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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialWas nach dieser denkwürdigen Nacht in Lipce vorging, das wäre alles selbst dem hellsten Kopf im Dorf nicht leicht zu behalten und wiederzuerzählen gewesen, denn es kochte wie in einem Ameisenhaufen, wenn darin ein Schlingel mit dem Stock herumstochert.

Kaum war es etwas Tag geworden und die Menschen hatten sich die Nacht aus den Augen gerieben, da hatte es schon jeder eilig, nach der Brandstätte zu laufen, so daß manch einer selbst die Morgengebete noch unterwegs hersagte und wie zu einer Schaustellung hinausrannte.

Der Tag stand schwer auf und war so neblig, daß noch immer eine Dämmerung herrschte wie bei Morgengrauen, obgleich es schon Zeit war für das helle Tageslicht. Der Schnee fing an, in nassen Flocken zu schneien und verhüllte die Welt wie mit einem schlottrigen, glasigen und durchweichten Tuch; aber niemand achtete auf das schlechte Wetter; sie kamen von allen Seiten herbei und blieben stundenlang auf der Brandstätte stehen, leise über das Gestrige hin und her redend und eifrig die Ohren spitzend, um etwas Neues zu erhaschen.

Das Stimmengewirr wurde auch bald recht laut, denn immer mehr Menschen kamen hinzu, so daß sie schon in Haufen im Heckenweg standen und den Hof füllten; um den Schober aber staute man sich in einem dichten Gedränge, und überall über dem Schnee leuchteten die roten Frauenröcke auf.

Der Schober war ganz niedergebrannt und eingestürzt, von der Brandstätte ragten nur zwei Pfähle auf, die wie verkohlte Feuerscheite aussahen; von den Schweineställen und vom Schuppen hatte man die Dächer bis auf die Dachstühle abgetragen und auseinandergezerrt, so daß der ganze Weg und das Feld ringsherum eine ganze Strecke weit mit angekohlter Bedachung, mit zersplitterten Dachlatten, durchbranntem Stroh, halbverkohltem Holz und allerlei Verbranntem bedeckt waren.

Der Schnee fiel ohne Unterlaß und bedeckte langsam alles mit einer glatten Hülle, stellenweise war er durch die versteckten Gluten aufgetaut. Zuweilen quollen aus den auseinandergezerrten Heuhaufen Streifen schwarzen Rauches, und eine blasse, knisternde Flamme brach hervor, so daß gleich die Männer mit Feuerhaken darauf zustürzten, sie mit Stiefeln austraten, mit Stöcken dreinschlugen und das Feuer mit Schnee zuwarfen.

Sie hatten gerade einen solchen aufgeglommenen Haufen auseinandergerissen, als einer der Burschen, scheinbar dem Klemb seiner, mit dem Feuerhaken einen angesengten Lappen herausholte und ihn hoch erhob.

»Der Jaguscha ihre Schürze!« rief Kosiols Frau höhnisch, denn man wußte schon gut, was geschehen war.

»Kratzt mal zu, Jungen, vielleicht findet ihr dort noch ein Paar Hosen! ...«

»Hale! die hat er ganz hinausgetragen, nur unterwegs hätte er sie verlieren können.«

Die Mädchen waren schon beim Suchen, denn jemand hatte sie verständigt.

»Um sie Anna heimzutragen,« sagten sie, in ein Gelächter ausbrechend.

»Ruhig, Maulaffen, sieh mal an! Zum Vergnügen haben sie sich hier versammelt und werden die Zähne über fremdes Unglück blecken!« rief der Schultheiß zornig. »Nach Hause mit dem Weibervolk, was steht ihr hier herum? Ihr habt hier schon genug mit den Jungen gedroschen.« Er machte Anstalten, sie auseinander zu treiben.

»Was habt ihr hier unter uns zu suchen! Paßt auf euren Kram, wenn man euch dazu bestellt hat!« schrie Kosiols Frau so entschlossen, daß der Schultheiß sie nur ansah, ausspie und auf den Hof ging; niemand rührte sich von der Stelle; die Weiber aber fingen an, einander die Schürze mit den Füßen zuzuschieben, sie zu besehen und leise, mit Grauen, sich etwas zu erzählen.

»Eine solche müßte man mit der Ofengabel aus dem Dorf jagen, wie eine Hexe!« sagte die Kobusbäuerin laut.

»Gewiß! durch die kommt alles, nur durch die!« pflichtete die Sikorabäuerin bei.

»Das ist so, aber der Herr Jesus hat noch verhütet, daß das ganze Dorf in Flammen und Rauch aufgegangen ist!« murmelte die Sochabäuerin.

»Das ist auch wahr, ein Wunder, das reine Wunder!«

»Es war auch kein Wind nicht da, und sie haben es zur rechten Zeit gemerkt.«

»Und jemand hat Sturm geläutet, denn das Dorf war gerade schon im ersten Schlaf.«

»Es scheint, die Bärenführer gingen gerade aus der Schenke heim und haben es zuerst gemerkt.«

»Du meine Güte! Aber der Boryna selbst hat sie doch im Schober erwischt, und kaum daß er sie auseinandergejagt hatte, da stieg schon gleich das Feuer hoch. Das hab' ich gleich gestern bei den Klembs gemerkt, daß da was kommen würde, als die beiden zusammen losgingen.«

»Er scheint schon lange auf sie gepaßt zu haben.«

»Versteht sich! Mein Junge hat gesagt, daß er gestern die ganze Zeit über vor Klembs auf und ab gegangen ist und ihnen aufgelauert hätte,« näselte die Kobusbäuerin.

»Da sieht man es, daß der Antek das aus Ärger angezündet hat.«

»Hat er denn vielleicht nicht gedroht?«

»Das ganze Dorf wußte davon.«

»Das mußte so enden, so mußte es kommen!« redete Kosiols Frau zwischendrein.

Und im zweiten Haufen der älteren Hofbäuerinnen flüsterte man sich auch allerhand Neuigkeiten zu, aber leiser und mit mehr Würde.

»Der Alte hat die Jagna so verprügelt, daß sie krank bei der Mutter liegt ... Wißt ihr das? ...«

»Natürlich! Gleich am Morgen, sagen sie, hat er sie rausgejagt und hat ihr noch die Lade mit den ganzen Kleidern nachgeschmissen,« fügte die Balcerekbäuerin, die bis jetzt geschwiegen hatte, hinzu.

»Redet nicht das erste beste, ich bin soeben im Haus drin gewesen, die Lade steht auf dem alten Platz,« erklärte die Ploschkabäuerin.

»Aber ich hab' es euch gleich bei der Hochzeit vorausgesagt, daß es so und nicht anders enden wird,« sagte sie, schon etwas lauter.

»Was es nur alles gibt, ach Herr Jesus! Was es nur alles gibt!« stöhnte die Sochabäuerin, sich an den Kopf fassend.

»Na, sie werden ihn ins Kriminal nehmen und damit Schluß!«

»Das kommt ihm auch nach der Gerechtigkeit zu: das ganze Dorf hätte niederbrennen können.«

»Ich hab' schon aufs beste geschlafen, und da trommelt plötzlich der Lukas, der mit den Bärenführern herumgelaufen ist, ans Fenster und schreit: ›Feuer!‹ Jesus Maria! Und die Fenster rot, als hätte jemand die Scheiben mit Feuersgluten beschmissen, das hat mich schon allein aus Angst schwach gemacht ... und da läutet denn auch noch die Glocke Sturm ... und die Leute schreien ...« erzählte die Ploschkabäuerin.

»Als sie mir nur gesagt haben, daß es bei Boryna brennt, da ist mir gleich eine Ahnung gekommen, daß das Antek sein Werk ist,« unterbrach sie eine.

»Seid nur still, ihr redet, als ob ihr es mit eigenen Augen gesehen hättet.«

»Gesehen hab' ich's nicht, aber wenn das doch alle sagen ...«

»Noch zur Fastnacht hat die Gusche darüber hier und da was fallen lassen ...«

»Ohne Zweifel, daß sie ihm Fußeisen anlegen werden und ihn ins Kriminal stecken.«

»Was werden sie ihm da machen? Hat es einer gesehen? Sind Zeugen dafür da, was?« bemerkte die Balcerekbäuerin, die eine bekannte Prozessiererin war und mit den Gesetzen Bescheid wußte.

»Hat ihn vielleicht der Alte nicht abgefaßt? ...«

»Das schon, aber bei was anderem, und wenn selbst, zeugen kann er nicht, weil er der Vater ist und weil sie miteinander in Unfrieden gelebt hatten.«

»Das ist die Sache der Gerichte und nicht unsere; aber wer ist vor Gott und vor den Menschen schuld, wenn nicht diese Hündin von Jagna, was?« erhob wieder die Balcerek ihre strenge Stimme.

»Das ist wahr! Natürlich! Eine solche Zuchtlosigkeit, eine solche Sünde!« flüsterten sie leiser. Sie scharten sich zusammen und fingen an, um die Wette Jagnas Sünden aufzuzählen.

Sie redeten immer lauter und verurteilten sie immer wütender; jetzt brachten sie alles zur Rede, was je dagewesen war oder auch nicht dagewesen, was eine nur wo gehört oder sich selbst ausgedacht hatte; der ganze alte Groll, alle vergangenen Eifersüchte zischten in ihren Seelen auf, daß Schimpfnamen, Flüche, Drohungen, böse und feindselige Worte wie Steinhagel auf sie niederprasselten, und wäre sie in diesem Augenblick erschienen, hätten sie sich zweifellos mit den Fäusten auf sie gestürzt.

Die Männer beredeten sich in einem Haufen für sich, etwas ruhiger zwar, aber sie zogen nicht weniger über Antek her; ein Zorn erfaßte allmählich alle Gemüter, eine tiefe, nachhaltige Erregung ließ die Menge sich hin und her unruhig bewegen, war in den blitzenden Augen zu sehen; manche Faust reckte sich drohend, bereit niederzusausen, und manches harte Wort kam wie ein Stein dahergeschwirrt, daß selbst Mathias, der Antek zuerst verteidigte, nachließ und schließlich nur noch sagte:

»Es hat ihm den Verstand weggenommen, darum ist es so weit gekommen!«

Darauf aber stürzte der Schmied wütend hervor und fing an, den Leuten auseinanderzusetzen, daß Antek schon seit langem mit einer Brandstiftung gedroht hat, daß der Alte es schon lange wußte und die ganzen Nächte aufpaßte.

»Und daß er es gemacht hat, darauf könnt' ich einen Eid leisten; im übrigen sind Zeugen da, sie werden aussagen, und eine Strafe muß für solche sein! Jawohl! Hat er sich denn nicht in einem fort mit den Burschen zusammengesteckt, gegen die Älteren gehetzt und zum Schlechten beredet; ich weiß selbst, mit welchen, ich seh' ihnen jetzt in die Augen, sie hören hier zu und wagen noch einen solchen zu verteidigen!« schrie er drohend. »Von einem solchen kommt es wie die Pest übers ganze Dorf, jawohl, die Pest; den müßte man ins Kriminal ... nach Sibirien, mit Stöcken ihn zu Tode prügeln, wie einen tollen Hund. Ist denn das nicht genug Gotteslästerung, daß einer mit der eigenen Stiefmutter ... Und dann brennt er noch an! Ein Wunder, daß das ganze Dorf nicht in Flammen aufgegangen ist!« schrie et leidenschaftlich. Er schien dabei eine Absicht zu haben.

Das merkte Rochus, der neben Klemb abseits stand, und sagte:

»Ihr stellt euch ihm mächtig in den Weg, obgleich ihr gestern noch mit ihm in der Schenke getrunken habt.«

»Jeder ist mir Feind, der das ganze Dorf an den Bettelstab hätte bringen können!«

»Aber der Gutsherr, der ist für euch kein Feind!« fügte Klemb ernst bei.

Er überschrie sie, und mit ihm schrien die anderen, dann warf er sich unter die Menge, hetzte, rief zur Rache auf und erfand ungeheuerliche Dinge über Antek, so daß das Volk, das schon sowieso aufgebracht war, bis zum Grund aufgewühlt und erregt wurde; sie fingen an laut zu schreien, man sollte den Brandstifter herbeiholen, ihn in Ketten schlagen und ins Amt bringen; und andere, die noch hitziger waren, sahen sich schon nach Stöcken um und wollten laufen, ihn aus dem Haus schleppen und so durchprügeln, daß er es sein Lebelang sich merken sollte! ... Am meisten aber drängten die, denen Antek schon einmal die Rippen mit dem Stock weichgeklopft hatte.

Es entstand ein Lärm und ein Schreien, ein Drohen und Fluchen wurde laut und eine solche Verwirrung kam auf, daß das Volk sich zusammenballte und hin und her gerissen wurde, wie dichtgedrängte Büsche, die ein Sturmwind peitschte; Menschen wogten auf und nieder, drängten wie eine Flut gegen die Zäune und Hoftore an und schoben sich allmählich bis auf die Dorfstraße durch. Vergeblich lief der Schulze hin, um Ruhe zu schaffen, vergeblich setzten ihnen der Schultheiß und die Ältesten auseinander, daß es doch so nicht anginge; ihre Stimmen verschwanden in dem Hollenlärm und sie selbst wurden von der Masse mit fortgedrängt, denn niemand achtete und hörte auf ihr Reden, jeder drängte, war wütend, schrie, was er nur konnte, und es war, als ob eine Besessenheit alle wie in einem Wirbelwind der Rache mit fortgerissen hätte.

Plötzlich fing Kosiols Frau an, sich hindurchzudrängen und aus voller Kehle zu brüllen:

»Beide sind schuldig, beide herbeischleppen und auf der Brandstätte bestrafen ...«

Die Weiber, besonders die Kätnerinnen und das ganze arme Volk, gaben ihr recht; und mit nicht mehr menschlichem Geschrei, aufgeplustert und schon ganz wie von Sinnen drängten sie sich an die Spitze um sie zusammen, wie ein wütender, brausender Strom; es erhob sich ein Geschrei und Gekreisch in den engen Heckenwegen, denn alle drängten gleichzeitig, alle schrien, alle drohten mit den Fäusten und bahnten sich mit Gewalt den Weg, die Augen funkelten drohend, ein wilder verworrener Lärm kam von ihnen her, wie das Gurgeln aufgepeitschter Wasserfluten, wie die Stimme eines allgemeinen Zornes, der alle Herzen entflammt hatte/immer stärker und eiliger ging es vorwärts bis die, die vorne waren, zu rufen anfingen:

»Der Priester mit dem Leib Christi kommt! Der Priester!« Die Menge ruckte plötzlich hin und her, wie an einer Kette, wogte auf und ergoß sich auf die Dorfstraße, blieb stehen, zerfiel in einzelne Haufen, wie auseinandergeschleuderte Wasserspritzer, beruhigte sich und verstummte ganz, und sie fielen auf die Knie, die entblößten Köpfe vorneigend... Der Priester kam mit dem Abendmahl von der Kirche her gegangen; Ambrosius schritt mit einer angebrannten Laterne voraus und ließ die Klingel ertönen.

Er ging so rasch durch den fallenden Schnee vorüber, daß er nur wie hinter einer frostangelaufenen Scheibe in diesem dichten Schneeflockennebel zu sehen war, als sie sich von ihren Knien erhoben.

»Nach Philipka geht er, sie hat sich gestern im Forst so verfroren, sagen sie, daß sie schon heute seit frühem Morgen kaum mehr einen Atem hat; man sagt, sie soll den Abend nicht mehr erleben.«

»Sie haben ihn auch zu Bartek von der Sägemühle gerufen...«

»Ist er denn krank?«

»Natürlich, wißt ihr das nicht? Ein Baumstamm hat ihn so zugerichtet, daß sie aus dem Kerl nichts mehr zusammenkriegen werden...« flüsterte jemand, während sie dem Priester nachblickten.

Ein paar Hofbäuerinnen machten sich auf, dem Priester ihr Geleit zu geben, und ein ganzer Haufen Burschen rannte quer über den Weiher der Mühle zu, der Rest der Leute aber blieb ratlos stehen, wie eine Schafherde, wenn sie der Hirtenhund plötzlich umkreist hat. Der Zorn war irgendwohin verflogen, die treibende Macht war erlahmt, der Lärm verstummte, sie sahen einander an, als wären sie aus einem tiefen Traum erwacht, traten von einem Fuß auf den anderen, kratzten sich die Schädel, sagten mal dies, mal das, und da sich manch einer beschämt fühlte, so spie er nur aus, drückte die Pelzmütze fester auf und schlich sich heimlich von dem Haufen fort, der sich immer mehr verlor wie zerrinnendes Wasser und langsam nach den Heckenwegen und Höfen zu versickerte. Nur einzig Kosiols Frau geiferte trotz allem laut und drohte noch immer der Jagna und dem Antek; als sie aber sah, daß sie sie alle verließen, und als sie genug geflucht, sich von ihrem Gift erleichtert, und sich obendrein mit Rochus, der ihr mit der Wahrheit gekommen war, gezankt hatte, ging sie ins Dorf, so daß schließlich nur wenig Menschen geblieben waren und außerdem nur noch die, die auf der Brandstätte Wacht hielten und aufpaßten, um für den Fall eines erneuten Ausbruchs des Feuers bei der Hand zu sein.

Auch der Schmied blieb auf dem Hof, aber so verärgert über das, was geschehen war, daß er schwieg und unruhig in alle Ecken spähte und immer wieder den Waupa fortjagte, der ihn anbellte und an ihn heran wollte.

Boryna zeigte sich nicht ein einziges Mal während dieser ganzen Zeit; man sagte, daß er sich ins Federbett vergraben hatte und schlafe. Nur Fine sah mit verweintem, verquollenem Gesicht zum Fenster hinaus auf die Leute und versteckte sich wieder, so daß die Gusche allein die Wirtschaft besorgte. Aber auch sie war heute bissig wie eine Wespe und unzugänglich wie sonst nie, so daß sie sich fürchteten sie auszufragen, denn sie gab solche Antworten, daß es war, als hätte man an Brennesseln geleckt.

Gerade zu Mittag kam der Gemeindeschreiber mit den Gendarmen angefahren; sie fingen an, den Brand zu Protokoll zu nehmen und nach den Ursachen zu forschen; natürlich zerstob da auch der Rest der Leute nach allen Seiten, damit man sie nicht etwa noch zur Zeugenschaft zuziehen möchte.

Die Wege wurden fast ganz leer; tatsächlich fiel auch der Schnee reichlicher und ohne Unterlaß, und selbst auch noch nässer war er, denn er zerschmolz schon im Fallen und überzog alles mit einem schmutzigen Brei. Dafür aber summte es in den Häusern wie in Bienenstöcken, denn in Lipce war es heute wie an einem ganz unerwartet gekommenen Feiertag; wenige taten etwas, keiner dachte an seine Arbeit, so daß hier und da die Kühe vor den leeren Krippen brüllten, und überall besprach man sich nur. Oft schlüpfte einer von Haus zu Haus, die Weiber waren mit ihren Jungen unterwegs, Neuheiten machten die Runde und kreisten, wie Krähen, von Herd zu Herd, und aus den Fenstern, Türen oder selbst aus den Heckenwegen lugten erwartungsvoll neugierige Gesichter, ob die Gendarmen nicht Antek mitnehmen würden.

Die Neugierde und Ungeduld wuchs von Stunde zu Stunde, aber man wußte nichts Sicheres, denn jeden Augenblick kam einer atemlos hereingestürzt und erzählte, daß sie schon zu Antek gegangen waren; andere schwuren aber, daß er die Gendarmen verprügelt und sich aus den Fesseln befreit hatte, daß er auf und davon wäre, und andere klatschten wieder anderes.

Gegen Abend erst fuhr der Wagen des Schulzen mit dem Schreiber und den Gendarmen vorüber, aber ohne Antek.

Ein Erstaunen und eine Enttäuschung bemächtigten sich des Dorfes, denn alle waren doch sicher, daß man ihn in Ketten ins Gefängnis abführen würde, vergeblich zerbrachen sie sich die Köpfe, was wohl der Alte zu Protokoll gegeben hatte, davon wußten aber nur der Schulze und der Schultheiß, doch die wollten nichts sagen; so wuchs also die Neugierde ins Unermeßliche, und immer neue, schon ganz unwahrscheinliche Vermutungen wurden ausgesponnen.

Allmählich dunkelte es schon, es war eine finstere, ziemlich stille Nacht; es hatte aufgehört zu schneien und schien frieren zu wollen, denn obgleich schmutziggraue Wolken über den Himmel jagten, so blitzte doch hier und da in den hohen Weiten ein funkelnder Stern, und ein scharfer Windhauch ließ den etwas aufgeweichten Schnee sich verhärten, so daß er unter den Füßen krachte. In den Häusern blitzten die Lichter, und die Leute, die in den engen Stuben vor den Herdfeuern sich drängten, fingen an, sich nach den Aufregungen des Tages zu beruhigen, ohne jedoch ganz aufzuhören, ihre Vermutungen und Voraussetzungen weiter auszubauen.

Denn gewiß, an Stoff fehlte es nicht; hatte man nämlich Antek nicht festgenommen, dann war er es nicht, der den Brand gelegt hatte, wer denn aber? Die Jagna doch nicht, niemand hätte daran geglaubt; der Alte doch auch nicht, ein solcher Gedanke kam niemandem in den Kopf!

Sie tappten also wie im Dunkeln, ohne einen Ausgang aus diesem quälenden Rätsel zu finden... In allen Häusern redete man davon und niemand erfuhr die Wahrheit; aus diesen Überlegungen kam das nur heraus, daß der Zorn gegen Antek verraucht war, selbst seine Feinde verstummten, und seine Freunde, wie Mathias zum Beispiel, erhoben wieder ihre verteidigenden Stimmen; dafür entstand aber eine arge Abneigung gegen Jagna und steigerte sich bis zum Gefühl des Entsetzens über eine so arge Todsünde. Die Frauen nahmen sie gründlich vor und schleppten sie in ihren Reden durchs ganze Dorf wie über scharfe Dornenhecken, so daß nicht ein heiles Fleckchen an ihr mehr übrigblieb. Und was die Dominikbäuerin dabei abbekam, war auch nicht wenig... sie fielen um so mehr über sie her, da niemand wußte, was mit Jagna vorging, denn die Alte jagte die Neugierigen wie lästige Hunde von ihrer Schwelle fort.

Aber in einem waren sie sich alle einig/im tiefen Mitleid für Anna, die man aufrichtig und herzlich bedauerte; die Klemb- und die Sikorabäuerin begaben sich sogar gleich am selbigen Abend noch zu ihr mit einem guten Wort und hatten noch dazu einiges für sie ins Knotentuch gewickelt.

So ging also dieser für lange Zeiten denkwürdige Tag vorüber, und am nächsten Morgen kehrte wieder alles zum alten, die Neugierde war in sich zusammengesunken, der Zorn war verraucht, die Erregung hatte sich geglättet und gesetzt, jeder kehrte wieder in seinen Trott zurück, beugte den Kopf unter das Joch und trug sein Los, wie es der liebe Gott befohlen hatte/ohne zu murren und in Geduld.

Natürlich redete man hier und da über diese Ereignisse, aber immer seltener und ergebnisloser; jedem sind schließlich die eigenen Sorgen und Kümmernisse, die jeder Tag mit sich bringt, die nächsten.

Es kam der Monat März und somit ganz unerträgliche Zeiten; die Tage waren dunkel, traurig und so mit Nässe, Regen und feuchtem Schnee erfüllt, daß es schwer war, die Nase aus der Haustür zu stecken, die Sonne schien irgendwo in den niedrig herabhängenden, grünlichen Wolkenfluten verloren gegangen zu sein und blitzte nicht einmal für einen Augenblick auf/die Schneemassen schmolzen langsam, und wo sie vom schlechten Wetter unterwühlt und durchnäßt waren, hatten sie einen grünen Schimmer, als wären sie mit Schimmel überwachsen; das Wasser stand in den Ackerfurchen, überflutete die Niederungen und Zufahrten, und in den Nächten fror es noch so, daß man es schwer hatte, sich auf den eisbedeckten Wegen und Stegen aufrechtzuhalten.

Bei diesem Hundewetter vergaß man auch rascher den Brand, um so mehr, da weder Boryna noch Antek oder Jagna die Menschenaugen durch ihre Gegenwart reizten; so fielen sie denn in Vergessenheit wie ein Stein auf den Grund des Wassers, über dem sich die Oberfläche nur manchmal runzelt, zerbricht, Kreise schlägt, aufplätschert, um dann wieder ruhig weiterzufluten.

Es gingen ein paar Tage bis zum letzten Fastnachtsdienstag vorüber.

Da aber Fastnacht als halbes Fest gefeiert wurde, so entstand schon vom frühen Morgen an eine lebhafte Bewegung in den Häusern, man putzte etwas die Stuben zurecht und aus jedem Hof war fast jemand nach dem Städtchen gefahren, um allerhand einzukaufen, hauptsächlich aber Fleisch oder selbst ein Stück Wurst und Speck; nur die Ärmsten mußten sich mit einem beim Juden auf Borg geholten Hering und mit gesalzenen Kartoffeln begnügen.

Bei den Reichen briet man schon von Mittag an Fastnachtskrapfen, so daß trotz des nassen Wetters die Düfte von bratendem Schmalz, schmorenden Fleischgerichten und von verschiedenen anderen appetitreizenden Schmackhaftigkeiten sich durchs ganze Dorf zogen.

Die Bärenführer wanderten wieder von Haus zu Haus mit ihrem Wundertier, so daß immerzu und aus einem anderen Dorfende die lärmenden Stimmen der Burschen erschollen.

Abends aber nach dem Nachtmahl gab es in der Schenke Tanzmusik, zu der alles, was lebte und die Beine rühren konnte, hinlief, ohne auf den mit Schnee durchmengten Regen zu achten, der gleich beim Dunkelwerden zu fallen begann.

Man vergnügte sich aus vollem Herzen, da es ja das letztemal vor der großen Fastenzeit war. Mathias spielte auf der Geige, ihm zur Begleitung fingerte Pjetrek, Borynas Knecht, auf der Flöte und Jaschek der Verkehrte rührte die Trommel.

Man vergnügte sich so gut wie selten und bis spät in die Nacht. Zum Zeichen, daß es schon Mitternacht und Fastnacht zu Ende sei, ertönte die Kirchenglocke; gleich darauf verstummten die Töne der Musik, man hörte auf zu tanzen, leerte eiligst die Flaschen und Gläser und fing an im stillen auseinanderzugehen, so daß nur der stark angetrunkene Ambrosius vor der Schenke zurückblieb und seiner Gewohnheit gemäß laut zu singen anfing.

Nur im Haus der Dominikbäuerin blitzte Licht bis spät in die Nacht, man sagte selbst bis zum zweiten Hahnenschrei, denn der Schulze und der Schultheiß saßen dort und machten Frieden zwischen Jagusch und Boryna ...

Das Dorf schlief schon lange. Stille umfing die Welt, denn der Regen hatte gegen Mitternacht fast ganz nachgelassen; sie aber beratschlagten noch immer ...

— — — — —

In Anteks Wohnung war aber weder Ruhe noch friedlicher Schlaf und frohe Fastnacht.

Was in Annas Seele in diesen langen Tagen und Nächten vorging, von dem Augenblick an, da Antek sie vor dem Haus getroffen und mit Gewalt zur Umkehr gezwungen hatte, das weiß wohl nur der liebe Herrgott; aber kein Menschenwort kann es wiedergeben.

Natürlich erfuhr sie noch in derselben Nacht alles von Veronka.

Die Seele war wie tot in ihr von all dieser Qual und lag wie ein nackter, in seiner Totenstarre grauenhafter Leichnam da. Die ersten zwei Tage rührte sie sich fast gar nicht vom Spinnrad; spinnen tat sie nicht, bewegte nur willenlos die Hände, wie ein Mensch in einer tödlichen Schlafbefangenheit, starrte mit einem leeren, ausgebrannten Blick in sich hinein, in das grause Wehen ihrer Trübsale, in die qualvollen Untiefen voll brennender Tränen, in die Unbill und Ungerechtigkeit; sie schlief nicht in dieser Zeit, nicht einmal auf das Weinen der Kinder noch auf sich selbst achtete sie, so daß sogar Veronka sich ihrer erbarmte und sich der Kinder und des Alten annahm, der obendrein nach diesem Waldgang erkrankt war und leise stöhnend in seinem Ofenwinkel lag.

Antek war so gut wie gar nicht da, er ging bei Morgengrauen fort und kam spät in der Nacht wieder, ohne sie oder die Kinder eines Blickes zu würdigen. Übrigens war es ihr auch nicht möglich gewesen, sich zu überwinden und ihm auch nur ein Wort zu sagen, das brachte sie nicht über sich; so war ihre Seele vor Kummer erstarrt, als wäre sie zu Stein verhärtet.

Erst am dritten Tag erwachte sie etwas zum Leben, kam zu sich wie aus einem furchtbaren Schlaf, war aber so verändert, als ob sie sich als ein ganz anderes Wesen aus dieser Totenstarre erhoben hätte. Ihr Gesicht war aschfahl und von Runzeln durchzogen, um Jahre schien sie gealtert, und war so kalt und starr, daß sie aussah, als wäre sie aus Holz geschnitzt, nur die trockenen Augen leuchteten scharf und die Lippen bissen sich fest zusammen. Sie war dabei gänzlich abgemagert, so daß die Kleider auf ihr, wie auf einem Stock hingen.

Sie war wieder zum Leben auferstanden, aber auch im Innern verändert; denn wenn auch ihre alte Seele wie zu Asche verbrannt war, fühlte sie im Herzen eine seltsame, früher nie empfundene Macht, eine unerschütterliche Lebenskraft, einen Kampfesmut und eine trotzige Sicherheit, daß sie das alles überwinden und besiegen würde.

Sie stürzte sich gleich auf die kläglich weinenden Kinder, umfaßte sie, und es war ein Wunder, daß sie sie nicht mit ihren Küssen erwürgte; dann brach sie mit ihnen gemeinsam in ein langes, wohltuendes Weinen aus, das erst hatte sie erleichtert und ganz zur Besinnung kommen lassen.

Sie brachte die Stube rasch in Ordnung, ging zu Veronka hinüber, ihr für ihr gutes Herz zu danken und für etwa begangenes früheres Unrecht um Verzeihung zu bitten, und bald war auch der Frieden gestiftet. Die Schwester wunderte sich nicht darüber; sie konnte nur nicht begreifen, daß Anna sich nicht über Antek beklagte, daß sie nicht fluchte und über ihr Los nicht jammerte, nein, als wären diese Dinge tot und seit langem in Vergessenheit geraten, nur so viel sagte sie noch hart zum Schluß:

»Wie eine Witwe fühl' ich mich jetzt, da ist es schon recht, daß ich mich um die Kinder und um alles etwas sorgen muß.«

Und noch an diesem Tag, gegen die Vesperzeit, ging sie ins Dorf zu den Klembs und zu anderen Bekannten, um auszukundschaften, was mit Boryna vor sich ginge... sie hatte seine Worte, die er damals zum Abschied gesagt hatte, gut in Erinnerung.

Aber sie ging nicht gleich zu ihm, sie wartete noch ein paar Tage ab, denn sie schwankte noch, ob sie so rasch nach allem, was geschehen war, sich ihm vor Augen zeigen sollte.

Erst am Aschermittwoch kleidete sie sich so gut sie konnte an, ohne selbst das Frühstück fertig zu machen, gab die Kinder unter Veronkas Obhut und machte sich zum Fortgehen bereit.

»Wohin willst du denn so früh?« fragte Antek.

»In die Kirche geh' ich, Aschermittwoch ist heut',« sagte sie widerwillig und ausweichend.

»Wirst du denn kein Frühstück herrichten?«

»Geh' du in die Schenke, der Jude borgt dir noch,« entfuhr es ihr unbeabsichtigt.

Er sprang auf, als hätte ihm jemand eins mit dem Stock übergelangt; aber ohne darauf zu achten, ging sie fort.

Sie fürchtete jetzt sein Geschrei und seine Zornanfälle nicht mehr, wie fremd schien er ihr und so fern, daß sie sich selbst darob wunderte; und obgleich in ihr zuweilen etwas aufzuckte, wie das letzte Flämmchen der ehemaligen Liebe/ wie eine vom Leid zugeschüttete und ausgetretene Glut, so löschte sie sie in sich absichtlich wieder aus, durch die Macht der Erinnerungen und des nie zu verschmerzenden Unrechts, das ihr geschehen war.

Gerade machten sich auch die Leute schon auf zum Kirchgang, als sie in den Pappelweg einbog.

Der Tag wurde seltsam hell und schön, die Sonne leuchtete vom frühen Morgen an, der kräftige Nachtfrost war noch nicht im Tauwetter zerschmolzen, von den Strohdächern tropfte es aber in glitzernden Perlenschnüren, und das zu Eis gefrorene Wasser auf den Wegen und in den Gräben leuchtete wie Spiegelflächen. Die rauhreifbedeckten Bäume fingen an, in der Sonne zu funkeln, flammten auf und ließen von sich silberne Gespinste auf die Erde fallen; der reine blaue Himmel voll milchweißer, kleiner Wölkchen leuchtete im Licht wie ein Feld blühender Flachsblumen, wenn eine Schafherde sich hineinverirrt und darin werdend so versinkt, daß man kaum die weißen Rücken sieht; es wehte eine reine, frostklare und so frische Luft, daß man sie mit Freude einatmete. Die ganze Welt wurde vergnügter, es gleißten die Pfützen, es schimmerten die von goldenen Lichtern glastübersponnenen Schneemassen, auf den Wegen glitschten eifrig die Kinder und juchten froh, hier und da stand ein Alter an der Wand in der Sonne; selbst die Hunde bellten freudig, den Krähenschwärmen nachjagend, die nach Fraß herumlungerten, und vom wundersam sonnendurchglänzten Himmelsraum ergoß sich heitere Helle und fast lenzliche Wärme über die ganze Welt.

In der Kirche jedoch umwehte Anna eine durchdringende Kühle und tiefes andachtsvolles Schweigen. Die stille Messe wurde schon vor dem Hauptaltar gelesen, und das in frommer Sammlung betende Volk erfüllte dicht das Mittelschiff der Kirche, das von Lichtströmen überflutet war, und immer noch kamen verspätete Kirchgänger hinzu.

Aber Anna drängte sich nicht unter die Menschen, sie ging in ein Seitenschiff der Kirche, das fast leer war und so dämmerig, daß nur hier und da die Vergoldungen in den eiskalten, spärlichen Lichtstreifen leuchteten; sie wollte für sich mit Gott und der eigenen Seele bleiben, kniete vor dem Altar mit dem Bild von Mariä Himmelfahrt nieder, küßte den Boden, breitete die Arme auseinander, und in das liebe Antlitz der barmherzigen Muttergottes starrend, vertiefte sie sich in Andacht.

Hier erst brachen ihre Klagen hervor, dieser heiligen Trösterin zu Füßen legte sie in tiefster Demut und grenzenlosem Vertrauen ihr Herz voll blutiger Wunden nieder und beichtete vor ihr aus voller Seele. Vor der Mutter und Herrin des ganzen Volkes bereute sie alle ihre Sünden; denn natürlich war sie sündig, wenn der Herr Jesus sie so gestraft hatte, das war sie!

»Unfreundlich gegen andere war sie, erhob sich über andere, war zänkisch, nachlässig, und gut essen und sich pflegen, das mochte sie, und war nicht eifrig genug im Dienste des Herrn/sündig war sie schon«/rief es in ihrem Inneren mit einer glühenden, überströmenden, bußfertigen Reue. Ein Wunder war es, daß ihr Herz nicht brach und sie bat um Gottes Erbarmen für Anteks schwere Sünden und Fehle, bettelte um Mitleid und suchte verzweifelt mit ihren herzlichen Bitten nach einem Ausgang, wie ein Vöglein, das vor dem Tod fliehen möchte, mit den Flügeln gegen die Scheiben schlägt und flattert und kläglich aufzwitschert, daß man es retten möge ...

Ein Schluchzen erschütterte sie, und die Glut ihrer Bitten und ihres Flehens brannte in ihr; wie aus einer offenen Wunde floß aus der Seele der Strom der Gebete und der Tränen, die wie blutige Perlen sich über den kalten Fußbeben ausstreuten.

Die Messe war zu Ende, das ganze Volk begann an den Altar heranzutreten, in Bußfertigkeit und Demut und oft selbst mit Weinen niederzuknien und die Köpfe zu beugen, damit der Priester, der laut ein Bußgebet sprach, sie mit Asche bestreue.

Anna ging hinaus, ohne auf das Ende der Aschermittwochszeremonie zu warten; sie fühlte sich sehr gestärkt und vertraute jetzt schon ganz auf Gottes Hilfe.

Mit erhobenem Kopf beantwortete sie die Grüße der Leute und ging unerschrocken unter den neugierigen Blicken vorüber; kühn, wenn auch heimlich bebend, bog sie in den Heckenweg ein, der nach dem Borynahof führte.

Mein Gott, so lange Zeit hatte ihr Fuß dieses Stück Erde nicht berührt, und sie hatte doch immer wie ein Hund kläglich aus der Ferne drum herum gekreist; sie umfaßte jetzt mit liebevollem Blick das Haus, die Wirtschaftsgebäude und Zäune und jedes im Rauhreif glitzernde Bäumchen, das sie so lebendig in ihrer Erinnerung bewahrte, als wäre es aus ihrem Herzen gewachsen, als hätte sie es mit ihrem Herzblut genährt.

Ihre Seele lachte in einer solchen Freude auf, daß sie bereit war, diese heilige Erde zu küssen, und kaum daß sie vor die Galerie getreten war, sprang Waupa mit einem solchen freudigen Gewinsel ihr entgegen, daß Fine aus dem Flur hinaussah und vor Staunen wie erstarrt dastand, den eigenen Augen nicht trauend.

»Hanka! mein Gott! Hanka!«

»Ich bin es, ja, ich bin es, kennst du mich denn nicht wieder? Ist Vater zu Hause?«

»Doch, Vater sind in der Stube ... daß ihr doch gekommen seid ... Hanka! ...« Das gute Mädchen brach in Weinen aus, ihr die Hände voll Herzlichkeit küssend, als wäre das ihre leibliche Mutter.

Der Alte aber kam, da er ihre Stimme vernommen hatte, ihr selbst entgegen und führte sie in die Stube. Schluchzend fiel sie ihm zu Füßen, durch seinen Anblick und durch all die Erinnerungen, die aus jeder Ecke des lieben Hauses auf sie einstürmten, erschüttert. Doch sie beruhigte sich bald, denn der Alte fing an, sie über die Kinder auszufragen und bedauerte voll Mitleid ihr abgezehrtes Aussehen. Sie erzählte ihm alles, nichts verschweigend, und war nur ganz erschrocken über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war; er war sehr gealtert, zu einem Span abgemagert und stark gebückt; nur das Gesicht von früher war geblieben, aber verbissener und strenger war es.

Sie sprachen lange miteinander, ohne ein einziges Mal Antek oder Jagna zu erwähnen; sie hüteten sich beide, an diese wunden Stellen zu rühren. Und als sich Anna nach einer Stunde etwa zum Gehen anschickte, befahl der Alte Fine, so viel in ein paar Bündel einzustecken, wie es irgend gehen wollte. Witek mußte das alles auf einem Schlitten neben ihr herziehen, denn allein hätte sie es nicht fortbringen können, und noch beim Abschiednehmen gab ihr der Alte ein paar Silberlinge für Salz und sagte:

»Komm du nur öfters, wenn es auch jeden Tag sein sollte, man weiß nicht, was mit mir mal vorkommen kann; dann paß du aufs Haus, denn Fine ist dir nicht schlecht gesinnt.«

Damit ging sie fort, unterwegs über Vaters Worte nachdenkend, so daß sie sogar wenig auf Witeks Reden achtgab, der ihr zuflüsterte, daß der Schulze mit dem Schultheiß jeden Tag kämen und den Alten zur Versöhnung mit Jagna drängten, daß der Hofbauer mit der Dominikwittib, mit der er gestern bis spät in die Nacht beratschlagt hatte, bei Hochwürden gewesen war; und so plapperte er, was er nur wußte, um sich bei ihr einzuschmeicheln.

Zu Hause fand sie noch Antek vor, er flickte sich den Stiefel am Fenster und sah sie nicht einmal an; erst als er Witek und all die Bündel gewahrte, sagte er voll Zorn:

»Ich sehe, du bist betteln gewesen ...«

»Wenn ich schon zu einer Bettlerin geworden bin, muß ich ja wohl von der Gnade der Menschen leben.«

Als aber Witek fortgegangen war, brach Antek wütend los:

»Hab' ich dir, Canaille, nicht befohlen, daß du mir nicht zum Vater gehst!«

»Selbst hat er mich gerufen, so bin ich gegangen, selbst hat er mich beschenkt, da hab' ich es schon genommen; Hungers sterben will ich nicht und laß auch nicht zu, daß meine Kinder das müssen, weil du dich nicht darum kümmerst!«

»Trag' das gleich wieder zurück, ich brauche nichts von ihm!« schrie er.

»Aber ich brauche es und die Kinder auch.«

»Ich sage dir, trag' es ihm hin, sonst tue ich es selber und stopfe es ihm in seine Kehle; mag er dann ersticken an seinem Guttun! Hast du gehört, oder ich schmeiße alles zum Hause hinaus!«

»Versuch' es nur, rühr' es nur an, dann wirst du was sehen!« knurrte sie auf, das große Mangelbrett ergreifend, bereit, sich bis zum letzten zu verteidigen und so drohend und wütig dabei, daß er durch diesen plötzlichen Widerstand bestürzt zurücktrat.

»Billig hat er dich gekauft mit einem Brotknust, wie einen Hund,« brummte er finster.

»Noch billiger hast du uns und dich verkauft für Jagna ihren Rock!« schrie sie zurück, ohne Überlegung, so daß er sich duckte, als hätte ihn einer mit dem Messer gestochen; aber Anna, die plötzlich alle Besinnung verloren hatte, denn die Erinnerung an das ihr geschehene Unrecht kam über sie und übermannte den ewig niedergehaltenen Groll, brach in eine jähe, reißende Flut von Vorwürfen aus; sie schenkte ihm nicht eine schlechte Tat und schlug auf ihn mit ihren rasenden Worten wie mit Dreschflegeln ein, und wenn sie es gekonnt hätte, hätte sie ihn auf der Stelle bis zu Tode geschlagen! ...

Er erschrak über diesen Wutanfall, irgendwas riß in seinem Innern; er beugte sich zur Seite und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Ärger wich von ihm, und eine bittere, beißende Scham überfiel mit einer solchen Macht seine Seele, daß er nach der Mütze griff und aus dem Hause lief.

Lange konnte er nicht begreifen, was in sie gefahren war und trieb sich wie ein Hund, den man verprügelt hatte, ganz betäubt herum, wie er das schon seit längerem täglich so tat.

Seit jenem entsetzlichen Augenblick des Brandes ging etwas Furchtbares in ihm vor, als wäre er in seinem Innern ganz außer Rand und Band geraten. Arbeiten ging er nicht mehr, obgleich der Müller mehrmals nach ihm geschickt hatte, bummelte im Dorf herum, saß in der Schenke und trank in einem fort, dabei blutige Rachepläne spinnend und nichts mehr außer dem einen sehend, so daß ihn nicht einmal die Verdächtigungen wegen der Brandstiftung beim Vater etwas kümmerten.

»Er soll mir das ins Gesicht sagen, er soll sich unterstehen!« sagte er zu Mathias in der Schenke ganz laut, damit es die Leute hörten.

Er hatte dem Juden die letzte Kuh verkauft und vertrank sie mit den Kameraden, denn er hatte sich mit den Schlimmsten im Dorf zusammengetan; es schlugen sich zu ihm solche wie Bartek Kosiol, wie Philipp von jenseits des Weihers, Franek, der Müllersknecht, und die Gulbasburschen, die schlimmen Galgenstricke, die immer die ersten bei jeder Ausschweifung waren, in einem zu, wie Wölfe sich im Dorf umhertrieben, nur danach spähend, was sie für sich herlangen könnten, um es beim Juden in Schnaps zu vertrinken. Dem Antek war es ganz gleich, wie sie waren, nur scharen sollten sie sich um ihn; sie taten ihm auch ins Gesicht hinein schön, ihm wie die Hunde nach den Augen sehend; denn wenn er auch manchmal einen verprügelte, so gab er doch oft Schnaps aus und verteidigte sie vor den Menschen.

Sie trieben gemeinsam solchen Unfug im Dorf, rempelten die Leute an, vollführten solche Schlägereien, daß Tag für Tag Klagen gegen sie beim Schulzen und selbst bei Hochwürden einliefen.

Mathias warnte ihn, doch alles war vergeblich; es beschwor ihn auch Klemb aus reiner Freundschaft, daß er sich besinnen sollte und nicht ins Verderben rennen möge, vergeblich setzte er ihm alles auseinander/Antek wollte nicht auf sie hören, ließ sich nichts sagen, verbiß sich immer mehr, trank noch mehr und drohte schon dem ganzen Dorf.

Und so rollte sein Leben wie von einem abschüssigen Hügel ins Verderben, auf nichts und auf niemanden achtete er mehr, und das Dorf hörte nicht auf, ihn scharf zu beobachten; denn wenn auch über diese Brandstiftung dieser und jener mancherlei erzählte, so empörte man sich über ihn immer mehr, als man sah, was er trieb. Und da der Schmied im stillen gegen ihn hetzte, so zogen sich allmählich selbst die alten Freunde von ihm zurück, wichen ihm schon von weitem aus, sich als erste laut gegen ihn empörend. Natürlich gab er nicht viel darum, durch seinen Rachedurst ganz verblendet, denn damit nährte er sich und fachte den Haß in sich an zu einer Glut, die zur Flamme werden sollte.

Und obendrein, wie allen zum Trotz, hatte er mit Jagna nicht aufgehört; zog ihn da das Lieben oder was anderes? Gott mochte das wissen/in der Scheune der Dominikbäuerin hatten sie ihre Zusammenkünfte, natürlich im geheimen vor der Mutter, nur der Schymek half ihnen bereitwillig dabei, sicher dafür auf Anteks Hilfe bei seiner Heirat mit Nastuscha hoffend.

Jaguscha ging nur widerwillig zu ihm hinaus und immer unter großer Angst; denn ihre Liebe war ganz flau geworden nach ihres Mannes derben Prügeln, von denen ihr noch schmerzliche Spuren nachgeblieben waren; den Antek aber fürchtete sie nicht minder, denn er hatte sie drohend verwarnt, er würde, wenn sie nicht auf jeden Ruf zu ihm hinauskäme, am hellichten Tag und in Gegenwart aller zu ihr ins Haus kommen und sie besser noch verprügeln als der Alte.

Gewiß, hat man durch einen Sünde begangen/da fühlt man nach ihm nicht Lust noch Verlangen; aber durch die Drohungen zwang er sie, so daß sie hinausging, ob sie wollte oder nicht.

Das dauerte aber nicht lange, denn gleich am Donnerstag nach Aschermittwoch kam Schymek in die Schenke gelaufen, zog ihn beiseite und sagte, daß man soeben Jagna mit dem Alten versöhnt hätte und daß sie schon zu ihm übergesiedelt wäre.

Diese Neuigkeit benebelte Antek so, als hätte ihn jemand mit einer Runge über den Schädel geschlagen; denn gestern in der Dämmerung hatte er sie noch gesehen und kein Wort hatte sie darüber gesagt.

»Sie hat es mir verhehlen wollen,« dachte er; es lag ihm wie Feuer auf dem Herzen, kaum konnte er den Abend erwarten, um hinzulaufen.

Lange umkreiste er das Haus seines Vaters, lauerte und wartete an dem Zaunüberstieg, aber sie zeigte sich nicht einmal; dadurch wurde er so erbost und dreist, daß er einen Knüttel irgendwo herausbrach und damit auf dem Borynahof zuging, schon zu allem bereit und selbst entschlossen, ins Haus einzudringen./Er war schon auf der Galerie angelangt und griff selbst schon nach der Türklinke, aber im letzten Augenblick stieß ihn etwas zurück: die Erinnerung an das väterliche Gesicht entstand so lebhaft vor seinen Augen, daß er erschrocken zurückwich und vor Entsetzen erbebte; er konnte es nicht über sich bringen und lief scheu und ängstlich geduckt davon.

Er konnte später nicht begreifen, wovor es ihm bange geworden war, ganz wie damals am Weiher und was ihm da hätte passieren können.

Auch an den folgenden Tagen konnte er Jagna nicht treffen, obgleich er ganze Abende am Zaunüberstieg herumstand und ihr wie ein Wolf auflauerte.

Nicht einmal am Sonntag begegnete er ihr, obgleich er lange vor der Kirche aufgepaßt hatte.

Darum hatte er sich ausgedacht, zur Vesper in die Kirche zu gehen, überzeugt, sie dort sicher zu treffen und irgendeine Möglichkeit zu finden, mit ihr zu sprechen.

Er kam etwas spät, denn die Vesper hatte schon begonnen; die Kirche war voll und so dämmerig, daß nur noch oben unter den Gewölben die Reste des Tages grauten, während unten in den hier und da durch die Flämmlein der Wachsstöcke durchhellten Dunkelheiten das Volk wimmelte und raunte, nach dem reich erleuchteten Hauptaltar hin wogend; Antek drängte sich bis ans Gitter am Hauptaltar und sah sich unmerklich um, aber er konnte weder Jagna noch irgend jemanden vom Vaterhof erspähen; anstatt dessen fing er oft neugierige Blicke auf, die an ihm hafteten, und fühlte, daß man auf ihn aufmerksam wurde und das manch einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte, verstohlen auf ihn hinweisend.

Sie sangen schon das Fastenlied, denn es war ja der erste Sonntag in der Fastenzeit. Der Priester saß im Chorhemd seitwärts vom Altar mit einem Gebetbuch in der Hand und sah ihn hin und wieder streng an.

Die Orgel dröhnte durchdringend und das ganze Volk sang einstimmig; zuweilen aber brachen die Stimmen ab, die Orgel verstummte und irgendwo vom Chor erklang die plärrende und öfters stockende Stimme des Organisten, der die Meditationen über Christi Marter vorlas.

Antek hörte nichts davon, denn bald hatte er ganz vergessen, weswegen er gekommen war und wo er sich eigentlich befand; die Gesänge ergriffen ihn ganz und umspannen ihn mit einer liebkosenden, wiegenden Melodie, so daß ihn eine seltsame innere Schwäche überfiel; eine Schläfrigkeit und eine tiefe Stille umfingen ihn, daß er irgendwo versank und in eine Helle hineinzufliegen schien, und jedesmal, wenn er zur Besinnung kam und die Augen aufschlug, begegnete er den Blicken des Priesters, der immerzu nach ihm hinsah, da Antek höher als die anderen war und schon von weitem auffiel. Der Priester bohrte seine Augen so fest in ihn ein, daß Antek wie benommen den Kopf zur Seite wandte und wieder alles vergaß. Plötzlich wachte er auf:

»Am Kreuze hängt der Herr, der Schöpfer der Himmelswelt,
Laßt weinen uns und klagen über die Sünden der Welt.«

Die ganze Kirche sang es; wie aus einer einzigen rätselvollen Kehle riß sich dieser Ruf los und brach mit einer solchen klagenden Macht hervor und mit einem solchen schluchzenden Aufstöhnen, daß die Mauern erbebten, das Volk hob sich von den Knien hoch, wogte auf/ es sang aus voller Seele den klagenden Sang der Buße.

Sie sangen zu Ende, und lange noch irrte ein stöhnender schmerzlicher Widerhall durch die Kirche, ein Geraun von schluchzenden Stimmen, Seufzern und heißen Gebeten ging durch den Raum.

Die Andacht dauerte noch ziemlich lange, er aber war schon wieder ganz zur Besinnung gekommen. Die Schlaftrunkenheit war von ihm gewichen, und nur eine schwere, unbesiegbare Trauer hatte sich an seine Seele gehängt und bedrängte sie, so daß er die Tränen, die ihm in die Augen stiegen, nicht mehr hätte zurückhalten können, wenn nicht die Scham darüber ihn angepackt hätte; er wollte gerade weggehen, ohne das Ende abzuwarten, als plötzlich die Orgel verstummte, der Priester vor den Altar sich hinstellte und zu unterweisen begann.

Die Leute fingen an, sich nach vorn zu drängen, so daß ein Zurücktreten nicht mehr möglich war, nicht einmal bewegen konnte er sich, so hatten sie ihn an die Balustrade herangeschoben; eine Stille breitete sich aus, man konnte jedes Wort des Priesters deutlich hören. Er sprach von der Marter Jesu; und als er geendigt hatte, fing er an, die sündige Menschheit mit drohend erhobenen Händen zu ermahnen, immer wieder Antek anblickend, der gerade gegenüber, nur etwas tiefer vor ihm stand und seine Augen von ihm nicht losreißen konnte; er war wie gebannt und verzaubert durch die eifernden Blicke des Priesters.

In der zusammengedrängten andächtigen Menge erhob sich schon vereinzeltes Weinen, hier und da ertönte ein Klageseufzer, oder der heilige Name Jesu erklang als ein Aufstöhnen, und der Priester redete immer noch und schon mit einer drohenden Stimme, er schien in den Augen aller zu wachsen und riesengroß zu werden, seine Augen blitzten, seine Hände erhoben sich und die Worte fielen auf die Häupter wie Steine und brannten die Herzen wie mit glühendem Eisen/denn er hatte begonnen, ihnen alle Sünden und Verfehlungen, die sie begingen, vorzuhalten: die Nichtachtung der Gebote Gottes und jenen ewigen Hader, die Schlägereien und Saufereien/und er sprach so leidenschaftlich, daß die Seelen unter der Qual ihrer Sündhaftigkeit erzitterten, alle Herzen in Reue aufschluchzten und ein Weinen und bußfertige Seufzer wie ein rieselnder Regen aufrauschten. Der Priester beugte sich plötzlich nach Antek vor und fing mit einer gewaltigen Stimme an, über die mißratenen Söhne zu sprechen, über die Brandstifter an der Habe der leiblichen Väter, über die Verführer und solche Sünder, die weder dem ewigen Feuer noch der irdischen Strafe entrinnen werden.

Das ganze Volk erschrak, verstummte und blieb mit verhaltenem Atem in der Brust stehen, alle Augen fielen wie ein Hagelschauer über Antek her, denn sie begriffen, wen der Priester meinte, und Antek stand hochaufgereckt, bleich wie Leinwand und kaum atmend da, denn die Worte stürzten mit solcher Macht über ihn her, als ob die ganze Kirche zusammenbrechen wollte; er sah sich nach Rettung um, doch es wurde plötzlich freier um ihn her, er bemerkte erschrockene und drohende Gesichter, die unwillkürlich wie vor einem Aussätzigen zurückweichen zu wollen schienen, und der Priester schrie schon mit ganzer Stimme, verfluchte ihn und rief ihn zur Buße; und dann wandte er sich zum ganzen Volk, streckte die Arme aus und rief, sie sollten sich vor einem solchen Räuber in acht nehmen, sie sollten sich vor ihm hüten, ihm Feuer, Wasser und Essen verweigern, ja selbst von Haus und Herd fernhalten wie die räudige Sünde, die alles ansteckt und besudelt. Und sollte er sich nicht bessern, das Schlechte nicht wieder gut machen und nicht büßen wollen/dann müßten sie ihn wie eine Brennessel ausreißen und fortschmeißen ins Verderben.

Antek drehte sich plötzlich um und fing an, langsam nach dem Ausgang zu schreiten; die Menschen wichen vor ihm zur Seite, so daß er wie durch eine plötzlich entstandene Gasse ging, und die Stimme des Priesters verfolgte ihn und peitschte ihn bis aufs lebendige Blut.

Ein plötzlicher verzweifelter Schrei ertönte in der Kirche, doch er hörte ihn nicht und ging geradeaus immer nur vor sich hin, immer rascher, um nicht tot vor Qual niederzustürzen und um vor diesen strengen Augen und vor dieser furchtbaren Stimme zu entfliehen.

Er stürzte auf die Dorfstraße, ohne zu wissen wohin und rannte durch den Pappelweg nach den Wäldern zu; zuweilen blieb er stehen und horchte auf die Stimme, die ihm noch immer wie eine Glocke in den Ohren klang und so mächtig in seinem Innern dröhnte, daß es ein Wunder war, wenn nicht sein Kopf davon zerbarst.

Die Nacht war dunkel und windig, die Pappelbäume bogen sich rauschend, so daß ihn hin und wieder ein Zweig über das Gesicht schlug; dann wurde es wieder stiller und ein seiner unangenehmer Märzregen peitschte ihm ins Gesicht. Aber Antek achtete auf nichts mehr, er rannte wie ein Irrer, entsetzt und voll sprachlosen Grauens.

»Schlimmer kann es schon nicht werden!« murmelte er schließlich, stehenbleibend. »Recht hat er geredet, ganz recht!«

»Jesus, mein Jesus!« heulte er plötzlich los, sich an den Kopf fassend; denn in diesem Augenblick sah er klar und begriff seine Schuld und seine Sünden und eine grenzenlose Scham ergriff seine Seele und rüttelte daran, als wollte sie sie in Stücke reißen.

Lange saß er unter einem Baum, in die Nacht starrend und in das leise, angsterfüllte und grausige Singen der Bäume versunken.

»Seinetwegen, alles nur seinetwegen!« fing er an zu schreien, und es ergriff ihn wie eine Raserei des Zornes und Hasses, alle seine früheren Kränkungen standen auf, alle wilden Rachepläne ballten sich in ihm zu einem Knäuel zusammen und überstürzten sich in seinen Gedanken, wie die jagenden Wolken am Himmel.

»Ich zahl' es ihm heim! Zahlen soll er mir!« schrie in ihm die alte Verbissenheit wieder auf, so daß er rasch ins Dorf zurückrannte.

Die Kirche war schon verschlossen, in den Häusern war Licht und auf den Wegen traf er hier und da Menschen, die in Häuflein stehenblieben und trotz des Regens und der Kälte sich miteinander beredeten.

Er ging auf die Schenke zu und erblickte durchs Fenster, daß dort viele Menschen waren; doch das machte ihn nicht wankend, fest trat er ein, als ob nichts geschehen wäre, ging auf den größten Haufen zu und wollte die Bekannten begrüßen; es gab ihm wohl irgendeiner die Hand, der Rest aber zerstreute sich rasch nach allen Seiten und verließ eiligst die Schenke.

Ehe er sich versah, war er fast allein geblieben; ein Bettler nur saß noch am Herd und außerdem der Jude hinter der Tonbank.

Er begriff, daß er sie alle auseinandergejagt hatte, doch er schluckte das hinunter und bestellte Schnaps; das nicht ausgetrunkene Glas ließ er aber stehen und ging alsogleich wieder hinaus.

Er irrte planlos um den Weiher herum und betrachtete aufmerksam die Lichtstreifen, die hier und da aus den Fenstern auf den durchweichten Schnee rannen und im Wasser, das das Eis bedeckte, gleißten.

Wieder wurde er in seinem Herzen weicher gestimmt und eine unaussprechlich schwere Last wälzte sich ihm aufs Herz. Er fühlte plötzlich, wie einsam, armselig und unglücklich er war, welches Bedürfnis er hatte, sein Leid jemandem zu klagen, unter die Menschen zu gehen, und wenn auch nur an einem Herdfeuer etwas niederzusitzen, so daß er zu den Ploschkas, dem ersten Haus in der Reihe, hineinging.

Sie waren alle da, aber bei seinem Eintritt sprangen sie erschrocken auf; selbst Stacho wußte nicht, was er sagen sollte.

»Als hätt' ich einen abgeschlachtet, so seht ihr mich an!« sagte er leise und ging in ein anderes Haus, zu den Balcereks; aber auch diese empfingen ihn eisig, brummten dies und jenes vor sich hin und niemand lud ihn auch selbst nur zum Sitzen ein.

Er sah noch hier und da ein, doch überall war das gleiche.

Also, wie um einen letzten Versuch zu machen und sich keinen Schmerz, keine Erniedrigung zu ersparen, ging er zu Mathias. Der war nicht zu Hause; nur die alte Täubich sperrte gleich auf der Stelle ihr Maul gegen ihn auf, wetterte ihn an und jagte ihn wie einen Hund davon.

Nicht mit einem einzigen Wörtlein antwortete er ihr, und brach nicht in Wut aus, denn jeglicher Zorn, jegliches Bewußtsein darüber, was mit ihm geschah, waren ihm abhanden gekommen. Langsam schleppte er sich in die Nacht hinaus, umkreiste den Weiher, blieb hier und da stehen und sah auf das ins Dunkel versunkene Dorf, das sich nur durch die Lichtlein der Fenster abzeichnete. Er blickte erstaunt um sich, als sähe er es zum erstenmal, es umringte ihn mit seinen zur Erde niedergeduckten Häusern, umzingelte ihn, so daß er sich gar nicht mehr rühren und diesen Zäunen, Gärten und Lichtern nicht entgehen konnte. Er konnte nichts begreifen, fühlte nur, daß eine unüberwindliche Gewalt ihm an die Gurgel griff, ihn zur Erde beugte, unter ein Joch drückte und ihn mit unerklärlicher Angst erfüllte.

Mit tiefem Bangen sah er auf die blitzenden Fenster, denn es war ihm, als bewachten sie ihn, als spähten sie ihm nach und schritten in einer undurchbrochenen Kette auf ihn zu.

»Recht so! Recht so!« flüsterte er mit tiefster Demut aus ganzem reuevollen Herzen, von tödlicher Angst ergriffen und von dem Bewußtsein der gewaltigen Macht des Dorfes durchdrungen.

Die Lichter verloschen langsam eins nach dem andern, das Dorf schlief ein, nur der Regen sprühte und klatschte gegen die gebeugten Bäume, und manchmal bellte ein Hund irgendwo auf; eine grauenvolle Stille hielt die Welt umfaßt, als Antek schließlich zur Besinnung kam und aufsprang.

»Recht hat er geredet ... seine Wahrheit hat er gesprochen ... aber ich schenk' ihm nichts ... wenn ich selbst verrecken sollte, zahl' ich es ihm heim, verflucht! ...« schrie er eigensinnig, mit den Fäusten dem ganzen Dorf und der ganzen Welt drohend.

Er drückte die Mütze auf und ging zur Schenke.

 

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