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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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3. Geborgen.

Die Sonne hatte den Höhepunkt ihrer Bahn durchmessen und stieg westwärts hinab. Wo ihre Strahlen die üppigen Wipfel des Urwalds zu durchdringen vermochten, fielen sie um die Blockhütte des Groot Willem her auf ein Bild, dessen friedliche Stille nicht hätte erraten lassen, was so kurz zuvor hier vorgegangen war.

Der alte Trapper hatte ein üppiges Waldmahl bereitet. In einem großen, eisernen Topf dampfte ein Büffelhöcker, und an einem einfachen Bratspieße schmorte ein saftiges Stück Wildbret.

Auf dem weichen Moose vor der Hütte saßen die beiden Flüchtlinge. Der ältere schlug soeben die Bibel zu, welche ihm zum Ausdruck seines Dankes gegen Gott gedient hatte. Lovely half dem Trapper bei seinen Vorbereitungen zum Mahle, und Thorkil kam mit einem großen Rindenbecher aus dem Gebüsch, wo er Wasser aus einer Quelle geschöpft hatte. Die Flüchtlinge und Groot Willem ließen sich das saftige Fleisch gut schmecken, nur Thorkil schien wenig oder gar keinen Hunger zu haben.

Er war mit aufmerksamem Eifer nur um Lovely beschäftigt. Er hatte ihr einen bequemen Sitz bereitet, legte ihr die zartesten und schmackhaftesten Bissen vor, reichte ihr den Wasserbecher, kurz, er benahm sich so fein und dienstbeflissen, daß Groot Willem höchst verwundert die Augen aufriß und vergaß, das gewaltige Stück Fleisch, das er gerade zwischen den Zähnen hatte, zu beißen und zu schlucken. Als er nach der ersten Verwunderung den Fleischbrocken dann glücklich bewältigt hatte, ließ er ein Gekicher hören, das so ziemlich dem Gebrumm ähnelte, womit der Bär in glücklichen Augenblicken sein Wohlbehagen ausdrückt.

Thorkil verstand die Bedeutung dieses Brummens und was die lachend zwinkernden Augen des Alten sagen wollten. Etwas wie Zorn wollte in den Augen des jungen Mannes aufleuchten. Aber er schlug die Augen nieder und errötete über und über. Kaum nahm Lovely dies Erröten wahr, als auch sie die Blicke senkte und tiefer Purpur ihre Wangen überzog.

Der alte Trapper kicherte jetzt nicht mehr. Das junge Paar war gar zu schön anzusehen in seiner Verlegenheit.

»Ja, ja, ich sehe, wie's steht,« flüsterte er in sich hinein, »So sahen die arme Mabel und ich einander an, als wir uns zum erstenmal begegneten; so saßen wir einander gegenüber und wußten uns nicht zu raten und nicht zu helfen. Das war ein Drängen und Treiben von innen heraus und doch eine Scheu, eine Furcht, ein Zittern! Ich wette, sie möchten sich gar zu gern um den Hals fallen. – Hm! Aber ich fürchte, der Junge wird diese Begegnung nicht so bald wieder vergessen. Mit unserm freien Waldleben wird's nun auch vorbei sein, denn er wird dem Mädchen eifriger auf den Fersen sein als ein Naragansett einem Pequod. – Hm, was ist da zu machen? Nicht viel, denk' ich. Das ist Natur, und die muß ihr Recht und ihren Willen haben.«

Es war kein Wunder, daß jede Minute des Beisammenseins einen neuen Ring an der goldenen Kette schmiedete, welche die jungen Herzen zueinander hinzog. Beide waren jung, schön, empfänglich, beide waren liebenswürdig. Mußte in der Seele Lovelys nicht ein warmes, inniges Gefühl für den jungen Mann aufblühen, dessen Äußere und Benehmen so vertrauenerweckend war, für den, der so brav für ihr und ihrer Lieben Leben eingestanden? Und mußte auf den Jüngling, dessen Gemüt durch das Leben in Natur und Freiheit für alles Schöne und Gute empfänglich geblieben war, diese Jungfrau mit dem Ebenmaß ihrer zierlichen Gestalt, mit ihrem reizenden Antlitz, ihren anmutsvollen Bewegungen, ihren großen blauen Augen unter den dunkelbraunen Locken, mit all dem Schmelz ihrer Schönheit und Unschuld nicht den tiefsten Eindruck hervorbringen?

Das Mahl war zu Ende, und Lovelys Großvater forderte das Mädchen auf, das Dankgebet zu sprechen. Alle erhoben sich, nur Groot Willem kehrte sich nicht daran. Er zog eine kurze, nach indianischer Weise aus rotem Speckstein geschnittene Pfeife hervor, füllte sie aus dem Tabaksbeutel, der neben seinem Pulverhorn am Gürtel hing, und ging dann in die Hütte, um eine glühende Kohle auf das duftende Kraut aus Virginien zu legen. Während er seine Pfeife anrauchte, drangen durch die offen stehende Tür der Hütte die innigen Laute von Lovelys Gebet dem Waldmann zu Ohren. Er warf zuerst den Kopf trotzig rückwärts, allein der Klang dieser Stimme hatte etwas bezaubernd Rührendes und verfehlte seine Wirkung auch auf Willem nicht. Er stand unbeweglich, nahm die Pfeife aus dem Munde und regte murmelnd die Lippen, als spräche er die Worte des schönen Kindes unwillkürlich nach.

Als das Gebet zu Ende war, gesellte er sich wieder zu den übrigen. Der ältere der beiden Obersten ging auf ihn und Thorkil zu, faßte ihre Hände und sagte: »Nächst dem Herrn gebührt euch, wackere Jäger, unser lebhaftester und tiefgefühltester Dank. Um euch unsere Aufrichtigkeit zu beweisen, will ich euch sagen, wer wir sind, wie und weshalb wir hierher in die Wildnis gekommen. Wir sind –«

»Halt, nicht weiter!« unterbrach der Trapper den Greis. »Wir verlangen nicht mehr zu wissen; ihr seid unsere Gäste, damit genug. Noch mehr, ihr tragt ein Pfand von einem Freunde bei euch, das uns mehr gilt als ein Pergament mit Siegel und Namensunterschrift aller Könige jenseit des Meeres.«

»Aber, meine Freunde, ihr dürft doch wohl verlangen, zu erfahren, wem ihr so großmütig euren Schutz gewährt habt?«

»Nein, nein,« nahm Thorkil das Wort. »Es gibt ja Zeiten und Lagen, in denen wackere Männer wohl daran tun, ihre Namen nicht dem nächsten besten anzuvertrauen. Und dann haben wir uns, Willem und ich, bei unserm Jägerleben unter den roten Ureinwohnern dieses Landes manche indianische Eigenheit angewöhnt. Es ist aber eine indianische Sitte, vielleicht dürfen wir es eine Tugend nennen, einen Gast niemals, auch nur durch den leisesten Wink zur Mitteilung von Dingen zu verleiten, welche er möglicherweise lieber verschweigen möchte.«

»Ihr irrt Euch, junger Mann, bemerkte der jüngere Oberst mit Stolz. »Was wir zu sagen haben, kann uns nur in den Augen derer zur Unehre gereichen, die der guten Sache abtrünnig geworden und hingegangen sind, um dem Baal zu räuchern und dem Moloch zu opfern.«

»Wir glauben es, wir glauben es,« entgegnet Groot Willem, indem er seine Versicherung mit einem Kopfruck begleitete, der bei ihm immer ein Zeichen von Ungeduld war. »Meint ihr, wir hätten unsere Hand für Schurken erhoben? – Und nun, Männer, sagt uns an, wie wir euch und der jungen Mistreß ferner dienen können. Wollt ihr ein paar Tage hier bleiben in Willems Vrolytheid (Fröhlichkeit), wie ich die Hütte und den Platz da genannt habe, so soll es an Moos und Fellen zu eurem Lager nicht fehlen, auch nicht an Wildbret zur Speise. Indessen will ich euch nicht verschweigen, daß unser Aufenthalt hier schon morgen nicht mehr ganz sicher sein dürfte. Der Tod des jungen Brausekopfs wird an der Küste hinunter Lärm machen, und der Tod des Indianers wird uns sicherlich eine Bande Pequoden oder Mohikaner auf den Hals bringen.«

»So wollen wir unsere Reise fortsetzen,« sagte der Greis, »und wenn es sein muß, heute noch.«

»Das ist nicht nötig,« erwiderte der alte Jäger. Ich stehe dafür, daß wir die Nacht über nicht beunruhigt werden.«

»Dann wollen wir morgen in der Frühe aufbrechen.«

»Gut.«

Und mit derselben Offenheit, womit er sich vorhin jede überflüssige Mitteilung verbeten, stellte der Trapper jetzt die Frage: »Wohin wollt ihr euren Weg richten?«

»Nach Swanzey, in das Haus des würdigen Richters Eaton,« gab der Greis zur Antwort.

»Zum Richter Eaton wollt ihr?« rief Thorkil im Tone unangenehmer Überraschung aus.

Groot Willem warf ihm einen mißbilligenden Blick zu und murmelte in den Bart: »Der Junge sprach vorhin von indianischen Tugenden. Ich dächte, Selbstbeherrschung sei auch eine derselben, und zwar die vornehmste von allen.«

»Ja, zum Richter Eaton wollen wir,« erwiderte der Greis arglos den lebhaften Ausruf des Jünglings. »Wir tragen für ihn einen Brief von Roger Williams bei uns und sind gewiß, willkommen geheißen zu werden.«

»Ohne Zweifel, ohne Zweifel,« entgegnete Thorkil mit schnell wiedergewonnener Fassung. »So wollen wir denn morgen in der Frühe, so ihr es nicht verschmäht, euch Führer und Begleiter sein.«

Hierauf zerstreute sich die Gruppe. Willem schob sein Kanu ins Wasser, um ein paar Fische zu angeln; die beiden Obersten gingen in die Hütte und vertieften sich in jene stillen und ernsten Betrachtungen, wie sie die sabbatliche Stunde den Anhängern des Puritanismus vorschrieb. Lovely setzte sich auf ein Felsstück am Ufer und ließ ihre Blicke hinausschweifen in die Pracht des Abends, die feierlich auf Wald und Meer lag.

Sie liebte die Natur und ihren Frieden und sog mit Entzücken den duftigen Hauch der Abendkühle und jenen eigentümlichen Zauber der Wildnis ein. Und doch erfüllte nicht allein die Größe und Lieblichkeit des vor ihr liegenden Schauplatzes ihre Seele. Sie ließ die Bilder des heutigen Tages an sich vorübergehen, und eines wollte nicht aus ihren Sinnen weichen. Sie schloß die Augen, wie erschreckt von der Macht eines ihr bis heute unbekannten Gefühls, aber auch so sah sie den Jüngling immer und immer vor sich stehen. Er war mit seiner Büchse in den Wald gegangen, aber es hatte ihn dort nicht gelitten. Ohne ein Geräusch zu verursachen, war er hinter Lovely getreten. Sie fühlte seine Nähe, seine Blicke, und der alte Willem würde wieder leise in sich hineingelacht haben, wenn er bemerkt hätte, wie das scheue, züchtige Kind sich gleichsam in sich selber zusammenschmiegte, wie es abwechselnd rot und blaß wurde, wie es gar zu gern sich umgewandt hätte und es doch nicht wagte.

Endlich half ihr der zutrauliche Prinslo aus ihrer Verlegenheit. Das Tier umsprang wedelnd den jungen Freund seines Herrn, eilte dann auf Lovely zu und leckte ihr die Hand. Indem sie sich umwandte, um das freundliche Tier zu streicheln, konnte sie ungezwungen und ohne ihrer Zurückhaltung etwas zu vergeben, ein Gespräch mit dem jungen Jäger anfangen.

»Ihr seid glücklich,« sagt« sie, »daß Ihr Euer Leben in der unermeßlichen Freiheit und Schönheit der Schöpfung zubringen könnt. Ich habe Wald und Meer immer geliebt, schon in meiner Kindheit; aber erst in diesem Lande habe ich recht begreifen lernen, welchen wohltätigen Zauber Meeresstille und Waldeinsamkeit auf die Seele ausüben.«

»Ja,« versetzte er, »es ist schön auf der See, und noch schöner ist's im Walde.«

Und nun begann er, ermuntert von den freundlich schüchternen Blicken des schönen Mädchens, eine einfache, aber anschauliche Schilderung des Jägerlebens, das er und sein alter Gefährte führten. Er erzählte von all ihrem Treiben im Urwald und der Prärie, vom Biberfang, von der Jagd des Büffels und Elens, von der Lust und Gefahr bei der Jagd auf den grimmigen, grauen Bären, der damals noch in jenen Landstrichen nicht selten angetroffen wurde. Ein tiefes Naturgefühl sprach aus den Worten, womit er das Dahingleiten auf den mächtigen Waldströmen in einem leichten Rindenkanu beschrieb. Das Herz seiner Zuhörerin schlug höher, und ihr Atem ging schneller, als er auf die Listen und Schrecken eines indianischen Krieges zu sprechen kam, als er das Verfolgen einer feindlichen Spur schilderte, und wie er und sein Begleiter bei diesem Geschäft plötzlich von einem Wald- und Steppenbrande überrascht worden seien, voller Schrecken, aber auch von grausiger Schönheit. Der Hauch der Freiheit, das Bewußtsein selbständiger Manneskraft durchzog seine Rede, und Lovely lauschte ihr mit gespannter Teilnahme. Dann gab sie einer verzeihlichen Neugierde nach und richtete an Thorkil die Frage, ob er sein ganzes Leben von Jugend auf in den Wäldern zugebracht habe.

»Ja,« lautete die Antwort, »mit Ausnahme weniger Jahre, welche ich bei dem trefflichen Roger Williams in Providence verlebte. Der wackere Mann hat sich in meinen Knabenjahren viel Mühe mit mir gegeben. Er wollte mich zu einem Prediger machen, aber ein unwiderstehlicher Hang und das Beispiel Groot Willems, der mein Pflegevater ist und stets wie ein rechter Vater an mir gehandelt hat, trieben mich wieder in die Wälder zurück.«

Lovely schwieg eine Weile. Dann fragte sie plötzlich: »Ihr kennt den Richter Eaton in Swanzey?«

Die Stirne Thorkils faltete sich bei diesem Namen, und seine Augen funkelten zornig. Aber er bemeisterte sich und erwiderte kurz: »Ja, ich kenne ihn.«

»Der edle Williams hält große Stücke auf diesen Mann.«

»Ich weiß es. Sie waren beide lange Jahre Freunde. Aber der strenge Puritaner Eaton konnte sich von der Unduldsamkeit gegen Andersdenkende nicht ganz freimachen, und Roger Williams hielt fest an seinem Grundsatz von der unverletzlichen Freiheit des Gewissens. Da kam es zum Bruch. Erst dem edelmütigen Sinn Roger Williams und seiner Hochherzigkeit gelang es, die gelockerten Freundschaftsbande wieder zu festigen. Wenn auch der Richter in ihm immer noch einen Freidenker und einen Abtrünnigen von der Gemeinde des Herrn erblickt, so kann er doch nicht anders, als ihn wegen seiner unschätzbaren Verdienste um die Kolonien achten und ehren.«

»Ihr scheint den Richter nicht zu lieben?«

»Nein. Er ist mein und meines väterlichen Freundes Feind. Aber erlaubt mir, über Eaton zu schweigen. Ich möchte selbst über einen Feind hinter seinem Rücken nichts Böses sprechen. Wir werden euch sicher nach Swanzey bringen, und dann –«

»Und dann?« fragte Lovely mit einem Augenaufschlag, der zeigte, daß sie das Stocken des Jünglings verstand.

»Dann scheiden wir,« stammelte Thorkil.

»Aber nicht für immer, nein, nicht für immer!« entgegnete sie rasch und bedeckte dann, wie erschrocken über ihre Kühnheit, die errötenden Wangen mit den Händen, während ein frohlockendes Lächeln die Züge des jungen Mannes überflog.

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