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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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18. Rettung und Untergang.

Während des Gebetes der Puritaner, deren Frömmigkeit durchaus nicht mit seiner Sinnesweise übereinstimmte, beobachtete der Flibustier doch aus Höflichkeit ein achtungsvolles Schweigen; dann aber konnte er sich doch nicht enthalten, dem Trapper zuzuflüstern:

»Wenn uns nur ein alttestamentliches Wunder retten kann, Freund Willem, so möchte es verteufelt schlecht mit uns stehen. Die Zeit der Wunder ist längst vorbei, vorausgesetzt, daß es je eine solche Zeit gegeben hat!«

»Ich versteh' Euch nicht recht, Kapitän,« entgegnete der einfache Waldgänger auf die Äußerung des Zweiflers. »Ich versteh' Euch nicht recht, aber soviel scheint sicher, daß ein Wunder geschehen muß, wenn wir dieser Teufelei entrinnen wollen.«

»Es ist eine Teufelei, Ihr habt recht. Meine Herrin – ach, ich möchte noch einmal ihr süßes Antlitz wiedersehen – hat mir einmal einen italienischen Dichter verdolmetscht, der eine lange Wanderung durch die Hölle beschreibt; ich meine aber, der Mann hätte zuerst einen Waldbrand erleben sollen, um zu wissen, wie man sich die Hölle vorzustellen hat und die Qualen des Durstes, der auch mir jetzt die Zunge im Munde zusammenschrumpft.«

»Wir müssen Wasser haben!« sagte der hinzutretende Thorkil. »Lovely stirbt vor Hitze und Durst – ich kann es nicht länger mit ansehen und will hinab. Es muß in der Nähe des Lagers eine Quelle geben. Ihr wißt vielleicht den Platz. Willem –«

»Ja, ich kenne den Ort und will versuchen –«

»Hört, unterbrach der Flibustier den Trapper, sich hoch aufrichtend und in höchster Spannung lauschend.

»Es ist nur das Gekrach stürzender Stämme,« sagte Groot Willem. »Sie donnern im Fallen wie losgebrannte Geschütze.«

»Ja, sie donnern ungefähr so, aber sie donnern nicht von der Seeseite her. Foi de gentilhomme! es wird unausstehlich hier – der Qualm, die Hitze, der Durst! Wir sind wie die drei Männer im Feuerofen. Das arme Mädchen muß Wasser haben und müßten wir zehnmal unser Leben dafür einsetzen. – Ha, abermals! Hört! Nein, das ist nicht das Gekrach stürzender Baumstämme!«

In kurzen Pausen wieder drei dumpfe Schläge vom Wasser her. Die Männer lauschten, ohne auf den Funken- und Aschenregen zu achten, der an Dichtigkeit abzunehmen anfing, da sich der Wind entschieden gedreht hatte.

»Die ›Gloria‹ spricht!« schrie der Flibustier jubelnd, rannte in den Hintergrund des Felsspaltes und schwang sich mit der Gelenkigkeit eines Matrosen, der die Takelage des Hauptmastes hinaufklettert, in die Krone des Walnußbaumes hinauf.

Willem und Thorkil sahen einander an. In den Augen des Jünglings leuchtete ein Hoffnungsstrahl auf.

»Hussa, Freunde,« rief de Lussan aus dem Baumwipfel herab. »Mut, Mut, die ›Gloria‹ ist auf dem Wasser, und: ›Gloria‹ und Desdemona!« schrie er aus voller Kraft gegen die See. Dann rief er Willem zu: »Reicht mir Euer Roer herauf, Freund. Es gibt einen gewaltigen Krach. Die roten Kerle sollen ihr höllisches Feuerwerk büßen – bei der Seele meiner Herrin.«

Der Schuß fiel. Ein Geheul von dem Lager herauf gab Antwort. Ein dröhnender Donner kam über das Wasser daher.

Die ›Gloria‹ hatte seit mehreren Stunden hin und her kreuzend gegen den widrigen Wind angekämpft. Man hatte vom Schiffe aus an der fernen Küste die gewaltigen Rauchmassen aufsteigen sehen und war die dunkle Besorgnis nicht los geworden, daß sich dort ein furchtbares Schicksal vollendete. Als dann der Wind sich gedreht hatte, war die Fregatte mit vollen Segeln der Küste von Montaup zugeeilt mit einer Schnelligkeit, welche freilich hinter den glühenden Wünschen der Königin des Schiffes noch weit zurückblieb.

Jetzt war der breite rote Saum längs der Seiten des Schiffsrumpfes verschwunden, und in den dahinter gähnenden Stückpforten lauerten die Feuerschlangen, bereit, Tod und Verderben zu speien: die ganze Mannschaft stand mit Lunten und Ladkolben bei den Geschützen oder war auf dem Deck zum Entern wie zur Landung versammelt; auf den Mastspitzen flatterten hochrote Fähnchen, und eine mächtige Flagge in derselben brennenden Farbe rollte in weiten Falten von der Gaffel herab. Von der Hütte aus musterte die Herrin des Schiffes durch ein Fernglas die Küste und ihr zur Seite beobachtete Monsieur Legrand den Waldbrand. Er ließ den Offizier Terrible alle Maßregeln treffen, daß das Schiff nicht auf den Strand laufe und sofort Anker werfen könne. Schon sahen sie die gewaltigen Flammengarben und konnten die Hütten und Zelte des Lagers, ja selbst den einzeln dastehenden und steil aufragenden Felsen erkennen.

»Mein Gott,« rief Desdemona voller Besorgnis aus, »mir ist, Raoul sei dort und in Not. Laßt noch einmal ein paar Geschütze lösen, Monsieur Legrand, um unser Kommen anzuzeigen.«

Die Schüsse hallten donnernd über das Wasser hin.

»O,« rief sie aus, »horch, war das nicht der Klang einer Menschenstimme, seiner Stimme? – Und jetzt, ha, ein Schuß! Eine Antwort auf unsere Signalschüsse! Voran mit dem Schiffe, voran!«

Das Schiff mußte, da das Lot nur noch zwei Faden Tiefe gezeigt hatte, seinen Kurs aufgeben: die Segel wurden gerefft, und das Fahrzeug glitt nach kurzem Stampfen seitwärts.

Nach einer kurzen hastigen Besprechung mit Desdemona ließ Legrand die Boote klarmachen und mit den bewaffneten Mannschaften besetzen. Monsieur Terrible mußte die Pinasse führen, Sennor Estevan als Befehlshaber der kleinen Flotte die Barkasse, Monsieur Ruyter das Langboot und Monsieur Bligh den Kutter. Sie sollten die Landzunge von der Steuer- und Backbordseite fassen und wenn die Landung Widerstand fände, wollte Legrand die Breitseite der »Gloria« sprechen lassen.

»Eilt Euch, Don Estevan, eilt Euch!« rief Desdemona vom Hackbord dem jungen Offizier nach, der sich mit den übrigen in den Booten rasch vom Schiffe entfernte.

Scharfe Augen beobachteten vom Lager der Wampanogen aus die Bewegungen der Fregatte und ihrer Boote. Metakom erkannte sofort die Gefahr, die ihm von der Seeseite her drohte, denn in freundlicher Absicht kamen die Krieger des Häuptlings des Donnerschiffes gewiß nicht. Er dachte daran, daß ein schneller Rückzug das beste für ihn wäre, aber wie ihn ausführen? Die Wampanogen befanden sich in einer Falle. Der von ihnen angefachte Waldbrand, berechnet auf das Verderben der Besatzung des Felsens, sperrte ihnen den Rückzug zu Lande. Ein Entkommen zu Wasser aber, vorausgesetzt, daß es auf den wenigen vorhandenen Kanus möglich war, machten die wohlbemannten Boote der »Gloria« unmöglich.

»Meine Brüder müssen kämpfen,« sagte der Häuptling mit kalter Fassung zu den Kriegern, welche sich vor seinem Zelte um ihn drängten. »Metakom wird ihnen zeigen, wie ein Wampanoge gegen die Hunde von Blaßgesichtern ficht bis zum letzten Hauch.«

Um die Landung der Bootsmannschaften zu verhindern, postierte Metakom diejenigen seiner Krieger, welche mit Feuergewehren bewaffnet waren, so hinter den Hütten und Lederzelten des Lagers, daß sie in möglichst gedeckter Stellung auf die herankommenden Boote feuern konnten, und befahl den übrigen mit Tomahawk und Messer zum Handgemenge sich bereit zu halten.

Das Unheil entwickelte sich nun unaufhaltsam.

Da der alte Trapper sicher war, von dem allmählich brennenden Wald aus könne ein Angriff auf den Stein nicht mehr erfolgen, stieg er in das Geäste des Walnußbaumes, von wo aus der Flibustier mit brennenden Blicken die Bewegungen der »Gloria« und ihrer Boote beobachtete. » Foi de gentilhomme, alter Waldteufel,« rief de Lussan munter dem Trapper entgegen, »wir wollen ihnen nun die Musik zu ihrem Feuerwerk aufspielen. Da, seht auf die See hinab. 's ist ein Anblick, der ein Seemannsauge erfreuen kann. O, ich wette, meine Herrin ahnt, wie es mit uns steht. Die Liebe sieht mit dem Herzen. Seht, die Boote kommen heran. Es wird eine hübsche Attacke geben. Ich meine, der höllische Durst ist mir ganz vergangen.«

Groot Willem betrachtete nach seiner Gewohnheit schweigend den Schauplatz an der Küste, während er sein Roer, das er wieder zur Hand genommen, bedächtig lud.

»Hört, da knallen die Roten ihre Büchsen los. Mut hat König Philipp, das muß man sagen.«

»Er wird fechten, Kapitän, bis ihm der Atem ausgeht. Bleibt ihm auch, rechne ich, sonst nichts übrig. Können nicht vorwärts, nicht rückwärts, wie ein Biber in der Falle.«

»Wollen aber, vermut' ich,« versetzte de Lussan, in seiner Fröhlichkeit die Redeweise des Alten scherzhaft nachahmend, »unsrerseits nicht die Rolle müßiger Zuschauer spielen, während man sich da unten schlägt. Wollen hinab, Mann!«

»Wollen hinab, Kapitän. Aber sachte, sachte. Ist unsere Zeit noch nicht gekommen.«

Die Boote waren inzwischen auf Schußweite herangerudert. Von dem Lager her empfing sie ein lebhaftes Gewehrfeuer, das mehrere Matrosen verwundete. Sogleich befahl Don Estevan, mit der Pinasse und dem Langboot die rechte Seite der Landzunge anzugreifen, während er den Kutter und die Barkasse gegen die linke richtete.

Als Monsieur Legrand von der Schanze der Fregatte den Widerstand der Wampanogen wahrnahm, ließ er das Schiff sich quer legen und die Breitseite der »Gloria« sprechen, wie er sich ausgedrückt hatte. Ein langer Feuerstreif blitzte auf, und donnernd ergoß sich der eiserne Hagel einer vollen Lage auf das indianische Lager.

Die Wirkung war schrecklich. Die Zelte und Hütten zerstoben vor den Kugeln wie Spreu vor dem Winde und bedeckten mit ihren Trümmern Getötete und tödlich Verwundete. Ein gräßlicher Wehruf zerriß die Luft.

»Gloire und Desdemona!« rief der Flibustier jubelnd von der Höhe des Felsens herab.

Die Seeleute erkannten die Stimme und den Schlachtruf ihres Anführers, gaben ihm frohlockend die Losung zurück und landeten unter wildem Jauchzen an den beiden Seiten der Landzunge.

Dann trat eine kurze Pause ein, indem sich die beiden Parteien ordneten, die eine zum Angriff, die andere zur Verteidigung.

»Drauf, Jungens, drauf! lief der Flibustier. »Vorwärts! Hussa, Gloire und Desdemona!«

Mit hellem Sturmruf drangen die Seeleute von beiden Seiten in das Lager der Wampanogen vor.

De Lussan, dessen Ungeduld sich nicht mehr bändigen ließ, eilte, von Willem und Thorkil gefolgt, von dem Felsen her über den freien Platz zwischen diesem und dem Lager und stellte sich an die Spitze seiner Leute, deren Tapferkeit durch seinen Anblick zur wilden Leidenschaft gesteigert wurde.

Und jetzt hob ein Schauspiel der Wut, Verzweiflung und Vernichtung an, zu welchem der glostende, dampfende Wald einen grausigen Hintergrund bildete. Das höllische Kampfgetöse fand neue Nahrung, als eine der Rohrhütten durch einen Schuß entzündet worden war und das Feuer mit schwelgender Hast um sich fraß.

Metakom leistete verzweifelten Widerstand. Überall, wo es am heißesten herging, erschien er. Seine Krieger mit Gebärde und Beispiel anfeuernd, ließ er den Kriegsruf seines Stammes erschallen, als wollte er, daß dieser Ruf wenigstens mit Ehren verklingen sollte. Der Kampf wogte eine Weile mit abwechselndem Glück durch die Gassen des brennenden Lagers. Zuletzt zog sich das Gefecht um die Medizinhütte, deren Absonderung von den übrigen Wigwams sie vor dem Feuer schützte, zusammen. Ein Häuflein von Tapferen sammelte sich um den Häuptling, der hier seinen letzten Kampf kämpfte. Aber die Zahl seiner Getreuen minderte sich rasch, sie fielen rechts und links an seiner Seite, und bald stand er allein. Wie ein Löwe kämpfte er um sein Leben.

Plötzlich warf sich der »Bogen und Köcher« auf den Häuptling und schleuderte seine Keule gegen ihn mit dem gellenden Schrei: »Hahnih! Rache für Bruder.«

Es war vielleicht für Metakom die bitterste Erfahrung dieses Tages, als ihn bei diesem Angriff von einem Mann seiner Farbe blitzschnell der Gedanke durchzuckte, daß die Rettung Thorkils durch Mato und all das Unglück, das daran sich geknüpft, nur durch die Verräterei eines seiner eigenen Krieger ermöglicht worden.

Mit einem Schrei grimmigster Wut schlug er die Keule zur Seite, holte vorspringend zum Schlage aus, und von dem Tomahawk getroffen, sank der Verräter zur Erde.

Dann warf sich der Häuptling mit dem Satze eines Tigers auf Thorkil. Ein kurzes Ringen auf Leben und Tod; und der Dolch, das Beweisstück auf der Gerichtstafel zu Providence, faß dem Häuptling in der Brust.

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