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Die polnischen Bauern II - Winter

Wladyslaw Stanislaw Reymont: Die polnischen Bauern II - Winter - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWladyslaw Stanislaw Reymont
titleDie polnischen Bauern II - Winter
publisherEugen Diederichs Verlag
seriesDer Bauernspiegel
volume1
printrun6. Tausend
year1917
translatorJean Paul d'Ardeschah
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140510
projectida32d77d4
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InitialSchon seit dem frühen Morgen neigte das Wetter zu einem Schneesturm; der Tag war wolkig, windig und sehr widerwärtig; ein feiner trockener Schnee stäubte, dabei war er körnig wie kaum auf der Handmühle zerriebene Grütze; zugleich wurde der Wind heftiger und lärmender und begann sich in unerwarteten Wirbelstößen zu drehen, so daß er nach allen Seiten schwankte, wie ein Trunkenbold, winselte, pfiff und wütend den Schnee aufpeitschte.

Ohne jedoch auf das Wetter zu achten, hatten sich Anna mit dem alten Bylica und mit ihnen noch ein paar Kätnerinnen gleich am frühen Mittag in den Wald nach Reisern aufgemacht.

Das Wetter war unausstehlich; der Wind ging in den Feldern um, riß die armen Bäume fast aus der Wurzel, rasselte durchs Dorf, wirbelte alleweil Schneewolken empor, sie mit Gejohl im Kreise drehend, um sie über der Welt auszustäuben, wie Tücher voll weißer stechender Acheln; alles ertrank in einer unkenntlichen Trübe.

Gleich hinter dem Dorf wandten sie sich im Gänseschritt über die verwehten Feldraine den noch fernen Wäldern zu, die kaum mit den Gipfeln aus dem Schneestaub sichtbar waren.

Der Sturm steigerte sich noch, stieß von allen Seiten auf sie nieder, tanzte, drehte sich und peitschte so auf sie ein, daß sie sich kaum auf den Beinen halten konnten; sie beugten sich nur noch tiefer zur Erde nieder; er aber kam ihnen von vorne entgegen, riß den trockenen, mit Sand durchwirbelten Schnee empor und schleuderte ihn so ins Gesicht, daß man die Augen schützen mußte.

Sie gingen schweigend, da der Wind ihnen den Atem benahm und die Worte vom Munde fortriß, stöhnten hin und wieder auf und rieben sich die Hände mit Schnee, denn die Kälte war durchdringend und fuhr durch die elenden Kleider; um die Steinhaufen und Baumstämme wuchsen Schneewehen auf und versperrten den Weg, wie mit weißen Deichen, so daß man jede umgehen mußte, nicht wenig den Weg dadurch verlängernd.

Anna ging an der Spitze und sah sich oft nach dem Vater um, der zusammengeduckt, den Kopf mit einer Beiderwandschürze umwickelt, in Anteks altem Schafpelz, den er sich mit einem Strohseil umgürtet hatte, ganz am Ende nachgeschleppt kam und kaum gegen den Wind angehen konnte. Das Atmen kam ihm schwer an, so daß er jeden Augenblick stehenbleiben mußte, um sich etwas zu verpusten und die vom Wind tränenden Augen zu trocknen, dann eilte er eifrig weiter, leise vor sich hin stöhnend.

»Ich komm' schon, Hanusch, ich komm' ... sei nur nicht bange, ich bleib' nicht stecken!«

Natürlich hätte er es vorgezogen, auf der Ofenbank zu sitzen; aber was sollte er denn, wenn die Arme gehen mußte, wo hätte er denn Mut finden sollen, zurückzubleiben! Zu Hause war ja auch ein Frost nicht zum Aushalten; die Kinder wimmerten vor Kälte, und man hatte nicht einmal Holz, um Essen zu kochen, so daß sie nur trockenes Brot gegessen hatten ... Und dieser kalte Wind fuhr einem durch die Knochen wie mit Eisfingern ... sann er, hinter den anderen herhumpelnd.

»Das ist so, wenn die Not einen an den Schopf faßt, da kannst du, Menschenkind, nicht entwischen, nee!«

So biß denn Anna die Zähne zusammen und ging mit den Kätnerinnen Holz zu sammeln. Das war so, so weit war es also gekommen, auf gleich und gleich mit Philipka, Krakalina, der alten Kobus und Magda Kosiol, mit dem ärmsten Volk in einer Reihe.

Sie seufzte nur schwer, verbiß sich und ging weiter; nicht zum erstenmal war das so, nein.

»Laß man, laß man!« murmelte sie hart vor sich hin, ihre Geduld und Kraft zusammenreißend.

Ist es nötig, dann wird sie Holz sammeln gehen, es auf dem Rücken schleppen und sich mit solchen Bettelweibern in eine Reihe stellen, wie Philipka eine ist; weinen aber wird sie nicht und sich nicht beklagen oder um Unterstützung sich mühen.

Wohin sollte sie sich denn auch wenden, man würde ihr schon was geben, ein mitleidiges Wort wohl, bei dem es sie wundernehmen sollte, wenn ihr das Blut nicht aus dem Herzen spritzte. Der Herr Jesus versucht sie, legt ihr schwere Kreuze auf, vielleicht wird er sie auch einmal belohnen ... Laß es nur so sein, sie wird alles durchhalten, wird sich und die Kinder nicht zugrunde gehen lassen, wird die Hände nicht sinken lassen, dem Mitleid und Spott der Menschen wird sie sich nicht ausliefern!

Was hatte sie in den letzten Zeiten gelitten; jedes Glied bebte in ihr und schien fast unter der Last dieses Schmerzes zusammenzubrechen/was hatte sie gelitten!

Nicht die Armut und das Elend war es, nicht der Hunger, daß es oft kaum für die Kinder reichte, nicht das, daß Antek in der Schenke saß und mit den Kameraden sein Geld vertrank, sich um das Haus nicht kümmerte und wie ein herumtreibender Hund in die Stube geschlichen kam und auf die geringste Anspielung nach dem Stock griff/das passiert nicht selten auch anderswo, das könnte man noch vergeben; eine schlechte Stunde ist über ihn gekommen, das könnte noch, wenn man nur geduldig abwarten würde, vorübergehen. /Aber diese Untreue konnte sie nicht vergessen, nicht verwinden noch vergeben.

Nein, das brachte sie nicht über sich. Wie denn, eine Frau hat er und Kinder, und vergißt das alles, wegen dieser ... Das griff ihr wie mit glühenden Zangen ans Herz, zermürbte sie durch und durch und wurde zu einem brennenden, nimmer weichenden Erinnern.

»Hinter der Jagna rennt er, sie hat er lieb, durch sie ist das alles so!«

Es war ihr, als ob der Böse neben ihr herginge und ihr immerzu furchtbare Erinnerungen ins Ohr flüsterte; man kann nicht vor ihnen flüchten, kann sie nicht vergessen, nimmer! Der Schmerz über die Zurücksetzung ihrer Seele, über die Erniedrigung, die Scham, die Eifersucht und Rache, all diese Hexen des Unglücks steckten ihre stachligen Köpfe in ihr Herz und rissen daran, daß man hätte laut schreien mögen und mit dem Kopf gegen die Wand schlagen.

»Erbarme dich, Herr, lasse nach, Jesu!« stöhnte es in ihr, und sie hob die brennenden Augen voll Tränen, die nicht versiegen wollten, zum Himmel empor.

Sie fing an schneller auszuschreiten, denn es wehte so auf diesen am Wald gelegenen Anhöhen, daß sie es vor Kälte nicht länger aushalten konnte; die Weiber aber blieben etwas zurück und gingen langsam, wie rote Knäule, kaum im Schneetreiben sichtbar. Der Forst war schon nahe und tauchte, wenn die Schneenebel auf einen Augenblick niederfielen, plötzlich aus dem Weiß als eine mächtige dunkle Wand zusammengedrängter Stämme hervor, zwischen denen stille eisige Tiefen dunkelten.

»Kommt rasch, im Wald könnt ihr euch ausruhen!« rief sie ihnen ungeduldig zu.

Aber die Frauen hatten es nicht eilig; sie hielten häufig an, mit vom Wind abgewandten Gesichtern, im Schnee niederhockend wie eine Schaar Rebhühner, und redeten leise miteinander. Auf ihr Rufen brummte nur die Philipka widerwillig.

»Die Anna jagt so wie der Hund hinter den Krähen her und glaubt wohl, daß sie dabei was einfangen kann, wenn es schneller geht.«

»Wo es mit der Ärmsten hingekommen ist!« murmelte die Krakalina mitleidig.

»Die hat sich genug auf dem Borynahof gewärmt, fett gespeist, Gutes genossen, da kann sie jetzt auch von der Armut was zu kosten kriegen. Manch einer stirbt sein Lebelang fast vor Hunger, rackert sich ab wie ein Lasttier, und niemand hat Mitleid mit ihm.«

»Und früher, da hat sie uns nicht einmal guten Tag gesagt ...«

»Du meine Güte, das Brot läßt die Hörner wachsen und der Hunger die Beine, sagt man.«

»Einmal wollt' ich bei ihr Pferdegeschirr holen, da hat sie gesagt, sie hätte es für sich allein.«

»Das ist schon wahr, eine offene Hand für die Menschen hat sie nie gehabt, hat sich über die anderen erhoben, wie alle vom Borynahof, aber schade ist es um die Frau, jammerschade.«

»Es geschieht ihr recht, aber der Antek, das ist ein Lump.«

»Versteht sich, daß der ein Lump ist, das ist schon wahr. Das weiß man aber auch: wenn die Hündin nicht will, kann der Hund auch nichts machen, jedes Mannsbild rennt hin, wenn man ihn mit Weiberröcken lockt.«

»Wenn mir das käme, mitten auf dem Weg würd' ich der Jagna zu Kopf steigen, sie anpöbeln, beschimpfen und ihr die Zotteln durchkämmen, daß sie ihr Lebtag daran denken müßte.«

»Es kommt schon noch dazu, oder mit was weit Schlimmerem kann das noch mal enden!«

»Das ist schon so mit der Patschesbrut, und die Dominikbauerin war auch nicht anders, ih wo! ...«

»Kommen wir schon; der Wind weht von unten, dann wird er wohl gegen Abend nachlassen.«

Sie schleppten sich bis zum Wald und zerstreuten sich nicht sehr weit, um sich bei der Rückkehr leichter zusammenrufen zu können.

Eine Dämmerung umfing sie und verschlang sie ganz, so daß kaum noch eine Spur von ihnen zurückgeblieben war.

Der Forst war alt, gewaltig und hoch; Fichten standen da neben Fichten in unzahlbaren Mengen, in einem dichten Durcheinander, so schlank, gerade und mächtig, daß sie wie riesige Säulen aus rostigem Kupfer dünkten, die in unübersehbaren Reihen im Halbdunkel der graugrünen Gewölbe auftauchten. Düsterer, eisiger Schimmer schlug vom Schneeboden empor, und oben, durch die zerfetzten Äste tagte wie durch durchlöcherte Strohdächer ein weißlichtrüber Himmel.

Hoch oben wälzte sich der Sturm vorüber, unten aber war es manchmal eine Stille, wie in der Kirche, wenn plötzlich die Orgel verstummt und die Gesänge innehalten/und nur noch die letzten Seufzer flüstern, das Gescharr der Füße, der verhauchende Ton der Gebete und die gedämpften ersterbenden Klänge hörbar sind./So stand der Forst da, unbeweglich und stumm, wie auf das Donnergetöse und auf den wilden Schrei der niedergestampften Felder lauschend, der irgendwo in der Ferne sich losrang und hoch oben, fernab dahinzog, so daß er nur wie ein klagendes Zwitschern durch den Wald zuckte.

Plötzlich aber fiel der Sturm mit ganzer Macht den Forst an, ließ alle seine Stoßzähne gegen die Stämme ankrachen, fraß sich in die finstere kalte Tiefe hinein, brüllte durch die Dunkelheit und begann die uralten Waldriesen zu zausen. Doch vergeblich, er konnte sie nicht überwinden, entkräftet sank er zurück, verstummte und erstarb winselnd in dem dichten, an der Erde kriechenden Buschwerk/der Wald bebte nicht einmal, nicht ein Ast knackte, nicht ein Stamm fing an zu schaukeln; die Stille wurde nur noch tiefer und entsetzlicher, so daß man zuweilen selbst den flatternden Flügelschlag eines Vogels in den Dunkelheiten hören konnte.

Manchmal wiederum stieß die Windsbraut so plötzlich und unerwartet mächtig auf den Wald nieder, wie ein ausgehungerter Habicht auf seine Beute, ihre Schwingen schlugen laut auf, sie riß an den Wipfeln und zerbrach alles und warf alles mit wildem Gebrüll um/der Forst erbebte wie aus dem Schlaf gerüttelt, schüttelte seine Totenruhe ab, schwankte von einem Ende zum anderen und ließ von Baum zu Baum ein Wiegen gehen. Ein drohendes unterdrücktes Murren kam dahergeflogen, erhob sich, reckte sich jäh auf und schien zu gehen, beugte sich schwer vornüber, schlug mit furchtbarem Getöse um sich und holte jetzt schon, wie ein von Wut und Rache geblendeter Riese aus, daß ein Lärm entstand, ein Kampfgetöse den Wald erfüllte, ein Schreck jegliche Kreatur die im Dickicht niedergeduckt saß, überfiel, und die vor Angst wie wahnsinnig gewordenen Vögel durch das Schneegestöber dahinschossen, das sich stürmisch zwischen die zermalmten Äste und Wipfel ergoß.

Und darauf kamen wieder lange, ganz tote Stillen, in denen man deutlich ein fernes, schweres Krachen hörte.

»Neben der Wolfskuhle fällen sie den Wald, er stürzt dicht,« flüsterte der Alte, am Erdboden auf die dumpfen Stöße horchend.

»Trödelt nicht, wir wollen doch nicht bis zur Nacht hier sitzen.«

Sie drangen in das junge, hohe Gehege, in ein solches Dickicht von wirren und dicht aneinandergepreßten Zweigen, daß sie sich kaum hineinzwängen konnten; eine Grabesstille umfing sie, kein Laut drang mehr hinein, selbst das Licht sickerte nur mühsam durch die dicke Schneedecke, die, wie ein Dach, auf den Baumwipfeln lag. Ein erdiges, zu Asche zerfallenes Grau füllte den Grund, es lag dort fast kein Schnee auf der Erde, und nur das seit langem abgefallene, verwitterte Dürrholz bedeckte stellenweise den Boden bis zur Kniehöhe; hier und da schimmerten grüne Moosfelder und hin und wieder stieß man auf einen vertrockneten Fliegenpilz oder auf vergilbte Beeren, die wie versteckt vor dem Winter dahingen.

Anna brach mit dem Kugelstock die dickeren Zweige ab, schnitt sie zu gleicher Länge zurecht, alles auf ein ausgebreitetes Leintuch legend, und sie arbeitete so eifrig, daß sie ganz warm wurde und das Kopftuch abwerfen mußte. In ungefähr einer Stunde hatte sie eine solche Holzlast zurechtgemacht, daß es ihr kaum möglich wurde, sie sich aufzuladen; auch der Alte hatte schon ein gutes Bündel zusammengebracht, schnürte es mit einem Tau zusammen und schleppte es über den Boden, sich nach einem Baumstumpf umsehend, von dem aus er es leichter auf den Buckel heben konnte.

Sie juchten nach den Frauen, aber im Hochwald hatte wieder der Sturm zu wüten begonnen, darum konnten sie sich nicht verständigen.

»Wir müssen versuchen, auf den Pappelweg zu kommen, Hanusch, da wird es besser gehen, als durch die Felder.«

»Dann gehen wir, haltet euch nur heran und bleibt nicht weit zurück.«

Sie wandten sich gleich von der Stelle nach links durch ein Stück alten Eichwaldes; aber schwer war es, dort durchzukommen, der Schnee ging bis über die Knie und häufte sich stellenweise zu ganzen Wällen auf, denn die kahlen Bäume standen weit auseinander; nur hin und wieder bebten an den breiten mächtigen Ästen weiße Bärte, und hier und da bog sich ein junges, noch ganz mit rostbraunen Laubzotteln bedecktes Eichbäumchen ächzend zur Erde nieder. Der Wind blies mit ganzer Macht und stäubte so mit Schnee, daß es unmöglich war, zu gehen. Der Alte wurde rasch matt und blieb stehen, und auch Annas Kräfte wollten nicht recht reichen; sie stützte sich mit ihrer Last des öfteren gegen die Baumstämme und suchte mit verängstigten Augen nach einem besseren Weg.

»Hier kommen wir nicht durch, und hinter dem Eichwald ist ein Sumpf, kehren wir lieber nach den Feldern um.«

Sie wandten sich also wieder dem großen, dicht zusammengedrängten Fichtenwald zu, wo es etwas ruhiger war und der Schnee nicht so hoch lag, und bald kamen sie aufs Feld/aber es ging dort ein solches Schneetreiben um, daß man die Welt nicht einmal auf die Weite eines Steinwurfs sehen konnte; nichts war da, als eine weiße, aufgewühlte, daherjagende Undurchdringlichkeit. Der Sturmwind aber drängte immerzu gegen den Forst an, prallte wie von einer Wand zurück, wuchs unbesiegt wieder an, scharrte ganze Schneehügel auf und peitschte wie mit einer weißen Wolke auf die Bäume ein, so daß ein Stöhnen durch den Wald ging. Er wirbelte, drehte und schlug so um sich, daß er gleich den Alten zu Boden warf, kaum daß sie den Acker betreten hatten. Sie mußte, sich selbst kaum aufrecht haltend, ihm wieder auf die Beine helfen. Dann kehrten sie in den Forst zurück, und hinter den Stämmen niedergehockt überlegten sie, wohin sie gehen sollten, denn man wußte schon gar nicht mehr, nach welcher Richtung man sich zu wenden hatte.

»Diesen Pfad links muß man wählen, und wir kommen sicherlich beim Kreuz auf die Pappelallee hinaus.«

»Aber ich seh' ihn doch gar nicht, diesen Steg.«

Er mußte es ihr lange auseinandersetzen, denn sie fürchtete, sich ins Ungewisse zu wagen.

»Und wißt ihr auch, nach welcher Seite wir uns zu halten haben?«

»Mich deucht, linker Hand.«

Sie schleppten sich am Waldrand entlang, um doch etwas Schutz vor dem Anprall des Windes zu haben.

»Kommt schneller, wir haben gleich Nacht.«

»Nur ein bißchen Luft schnappen, 'n bißchen, Hanusch, ich renn' schon, ich renn' schon ...«

Es war natürlich nicht leicht, sich da durchzuarbeiten; der Weg war ganz verschüttet, und seitwärts von den Feldern stieß obendrein der Wind immerzu mächtig auf sie ein und peitschte sie mit Schneemassen; vergeblich versteckten sie sich hinter die Bäume, oder hockten wie arme Häschen hinter Wacholderbüschen nieder, es wehte ihnen doch überall bis ins Mark. Aber weiter in den Wald zu gehen, schien ihnen unheimlich, denn die Bäume rauschten wild, und der ganze Wald wogte und schien den Boden fast mit den Ästen fegen zu wollen, die Zweige schlugen ihnen ins Gesicht, und zuweilen hörten sie unter Krachen alte Fichten stürzen, daß es war, als ob der ganze Forst zermalmt zusammenbrechen müßte.

Sie liefen soviel sie nur konnten, um so rasch wie möglich auf die Landstraße zu gelangen und noch vor Nacht zurechtzukommen, denn sie konnte jeden Augenblick hereinbrechen; es dämmerte schon etwas auf den Feldern, durch die zerzausten Schneefälle sah man sich glanzlose Streifen winden, wie noch ganz blasse Rauchsträhnen.

Sie drangen endlich zur Landstraße durch und sanken, halb tot vor Ermattung, neben dem Kreuz nieder.

Das Kreuz stand am Waldrand, dicht an der Straße; vier mächtige Birken wie in weißen langen Hemden und mit Zweigen, die wie Zöpfe herabhingen, schützten es an der Waldseite. Auf dem schwarzen Holz war die Gestalt des Gekreuzigten aus Blech ausgeschnitten zu sehen, die mit solchen Farben bemalt war, daß er wie lebendig schien. Der Wind mußte das Bild losgerissen haben, denn es hing nur an einer Hand und schlug gegen das Holz mit einem so rostigen Knarren, als wollte es um Mitleid und Hilfe bitten. Die Birken, die der Sturm hin- und herzerrte, bedeckten es immerzu mit ihrem Gezweig, sie bebten und verbeugten sich, und die Schneewolken überschütteten es mit ihrem Staub, so daß es ganz wie im Nebel dastand, durch den der bläuliche Jesusleib zu sehen war und sein blasses, blutüberströmtes Antlitz tauchte immer wieder aus den weißen Schneewehen hervor; es wurde einem ganz grausig zumute dabei.

Der Alte sah ihn mit Entsetzen an und bekreuzigte sich, aber er traute sich nicht zu reden, denn Anna hatte ein strenges, verbissenes, unauskennbares Gesicht, das wie die Nacht war, die schon lauernd durch die Welt, durch die Stürme, Schneewirbel und fliegenden Nebel näherkam.

Sie schien nichts zu sehen und nichts zu beachten, und war in finsteren Gedanken versunken, die immer nur um das eine, um Anteks Verrat, kreisten; ein Wirbel raste in ihr, voll blutiger Seufzer, voll zu Eis erstarrter brennender Tränen, voll lebendiger, schmerzverharschter Leidensstimmen.

»Keine Scham hat er, keine Gottesfurcht; es ist doch, als ob er sich mit der leibhaftigen Mutter zusammengetan hätte! Jesus! Jesus! ...«

Ein Grauen riß sie empor mit Sturmesmacht, die Angst schüttelte sie; und dann kochte es in ihr auf vor wildem haßerfüllten Zorn, wie ein Forst, der sich plötzlich geduckt hatte und wütend dem Sturm die Stirn bot.

»Gehen wir rasch, gehen wir!« rief sie, die Last aufnehmend, und betrat unter ihrem Gewicht gebückt den Weg, ohne sich nach dem Alten umzusehen; ein unüberwindlicher, hartnackiger Zorn trieb sie an.

»Ich werd' dir alles heimzahlen, das tu' ich!« wimmerte es wild in ihr, wie aus jenen nackten schreidurchzuckten Pappeln, die mit dem Sturm rangen.

»Genug davon, da müßte doch selbst ein Stein schon bersten, wenn ihn ein solcher Wurm ankommt! Wenn Antek will, laß ihn zugrunde gehen, laß ihn in der Schenke sitzen; aber mein Unrecht werd' ich ihr nicht vergeben, nein, alles werd' ich ihr heimzahlen! Wenn ich dafür im Kriminal verfaulen sollte, mag es sein; aber es wäre doch wohl keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt, wenn die heilige Erde eine solche ruhig tragen sollte ...« sann sie grimmig. Doch langsam fing in ihr dieser Groll an zu erlöschen und verblaßte wie Blumen im Frost, denn es begann ihr an Kräften zu mangeln, die Last drückte sie nieder, die Knorren bohrten sich ihr in den Rücken und preßten sich ungeachtet der umgeschlagenen Beiderwandschürze und der Jacke ins lebendige Fleisch, die Arme schmerzten furchtbar, und der zu einem Tau gedrehte Knoten des Leintuches schnitt ihr in die Gurgel und würgte sie; sie ging immer langsamer und schwerfälliger.

Die Landstraße war hoch voll Schnee und hier und da mit Schneewehen versperrt und den Winden ganz preisgegeben, daß man die Pappeln an den beiden Seiten des Weges kaum sehen konnte; sie standen in einer wankenden, endlosen Reihe, rauschten verzweiflungsvoll und zerrten wie in Netze verwickelte schreiende Vögel, die blindlings mit den Flügeln um sich schlagen. Es schien, als ob der Sturm schon etwas von seiner Macht verloren hätte, in den Lüften wurde es ruhiger; dafür wälzte er sich aber um so wütender über die Felder, an beiden Seiten des Weges, auf der Ebene, in dämmeriggrauen trüben Weiten brodelte der Schneesturm immerzu, tausende von Wirbeln drehten sich im Teufelstanz, tausende von Knäulen rissen sich los und rollten über die Erde, zu riesigen, surrenden Spindeln anwachsend, und zahllose hochaufgetürmte Haufen, zahllose aufgewühlte Wälle und Dämme schoben sich übers Feld, bewegten sich, wuchsen, hoben sich hoch, schienen bis an den Himmel zu reichen, verdeckten die ganze Welt und zerplatzten mit Pfeifen und Lärm. Die ganze Erde war wie ein kochender Kessel, voll von einem siedenden weißen Gischt, mit Rauhreif und Eisdämpfen bedeckt. Von allen Seiten kamen mit der heraufziehenden Nacht tausende von Stimmen herangekeucht, erhoben sich vom Boden, zischten durch die Lüfte, brausten von überall heran, und ein Sausen schwirrte rings, als ob man mit Peitschen durch die Luft hiebe; unbegreifliche Töne zuckten über der Erde einher und das Rauschen der Wälder erdröhnte wie Orgelmusik bei der Erhebung des heiligen Sakraments; dann wieder durchschnitten lange klägliche Schreie die Luft, als ob Stimmen verirrter Vögel herüberklangen, ein winselndes, furchtbares Gewimmer und grausiges Gekicher waren zu hören, durchrauscht von dem dürren Sausen der Pappeln, die in den trüben weißen Staubwirbeln mit himmelwärts ausgestreckten Armen schwankten, wie furchtbare Wahrzeichen.

Nicht einen Schritt weit konnte man vor sich her sehen, so daß Anna fast blindlings sich von Pappel zu Pappel forttastete, sie ruhte oft aus, mit Entsetzen auf diese Stimmen lauschend.

Unter einer Pappel hob sich dunkel ein hingekauerter Hase ab, der bei ihrem Anblick sich in den Schneesturm stürzte und gleich wie von Krallen mit fortgerissen wurde, so daß sein schmerzliches Klagen aus dem Schneegestöber ertönte. Sie sah ihm mitleidig nach, denn sie konnte sich selber kaum fortbewegen, mußte sich immer tiefer ducken und vermochte schon kaum die Beine aus dem Schnee zu ziehen, so drückte sie ihre Last nieder, und zuweilen war es ihr, als ob sie den ganzen Winter mit seinen Schneemassen und Stürmen und die ganze Welt auf ihrem Rücken trüge und daß sie schon immer so tödlich erschöpft daherging, kaum mehr lebend vor Übermüdung, mit ihrer blutenden tieftraurigen Seele, und daß sie sich ewig so bis an den jüngsten Tag schleppen würde, immerfort. Die Zeit wurde ihr furchtbar lang, als ob der Weg nie ein Ende nehmen wollte, und das Bündel lastete so auf ihr, daß sie immer öfter an den Bäumen lehnte und immer länger wie umnebelt, halb bewußtlos dasaß, das brennende Gesicht mit Schnee kühlte, die Augen rieb, sich aufrüttelte so gut es gehen wollte und immer wie tief bis auf den Grund dieses aufgewühlten, grausamen Wirbelsturms der Elemente tauchen mußte. Sie weinte hin und wieder kläglich auf, die Tränen flossen ihr von selbst aus dem tiefsten, verborgensten Menschenelend heraus, aus dem Grund eines zerrissenen Herzens, aus dem Jammer der hilflos Verderbenden; manchmal, doch selten nur, denn sie vergaß alles, betete sie; aber ihre Gebete waren leise und flehend, Wort für Wort fiel, wie ein klagendes Schirpen eines erfrierenden Vögleins, das nur hin und wieder einen seiner Flügel regt, aber schon ganz entkräftet niedersitzt, sich zusammenkauert und in immer tiefere Schlaftrunkenheit versinkt.

Sie zuckte nur noch manchmal wieder auf, sich erschrocken hochreißend, denn es war ihr, als hörte sie Kinderrufe und -weinen, als ob es ihr Pjetrusch wäre.

Und wieder rannte sie mit der ganzen Anspannung ihrer Kräfte, stolperte über Schneewälle, verwickelte sich in Schneewehen und eilte, getrieben von der Angst um die Kinder, die in ihr jäh aufgekommen war und sie vorwärtspeitschte, weiter, so daß sie schon weder Ermüdung noch Kälte fühlte.

Der Wind trug ihr ein Schellengeläut, das Klirren von Ortscheiten und Menschenstimmen zu, aber so verloren, daß sie, obgleich sie stehengeblieben war und aufhorchte, nicht ein Wort unterscheiden konnte; irgend jemand kam hinter ihr her gefahren, immer näher schon, bis aus dem Schneestäuben zwei Pferdeköpfe auftauchten.

»Der Vater!« flüsterte sie, als sie die weiße Blesse der Jungstute erblickte, und ohne zu warten, versuchte sie weiterzugehen.

Sie hatte sich nicht geirrt, es war Boryna, der mit Witek und Ambrosius vom Gericht heimkehrte; sie fuhren langsam, denn man konnte sich kaum durch die Schneehügel einen Weg bahnen, und an den schlimmeren Stellen mußten sie die Pferde selbst am Zaun vorüberführen; sie schienen nicht schlecht angetrunken zu sein, denn sie lachten und redeten laut, und Ambrosius sang alle Augenblicke, wie das seine Art so war, ohne auf den Schneesturm zu achten.

Anna trat zur Seite, das Tuch noch tiefer über die Augen ziehend; trotzdem erkannte sie der Alte beim Überholen auf den ersten Blick und brannte den Pferden ein paar Peitschenhiebe auf, um rascher vorüberzufahren; die Gäule zogen auch von der Stelle stark an, blieben aber, gleich wieder in einer neuen Schneewehe stecken; da erst sah er sich um, hielt die Pferde an, und als Anna aus dem Schneetreiben auftauchte und mit dem Schlitten in gleicher Linie war, sagte er:

»Wirf das Holz in den Korbsitz und sitz' auf, ich fahre dich ein Stück.«

Sie war die väterlichen Befehle so gewohnt, daß sie alles ohne Zögern erfüllte.

»Den Bylica hat der Bartek mitgenommen, er saß unterm Baum und weinte, sie fahren hinter uns her.«

Sie antwortete nicht, starrte finster vor sich her in die Trübe der Nacht und des Schneesturms, der rings um sie her raste, und saß zusammengekauert auf dem Vordersitz, vor Ermattung schlotternd und ohne noch imstande zu sein, die Gedanken zu sammeln; der Alte betrachtete sie lange und aufmerksam. Abgemagert war sie, daß es einem leid tat, ihr abgezehrtes Gesicht anzusehen, das hier und da erfrorene Stellen aufwies, ihre Augen waren vom vielen Weinen angeschwollen und der Mund schmerzlich verbissen; sie zitterte am ganzen Leib vor Kälte und Müdigkeit, vergeblich das zerrissene alte Tuch um sich zusammenziehend.

»Du mußt dich schonen, in diesem Zustand kann man sich leicht 'ne Krankheit dazuholen ...«

»Wer soll wohl für mich die Arbeit tun?« murmelte sie leise.

»Geht man denn bei solchem Wetter in den Forst?«

»Es hat uns an Holz gefehlt, es war doch nichts da zum Essen kochen ...«

»Sind die Jungen gesund?«

»Mit Pjetrusch war es ein paar Wochen nicht recht, aber jetzt ist er schon wieder munter, der würd' schon zweimal soviel essen, wenn er könnte.« Sie antwortete geradeaus und sah ihm dabei frei ins Gesicht, ohne die frühere Scheu und erschrockene Unterwürfigkeit; der Alte aber redete sie immerzu an, fragte sie aus und wunderte sich, wie sehr sie sich geändert hatte, er konnte die frühere Anna gar nicht wiederfinden. Eine seltsame kühle Ruhe kam von ihr, eine steinerne unbeugsame Macht sprach aus ihrem zusammengebissenen Mund. Er entsetzte sie nicht mehr, wie früher, sie sprach mit ihm wie gleich mit gleich, wie mit einem Fremden über verschiedene Dinge, sich nicht mit einem Wort beklagend oder gar jammernd ... Sie gab ihre Antworten geradeaus, vernünftig und mit einer seltsam strengen, leidgefestigten Stimme, in der das verborgene Leid wie unter einer erstarrten Erdkruste lag, nur in den blauen, vom Weinen verblaßten Augen glimmten noch die scharfen Brände einer stark fühlenden Seele.

»Du hast dich verwandelt, seh' ich.«

»Die Not schmiedet den Menschen leichter um, wie der Schmied das Eisen.«

Er erstaunte über die Antwort, so daß er selbst nicht wußte, was er sagen sollte, darum wandte er sich an Ambrosius, um mit ihm über die Gerichtssache mit dem Gutshof zu sprechen, die er wider alle Versicherungen des Schulzen verloren hatte, und auch die Kosten mußte er noch bezahlen.

»Ich hol' mir das ein, was ich verloren habe ...« sprach er ganz ruhig.

»Schwer wird es sein, der Gutshof hat lange Arme und wird sich überall zu schützen wissen.«

»Auch gegen den Schutz gibt es ein Mittel, für alles gibt es ein Mittel, nur Geduld haben und die richtige Zeit abwarten.«

»Ihr habt recht, Matheus. Ist das aber eine Kälte, na, es würde sich lohnen in die Schenke einzukehren zur Aufwärmung.«

»Wir wollen einkehren, soll es sauer sein, dann laß es gleich wie Essig werden. Aber ich sag' es euch, nur der Schmied muß das Eisen schmieden, solange es Hitze in sich hat, der Mensch, wenn der was gewinnen will, muß sein Los kalt schmieden und in Geduld härten.«

Sie kamen nahe ans Dorf heran; es war schon dunkel geworden, und der Sturm fing an, sich zu legen; auf der Straße wehte es noch so stark, daß man die Häuser nicht einmal erkennen konnte, doch wurde es schon allmählich stiller.

Am Steg, der nach Annas Haus führte, hielt Boryna die Pferde an und half ihr, als sie ausgestiegen war, die Last auf den Rücken zu laden; schließlich sagte er leise, sich nur an sie wendend:

»Sieh doch mal einen Tag bei mir ein, wenn es auch morgen sein sollte. Ich denke es muß um euch schlecht stehen, dieser Lump vertrinkt alles, und du hungerst gewiß mit den Kindern.«

»Ihr habt uns fortgejagt, wie sollte ich da Mut haben ...«

»Dummheiten, das ist eine andere Sache, geht dich nichts an; komm, sag' ich dir, es findet sich auch noch was für euch.«

Sie küßte seine Hand und wandte sich weg, ohne ein Wort zu sagen; so war die Rührung über sie gekommen, daß sie nicht einen Laut mehr aus der Gurgel herausbekommen konnte.

»Kommst du denn?« fragte er sie mit seltsam weicher und warmer Stimme.

»Ich werde kommen, Gott bezahl's euch, wenn ihr befehlt, dann werd' ich schon kommen ...«

Er trieb die Pferde an und drehte gleich nach der Schenke hin. Anna aber lief nach Hause, ohne auf ihren Vater zu warten, der gerade aus Barteks Schlitten herausgestiegen kam.

In der Stube war es dunkel und so kalt, daß es noch schlimmer schien wie draußen; die Kinder schliefen zusammengekauert unter dem Federbett. Sie machte sich rasch ans Kochen und an die häuslichen Besorgungen und dachte immerzu über die seltsame Begegnung mit Boryna nach.

»Nein, wenn du verrecken solltest, komme ich doch nicht, der Antek würde mir schön was geben!« rief sie zornig; gleichzeitig aber kamen andere, ruhigere Gedanken über sie und mit ihnen eine erbitterte Auflehnung gegen ihren Mann.

Wie war es denn, durch wen hatte sie am meisten gelitten, wenn nicht durch ihn!

»Der Alte hat dieser Sau Grund und Boden abgeschrieben und sie fortgejagt, das ist wahr, aber Antek hat ihn zuerst geschlagen und hat immerzu gegen ihn gegeifert; da ist er denn auch tückisch geworden ... Er hatte ja das Recht; jeder hätte es so gemacht, der Boden ist sein und der Kinder ihrer, aber solange er lebt, ist es sein Wille, zu geben oder nicht zu geben. Und wie weich hatte er gesagt: Komm! und hat noch nach den Kindern gefragt, nach allem! Versteht sich, die Hälfte von dem Elend und von dieser Schande wäre nicht gewesen, wenn sich Antek nicht mit dieser Hündin eingelassen hätte, dafür kann der Alte nichts, nein.«

Sie überlegte und erklärte es sich nach allen Seiten, und immer mehr wich in ihr der Ärger gegen den Alten.

Bald nachher schleppte sich auch Bylica herein; er war so durchfroren und so furchtbar matt, daß er sich eine gute Stunde am Herd wärmte, bevor er zu erzählen anfing, wie er schon ganz entkräftet war und wohl unter einem Baum, totgefroren wäre, wenn nicht Boryna ihn gefunden und Bartek veranlaßt hätte, ihn mitzunehmen.

»Er hat mich ausgespäht und wollte mich auf seinen Schlitten nehmen; aber wie ich ihm dann gesagt habe, daß du vorausgewesen bist, hat er mich dem Bartek gelassen und selbst hat er die Pferde angetrieben, um dir nachzukommen.«

»Das war so? Mir hat er nichts davon gesagt.«

»Der ist nur von außen hart, daß man es nicht merken soll.«

Nach dem Abendessen, als die Kinder gesättigt waren und in den Federbetten eingepackt wieder schliefen, setzte sich Anna ans Feuer, um den Rest der Wolle, die sie von der Organistin bekommen hatte, zu spinnen; der Alte aber wärmte sich noch immerzu, blickte schüchtern nach ihr, räusperte sich und sammelte seinen Mut, bis er schließlich ängstlich begann:

»Mach' mit ihm Frieden, guck' dich nicht nach Antek um, denk' an dich und an die Kinder.«

»Das ist leicht gesagt.«

»Wenn er aber als erster zu dir gekommen ist mit dem guten Wort und vom Groll gelassen hat? Dort bei ihm zu Hause ist die Hölle los ... wenn nicht heute, dann morgen jagt er die Jagna raus und wird allein bleiben ... Fine wird nicht mit einer so großen Wirtschaft allein fertig, alt ist er noch nicht, aber alles kann er auch nicht selbst tun und kann nicht auf alles Obacht geben ... es wäre gut, wenn du dann wieder bei ihm in Gnaden wärest ... darum müßtest du dich bemühen ... du wärest ihm dann zur Hand, wenn die Zeit dafür kommt ... man weiß nicht, wie es dann werden kann ... er könnte dich dann vielleicht zurückrufen ... dieser Not wirst du nicht standhalten, nein ...«

Sie ließ auf seine Worte die Spindel fahren, stützte den Kopf gegen den Rockenstock und versank in Nachsinnen über ihr Los, bedächtig den Ratschlägen ihres Vaters nachgehend.

Der Alte aber machte sich seine Schlafgelegenheit zurecht und fragte leise:

»Hat er mit dir unterwegs geredet?«

Sie erzählte, wie es gewesen war.

»Dann geh' hin, lauf' gleich morgen zu ihm, meine Tochter, stell' dich ihm, wenn er dich ruft, lauf' ... sieh nur auf dich und auf die Kinder ... halte dich an den Alten ... les' ihm alles, was er nur will, von den Augen ab ... sei gut zu ihm ... ein demütiges Kalb findet gleich zwei Mütter zum Saugen ... mit Groll hat noch niemand die Welt für sich gekriegt ... Auch Antek wird noch zu dir zurückkehren ... das Böse hat sich in ihm festgesetzt und treibt ihn herum ... aber er wird schon sein Einsehen haben und zurückkommen ... Herr Jesus gibt dir die Stunde, wo du aus dem Elend herauskommen kannst ... hör' du auf niemanden nich' und lauf hin ...«

Er redete lange noch auf sie ein und versuchte sie zu überzeugen, aber da er keine Antwort erhielt, verstummte er verdrießlich, und nachdem er sich sein Lager bereitet hatte, legte er sich still hin; Anna aber spann weiter, über seine Ratschläge sinnend.

Manchmal sah sie durchs Fenster, ob nicht Antek zurückkäme, doch es war nichts zu hören.

Sie setzte sich wieder an die Arbeit, konnte aber nicht spinnen, der Faden zerriß, die Spindel glitt ihr aus den Fingern, und immer eifriger überlegte sie sich Borynas Worte.

Und vielleicht geschieht es so, vielleicht kommt eine solche Stunde, daß er sie rufen wird ...

Und langsam, langsam, erst noch wie von weitem her, noch unentschlossen, kam ihr die unüberwindliche Lust, sich mit Boryna zu versöhnen und zu ihm zurückzukehren.

»Drei von uns leiden Not, und bald werden es vier sein! Werd' ich denn da noch Rat schaffen können?«

Antek zählte sie nicht mehr mit, zog ihn in diesem Augenblick nicht in Betracht, sie sah nur sich und die Kinder, sie fühlte sich bereit, für alle einen Entschluß allein zu fassen. Was sollte sie denn auch, auf wen konnte sie sich verlassen? Wer würde ihr helfen? Nur einzig Gott, oder auch Boryna!

Sie fing an vor sich hinzuträumen; wenn sie nur wieder zurück wäre, an die Wirtschaft käme, wenn sie nur erst wieder Erde unter den Füßen fühlen würde, dann würde sie sich so daran festhalten, so mit ganzer Seele, und mit den Krallen sich darin vergraben, daß nichts sie losreißen und nichts sie kleinkriegen würde. Die Hoffnung wuchs in ihr und gab ihr so viel Kraft, daß sich in ihr alles vor Zuversicht, Mut und Hartnäckigkeit anspannte; eine Röte überflog immer wieder ihr Gesicht und ihre Augen begannen zu leuchten. Sie fühlte sich schon sogar dort, regierte schon auf dem Borynahof, war die Bäuerin.

Lange, vielleicht selbst bis zur Mitternacht träumte sie so dahin und faßte den Entschluß, gleich am frühen Morgen, wie er es befohlen hatte, zu ihm hinzugehen; die Kinder würde sie mitnehmen. Und wenn es ihr Antek Gott weiß wie verbieten würde, wenn er sie selbst schlagen würde, hören wird sie nicht auf ihn, geht hin und läßt nicht die gute Gelegenheit vorüberstreichen. Sie fühlte in sich eine unüberwindliche Kampfeslust, und wenn sie es selbst mit der ganzen Welt hätte aufnehmen sollen, sie schwankte nicht mehr, sie hatte vor nichts mehr Angst!

Sie sah noch einmal hinaus, der Wind hatte sich ganz gelegt, es war völlig still geworden, die Nacht war dunkel, daß man kaum den Schnee grau dämmern sah; am Himmel ballten sich gewaltige Wolken zusammen und wälzten sich wie Wasserberge vorüber; irgendwoher von den fernen Wäldern aus der undurchdringlichen Dunkelheit kam ein dumpfes Rauschen.

Sie löschte das Licht aus, Gebete murmelnd, und begann sich auszukleiden.

Plötzlich zuckte durch die Stille ein ferner gedämpfter Lärm, wuchs, wurde immer deutlicher; und mit ihm zugleich warf sich ein blutiger Schein gegen die Scheiben.

Sie lief erschrocken vors Haus.

Es brannte, irgendwo aus der Mitte des Dorfes quollen wahre Säulen von Feuer, Rauch und Funken empor.

Die Glocke fing an Feuersturm zu läuten, und das Geschrei wurde lauter.

»Feuer! wacht auf, Feuer!« schrie sie nach den Stachs hinüber; sie warf rasch etwas über und stürzte auf den Weg, aber fast im selbigen Augenblick stieß sie auf Antek, der vom Dorf angerannt kam.

»Wo brennt es?«

»Ich weiß nicht, zurück nach Haus!«

»Vielleicht beim Vater, denn es ist gerade mitten im Dorf!« stotterte sie in tödlicher Angst.

»Zurück, Canaille!« brüllte er auf, sie mit Gewalt in die Stube zerrend.

Er war blutbespritzt, ohne Mütze, sein Schafpelz war zerrissen, das Gesicht rußgeschwärzt, die Augen glühten ihm wild und sinnlos im Kopf.

 

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