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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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1. Flüchtlinge

Voll und klar leuchtet die Morgensonne am ersten Junisonntage des Jahres 1675 über dem Long-Island-Sund und übersäte die von einer sanften Brise gekräuselte Wasserfläche von Block-Island an bis hinab zur Mündung des Hudson mit purpurnen und goldenen Lichtern. Die weite Wasserstraße lag in so feierlicher Einsamkeit und Ruhe, als ob noch nie ein Kiel diese Fluten durchschnitten hätte. Auch das langhingestreckte, von zahlreichen Buchten und Flußmündungen durchschnittene Gestade von Konnektikut zeigte überall die erhabene Stille der Wildnis. Auf den Wäldern, deren Saum so dicht ans Ufer vortrat, daß die Wipfel der Bäume sich in den purpurnen Wassern spiegelten, ruhte ein heiliges Schweigen. Man gewahrte von der See aus längs der ganzen Küste auch kein Zeichen menschlicher Tätigkeit. Denn die größeren und kleineren Ansiedlungen der Kolonie von Neu-England lagen versteckt in tief einschneidenden Buchten oder in den Wäldern weit hinauf am Konnektikut und an den anderen Flüssen dieser Gegend. Zudem war es die Stunde, in der sämtliche Bewohner der Ansiedlungen sich aller Verrichtungen des gewöhnlichen Lebens strengstens enthielten, um in ihren schmucklosen Versammlungshäusern ihrem religiösen Bedürfnis zu genügen.

Ostwärts von der breiten Mündung des Flusses Pawkatuck springt eine schmale Landzunge ziemlich weit in die See vor. Damals hatte sie noch ganz das Aussehen jungfräulichen Bodens. Die unbedeutende Brandung brach sich mit kaum hörbarem Geräusch an den Kieseln des flachen Ufers und säumte es mit einem Streifen weißen Schaumes. Frischbelaubtes Gestrüpp netzte seine üppigen Ranken im Wasser und zog in tausendfachen Verschlingungen eine undurchdringliche Mauer um die Wurzeln der gewaltigen Stämme, die weiter landeinwärts sich erhoben und deren ineinandergreifende Kronen eine düstere Wölbung bildeten.

Die Stille, welche auch hier herrschte, wurde plötzlich durch ein leichtes Geraschel im Gesträuch unterbrochen. Die Zweige eines Sumachbusches wurden von unsichtbaren Händen auseinandergebogen, und in der Öffnung erschien der glattgeschorene, braune Kopf eines Indianers. Seine funkelnden, schwarzen Augen überblickten und durchspähten blitzschnell die Wasserfläche zur Rechten, zur Linken und geradeaus. Nachdem er sich von der Einsamkeit der See überzeugt hatte, drängte er die nackten Schultern durch das Gesträuch und verharrte dann, auf dem Bauche liegend und das Gesicht ein wenig über das Wasser erhoben, mit der Geduld eines indianischen Spähers wohl eine Stunde lang in seiner Stellung, wie eine auf Beute lauernde Schlange. – Endlich schien er in der Tat das Nahen einer Beute oder einer Gefahr zu wittern, denn er dehnte seinen Hals vorwärts, seine Nasenflügel weiteten sich, seine Ohren spitzten sich lauschend, und seine Augen bohrten brennend rechtshin am Ufersaum hinab.

Eine kleine Barke kam mit geschwelltem Segel hinter einem Vorsprunge der zackigen Küste hervor und fuhr wenige Klafter vom Ufer entfernt ziemlich rasch gegen die Landzunge herauf, wo der Indianer im Verstecke lag.

Der Wilde schien keine Feindseligkeit gegen die Insassen des Kahnes im Schilde zu führen, sondern sich nur überzeugen zu wollen, was es für Leute waren. Ein Greis und ein junges Mädchen saßen in dem Fahrzeug, ein Mann in reiferen Jahren lenkte das Steuer. Etwas wie Freude flammte in den Augen des roten Spähers auf: aber er verriet seine Empfindung durch keinen Laut. Vorsichtig, daß kein Zweig unter ihm knackte, kroch er rückwärts durch das Gebüsch, dann richtete er sich behutsam auf und eilte mit der Schnelligkeit eines gejagten Hirsches waldein.

Die drei im Kahn hatten von der Anwesenheit der Rothaut auf dem Ufer und von ihrem Verschwinden nicht das geringste bemerkt und fuhren arglos an der Landzunge vorüber. Es waren Flüchtlinge, die schon manchen Tag vor unerbittlichen Verfolgern her geflohen waren über Meeresbuchten und Ströme, durch Sümpfe, pfadlose Wälder und das Gestrüpp der Prärien, unablässig gehetzt von der weit unten am Long-Island-Sund liegenden Kolonie Newhaven durch Konnektikut bis an die Mündung des Pawkatuck und jetzt die Südküste des Naragansetterlandes entlang.

Gestern abend hatten die Verfolger die Spur der Flüchtlinge verloren, und sie würde es auch geblieben sein, wenn nicht die Spürkraft jenes Eingeborenen ihnen zu Hilfe gekommen wäre. Die Jäger hatten in ihrem Eifer die Flüchtlinge überholt, welche die Nacht in einer verborgenen Bucht der linken Seite der Pawkatuckmündung zubrachten. Beim ersten Tagesgrauen hatten sie ihre Barke aus dem schilfbewachsenen Versteck in die See geschoben und fuhren nun mit günstigem Winde und in einem gewissen Gefühl von Sicherheit an der Küste nach Nordosten zu.

Da schoß in ihrem Rücken ein Boot aus der Mündung eines Küstenflusses und kehrte, kaum in der offenen See angelangt, seinen Bug dem Stern des voransegelnden Fahrzeuges zu.

Dieses Boot ward von vier matrosenmäßig aussehenden Männern gerudert. Ein fünfter, noch jung an Jahren, hielt das Steuer, ein sechster mit grauem Barte stand im Vorderteil der Barke neben dem Indianer, den wir vorhin auf der Landzunge belauschten. Der Graubart und der Steuermann waren wie wohlhabende Bürger jener Zeit in feines Brabanter Tuch gekleidet und trugen über dem langschößigen Wams einen kurzen Mantel, ganz im Gegensatz zu der düstern, strengen Tracht der puritanischen Kolonisten von Neu-England. Jeder der beiden hatte ein paar der ungeschlacht langen Pistolen im Gürtel, wie sie die Reiter Cromwells und die Kavaliere Karls I. in so vielen Treffen aufeinander losgebrannt hatten. Jeder hatte seinen Stoßdegen an der Seite, und am Fuße der Maststange lagen, zu augenblicklichem Gebrauch bereit, vier oder fünf schwerfällige Feuergewehre. Die Matrosen hatten das kurze, breite Entermesser ihres Gewerbes im Gürtel stecken und sahen ganz danach aus, als wüßten sie bei Gelegenheit den geeigneten Gebrauch von dieser im Handgemenge schrecklichen Waffe zu machen.

Als das Fahrzeug, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, zuerst hinter den Weiden und Binsen der Flußmündung hervorgeglitten, streckte der Indianer den Arm aus und deutete mit einem kurzen, aber ausdrucksvollen »Hugh!« auf den Nachen der Flüchtlinge, die in der Entfernung einer halben Seemeile dahinsegelten.

»Ja, hughe nur. Rothaut,« versetzte der neben dem Sohn der Wildnis stehende Weiße. »Hughe nur, hast ein Recht dazu, Gott verdamm' mich! Hast ja die Fährte der blutigen Schurken wieder aufgeschnüffelt! Siehst du, Tom Kirk,« wandte er sich rückwärts zu dem jungen Manne am Steuerruder, »siehst du nun, daß das rothäutige Ungeziefer manchmal auch zu etwas taugt?«

»Ah bah, Master Kellond,« entgegnete der Angeredete, »ich denke, 's war eben keine Hexerei nötig. Sagte Euch ja gestern abend schon, wir brauchten nur in die See zu halten, um unsere Leute wieder zu Gesicht zu bekommen. Hatte auch dies tagelange Herumkriechen in Wald und Sumpf und all die kotige Teufelei verdammt satt. Seht nur mal meine oder Eure eigenen Kleider an! – ist ein seltener Anblick! Gerade herausgesagt, wie's einem ehemaligen Lehrburschen von Alt-London zukommt, ich will mich hängen lassen, wenn ich mich nur um König Karls willen zu dieser wilden Gänsejagd hergegeben. Es geschah nur um Euretwillen –«

»Und mehr noch um Effies willen, Tom.«

»Nun ja, will's nicht leugnen. Die schöne Effie hat mir's angetan, die kleine Hexe. Wäre sie nur ein bißchen weniger hochmütig, Master Kellond: denn ich sag' Euch, Euer Töchterlein weiß sich zu spreizen wie 'ne Herzogin im lustigen Alt-England.«

»Das wird sich geben, Tom. – Gelingt unser Fang, so kehren wir alle nach England zurück; ich erhalte, was mir versprochen ist, und das reicht hin, daß du dein Weibchen in Samt und Seide kleiden kannst.«

»Hm, Master,« erwiderte Tom Kirk und ließ für einen Augenblick das Steuerruder fahren, um sich bedenklich hinter dem Ohre zu kratzen, »was Ihr von der Heimkehr nach Alt-England sagt, ist mir ganz aus der Seele gesprochen, denn ich bin dieses Landes hier, des Landes der Heiligen, von Herzen überdrüssig. Hole der Teufel die stutzohrigen Schufte, die uns verhinderten, unser Geschäft schon vor acht Tagen abzutun!«

»Ich bin sogar überzeugt, daß diese eingefleischten Rundköpfe ihren sauberen Gesinnungsgenossen zur Flucht verholfen haben, während sie uns mit nichtigen Einwänden in Newhaven hinhielten. Sagte mir doch der Gouverneur, als ich ihn endlich geradezu fragte, ob die Kolonie den Befehl des Königs achten wolle, sie ehrten freilich Se. Majestät, aber sie hätten zarte Gewissen, was soviel heißen wollte als: sie würden tun, was ihnen beliebte. Und als ich weiter fragte, ob sie Se. Majestät den König anerkennen, erwiderte der unverschämt stutzohrige Hund, sie möchten vor allen Dingen wissen, ob Se. Majestät sie anerkenne.«

»Ich will mich in eine Feldschlange laden lassen, wenn das nicht entschieden nach dem alten Noll schmeckt.«

»Freilich, freilich! Die Leute in diesem Lande reden und tun, als wäre der alte Noll, der jetzt, Gott sei Dank, schon lange in der Hölle brät, noch immer Landprotektor von England. Ich sag' dir, Tom, es muß ein tüchtiger Besen über Neu-England gehen, um all den puritanisch-republikanischen Unrat wegzukehren. – Doch was ist das?« unterbrach sich Mr. Kellond. »Wir schwatzen hier wie zwei alte Weiber, und inzwischen vergrößert sich der Abstand zwischen uns und den Flüchtigen eher, als daß er sich vermindert. Holla, Burschen,« fügte er zu den Matrosen gewandt hinzu, »greift aus mit den Rudern und vergeßt nicht, daß ich versprochen, eure Hände mit Silber zu füllen, sobald wir das Boot dort eingeholt haben werden.«

Dabei ging er aus dem Stern des Bootes, wo er im Gespräch mit dem Freier der schönen Effie gestanden, wieder nach vorn und schaute eifrigst nach dem Fahrzeug der Flüchtlinge aus, das mit Windeseile über die Wogen hinflog.

»Bei der schwärzlichen Gesichtsfarbe Seiner geheiligten Majestät,« rief der ungeduldige Verfolger aus, »sie gewinnen immer mehr Vorsprung.«

In diesem Augenblick schlug das Segel träge und flappig an den Mast.

»Verdammt!« schrie Kellond. »Auch das noch! Der Wind hört auf zu blasen.«

»Ei, Master,« rief einer der Matrosen, »das ist's gerade, was wir brauchen. Rechne, wenn uns der Wind ausgeht, geht er auch denen dort vorn aus. Wir aber sind die Stärkeren, und wenn die faule Rothaut und, nehmt's nicht krumm, auch Ihr, Master, ein Ruder nehmen wolltet, so müßt' es doch mit allen Satanaffen der siebzehn Höllen zugehen, wenn wir nicht bald ein Wort mit den Herren sprechen sollten, auf deren nähere Bekanntschaft Ihr so erpicht seid.«

In der nächsten Sekunde war das nutzlose Segel niedergelassen, und von sechs Rudern vorwärts gestoßen, folgte die Barke eiligst dem Fahrwasser der Flüchtlinge.

»Drauf, Burschen!« rief Kellond mit wildem Frohlocken, »sie können uns nicht mehr entgehen. Legt euch in die Ruder, es gilt den Dienst Sr. Majestät und eine Handvoll Piaster.«

Tom Kirk stand auf, ohne das Steuer aus der Hand zu geben, und lugte scharf nach der gejagten Barke aus.

»Sie haben uns bemerkt,« sagte er, »und beim Himmel, sie halten auf das Land zu, wahrscheinlich, um wieder in den verfluchten Wäldern Zuflucht zu nehmen. Mag ich selber erschossen werden, wenn ich nicht meine Büchse mit ihnen sprechen lasse, bevor sie uns wieder in das höllische Baumlabyrinth entschlüpfen.«

»Das wirst du bleiben lassen, Tom,« versetzte Kellond. »Lebendig müssen wir sie haben, weißt du. Das wird das Herz Sr. Majestät ganz anders erfreuen, als wenn wir dem königlichen Herrn nur sagen können, die beiden Bluthunde wären an irgendeiner namenlosen Küste von Neu-England von uns niedergemacht worden. Und wenn sie sich wieder in die Wälder machen, dann können wir die Flüchtlinge mit der Rothaut dort besser beschleichen als auf offener See.«

»Beschleichen, Master!« versetzte der junge Mann unwillig. »Ich will sie nicht beschleichen, sondern offen anfallen, Hand gegen Hand. Wir sind sechs gegen zwei und können es, denk' ich, auch zu zwei mit einem Greis und einem nicht mehr jungen Mann aufnehmen. Beschleichen, wahrhaftig!«

»Ich sage dir ja, wir müssen sie lebendig fangen, und dann, mein Junge, kennst du die beiden Obersten verdammt schlecht, wenn du so leichtes Spiel mit ihnen zu haben glaubst. Hättest du gesehen, wie der eine von ihnen an der Spitze seines Regiments bei Dunbar die wilden Hochländer vor sich hertrieb und wie der andere bei Worcester mit Cromwells Eisenseiten auf die Kavaliere einhieb, so würdest du dir unser Geschäft etwas schwieriger vorstellen. Was wahr ist, muß man sagen, und gält' es auch dem Teufel selbst. Sie waren immer die ersten im Kampfe und haben ihre Titel redlich verdient.«

»Ei, wenn sie solche Kampfhähne sind, wie Ihr sagt, warum sind sie dann so viele Tage vor uns geflohen wie ein Trupp Haselhühner, statt sich uns kühn entgegenzustellen?«

»Du vergißt, daß sie ein Weib bei sich haben, die Enkelin des einen und die Tochter des anderen.«

»Wahr, aber was werden wir denn mit dem Dämchen anfangen?«

»Hm,« versetzte Kellond, mehr zu sich als zu seinem Gesellen sprechend, »wenn sie so schön ist, wie die Rede geht, so will ich sie –«

»Was meint Ihr?«

»Ich sage,« erwiderte Kellond, »daß wir sie nach Virginien verkaufen wollen, wo sie Tabak pflanzen mag.«

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