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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 3
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2. Zwei Trapper.

Die beiden Obersten nahmen die Fortschritte ihrer Verfolgung mit Ruhe und Gelassenheit wahr. Seit langem vertraut mit Gefahren, abgehärtet im Kriege, waren sie entschlossen, dem drohenden Unheil mit Gleichmut und Ergebung entgegenzugehen. Aber im Hinblick auf das schöne, junge, hilflose Wesen bei ihnen pochten ihre Herzen doch in banger Sorge.

Der jüngere der beiden Männer brach endlich das Schweigen.

»Die Philister sind hinter uns,« murmelte er, und zu seiner Tochter, welche sich in der Mitte des Nachens mit einem Ruder abmühte, setzte er lauter hinzu: »Lovely, mein Kind, nimm du das Steuer zur Hand! Mir aber gib dein Ruder! In meiner Hand mag es uns mit Gottes Hilfe nützlicher werden, als es in der deinigen sein kann.«

Augenblicklich wechselte das achtzehnjährige Mädchen seinen Platz mit dem des Vaters, der sofort seine Anstrengungen mit denen des Großvaters vereinigte.

Lovely wußte, daß sie von mitleidslosen Feinden, die sich nun schon so manchen Tag an ihre Fersen geheftet hatten, verfolgt wurden, aber in den Adern des schönen Mädchens kreiste von väterlicher und mütterlicher Seite das Blut eines kühnen Stammes. Außerdem war sie in letzter Zeit und schon früher mit Gefahren vertraut worden, und endlich durfte sie mit Zuversicht auf die bewährte Umsicht und Entschlossenheit ihrer Begleiter blicken. So führte sie denn das Steuer mit fester Hand, und nur dann legte sich ein Flor von Trauer und Angst über ihre seelenvollen dunkelblauen Augen, wenn sie auf ihre Beschützer sah. Aber sie tat es nur verstohlen, als fürchtete sie, durch den Ausdruck ihrer Blicke die Besorgnis der Männer zu vermehren.

Der Vater erhaschte jedoch einen dieser Blicke seines Kindes, und der Schatten auf seiner Stirn wurde gramschwerer. Er wandte sich nach den Verfolgern um, deren einzelne Gestalten in dem näher und näher kommenden Boot immer deutlicher sichtbar wurden, und prüfte ihre Bewegungen mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Vater,« sagte er dann zu dem Greise, »der Augenblick naht, wo wir zu den Waffen greifen müssen, um uns jener übelberatenen Leute zu erwehren. Sie möchten uns gern dem Baal ihrer Eitelkeit zum Opfer bringen, doch das soll, so der Herr will, nicht geschehen, solange meine Hand ein Feuerrohr heben oder ein Schwert schwingen kann.«

Ein Strahl kriegerischen Feuers schoß aus dem Auge des Mannes, als er so sprach und sein Blick auf die Stelle fiel, wo ihre Waffen lagen.

»Der Wille des Herrn geschehe ewiglich,« entgegnete der Greis. »Dürsten jene Menschen nach dem Blute von zwei armen Wanderern, so möge das Blut, das in diesem Kampfe vergossen wird, über sie kommen.«

»So sei es, und hat der Allbarmherzige unseren Tod beschlossen, so wollen wir sterben, wie es freigeborenen Engländern zukommt!« »Wir wollen es, mein Sohn, aber –«

Der Greis vollendete den Satz nicht, jedoch sein Blick, womit er auf seine Enkeltochter wies, ließ den Vater verstehen, was jener nicht ausgesprochen, und ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich seinem Herzen.

Lovely hatte wohl gefühlt, was das bedeuten sollte. Für einen Augenblick überwand sie ihre mädchenhafte Bescheidenheit und Zurückhaltung, und mit strahlenden Augen und hochgeröteten Wangen rief sie aus:

»Großvater, Vater, wenn Gott es will, so laßt uns zusammen sterben, auf daß wir nie und nimmer getrennt werden!«

»Gesprochen, wie es der Tochter deines Vaters zukommt, mein Kind,« entgegnete ihr der Greis und gab sich keine Mühe, das Lächeln stolzer Befriedigung zu unterdrücken.

Der Vater Lovelys musterte achtsam das waldige Ufer, das von ihnen nur ein paar Büchsenschüsse entfernt war, und äußerte hierauf:

»Müssen wir kämpfen, so wollen wir den Kampf wenigstens nicht in so nachteiliger Stellung auf der See annehmen, sondern im Schutze der Bäume und Felsen am Gestade. Steuere Backbord, Kind! Wir wollen die Landzunge uns gegenüber umfahren und in die Bucht dahinter einlaufen. Vielleicht bieten uns das Ufer dort geeignete Deckungsmittel. Was meinst du, Vater?«

»Handle nach deinem Gutdünken als erfahrener Kriegsmann,« erwiderte der Greis, »aber wir wollen in dieser Prüfung auch nicht vergessen, uns unter den Schutz des Allmächtigen zu stellen.«

Damit sah er Lovely an, die unschwer seine Meinung verstand. Mit einem Druck auf die Lenkstange des Steuerruders gab sie der Barke die anbefohlene Richtung, dann zog sie mit der freien Hand eine Taschenbibel hervor, schlug das Buch auf ihren Knien auf und las mit einer von inniger Andacht getragenen Stimme die Worte des Psalmisten:

»Wer unter dem Schutze des Höchsten wohnt, der wird sicher sein in dem Schatten dem Allmächtigen ...«

Das Gebet war ihnen so recht aus der Seele gesprochen. Galt den Flüchtlingen doch wie allen Puritanern die Bibel als einzige Quelle und Richtschnur ihres Lebens. Daß der Zufall das Mädchen gerade diese Stelle hatte finden und lesen lassen, erschien ihnen als eine gute Vorbedeutung und als ein Zeichen der göttlichen Gnade und Hilfe. Denn es gehörte zu den Eigentümlichkeiten dieser Sektierer, an eine durch Gebet zu erflehende unmittelbare Einwirkung der Gottheit auf die Geschicke der Menschen, ja auf die Vorkommnisse des täglichen Lebens zu glauben. So überraschte es sie nicht sonderlich, als sich ihnen unmittelbar nach dem Gebet eine Aussicht auf Rettung bot.

Sowie sie nämlich die Landzunge umrudert hatten und in die kleine dahinterliegende Bucht einfahren wollten, zeigte sich ihren Blicken plötzlich ein indianisches Kanu, das, von zwei weißen Männern geführt, rasch auf sie zukam.

Die beiden Flüchtlinge betrachteten diese Erscheinung mit gewohnter Selbstbeherrschung. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, hier auf neue Feinde stoßen zu können. Das junge Mädchen aber stieß beim Anblick des fremden Kanus einen leisen Schrei der Überraschung und Befürchtung aus, da sie an die Möglichkeit dachte, Verbündete der Verfolger vor sich zu haben. Zudem war die Erscheinung der beiden Fremden oder wenigstens des einen derart, daß sie ein so zartes weibliches Wesen wohl erschrecken konnte.

Im Vorderteil des Kanus sah sie einen Mann von riesenhaftem Wuchse, wie er mit der einen Hand nachlässig sein Ruder ins Wasser tauchte. Er stand, um einen Ausdruck seines Landes zu gebrauchen, weit über sechs Fuß hoch in seinen Mokassins, an welche sich Gamaschen von Hirschhaut anschlossen, die bis über die Knie hinaufreichten. Er trug einen Koller von Büffelhaut, und ein Mantel von gleichem Stoffe lag zu seinen Füßen. Auf dem Kopfe hatte er eine Mütze von Wolfsfell, um die Lenden einen roh gearbeiteten Gurt von Otternpelz, an dem Pulverhorn und Kugelbeutel hingen und in dem ein breites Jagdmesser mit einem Griffe von Elentierhorn steckte. Eine große und schwere Büchse hing ihm an einem Lederstrick über dem Rücken. Unter der grimmigen und runzeligen Stirn blitzten die kleinen Augen von unbestimmbarer Farbe wie Dolchspitzen hervor. Gegen die Bronzefarbe des Gesichts stach das bläuliche Rot einer schrecklichen Narbe ab, welche die linke Wange ihrer ganzen Länge nach durchfurchte und am Kinn unter einem struppigen, grauen Barte verschwand. Auch über die unförmlich dicke Nase lief die Spur einer tiefen Wunde hin, und das rechte Ohr war an seiner Wurzel abgeschnitten. Das Äußere des riesigen Waldbewohners war also durchaus nicht vertrauenerweckend, aber es täuschte nur.

Sein Gefährte, um viele Jahre jünger, erschien in dem ganzen Glanze jugendlicher Kraft und Schönheit. Von schlanker und dabei sehniger Gestalt, bezeugte die hellblonde Farbe seines Haares, das in kurzen, krausen Locken unter der Mütze von Biberfell hervorquoll, die nordische Abkunft. In einem eigentümlichen, aber nicht unschönen Gegensatze zu dem Blond des Haares standen die schwarzen, feuervollen Augen mit ihrem offenen, braven und mutigen Ausdruck. Der Anzug des jungen Mannes ähnelte sehr genau der urtümlichen Tracht seines älteren Begleiters, nur trug er statt des Jagdmessers ein indianisches Beil – Tomahawk – im Gürtel, und seine Kleidung war sorgfältiger gehalten.

Sobald die beiden Trapper des in die Bucht einfahrenden Bootes ansichtig geworden, hatten sie aufgehört, ihre leichte Rindenbarke vorwärts zu bringen. Vertraut mit Abenteuern und Gefahren aller Art und gewohnt, auf die Schärfe ihres Blickes und die Stärke ihres Armes sich zu verlassen, sahen sie dem Herankommen der Flüchtlinge mit schweigsamer Ruhe entgegen, wenn auch nicht ganz ohne Neugierde.

Lovely hielt auf einen kurzen Befehl ihres Vaters hin gerade auf das Kanu zu, ließ dann, während ihre Begleiter die Ruder einzogen, das Boot langsam an Steuerbord der Fremden hingleiten.

Zu weitläufigen Versuchen, eine Bekanntschaft einzuleiten, war keine Zeit, denn ein Blick rückwärts auf die See hinaus zeigte das emsige Bemühen der Verfolger, ihrem Wild auf der Ferse zu bleiben. Deshalb erhob sich, sobald das Boot stillstand, der Greis von seinem Sitze und sprach die beiden im Kanu mit den Worten an: »So ihr Männer, so ihr Christen seid, so steht uns bei gegen ungerechte Verfolgung!«

»Wer seid ihr?« entgegnete der altere Trapper mit einer Brummbaßstimme und nicht sehr freundlichem Ausdruck.

»Wir sind Anhänger und Kämpfer der alten, guten Sache und sind verfolgt, weil wir vordem das Schwert zogen für die Freiheit des guten Volkes von Alt-England und unsere geringen Kräfte mit denen vereinigten, welche Gerechtigkeit übten an den Feinden der Gemeinde des Herrn.«

»Hm,« versetzte der Trapper mit einem verächtlichen Kopfruck, »dies Kauderwelsch versteh' ich nicht. Aber wer sind denn eure Verfolger?«

»Es sind,« antwortete der jüngere der Flüchtlinge mit unverhehltem Groll, »Mietlinge des Mannes, welcher sich Karl Stuart nennt und durch Gottes Zorn auf dem Thron von England sitzt.«

»Ah so!« erwiderte der Trapper, indem er die Flüchtlinge mit durchdringenden Blicken musterte.

In seiner Erinnerung lebten plötzlich Gerüchte auf, die ihm auf seinen Kreuz- und Querfahrten durch die Ansiedlungen Neu-Englands über Verfolgungen zweier Flüchtlinge aus Alt-England zu Ohren gekommen waren. Die Männer da im Boot mußten die beiden sein. Aber was scherte es den alten Trapper, was sie mit ihrer Regierung oder diese mit ihnen vorhatte! Was kümmerte ihn, den Holländer und freien Jäger, überhaupt das Schicksal Englands, ob da Königsthrone wankten und Bürgerkriege den Boden mit Blut tränkten!

Anders standen natürlich die englischen Ansiedler zu ihrem Heimatlande. Sie betrachteten sich, obgleich durch das Weltmeer vom Mutterlande getrennt, immer noch als seine Angehörige und Bürger und verfolgten daher den Gang der großen Ereignisse, welche England damals bewegten, mit gespanntester Aufmerksamkeit und Teilnahme, und unsere Leser werden den Zusammenhang der Erzählung besser durchschauen, wenn sie zunächst ihr Augenmerk auf die damalige Geschichte Englands richten.

Seit Heinrich VIII. zerrütteten bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein religiöse Zerwürfnisse das englische Königreich. Die streng protestantisch Gesinnten, die von Genf her, dem Hauptsitz der Calvinschen Glaubenslehre, ihre Anregungen empfingen, trennten sich von der englischen Bischofskirche. Vor der Gewalt, fast dem einzigen Überzeugungsmittel der Staatskirche, vor den Flammen der allerwärts entzündeten Scheiterhaufen entwichen viele Protestanten nach dem Festlande und fanden in Städten am Rhein und in der Schweiz freundliche Aufnahme. In ihrem Gottesdienst und ihrem kirchlichen Leben hielten sie sich streng an die Einfachheit und Verfassung der ersten Christengemeinden und wollten nur das reine biblische Wort als Richtschnur ihres Glaubens und Lebens gelten lassen.

Diese englisch-protestantischen Gemeinden bildeten den Boden, auf dem die Gemeinschaft der Puritaner entstand. Sie traten in England immer mehr in feindseligen Gegensatz zu der großen Partei der Bischöflichen, besonders unter der Regierung der Königin Elisabeth. Zu den trennenden Unterschieden in den Glaubenslehren der beiden Parteien kamen noch ihre verschiedenen Auffassungen vom wirklichen Leben. Der Bischöfliche war und blieb ein echter Sohn des lustigen Alt-England, ein Freund und Pfleger geselligen Vergnügens, lustiger Aufzüge und munterer Volksfeste, ein Liebhaber von bunten Farben, von Ale und Sekt, Tanz und Gesang; der Puritaner dagegen war ein finsterer Gesell, der aus dem Alten Testament, seinem Lieblingsbuch, seine Anschauungen und seine Sprechweise schöpfte, geselliger Heiterkeit mürrisch auswich, gesellschaftliche Belustigungen für Fallstricke des Satans ansah, seine Seele mit düsterer Schwärmerei erfüllte und seinen Leib in die Farbe der Trauer kleidete. Schon die Art, sein Haar glatt am Kopfe zu scheren, so daß die Ohren lang und unschön hervorstanden und der Spitzname Rundkopf, welchen ihm die Gegner gaben, nicht ungerechtfertigt war, unterschied den Puritaner auffällig genug von dem Anhänger der bischöflichen Staatskirche, der es liebte, sein Haar in langen Locken auf die Schultern fallen zu lassen.

Infolge der Unduldsamkeit und der Gewaltmaßregeln gegen die Puritaner seitens der Regierung wuchs die Kraft und Beharrlichkeit der »Heiligen des Herrn«, und ihr Widerstand richtete sich nun nicht nur gegen die Staatskirche, sondern auch gegen die Staatsregierung. Ja, sie verabscheuten die bischöfliche Kirche als eine Einrichtung der Abgötterei und wollten mit ihr auch den Staat niederreißen. Verschärfte Verfolgungen ließen aber ihre Hoffnungen auf ein freies Leben in ihrem Glauben fehlschlagen und trieben die Unterdrückten schließlich dazu, fern überm Meere eine neue Heimat zu suchen, wo sie ihrem Gott nach ihrer Weise dienen und auch ihr gemeinsames Leben nach ihren Grundsätzen einer biblischen Volksherrschaft einrichten konnten. Der erste Wanderzug der Pilger, hundertundzwanzig Personen, verließ mit dem Schiffe »Maiblume« 1620 die vaterländische Küste, um in der Neuen Welt den Grund zu einem neuen Gemeinwesen zu legen.

Mit der Thronbesteigung Karls I. 1625 kam dann in England der lange verhaltene Groll und Haß der Puritaner gegen die Krone zum Ausbruch. Sie hatten jetzt in der Volksvertretung, dem Parlament, die Macht. Nachdem von beiden Seiten alle gesetzlichen Mittel, alle Klugheit, alle Ränke und Spitzfindigkeiten zum Ausgleich der Streitigkeiten umsonst erschöpft waren, mußten sich die Führer des Parlaments, wenn sie das Wohl ihres Landes nicht den Herrschergelüsten Karls und seiner Ratgeber opfern wollten, doch zuletzt entschließen, den Soldaten und Feldschlangen des Königs ebenfalls Soldaten und Feldschlangen entgegenzustellen. In dem Bürgerkriege, welcher die Insel durchtobte, trieben die Schwadronen Cromwells, der die Seele und das Haupt der Puritaner war, die königlichen Kavaliere überall vor sich her und gingen als Sieger aus den Entscheidungsschlachten bei Dunbar und Worcester hervor. König Karl hatte sich nach dem Fall seiner Sache und seiner Partei in das angestammte Königreich seines Hauses, nach Schottland, geflüchtet. Aber die Schotten lieferten den gedemütigten Fürsten an das englische Parlament aus, und als er auch jetzt seine gewohnten treulosen Ränke fortspann, wurde er von einem eigens dazu bestellten Gerichtshofe zum Tode verurteilt und vor den Fenstern seines Palastes Whitehall mit dem Beile hingerichtet (9. Februar 1649). Das Königtum wurde »als diesem Lande nutzlos, lästig und für die Freiheit, Sicherheit und das Wohl des Volkes gefährlich« abgeschafft und das lustige monarchische Alt-England in ein biblisch-strenges, puritanisch-republikanisches Staatswesen umgewandelt. An die Spitze der Republik trat als Lordprotektor der gewaltige Cromwell, der mit Hilfe der Armee das Land unumschränkter beherrschte, als dies die Stuarts jemals imstande gewesen wären. Allerdings brachte er England zum ersten Male zu einer gebietenden Stellung unter den Staaten Europas, und unter seiner Leitung kam es zu Ruhe, Gewerbtätigkeit und Wohlstand.

Allein Freiheit gedieh unter dem Regiment der »Heiligen des Herrn« keineswegs. Die siegreichen Puritaner übertrafen ihre früheren Unterdrücker womöglich noch an Unduldsamkeit, und der Druck ihres düsteren Glaubenseifers lastete um so härter, als er nicht nur das öffentliche, sondern auch das häusliche und gesellige Leben zu regeln sich anmaßte. Die Theater wurden geschlossen, die Schauspieler gestäupt, die Presse ward unter strengste Aufsicht gestellt, die Künste wurden von ihren Lieblingsstätten verbannt. So mußte die puritanische Maßlosigkeit der Rückkehr der Königspartei die Wege bahnen, und müde der trübseligen Herrschaft der Heiligen, rief das englische Volk nach Cromwells Tode und nach Beseitigung seines schwachen Sohnes die verbannten Stuarts wieder zurück.

Karls I. älterer Sohn, Karl II., bestieg den wiederaufgerichteten Königsthron. Trotz der Zusage der Straflosigkeit ließ er die Richter seines Vaters verfolgen und hinrichten und bedrückte gegen das Versprechen der Duldsamkeit die Puritaner auf das schwerste. Einige Mitglieder jenes Gerichtshofes entkamen und suchten in verschiedenen Ländern Zuflucht. In Neu-England wurden die Flüchtlinge von den Ansiedlern, die den Untergang der puritanischen Republik im Heimatlande tief bedauerten, gastlich aufgenommen und wenn auch nicht öffentlich, so doch heimlich gegen die Vollstrecker der königlichen Rache in Schutz genommen.

Unsere Flüchtlinge hofften vor den Spähern des englischen Königs und ihren Hetzjagden im Hause des Richters von Swanzey, eines eifrigen Puritaners, der ihnen in der Heimat schon befreundet war und dessen Wohnsitz sie auf ihrer Flucht von einem der angesehensten Ansiedler, Roger Williams, erfahren hatten, längere Zeit sichere Zuflucht zu finden.

Groot Willem hatte nach jenem Ausruf seines aufdämmernden Verständnisses von dem Geschick der Flüchtlinge seine Vermutungen seinem Gefährten leise mitgeteilt und fügte dann laut hinzu:

»Was meinst du, Thorkil?«

Der Jüngling stand regungslos da, offenbar höchst überrascht und bewegt von dem Anblick Lovelys, welche sich von ihrem Sitze erhoben und eine flehende Stellung eingenommen hatte. Mit gesenktem Haupte, das schöne Antlitz von hoher Röte übergossen, stand sie vor dem jungen Manne, auf den sie unter den dunklen Wimpern hervor nur dann und wann einen schüchternen Blick wagte, während er sie mit Bewunderung und Teilnahme anstaunte.

Ungeduldig wiederholte der alte Trapper seine Frage.

Thorkil fuhr wie aus einem Traume auf.

»Nun, was gibt es?« fragte er wie unwillig über die Störung.

»Was es gibt?« versetzte der anders. »Wo hast du denn deine Augen?«

Und leise setzte er hinzu: »Denk' doch an die Neuigkeit, die wir in Newport hörten. Es läßt sich da ein hübscher Fang machen.«

Die übrigen Worte des Alten verklangen in einem leisen Geflüster.

Der Jüngling schüttelte den Kopf und sagte barsch: »Nein, Groot Willem, nein und abermals nein! Ich will nicht, und Ihr sollt auch nicht wollen!«

»Ich soll nicht wollen? Ei, so hört doch mal den Jungen!«

»Wollt Ihr denn, daß man von uns sage, wir hätten denen unsern Beistand versagt, welche in der Wildnis unsern Schutz angesprochen? Oder wollt Ihr, falls nämlich diese Leute überhaupt die sind, für welche Ihr sie haltet, wollt Ihr, sage ich, daß man uns künftig für die Helfershelfer und Gerichtsfrone irgendeiner Kolonialregierung ansähe?«

»Das nicht, Thorkil, das nicht. Du weißt, wie ich mit den Kolonialregierungen stehe – hole sie der Duivel allesamt! Aber ich will nie mehr einen Biberschwanz unter meine Zähne kriegen, Junge, wenn du so viel Eifer für diese Fremden zeigtest, wäre das Mädchen nicht bei ihnen. Am Ende willst du dich von dem hübschen Ding gar anwerben lassen für die Gemeinde der Heiligen.«

Dem jungen Manne röteten sich die Wangen, aber er bemeisterte seine Bewegung und wies mit der Hand auf Lovely: »Seht Ihr, was das Mädchen in der Hand hält?«

»Meiner Treue, ich meine, eine Bibel; die schleppen ja die Puritaner im Wachen und Schlafen mit sich herum.«

»Seht Ihr aber auch die Schnur, womit das Buch umwickelt ist?«

»Nun ja – ha! ist das nicht eine Freundschaftsschnur?«

»Freilich, und wenn Ihr Eure Augen ein wenig schärfen wolltet, Willem, so würdet Ihr bemerken, daß es das Freundschaftspfand von Roger Williams ist.«

»Das Freundschaftspfand von Roger Williams? Dann müssen wir uns der Leute annehmen, Thorkil.«

»Das mein' ich auch,« versetzte der junge Mann.

Roger Williams gehörte seit mehr als vierzig Jahren zu den Ansiedlern in Neu-England und war wegen seiner hohen Geistesgaben, seiner freimütigen Gesinnung und seiner menschenfreundlichen Hilfsbereitschaft der edelste unter den Pilgern der Wildnis. Zwar auch Mitglied der puritanischen Gemeinde, vertrat er offen den Grundsatz von der unverletzlichen Freiheit des Gewissens. Deshalb hatte er bald nach seiner Ankunft in Neu-England von seinen eigenen Landsleuten die bittersten Verfolgungen zu erdulden. Aber seine Redlichkeit und Herzensgüte, seine eifrige Bereitwilligkeit zu helfen, sein verständnisvolles Wirken für das Wohl und Wehe nicht bloß der Ansiedler, sondern auch der Eingeborenen verschaffte ihm mit den Jahren bei den Roten und Weißen das Ansehen, das ihm gebührte.

Nach seinen letzten Worten wandte sich Thorkil mit der Freimütigkeit eines Waldbewohners, aber zugleich auch mit der achtungsvollen Bescheidenheit, welche weibliche Liebenswürdigkeit unverdorbenen Gemütern stets und überall einflößt, zu Lovely und redete sie folgendermaßen an: »Mistreß« – dieser Titel wurde damals noch Mädchen und Frauen von höherem Stande gleichmäßig gegeben – »wollt Ihr mir erlauben, Euch zu fragen, wie Ihr in den Besitz jener Freundschaftsschnur gekommen seid?«

»Sir,« erwiderte das Mädchen vertrauensvoll und freimütig, »diese Muschelschnur wurde mir von einem würdigen Freunde meines Vaters und Großvaters gegeben.«

»Und heißt der Geber nicht Roger Williams?«

»So ist es, Fremder,« nahm Lovelys Vater das Wort. »Der Mann, den Ihr nanntet, ist ein Gerechter in Israel. Er gab meinem Kinde dieses indianische Spielwerk, als wir uns vor wenigen Wochen zu Hartford am Konnektikut trafen, indem er meinte, es könnte uns in unsern Fährlichkeiten vielleicht von Nutzen sein. Seine in diesem Lande zerstreuten weißen und roten Freunde würden um dieses Zeichens willen auch unsere Freunde werden.«

»Roger Williams hat, wie immer, so auch in diesem Falle die Wahrheit gesprochen, Sir,« entgegnete Thorkil, »und sein Wampun soll alle die Achtung erfahren, die er verdient. Verfügt über unsere Kräfte. Mein väterlicher Freund Willem Klopper hier, Groot Willem genannt, und ich sind gewohnt, die Angelegenheiten unserer Freunde als unsere eigenen zu betrachten.«

»Ja, ja, Junge,« sagte der alte Jäger. »Aber's ist jetzt nicht Zeit, länger zu schwatzen. Wir müssen eilen, ans Land zu kommen, denn die Wichte da draußen haben die Landzunge umfahren und sind schon in der Bai. Ich habe zwischen den Bäumen dort eine Art Blockhütte und denke, es wird sich vom festen Lande aus, das noch dazu mein eigener Grund und Boden ist, besser mit den Kerlen reden lassen, wenn sie danach Begehren tragen.«

Daraufhin setzten sie die beiden Boote gegen das zunächst liegende Ufer in Bewegung und erreichten es mit wenigen Ruderschlägen. Die ganze Gesellschaft stieg an Land, und die leichten Fahrzeuge wurden ans Gestade gezogen.

Der Landungsplatz lag in einem kleinen Winkel der Bai. Der Boden stieg wenige Schritte vom Ufer jäh an und war dicht mit den Stämmen riesiger Schwarzkiefern besetzt. Hatte man die Böschung erklommen, so bemerkte man hart am Rande des Abhangs zwischen vier fast im Quadrat aufragenden mächtigen Bäumen eine aus unbehauenen Stämmen roh, aber fest aufgeblockte Hütte. Ein prächtiger Wolfshund hatte vor ihr Wacht gehalten und sprang jetzt den Kommenden entgegen, umkreiste wedelnd seine Bekannten, blickte die Fremden mit klugen Augen an, schnupperte, zog dann die Oberlippe in die Höhe und ließ ein leises Knurren hören.

»Ruhig, Prinslo, ruhig, alter Narr!« sagte Groot Willem zu dem wohlgezogenen Tiere, das sich sofort beruhigte. »Thorkil,« fuhr der Alte fort, »führe unsere Gäste in die Hütte, wo sie sich ausruhen mögen, während wir nach den andern ausschauen. Da kommen sie ja!«

Thorkil stieß die aus Flechtwerk bestehende, mit Riemen von Büffelhaut befestigte Tür der Hütte auf und lud die Flüchtlinge ein, hineinzugehen. Lovely und der Greis folgten der Einladung, der Jüngere aber blieb stehen, untersuchte seine Büchse und sagte bedächtig, mit einem leichten Anflug von Mißtrauen: »Warum sollen wir uns in der Hütte da einsperren? Mein Kind mag es tun, aber ich will hier draußen bleiben, um handeln zu können, wie es die Umstände verlangen.«

»Wie Ihr wollt, Mann,« entgegnete Willem trocken, »ich weiß, was er denkt. Aber Ihr habt unrecht, Mann. Sag' Euch, der müßte noch geboren werden, der sagen könnte, Groot Willem und Thorkil Wikingsson hätten Verrat geübt an Menschen, denen sie ihren Schutz zugesagt.«

»Ja, Freund, ich hatte unrecht,« erwiderte der Oberst und reichte freimütig dem alten Waldmanne die Hand. »Verzeiht einem Sohn, der das Leben seines Vaters, und einem Vater, der das Leben seines Kindes bedroht sieht.«

»Wohl, wohl, es hat nichts zu sagen. Aber seht, das Bock fährt schon in die kleine Bucht ein. Geht in die Hütte und laßt Thorkil und mich nur machen. Kommt es zu Taten, so sollt Ihr Euren Anteil daran haben.«

Der Oberst folgte dem Rate und verschwand in der Hütte. Die beiden Trapper wechselten einige kurze Worte, während sie ihre Waffen bereitmachten. Thorkil nahm nahe an der Blockhütte Stellung, Groot Willem dagegen, auf seine mächtige Büchse gestützt, am Rande der von der Natur gebildeten Terrasse so, daß er mit einem einzigen Schritte den Schutz des hundertjährigen Baumstammes erreichen konnte, falls es ratsam scheinen sollte. Prinslo stellte sich seinem Herrn zur Seite und nahm Witterung von den Herannahenden. Das edle Tier mochte erkennen, daß der Besuch kein freundschaftlicher sei, denn plötzlich rannte es den Abhang hinab ans Wasser mit wütendem Gebell gegen die Insassen des Bootes. Auf einen kurzen, gellenden Pfiff seines Herrn verstummte er und sprang die Böschung wieder herauf, von wo er die Bewegungen der Fremden mit funkelnden Augen und gesträubtem Haar beobachtete.

Der alte Trauer ließ das Boot bis auf etwa zweihundert Schritte an das Ufer herankommen und musterte mit scharfen Blicken die Bemannung.

»Sie haben fünf Büchsen und außerdem zwei Paar Faustrohre, Willem,« flüsterte Thorkil.

»Ja, ja. Junge, ich sehe es,« versetzte der Angeredete, »und die Burschen sehen auch danach aus, als ob sie im Notfälle von ihren Waffen Gebrauch machen wollten. Verstehen aber nichts vom Waldkrieg, verlaß dich darauf: würden sonst nicht in einem offenen Boote gegen eine so gedeckte Stellung, wie wir da haben, anfahren. Hm, die Geschichte erinnert mich an unsere erste Bekanntschaft mit dem Häuptling des Donnerkanus, wie ihn unsere indianischen Freunde nennen. Machten sie auch zuerst an dieser Stelle. Dürfte aber heute nicht so friedfertig hergehen wie damals, wenn die Burschen nicht etwa Vernunft annehmen. Ha, sie haben eine Rothaut bei sich! Und ein Pequod ist's – verdammt sei er und sein ganzer Stamm! – Mein Roer wird Arbeit bekommen, ich wette.«

Er unterbrach seine Betrachtungen, hielt sein Roer, wie er das ungefüge Gewehr auf gut holländisch nannte, schußgerecht vor und rief mit lauter Stimme den Näherfahrenden zu: »Halt! oder ich schieße den Mann am Steuer weg!«

Die Matrosen, überzeugt, daß die Drohung ernst zu nehmen sei, ließen wie auf Verabredung die Ruder ruhen, und der junge Tom Kirk verriet durch eine Bewegung auf dem Steuersitze, daß es ihm in gerader Schußlinie mit dem Büchsenläufe des Fremden auf der Uferhöhe nicht so gang geheuer sei.

»Was ist das für ein ungeschlachter Kerl?« fragte er halblaut seinen Begleiter, mit der einen Hand nach seiner Büchse greifend.

»Weiß nicht, Tom,« erwiderte Kellond, »denke aber, 's wird einer der gottverdammten Waldläufer sein. Tu die Hand von der Büchse, Bursch! Wir müssen es zuerst mit glatten Worten versuchen, sonst hast du eine Kugel vorm Schädel, bevor du Amen sagen kannst.«

»Wer seid Ihr, Fremder,« fragte er Groot Willem, »und mit welchem Rechte haltet Ihr uns hier auf?«

»Wer ich bin? Ei, das geht Euch gar nichts an, rein gar nichts, sollt' ich meinen. Euch Halt zu gebieten, ist mein gutes Recht, denn ich lasse meinen Grund und Boden nur von solchen betreten, die mir zusagen. Verstanden?«

»Ihr sprecht, als wäret Ihr der Besitzer dieser Einöde.«

»Nicht der ganzen, Mann, nicht der ganzen. Das zu sagen, wär' 'ne Prahlerei, so 'ne echt franzmänn'sche Prahlerei. Aber der Wald rings um die Bucht hier gehört mir, ja, und die Bucht dazu, wenn nämlich irgendein Mensch Meerwasser sein eigen nennen kann. Ich habe den Boden von dem jungen Häuptling der Naragansetts erworben und manchen lieben Tag mit Jagen und Fischen hier verbracht.«

»Gut, wenn das Land hier Euer Eigentum ist. Fremder, so müßt Ihr auch anerkennen, daß es zu Neu-England gehört. Die Oberherrlichkeit darüber kommt aber Sr. Majestät König Karl von Großbritannien und Irland zu.«

»König Karl? Oberherrlichkeit? Hört, Mann, und merkt's Euch, ich kümmere mich keinen Pfifferling um König Karl und seine Oberherrlichkeit. Meint Ihr, ich sei so dumm, zu glauben, die Könige drüben in Europa können sich die Länder hier diesseit der See dadurch untertan machen, daß sie Schiffe herüberschicken, deren Kapitäne eine Stange mit 'nem bunten Lappen am Ufer aufpflanzen? Geht, solchen Firlefanz mag man in den Städten und Ansiedlungen glauben, aber im Wald lacht man darüber.«

»Wie, Ihr leugnet die Oberherrschaft König Karls über Neu-England?«

»So tu' ich, wenn's Euch beliebt oder auch nicht beliebt. Neu-England, wie Ihr das Land nennt, gehört von rechtswegen niemand zu als den Rothäuten, und Euer König Karl hat nicht mehr Anspruch darauf als auf meine Tabakspfeife.«

»Verdammt will ich sein, wenn das nicht gesprochen ist, wie nur ein Erzrebell sprechen kann,« schrie der hitzige Kirk auf.

»Laßt den Gelbschnabel schweigen. Mann,« erwiderte der Trapper mit gleichmütiger Ruhe vom Ufer her; »laßt ihn schweigen, wenn Ihr nicht wollt, daß statt meiner mein Roer mit Euch reden soll.«

»Ruhig, Tom, in Teufels Namen,« fuhr Kellond seine Gefährten an. »Wir sind, fürcht' ich, etwas unvorsichtig in eine heikle Lage hineingerannt. Der riesenhafte Lümmel und sein Kamerad, der dort am Blockhaus lauert, haben den Vorteil des Geländes für sich.« Dem Trapper aber rief er zu:

»Wir wollen einen unnützen Streit nicht verlängern, Fremder. Ich gebe Euch auch die Versicherung, daß wir nicht hierher gekommen sind, Euch oder Euer Eigentum irgendwie zu schädigen oder zu beeinträchtigen. Ich frage Euch nur, wo sind die Leute hingekommen, die wir vor wenigen Minuten in diese Bucht einfahren sahen und deren Boot ich dort am Ufer bemerke?«

»Das sind jetzt meine Gäste.«

»An denen Ihr Euch garstig die Finger verbrennen könntet, glaubt mir. Es sind zwei der –«

»Halt, kein Wort mehr, Mann! Wer immer sie seien, als meine Gäste genießen sie den Schutz meines Daches. Ihr sollt sie in Frieden lassen, solange meine Hand noch mein Roer regieren kann.«

»Aber bedenkt. Fremder, was Ihr tut. Auf der einen Seite, das heißt auf der unsrigen, könnt Ihr, so Ihr Vernunft annehmt, eine Handvoll der schönsten NobelsEnglische Goldmünzen. verdienen, welche je den Prägstock verlassen; auf der andern Seite macht Ihr Euch des Hochverrats an König Karl schuldig.«

»Zum Duivel mit Euren Nobels, zum Duivel mit Eurem König Karl!«

»Nehmt Euch in acht, sag' ich, nehmt Euch in acht! Ich führe den königlichen Befehl in der Tasche und die Vollmacht der Kolonialregierung von Massachusetts, aufzuspüren, zu ergreifen, festzunehmen, einzuliefern tot oder lebendig –«

»Holla, schont Eure Lunge und laßt mich mit all dem Gesetzeskram in Ruhe! Und sag' Euch, Mann, scheint mir unser Gespräch jetzt gerade lange genug gedauert zu haben. Rate Euch daher –«

»Genug des Geschwätzes und verdammt sei Euer Rat!« schrie der ungeduldige Tom Kirk erbost, riß seine Büchse an sich, zielte, und im nächsten Augenblick krachte der Schuß, in den Wäldern endlos widerhallend. Als der Pulverdampf sich verzogen, zeigte es sich, daß die beiden Trapper von ihrer vorigen Stellung verschwunden waren. Auch der Hund war fort, und die Blockhütte lag wie von allen lebenden Wesen verlassen auf der steilen Uferbank.

»Ich habe sie weggeblasen,« schrie Tom Kirk frohlockend. »Die großsprecherischen Schufte haben sich auf die Socken gemacht. Drauf, ihr Burschen, rührt die Ruder, damit wir ans Land kommen!«

»Ja, streicht aus, streicht aus!« rief Kellond. »Es läßt sich jetzt schon nichts anderes mehr tun,« setzte er leise hinzu, »obgleich ich fürchte, daß es mit dem Wegblasen nicht ganz richtig ist.«

Die Matrosen stemmten die Ruder ein, und das Boot schoß vorwärts dem Ufer zu.

Der Indianer, der im Bug des Bootes zusammengekauert gelegen hatte, hob jetzt vorsichtig seinen Kopf über den Rand der Barke, ließ ihn jedoch schon im nächsten Augenblick wieder verschwinden. Er hatte die beiden Trapper in schußfertiger Stellung hinter zwei Baumstämmen erblickt. Mit der einen Hand rückwärts fassend ergriff er, ohne seine Lage zu verändern, eine der im Boote liegenden Feuerwaffen, untersuchte tastend das Schloß, zog den Hahn auf, brachte den Kolben an die Wange und richtete den Lauf über die Bootswand nach der Stelle, wo das linke Ellbogengelenk des Trappers kaum bemerkbar hinter dem Schwarzkieferstamm sichtbar war. Aber ehe er abdrücken konnte, hatte eine Kugel aus dem Roer Groot Willems dem Pequod Stirn und Schläfe zerschmettert.

Schaudernd ließen die Matrosen die Ruder fahren, allein Kellond und Kirk, die wohl erkannten, daß jetzt das äußerste gewagt werden müsse, trieben mit wildem Geschrei vorwärts.

»Voran, voran!« riefen sie. »Wir müssen ans Ufer, können nicht mehr zurück. Hussa, für König Karl, für König Karl!«

Ihrem herausfordernden Rufe antwortete sogleich ein anderer. Ihre Waffen schwingend stürzten die beiden Obersten aus der Blockhütte auf die Terrasse.

»Verderben über die Söhne Edoms!« rief der eine.

»Schlagt sie mit der Schärfe des Schwertes wie Josua den Adoni-Zebek bei Gibeon!« der andere.

»Fahrt zur Hölle, zu eurem Meister, dem alten Noll, und –«

Der junge Tom Kirk, welcher auf den älteren der beiden Flüchtlinge angelegt hatte, konnte seine Verwünschung nicht vollenden.

Ein Schuß des jüngeren Trappers streckt« ihn nieder.

»'s ist aus, Master,« röchelte er. »Verdammt! – Effie wird nun –«

Ein Blutstrom brach ihm aus dem Munde und erstickte seine Stimme für immer.

Kellond ließ einen Schrei der Wut hören, raffte seine Büchse auf und fuhr die Matrosen mit einem rohen Fluche an.

»Ei, ja doch,« murrte Bill. »Ihr glaubt wohl, Master, wir wollten uns auch noch totschießen lassen wie wilde Gänse?«

Er erhob sich von der Ruderbank und schrie den Verteidigern des Ufers zu:

»Hoiho, ihr Männer! Auf Seemannswort, meine Kameraden und ich sind gewillt, die Sache aufzugeben. Gewährt uns freien Abzug, und wir wollen euch, so wahr ich Bill heiße, unser Leben lang nicht mehr belästigen.«

»Nein, nein, Hundesohn!« schrie Kellond, dessen Wut ihren Höhepunkt erreicht hatte. »Ich will meine Leute tot oder lebendig haben!«

Und er schlug an und drückte ab, aber das Gewehr versagte.

Lästernd warf er es weg und riß eine Pistole aus dem Gürtel.

»Du willst es, Tor,« rief die grollende Stimme des jüngeren der Flüchtlinge vom Ufer her. »So fahre denn hin in deinen Sünden!«

Seine Büchse richtete sich auf Kellonds Brust, aber Lovely, die inzwischen aus der Hütte getreten war, drückte dem Schützen den Arm und die Waffe mit sanfter Gewalt nieder.

»Vergieße nicht unnützerweise Blut, Vater,« bat sie mit bewegter Stimme. »Der Herr hat uns wunderbarlich beschützt, und wir sind ihm Dank schuldig.«

»Wohl, mein Kind,« versetzte der Vater widerstrebend. »Aber steht nicht geschrieben: Auge um Auge, Zahn um Zahn?«

»O Vater, ich weiß ein besseres Wort: »Liebet, die euch hassen, und tut Gutes denen, die euch verfolgen!«

»Lovely hat recht,« nahm der Großvater das Wort. »Die Anschläge der Bösen sind zunichte geworden, wir aber bedürfen des Blutes jenes übel beratenen Mannes nicht.«

Als das Dazwischentreten Lovelys die Feindseligkeiten unterbrach, hatte Thorkil sogleich den Kolben seiner Büchse zur Erde gesenkt, wie um anzudeuten, daß wenigstens er ihrer Friedfertigkeit nicht widerstreben wollte. Sein älterer Gefährte murmelte zwar in den Bart: »Hm, es wäre besser, die Sache ein für allemal auszumachen« – wollte jedoch auch seinerseits der schönen Friedensstifterin nicht entgegenhandeln. Er trat daher an den Rand des Abhangs und rief denen im Boote zu:

»Macht, daß ihr fortkommt, und laßt euch nie wieder einfallen, dem Jagdgrund Willem Koppers nahezukommen, sonst –«

Ein derber Schlag an den Lauf seines Roers vervollständigte den Satz auf eine sehr verständliche Weise.

Kellond war seiner ohnmächtigen Wut noch nicht Meister geworden, obgleich es ihm nicht entgangen war, daß nur die Erscheinung des Mädchens ihm das Leben gerettet. Er hielt den Griff der Pistole noch immer krampfhaft fest, stampfte mit dem Fuße und murmelte Drohungen und Verwünschungen. Allein der alte Bill entriß ihm die Waffe:

»Genug jetzt, Master, oder ich renne Euch mein Messer in den Leib,«

Dann schob er Kellond beiseite, trat in den Stern des Bootes, faßte das Steuer, rief seinen Kameraden zu, die Ruder einzusetzen und wandte die Barke.

Sie gehorchten eifrig, und das Fahrzeug glitt rasch aus der kleinen Bucht in die Bai hinaus und verschwand in der Ferne.

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