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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialAm selbigen Tag, schon gut gegen Abend, nachdem jeder seine Wirtschaft besorgt hatte, fing man an, sich bei Klembs zum Spinnabend zu versammeln.

Die Klembbäuerin hatte hauptsächlich lauter ältere Frauen geladen. Verwandte oder Gevatterinnen; sie erschienen auch zur rechten Zeit, eine nach der anderen, ohne die Gastgeber im Stich zu lassen oder sich stark zu verspäten, denn jede Gevatterin kam gerne zu der anderen, um sich gemeinsam zu besprechen und was Neues zu hören.

Als erste, wie das so ihre Gewohnheit war, kam die Wachnikbäuerin mit ein paar Handvoll Wolle in der Schürze und mit den Ersatzspindeln unter dem Arm; dann kam die alte Täubich, Mathias' Mutter, mit einem sauren Gesicht, als ob sie Essig getrunken hätte, mit einem Tuch über der Backe und ewig über alles klagend; danach wie eine gackernde, sich blähende Henne die Walentybäuerin; nach ihr die Sikorabäuerin, die reine Schnatterliese, dünn wie ein Besenstiel, und in den nachbarlichen Zänken die Verbissenste; ihr nach kam, wie ein dickes Faß, die Ploschkabäuerin angewackelt mit roten Backen, gut ausgefüttert, ewig geputzt, voll Selbstbewußtsein, alle im Räsonnieren übertreffend und großmäulig, wie selten eine, aber doch allgemein beliebt; gleich hinter ihr her schob sich leise, schleichend wie ein scheuer Kater, die Balcerek, trocken, klein, welk, finster, eine bekannte Prozessiererin, die sich mit der Hälfte des Dorfes zankte und jeden Monat vor Gericht erschien; nach ihnen drang keck, obgleich nicht geladen, die Kobusbäuerin, Wojteks Frau, in die Stube, sie galt als größtes Klatschmaul und war ein Neidhammel sondergleichen, so daß man sich vor ihrer Freundschaft wie vor Feuer hütete. Es kam auch pustend und atemlos die Frau des schiefmäuligen Gschela, eine, die den Schnaps liebte, eine Lustigmacherin und Listige, wie es ihresgleichen wenige gab, und die schlimmste Schadenmacherin im ganzen Dorfe. Die alte Sochabäuerin war auch gekommen, sie war die Mutter von Klembs Schwiegersohn, eine stille, sehr fromme Frau, die mit der Dominikbäuerin um die Wette in der Kirche saß; es kamen auch noch andere, verschiedene, über die schon nichts mehr zu sagen war, denn sie waren einander ähnlich, wie die Gänse in der Gänseherde; man hätte die eine von der anderen nicht unterscheiden können, höchstens nach der Kleidung wohl. So sammelte sich recht viel Weibervolk, jede mit dem, was sie gerade zu tun hatte: mit Wolle zum Spinnen, mit Flachs, mit Werg, manche mit Näharbeiten oder mit einem Arm voll Daunenfedern zum Zerpflücken, um nur seinen Anschein zu geben, daß sie wegen nichts, das heißt zum Plappern, sich zusammengefunden hätten.

Sie setzten sich in einen großen Kreis inmitten der Stube unter der Lampe, die an der Balkendecke hing; wie Büsche auf einem breiten Beet waren sie anzusehen, derb gewachsen, voll ausgereift und durch den Lebensherbst schon etwas mitgenommen; denn sie waren schon alle in den Jahren, meist gleichaltrig.

Die Klembbäuerin begegnete allen gleich freundlich, leise jede einzeln begrüßend; sie war auf der Brust schwach und hatte eine dünne, kurzatmige Stimme; und der Klembbauer, der ein gutmütiger, kluger Mann war, welcher mit allen Frieden hielt, redete freundliche Worte und schob selbst jeder die Stühle und Bänke heran ...

Etwas später kamen noch Jagna mit Fine und Nastuscha, und danach ein paar Mädchen, worauf sich auch einzeln die Burschen einzufinden begannen.

Viel Volk hatte sich zusammengefunden, denn die Abende waren ja lang, und Arbeit hatte man so gut wie gar keine. Der Winter war streng und die Tage unwirtlich. Da wurde es denn auch langweilig, mit den Hühnern schlafen zu gehen, denn auch so konnte man sich bis zum Morgengrauen satt schlafen und zurechtliegen, bis daß die Seiten selbst schmerzten.

Sie setzten sich wie es kam, die einen auf die Bänke, die anderen auf die Laden; manchen aber, wie den Burschen zum Beispiel, brachten die Klembs Holzklötze vom Hof, und es blieb doch noch Platz in der Stube, denn das Haus war groß, wenn auch niedrig und altmodisch gebaut; es stammte noch von Klembs Urahn her, so daß man ihm reichlich hundertundfünfzig Jahre gab; auch schon etwas in die Erde eingesackt war es, stand krumm da wie ein Greis und berührte mit dem Strohdach die Zäune, so daß sie es stützen mußten, um es vor dem Einsturz zu bewahren.

Allmählich erst entstand ein Stimmengewirr, denn sie redeten noch leise miteinander, und nur die Spindeln surrten auf dem Fußboden; hier und da schnurrte ein Rädchen, aber nicht allzuhäufig, denn sie trauten nicht besonders den neumodischen Erfindungen und zogen es vor, nach alter Art auf den Wockenstöcken zu spinnen.

Die Klembburschen/und es waren ihrer vier ausgewachsene Jungen, schlank wie Fichten und schon fast mit Schnurrbärten /drehten Strohseile an der Tür; der Rest der Burschen aber machte es sich in den Ecken bequem, Zigaretten rauchend, dabei lachend und sich mit den Mädchen neckend, so daß jeden Augenblick die ganze Stube vor Lachen und Gekicher erbebte, und die Älteren gaben noch gern was zu, damit das Vergnügen und Gelächter größer wurde.

Zuletzt erschien auch der ungeduldig erwartete Rochus, und gleich hinter ihm kam Mathias.

»Weht es denn noch?« fragte eine.

»Es hat ganz aufgehört und es scheint auf andere Witterung zu gehen.«

»Und von den Wäldern rauscht was, gewißlich kommt Tauwetter,« gab Klemb zu.

Rochus setzte sich zur Seite an eine zurechtgestellte Schüssel, er unterrichtete jetzt bei Klembs die Kinder, wohnte dort und aß bei ihnen. Mathias aber begrüßte einige, ohne Jagna anzusehen, als hätte er sie gar nicht bemerkt, obgleich sie in der Mitte saß und ihm als erste in die Augen fiel. Sie lächelte leicht dazu, unmerklich mit den Augen die Eingangstür bewachend.

»Hat das aber heute geweht, daß Gott bewahr! Die Frauen sind halbtot aus dem Wald heimgekommen, und Anna mit dem alten Bylica sollen noch nicht zurück sein,« begann die Sochabäuerin.

»Das ist so, den Armen weht der Wind immer ins Gesicht,« murmelte die Kobusbäuerin.

»Wohin es mit dieser Anna doch gekommen ist!« wollte die Ploschkabäuerin anknüpfen; als sie aber merkte, daß Jagna über und über glutrot wurde, brach sie schnell ab, über anderes redend.

»War Gusche nicht da?« fragte Rochus.

»Mit Klatsch und Verleumdung kann sie sich bei uns nicht vollfüttern, da macht sie sich nichts aus einer solchen Kompanie.«

»Ein Klatschmaul ist das, da hat sie heute so bei Simeons gehetzt, daß dem Schultheiß seine Frau mit der Schulzin aneinander geraten sind, und wenn sich nicht die Menschen hineingemischt hätten, wäre es zu einer Schlägerei gekommen.«

»Das kommt davon, daß sie ihr immer erlauben, das erste Wort zu führen.«

»Und geben ihr nach, als ob sie was Ehrliches wäre.«

»Es findet sich keiner, der ihr diese ständigen Zänke und Hetzereien heimzahlen würde.«

»Alle wissen doch wie es ist; warum glauben sie denn dem Lügengegeifer?«

»Das ist wahr, wer aber findet da heraus, wann sie die Wahrheit sagt und wann sie einem was vorschwindelt?«

»Das kommt alles dadurch, daß jede gern über die andere was hören will,« schloß die Ploschkabäuerin.

»Die sollte sich an mich hängen, ich würd' es ihr nicht durchlassen!« rief Therese, die Soldatenfrau.

»Hale, als ob sie nicht jeden Tag dich im Dorf herumtrüge...« flüsterte die Balcerekbäuerin höhnisch.

»Habt ihr es gehört, wiederholt es gleich!« schrie sie, purpurrot geworden; es war ja bekannt, daß sie sich mit Mathias gut kannte.

»Ich wiederhol' es dir schon, selbst geradeaus ins Gesicht, wenn nur erst Deiner vom Militär zurück ist!«

»Kommt mir nicht in die Quere! Hast du nicht gesehen, den ersten besten Unsinn werden sie hier erzählen!«

»Schrei' nicht, wenn dich niemand anrührt,« wies sie die Ploschkabäuerin streng zurecht; aber Therese konnte sich lange nicht beruhigen, in einem fort etwas leise vor sich hinmurmelnd.

»Sind sie schon mit dem Bären dagewesen?« fragte Rochus, um die Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung zu lenken.

»Die werden in diesem Augenblick da sein, jetzt sind sie schon beim Organisten.«

»Welche gehen denn da diesmal herum?«

»Dem Gulbas seine Galgenstricke und Philipka ihre Jungen!«

»Sie kommen schon, sie kommen!« fingen die Mädchen an zu rufen, denn es erscholl vor dem Hause ein langgedehntes Brüllen, und gleich darauf erklangen vom Flur aus die Stimmen verschiedenen Getiers: ein Hahn krähte, Schafe blökten, ein Pferd wieherte und irgendwer spielte auf einer Pfeife; zuletzt öffnete sich die Tür, und voraus schob ein Junge in einem mit dem Fell nach oben gekehrten Schafpelz, mit einer hohen Mütze und einem geschwärzten Gesicht, so daß er wie ein Zigeuner aussah. Er schleppte hinter sich an einem langen Strohseil den Bären, der ganz mit Erbsenstroh umwickelt war und einen Pelzkopf hatte mit sich bewegenden Papierohren und einer roten Zunge, die vielleicht eine Elle lang heraushing; an die Hände hatte er Stöcke gebunden, die in Erbsenstroh ganz eingewickelt waren und in Stiefeln steckten, so daß er wie auf allen Vieren ging. Ihm nach, gleich dahinter, ging der zweite Führer mit einer Pritsche aus Stroh und einem Stock, der mit spitzen Holzpflöcklein gespickt war, auf denen Stücke Speck und Brotlaibe staken; dann hingen da auch verschiedene dickbäuchige Säcklein, und erst hinter ihnen kam der Michael vom Organisten, der auf der Pfeife spielte, in die Stube und mit ihm ein Haufen anderer Jungen, die mit den Stöcken auf den Fußboden schlugen und aus ganzer Kraft gröhlten.

Der Bär bot Gott zum Gruß, krähte darauf wie ein Gockel, blökte wie ein Hammel, wieherte wie ein feuriger Hengst und fing an laut auszurufen:

»Bärenführer sind wir aus unbekanntem Land, an dem fernen Strand, hinter der großen Wälderwand! wo die Menschen auf den Köpfen gehen, sich mit dem Feuer die Kühlung anwehen und wo die Zäune aus Würsten bestehen; wo man die Töpfe zum Kochen in die Sonne stellt, wo die gebratenen Schweine schwimmen und der Schnaps vom Himmel fällt; einen bösen Bären führen wir daher und gehen in der Welt umher! Es haben uns die Leute gesagt, daß in diesem Dorf reiche Hofbauern sind, freigebige Bäuerinnen und schöne Mädchen! Da sind wir denn gekommen aus dem fernen Land hinter dem weiten Donaustrand, daß man uns bewirtet, freundlich aufnimmt und uns was auf den Weg gibt, Amen!«

»Zeigt was ihr könnt, und vielleicht findet sich was für euch in der Kammer,« sagte Klemb.

»Wir zeigen es gleich! Hei! Spiel' auf, Pfeife! Tanze, Petz, tanze!« schrie einer, auf den Bären mit dem Stock einschlagend. Darauf kreischte die Pfeife los in einem hüpfenden Kunterbunt, die Burschen klopften mit den Stöcken auf den Fußboden auf und schrien, der Führer ahmte verschiedene Stimmen nach, und der Bär sprang auf allen Vieren herum, bewegte die Ohren, ließ die Zunge klappen, schlug aus, jagte hinter den Mädchen drein, und der Führer tat, als wollte er ihn zurückhalten und schlug mit der Pritsche um sich her was das Zeug nur hielt, immerwahrend ausrufend:

»Hast du keinen Mann gefunden,
wirst mit Erbsenstroh geschunden!«

Ein Lärm entstand in der Stube, ein Geschrei, Gepolter, Gelaufe, Gejage und Kreischen und eine solche Lustigkeit, daß sie sich die Seiten vor Lachen hielten; der Bär aber tollte immerzu herum, machte allerhand Spaß, wälzte sich auf dem Boden, brüllte, sprang komisch umher oder umfaßte ein Mädchen mit seinen hölzernen Füßen und zwang sie zu tanzen im Takt von Michaels Pfeife; und die sogenannten Bärenführer mit den Jungen machten solchen Radau, daß es fast ein Wunder war, wie das Haus bei alldem Geschrei, Gerenn und Gelächter nicht aus den Fugen geriet.

Die Klembbäuerin versah ihre Säckel reichlich, so daß sie sich endlich trollten; aber lange noch hörte man auf dem Weg Schreien und Hundegebell.

»Wer hat denn den Bären vorgestellt?« fragte die Sochabäuerin, als es etwas stiller wurde.

»War doch Jaschek der Verkehrte, habt ihr ihn denn nicht erkannt?«

»Ich konnte unter diesem Pelzkopf nichts erkennen.«

»Du liebe Güte, zum Spaßmachen hat dieser Plumpsack genug Verstand!« bemerkte die Kobusbäuerin.

»Ihr redet rein so, als ob Jaschek schon ganz dumm wäre!« verteidigte ihn Nastuscha; Mathias unterstützte sie darin, allerhand über Jaschek erzählend, wie er nur schüchtern wäre, aber durchaus nicht dumm, und verteidigte ihn dermaßen, daß niemand mehr dawider redete; nur verständnisvolles und verstecktes Lächeln huschte über die Gesichter. Sie setzten sich wieder auf die früheren Plätze und redeten lustig miteinander; die Mädchen aber, mit Fine an der Spitze, die die Keckste war, drangen auf Rochus ein, der am Herd saß, und quälten ihn tüchtig und schmeichelten ihm um die Wette, damit er eine Geschichte erzähle, wie damals im Herbst bei Boryna.

»Und erinnerst du dich noch, Fine, was ich damals erzählt habe?«

»Und wie! Das war doch über den Herrn Jesus seinen Burek!«

»Ich sag' euch heute was über die Könige, wenn ihr es wissen wollt!«

Sie schoben ihm einen Stuhl unter die Lampe, machten etwas Platz, so daß er in der Mitte saß und wie ein grauer Eichbaum auf einer Waldwiese aussah, den im Halbkreis dicht aneinandergedrängtes, vorgebeugtes Buschwerk umgibt. Und langsam, mit gedämpfter Stimme, fing er an zu erzählen.

Eine solche Stille erfüllte die Stube, daß nur die Spindeln surrten und das Feuer hin und wieder auf dem Herd aufknallte oder irgendein Seufzer durch die Stube ging/und Rochus erzählte allerhand Wunder- und Königsgeschichten, von grausigen Kriegen, von Bergen, wo ein verzaubertes Heer schläft, das nur auf einen Hörnerruf wartet, um aufzuwachen und die Feinde zu überfallen, sie zu schlagen und die Erde vom Bösen zu säubern; von gewaltigen Schlössern, wo güldene Kemenaten sind, wo verwunschene Prinzessinnen in weißen Gewändern in Mondscheinnächten klagen und auf den Erlöser warten, wo in leeren Zimmern allnächtlich Musik erschallt, Feste gefeiert werden, Menschen zusammenströmen, und wenn nur der Hahn kräht, alles versinkt und sich ins Grab legt; von Ländern, wo Menschen groß wie Bäume sind, wo Riesen ganze Berge umherschleudern, wo unermeßliche Schätze sind, die von Höllendrachen gehütet werden, wo Vögel aus reiner Glut leben, wo Räuber hausen und es von selbst prügelnde Stöcke gibt, und von jenen Lelum-Polelum Lelum-Polelum: Eine altslavische Gottheit mit einem Doppelgesicht. und jenen Mittagsgöttinnen, Gespenstern, Erscheinungen, Zaubereien und Seltsamkeiten! Und noch andere, ganz verschiedene, herrliche Geschichten, gar nicht zu glauben, so daß die Spindeln aus den Händen glitten und die Seelen in die verzauberten Welten hinausflogen; die Augen glühten, herzliche Tränen flössen, und ein Wunder war es, daß die Herzen nicht aus der Brust sprangen vor Staunen und Sehnsucht.

Und zum Schluß erzählte er von einem König, den die Herren zum Spott den Bauernkönig genannt hatten, da er ein menschlicher, gerechter Herr war und dem ganzen Volk viel Gutes tat; er berichtete über die grausigen Kriege, die er geführt hatte, über seine Irrfahrten und wie er sich als Bauer verkleidete und von Dorf zu Dorf ging, sich mit dem Volk in Gevatterschaften verbrüderte, über alle Mißstände herumhorchte, das geschehene Unrecht gut machte, Haß löschte, und dann, um mit den Bauern ganz gleich zu sein, sich noch mit einer Hofbauerntochter nahe bei Krakau verheiratet hat; und ihr Name war Sophie, er hatte Kinder mit ihr, führte sie aufs Krakauer Schloß und regierte dort lange Jahre, wie der beste Vater des Volkes und der erste Hofbauer im Land.

Sie hörten immer eifriger zu, nicht ein Wort verlierend, und selbst den Atem anhaltend, um nur ja nicht diesen Rosenkranz von Herrlichkeiten zu unterbrechen. Jaguscha konnte gar nicht mehr spinnen, sie ließ ihre Hände sinken, beugte den Kopf vor und, die Wange gegen den Wocken gestützt, versenkte sie die blauen tränenfeuchten Augen in Rochus Gesicht, der ihr wie ein aus einem Heiligenbild herabgestiegener Heiliger schien; denn er sah ganz danach aus mit seinem weißen Haar, dem langen, weißen Bart und auch den blassen Augen, die irgendwo in jenseitige Welten starrten. Sie hörte ihm mit ganzer Seele und aus voller Macht ihres stark fühlenden Herzens zu und nahm so leidenschaftlichen Anteil an seinen Erzählungen, daß sie vor Rührung kaum Atem schöpfen konnte; alles sah sie wie lebendig vor sich und folgte ihm mit der Seele, wohin er sie mit den Worten führte, am meisten aber ergriff sie diese Geschichte vom König und der Bauerntochter. Jesus! wie ihr das herrlich schien!

»Und der König selbst hat da so mit den Bauern gemeinsam gelebt?« fragte Klemb nach langem Schweigen.

»Der König selbst.«

»Jesus! Sterben würde ich, wenn ein König mich anreden würde!« flüsterte Nastuscha.

»Ich würde ihm durch die ganze Welt nachfolgen, auf ein einziges Wort hin! Durch die ganze Welt!« rief Jagna leidenschaftlich und so durchdrungen von jenem starken Entschluß und von einer so selbstvergessenen Rührung, daß sie, wenn er in diesem Augenblick erschienen wäre und das Wort gesagt hätte, hinausgeeilt wäre, wie sie ging und stand in die Nacht, in den Frost hinaus bis ans Ende der Welt!

Sie fielen gleich über Rochus her mit allerhand Fragen, wo denn solche Schlösser wären, solche Armeen, diese Reichtümer, diese Macht und Herrlichkeit, wo solche Könige, wo denn nur?

So erzählte er ihnen etwas traurig und so klug dabei allerhand Geschehenes, und legte ihnen solche Gebote ans Herz, daß sie nur immerzu schwer aufseufzten, alles überlegend und fleißig alle Einrichtungen in der Welt überdenkend.

»Nur das Heute ist in der Macht des Menschen, und das Morgen in Gottes Macht!« sagte Klemb.

Rochus ruhte ermüdet aus, und da die Seelen aller noch ganz voll jener Köstlichkeiten waren, so fingen sie untereinander an, erst etwas leise und dann schon laut, daß es alle hörten, zu erzählen, was jeder wußte.

Sagte die eine was und die zweite, so fiel auch der dritten und vierten etwas ein, und jede trug was Neues heran, daß sich diese Märlein wie Wockenfäden spannen, wie Mondeslicht, das auf angelaufenen toten Gewässern, die im tiefen Walde versteckt ruhen, farbig aufblinkt. Die eine wußte etwas von einer Ertrunkenen zu sagen, die in den Nachten kam, ihr hungerndes Kindchen zu stillen/und von Gespenstern redeten sie, denen man in den Särgen die Herzen mit Espenpflöcken durchbohren mußte, damit sie den Menschen nicht das Blut wegsaugten/und von der Mittagsgöttin, die auf den Feldrainen die Menschen erwürgt, von redenden Bäumen, Werwölfen, von fürchterlichen Erscheinungen und Seelen, die Buße tun/und von solchen seltsamen, erschrecklichen Dingen, bei deren Erwähnung die Haare sich sträubten, die Herzen vor Angst erstarben und allen ein kalter Schauer über den Körper rieselte, so daß sie jäh verstummten, sich ängstlich umblickend und aufhorchend; denn es schien allen plötzlich, als ob etwas auf dem Boden herumtappte und hinter den Fenstern jemand lauerte, als ob durch die Scheiben blutrote Augen glühten und in den dunklen Ecken unkenntliche Schatten sich ballten ... bis manch eine sich schnell bekreuzigte, leise mit klappernden Zähnen Gebete murmelnd ... Aber das ging alles so rasch vorüber, wie ein Schatten, wenn ein Wölklein die Sonne zudeckt, daß man danach nicht einmal weiß, ob er dagewesen ist ... Und sie erzählten abermals und spannen und wickelten ihre endlosen Maren, denen selbst Rochus eifrig lauschte, weiter aus, bis dieser zuletzt eine neue Geschichte von einem Pferd erzählte ...

»Ein armer Bauer auf fünf Morgen hatte ein Pferd, aber ein so störrisches und einen solchen Faulenzer, wie wenige nur; vergeblich pflegte er ihn, fütterte ihn mit Hafer, recht machen konnte er es ihm nicht; das Pferd wollte nicht arbeiten, zerriß das Geschirr und schlug aus, daß man nicht herantreten konnte ... Eines Tages wurde der Bauer arg böse, denn er hatte eingesehen, daß er ihm auf gütlichem Wege nicht beikommen könnte, spannte es vor einen Pflug und fing an, absichtlich ein altes Brachfeld zu pflügen, um es etwas zu ermüden und zur Demut zu zwingen. Doch der Gaul wollte nicht ziehen; da prügelte er ihn also mit dem Peitschenstock windelweich und zwang ihn dazu. Das Pferd arbeitete, hielt es aber für ein Unrecht und merkte es sich gut, bis es den geeigneten Augenblick abgepaßt hatte. Als der Bauer einmal sich gebückt hatte, um ihm die Fesseln von den Beinen zu nehmen, schlug es mit den Hinterhufen aus und traf ihn, daß er auf der Stelle tot war, es selbst aber jagte davon in die weite Welt, in die Freiheit!

Im Sommer ging es dem Gaul nicht schlecht, er lag im Schatten herum und weidete in fremdem Getreide; als jedoch der Winter kam und Schnee gefallen war, der Frost fest zugepackt hatte, Mangel an Futter sich fühlbar machte und die Kälte bis ans Mark drang, rannte er immer weiter, Nahrung zu suchen. So jagte er Tage und Nächte dahin, denn immerzu war ringsherum Winter, Schnee und Frost/ und die Wölfe dicht hinterher, so daß ihn schon manch einer mit den Krallen an die Seiten gefaßt hatte ...

Er rennt, rennt, rennt, bis er an den Rand des Winters gekommen ist, auf eine Wiese, wo es warm war und Gras bis über die Knie wuchs; die Quellen murmelten und funkelten im Sonnenschein, kühle Schatten schaukelten an den Ufern, und es wehte ein lieblicher Windhauch. Da stürzte sich der Gaul über dieses Gras her, und nun mal erst fressen, denn er war ganz ausgehungert/aber wie er mit den Zähnen nach dem Gras greift, beißt er immer nur auf scharfe Steine/das Gras ist verschwunden!/Er will Wasser trinken/ nichts da, nur stinkender Schmutz ist geblieben! Im Schatten wollte er sich niederlegen/die Schatten wichen zurück und die Sonne brannte wie lebendiges Feuer! Einen ganzen Tag quälte er sich so ganz vergeblich.

Er wollte schon nach den Wäldern zurückkehren/die Wälder waren weg! Schmerzlich wieherte der arme Gaul auf, von der Ferne antworteten ihm irgendwelche Pferde; er schleppte sich in der Richtung dieser Stimmen und erblickte schließlich hinter den Wiesen einen so prachtvollen Gutshof, wie aus Silberglanz, und die Fensterscheiben waren aus Edelsteinen, und ein Dach hatte es wie aus Himmelsbläue, mit goldenen Sternen benagelt. Menschen bewegten sich da auch hin und her. Er schleppte sich nach ihnen; denn selbst schwer zu arbeiten hätte er vorgezogen, als elendiglich vor Hunger umzukommen ... Er blieb in der Sonnenglut den ganzen Tag lang stehen, denn niemand kam mit einem Halfter auf ihn zu; erst um die Abendzeit tritt da einer an ihn heran, wie der Bauer selbst! Der Herr Jesus war es, dieser heiligste Hofherr, der Herr des Himmels, und er sprach:

›Hier hast du nichts zu suchen, du Faulpelz und Totschläger; erst wenn dich die segnen werden, die dir jetzt fluchen, laß ich dich in den Stall herein.‹

›Er hat mich geschlagen, da hab' ich mich gewehrt!‹

›Wegen dem Schlagen halte ich Gericht, aber auch die Gerechtigkeit halte ich in den Händen.‹

›Ich bin doch aber so hungrig und durstig und lahm!‹ wimmerte der Gaul.

›Ich habe gesagt, was ich gesagt habe; scher' dich fort, sonst laß ich dich noch von den Wölfen fortjagen und hetzen ...‹

So kehrte denn das Pferdevieh ins winterliche Land zurück und schleppte sich durch Kälte und Hunger und in großer Angst dahin, denn die Wölfe jagten es fleißig vor sich her, es mit Geheul schreckend, diese Jesushunde, bis es denn in einer Frühlingsnacht vor dem Tor seines Hofes anlangte und aufwieherte, damit man es wieder aufnehmen sollte; es kam aber darauf die Witwe mit ihren Kindern herausgelaufen und, ohne den Gaul zu erkennen, so elend sah er aus, fingen sie an ihn zu prügeln mit allem, was ihnen gerade unter die Hände kam und fortzujagen und zu fluchen und ihr Unrecht herzusagen; denn durch den Tod des Bauern war die Witwe arm geworden und lebte mit den Kindern in großer Not.

Der Gaul wandte sich nach den Wäldern zurück, denn er wußte nicht mehr was tun; die wilden Tiere fielen über ihn her, und nicht einmal verteidigen konnte er sich, es war ihm schon selbst der Tod ganz gleichgültig; doch die Tiere betasteten ihn nur, und das ältere unter ihnen sagte:

›Wir fressen dich nicht, denn du bist uns zu mager, nur Haut und Knochen, schade um die Krallen; doch wollen wir uns deiner erbarmen und dir helfen ...‹

Sie nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn am Morgen aufs Feld des Bauernhofes, wo sie ihn vor den Pflug spannten, der auf dem Acker stand; die Witwe pflügte sonst mit der Kuh und mit den Kindern zusammen.

›Du wirst ihnen den Pflug ziehen, sie werden dich auffüttern und im Herbst kehren wir wieder, dich auszuspannen!‹ sagten sie.

Bei Tagesanbruch kam die Witwe und erkannte ihn plötzlich, und obgleich sie zuerst aufschrie, es wäre ein Wunder, daß er zurückgekommen sei und schon vor dem Pflug stände, so ergriff sie doch bald das Leid der Erinnerung, daß sie wieder zu fluchen begann und ihn zu schlagen anhub, soviel sie nur konnte. Sie ließ ihn dann aber auch arbeiten und arbeiten und gerbte ihm sein Unrecht ins Fell. Den ganzen Sommer ging das in so schwerer, geduldiger Arbeit, und ob auch dem Gaul die Haut vom Kummer wundgerieben wurde, wieherte er doch nicht einmal, er wußte, daß er gerechte Strafe litt. Erst in ein paar Jahren, als die Frau sich einen neuen Bauer und neues Land erarbeitet hatte, das nachbarlich neben ihrem lag, wurde sie weichherziger gegen das Pferd und sprach:

›Du hast uns geschädigt, aber durch dich hat Herr Jesus uns Segen gegeben, alles ist gediehen, einen nicht üblen Bauersmann hab' ich gefunden: so will ich dir denn schon von Herzen vergeben haben.‹

Und gleich in derselben Nacht, als im Hof Taufe gefeiert wurde, kamen die Wölfe des Herrn Jesus, holten das Pferd aus dem Stall und führten es nach jener himmlischen Hürde!«

Man wunderte sich nicht wenig über dieses Gottesgericht und überlegte es sich hin und her, wie doch der Herr Jesus immer Böses bestraft und Gutes belohnt und nichts außer acht läßt, nicht einmal solch ein Pferd zum Beispiel.

»Wenn es selbst jener kleine Wurm wäre, der in der Wand bohrt, auch er wird sich nicht vor seinem Auge verbergen ...«

»Nicht einmal der geheimste Gedanke oder eine häßliche Begierde,« warf Rochus ein.

Jagna erschauerte bei diesen Worten, denn gerade kam auch Antek herein; doch kaum einer hatte ihn bemerkt, obgleich eine vollkommene Stille herrschte, denn just fing die Walentybäuerin an, solche Herrlichkeiten über eine verzauberte Prinzessin zu erzählen, daß die Spindeln zu surren aufgehört hatten und alle die Hände sinken ließen; man hielt den Atem an und saß wie verzaubert mit hochauslauschender Seele da.

Und so neigte sich dieser kalte Februarabend dem Ende zu.

Die Seelen erhoben sich, wuchsen in den Himmel hinein und flammten wie harzige Kienspäne auf, so daß nur leise Seufzer, Laute des Entzückens und hingesummte Wünsche durch die Stube schwirrten wie blütenbunte Schmetterlinge.

Sie spannen sich ein in das lebendige, flimmernde, farbenbunte Gespinst des Wunderbaren, das ihnen die Augen für all die traurige, graue und arme Welt verschloß.

Sie irrten über dunkles Land, das nur von seltsamen Gesichten erhellt wurde, die wie Zunder in blutiger Glut aufflammten, sie eilten nach den silbernen Quellen, wo rätselvoller Gesang, heimliches Rufen und Geplätscher war; in die verzauberten Wälder zogen sie hinaus, wo Ritter und Riesen, prächtige Schlösser und furchtbare Gespenster und Drachen waren, die höllisches Feuer von sich gaben; sie blieben verängstet an den Kreuzwegen stehen, wo Vampire kichernd vorübersausten, wo die Gehenkten mit der Stimme der Verruchten schrien und die Nachtkobolde mit Fledermausflügeln vorüberflogen; tasteten sich über Grabhügeln den Schatten büßender Selbstmörder nach; horchten in leeren zerfallenen Schlössern und Kirchen auf seltsame Stimmen, blickten endlosen Augen grauenerregender Phantome nach, waren mitten im Schlachtengetöse und wiederum tief unter dem Wasserspiegel, wo die Muttergottes jeden Frühling die zu Kränzen verwobenen Schwalben weckt und in die Welt fliegen läßt.

Und sie durcheilten Himmel und Hölle, alle Grausigkeiten, alle Finsternisse des göttlichen Zornes und alle Lichtfüllen seiner heiligen Gnade, durchwanderten unaussprechliche Wunderlande und -zeiten voll entzückender und staunenerregender Dinge/Welten, durch die die Menschenseelen nur irren, wie vom Blitz geblendete Vögel, Orte, die der Mensch nur in der Stunde des Wunders oder im Traum besucht, die er glanzbeglänzt beschaut, bestaunt, ohne recht zu wissen, ob er noch unter den Lebenden ist!

Hei! Als wäre das Meer aufgestanden in einem undurchdringlichen Wall, in einer Flut voll Zaubermacht, Geflimmer und Herrlichkeiten, daß den Augen die ganze Erde, die Stube, die eisige Nacht entschwand, diese ganze Welt voll verschiedener Bedrängnisse und Elend, voll Unrecht, Tränen, Klagen und Erwartungen, und die Blicke sich für eine andere neue und so wundersame Welt öffneten, daß es der Mund gar nicht aussprechen konnte.

Die Märchenwelt umhüllte sie, das Märchenleben band sie mit Regenbogen, Märchenträume wurden Wirklichkeit/ sie erstarben fast vor Entzücken, indem sie zugleich doch auferstanden, wo das Leben hell war, groß, mächtig, reich und heilig und mit Köstlichkeiten durchwachsen, wie reifes Getreide mit Mohn und Wicken/wo jeder Baum spricht, jede Quelle singt, jeder Vogel verzaubert ist, jeder Stein eine Seele hat, jeder Wald voll Zauberkräfte, jedes Erdklümpchen voll unbekannter Mächte ist/wo alles Große, Übermenschliche, nie Gesehene das heilige Leben des Wunders lebt!

Dahin drängten sie sich mit der ganzen Macht der Sehnsucht, dahin ließen sie sich tragen, wie vom Zauber gebannt, wo alles sich zu einer unzerreißbaren Kette von Traum und Leben, Wunder und Wunsch fügte, zu einem Reigen eines erträumten Seins, zu dem sich immerzu von allem Elend des Erdenseins die müden, wunden Seelen losreißen!

Was ist dann dieses graue und elendige Leben, was ist dieser Alltag, der den Blicken eines Kranken ähnelt, der mit Trauer wie mit Nebel verschleiert ist; Dunkelheit ist das nur, traurige lästige Nacht, aus der einem erst in der Todesstunde jene Wunder leibhaftig werden.

Wie ein Zugvieh, das sein Joch zur Erde niederbeugt, lebst du, Menschenkind, sorgst und mühst dich, um den Tag zu verleben und denkst nicht einmal daran, was um dich herum geschieht, was für Weihrauchdüfte durch die Welt wehen, von welchen heiligen Altären Stimmen kommen und welche verborgenen Wunder überall zugegen sind.

Wie ein blinder Stein in Wassertiefen lebst du, Menschenkind!...

In Dunkelheit pflügst du den Acker des Lebens, säest Weinen, deine Mühe und deinen Schmerz! ...

Und im Kot wälzt du deine Sternenseele, Mensch! ...

Sie erzählten immer weiter, und Rochus half ihnen bereitwillig dabei und wunderte sich, seufzte und weinte mit, wenn die anderen weinten ...

Zuweilen kam ein lang andauerndes, tiefes Schweigen über sie, so daß man das Klopfen der bewegten Herzen hörte; feuchter Augenglanz leuchtete wie Tau, Seufzer des Staunens zitterten in der Luft, die Seelen legten sich zu den Füßen des Herrn in diesem Dom der Wunder und sangen das allmächtige Loblied des Dankes. Die Stille sang aus all den vom Zauber ganz erfüllten, bebenden Herzen, die berauscht vom heiligen Abendmahl des Träumens waren/ so wie die Erde bebt, wenn sie sich im Frühlingssonnenschein badet, wie jene Gewässer in der Abendstunde bei schönem, stillen Wetter, über die nur ein Erzittern, Regenbogenschein und Farben huschen; wie jene jungen Getreidefelder in der frühen Stunde eines Maiabends, die lieblich schaukeln, gedehnt raunen und mit ihren Ährenbüschelchen Dankgebete flüstern.

Jaguscha fühlte sich wie im Himmel, sie empfand alles so tief, nahm es so in sich auf, glaubte so fest daran, daß dieses alles in ihr wuchs und wie lebendig vor ihr aufstand, sie hätte es alles in Papier ausschneiden können. Man gab ihr beschriebene Kinderhefte von Rochus seinen kleinen Schülern, und sie schnitt, der Erzählung lauschend, Gespenster, Könige, Nachtmahre, Drachen und mancherlei Dinge der Reihe nach aus und traf alles so richtig, daß es jeder auf den ersten Blick erkennen konnte.

Sie hatte so viel davon ausgeschnitten, daß man damit einen ganzen Balken hätte bekleben können, und färbte es noch mit blauem und rotem Stift, den ihr Antek zugeschoben hatte. Sie hörte so eifrig zu und war so in ihre Arbeit vertieft, daß sie die ganze Welt vergessen hatte, nicht einmal ihn beachtete und nicht sah, daß er aus irgendeinem Grunde ungeduldig wurde und ihr heimlich Zeichen machte ... niemand anders bemerkte es in dieser Versunkenheit und Stille, die in der Stube herrschten.

Plötzlich fingen die Hunde an, wütend zu bellen und auf dem Heckenweg auf aufzuwinseln, bis einer von Klembs Jungen hinauslief und dann erzählte, daß irgendein Kerl von den Fenstern fortgerannt sei.

Sie achteten nicht darauf, und wußten es nicht, daß später, als die Hunde still wurden, ein Gesicht sich hinter den Fensterscheiben vorbeischob und so rasch verschwand, daß nur ein Mädchen erschrocken aufschrie und sich erstaunt die Augen zu reiben begann.

»Da schleicht sich doch einer hinter dem Fenster,« rief sie aus.

»Man hört ja, wie der Schnee unter den Füßen knirscht.«

»Als ob er an der Wand hochklettern wollte!«

Sie waren alle wie erstarrt und horchten. Jeder fürchtete sich vom Platz zu rühren; eine plötzliche Angst hatte sie gepackt.

»Worüber einer spricht, das kommt ihm zu Gesicht,« flüsterte eine ganz bange.

»Vom Bösen hat man geredet, vielleicht hat er sich auch herbeirufen lassen und guckt nach, wen er nehmen könnte!«

»Jesus Maria!«

»Seht mal heraus. Jungen, da ist kein Mensch da, die Hunde spielen gewiß im Schnee.«

»Hale, ich hab' ihn doch gut hinter dem Fenster gesehen, ein Kopf wie ein Zuber und rote Glotzen!«

»Das ist dir nur so vorgekommen,« rief Rochus, und da niemand hinaussehen wollte, ging er selbst vors Haus, um alle zu beruhigen.

»Ich werd' euch eine Geschichte von der Mutter Gottes erzählen, dann verschwinden gleich alle Gesichte,« sagte er, sich auf den alten Platz niedersetzend; sie beruhigten sich etwas, aber immer wieder hob jemand die Augen zum Fenster und schlotterte vor heimlicher Angst.

»Lange ist es schon her, daß dieses geschehen ist, lange, vor vielen hundert Jahren, nur in alten Büchern steht es noch geschrieben. In einem Dorf bei Krakau lebte ein Bauersmann, Kasimir war sein Name und der Familienname Jastschomb, seit langem waren sie da angesiedelt, ein Erbbauer war er, ein reicher, saete auf vielen Hufen, hatte feinen Wald, einen Bauernhof wie einen Herrensitz und eine Mühle am Bach. Der Herr Jesus schenkte ihm seinen Segen, alles gedieh bei ihm, die Scheuern waren immer voll, das Geld war in der Truhe immer da, die Kinder gesund und die Frau rechtschaffen; er war auch ein guter, kluger, nachsichtiger Mensch von demutsvollem Herzen, gerecht gegen jedes Geschöpf.

Er stand wie ein Vater der Gemeinde vor, beschützte die Armen, verteidigte die Gerechtigkeit, belastete nicht mit Steuern, sah in allem auf Ehrlichkeit und war stets der Erste, wenn es galt, dem Nächsten beizustehen und zu helfen.

So lebte er also still, ruhig und glücklich wie beim lieben Gott auf der Ofenbank.

Bis einmal der König das Volk zum Krieg gegen die Heiden zusammenzurufen begann.

Jastschomb besorgte sich sehr, denn es tat ihm leid, von Haus und Hof fortzugehen und in jene blutigen Schlachten zu ziehen.

Aber der königliche Knecht stand an der Tür und hieß ihn eilen!

Und es bereitete sich ein großer Krieg vor, der arge Türke war in die polnischen Lande gedrungen, äscherte die Dörfer ein, beraubte die Kirchen, ermordete die Priester, schlug das Volk tot oder trieb es in Fesseln in seine heidnischen Länder.

Man mußte sich bereit halten und an die Verteidigung gehen!

Ewiges Leben erwartet diejenigen, die bereitwillig ihr Leben für die Brüder und für den heiligen Glauben hingeben.

So rief denn Jastschomb die Gemeinde zusammen, wählte die tüchtigsten Burschen aus, nahm Wagen und Pferde, und sie zogen bald eines Morgens nach der heiligen Messe zum Dorf hinaus.

Und das ganze Dorf gab ihnen weinend und wehklagend das Geleit bis zum Standbild der Tschenstochauer Muttergottes, das am Wege stand, wo sich die Heerstraßen kreuzten. Er bekriegte den Feind ein Jahr, zwei Jahre, bis schließlich jegliche Spur von ihm verloren ging.

Die anderen waren schon lange heimgekehrt und Jastschomb kam und kam nicht wieder; man dachte, er wäre schon erschlagen oder der Türke hätte ihn in Gefangenschaft geschleppt, wovon selbst im geheimen noch verschiedene Bettler und Wanderer zu erzählen wußten.

Im dritten Jahre schließlich kam er zur frühen Frühlingszeit wieder, aber ganz allein, ohne Reisige, ohne Wagen noch Rosse: zu Fuß, ärmlich, abgetrieben und nur mit einem Stab, wie ein Bettler ...

Er betete heiß vor dem Muttergottesbild, daß es ihm gegeben war, sein Land wiederzusehen, und schritt eilig dem Dorfe zu ...

Keiner begrüßte ihn, keiner kannte ihn wieder, und die Hunde mußte er von sich abwehren.

Da kommt er vor sein Haus, reibt sich die Augen, bekreuzigt sich und kann es nicht wiedererkennen.

Jesus Maria! Keine Wirtschaftsgebäude, keine Ställe, keine Obstgärten, nicht einmal Zäune, vom Vieh keine Spur ... und vom Haus nur die Wände ... von den Kindern nichts zu sehen... alles leer... und grausig ... nur die kranke Frau schleppte sich vom armseligen Lager ihm entgegen und weinte bitter auf.

Als ob der Blitz in ihn gefahren wäre!

Während er Krieg geführt hatte und die Feinde des Herrn niederzwang, ist die Seuche in sein Haus gekommen, hat ihm alle Kinder erschlagen ... Der Blitz hatte alles verbrannt... die Wölfe die Herden erwürgt ... böse Menschen hatten ihm Hab und Gut geraubt ... Die Nachbarn Grund und Boden genommen ... Die Hitze hatte die Saaten verbrannt... Hagel den Rest vernichtet ... so daß nichts geblieben war, nur Erde und Himmel.

Er blieb wie leblos auf der Schwelle, und gegen die Vesperzeit, als man das Ave zu läuten begann, sprang er plötzlich auf und fing mit furchtbarer Stimme an zu fluchen und zu drohen!

Vergeblich hielt ihn die Frau ab, lag vergeblich flehend zu seinen Füßen, er verfluchte und verfluchte alles, da er umsonst sein Blut für die Sache des Herrn vergossen hatte, umsonst die Kirchen verteidigt, umsonst Wunden empfangen und Hunger gelitten, umsonst redlich und fromm war, alles umsonst/der Herr hatte ihn dennoch verlassen und dem Untergang geweiht!

Furchtbar lästerte er gegen Gottes Namen, schrie, er würde sich schon dem Bösen ganz ausliefern, denn er allein ließe die Menschen nicht im Stich, wenn sie in Not wären.

Versteht sich, daß auf solche Aufforderung sich der Böse gleich bei ihm einstellte.

Jastschomb kam nicht mehr zur Besinnung aus diesem argen Zorn und rief nur:

›Hilf, Teufel, wenn du kannst, denn es ist mir ein großes Unrecht geschehen!‹

Der Dumme hatte nicht begriffen, daß der Herr Jesus ihn nur prüfen und in Versuchung führen wollte.

›Ich helf' dir/und gibst du dafür die Seele?‹ quarrte der Böse.

›Ich geb' sie, und wenn es sofort geschehen sollte!‹

Sie schrieben einen Schuldschein aus, den der Bauer mit dem Blut aus dem Herzfinger unterschrieb.

Und gleich von diesem Tage an fing alles an, ihm nach Wunsch zu gedeihen; selbst tat er wenig, paßte nur auf und gab Befehle, und der Michel, so ließ sich nämlich der Böse nennen, arbeitete für ihn/und andere Teufel, die als Knechte und Ausländische verkleidet waren, halfen mit/so daß in kurzer Zeit die Wirtschaft noch besser, größer und reicher war als je zuvor.

Nur neue Kinder waren nicht da, wie sollten sie wohl ohne Gottes Segen kommen!

Das nagte an Jastschomb arg und manches Mal grübelte er in den Nächten, wie es wohl einmal dazu kommen würde, wenn er in dieser ewigen Hölle brennen müßte, und der Reichtum und nichts freute ihn mehr ... Bis ihm Michel das vor die Augen führen mußte, wie alle Reichen, alle großen Herren, Könige, Gelehrte und sogar die größten Bischöfe sich bei lebendigem Leibe dem Teufel verschrieben hätten, und keiner von ihnen sorge sich oder denke darüber nach, was da nach dem Tode sein würde; sie machten sich nur das Leben vergnügt und genössen alles, soviel sie könnten.

Und Jastschomb beruhigte sich immer danach und verschwor sich noch ärger gegen Gott, selbst das Kreuz am Wald hatte er umgehauen, warf die Heiligenbilder aus dem Haus und machte sich schon an das Standbild der Muttergottes, um es zu zerschlagen, denn es störte ihn beim Pflügen; kaum hatte es sein Weib vermocht, ihn mit Flehen und Bitten davon abzubringen.

So flossen Jahre auf Jahre dahin, wie reißendes Wasser; die Reichtümer wuchsen ins Unermeßliche und mit ihnen auch seine Bedeutung, so daß selbst der König bei ihm einkehrte, ihn zu Hofe bat und unter seine Hofleute setzte.

Darüber blähte sich Jastschomb auf, erhob sich über die andern, verachtete die Armen, hatte jegliche Redlichkeit von sich abgetan und machte sich aus der ganzen Welt nichts mehr.

Der Dumme! er dachte nicht daran, womit man dafür zahlen mußte ...

Bis schließlich auch die Stunde der Abrechnung kam. Herr Jesus hatte die Geduld verloren und hatte keine Nachsicht mehr mit dem verstockten Sünder ...

Es kam die Zeit des Gerichts und der Strafe ...

Zuerst überfielen ihn schwere Krankheiten und ließen nicht einen Augenblick von ihm ab.

Dann fiel das Vieh an der Seuche.

Dann verbrannte ein Blitz die Gebäude.

Dann schlug der Hagel das Getreide nieder.

Dann lief ihm das Gesinde davon.

Dann kam noch solche Hitze, daß alles zu Asche verdorrte. Bäume starben ab, Gewässer trockneten aus, die Erde barst auseinander.

Dann ließen ihn die Menschen ganz im Stich und die Not setzte sich an die Schwelle.

Er aber lag schwer danieder, das Fleisch fiel ihm in Fetzen ab, die Knochen faulten ihm.

Vergeblich wimmerte er zu Michel und zu seinen Teufelskumpanen um Hilfe: selbst der Böse hilft nicht, wenn über einen die zornige Hand Gottes sich senkt.

Und auch die Teufel kümmerten sich nicht mehr um ihn; er war ja ihnen verfallen. Damit er also eher stürbe, bliesen sie ihm auf seine furchtbaren Wunden, daß sie noch mehr eitern sollten.

Nur Gottes Erbarmen einzig und allein konnte ihn retten.

Es war wohl im Spätherbst, da kam eine so stürmische Nacht, daß der Wind das Dach des Wohnhauses abtrug und alle Türen und Fenster herausriß. Gleich kam auch ein ganzer Schwarm Teufel zusammengeflogen; sie fingen an, um die Ecken zu tanzen und mit den Mistgabeln sich ins Innere zu drängen, denn Jastschomb lag schon im Sterben.

Das Weib verteidigte ihn so gut es konnte, ihn mit einem Heiligenbild bedeckend oder mit geweihter Kreide die Türschwellen und Fenster zeichnend, aber sie ermüdete schon ganz von all der großen Sorge, er könnte ohne Sakramente und ohne mit Gott versöhnt zu sein, sterben; und obgleich er es ihr verbot, denn so verstockt war er selbst noch in der letzten Stunde, und der Böse überall Hindernisse stellte, fand sie doch eine Gelegenheit, um nach dem Pfarrhof zu laufen.

Aber der Priester bereitete sich vor, auszufahren und wollte nicht zum Gottlosen hin.

»Wen der Herrgott verlassen hat, den müssen die Teufel nehmen, da kann ich nichts nützen ...« und er fuhr nach einem Herrenhof, Karten zu spielen.

Sie weinte bitter vor Kummer und kniete vor jenem Tschenstochauer Muttergottesbild hin, mit blutigem Weinen und herzlichem Jammer um Erbarmen wimmernd.

Die heilige Jungfrau erbarmte sich ihrer und fing an zu sprechen:

›Weine nicht, Weib, deine Bitten sind erhört ...‹

Und sie steigt vom Altar, wie sie da stand, mit goldener Krone und im himmelblauen sternenbesaeten Mantel und mit einem Rosenkranz am Gürtel, zu ihr nieder ... voll Güte strahlend ... allerheiligst und einem Morgenstern vergleichbar ... Das Weib fiel vor ihr aufs Antlitz.

Sie hob sie mit ihren heiligen lieben Händen auf, trocknete ihr mitleidig die Tränen, drückte sie ans Herz und sagte gerührt:

›Führ' mich ins Haus, vielleicht kann ich dir etwas helfen, treue Dienerin.‹

Sie besah sich den Kranken und ihr mitleidvolles Herz wurde sehr bewegt.

›Ohne Priester wird das nicht gehen, ich bin nur eine Frau und besitze nicht eine solche Macht, wie sie der Herr Jesus den Priestern gegeben hat! Ein Lump ist der Pfarrer, kümmert sich nicht um das Volk, ein ganz schlechter Hirt ist er und wird sich dafür streng verantworten müssen; doch er allein hat die Macht, von den Sünden zu erlösen ... Hier hast du den Rosenkranz, verteidige damit den Sünder, bis ich zurückkomme.‹

Wie sollte man da aber gehen? ... Die Nacht war dunkel, Sturm, Regen, Schmutz, ein weites Stück Wegs und noch dazu die Teufel, die überall Unfug trieben.

Sie war nicht bange, die Himmelsherrin, nein! ... Sie tat nur ein Leintuch um gegen das schlechte Wetter und trat in die Dunkelheit hinaus ...

Sie kam zum Herrenhof, arg ermüdet und bis auf den letzten Faden durchnäßt, klopfte demütig bittend an, der Priester möge rasch zu einem Kranken kommen; dieser aber, da er bemerkt hatte, daß es etwas Armseliges war und da noch draußen so ein Hundewetter herrschte, ließ sagen, er käme am Morgen, jetzt hätte er keine Zeit und spielte weiter, trank und amüsierte sich mit den Herren.

Die Muttergottes seufzte nur wehmütig auf über diese Unredlichkeit und ließ es geschehen, daß gleich eine goldene Karosse erschien mit Pferden und Lakaien; sie verkleidete sich als eine Starostenfrau und trat in die Zimmer.

Versteht sich, daß der Priester bereitwillig und sofort hinfuhr.

Sie kamen noch zur rechten Zeit; aber der Tod saß schon auf der Schwelle und die Teufel versuchten mit Gewalt, an den Mann heranzukommen, um ihn noch bei lebendigem Leibe zu entführen, bevor der Priester mit dem Leib Christi käme; nur daß das Weib ihnen noch wehrte, mal mit dem Rosenkranz, mal mit einem Heiligenbild die Tür verdeckend und mal mit dem Gebet, mal mit dem Namen des Herrn ihn verteidigend.

Jastschomb beichtete, bereute seine Sünden, bat Gott um Verzeihung, wurde seiner Vergehen ledig gesprochen und gab sofort Gott die Seele ab. Die Allerheiligste selbst schloß ihm die Augen, segnete die Frau und sagte zum entsetzten Priester:

›Komm mit mir! ...‹

Er konnte sich immer noch nicht fassen, ging jedoch mit. Er sieht sich um vor dem Haus ... da ist weder die Kutsche noch die Dienerschaft zu sehen, nur Regen, Schmutz, Dunkelheit /und der Tod, der Schritt für Schritt ihm folgt ... Er erschrak sehr und fing an, hinter der heiligen Jungfrau drein nach der Kapelle zu rennen.

Er sieht hin, da steigt sie schon in Mantel und Krone, von Engelchören umgeben, auf den Altar, auf ihren früheren Platz.

Da erkannte er die Himmelskönigin, und Angst erfüllte ihn; er fiel auf die Knie, brach in ein lautes Heulen aus und streckte die Hände zu ihr empor, um Erbarmen bittend.

Und die heilige Jungfrau blickte ihn zornig an und sagte:

›Ganze Jahrhunderte wirst du so weinend knien für deine Sünden, bis du für sie genug gebüßt hast ...‹

Er verwandelte sich gleich in einen Stein und blieb dort; nur in den Nächten weint er, streckt die Hände aus, wartet auf Erbarmen und kniet schon seit Jahrhunderten.

Amen! ...

— — — — —

Bis auf den heutigen Tag kann man dieses Steinbild in Dombrowa bei Pschedbosche besehen: es steht vor der Kirche zur ewigen Erinnerung und Warnung der Sünder, daß die Strafe für Böses keinen verfehlen wird.«

Ein langes und tiefes Schweigen fiel auf alle Anwesenden, jeder überlegte sich das Gehörte, und jeder war voll jener heiligen Stille, Bewunderung, Güte und Ehrfurcht.

Was soll man da auch in einem solchen Augenblick sagen, wenn einem die Seele sich weitet, wie Eisen im Feuer, ganz mächtig wird voll Empfindungen und Licht, so daß man sie nur zu berühren brauchte, und sie würde gleich zu einem Sternenregen zersprühen und sich als Regenbogen zwischen Erde und Himmel ausbreiten.

So verharrten sie im Schweigen, solange nicht die letzten Gluten in ihnen im Erlöschen waren.

Mathias zog eine Flöte hervor, fing darauf an zu fingern und leise eine zu Herzen gehende Weise zu spielen, die war als hätte einer Tautropfen auf Spinnweben gefädelt; und die Sochabäuerin sang »In deinem Schutz«. Sie sangen halblaut mit.

Und darauf fingen sie langsam an, über dies und jenes miteinander zu plaudern, wie es so üblich ist.

Die Jugend lachte miteinander, denn Therese, die Soldatenfrau, gab den Burschen verschiedene lustige Rätsel auf; da aber einer gesagt hatte, Boryna wäre schon vom Gericht heimgekommen und tränke in der Schenke mit seiner Kumpanei, so beeilte sich Jagna und ging leise davon, ohne selbst Fine zu rufen, und hinter ihr her schlich sich heimlich Antek von bannen, er holte sie noch auf dem Flur an der Schwelle ein, faßte sie fest bei der Hand und führte sie durch eine andere Tür auf den Hof und von dort durch den Obstgarten hinter die Scheunen.

Man hatte ihr Verschwinden fast nicht beachtet, denn gerade rief Therese laut:

»Ohne Seele, ohne Fett und rührt sich unterm Federbett! Was ist das?«

»Brot, Brot, das weiß jeder!« riefen sie, sich um sie scharend.

»Und das: Es jagen Gäste über Lindenbäste? ...«

»Sieb und Erbsen!«

»Jedes Kind weiß solche Rätsel.«

»Dann sagt andere, klügere!«

»Wird im Hemd geboren und läuft nackt in der Welt herum?«

Sie rieten lange, bis schließlich Mathias sagte, es wäre der Käse, und gab selber folgendes Rätsel auf:

»Das Lindenholz singt zum fröhlichen Tanz,
Und es wackelt ein Pferd auf 'm Schöps mit dem Schwanz!«

Mit Mühe errieten sie, daß es die Geige sein sollte. Therese aber sagte ein noch schwierigeres Rätsel:

»Ohne Kopf, ohne Füße, ohn' Arm und ohne Bauch,
Und wohin es sich wendet, da pustet es auch!«

Wind sollte es bedeuten; sie fingen darüber an zu streiten, sich lustig zu machen und immer komischere Rätsel herzusagen, bis die Stube vor Stimmengewirr und Lustigkeit erdröhnte.

Und noch tief in der Nacht vergnügten sie sich so gemeinschaftlich.

 

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