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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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7. Der rote Heide kommt!

Die Streifpartei des Kapitäns in die umliegenden Wälder kehrte nach Einbruch der Nacht zurück, ohne daß ihre Nachforschungen irgendein Ergebnis gehabt oder ein verdächtiges Zeichen von der Anwesenheit eines Feindes entdeckt hätten. Standish erklärte daher auch seinem Wirte, daß die Erscheinung Annawons vorerst wohl wirklich nichts weiter zu bedeuten hatte als die trotzige Absicht eines ehrsüchtigen Kriegers, den Aberglauben seiner Landsleute zu seinen Gunsten auszubeuten.

Diese Ansicht des im Waldkriege so erfahrenen Mannes beruhigte den Richter nicht wenig und bereitete ihm stille Freude um so sehr, als seine Besorgnisse durch Lovely, die kurz nach Standish' Abzug in den Wald heimgekehrt war, bedeutend vermehrt worden waren. Das Mädchen hatte ihm mit der ganzen Offenheit ihres Wesens ihr Abenteuer mit der Indianerin erzählt und nur von ihren Gefühlen für Thorkil Wikingson geschwiegen. Auch das Versprechen, dem Richter nichts von dem Zusammentreffen der Flüchtlinge mit ihren beiden Rettern zu erzählen, hatte sie treulich gehalten. Daher nahm der Richter, wenn wirklich einmal von Lovely der Name des grauen Bären oder das Goldhaar genannt wurde, an, die verfolgten Wanderer müßten bei ihrer Flucht irgendwo mit Groot Willem, dem er entschieden feindlich gesinnt war, zusammengetroffen sein.

Was er von Lovely jetzt gehört hatte, teilte er dem Kapitän mit, der am nächsten Morgen selber mit dem Mädchen sprechen wollte, um vielleicht noch mehr Klarheit in die dunklen Pläne der Eingeborenen gegen die Ansiedler zu schaffen.

Die Nacht vom Sonnabend auf den Sabbat verging für das Haus des Richters wie für das ganze Dorf in vollkommener Ruhe. Der Sonntagsmorgen stieg klar und schön über die Wälder herauf. Eine feierliche Stille herrschte in der ganzen Ansiedlung, nur auf dem Hofe von Eatons Hause war einige Bewegung und Geschäftigkeit wahrzunehmen. Standish hatte bei dem Hausherrn durchgesetzt, daß das wohlgelegene und verpalisadierte Haus auf alle Fälle hin einigermaßen in Verteidigungszustand gesetzt wurde, und daß Blackstone seinen Botenritt weiter nach den ostwärts gelegenen Siedlungen hin fortsetzen sollte.

So sattelte denn der alte Blackstone bei Sonnenaufgang seinen Bukephalos, und Standish erteilte ihm dabei Aufträge für die einzelnen Ansiedlungen, die der Einsiedler zu berühren hoffte.

»Tätet ihr nicht besser, Vater Blackstone, statt des langsamen wunderlichen Tieres eins von des Richters Pferden zu nehmen?«

»Nein, Sir. Der Bukephalos kommt in den Wäldern, wo man ohnehin selten galoppieren kann, wohl so schnell vorwärts wie ein Gaul. Dann könnte es einer herumlungernden Rothaut, falls sie den alten Blackstone auf einem hübschen Pferde sähe, trotz aller Freundschaft der Heiden gegen mich einfallen, mir das Roß zu stehlen, während der gute Bukephalos schwerlich derartige Raubgedanken erregen wird.«

»Gut, gut, aber ist Eure Büchse in Ordnung, und seid Ihr mit Munition versehen?«

»Laßt Euch sagen, Kapitän, daß ich all mein Lebtag mit Kampf und dergleichen Teufeleien nichts zu tun haben mochte. Meine alte, rostige Donnerbüchse wurde noch nie auf ein menschliches Wesen angelegt und soll es auch nie werden. Sollte mir ein Bär oder Wolf in die Querkommen, so hab' ich für den eine Kugel im Rohre, und mehr braucht's nicht. Sollte ich aber auf feindliche Indianer stoßen, so wird mir, hoff' ich, mein Ruf als Mann des Friedens nützlicher sein als ein Dutzend der besten Büchsen und ein wohlgefüllter Munitionswagen.«

Da trat Lovely aus der Tür des Hauses, bot beiden Männern den Morgengruß und lud sie im Namen des Richters ein, an der Morgenandacht der Hausbewohner teilzunehmen.

Blackstone sah das schöne Mädchen jetzt zum erstenmal und rief verwundert aus, als sie sich entfernt hatte:

»Welche wunderbare Ähnlichkeit! Wer ist dieses Mädchen, Kapitän?«

»Die Tochter eines alten Freundes von Eaton, der sie in sein Haus aufgenommen. Aber von welcher Ähnlichkeit sprecht Ihr?«

»Ei nun, von der Ähnlichkeit mit der fremden Lady, die neulich meine Siedelei besuchte. Nur die Farbe der Augen und der Haare ist verschieden.«

»Wir müssen nachher noch ein Wort darüber sprechen,« sagte der Kapitän, nach dem Hause voranschreitend. »Kommt, unser Freund liebt es nicht, bei solcher Gelegenheit zu warten.« –

Nach der Morgenandacht verabschiedete sich der Richter von Blackstone, und Standish wollte ihn noch einen Büchsenschuß weit begleiten, um mit ihm über das, was er noch auf dem Herzen hatte, zu sprechen. Aber der greise Obededom, der Knecht Eatons, bat ihn, die Aufstellung des Geschützes vorzunehmen.

Dem konnte der »kleine Feuerspeier« nicht widerstehen, und so sagte er dem Einsiedler Lebewohl und folgte dem Knechte quer über den Hofraum zu dem Schuppen, wo das Geschütz, eine plumpe Feldschlange von mäßigem Kaliber, stand. Sie war auf einer ungeschlachten Lafette befestigt und so eingerichtet, daß die Mündung mit geringer Mühe nach verschiedenen Seiten gedreht werden konnte.

Als der Kapitän die Maschine betrachtet hatte, sagte er:

»In einem Treffen oder bei einer Bestürmung des Hauses durch regelrechte Truppen würde das alte Ding da eine schlechte Rolle spielen; im Kampf mit einem Trupp nackter Wilden kann es aber noch erkleckliche Dienste leisten.«

Er ließ das Geschütz dann so aufstellen, daß man den Weg vom Dorfe zum Hügel seiner ganzen Länge nach bestreichen, sowie den Haupteingang der Palisadenreihe beherrschen konnte.

Über diesem Geschäfte war der Morgen vorgerückt, und die kleine Glocke des Versammlungshauses rief zum Gottesdienst. Der Kapitän wußte sehr wohl, daß er in Swanzey um alles Ansehen gekommen wäre, wenn er sich hätte davon ausschließen wollen. Das hatte er aber doch erreicht, daß Eaton dem alten Obededom gestattete, als Wächter im Hause zurückzubleiben. Die übrigen Bewohner folgten dem Hausherrn und Standish zur Kirche, erst die Knechte und dann Lovely mit dem Gesinde. Obededom schloß die Palisadenpforte hinter dem kleinen Zuge. Der Kapitän blickte noch einmal zurück und sagte wie zu seiner Beruhigung zu sich: »Wenigstens haben die Männer ihre Waffen bei sich.«

Das war durchaus nichts Ungewöhnliches, denn die Pilger der Wildnis mußten auch während ihres Gottesdienstes auf Überfälle von ihren roten Nachbarn gefaßt sein. Die Gewehre wurden in der Vorhalle des Gotteshauses an die Wand gestellt.

Der eintönigen Einfachheit und Schmucklosigkeit der puritanischen Andachtshäuser entsprach völlig der Gottesdienst, der, frei von allem Schönen und Gemütvollen, das Herz anfröstelte. Der Gesang hatte sogar etwas Widerwärtiges an sich, denn nach puritanischem Brauch zwang man die Töne der Melodie durch die Nase, dehnte und quetschte den Gesang.

Standish, der diese Torheit schon oft verwünscht hatte, wurde angenehm berührt, als inmitten der schnarrenden, sein Ohr beleidigenden Nasallaute die reine und klangvolle Altstimme Lovelys siegreich sich geltend machte, und er konnte sich nicht enthalten, einen Dankesblick nach der anderen Seite der kleinen Kirche zu werfen, wo die fromme Sängerin in der Mitte einer Schar von Mädchen und Frauen stand.

Mit regungsloser Aufmerksamkeit lauschten dann die Zuhörer den frommen, oft von Kampfbegeisterung und Feuereifer durchglühten Worten ihres beliebten Predigers.

»Ja,« schloß er, »der Herr, unser Gott, wird den Heidenkönig in unsere Hände geben samt seinem ganzen Volke, daß wir ihn schlagen und vernichten. Sein Land werden wir gewinnen und alle seine Dörfer und all sein Vieh und all seine Habe, und schlagen werden wir mit des Schwertes Schärfe seine Männer, Weiber und Kinder.«

Da unterbrach ihn eine mächtige Stimme vom Eingang des Hauses her und rief in die Versammlung hinein:

»Zu deinen Zelten, Israel! Der rote Heide kommt über dich!«

Infolge der strengen kirchlichen Zucht in den puritanischen Gemeinden verharrten Männer und Frauen, ja selbst die Kinder bei dieser Schreckensbotschaft in atemloser Spannung, die nur ein lauter Angstschrei der Müllerin unterbrach. Sie glaubte ihre wenige Tage alten Zwillinge in der Mühle am Ende des Dorfes dem Mordmesser der Wilden zunächst preisgegeben. Aber auch sie unterdrückte den Ausbruch ihrer Gefühle.

Der Prediger auf der Kanzel streckte den Arm gegen die Tür und rief:

»Wer bist du, der du es wagst, die Sabbatfeier zu stören?«

»Einer»« lautete die Antwort, »der vordem sein Schwert schwang für die gute, alte Sache und der es jetzt noch einmal gezogen im Dienste des Herrn. Verliert die kostbare Zeit nicht, ihr Männer von Swanzey! Zu den Waffen, zu den Waffen!«

Standish sprang auf und wiederholte den Alarmruf, aber seine Stimme wie die des Richters und Predigers ward sofort übertönt von einem Gebrüll von außen her, das links und rechts, drüben und hüben so gellend und schrecklich erscholl, als wären alle bösen Geister der Hölle zu einem teuflischen Konzert vereinigt.

Mitten in dieses ohrenzerreißende Geheul hinein trachte die Feldschlange und ließ es plötzlich verstummen.

»Zu den Waffen!« riefen die Männer und stürzten dem Ausgang zu, während die in der Kirche zurückbleibenden Frauen und Kinder jetzt dem Drange der Natur nachgaben und in Wehklagen ausbrachen.

Lovely hatte die Stimme des fremden Warners erkannt und war mit Standish und Eaton hinausgeeilt. Sie warf sich ihrem Großvater an den Hals, der ihr zuflüsterte:

»Fassung, mein Kind; der Vater ist im Hause des Richters. Halte dich zu den übrigen Frauen – geh, und der Herr segne dich!«

Gehorsam schlupfte Lovely hinter den letzten Männern wieder in die Kirche zurück.

Als die Männer ihre Waffen ergriffen hatten, rief der Greis ihnen zu:

»Männer von Swanzey, es gilt, keinen Augenblick zu verlieren, aber auch nicht blindlings zu handeln. Das Dorf ist von allen Seiten von den Heiden umringt und wohl größtenteils in ihrer Gewalt –«

Das wieder losbrechende Kriegsgeheul unterbrach den Redner und bestätigte seine Worte nur allzusehr.

»Seht, dort stürmt eine Rotte den Weg nach dem Hause des Richters empor,« rief der Kapitän aus. »Ha, da spricht die Feldschlange wieder!«

Das Geschütz bestrich den Weg, und im nächsten Augenblick waren die Stürmenden wie weggeblasen, und der Weg war wieder frei.

»Ha, mein Sohn versteht sein altes Handwerk noch,« rief der Greis aus. »Doch seht, die Elenden wüten schon mit Feuer.«

»O, mein Haus, o, meine Kinder!« schrie der Müller und wollte in wahnwitziger Angst der Mühle zustürzen, aus deren Dach die Flamme hoch in den reinen Mittagshimmel emporschlug.

»Nicht von der Stelle!« befahl der Greis, dem Geängstigten den Weg vertretend.

»Wer seid Ihr, der Ihr mir befehlen wollt?« fragte der Mann trotzig.

»Einer,« sagte Eaton nachdrücklich, »der die Gabe und das Recht hat, zu befehlen. Ihr Männer von Swanzey,« fuhr er mit lauterer Stimme fort, »folgt in allem den Befehlen dieses Gerechten in Israel! Und mit dir, Richard,« wandte er sich dem Greise zu, »sei der Herr!«

Rasch sammelte er auf dem freien Platz vor der Kirche die Männer um sich und redete sie an:

»Wir haben keine Zeit zu Beratungen. Wir müssen das rechte Ufer des Baches aufgeben und das linke vom Feinde zu säubern suchen. Dort steht das Haus des Richters! Dorthin müssen wir vor allem die Wehrlosen bringen! Kapitän Standish, nehmt zwanzig Büchsenschützen und säubert links und rechts den Weg über den Steg und aufwärts zum Hause. Ihr, Freund Theophil, ruft die Weiber und Kinder aus dem Versammlungshaus, umgebt sie mit vierzig der unerschrockensten Männer und folgt so der Schar des Kapitäns auf dem Fuße. Ich selbst will euch mit dem Reste der Mannschaft den Rücken decken. Wir müssen hinüber und den Hügel gewinnen; die Kirche ist nicht zu halten.«

In der befohlenen Anordnung setzten sich die Züge schnell zusammen und schritten vorwärts. Der Kapitän erreichte ungehindert den Steg. Hier machte er Halt, ließ in die Gebüsche zu beiden Seiten des Baches und den Weg aufwärts eine Salve geben und rückte, nachdem seine Leute wieder geladen, langsam vorwärts den Hügel hinan.

Kein Feind ließ sich blicken. Aber links und rechts am Bach hinab überall im Dorfe knisterte, prasselte, brauste es in dem Gebälk der Wohnungen, und aus manchem Hause stieg nicht nur die verheerende Flamme, sondern auch das Todesgeschrei von Kindern und Gebrechlichen auf.

Die Männer knirschten mit den Zähnen, die Frauen und Kinder brachen in lautes Wehklagen aus, die Ordnung im Zuge begann zu wanken. Eatons Entschlossenheit wußte sie wiederherzustellen.

Neben ihm an der Spitze des Zuges der Wehrlosen schritt der wackere Prediger, die Bibel aufgeschlagen in der Rechten, und las im Gehen mit heller Stimme Stellen aus seinem Lieblingspropheten:

»Machet euch auf wider das abgöttische Volk, und Verderben will ich bringen über sie!«

Die Stimme brach plötzlich ab mit einem gellenden Wehlaut. Das heilige Buch entfiel seinen Händen, und er stürzte schwer vornüber zu Boden.

Ein Pfeil war ihm ins Herz gedrungen.

»Nehmt den Toten auf,« befahl Eaton mit fester Stimm«, »damit, wofern uns selber ein christlich Grab wird, auch ihm eins werde!«

Zwei Männer gehorchten dem Befehle, während ein halbes Dutzend anderer, ergrimmt über den Tod ihres geliebten Seelsorgers, ihre Büchsen aufs Geratewohl ins Gebüsch abfeuerten, woher nach ihrer Meinung der Pfeil gekommen. Aber nichts, kein Laut, keine Bewegung verriet, daß eine der Kugeln ihr beabsichtigtes Ziel gefunden.

Standish war mit der Vorhut nur noch wenige Schritte von der Palisadenpforte entfernt, der mittlere Haufe wand sich den Weg zur Terrasse hinauf, die Nachhut hatte soeben die Brücke passiert.

Da erhob sich über das Brausen der Feuersbrunst plötzlich der Kriegsschrei eines einzelnen Indianers, und dies war das Zeichen zum Losbrechen markerschütternden Gebrülle und Geheuls, womit die Krieger der eingeborenen Stämme in den Kampf zu gehen pflegen.

Und von der Höhe des Abhangs herab, vom Ufer des Baches herauf, hinter den brennenden Häusern hervor schwirrten Pfeile, krachten Schüsse, und von allen Seiten her stürzten und stürmten Massen von roten Kriegern auf die Umringten ein. Sie schwangen Tomahawk und Skalpiermesser und erfüllten die Luft mit ihren wilden Rufen.

Mannhaft hielten die Pilger der Wildnis, voran der greise Oberst, der Richter und der Kapitän, den wütenden Anprall der feindlichen Übermacht aus. Allein immer neue Scharen der Wilden warfen sich zwischen die Vorhut und die rettende Pforte, und bald barst jede Ordnung des Zuges auseinander, so daß die Dorfbewohner, Männer, Weiber und Kinder, Kämpfende und Jammernde, in einen wirren Knäuel zusammengepreßt wurden. Nun konnte von den Feuerwaffen überhaupt kein Gebrauch mehr gemacht werden. Degen, Dolch, Tomahawk und Skalpiermesser wurden in dem wilden Wirbel des Handgemenges die Verteidigungs- und Angriffswaffen.

Todesschreie erbarmungslos niedergemetzelter Weiber und Kinder, Entsetzen in den Blicken, tierische Wut in Bewegungen und Tönen, so wogte der Kampf. Die Schar der Weißen schmolz immer mehr zusammen, während die Stellen der ebenfalls in großer Zahl gefallenen Indianer sogleich von neuen Kämpfern eingenommen wurden.

Nur einmal noch schien es, als wollte in dem für die Ansiedler schon verlorenen Kampfe eine günstigere Wendung eintreten. Die Palisadenpforte, um die sich der Kampf allmählich gedrängt hatte, ward aufgerissen, und heraus stürzte mit geschwungenem Schwerte Lovelys Vater, der während des Gottesdienstes in das Haus des Richters gekommen war und die Feldschlange bedient hatte. Mit der Losung: »Herrgott Zebaoth!« drang er vor und schuf einen Augenblick freien Raum vor der Pforte. »Hie Israel!« antwortete die Stimme des heldenhaften Greises, der, seine Enkeltochter mit dem linken Arm umfaßt haltend, mit seinem Schwerte das halb bewußtlose Kind zu schützen suchte. Zugleich brannte der alte Obededom die Feldschlange noch einmal auf die nachdrängenden Wilden los. Sie stoben heulend auseinander; aber schon im nächsten Augenblick führte der Häuptling eine neue Schar seiner Leute heran.

»Stehe fest, wer noch kann!« rief Standish aus. »Wir müssen das Tor halten.«

Aber es war an kein Stehen und Halten mehr zu denken. Alles drängte, schob, stürmte gegen die offene Pforte zu, und durch dieselbe keilte und wälzte sich nun die ganze Masse, Weiße und Rote im wildesten Durcheinander.

Auf dem Hofraum erneute sich sofort das Blutbad, während die entsetzliche Feuersbrunst das Dorf verzehrte und glühenden Qualm, Rauchwolken und Flammenwirbel heraufwehte.

Überwältigt von all diesen Schrecken, war es Lovely wie im Traume, als sähe sie den Richter, den Kapitän, ihren Großvater, und Vater mit dem Rücken an die Mauer des Hauses gelehnt, den letzten Verzweiflungskampf gegen die anstürmenden Wilden kämpfen. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus und stürzte vorwärts.

Ein riesenhafter Indianer hatte ihren Vater angefallen und ihm mit dem Kolbenschlag einer aufgerafften Büchse die Schwertklinge zersplittert. Schon holte er zum Todesstreiche aus, als sich das Mädchen an die Brust des Vaters warf und verzweiflungsvoll die Hände gegen den Wilden ausstreckte. Er verzog nur den Mund zu einem höhnischen Grinsen und schwang die Waffe höher empor. Aber im selben Augenblick wurde er von dem Häuptling am Arme gefaßt und zurückgeschleudert.

Mit halb wahnsinniger Spannung starrte Lovely dem Retter in das bronzefarbene Gesicht. Sie hörte nur noch, wie der Mann im Scharlachwams ein gellendes, dreimal wiederholtes Pfeifen ertönen ließ. Dann schwamm und wirbelte ihr alles vor den Augen, und sie sank bewußtlos ihrem Vater in die Arme.

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