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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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8. Gefangen.

Der Überfall von Swanzey am 24. Juni 1675, dem nur wenige Dorfbewohner durch Flucht in den Wald entgangen waren, bildete das schreckliche Vorspiel zu einem Kriege, bei dem es um die Ausrottung der Weißen durch die Roten oder aber um ein bleibendes Übergewicht jener über diese ging.

Die Sonne nähert sich schon dem unermeßlichen Wäldermeere im Westen, trübe steht sie hinter den grauen Dünsten, womit die rauchenden Brandstätten des Dorfes die Luft erfüllen. Die Feuersbrunst hatte sämtliche Wohnstätten, das Haus des Richters ausgenommen, vernichtet und erfüllte den ganzen Dunstkreis der Siedlung mit einer erstickenden Hitze, die jetzt erst unter der Einwirkung der abendlichen Brise nachzulassen begann. Das furchtbare Kampfgetöse war verstummt. Der Boden des Hofes war von Blut getränkt. Die gefallenen Indianer waren von den Ihrigen bereits weggeschafft und sorgsam im nahen Walde bestattet worden. Dagegen lagen die Leichen der Weißen über den ganzen Raum hin zerstreut, wo sie der Tod erreicht hatte. Nicht einmal die Toten hatte das Messer der Sieger geschont; die gräßlichen Siegeszeichen, die Skalpe, hingen an den Gürteln der meisten Indianer. Am Hause des Richters waren die Fenster eingeschlagen, das Mauerwerk an vielen Stellen zertrümmert. Das Hausgerät hatte die Kochfeuer der Wilden, die sich auf dem Hofraum gelagert hatten, nähren müssen, um ihr Wildbret und ihren Mais zu rösten.

Vor ihnen waren die erbeuteten Waffen in Haufen aufgeschichtet. Die meisten hatten sich mit Beutestücken europäischer Kleidung wunderlich herausgeputzt und glichen in der von Dampf und Schweiß verwischten Kriegsbemalung ihrer grimmigen Züge einer Bande Teufel. Aber der Rausch ihres Sieges gab sich nicht in lärmender Fröhlichkeit kund. Der starke Verlust, den sie erlitten hatten, mochte ihre Freude dämpfen, und die Anwesenheit und strenge Haltung ihres angebeteten Führers hielt sie in ehrfurchtsvoller Zucht.

Der Häuptling der Wampanogen und Pokanoketen lehnte in seiner scharlachroten Tunika abseits vom Schwarm an der Lafette des eroberten Geschützes. Die Arme über die breite Brust gekreuzt, hob er zuweilen den gesenkten Kopf und ließ seine schwarzen glühenden Augen über den Platz schweifen. Dann irrte flüchtig ein siegbewußtes Lächeln über seine stolzen Züge. Er stand in der Vollkraft des Mannesalters, eine edle, würdevolle Erscheinung. Man sah ihm auf den ersten Blick an, daß er gewohnt war, zu herrschen.

Metakom hatte sich in richtiger Erkenntnis der Vernichtungsgefahr, die seinem Volke und den indianischen Stämmen überhaupt von den weißen Eindringlingen drohte, die Ausrottung der Weißen zu seiner Lebensaufgabe gemacht und setzte alle seine Gaben und Kräfte, sein Leben selbst an die Erfüllung dieser Aufgabe. Dazu hatte er nicht verschmäht, die Sprache der Verhaßten, die sein Volk Schritt für Schritt aus den Jagdgründen der Väter verdrängten, zu erlernen, mit ihren Sitten und Gebräuchen sich bekannt zu machen. Lange Jahre hatte er, im geheimen unaufhörlich mit den Vorbereitungen zur Ausführung seines großen Planes beschäftigt, mit der ganzen Schlauheit seiner Rasse die friedlichen Gesinnungen geheuchelt, welche sein beschränkter Vater Massasoit wirklich gegen die Kolonisten gehegt. Mit unendlicher Mühe war es ihm gelungen, die alte Erbfeindschaft zwischen den zwei mächtigsten roten Stämmen von Neu-England, den Pokanoketen und Naragansettern, beizulegen und sie zum Schutz- und Trutzbündnis gegen die Weißen zu vereinigen. Dieses Meisterstück war ihm zur selben Zeit geglückt, als der Verrat Sasamons ihn nötigte, die Maske des Friedens und der Freundschaft abzuwerfen.

Jetzt, wo dem Häuptling der erste offene Schlag gegen die Ansiedler so vollständig gelungen war, auf den Trümmern einer zerstörten Ansiedlung, schien er der Erreichung seines Zieles sehr nahe zu sein.

Da glitt durch die Öffnung des aus seinen Angeln gerissenen Hoftors einer seiner Unterhäuptlinge herein, der mit der Bestattung der indianischen Toten beauftragt war. Er kam, dem Häuptling zu melden, daß seine Anordnungen vollzogen seien. Darauf sagte der Häuptling zu ihm:

»Bring' die gefangenen Blaßgesichter hierher!«

Annawon, an dessen linkem Oberarm ein Verband zeigte, daß er am Tage vorher den wackeren Standish nicht ungestraft gereizt hatte, ging in das Haus und erschien bald darauf wieder unter der Tür, gefolgt von Eaton, Standish und den drei Flüchtlingen.

Während sie als Gefangene in einem der halb zerstörten Gemächer des Hauses bewacht wurden, hatte man ihnen ihre Wunden sorgsam verbunden. Sie hatten darüber fragende Blicke getauscht, und der Kapitän hatte mit dem Gleichmut eines auf alles gefaßten Mannes geäußert: »Sie wollen uns einstweilen am Leben erhalten, um den Glanz eines ihrer höllischen Siegesfeste durch die Martern, denen sie uns unterwerfen, zu erhöhen.«

Annawon führte mit einem Blick wilden Hasses auf Standish die Gefangenen vor den Häuptling, der seinem Untergebenen bedeutete, sich zu entfernen. Dann betrachtete er seine Gefangenen, einen nach dem andern mit kalten Blicken.

Lovely, welche sich krampfhaft am Arme ihres Großvaters festhielt, schlug entsetzt die verweinten Augen nieder. Eaton schaute den Sachem an, als sähe er den bösen Feind leibhaftig vor sich. In den Augen des Kapitäns blitzte ein Zorn, als könnte er sich kaum enthalten, dem Sieger an die Kehle zu springen. Der jüngere Oberst ballte krampfhaft die Rechte, als hielte er noch den Schwertgriff. Nur der ehrwürdige Greis tat es in angemessener Haltung dem Indianerfürsten gleich und sah ihm ruhig in die Augen.

Metakom ließ seinen Blick von den Männern langsam auf das todbleiche Mädchen gleiten.

»Junges Blaßgesichtmädchen,« redete er dann in vollkommen verständlichem Englisch Lovely an, »du hast noch nicht genug Sommer gesehen, um in der Lügenkunst deines Volkes erfahren zu sein. Sage mir, wer hat dir das Kinderspielzeug gegeben, das du um den Hals trägst?«

»Ein Indianermädchen, Hih-lah-dih geheißen,« erwiderte Lovely mit bebender Stimme, aber belebt durch einen schwachen Hoffnungsschimmer. Sie hielt es für das beste, dem Häuptling die volle Wahrheit zu sagen, und so erzählte sie ihm, wie das Indianermädchen als Botin des Goldhaars sie und die Ihrigen gestern noch gewarnt habe. Dann trat sie einen Schritt vor, ließ sich auf die Knie nieder und flehte ihn mit ihrer lieblichen Stimme an:

»O König Philipp, bei deinen Eltern und deinen Kindern beschwöre ich dich, schone meines Vaters und Großvaters, schone unserer Freunde, und der Herr, unser Gott, soll es dir und den Deinigen tausendfach vergelten.«

»Stehe auf, Kind,« rief ihr Vater in streng verweisendem Tone der Bittenden zu. »Es ist Sünde, vor einem blinden Heiden das Knie zu beugen, und gälte es, tausend Leben zu erretten.«

Der Indianerfürst achtete der Worte nicht, sondern hob Lovely vom Boden auf und sagte ruhig und begütigend:

»Nicht weinen, junges Mädchen. Wer Hih-lah-dihs Halsband trägt, sicher sein vor dem Skalpiermesser meiner Krieger. Aber warum Vater und alter Vater nicht ruhig in der Höhle bleiben im Walde dort? Warum kommen in das Dorf und meine Krieger töten mit Donnerrohr da und langem Messer?«

»Häuptling,« entgegnete der Greis auf diese Frage, »es ist nicht Sitte christlicher Krieger, das Schwert in der Scheide zu lassen, wenn der Feind ihren Brüdern an Leib und Leben geht.«

»Gut,« versetzte der Sachem. »Meines Vaters Haar und Bart sind sehr weiß, er hat viele Sommer gesehen, er ist sehr weise und ein großer Krieger. Sein Wort, wie das seines Sohnes, klang laut und wurde gehört, als es sich darum handelte, eines großen, großen Häuptlings Skalp zunehmen. Ist es so?«

»Ja, Häuptling! Mein Sohn und ich waren mit im Rate an jenem großen Tage des Gerichts, den ich trotz aller schon ertragenen Leiden noch immer für den schönsten meines Lebens halte!«

»Gut! Weiser alter Krieger nicht lügen, Zunge geradeaus gehen wie ein wohlgezielter Pfeil. Eine Krähe von jenseit des Salzsees hat in Metakoms Ohr geflüstert, sie wolle die Hände der Wampanogen mit Silber füllen, wenn Metakom die beiden Häuptlinge aus dem Lande der Blaßgesichter ihr, der Krähe, in die Hände lieferte.«

Die beiden Obersten wechselten einen bedeutungsvollen Blick.

»Metakom,« fuhr der Indianerfürst fort, »jagte die Krähe aus seinem Wigwam und verbot seinen Kriegern, die Spur derer zu verfolgen, für welche seine Freunde, der graue Bär und das Goldhaar, an der Bucht des Salzsees gefochten.«

Hier brach der Häuptling ab und schritt, ohne sich weiter um die Gefangenen zu kümmern, zu seinen Leuten.

Eine Stunde später verließ der ganze Trupp das zerstörte Dorf. Metakom selbst stellte sich an die Spitze des größeren Haufens, der die fünf Gefangenen in die Mitte nahm. Was er aber auch mit ihnen vorhatte, sie wurden für jetzt nicht hart behandelt und sogar des schnelleren Fortkommens wegen mit den aus Eatons Stalle geraubten Pferden versehen.

Bevor die Indianer, die unter Annawons Führung den Nachtrab bildeten, im Dunkel der Wälder verschwanden, machten sie noch einen Augenblick halt, wandten sich und ließen einen letzten Schrei des Frohlockens über das Tal gellen. Dann ward es still über der dunkelnden Gegend. Der Mond ging auf und blickte ebenso klar und mild auf das verwüstete Dorf und die Leichen seiner Bewohner herab, wie er gestern die Sommernachtsruhe der blühenden Ansiedlung bestrahlt hatte. Zuweilen unterbrach ein heiser, schwermütiger Ton das unheimliche Schweigen. Der Vogel der Nacht stimmte über der einsamen Stätte des Mordes und der Verwüstung sein klagendes Lied an.

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