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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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Initial Die stürzten in den Obstgarten, schoben sich gebückt unter den herabhängenden Ästen und liefen ängstlich und rasch wie aufgescheuchtes Wild hinter die Scheunen, ins nachtverhüllte Schneeland, ins sternenlose Dunkel, in die unergründliche Stille der durchfrorenen Felder.

Die Nacht nahm sie auf; das Dorf entschwand, die Stimmen der Menschen schwiegen plötzlich ganz, und selbst die leisesten Töne des Lebens zerrissen, so daß sie gleich alles vergessen hatten, und umfaßt, dicht aneinandergedrängt, Hüfte an Hüfte, etwas vorgebeugt, freudig und ängstlich, schweigsam und voll inneren Jubels rannten sie, was sie rennen konnten, in die neblige Bläue der vom Schweigen umsponnenen Welt.

»Jagusch!«

»Was denn?«

»Bist du da?«

»Wie sollt' ich nicht! ...«

So viel nur sagten sie, zuweilen stehenbleibend, um Atem zu schöpfen.

Ängstliches Herzklopfen und der mächtige Schrei eines zurückgehaltenen Jubels raubte ihnen die Rede; sie versenkten die Augen immer wieder ineinander, die Blicke blitzten einander an, wie heißes, stummes Wetterleuchten, und die Lippen fanden einander mit unwiderstehlicher Gewalt und mit einer so hungrigen, verzehrenden Leidenschaft, daß sie vor Trunkenheit taumelten; der Atem versagte ihnen, und ein Wunder, daß ihnen die Herzen nicht zersprangen; sie fühlten die Erde nicht mehr unter ihren Füßen, sie versanken in einen feurigen Abgrund, und mit Augen, die vor Glut nichts mehr sahen, starrten sie um sich, rissen sie sich vorwärts und stürzten weiter, ohne fast zu wissen wohin, um nur weiter zu laufen und wenn es selbst bis in die tiefste Nacht gehen sollte, bis dahin, wo die zusammengeballten Schatten lagen ...

Noch eine Strecke ... weiter ... immer weiter ... bis alles ihren Augen entschwand, die ganze Welt und selbst die Erinnerung daran, bis sie sich ganz in diese Selbstvergessenheit verloren hatten, wie in einen Traum, den man sich nicht gegenwärtig machen kann; die Seelen nur ahnen etwas von ihm; sie tauchten in ihm unter, wie in jenen Wundertraum, den sie dort vor einem Augenblick noch in Klembs Stube wachend geträumt hatten und waren doch noch ganz umfangen von dem Lichtstreif dieser stillen, geheimnisvollen Erzählungen, noch voll von jenen Wundern und Gesichten; so daß diese erträumten Märchenmächte auf ihre Seelen den wundersamen Blütenschnee der Eingenommenheit, der heiligen Ergriffenheit, des tiefsten Staunens, der ungestillten Sehnsüchte niederrieseln ließen.

Der Märchenregenbogen jener Wunder und Träume hielt sie noch ganz umfangen, so daß sie wie im Reigenschritt dahinwandelten, Seite an Seite mit jenen Traumgestalten, die sie vor einer Weile noch beschworen hatten. Sie gingen durch Märchenlande, durch die Welt jener übermenschlichen Bilder alles Geschehens und alles Wunderbaren, durch die Lichtkreise des tiefsten Staunens und der seligsten Verzauberungen. Gesichte schaukelten im Dunkeln, huschten über den Himmel dahin, wuchsen hervor, wohin nur das Auge blickte, überkamen die Herzen, so daß sie auf Augenblicke den Atem anhalten mußten, fast vor Bangigkeit ersterbend und aneinandergepreßt, stumm, verängstet in die bodenlose, zusammengeballte Tiefe der Traumgesichte blickten.

Und dann, zur Besinnung kommend, ließen sie ihre erstaunten Blicke lange durch die Welt irren, ohne recht zu wissen, ob sie noch unter den Lebenden wären, ob diese Wunder wirklich aus ihnen gekommen waren, ob nicht alles Traum und Trug gewesen war! ...

»Fürchtest du dich nicht, Jagusch, was?«

»Ich würd' ja bis ans Ende der Welt mit dir laufen, bis in den Tod!« flüsterte sie mit Nachdruck, sich an ihn leidenschaftlich schmiegend ...

»Hast du denn auf mich gewartet?« fragte er nach einer Weile.

»Gewiß, doch! Wenn nur einer in den Flur kam, hat es mich schon hochgerissen, deshalb bin ich doch zu den Klembs gegangen ... deshalb ... ich dachte, ich würde es nimmer abwarten können ...«

»Und als ich kam, hast du getan, als sähest du mich nicht ...«

»Dummer ... sollt' ich da schauen, daß sie was merkten! Aber es hat mich so angepackt, daß es ein Wunder ist, wenn ich nicht vom Stuhl gefallen bin ... sogar Wasser hab' ich getrunken, um wieder zurecht zu kommen ...«

»Liebes, du! ...«

»Du saßest hinten, ich fühlte es gut; aber es war mir bange, mich nach dir umzusehen, ich hab' mich nicht getraut, was zu sagen ... und das Herz pochte und hämmerte nur so, daß es die Menschen wohl hören mußten ... Jesus! fast hätte ich geschrien vor Freude! ...«

»Ich dacht' mir schon, daß ich dich bei Klembs treffen würde und daß wir zusammen weggehen sollten ...«

»Nach Haus wollt' ich, aber da hast du mich gezwungen ...«

»Wolltest du nicht, Jagusch, was?«

»Hale ... oft hab' ich gedacht, daß es so kommen möchte ... oft ...«

»Hast du das wirklich gedacht, wirklich, Jagusch?« flüsterte er leidenschaftlich auf sie ein.

»Etwa nicht, Jantosch! Immerzu, immer, immerzu ... Da am Zaunüberstieg ist es nicht gut ...«

»Das ist wahr ... hier wird uns keiner verscheuchen ... Allein sind wir ...«

»Allein! ... Und eine solche Dunkelheit ... und ein ...« flüsterte sie, sich ihm an den Hals werfend und ihn mit der ganzen Macht ihrer Leidenschaft und Liebe umarmend ...

— — — — —

Es wehte nicht mehr auf den Feldern, nur hin und wieder fuhr ein Lüftchen daher und strich mit weichem Windhauch, wie im kosenden Geflüster kühlend über ihre heißen Gesichter. Es waren weder glitzernde Sterne da noch der Mond war am tief niederhängenden Himmel zu sehen, auf dem sich wie schmutzig graue, zerfetzte Fließe die Wolken drängten, so daß es schien, als ob eine Herde grauer Ochsen sich über leere und nackte Brachfelder ausgebreitet hätte; die Weiten dämmerten wie versteckt hinter dahinsiechendem rostbraunen Rauch, und die ganze Welt schien wie aus den Nebeln des ringsum zuckenden Dunkels und der aufgewühlten Trübe gesponnen zu sein.

Ein tiefes, beunruhigendes, aber kaum fühlbares Raunen zitterte in der Luft, kam wie aus den in der Nacht versunkenen Wäldern geflossen, von den Wolken vielleicht, aus den wilden Wolkenschlüften, aus denen immer wieder Scharen weißer Wölklein aufflogen, die rasch wie Frühlingsschwärme, hinter denen Habichte jagen, dahingehen.

Die Nacht war dunkel und wie schmerzlich erregt, stumm und doch voll einer seltsamen Bewegung, voll Angst, voll ungreifbaren Aufzuckens, ängstlicher Geräusche, lauernder Phantome, voll plötzlichen Geschehens unerklärlicher und entsetzlicher Dinge; manchmal nur blitzten jäh aus den Wällen der Dunkelheit gespenstig blasse Schneemassen, dann wieder krochen eisige, feuchte, wie eiterige Hellen hervor, sich zwischen den Schatten schlängelnd, dann war es, als schlösse die Nacht ihre Lider wieder zu, Dunkelheiten glitten wie schwarze undurchdringliche Regenfluten nieder und die ganze Welt entschwand, daß die Augen, außerstande, etwas zu erhaschen, kraftlos in die tiefste Tiefe des Entsetzens versanken und die Seele, wie von einer stummen, toten Last bedrückt, erstarrte. Zuweilen zerrissen die Schattenvorhänge und platzten auf, als hätte sie ein Blitz zerteilt, und durch die furchtbaren Klüften der Wolken sah man in den Tiefen dunkelblaue sternübersäete stille Himmelsfelder liegen.

Dann wieder kam es wie ein Aufzucken von den Feldern oder von den Hütten, vielleicht auch vom Himmel oder aus den versunkenen Weiten, man wußte gar nicht woher, etwas zersprengt Dahingleitendes, fast wie Stimmen, dann wie Lichter, wie verlorener Widerhall, wie Gespenster von Klängen und langst gestorbenen Dingen, die durch die Welt irrten; sie flossen in einem wehmutsvollen Zug und verloren sich irgendwohin, wie erlöschende Sternenstrahlen.

Sie aber waren für alles blind, ein Sturm war in ihren Seelen aufgewacht und wuchs und steigerte sich mit jedem Augenblick, er wälzte sich von Herz zu Herz mit einer Flut brennenden, unaussprechlichen Begehrens, durchzuckt von den blitzenden Blicken, durchbebt von einem fast schmerzlichen Erzittern und einer jähen Unruhe, voll brennender Küsse, verstrickter und verworrener Worte, die wie Blitze blendeten, durchsetzt von totenhaftem Schweigen, voll einer Inbrunst und einer solchen Hingerissenheit zugleich, daß sie sich in ihren Umarmungen fast erstickten, sich aneinander drückten bis zum Schmerz und mit ihren Händen einander am liebsten zerrissen hätten, um in der Wollust ihrer Qual zu baden. Ihre umflorten Augen sahen nichts mehr; sie sahen nicht einmal sich selbst.

Und von dem Liebessturm ergriffen, für alles blind, wie in einem Taumel, besinnungslos, wie zwei ineinander zerfließende, flammende Fackeln, flohen sie in diese undurchdringliche Nacht, in die Öde und in die stumme Einsamkeit, um sich einander ganz hinzugeben auf Leben und Tod und bis zum Grund ihrer Seelen, die vom ewigen Hunger des Daseinwollens verzehrt wurden.

Sie konnten schon nicht mehr sprechen, nur besinnungslose Schreie kamen aus ihrem Innern und gepreßtes Flüstern wie zerrissene und hochauflohende Feuergarben, und irre, von Raserei trunkene Worte und Blicke, die sich tief ins lebendige Leben fraßen/wahnsinnverstörte Blicke/ Blicke, wie die Macht der Stürme, die sich begegnen, bis sie ein furchtbares Zittern der Gier erfaßte, daß sie sich mit einem fast schluchzenden Schrei einander in die Arme warfen und schon ohne Besinnung niedersanken ...

Die ganze Welt drehte sich und stürzte mit ihnen in die Feuerschlünde ...

— — — — —

»Den Verstand verlier' ich noch! ...«

»Schrei nicht ... still, Jagusch ...«

»Ich muß ja ... toll werd' ich noch oder sonst was!«

»Ein Wunder, daß das Herz nicht zerplatzt!«

»Ich verbrenne ... Herrgott, laß los ... ich muß doch Atem fangen« ...

— — — — —

»Jesu, ... ich sterb' sonst ... Oh Jesu! ...«

»Du Einzige in der Welt ...«

»Jantosch! Jantosch! ...«

— — — — —

Wie jene Säfte, die im Verborgenen unter der Erde hausen, zu jeder Frühlingszeit erwachen, anschwellen, in ihrer unsterblichen Begierde zueinanderstreben durch die Weltendämme, von den letzten Enden der Erde einherdrängen, durch alle Himmel kreisen, bis sie sich gefunden haben, bis sie sich ineinander verloren haben und sich im heiligen Geheimnis begatten, um dann den erstaunten Augen als Lenzespracht, als Blume, Menschenseele oder als Rauschen grüner Bäume zu erscheinen ...

So trieb es auch sie zueinander durch lange Sehnsüchte, durch Wochen der Qual, durch graue, leere, bange Tage, bis sie sich fanden und mit dem gleichen, unüberwindlichen Schrei des Begehrens einander in die Arme stürzten, sich so gewaltig zusammenschließend, wie zwei mächtige Fichten, wenn sie der Sturm ausreißt und zerschmettert gegeneinander schleudert, daß sie sich verzweifelt mit ganzer Macht ineinander verschlingen und im Todesringen schaukeln, zerren, wanken, bis sie gemeinsam in den grimmen Tod niederstürzen ...

Und die Nacht beschützte sie und umspann sie, damit das Vorausbestimmte geschah ...

— — — — —

Die Rebhühner fingen irgendwo im Dunkeln an, sich zu locken, so nah, daß man den ganzen Schwarm gehen hörte; ein rasches Rauschen ließ sich vernehmen, als wenn Flügel zum Flug gehoben würden und gegen den Schnee schlügen; vereinzelte, herbe Laute zerrissen die Stille, und vom Dorf her, das nicht weit abliegen konnte, erklang wie erstickt ein kräftiges Hähnekrähen.

»Es ist schon spät ...« murmelte sie angstvoll.

»Noch weit bis zur Mitternacht, die krähen nur zum Witterungsumschlag.«

»Es wird tauen ...«

»Versteht sich, der Schnee ist weich geworden.«

Irgendwo in der Nähe hinter dem Steinhaufen, an dem sie saßen, fingen Hasen an, sich zu jagen und zu springen, wie wenn sie Hochzeit hielten, und rannten dann in einem ganzen Haufen an ihnen vorüber, so daß sie entsetzt zurücksprangen.

»Die paaren sich, die Biester, und werden dann wie blind, daß sie nicht einmal auf den Menschen achten. Nach dem Frühling zu geht es.«

»Ich dachte, es wär' ein wildes Tier ...«

»Still da, hocke nieder!« flüsterte er mit angstvoller Stimme.

Sie hockten stumm dicht am Steinhaufen nieder. Aus dem durch Schneeschimmer erhellten Dunkel begannen lange, schleichende Schatten aufzutauchen ... und schoben sich langsam ... geduckt vorwärts und verschwanden dann wieder ganz, als wären sie in den Boden versunken, so daß nur die Augen, wie Johanniskäfer, aus dem Busch leuchteten; sie waren vielleicht nur einige Klafter weit von ihnen entfernt, zogen langsam vorüber und entschwanden in den Dunkelheiten, bis plötzlich ein kurzes, schmerzliches Aufquäken eines Hasen erklang, dann ein scharfes Getrampel, ein Röcheln, ein entsetzliches Sichbalgen, das Knacken zermalmter Knochen, drohendes Knurren; und wieder bereitete sich tiefes und beunruhigendes Schweigen ringsum.

»Die Wölfe haben ein Häschen zerrissen.«

»Daß sie uns nicht aufgespürt haben!«

»Wir sitzen ihnen vom Wind ab, da haben sie es nicht herausgerochen.«

»Ich fürcht' mich ... gehen wir schon lieber ... es ist so kalt hier ...« Sie schauerte zusammen.

Er umschlang sie und wärmte sie mit solchen Küssen, daß sie bald die ganze Welt vergaßen; sie faßten sich fest um die Hüften und gingen über einen Pfad, der sich ihnen ganz von selbst geboten hatte; sie schritten, schwer sich wiegend, dahin mit der Bewegung der Bäume, die mit einem Blütenübermaß bedeckt sind und leise im Bienengesumm sich schaukeln.

Sie schwiegen. Um sie war nichts, als die Inbrunst ihrer Küsse, ihrer Seufzer, ihrer leidenschaftlichen Ausrufe, als das Gurren ihres Liebesrausches und das freudige Pochen der Herzen; sie gingen wie in zuckende Gluten von Frühlingsfeldern eingehüllt; sie waren wie die von Lenzblumen besäeten Matten, die ein lichtes Freudengesumm umfängt, denn auch ihre Augen blühten auf, wie jene Frühlingsauen, auch sie strömten den heißen Atem jener im Sonnenbrand erglühter Felder, auch in ihnen war ein Beben, gleich dem Zittern der wachsenden Gräser, ein Aufrauschen gleich dem Zucken und Flirren der Frühlingsbäche und ein Singen gleich dem gedämpften Vogelgezwitscher; ihre Herzen pochten zugleich mit jenem Pulsen der heiligen Frühlingserde und ihre Blicke sanken ineinander, wie schwerer Blütenschnee der fruchtbaren Apfelblüte, und leise, seltene Worte sproßten aus dem Kern der Seele, wie leuchtende Baumtriebe in Maientagen, und die Atemzüge waren wie die Lüfte, die die jungen Saaten liebkosten, die Seelen/ wie ein sonnenheller Frühlingstag, wie Getreidefelder, die hochgereckt stehen, voll Lerchengezwitscher, voll Glanz, voll Rauschen, voll schimmernden Grüns und unverwüstlicher Daseinsfreude ...

Dann verstummten sie plötzlich, blieben stehen, in den Dämmer ihrer Versunkenheit sich verlierend; so ist es, wenn eine Wolke die Sonne verdeckt und die Welt still wird, sich verdunkelt, und ein Augenblick in Wehmut und Angst verstreicht.

Doch bald erwachten sie aus diesen Betäubungen, die Freude flammte in ihnen auf, festlicher Klang hallte durch die Seelen, beflügelte sie mit der Macht eines solchen Glücksgefühls, riß sie so mächtig empor zum himmelhohen Flug, daß sie, ohne es selbst zu wissen, in ein leidenschaftliches, unbewußtes Singen verfielen ...

Sie wiegten sich im Takt der Stimmen, die mit regenbogenfarbenen Flügeln zu schlagen schienen und in einem glühenden Sternenstrudel von Klängen in die starre, leere Nacht zerstoben.

Sie achteten auf nichts, gingen aneinandergeschmiegt, willenlos ineinander verloren, ohne Erinnerung, durch diese übermenschliche Macht des Fühlens trunken, die sie in paradiesische Welten trug und die aus ihnen in einem regellosen, verworrenen, fast wortlosem Lied hinausströmte.

... Ein wilder und stürmischer Gesang floß als ein reißender Strom aus den übervollen Herzen und klang in die Welt hinaus, wie ein siegreicher Schrei der Liebe ...

... und wie ein Feuerbusch flammte er im Chaos der Nacht und in der lichtlosen Trübe ...

... er war auf Augenblicke, wie ein zersprengendes Grollen von Wasserfluten, die ihre Eisfesseln zerreißen ...

... und erstarb mit einem kaum hörbaren, summenden und süßen Geraun der im Sonnenschein schaukelnden Getreidewogen.

... es zerrissen goldene Ketten von Klängen, zerfielen im Wind und schleppten sich wie rostzerfressen immer langsamer über die Ackerbeete, daß sie schließlich nur wie Schreie der Nacht zu hören waren, wie hilfloses Aufschluchzen, verlorenes Rufen, wie ein banger, ferner Laut ...

... um in Grabesstille zu ersterben.

Aber dann wieder rissen sie sich empor wie aufgescheuchte Vögel, die im wilden Flug zur Sonne auffliegen; ihre Herzen überflutete eine solche Macht des Aufschwungs und ein solcher Wunsch, sich im All zu verlieren, daß eine Seligkeit aus ihnen hervorbrach wie ein strahlender Lobgesang, ein inbrünstiges Gebet der ganzen Erde und der Schrei des ewigen Seins.

— — — — —

»Jagusch!« flüsterte er wie erstickt, als hätte er sie erst jetzt neben sich erblickt.

»Ich bin es schon!« antwortete sie mit tränenschwerer, leiser Stimme.

Sie befanden sich auf einem Feldweg, der mit dem Dorf in gleicher Richtung unter den Scheunen entlang lief, aber schon von Borynas Seite.

Plötzlich fing Jagna an zu weinen.

»Was ist dir?«

»Weiß ich denn, was mir ist? ... Etwas hat mich so gedrückt, daß mir die Tränen von selber gekommen sind.«

Er wurde sehr besorgt; sie setzten sich auf einen der hervorstehenden Winkel hinter einer Scheune nieder; er zog sie an sich und umschlang sie mit seinen Armen, so daß sie sich wie ein kleines Kind an seine Brust drückte und in Nachsinnen versank, und die Tränen tropften ihr von den Augen wie der Tau von den Blumen. Antek trocknete sie bald mit der Handfläche, bald mit dem Ärmel, doch sie flossen immerzu ...

»Fürchtest du dich?«

»Weswegen denn? Es ist mir nur so still zumute geworden, als stände der Tod neben mir, und es treibt mich so, daß ich bis an den Himmel klettern möchte und mit den Wolken auf und davon fliegen.«

Er antwortete nicht; sie verstummten beide. Es wurde in ihnen plötzlich dunkler, ein Schatten fiel auf ihre Seelen und trübte die hellen Tiefen und durchdrang sie mit einem seltsam schmerzlichen Sehnen, so daß es sie noch mächtiger zueinander riß, daß sie noch eifriger aneinander Halt suchten, noch stärker nach jener unbekannten, ersehnten Welt drängten ...

Ein Wind wehte vorüber, die Bäume schüttelten sich bang, die beiden mit nassem Schnee überschüttend; die zusammengeballten, schweren Wolken fingen plötzlich an, sich zu verteilen und nach verschiedenen Richtungen zu fliehen, und ein stilles, aufzuckendes Klagen flog über die Schneelande.

»Man muß nach Hause laufen, es ist schon spät,« flüsterte sie, sich etwas erhebend.

»Hab' keine Angst, sie schlafen noch nicht, man hört noch Stimmen vom Weg; gewiß geht man bei Klembs auseinander.«

»Ich habe beim Melken die Zuber dagelassen, die Kühe werden sich noch die Beine brechen.«

Sie verstummten, denn einige Stimmen erklangen in der Nähe und gingen vorüber; aber irgendwo seitwärts, als wäre es auf ihrem Pfad, knirschte mit einem Male der Schnee auf, und ein hoher Schatten tauchte so deutlich auf, daß sie aufsprangen.

»Irgend jemand ist dort ... er hat sich nur am Zaun niedergeduckt.«

»Das ist dir nur so vorgekommen ... manches Mal gehen hinter der Wolke solche Schatten.«

Sie horchten noch lange und spähten prüfend in die Nacht.

»Gehen wir nach dem Schober, da wird es stiller sein!« flüsterte er leidenschaftlich.

Sie sahen sich jeden Augenblick ängstlich um, mit verhaltenem Atem stehenbleibend und hinauslauschend, aber es war still und starr ringsum; sie schlichen sich also behutsam an den Schober heran und schoben sich in die tiefe Öffnung, die dicht über der Erde dämmerte.

— — — — —

Es wurde wieder dunkler, die Wolken schlossen sich zu einem undurchdringlichen Vorhang zusammen, die blassen Scheine erloschen, es war als hätte die Nacht die Lider geschlossen und wäre in einen tiefen Schlaf gesunken; der Wind glitt spurlos herüber, eine noch tiefere und bangere Stille breitete sich aus, so daß man das Beben der Bäume unter der überhängenden Schneelast hören konnte und das ferne Gurgeln des Wassers, das über die Mühlenräder floß; nach einer längeren Weile knarrte wieder der Schnee auf dem Feldpfad: man hörte jetzt genau leise, vorsichtige, raubtierhafte Schritte ... Ein Schatten riß sich von einer Wand los und schob sich geduckt immer näher über den Schnee heran, wuchs auf, hielt jeden Augenblick inne und kam wieder näher ... wandte sich hinter den Schober nach der Feldseite zu, kroch fast bis an die Öffnung heran und horchte lange ...

Dann glitt er nach dem Zaunüberstieg und verschwand unter den Bäumen.

Ein Ave war noch nicht vergangen, als er sich wieder zeigte, einen gewaltigen Strohbund hinter sich herschleppend, er blieb auf einen Augenblick stehen, hörte hin, sprang auf den Schober zu und verstopfte das enge Loch ... ein Streichholz knisterte auf, und in einem Nu blitzte Feuer aus dem Stroh hervor, zuckte auf, leckte mit hungrigen Zungen empor und brach als blutroter Flammenschein hervor, die ganze Wand des Schobers umfassend.

Boryna aber stand geduckt und grausig anzusehen, wie eine Leiche und lauerte mit einer Mistgabel in der Faust.

— — — — —

Sie merkten rasch, was geschah: blutige Flackerscheine drangen ins Innere und beißender Rauch füllte die Höhle; schreiend sprangen sie auf und schlugen atemlos und fast wahnsinnig vor Angst gegen die Wände, ohne den Ausgang zu finden, bis Antek, wie durch ein Wunder, gegen die zugestopfte Öffnung, die ins Freie führte, stieß, sich mit ganzer Macht dagegen stemmte und mit dem schon brennenden Strohbund zusammen auf den Boden fiel; doch ehe er sich emporreißen konnte, stürzte sich der Alte auf ihn und stach nach ihm mit der Mistgabel. Er hatte ihn nicht gut getroffen, denn Antek sprang empor, schlug ihn, ehe der Alte seinen Stoß erneuern konnte, mit der Faust vor die Brust und rannte davon!

Da stürzte Boryna nach dem Schober, aber Jagna war nicht mehr da, sie blitzte ihm nur vor den Augen und verschwand in der Nacht; so begann er also mit einer rasenden, fast sinnlosen Stimme zu schreien:

»Feuer! Feuer!« und rannte mit der Mistgabel um den Schober herum, so daß er in diesem blutigen Licht wie der Böse selbst schien, denn das Feuer hatte schon den ganzen Schober erfaßt, und sausend, zuckend und zischend schlug es hoch mit einer entsetzlichen Garbe von Flammen und Rauch.

Die Menschen fingen an, herbeizueilen, im Dorf erklangen Rufe, die Glocke schlug Sturm, die Angst rüttelte an die Herzen, und der Feuerschein wuchs, der Brand wehte mit seinem Feuertuch nach allen Seiten hin und sprühte einen wahren Funkenregen auf die Wirtschaftsgebäude und auf das Dorf.

 

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