den Weg hinaus, zu schauen, ob die Ausgerittenen nicht schon wiederkehrten ...

Die Kosiol aber hetzte das Volk auf, wo sie nur konnte; sie lief mit dem großen Maul herum, und wo man ihr nur Gehör schenken wollte, bestätigte sie, bei allen Heiligkeiten schwörend, sie hätte mit eigenen Augen festgestellt, es wäre schon eine gute halbe Hufe des Bauernwaldes gefällt worden. Sie berief sich dabei auf Gusche, mit der sie sich in der letzten Zeit mächtig angeschwestert hatte. Natürlich bestätigte Gusche alles, da ihr jegliche Unruhe Genugtuung bereitete; und nachdem sie hier und da bei dieser Gelegenheit eine Menge verschiedener Neuigkeiten in den Häusern gesammelt hatte, ging sie zu den Borynas.

Gerade hatten sie dort das Lämpchen in der Gesindestube angezündet, Fine und Witek schälten Kartoffeln und Jagna besorgte die Abendwirtschaft; der Alte war etwas später heimgekommen, und Gusche fing an, ihm alles eifrig und mit einer gehörigen Zugabe zu erzählen.

Er entgegnete nichts darauf, sondern sagte zu Jagna:

»Nimm den Spaten und lauf hin, dem Pjetrek zu helfen, man muß das Wasser aus dem Obstgarten ablassen, sonst kann es in die Kartoffelgruben kommen ... Rühr' dich doch schneller, wenn ich 's dir gesagt habe!« schrie er.

Jagna murmelte etwas gegen an, aber er sperrte so giftig das Maul gegen sie auf, daß sie rasch hinlief; er selbst aber ging auf den Hof, um aufzupassen; und seine zornige Stimme war mal aus dem Pferdestall, mal aus dem Kuhstall oder bei den Kartoffelgruben zu hören, und so laut, daß es im Hause widerhallte.

»Ist er denn immerzu so zänkisch?« fragte die Alte.

»Immerzu,« entgegnete Fine, ängstlich aufhorchend.

So war es auch, denn seit dem Tage der Versöhnung mit seiner Frau, zu der er sich so rasch bereit erklärt hatte, daß man sich selbst darüber überall wunderte, war er ganz verwandelt. Immer schon zeigte er sich hart und unnachgiebig, jetzt aber war er rein zu einem Stein geworden. Jagna hatte er ins Haus wieder aufgenommen, warf ihr nichts vor, aber hielt sie jetzt ganz wie eine Magd und behandelte und achtete sie nicht anders. Es half ihr weder Freundlichtun noch ihre Schönheit, nicht einmal der Zorn, Grollen und Geschmoll, womit das Weibervolk die Männer zu bekämpfen pflegt. Er achtete gar nicht darauf, als wäre sie ihm eine Fremde und nicht seine angetraute Frau; und selbst darum kümmerte er sich nicht, was sie trieb, obgleich er gewiß gut über ihre Zusammenkünfte mit Antek Bescheid wußte.

Er lauerte ihr selbst nicht mehr auf und schien gar nichts mehr auf sie zu halten. Ein paar Tage nach der Versöhnung fuhr er in die Stadt und kam erst am nächsten Tag zurück; man flüsterte sich im Dorf zu, daß er beim Notar Verschreibungen gemacht hätte, und andere ließen verlauten, daß er der Jagna seine frühere Verschreibung zurückgenommen hätte. Natürlich wußte niemand die Wahrheit außer Anna, die sich jetzt einer solchen Gunst bei ihrem Schwiegervater erfreute, daß er sich ihr in allem anvertraute und sie um Rat fragte; aber die ließ vor keinem nicht einmal einen Hauch darüber aus dem Mund, sah Tag für Tag beim Alten ein, und die Kinder gingen schon fast gar nicht mehr von dem Borynahof fort, so daß sie oft selbst mit dem Großvater schliefen, so liebte er sie jetzt.

Boryna fing nun wieder an, gesünder auszusehen, ging aufrecht wie früher und sah trotzig in die Welt; nur war er so zänkisch geworden, daß ihn wegen jeder Kleinigkeit die Wut ankam. Es fiel allen schwer, mit ihm auszukommen, geradezu nicht zum Aushalten war es; denn worauf er die Hand legte, das mußte natürlich sich zur Erde beugen, um so zu sein, wie er es wollte, und wenn nicht, dann hinaus aus dem Haus!

Gewiß, Unrecht tat er niemandem, aber auch Güte säte er im allgemeinen nicht aus, die Nachbarn fühlten das gut. Er hatte das Regiment in seine Hände genommen und ließ nicht auf ein Paternoster locker, bewachte gut die Vorratskammern und noch mehr die Tasche, gab selbst von den Vorräten heraus und wachte streng darüber, daß sie nicht das Hab und Gut vergeudeten; gegen alle war er hart, besonders aber gegen Jagna, denn nie gönnte er ihr ein freundliches Wort und trieb sie so zur Arbeit an, wie ein störrisches Pferd, ließ in keiner Weise locker, so daß kein Tag ohne Zank verging, und oft und häufig mußte der Riemen mit nachhelfen oder selbst noch was Härteres, denn in Jagna war ein Böses gefahren und trieb sie zur Auflehnung.

Sie fügte sich wohl: was sollte sie denn auch tun ›des Gatten Brot, des Gatten Wille‹ aber für ein unangenehmes Wort hatte sie ihrer zehn bereit, auf jedes Anschnauzen erhob sie ein solches Geschrei, machte sie ihm einen solchen Skandal, daß es im ganzen Dorf zu hören war. Es war auch die reine Hölle im Hause immerzu, als hätten beide darin Gefallen gefunden, in Bosheit miteinander aufs äußerste zu ringen, welches von ihnen die Oberhand gewinnen würde, und keines wollte zuerst weichen.

Vergeblich wollte die Dominikbäuerin sie besänftigen und Frieden stiften: sie konnte nicht gegen den Groll und die gegenseitigen Kränkungen und das Unrecht, das ihnen die Herzen überwucherte, ankommen.

Borynas Lieben war wie der vorjährige Frühling vorübergegangen, an den niemand mehr zurückdenkt; es blieb nur die lebhafte Erinnerung an ihre Untreue, die nicht zu tilgende Schande und der unversöhnliche Zorn/auch Jagnas Seele hatte sich bedeutend geändert, es war ihr alles nicht recht, alles schwer und so zuwider, daß es gar nicht zu sagen war; ihre Schuld fühlte sie noch nicht, und die Strafen empfand sie schmerzlicher als die anderen Frauen, da sie ein empfindlicheres Herz hatte, in Zärtlichkeit erzogen war und schon an sich viel zarter war als die anderen.

Sie quälte sich auch, Jesus, und wie sie sich quälte!

Natürlich machte sie dem Alten alles zum Trotz, gab nicht ohne Muß nach und wehrte sich wie sie konnte; aber dieses Joch drückte immer schwerer und schmerzlicher auf ihrem Nacken, und Rettung kam von nirgendwo. Wie viele Male wollte sie zur Mutter zurückkehren/die Alte war damit nicht einverstanden und drohte ihr noch, daß sie sie mit Gewalt und wenn es sein müßte, selbst an einem Tau ihrem Mann zurückbringen würde...

Was sollte sie da anfangen ... was? Da sie doch nicht leben mochte, wie die anderen Weiber, die da nicht mit den Burschen sparen und sich jede Freude gönnen, zu Hause die Hölle ruhig aushalten, Tag für Tag sich mit ihren Männern herumprügeln und jeden Abend schließlich versöhnt zusammen schlafen gehen.

Nein, das konnte sie nicht; das Leben wurde ihr immer mehr zuwider, und eine unsagbare Sehnsucht wuchs in ihrer Seele auf; konnte sie denn wissen, wonach?

Für Böses zahlte sie mit Bösem heim, aber in ihrem Innern lebte sie ewig verschüchtert, gekränkt und so voll Herzeleid, daß sie oft lange Nächte durchweinte, bis das Kissen naß war; und oft waren ihr diese Tage des Zankes so zuwider, daß sie bereit gewesen wäre, in die weite Welt davonzulaufen. Aber wohin sollte sie wohl gehen, wohin?

Rings war die Welt offen, aber so schrecklich, so undurchdringlich, so fremd und stumm, daß sie vor Angst erstarb, wie ein Vöglein, das die Jungen greifen und unter einen Topf stecken.

Kein Wunder also, daß es sie immer wieder zu Antek hinzog, obgleich sie ihn jetzt nur mehr aus Angst und Verzweiflung liebte: denn damals, nach jener furchtbaren Nacht, nach der Flucht zur Mutter, war in ihr etwas gesprungen und erstorben, daß es sie nicht mehr aus ganzer Liebe zu ihm zog, wie früher, daß sie nicht auf jeden seinen Ruf mit klopfendem Herzen und voll Freude angerannt kam und nur wie aus Muß und Zwang ging, und auch darum, weil es im Hause schlecht und langweilig war und wohl auch, um den Alten zu ärgern, und weil sie glaubte, das frühere große Lieben käme wieder/aber tief im Herzensgrund wuchs ein giftig zehrender Groll gegen ihn, daß alles das, was sie dulden mußte, die Widerwärtigkeiten, die Täuschungen und das ganze schwer zu ertragende Leben seine Schuld wären; und dann noch das tiefere, stillere und unaussprechliche Leid, daß er nicht das war, wie sie ihn sich in ihrer Liebe gedacht hatte/ein wilder, zuckender Groll der Täuschung und der Ernüchterung. Er war ihr doch früher als ein ganz anderer vorgekommen, als einer, der sie mit seiner Liebe in den Himmel trug, sie nur mit Güte zu allem nötigte und dem sie über alles in der Welt teuer war als einer, der so anders war wie die andern, daß er niemandem auch nur in irgend etwas glich/und jetzt schien er ihr ganz ebenso, wie das andere Mannsvolk, selbst schlechter noch, denn sie fürchtete ihn mehr als Boryna; er ängstete sie durch sein finsteres Wesen und sein Leid und entsetzte sie durch seinen Haß. Sie fürchtete ihn, wild schien er ihr und furchtbar, wie ein Räuber aus den Wäldern; war es denn nicht so? Selbst der Priester hatte ihn in der Kirche aufgerufen, das ganze Dorf hatte sich von ihm abgewandt, die Leute wiesen auf ihn mit den Fingern, wie auf den Schlimmsten; es kam aus ihm wie Grauen und Todsünde, so daß sie oft, wenn sie seine Stimme hörte, vor Entsetzen zusammenschauerte, denn es war ihr, als ob in ihm das Böse hauste und um ihn die ganze Hölle; es wurde ihr dann so schrecklich zumute, wie wenn Hochwürden das Volk ermahnte und mit Qualen ängstigte.

Es kam ihr nicht einmal in den Sinn, daß auch sie an diesen seinen Sünden mitschuldig war, gar nicht; manchmal nur sann sie über seine Veränderung, sie konnte sich nicht alles so klar überlegen, aber sie fühlte es stark, so daß sie immer mehr das Herz für ihn verlor; manchmal lag sie ihm starr, wie jäh von einem Blitz getroffen, in den Armen und ließ sich nehmen, denn wie sollte man sich einem solchen Starken widersetzen? ... Und außerdem war sie doch noch jung, heißblütig, kräftig/und er erdrückte sie fast mit seinen Liebkosungen; so gab sie sich ihm trotz allem, was sie bei sich dachte, gleich mächtig hin, mit diesem Drang der Erde, die ewig nach warmem Regen und Sonne dürstet; nur daß ihre Seele kein einziges Mal mehr ihm zu Füßen fiel vor ungezügelter Freude, daß sie niemals mehr ein solches Glücksempfinden trunken machte, das einen in Wonnegefühlen bis an die Schwelle des Todes leitet, daß sie sich niemals mehr ganz vergaß; es kam nur öfter vor, daß sie in solchen Augenblicken an zu Hause dachte, an die Arbeit, an den Alten und wie sie ihm noch was Arges zum Trotz tun könnte, und manchmal sogar, daß Antek sie doch gleich fortlassen und selbst davongehen möchte.

Gerade jetzt zog ihr das alles durch den Kopf; sie war damit beschäftigt, das Wasser um die Kartoffelgruben auf den Hof abzulassen, arbeitete widerwillig und nur weil sie mußte, dabei aufmerksam auf die Stimme des Alten hinhorchend, um zu sehen, was er auf dem Hof tat. Pjetrek arbeitete eifrig neben ihr, so daß die harten Erdschollen nur so knirschten und der aufgeworfene Schmutz aufklatschte; sie aber tat nur so viel wie nötig war, um zu zeigen, daß sie bei der Arbeit war, und kaum war der Alte ins Haus gegangen, zog sie die Schürze über den Kopf und schlich behutsam, nachdem sie über den Zaun geklettert war, nach Ploschkas Scheune.

Antek war schon da.

»Ich warte doch schon eine Stunde auf dich,« flüsterte er vorwurfsvoll.

»Du hättest gar nicht warten brauchen, wenn du irgendwo was vorhast,« knurrte sie, unwillig sich umsehend, denn die Nacht war ziemlich hell; der Regen hatte nachgelassen und ein kalter trockener Wind wehte nur von den Wäldern und fiel brausend in die Obstgärten ein.

Er zog sie fest an sich heran und begann ihr Gesicht zu küssen.

»Der Schnaps kommt aus dir, wie aus einer Kufe!« murmelte sie, sich mit Abscheu zurücklehnend.

»Weil ich getrunken hab', stinkt dir schon mein Maul?«

»Hale, an den Schnaps hab' ich doch nur gedacht!« sagte sie weicher und leiser.

»Gestern war ich auch da, warum bist du nicht herausgekommen?«

»Es war solche Kälte, und ich hab' doch auch nicht wenig Arbeit.«

»Das ist wahr, und auch mit dem Alten mußt du jetzt schön tun und ihn mit dem Federbett zudecken,« zischte er.

»Versteht sich, ist er denn nicht mein Mann!« warf sie ihm hart und ungeduldig hin.

»Laß das!«

»Wenn es dir nicht gefällt/dann brauchst du überhaupt nicht zu kommen, ich werd' dir nicht nachweinen.«

»Es wird dir wohl schon über, zu mir herauszulaufen, das ist so ...«

»Ach was, weil du immer nur auf mich zu brummen hast, rein wie auf einen gescheckten Hund ...«

»Sieh doch mal, Jagusch, ich hab' doch so viel eigene Sorgen, daß es kein Wunder ist, wenn dem Menschen ein hartes Wort entschlüpft; es ist doch nicht aus Bosheit, nein,« flüsterte er demütig, umfaßte sie und preßte sie herzlich an sich; aber sie blieb steif und verärgert, und wenn sie seine Küsse zurückgab, dann tat sie es, weil es so sein mußte, und wenn sie ein Wort sagte, dann geschah es nur, um was zu reden, und sah sich dabei immerzu um, weil sie doch schon heimgehen wollte.

Er fühlte das gut, allzugut, als hätte man ihm Brennesseln unter den Brustlatz geschoben, so brannte ihn das, bis er mit ängstlichem Vorwurf ihr zuflüsterte:

»Früher hattest du es nicht so eilig, Jagusch...«

»Ich fürchte mich doch, alle zu Hause können mich suchen...«

»Versteht sich; aber früher, wenn es die ganze Nacht gewesen wäre, hast du dich nicht gefürchtet, du bist ganz anders...«

»Red' nicht, was sollt' ich da anders sein...«

Sie verstummten, sich fest umarmend; manchmal preßten sie sich leidenschaftlicher aneinander, durch ein plötzliches Begehren getrieben, und suchten gierig nach den Lippen, hingerissen durch die gemeinsame Flut der Erinnerungen, durch das Bewußtsein der Schuld gegeneinander, des Sichbedauerns, Mitleids mit sich selbst, und durch den tiefen Wunsch, ineinander zu versinken/aber sie konnten nicht dagegen an, denn ihre Seelen flohen fern voneinander, sie fanden keine zärtlichen und beruhigenden Worte, in ihren Herzen waren so lebhafte, bittere Kränkungen, daß ihre Arme sich unwillkürlich lösten; eine Kühle kam über sie, die Herzen in der Brust schlugen unruhig aneinander und Worte des Trostes und der Zärtlichkeit, die sie einander nicht zu sagen wußten, noch wollten, irrten auf ihren Lippen.

»Hast du mich denn lieb, Jagusch?« flüsterte er leise.

»Das hab' ich dir doch schon mehr wie einmal gesagt! Komme ich denn nicht immer zu dir 'raus, wenn du mich rufst? ...« entgegnete sie ausweichend und rückte mit ihrer Hüfte näher an ihn heran; denn ein Leid bedrückte ihre Seele und füllte ihre Augen mit Tränen, sie hatte Lust, vor ihm zu weinen und ihn um Verzeihung zu bitten, daß sie ihn nicht mehr so lieben könne; aber er merkte das gleich, denn ihre Stimme fiel ihm wie Eis aufs Herz, so daß er ganz vor Schmerz erbebte und vorwurfsvoller Groll, den er nicht mehr zurückhalten konnte, sein Herz überflutete.

»Du lügst wie ein Hund; alle sind von mir abgefallen, da hast du es auch eilig, es den anderen nachzutun. Du hast mich lieb, natürlich, wie den bösen Hund, der beißen könnte und den man sich schwer vom Leibe halten kann! Natürlich! Ich hab' dich ganz durchschaut, ich kenn' dich gut und weiß, wenn man mich hängen wollte, würdest du die erste sein, die den Strick bereit hätte, und wenn sie mich steinigen wollten, würdest du zuerst nach mir schmeißen!« Schnell, stoßweise entfuhren ihm die Worte.

»Jantosch!« stöhnte sie entsetzt auf.

»Still da, solange ich sage, was ich zu sagen hab',« schrie er drohend und die Fäuste hebend. »Die Wahrheit sag' ich. Und wenn es so weit gekommen ist, dann ist mir schon alles egal, alles!«

»Ich muß schon laufen, sie rufen mich ja!« stotterte sie und wollte entsetzt fliehen; er aber griff nach ihrem Arm, so daß sie sich nicht einmal rühren konnte, und mit einer heiseren, bösen und feindseligen Stimme redete er auf sie ein:

»Und das will ich dir noch sagen, denn mit deinem dummen Verstand kannst du es nicht begreifen, daß, wenn ich so auf den Hund gekommen bin, dann ist es durch dich, dadurch, daß ich dich lieb gehabt habe, verstehst du, dadurch! Wofür hat mich denn der Priester vorgehabt und aus der Kirche herausgetrieben, wie einen Mörder? Um deinetwillen! Alles habe ich erlitten, alles ausgehalten; selbst da hab' ich nicht geflucht, daß dir der Alte so viel von meinem Erbgut verschrieben hat ... Und du hast mich jetzt schon über, windest dich mir aus den Händen, wie ein Aal, zigeunerst mir was vor, rennst davon, fürchtest dich vor mir und schaust mich an, wie alle anderen/wie einen Mörder und den schlechtesten Menschen! Einen anbeten hast du schon nötig, einen anbeten, du möchtest, daß die Burschen hinter dir drein sind, wie die Hunde im Frühjahr, du! ...« schrie er außer sich und walzte all den Groll, den er schon so lange in sich angehäuft hatte und von dem er lebte, auf ihr Haupt; sie beschuldigte er, sie verfluchte er wegen aller Drangsal, die er erlitten hatte, bis ihm schließlich die Stimme versagte und eine solche Wut ihn packte, daß er mit den Fäusten auf sie zu sprang. Doch im letzten Augenblick kam er zur Besinnung, stieß sie nur gegen die Wand und ging eilig davon.

»Mein Jesus, Jantosch!« schrie sie laut auf, als sie plötzlich verstanden hatte, was geschehen war; doch er kehrte nicht um. Sie warf sich ihm verzweifelt entgegen, vertrat ihm den Weg und klammerte sich an seinen Hals fest; er riß sie von sich ab, wie einen Blutegel, warf sie zu Boden und lief, ohne ein Wort zu sagen, von ihr fort. Sie aber sank furchtbar weinend nieder, als ob die ganze Welt über ihr zusammenbrechen wollte.

Erst nach mehreren Paternostern kam sie wieder etwas zu sich, konnte das alles aber noch nicht fassen; das eine nur fühlte sie verzweifelt, daß man ihr ein schreckliches Unrecht angetan hatte; sie hätte es am liebsten aus vollen Kräften in die Welt hinausgeschrien, daß sie unschuldig sei, unschuldig!

Sie rief hinter ihm her, obgleich seine Schritte schon verhallt waren, sie rief in die Nacht hinaus/es war vergeblich.

Eine tiefe, schwere Reue, eine innige Trauer, eine dumpfe, quälende, furchtbare Angst, daß er vielleicht nicht mehr wiederkehren würde, und das alte, plötzlich auferstandene Lieben legten sich auf sie als eine so schwere, harte Last unstillbaren Wehs, daß sie, auf nichts mehr achtend, laut heulend ins Haus lief.

Auf der Galerie stieß sie auf einen der Klembburschen, der nur den Kopf zur Stube hineinsteckte, und schrie:

»Sie fällen den Bauernwald!« dann rannte er weiter.

In einem Nu hatte sich die Nachricht im Dorf verbreitet, flammte wie ein Brand auf, alle Herzen mit Sorge und argem Zorn erfüllend. Die Türen schlossen sich gar nicht mehr, so liefen sie mit Neuigkeiten von Haus zu Haus.

Natürlich war die Angelegenheit für alle von Bedeutung und so bedrohlich, daß das ganze Dorf plötzlich still wurde, als hätte der Blitz eingeschlagen; sie gingen ängstlich wie auf den Fußspitzen herum, redeten im Flüsterton, jedes Wort abwägend, sich ängstlich umblickend, lauernd und aufhorchend; niemand schrie, niemand lamentierte, niemand drohte mit Rache, denn jeder fühlte in diesem Augenblick, daß eine solche Sache kein Spaß sei, daß hier nicht Weibergeschrei, sondern nur kluge Überlegung und gemeinsamer Beschluß etwas helfen würden.

Es war schon spät am Abend, aber der Schlaf war allen vergangen; manche hatten selbst das Abendbrot stehenlassen, vergaßen die abendlichen Besorgungen im Hause, dachten nicht einmal an sich selbst und trieben sich auf den Wegen herum, blieben an den Zäunen oder am Weiher stehen, und leises, ängstliches Geflüster kam, wie Bienengesumm, hier und da aus dem Dunkel.

Das Wetter war still geworden, der Regen hatte aufgehört und es hellte sich sogar auf; über den Himmel jagten große Wolkenherden, und tief unten zog ein frostiger Wind dahin, so daß die Erde zu harten Schollen zu erstarren begann und die regennassen schwarzen Bäume etwas weißlich wurden, sich allmählich mit Reif bedeckend; die Stimmen, obgleich gedämpft, waren deutlicher vernehmbar.

Plötzlich verbreitete sich die Nachricht, daß einzelne Hofbauern sich versammelt hatten und zum Schulzen zögen.

Und es kam Wintziorek mit dem lahmen Gschela vorüber; es kam Michael Caban mit Franek Bylica, dem Vetter von Annas Vater; es kam Socha; es kam Walek mit dem schiefen Maul, Josef Wachnik, Kasimir Sikora und selbst der alte Ploschka/nur Boryna hatte niemand gesehen; aber man sagte, daß auch er hingegangen war ...

Der Schulze war nicht zu Hause, denn gleich nach Mittag war er ins Amt gefahren; so gingen denn alle zusammen im Haufen zu Klemb, ihnen nach drängte sich auch viel Volk, auch Weiber und Kinder; aber sie sperrten die Tür zu, niemanden mehr hineinlassend; und Wojtek, der Klembjunge, war beauftragt worden, auf den Wegen und vor der Schenke aufzupassen, ob sich nicht vielleicht irgendwo ein Gendarm zeigen sollte ...

Vor dem Haus im Heckenweg und selbst auf der Dorfstraße sammelten sich immer mehr Menschen; jeder war neugierig, was dort die Älteren beschließen würden; sie berieten sich auch lange, nur daß niemand wußte, wie noch was; denn nur durch die Fensterscheiben sah man ihre weißen Köpfe im Halbkreis nach dem Herd zu vorgebeugt, auf dem das Feuer brannte, und an der Seite stand Klemb, redete etwas, bückte sich tief und schlug immer wieder mit der Faust auf den Tisch.

Die Ungeduld der Wartenden wuchs von Minute zu Minute, bis schließlich Kobus, dann Kosiols Frau und einzelne Burschen zu murren und laut über die sich Beratenden herzuziehen begannen, daß sie sicher wohl nichts für das Volk beschließen würden, denn es ginge denen doch nur um sich selbst, so daß sie vielleicht noch bereit sein würden, sich mit dem Gutshof zu einigen, und die anderen Leute könnten dann ruhig umkommen ...

Kobus, die Kätner und anderes geringes Volk waren schon so wütend geworden, daß sie offen die anderen beredeten, man sollte, ohne auf die da drinnen zu warten, an sich selbst denken und für sich was beschließen, und zwar solange es noch Zeit wäre, solange sie die anderen noch nicht verschachert hätten ...

Darauf erschien Mathias und fing an, die Leute zur Schenke zu rufen, um sich dort ungezwungen beraten zu können und nicht wie die Hunde am fremden Zaun zu bellen...

Das leuchtete dem Volk ein und im ganzen Haufen machten sie sich nach der Schenke auf.

Der Jude löschte schon die Lichter, aber er mußte öffnen und sah mit Angst auf die hereindrängende Menge; sie traten schweigend ein, still alle Bänke, Tische und Ecken besetzend, denn niemand trank, sie bildeten nur dichte Haufen, leise miteinander redend und darauf wartend, wer zuerst hervortreten würde und womit ...

Es fehlte auch nicht an Eifrigen, die die ersten dabei sein wollten, nur daß noch jeder schwankte, hervorzutreten und sich nach den andern umsah, bis schließlich Antek sich mittenhinein drängte und von der Stelle weg scharf auf den Gutshof zu schimpfen begann.

Obgleich er im Sinne aller gesprochen hatte, bekräftigte doch kaum einer seine Worte, man hielt sich abseits von ihm, sah ihn scheel und unwillig an, drehte ihm selbst den Rücken, da man noch zu lebhaft des Priesters Tadel und auch alle seine Sünden in Erinnerung hatte; doch er achtete nicht darauf, und da ihn auch gleich die Leidenschaft fortgerissen hatte und ein Rausch voll wilden Draufgängertums ergriff, so schrie er zuletzt aus ganzer Macht:

»Laßt euch nicht unterkriegen, Leute, laßt nicht ab; das Unrecht, das man euch tut, müßt ihr nicht durchgehen lassen! Heut haben sie euch den Wald genommen, und wenn ihr euch nicht wehrt, dann sind sie morgen bereit, die Krallen nach eurem Grund und Boden, nach euren Häusern, nach eurem Hab und Gut auszustrecken! Wer wird ihnen das verbieten! Wer wird sich ihnen widersetzen! ...«

Da kam plötzlich Bewegung ins Volk, ein dumpfes Murren ging durch die Stube, die Menge wogte auf, Augen blitzten wild, hundert Fäuste erhoben sich plötzlich über die Köpfe und aus hundert Kehlen kam ein brausendes Heulen...

»Wir lassen es nicht zu! Wir lassen es nicht!« schrien sie, daß die Schenke schier vor der Macht ihrer Stimmen erbebte.

Darauf warteten nur die Anführer, denn gleich sprangen Mathias, Kobus und darauf Kosiols Frau und dann auch andere noch in die Mitte, und nun erst ging das Geschrei los, und ein Fluchen und Aufreizen begann, daß bald die Schenke ein einziger Lärm war und man nichts mehr hören konnte als Drohungen, Flüche, Getrampel, das Aufschlagen der Fäuste auf die Tische und das laute, zornige Drohen des empörten Volkes.

Jeder schrie das seine, jeder tobte, jeder riet etwas anderes; sie gebärdeten sich wütend, wie in einem Flur eingeschlossene Hunde... So entstand also ein arger Tumult, ein Geschrei und ein Dagegenreden, denn das Volk war bis im tiefsten Innern erzürnt und durch das ihm geschehene Unrecht maßlos geworden; aber einigen konnten sie sich nicht, denn es war deiner da, der durch seine Macht alle mitreißen und zum Rachewerk führen konnte.

Sie schlossen sich zu kleineren Haufen zusammen, und in jedem war ein Schreier, der am lautesten brüllte und fluchte; im Gedränge aber waren die Anstifter geschäftig an der Arbeit und warfen, wo es nötig war, ein scharfes Wort in die Menge, so daß zu guter Letzt der eine den andern nicht mehr hören konnte, denn alle schrien auf einmal.

»Die Hälfte des Waldes haben sie gefällt, und solche Eichen, daß selbst fünf Mann sie nicht umfassen können.«

»Der Klembsche hat es doch gesehen, der Klembsche!«

»Sie werden auch den Rest fällen, das tun sie, und werden euch nicht deswegen um Erlaubnis bitten!« krächzte Kosiols Frau, sich zur Tonbank vordrängend.

»Immer haben sie das Volk übervorteilt, wo sie nur konnten!«

»Wenn ihr solche Schafsköpfe seid, dann laß sie euch hintreiben, wohin sie wollen ...«

»Nicht nachgeben, nicht nachgeben! Das ganze Dorf muß hin, auseinandertreiben, ihnen den Wald wegnehmen!«

»Diese Unrechttuer! Zu Tode schlagen müßte man sie!«

»Zu Tode schlagen!« schrien sie alle zusammen auf, und wieder reckten sich drohend die Fäuste; ein gewaltiger Schrei brach hervor und die ganze Menge kochte auf vor Haß und Rache, und als es stiller wurde, hörte man Mathias an der Tonbank zu seinen Leuten schreien:

»Alle haben es eng wie in einem Netz, denn überall sind die Herrenhöfe, drücken von allen Seiten wie mit Wänden das Dorf zusammen und würgen uns ab. Willst du die Kuh hinter dem Dorf auf die Weide lassen, gleich sitzt du im Herrschaftlichen; läßt du das Pferd hinaus/gleich ist der herrschaftliche Hafer hinter dem Rain; den Stein kannst du nicht werfen, denn er fällt auf herrschaftlichen Grund ... und gleich treiben sie ein, gleich Gericht, gleich Strafbefehl!«

»Das ist wahr! Das ist so! Eine gute Wiese, die zwei Heuernten gibt, natürlich gehört sie dem Gutshof! Das beste Feld/herrschaftlich, der Wald/herrschaftlich, die ganze Welt/ herrschaftlich ...« bestätigten sie.

»Und du, liebes Volk, sitze im Sand, wärme dich am Mist und warte auf Gottes Erbarmen!«

»Die Wälder wegnehmen, den Boden wegnehmen, nichts lassen, was unser ist!«

Lange schrien sie so, nach allen Seiten fuchtelnd und fluchend, und drohten wutentbrannt; da sie aber laut und in großer Hitzigkeit beratschlagten, so mußte manch einer zur Stärkung Schnaps trinken; die anderen aber tranken Bier, um sich abzukühlen, und den dritten kam das nicht fertig gegessene Abendbrot in Erinnerung, so daß sie auf den Juden um Brot und Heringe einschrien ...

Und als sie etwas gegessen und getrunken hatten, kühlte sich ihre Leidenschaft stark ab und sie fingen an, langsam auseinanderzugehen, ohne etwas beschlossen zu haben.

Mathias aber mit Kobus und Antek, der die ganze Zeit schon abseits stand und etwas überlegte, gingen zu Klemb, und da sie die Hofbauern dort noch trafen, faßten sie mit diesen gemeinsam einen Beschluß für den kommenden Tag und gingen dann still auseinander.

Es war schon späte Nacht, die Lichter verloschen in den Stuben, Friede senkte sich aufs Dorf; nur hin und wieder bellte ein Hund, oder der Wind rauschte auf, so daß die froststarren Bäume in der Dunkelheit gegeneinander anschlugen wie kämpfende Feinde, und dann lange und ängstlich wisperten. Ein tüchtiger Nachtfrost hatte eingesetzt, die Zäune wurden weiß vor Reif; aber gleich nach Mitternacht versteckten sich die Sterne, es verfinsterte sich die Welt und wurde trüb und grau ... das ganze Volk lag im Schlaf; aber die Träume waren schwer und fieberhaft. Immer wieder erhob sich leises Kindergreinen, oder einer erwachte ganz in Schweiß gebadet und so seltsam angsterfüllt, daß er die Seele mit einem Gebet stärken mußte; anderswo ließ ein Geräusch die Leute nicht schlafen, sie sprangen auf, um hinauszusehen, ob es nicht Diebe waren; manch einer schrie im Schlaf und erzählte dann, daß ihn ein Alp gedrückt hätte; oder es heulten irgendwo die Hunde so klagend auf, daß die Herzen vor Bangigkeit in einer bösen Vorahnung erbebten ...

Die lange Nacht schleppte sich träge dahin, die Seele mit Angst, Unruhe und mit furchtbaren Träumen umspinnend, die voll Gespenster und Gesichte waren.

Und kaum daß es zu tagen anfing, so daß es gerade erst ein wenig hell geworden war und die Leute die Augen zu öffnen und die schlaftrunkenen Köpfe zu heben begannen, lief Antek nach dem Glockenhaus und fing an, mit der Glocke Sturm zu läuten, wie bei einem Brand ...

Vergeblich wollten ihn Ambrosius und der Organist daran hindern; er beschimpfte sie, wollte sie selbst schlagen, und tat, was er zu tun hatte, mit ganzer Macht.

Die Glocke dröhnte langsam, ununterbrochen und so düster, daß Angst auf alle Herzen fiel, daß die Menschen erschrocken, halb angezogen, hinausstürzten; zu fragen, was geschehen war und vor den Häusern starr stehenblieben, immerzu darauf hinhorchend; denn die Glocke läutete in einem fort und dröhnte mit einer düsteren, lauten Stimme im Morgenlicht des anbrechenden Tages, so daß die Erde zu beben schien und die Vögel aufgescheucht waldwärts flohen. Das entsetzte Volk aber bekreuzigte sich und versuchte sich zufassen, denn Mathias, Kobus und die anderen liefen im Dorf herum, schlugen mit den Knütteln gegen die Zäune und riefen:

»Nach dem Wald! Auf, nach dem Wald! Heraus, alles heraus! Zur Schenke! Nach dem Wald! ...«

So kleideten sie sich denn über Hals und Kopf an, so daß manch einer noch unterwegs seinen Anzug zuknöpfte und sein Morgengebet beendigte und eiligst nach der Schenke rannte, vor der schon Klemb und einige Hofbauern standen ...

Es fing bald an, auf allen Wegen und Stegen zu wimmeln, in allen Häusern war ein Summen, die Kinder erhoben ein großes Geschrei, die Frauen riefen sich von Garten zu Garten verschiedenes hinüber und es entstand ein Lärm und solches Gerenne, als wäre ein Feuer im Dorf ausgebrochen ...

»Auf, nach dem Wald! Nehme jeder mit, was er kann, wenn Sense denn Sense, Dreschflegel, Rungen, Äxte, alles was da ist!«

»Auf, nach dem Wald!« In diesem Schrei erbebte die Luft und das halbe Dorf hallte davon wider.

Es war schon volle Helle, der Tag war ruhig, heiter und etwas neblig, aber frostig, die Bäume standen ganz voll Reif, wie mit Spinnweben überzogen. Auf den Wegen krachte die unter den Füßen zusammenbrechende Erdkruste, das Wasser hatte sich mit einer Eishaut überzogen, so daß man überall zugefrorene Pfützen sah, die wie zerstampftes Glas aussahen, in der Nase kribbelte die scharfe, frische Luft; sie war so hellhörig, daß das Geschrei und der Lärm weit hinaus vernehmbar waren.

Allmählich wurde es jedoch ruhiger; eine Verbissenheit umfing die Herzen und eine grausame, selbstsichere und unbeugsame Macht ließ die Seelen hart wie Stein werden und kleidete sie in einen solchen strengen Ernst, daß sie, ohne es selbst zu wissen, stumm wurden und sich in sich selbst versenkten.

Die Menge wuchs immerzu, sie hatte schon den ganzen Platz vor der Schenke bis an die Dorfstraße eingenommen; dicht nebeneinander standen sie, Schulter an Schulter, und noch immer kamen Nachzügler hinzu.

Man begrüßte sich schweigend, jeder stellte sich hin, wo es sich gerade traf, sah sich um und wartete ruhig auf die Ältesten, die hingegangen waren, Boryna zu holen.

Er war der Erste im Dorf, so ziemte es ihm, das Volk anzuführen, ohne ihn wäre kein Hofbauer gegangen.

Sie standen also geduldig und still, wie ein dichtgedrängter Wald, der auf die Stimmen horcht, die aus ihm steigen, und auf das Murmeln der Bäche, die irgendwo zwischen den Wurzeln vorüberfließen ... Manchmal nur flog ein Wort hinüber oder herüber, eine Faust zuckte empor, ein paar Augen blitzten härter auf, die Schafpelzmützen bewegten sich die Reihe entlang hastiger, in dies und jenes Gesicht stieg eine heftigere Blutwelle; und wieder war alles bewegungslos, so daß sie wie dicht nebeneinander aufgestellte Garben schienen.

Der Schmied kam angelaufen, zwängte sich durchs Gedränge und fing an, den Leuten abzuraten und sie damit zu schrecken, daß für das, was sie vorhätten, das ganze Dorf in Ketten kommen und sich zugrunde richten würde; und ihm nach wiederholte der Müller das gleiche, aber niemand hörte auf sie/man wußte gut, daß die beiden dem Gutshof verbunden waren und ihren Vorteil dabei hatten, das Volk an seinem Vorhaben zu hindern.

Und auch Rochus kam und machte mit Tränen in den Augen ähnliche Vorstellungen/es half aber nichts.

Bis schließlich selbst der Priester angelaufen kam und auf sie einredete/sie hörten nicht auf ihn, standen wie eine unbewegliche Masse; niemand hatte selbst die Mütze abgenommen, keiner küßte ihm mehr die Hand, und jemand rief sogar laut:

»Sie zahlen ihm, da redet er so!«

»Mit einer Predigt wird man das Unrecht nicht gut machen,« warf ein anderer höhnisch dazwischen.

Und sie sahen so finster und verbissen drein, daß dem Priester darob die Tränen in die Augen stiegen und er nicht nachließ, sie bei allem was heilig ist zu beschwören, sie sollten doch zur Besinnung kommen und auseinandergehen; aber er kam nicht zum Schluß, denn Boryna erschien, und das ganze Volk wandte sich ihm zu.

Matheus war bleich wie eine gekalkte Wand und sah so streng aus, daß sich ein eisiger Hauch auf die Anwesenden legte; aber die Augen leuchteten ihm wie einem Wolf, er ging hoch aufgereckt, finster und selbstsicher, begrüßte die Bekannten mit einem Kopfnicken und ließ die Augen über das Volk gleiten; sie traten vor ihm auseinander, einen freien Durchgang bildend, er aber bestieg den Balkenhaufen, der vor der Schenke lag; doch ehe er etwas sagen konnte, fing die Menge schon an zu schreien:

»Führt uns, Matheus, führt uns!«

»Auf nach dem Wald! Nach dem Wald!« kreischten andere dazwischen.

Erst als es stiller wurde, beugte er sich vor, streckte die Hände aus und fing mit lauter Stimme an zu rufen:

»Christliches Volk, gerechte Polen, Hofbauern und Kätner! Ein Unrecht ist uns allen geschehen, das gleiche Unrecht, das man weder dulden noch vergeben kann! Der Gutshof fällt unseren Wald, der Gutshof hat keinen von uns zur Arbeit zugelassen, der Gutshof stellt uns immerzu nach und führt uns ins Verderben! Denn es ist gar nicht auszudenken, all die Ungerechtigkeit, die Pfändungen, der Schaden und die Plagen, die das Volk zu leiden hat! Wir haben ihn verklagt/was kann man ihm aber tun? Wir sind hingewesen, Klage zu führen/es war umsonst. Aber das Maß ist voll, jetzt fällt er unseren Wald! Werden wir es denn zulassen, was?«

»Nein, nein! Nicht erlauben! Auseinanderjagen, zu Tode schlagen, nicht ablassen!« schrien sie, und die fahlen, drohenden und düsteren Gesichter leuchteten auf, wie von Blitzen erhellt; hundert Fäuste fuchtelten durch die Lust, hundert brüllten auf und der Zorn machte die Herzen erbeben.

»Unser ist das Recht und niemand will es uns zugestehen; uns gehört der Wald, und er fällt ihn! Was sollen wir armen Waisen denn tun, wenn niemand in der Welt sich um uns sorgt und alle uns benachteiligen, was denn? ... Liebes Volk, christliche Menschen, Polen, ich sag' es euch, es gibt schon keinen anderen Rat, selbst müssen wir unser Hab und Gut verteidigen mit der ganzen Gemeinde hingehen und nicht erlauben, daß man den Wald fällt! Gehen wir alle hin, alles was da lebt und wer noch die Beine rühren kann, das ganze Dorf, alle, wie ein Mann. Fürchtet euch nicht, Leute, habt keine Angst, das Recht ist auf unserer Seite, so ist auch der Wille und die Gerechtigkeit auf unserer Seite, und das ganze Dorf werden sie nicht bestrafen können ... Mir nach, Leute, sammelt euch flink, mir nach! Auf, nach dem Wald!« brüllte er laut auf.

»Nach dem Wald!« schrien sie ihm alle auf einmal zurück; ein Getöse entstand, der Haufen wogte auf, zerplatzte, und mit lauten Zurufen rannte jeder was das Zeug hielt nach Haus, sich zurecht zu machen, so daß eine eilige, fieberhafte Geschäftigkeit entstand; man kleidete sich an, spannte an, schleppte die Schlitten heraus; die Pferde wieherten, die Kinder schrien, Flüche und Weibergejammer erschollen und das ganze Dorf regte sich in emsiger Vorbereitung. Vielleicht in zwei Paternostern zogen sie schon ganz ausgerüstet nach dem Pappelweg hinaus, wo Boryna mit Ploschka, Klemb und den Ersten in Schlitten warteten.

Sie stellten sich in Reih' und Glied auf, wie es gerade kam, die Männer, Burschen, Frauen, selbst die älteren Kinder gingen mit; die einen kamen im Schlitten gefahren, einige zu Pferde, andere in einem Wagen, und der Rest, fast das ganze Dorf war zu Fuß ausgezogen und hatte sich zu einem dichten Menschenschwarm zusammengeschlossen; wie ein langer Ackerstreifen war er anzuschauen, der mit dichten Halmen rauschend und mit dem Rot der Frauenkleider durchwachsen sich in Bewegung gesetzt hatte und über dem hier und da mächtige Pflöcke, Mistgabeln und Dreschflegel ragten und hier und da, wie ein Blitz, eine Sense aufflimmerte. Das Volk zog wie ins Feld, nur daß kein Lachen, keine Scherze und keine Fröhlichkeit dabei waren. Sie blieben lautlos stehen mit finsteren und strengen Gesichtern, schon zu allem bereit; und als es so weit war, richtete sich Boryna im Schlitten auf, umfaßte das Volk mit den Blicken und rief, sich bekreuzigend:

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen! Vorwärts!«

»Amen! Amen!« pflichteten sie ihm bei, und da gerade die Betglocke erklang/denn der Priester schien mit der Messe begonnen zu haben/bekreuzigte man sich, nahm die Pelzmützen ab, schlug sich an die Brust, und manch einer seufzte wehmütig auf. Und sie setzten sich in Bewegung, einig, entschlossen und im Schweigen, das ganze Dorf fast; nur der Schmied duckte irgendwo in den Heckenwegen nieder, schlich sich bis nach seinem Haus, sprang aufs Pferd und jagte auf Seitenwegen nach dem Herrenhof. Antek aber, der beim Erscheinen des Vaters sich in der Schenke verborgen hatte, nahm, als sie schon davongezogen waren, das Gewehr vom Juden, versteckte es unter dem Schafpelz und rannte querfeldein nach den Wäldern zu ... ohne sich nach dem Volkshaufen umzusehen ...

Die Menge folgte Boryna, der an der Spitze fuhr, rüstig nach.

Gleich hinter ihm her zogen die Ploschkas, so viel ihrer aus drei Höfen waren, von Stacho Ploschka angeführt, nicht gerade schön gewachsenes Volk, großschnauzig, laut und mächtig selbstbewußt.

Und hinterdrein die Sochas, die der Schultheiß führte.

Als dritte kamen die Wachniks, kleine und dürre Kerle, aber verbissen wie die Wespen.

Als vierte gingen die Täubiche, Mathias war ihr Anführer; viel waren ihrer nicht, aber sie wogen die Hälfte des Dorfes auf, denn es waren lauter feste Raufbolde und wie Eichen breitgewachsene Mannsbilder.

Als fünfte kamen die Sikoras, stämmige, sehnige und brummige Gesellen.

Und dann die jungen Klembs und die anderen jungen Burschen, aufgeschossenes, übermütiges, händelsüchtiges und rauflustiges Volk, die der Gschela, der Bruder des Schulzen, führte.

Und schließlich kamen die Bylicas, die Kobus, Pritschek, Gulbas, Patsches, Balcereks, und wer hätte sie alle behalten können.

Sie schritten fest aus, daß die Erde unter ihren Tritten bebte, und kamen finster, hart und drohend daher, wie eine Hagelwolke, die nur immerwährend aufzuckt und mit Blitzen geladen ist und doch ganz stumm dahinzieht, bevor sie jäh niedersaust, um die ganze Welt zu zerstampfen.

Und hinter ihnen her zog Weinen, Geschrei und Wehklagen der Zurückbleibenden.

— — — — —

Die Welt war noch von der Nachtkälte ganz erstarrt, voll schläfriger Dumpfheit und ganz von herben, glasigen Nebeln umhüllt.

Stille lag auf den Wäldern, es wehte eine scharfe Kühle, und das blasse Dämmern der Morgenröte färbte die Wipfel und fiel hier und da auf die bleichen Schneefelder.

Nur in der Wolfskuhle hörte man das Krachen der niederstürzenden Bäume, das Aufschlagen der Äxte und das durchdringende knirschende Kreischen der Sägen.

Sie fällten den Wald...

Mehr als vierzig Mann arbeiteten vom Morgengrauen an, als hätte sich eine Schar Spechte über den Wald hergemacht, sich an die Baumstämme geheftet und hämmerte so versessen und leidenschaftlich drauflos, daß die Bäume einer nach dem anderen fielen und die Lichtung wuchs. Die gefällten Baumriesen lagen hingestreckt, wie ein zerstampftes Getreidefeld, und nur hier und da gleich zähen Disteln ragten die schlanken Samenbäume und beugten sich schwer nieder, wie Mütter, die kläglich die Gefallenen beweinen; hier und da raschelten ein paar nachgebliebene Büsche traurig auf oder ein armseliges Bäumchen, das das Beil nicht verschmäht hatte, bebte ängstlich/und überall auf dem zerstampften Schnee, wie auf jenem letzten Grabeslinnen, lagen die erschlagenen Bäume, Haufen von Ästen, tote Wipfel und mächtige Klötze, geplünderten und zerstückelten Leichnamen ähnlich, und Ströme gelber Sägespäne waren in den Schnee gerieselt wie das klägliche Blut des Waldes.

Und rings um die Lichtung, wie an einem offenen Grabe, stand der Wald in einer zusammengedrängten, undurchdringlichen Masse, wie Freunde, Verwandte und Bekannte, die in einem vorgebeugten Haufen stehengeblieben waren und im ängstlichen Schweigen, mit einem erstickten Schrei der Verzweiflung auf die zu Tode Getroffenen lauschten, starr auf das erbarmungslose Gemetzel sehend.

Denn die Holzschläger schoben sich unaufhaltsam vorwärts, sie hatten sich zu einem breiten Band ausgedehnt und drangen bedächtig und schweigsam auf den Wald ein, der wie unbesiegbar mit einer finsteren, hohen Wand zusammengeschlossener Stämme ihnen den Weg vertrat und sie so mit seiner riesenhaften Gestalt überschattete, daß sie sich im Dämmer seiner Äste zu verlieren schienen. Nur die Äxte blitzten im Waldesdunkel und schlugen unermüdlich drein, immerzu erklang das Kreischen der Sagen, und jeden Augenblick wankte ein Baum, riß sich plötzlich wie ein verräterisch von Leimruten gefangener Vogel von den Seinen los, schlug mit den Zweigen um sich und fiel tödlich aufstöhnend zu Boden/und ihm nach fiel ein zweiter, dritter, zehnter ...

Es stürzten gewaltige, vor Alter grünlich überzogene Fichten, es stürzten die Kiefern in ihren Kapottröcken aus grobem Werg; es stürzten breitgewachsene Tannen, es stürzten auch graue, mit greisen Moosbärten bewachsene Eichen/ die Ältesten des Waldes, die die Blitze nicht überwunden und Jahrhunderte nicht zermürbt hatten, und doch hatten die Äxte ihnen den Tod gegeben; und was an anderen, geringeren Bäumen niederfiel, ist gar nicht zu sagen!

Der Wald starb ächzend hin, die Bäume sanken schwer nieder, wie Männer in der Schlacht, die zusammengedrängt Reihe für Reihe vorrücken müssen und dann, von einer unüberwindlichen Macht geschlagen, unerbittlich und gewaltsam, so daß sie nicht einmal Jesus! aufschreien können, allzusammen in der ganzen langen Linie ins Wanken geraten, umsinken und einen grausamen Tod sterben.

Ein Stöhnen ging bis in alle Waldestiefen, die Erde erbebte immer wieder unter der Last der niederstürzenden Bäume, die Äxte schlugen ohne Unterlaß, das Knirschen der Sägen hörte nimmer auf und das Peitschen der Zweige zerschnitt immer wieder wie Todesodem die Lust.

Und so gingen Stunden auf Stunden dahin und eine immer neue Mahd wurde vollendet, doch die Arbeit nahm kein Ende.

Die Elstern hingen sich an die zurückgebliebenen Samenbäume und schrien, ein Krähenschwarm flog krächzend über das Totenfeld, ein Waldtier schob sich aus dem Dickicht hervor, blieb am Rande des Waldes stehen und sah lange mit seinen gläsernen Augen auf die Rauchsträhnen der Feuer, auf die fallenden Bäume, und als es die Menschen erblickte, lief es mit lautem Klagen davon.

Und die Männer fällten hartnäckig weiter, sich in den Forst einfressend, wie Wölfe, die eine Schafherde überfallen, welche zu einem Haufen zusammengedrängt im Todesschreck dasteht und aufblökend wartet, bis das letzte Schäflein unter den Zähnen verendet ist.

Erst nach dem Frühstück, als sich die Sonne so weit erhoben hatte, daß der Rauhreif niederzutropfen begann und goldene Lichtspinnen durch den Forst krochen, hörte jemand ein fernes Getöse.

»Da kommen ja Menschen, in einem ganzen Haufen,« sagte einer, das Ohr an einen Baumstamm legend.

Das Stimmengewirr kam immer näher und wurde immer deutlicher, daß man bald vereinzelte Schreie und das dumpfe Aufstampfen vieler Füße unterscheiden konnte; und eher noch wie in einem Ave tauchte auf einem Waldpfad, der vom Dorf herführte, ein Schlitten auf, der gleich auf die Lichtung zugefahren kam. Der Boryna stand darin, und ihm nach zu Pferde und zu Fuß wälzte sich ein dichter Haufen von Frauen, Männern und Halbwüchsigen heran und alles stürzte mit einem gellenden Geschrei auf die Holzschläger zu.

Boryna sprang vom Schlitten herunter und rannte voraus, und hinter ihm, wie es gerade kam, liefen die anderen; der eine mit einem Knüttel, der andere mit einem Dreschflegel fest in der Faust oder mit einer Mistgabel fuchtelnd, der mit der Sense blinkend, und manch einer gar mit einem Baumast bewaffnet; und die Frauen kamen einfach nur mit ihren Krallen und mit ihrem Geschrei: so stürzten sie allesamt auf die entsetzten Holzschläger.

»Nicht fällen! Ablassen! Das ist unser Wald, wir erlauben es nicht!« schrien sie durcheinander, so daß niemand verstehen konnte, was sie wollten. Boryna blieb als Erster vor den ganz erschrockenen Leuten stehen und brüllte los, daß es im ganzen Wald widerhallte:

»Leute aus Modlica! Leute aus Rschepki und woher ihr sonst noch seid, hört zu!«

Es wurde etwas stiller, und er rief abermals:

»Nehmt was euer ist und geht mit Gott; den Wald zu fällen, verbieten wir euch, und wer nicht hören sollte, kriegt es mit dem ganzen Volk zu tun ...«

Sie widersetzten sich nicht, denn die zornigen Gesichter, die Knüttel, Mistgabeln und Dreschflegel und die Menge des wütenden Volkes, das bereit zum Dreinschlagen war, erfüllten sie mit Angst; sie fingen also an, miteinander zu flüstern, einander zuzurufen, die Äxte hinter die Gurte zu stecken, die Sägen auszunehmen und mit einem zornigen Gemurmel sich zu sammeln; besonders die von Rschepetztischen, da es ja auch Adlige waren und da sie obendrein seit Generationen mit den Leuten aus Lipce in Streit lebten, fluchten ganz laut, knallten mit den Äxten gegen die Bäume und drohten vor sich hin; aber ob sie wollten oder nicht, der Gewalt mußten sie weichen, denn das Volk schrie immer drohender, drängte auf sie ein und zwang sie, sich in den Wald zurückzuziehen.

Die anderen zerstreuten sich über den Schlag, um die Feuer auszulöschen und die zurechtgelegten Klafter auseinanderzureißen; und die Weiber, mit Kosiols Frau an der Spitze, liefen, kaum daß sie die Bretterbuden am Rande des Schlages sahen, um diese gleich auseinanderzuzerren und in den Wald zu verschleppen, daß davon auch nicht eine Spur mehr zu sehen sein sollte.

Boryna aber rief, als er sah, daß die Holzschläger so leichten Kaufes gewichen waren, die Hofbauern zusammen und redete auf sie ein, man müsse nun im ganzen Haufen nach dem Herrenhof ziehen, um dem Gutsherrn zu sagen, daß er nicht wagen sollte, den Wald anzurühren, bevor die Gerichte den Bauern abgeben würden, was ihnen zukommt. Doch ehe sie sich verabredet hatten und herausgefunden, was am besten zu tun war, erhoben die Weiber ein Geschrei und fingen an, in Verwirrung von den Bretterschuppen herzufliehen, denn an die fünfzehn Reiter stürzten aus dem Wald hervor und ritten ihnen dicht im Rücken.

Der Herrenhof, der die Warnung erhalten hatte, kam den Holzhauern zu Hilfe.

An der Spitze der Gutsknechte ritt der Verwalter; sie drangen auf die Lichtung ein im scharfen Trab und fingen an, kaum daß sie die Weiber eingeholt hatten, sie mit Peitschen zu prügeln, und der Verwalter, ein Kerl wie ein Büffel, schlug als erster auf sie ein und brüllte:

»Diebsgesindel, Lausepack! Peitscht sie! Bindet sie! Ins Kriminal damit!«

»Sammelt euch, sammelt euch, hierher, nicht nachgeben!« schrie Boryna, denn das erschrockene Volk stob auseinander; aber auf seine Stimme hielten sie an, und ohne auf die Peitschenhiebe zu achten, die manchen schon auf die Köpfe sausten, rannten sie, die Gesichter mit den Armen schützend, auf den Alten zu.

»Mit den Stöcken auf diese Hundesöhne! Haut die Gäule mit Dreschflegeln!« brüllte der wütende Alte, und nach einem Pfahl greifend, stürzte er als erster denen vom Herrenhof entgegen! Er prügelte, wo es hinfiel, und hinter ihm her, wie ein Forst von einem Sturmwind des Zornes ergriffen, hatten sich die Männer Arm an Arm, Dreschflegel neben Dreschflegel, Mistgabel neben Forke, Reihe an Reihe zusammengeschlossen und stürzten sich mit wahrem Geheul auf die Retter, um sich schlagend, womit ein jeder konnte, so daß es aufdröhnte, als drösche man Erbsen auf dem Dielenboden mit Knütteln aus.

Es erhoben sich wilde Schreie, gotteslästerliche Flüche, das Aufquieken von getroffenen Pferden, Gestöhn von Verwundeten, dumpfes Aufschlagen dicht niedersausender Knüttelstöcke, röchelndes Miteinanderringen und wütende Ausrufe des Kampfes!

Die Herrenhofleute verteidigten sich tapfer und fluchten und prügelten nicht schlechter als die Bauern; aber sie fingen doch schließlich an, sich zu verwirren und zurückzuweichen; denn die Pferde, auf die man mit Dreschflegeln einschlug, bäumten sich, wandten sich schmerzlich wiehernd um und rasten von dannen, bis der Verwalter, als er sah, wie es kam, seinem Falben die Sporen gab und gerade in die Mitte des Volkes auf Boryna eindrang. So viel aber hatte man nur noch von ihm sehen können, denn auf einmal surrten die Dreschflegel los und an die zwanzig, dreißig Schlägel sausten auf ihn ein, an die zwanzig, dreißig Fäuste griffen nach ihm von allen Seiten und rissen ihn aus dem Sattel, so daß er wie ein Strauch, den ein Eber mit der Schnauze unterwühlt hat, jählings stürzte, in den Schnee niederfiel und unter die Füße der Menschen geriet, kaum konnte Boryna den Bewußtlosen beschützen und in Sicherheit bringen.

Nun erst ging alles drunter und drüber, wie wenn der Sturmwind plötzlich in einen Heuhaufen fährt, alles durcheinanderbringt, zu einem unkenntlichen Wirbel vermengt und durchs Feld vor sich her über die Ackerbeete wälzt; ein furchtbares Geschrei entstand und ein solches Chaos, ein solcher Strudel, daß man schon nichts sah, als ineinandergewühlte Menschenhaufen, die sich auf dem Schnee herumbalgten, und nichts außer den wütend niedersausenden Fäusten. Hin und wieder nur riß sich einer aus dem Haufen los und floh wie rasend davon, doch er kehrte rasch wieder mit erneutem Geschrei zurück und warf sich mit neuer Kraft zwischen die Raufenden.

Sie prügelten sich einzeln und in Haufen, zerrten einander an den Rockklappen herum, würgten sich mit den Knien, verkrallten sich bis ins lebendige Fleisch und konnten doch nicht miteinander fertig werden, denn die Herrenhofleute waren von den Pferden gesprungen und wichen nicht einen Schritt zurück, da ihnen auch immerzu Hilfe kam, auch die Holzschläger gesellten sich ihnen zu und halfen ihnen tüchtig, vor allem aber die von Rschepetzkischen, die im ganzen Haufen und ganz lautlos, wie böse Hunde, herbeigerannt kamen, um ihnen beizustehen; und es führte sie alle der Förster an, der im letzten Augenblick erschienen war. Da es aber ein Kerl wie ein Riese war, den man im ganzen Umkreis wegen seiner Kraft kannte und dabei ein mächtiger Draufgänger, und da er auch seine Angelegenheiten mit Lipce hatte, so stürzte er sich überall als erster ins Gewühl, focht als einzelner gegen ganze Haufen und schlug auf die Köpfe mit dem Gewehrkolben ein, jagte auseinander was er konnte und hieb um sich, daß Gott erbarm!

Es ging ihm Stacho Ploschka entgegen, um ihm Einhalt zu tun, denn das Volk fing schon an, vor ihm zu fliehen; er griff ihn aber an die Rockklappen, hob ihn, drehte ihn in der Luft herum und schmiß ihn zu Boden, wie eine ausgedroschene Garbe, daß der Stacho bewußtlos liegen blieb. Es sprang auf ihn einer der Wachniks zu und langte ihm eins mit dem Dreschflegel über den Arm, bekam aber von links her mit der Faust einen solchen Schlag zwischen die Augen, daß er nur die Arme ausbreitete und mit dem Ruf Jesus! zu Boden stürzte.

Schließlich hielt es sogar Mathias nicht aus und warf sich auf ihn; aber obgleich er ein Kerl war, der dem Antek gleichkam, was die Stärke anbelangt, konnte er nicht ein Paternoster lang ihm standhalten. Der Förster überwältigte, verprügelte ihn, besudelte ihn über und über mit Schnee und zwang ihn zur Flucht; er selbst aber ging nun auf Boryna los, der in einem ganzen Haufen sich mit den von Rschepetzkischen herumprügelte; doch ehe er zu ihm durchdringen konnte, überfielen ihn die Weiber mit Geschrei, griffen ihn in ihre Krallen, hingen sich an seine Zotteln und, ihn zur Erde niederbeugend, balgten sie sich mit ihm herum wie die Dorfköter, wenn sie einen Schäferhund überfallen und sich in sein Fell verbeißend, ihn bald hierhin, bald dorthin zerren.

Um diese Zeit aber gewannen schon die Bauern Oberhand, die Kämpfenden drängten sich zu einem Haufen, vermengten sich untereinander wie die Blätter im Herbst; ein jeder hielt seinen Gegner gepackt, würgte ihn, wälzte sich mit ihm im Schnee herum, und die Weiber fielen von der Seite ein und griffen ihnen in die Haare.

Es herrschte schon ein solches Geschrei, Gewühl und ein solches Durcheinander, daß die eigenen Leute sich kaum mehr erkennen konnten; aber schließlich hatten die Bauern die Leute vom Herrenhof überwältigt, ein paar von ihnen lagen schon blutig auf dem Boben und die anderen flohen ermüdet und ganz außer Kräften heimlich in den Wald hinein. Nur die Holzschläger verteidigten sich noch mit dem Rest ihrer Kräfte, baten aber auch schon hier und da um Frieden; doch das Volk war noch mehr auf sie als auf die Herrenhofleute erzürnt und dermaßen in Hitze geraten wie ein Feuerschwamm im Wind. Niemand hörte auf ihre Bitten, sie gaben auf nichts mehr acht, sondern prügelten drauflos in voller Wut.

Sie warfen die Stöcke, Dreschflegel, Mistgabeln hin und schlossen sich kämpfend zusammen, Mann gegen Mann, Faust gegen Faust und Gewalt gegen Gewalt, sie würgten und preßten einander, rissen und wälzten sich auf dem Boden herum, daß schon alles Geschrei verstummt war und nur schweres Röcheln, Fluchen, ein Hinundhergezerr und -gestampf hörbar wurde.

Ein solcher »jüngster Tag« war hereingebrochen, wie es sich schon gar nicht ausdenken läßt.

Die Leute wurden fast wahnsinnig, der Haß trieb sie an, und die Wut ging mit ihnen durch; und vor allen der Kobus und Kosiols Frau schienen ganz toll geworden zu sein, so daß es einem angst und bange wurde, sie anzusehen: so blutbesudelt und zerrauft waren sie; doch rannten sie immer wieder gegen den Haufen der Kämpfenden an.

Die anderen wehrten sich noch hier und da mit lautem Geschrei gegen die Leute aus Lipce, und es fing schon die Verfolgung der Flüchtenden an, so daß zehn Mann auf einen einzigen einschlugen. Als der Förster endlich die Weiber losgeworden war und, arg zugerichtet, darum aber mit einer um so größeren Wut die Seinen zusammenzurufen begann, und als er Boryna wieder zu sehen bekam, stürzte er sich auf ihn; sie umfaßten sich, preßten sich, einander wie die Bären umklammernd, und es fing ein Ringen, Taumeln und Aufschlagen gegen die Bäume an, denn sie waren bis in den Wald hineingeraten.

Gerade in dem Augenblick kam Antek angelaufen, er hatte sich mächtig verspätet, blieb am Waldrande stehen, um etwas Luft zu schnappen, und gewahrte sofort, was mit dem Vater geschah.

Er blickte sich mit einem Habichtblick um, niemand beachtete sie, alle waren in eine solche Rauferei und Verwirrung hineingeraten, daß er nicht ein einziges Gesicht unterscheiden konnte; so trat er denn zurück, schlich sich bis nach Boryna heran und blieb ein paar Schritte nur entfernt hinter einem Baum stehen.

Der Förster überwand den Alten; es fiel ihm schwer, denn er war schon arg mitgenommen, und auch der Boryna hielt sich noch fest; sie waren gerade zu Boden gestürzt und wälzten sich wie zwei Hunde herum, gegen den Erdboden aufschlagend, aber immer häufiger war der Alte unten, die Pelzmütze war ihm heruntergefallen, so daß sein weißer Kopf über die Baumwurzeln hinschlug.

Antek sah sich noch einmal um, zog die Flinte unter dem Schafpelz hervor, hockte nieder und zielte, nachdem er sich unwillkürlich bekreuzigt hatte, auf des Vaters Kopf ... Ehe er jedoch losdrücken konnte, sprangen die beiden wieder hoch; auch Antek erhob sich und legte wieder an/aber er schoß nicht. Eine plötzliche furchtbare Angst hatte ihm das Herz dermaßen zusammengepreßt, daß er kaum atmen konnte; die Hände flogen ihm hin und her, wie bei einem Fieberanfall, er bebte am ganzen Leib, vor den Augen wurde es ihm dunkel und im Kopf ganz wirr, so daß er eine lange Weile so stehenblieb, ohne zu wissen, was mit ihm geschah; plötzlich ertönte ein kurzer, grausiger Schrei.

»Hilfe, Leute!... Hilfe!...«

In diesem Augenblick gerade hatte der Förster Boryna mit dem Gewehrkolben eins über den Schädel gelangt, daß das Blut aufspritzte und der Alte nur aufschrie, die Hände erhob und wie ein Holzklotz zu Boden stürzte...

Antek kam zur Besinnung, warf die Flinte fort und sprang zum Vater hin; der Alte röchelte nur, das Blut rann über sein Gesicht, sein Kopf war wie gespalten; er lebte noch, aber die Augen umnebelten sich ihm schon, und seine Beine zuckten krampfhaft.

»Vater! Mein Jesus! Vater!« schrie Antek auf mit einer furchtbaren Stimme, riß ihn in die Arme, preßte ihn an die Brust und begann zu schreien:

»Vater! Erschlagen haben sie ihn! Erschlagen!« er heulte wie eine Hündin, der man die Kinder ersäuft hat.

Bis etliche Leute, die am nächsten waren, es hörten und zu Hilfe sprangen; sie legten den schwer Verletzten auf Äste nieder und fingen an, ihm den Kopf mit Schnee dick zu belegen und ihm beizustehen, so gut sie konnten. Antek aber hockte sich nieder, raufte das Haar und schrie ganz geistesabwesend: »Erschlagen haben sie ihn! erschlagen!« so daß sie dachten, ihm hätte sich etwas im Kopf verwirrt.

Auf einmal wurde er still, erinnerte sich plötzlich an alles und stürzte sich mit einem grausigen Geschrei und mit solchem Wahnwitz in den Augen auf den Förster, daß dieser, von einer Angst befallen, jäh zu rennen begann; da er aber fühlte, daß ihn der andere einholen würde, wandte er sich plötzlich um und schoß auf ihn, ihm mitten auf die Brust zielend. Der Schuß ging aber, wie durch ein Wunder, fehl und hatte ihm nur das Gesicht versengt. Wie der Blitz stürzte nun Antek auf ihn zu.

Vergeblich verteidigte er sich, vergeblich suchte er zu entschlüpfen, vergeblich bat er um Erbarmen, voll Verzweiflung und in Todesangst/Antek griff ihn wie ein wütender Wolf in seine Krallen, drückte ihm die Kehle zu, daß es ihm in der Gurgel knirschte, hob ihn hoch und schlug ihn so lange mit dem Kopf gegen einen Baum, bis er den letzten Atem von sich gab.

Und dann war er in eine solche Raserei geraten, daß er nicht mehr wußte, was er tat; er stürzte sich zwischen die Raufenden, und wo er erschien, ergriff alle ein Entsetzen, die Leute rannten vor Angst auseinander, denn er war schrecklich anzusehen, ganz mit eigenem Blut und mit dem Blut des Vaters besudelt, ohne Mütze, mit klebendem Haar, blau im Gesicht wie ein Toter, so grausig und so übermenschlich stark, daß er fast ganz allein den Rest der sich Wehrenden überwand und verprügelte. Man mußte ihn zuletzt beruhigen und zurückhalten, sonst hatte er sie zu Tode geschlagen ...

Die Schlägerei war zu Ende und die Lipce-Bauern erfüllten den Wald mit Freudelärm, obgleich sie ermüdet und wund waren und vielfach bluteten.

Die Frauen verbanden die schwer Verwundeten und trugen sie zu den Schlitten herüber; ihre Zahl war nicht gering. Einer der Klembburschen hatte einen gebrochenen Arm, Jendschych Patsches einen ausgerenkten Fuß, so daß er nicht auftreten konnte und gottserbärmlich schrie, als sie ihn hinübertrugen; der Kobus war so verprügelt, daß er sich nicht rühren konnte, und Mathias spuckte lebendiges Blut und klagte über seine Rückenschmerzen. Auch die anderen hatten nicht wenig gelitten, so daß es fast keinen einzigen gab, der unversehrt davongekommen war. Da sie aber gesiegt hatten, so ließen sie, ohne auf die Schmerzen zu achten, frohe Rufe erschallen und rüsteten sich zur Heimkehr.

Den Boryna hatten sie auf einen Schlitten niedergelegt und zogen langsam mit ihm heimwärts, da sie Angst hatten, er könnte unterwegs sterben; er war bewußtlos, und unter dem Verband quoll immerzu Blut hervor, sickerte über seine Augen und über sein ganzes Gesicht, er war blaß wie Linnen und ganz einem Toten ähnlich.

Antek ging neben dem Schlitten her, mit entsetzten Blicken den Vater anstarrend, stützte seinen Kopf bei jeder Unebenheit des Weges und murmelte kläglich ein ums andere Mal, leise bittend:

»Vater! Mein Gott, Vater! ...«

Die Leute zogen in ungeordneten Haufen, wie es jedem am besten paßte, durch den Wald nach Haus, und mitten auf dem Weg kamen die Schlitten mit den Verwundeten; dieser und jener jammerte auf und stöhnte, der Rest aber ging laut lachend, und lärmte und schrie. Sie erzählten sich allerhand, fingen an mit ihrer Übermacht zu prahlen und sich über die Besiegten luftig zu machen, hier und da erschollen schon Gesänge, hier und da juchzte einer, daß es im ganzen Walde widerhallte, und alle waren vom Sieg wie berauscht; manch einer aber torkelte gegen die Bäume und stolperte über die erste beste Wurzel ...

Man fühlte kaum die Müdigkeit und die erhaltenen Schläge, denn alle Herzen weitete eine unaussprechliche Siegesfreude, sie fühlten sich alle so voll froher Tatkraft und Macht, daß es nur einer noch hätte wagen sollen, sich ihnen zu widersetzen; zu Staub hätten sie ihn zermalmt, gegen die ganze Welt wären sie angegangen.

Sie kamen laut lärmend und festen Schritts einhergegangen, mit leuchtenden Augen den eroberten Wald überschauend, der über ihren Häuptern sich wiegte, schläfrig tauschte und sie mit dem tauigten Getropfe des niederfallenden Reifs bestäubte/als besprengte er sie mit Tränen.

Plötzlich öffnete Boryna die Augen und sah lange auf Antek hin, als wollte er seinen Augen nicht Glauben schenken, bis eine tiefe, stille Freude sein Gesicht erleuchtete; er bewegte ein paarmal die Lippen und flüsterte mit größter Anstrengung:

»Du bist es? ... Du! ...«

Und wieder sank er in Ohnmacht.

 

Gedruckt bei Oscar Brandstetter in Leipzig

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