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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/scherr/pilgerw2/pilgerw2.xml
typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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17. Waldbrand.

Die Sonne stieg höher und höher und näherte sich dem Mittagsstande. Ein heftiger Nordostwind brauste über die Landzunge von Montaup herab, jagte die Wolken am Himmel vor sich her und peitschte die Gewässer der Bai zu hochgehenden Wellen.

Nahe beim Eingang des Felsspaltes stand der alte Trapper, auf sein treues Roer gestützt, und an seiner Seite der Flibustier, die Arme über der Brust kreuzend, seine rechte Hand am Griff seines Säbels. Weiter zurück und auf der anderen Seite des beschränkten Raumes saß der ältere der beiden Obersten am Fuße einer Tanne. Sein Schwiegersohn neben ihm warf unter den buschigen Brauen hervor von Zeit zu Zeit finstere Blicke auf de Lussan, der sich jedoch dadurch nicht im geringsten einschüchtern ließ. Die beiden Obersten waren mit Büchsen und Degen bewaffnet.

Im Hintergrunde der Höhle lehnte noch ein Gewehr an der Felswand, das Thorkil gehören mochte, der in das Geäst eines Walnußbaumes hinaufgeklettert war, um Späherdienste zu verrichten.

An einer höhlenartigen Vertiefung rechts am Eingang der Felsschlucht lehnte Lovely und schaute voll Bangen und Teilnahme auf die Gruppe der vier Männer.

Zwischen dem jüngeren Obersten und dem Flibustier hatte eine Unterredung stattgefunden, die von der einen Seite mit grollender Bitterkeit, von der andern mit stolzem Freimut geführt worden war. Nur durch die würdevolle Besonnenheit des ältesten der beiden Flüchtlinge war ihre Auseinandersetzung in den Schranken der Mäßigung zu halten gewesen, aber zu einer Aussöhnung war es nicht gekommen, und peinliches Schweigen hielt sie in Spannung.

Groot Willem half den drei Männern darüber hinweg, indem er das Wort ergriff:

»Man hat, denk' ich, dem Groot Willem nie nachsagen können, daß er sich unaufgefordert in anderer Leute Angelegenheiten mische, aber zu dieser Stunde kommt es mir, vermut' ich, einigermaßen zu, ein Wort mitzureden. Die Rothäute haben nicht gezögert, ihre Feindschaften untereinander aufzugeben, als es sich darum handelte, das Kriegsbeil gegen die Kolonisten zu erheben. Ein gutes Beispiel aber, vermut' ich, ist nachahmenswert, mag es gegeben werden, von wem es immer wolle. Unserer Feinde sind viele, wir sind wenige: falls mir nicht fest zusammenhalten, wie ein wohlgeschnürtes Pfeilbündel, sind wir verloren.«

»Alter Jäger,« sagte der alte Oberst mit Nachdruck, »Ihr habt recht. Wir müssen zusammenstehen und jetzt unseres Zwistes mit jenem Manne dort vergessen, um so mehr, da er für die Rettung Lovelys sein Leben gewagt hat.«

»Das heiße ich vernünftig gesprochen,« entgegnete der alte Trapper. »Wir sind zwar durch die hilfreiche List Ischähkohnihs mit Waffen und Munition versehen, und der Fels hier gewährt eine vortreffliche Verteidigungsstellung, aber wir haben unsere vereinten Kräfte sehr vonnöten. – Ja, hört, da singen sie schon ihren Kriegsgesang. – He, Thorkil, kannst du nichts von den Roten zu Gesichte kriegen?«

»Nein,« gab der Beobachter von seinem Luginsland herab zur Antwort. »Aber ich höre sie ganz gut. Sie scheinen dort hinter dem Waldausläufer ihre Vorbereitungen zu einem Angriffe zu treffen.«

Metakom hatte den ganzen Stamm hinter dem Waldvorsprunge, der an der Ostseite des Lagers fast bis an die Seeküste hinabreichte, versammelt, Späherposten ausgestellt und kurze Beratung gehalten. Darauf stellten sich die Krieger, einer hinter dem andern, neben einem rot angestrichenen Pfahl, dem Kriegspfahl, auf, völlig zum Kampf bemalt und gerüstet. Unter ihres Häuptlings Führung umtanzten sie den Pfahl, und jeder führte mit seinem Beil einen Streich auf denselben. Dabei sangen sie ihr Kriegslied:

»Am Tage, als unsere Helden gefallen, als unsere Helden gefallen,
Da focht' ich mit ihnen und dacht', eh' wir sterben,
Bring' unsere Rache dem Feinde Verderben, bring' unsere Rach' ihm Verderben!
Am Tage, als unsere Häuptlinge sanken, als unsere Häuptlinge sanken,
Focht' ich Mann gegen Mann, und kühn war mein Mut,
Und vorn aus der Brust, da floß mir das Blut, da floß aus der Brust mir das Blut!
Und nimmer die Häuptlinge wiederkehren, und nimmer sie wiederkehren!
Und ihre Kriegsgefährten, die Narben nicht tragen,
Die sollen wie Weiber ihr Schicksal beklagen, wie Weiber ihr Schicksal beklagen!
Gar schöne Winter woll'n wir verjagen, gar schöne Winter verjagen!
Wenn unsere Knaben die Schlachten bestehen
Und wir zu unseren Vätern gehen, zu unseren Vätern wir gehen!«

Als der Pfahl durch die Tomahawkhiebe zersplittert war, wurde das Lied mit einem furchtbaren Aufschrei abgebrochen.

»Seht nach euren Waffen, ihr Männer,« sagte Groot Willem, als der Schrei vom Wald zu ihnen herüberdrang. »Vergeudet keinen Schuß! Sucht Schutz hinter den Vorsprüngen des Felsens und hinter den Bäumen. Habt aber acht auf die Öffnung des Felsens gegen den Wald zu!«

Von allen Seiten erscholl das gellende Kampfgeschrei der Wampanogen. In weitem Kreise umzingelten sie den Felsen und stürmten, den Kreis verengend, auf die von der Natur erbaute Burg los. Hinter den Stämmen des Waldes hervor krachten Büchsen, Kugeln schlugen in die Äste der Bäume, welche in der Vertiefung des Steins wurzelten, und eine Wolke von Pfeilen schwirrte darüber hin.

Da sich die Belagerten immer noch ruhig verhielten, meinten die Rothäute, die Blaßgesichter hätten keine Verteidigungsmittel, und deshalb machten sie einen entschiedeneren Versuch zur Gewinnung des Zugangs zum Felsen.

Thorkil, der sich seine Büchse hatte hinaufreichen lassen, beobachtete von seinem Posten im Geäste des Walnußbaumes, daß eine Anzahl von Feinden die Rotbuchen und Schwarzkiefern vor dem Felsen erklettert hatte, während sich andere unter dem Schutze des Dickichts sammelten. Auch Groot Willem sah, wie einige Rothäute die Bäume als Sturmleitern benutzen wollten. Jeder von den fünf Belagerten mußte sich einen von den Baumkletterern aufs Korn nehmen. Die Büchsen knallten. Ein klägliches Geheul unter den Indianern unten zeigte, daß sie Verluste erlitten hatten. In die Klagerufe mischten sich aber auch Schreie der Überraschung darüber, daß die Blaßgesichter mit Feuergewehren versehen waren.

Dies unerwartete Hindernis und die unvorhergesehene Schlappe trieb die Wampanogen plötzlich zurück. Das Getöse verstummte gänzlich, aber die Stille hatte etwas Unheimliches.

Bald genug erfolgte ein neuer Angriff. Während von unten eine Anzahl Schützen den Zugang zum Felsen bestrich, erkletterten ein Dutzend und mehr Feinde die dem Felsspalt zunächst stehenden Bäume. Sie gingen dabei mit solch rücksichtsloser Entschlossenheit zu Werke, als wenn sie sich diesmal nicht so leicht zurückschrecken lassen würden.

Das Feuer der Belagerten räumte wieder einige Indianer von den Bäumen. Sowie aber die Weißen ihre Gewehre losgebrannt hatten, sprangen mehrere Indianer, Annawon voran, mit eichhornartiger Geschwindigkeit und Sicherheit auf den starken Ast einer Eiche, der bis auf wenige Schritte zum Eingang des Felsspaltes reichte, und schwangen sich mit mächtigem Satz in die Schlucht.

Ein entsetzliches Ringen entspann sich, Degen, Messer und Tomahawks schwangen, stießen und zuckten durcheinander. In Todesangst sah Lovely von ihrem Schlupfwinkel aus, wie ihr Großvater, durch einen Beilschlag auf die Brust betäubt, zu Boden stürzte, wie ihr Vater sich nur mit Mühe gegen einen riesenhaften Wilden wehrte und Groot Willem von den Armen Annawons umklammert wurde. Aber der Flibustier befreite mit seiner Damaszenerklinge ihren Vater von seinem Bedränger und rettete den Trapper vor dem Todesstoß Annawons. Thorkil verhinderte von seinem Posten aus mit seiner Büchse das Eindringen anderer Rothäute.

»Död und Duivel! wir haben uns noch gut aus der Klemme gezogen. Hätte verteufelt schlimm ablaufen können, diese Frolik. Der Satan von Annawon da, was der für bärenmäßig starke Arme am Leibe hatte! – Nun, wie geht's, alter Sir? Sah Euch hinfallen. Seid Ihr verwundet? Nicht? Desto besser! – Aber das muß man sagen, Kapitän, Ihr habt das Beste getan. Habt gute Arbeit gemacht. Alle Achtung vor Eurem Säbel und vor dem Manne, der ihn geschwungen. Thorkil, komm einmal herunter und sieh nach Mistreß Lovely: der Schrecken könnte dem armen Kinde in die Glieder gefahren sein. Ah so, der Junge ist schon in der Höhle. Und jetzt, weil wir ein bißchen Ruhe haben, wollen wir die Leichen da den Fels hinabwerfen und unsere Gewehre reinigen, so gut es geht. Doch noch eins, Sir,« setzte der Trapper, zu dem jüngeren Oberst sich wendend, hinzu, »ich glaube Euch – Ihr habt's vermutlich im Gedränge der Balgerei übersehen – darauf aufmerksam machen zu müssen, daß mein Freund hier, der Kapitän, Euch das Leben gerettet hat.«

Der Kapitän machte mit der Hand eine abwehrende Gebärde. In der Brust von Lovelys Vater kämpfte der tief eingewurzelte Groll mit dem Schicklichkeitsgefühl des Edelmannes, und so trat er dem Flibustier einen Schritt näher und sagte zu ihm mit kalter Höflichkeit:

»Sir, es wird sich ein passenderer Ort und eine bessere Gelegenheit finden, unsern alten Streit auszufechten. Heute wollte es der Herr, daß Ihr, wie ich anerkenne, mein irdisches Leben, welches nur um meines Kindes willen noch Wert für mich hat, vor dem Mordbeile des roten Heiden bewahrtet. Ich dank' Euch, Sir.«

»Gebt Euch keine Mühe, Sir,« entgegnete de Lussan mit einer stolzen Verbeugung. »Ich würde um einer willen, die ich mehr liebe als mein Leben, diese Gelegenheit, in welcher ich einen Wink des Schicksals sehe, zu dem Versuche benutzen, Euer Vatergefühl auch für Euer erstgeborenes Kind rege zu machen, allein ich bin nicht gewohnt, meine Worte vergebens zu verschwenden.«

Lovely, die das Gespräch vernommen hatte, bog den Kopf aus der Höhle hervor und bat ihren Vater und Großvater mit flehenden Blicken. Sie war von dem innigen Wunsch getrieben, den Augenblick zu einer Aussöhnung zwischen ihnen und de Lussan zu benutzen. Aber der erstere wandte sich, die finsteren Brauen zusammenziehend, unbewegt von seiner Tochter und de Lussan ab, worauf auch dieser mit leichtem Achselzucken sich umkehrte und dem alten Trapper die Leichen der gefallenen Indianer den Felsen hinabstürzen half.

Dann forderte Willem den jungen Jäger auf, seinen Späherposten auf dem Baume wieder einzunehmen, und die Männer machten sich an die Arbeit, ihre Gewehre zu reinigen. Sie konnten das Geschäft ohne Störung zu Ende bringen. Der Wald, der freie Platz, das Lager waren wie ausgestorben, und man vernahm nur den Wind, der, wenn auch weniger heftig als vor Beginn des Kampfes, in den Wipfeln rauschte.

Von dieser trügerischen Ruhe getäuscht, sagte der ältere Oberst zu Willem:

»Mich dünkt, Freund, die Heiden haben auf die Ausführung ihrer blutdürstigen Absicht verzichtet und sich von diesem Orte zurückgezogen. Täten wir nicht gut, diesen unwirtbaren Platz zu verlassen, bevor es Abend wird, dessen Schatten den Heiden Gelegenheit geben, neue feindselige Ränke zu spinnen?«

»Was die Ränke oder, wie ich es nenne, die Teufeleien der Rothäute angeht, Sir,« versetzte Willem, »so wird es, vermut' ich, daran nicht fehlen, sei es heller Tag, sei es Abend. Wenn Ihr aber meint, Sir, die Wampanogen hätten ihre Absicht auf diesen Stein aufgegeben, so könnte uns diese Meinung, falls danach gehandelt würde, um unsere Skalpe bringen, bevor wir, rechne ich, eine Viertelstunde älter wären. Sag' Euch, wir sind, so wahr ich Willem Klopper heiße, rings von Feinden umgeben, von listigen Feinden, die jetzt erst recht verteufelt kurzen Prozeß mit uns machen würden, wenn wir in ihre Hände fielen. Den Felsen verlassen?« fuhr er fort mit einem Blick auf die Höhle, in der Lovely sich befand, die Stimme dämpfend, – »den Felsen verlassen, heißt unser Leben aufgeben. Da, wo wir sind, müssen wir ausharren, müssen, komme, was da wolle, ausharren, bis uns Hilfe kommt. Ich baue auf Churchs Eifer und das mir von Eurem Freund, Kapitän Standish, gegebene Wort.«

»Gut, aber wir haben weder Speise noch Wasser.«

»Sprecht leise, Sir, sprecht leise, ich weiß es nur allzugut. Aber es macht die Leute noch hungriger und durstiger, als sie schon sind, wenn man von Speise und Trank redet. Wir müssen unsere Bedürfnisse bändigen, solange es gehen mag. Doch was ist das?« unterbrach er sich, indem er aufstand, die Augen starr auf den Wald richtete, lauschte und mit weit geöffneten Nasenflügeln die Luft einsog.

Mit einem bedenklichen Kopfruck ging der alte Waldläufer in den Hintergrund der Felsschlucht, wo der Walnußbaum stand, und richtete eine Frage an Thorkil, der seinen Posten im Geäst des Baumes wieder eingenommen hatte.

»Ich sehe nichts Auffallendes,« lautete die Antwort. »Doch halt! ja, über dem Wald erheben sich jetzt an verschiedenen Stellen Rauchsäulen, die der Wind gegen uns hertreibt.«

»Rauchsäulen? Da haben wir die neue Teufelei der ewigen Satanasse. Sie wollen uns haben, lebendig oder tot, um jeden Preis. – Hör', Junge, kehr' dich einmal seewärts und luge scharf aus. Siehst du nicht so was von einem Segel?«

»Nicht. Die See ist ganz öde.«

»Desto schlimmer, desto schlimmer,« murmelte der Alte. »Hih-lah-dih konnte entweder gar nicht abkommen, oder sie hat das Schiff nicht getroffen.«

Kopfschüttelnd ging er wieder nach vorn und spähte besorgten Blickes in den Wald hinaus. Von dort her klang es wie Knistern, das allmählich lauter und lauter wurde. Zugleich strich ein Flug Wildgänse mit schrillem Geschrei von Norden her seewärts über den Felsen hin. Ihr Krächzen tönte wie eine unheimliche Weissagung.

Das Knistern verstärkte sich von Augenblick zu Augenblick, und bald glich es einem dumpfen Gekrach, als würden in der Ferne in unregelmäßigen Zwischenräumen Gewehre abgefeuert.

»Horch,« sagte Lovelys Vater, »ist das nicht das Knattern des Gewehrfeuers einer Kompanie Musketiere, die dort drüben, jenseit des Waldes im Kampfe steht?«

»Wollte, ich könnte glauben, es wäre so, Sir,« entgegnete der Trapper. »Wir wären dann sicher, daß Church mit seinen Milizen heranzöge. Aber da ist von keinem Gewehrfeuer die Rede, und was soll ich's noch länger verschweigen, die Gefahr wird nicht um das Gewicht einer Wildgansfeder geringer – ha, der Rauch wälzt sich dicker und dicker heran! Die Wampanogen haben den Wald in Brand gesteckt. Wollen uns aus unserem Fort räuchern, wie man Luchse und Füchse aus ihren Höhlen räuchert, die ewigen Teufel!«

Das Knistern und Rascheln und Zischen, die zunehmenden, immer schwerer und dichter werdenden Rauchmassen ließen keine Täuschung über das drohende Unheil mehr zu. Eine heiße Luftschicht kam heran, durch das Schwarzgrau der Dunstwolken leuchteten vom Walde her rote Streifen, welche bald heller und heller, greller und greller schimmerten und flackerten. Das Atemholen wurde schwerer, die Schwüle drückte auf Kopf und Brust wie Blei.

»O Gott, was ist das?« fragte Lovely, mit ängstlicher Hast aus der Höhle tretend.

»Mein Kind,« versetzte ihr Großvater in verhaltener Besorgnis um das Mädchen, »der Herr will unsere Geduld und Standhaftigkeit noch weiter prüfen. Geh hinein und richte deine Gedanken auf den, in dessen Hand Glück und Unglück, Untergang und Rettung liegt.«

»Hört, Freund Willem,« sagte der Flibustier zu dem Trapper, der den wachsenden Waldbrand unverwandt betrachtete, »ich muß sagen, daß das Wasser mehr mein Element ist als das Feuer – foi de gentilhomme! Auch sehe ich nicht ein, wie wir, wenn das so fortgeht, eine Stunde noch hier sollen aushalten können. Ich für meine Person mag Euch nicht verbergen, daß ich lieber da unten, Mann gegen Mann mit den roten Teufeln fechtend, fallen, als hier oben bei langsamem Feuer geröstet werden will. Was meint Ihr, Mann?«

»Ich meine, Kapitän, wenn sich der Wind nicht dreht oder sonst ein glücklicher Zufall uns zur Hilfe kommt, und zwar bald, so werden wir unser Fort zuletzt räumen müssen, um unsere Skalpe so teuer als möglich zu verkaufen. – He, Thorkil, da oben, kannst du durch den Rauch hindurch noch die See erblicken?«

»Nein, der höllische Qualm verschleiert alles, und das Feuer kommt rasch heran.«

»Und der Wind? Wie ist's mit dem Wind?«

»Er hat ausgetobt, und mir will scheinen, als rege sich ein Luftzug von der See her.«

»Das ist ein schwacher Trost,« bemerkte der jüngere Oberst düster. »Will es Gott, daß wir fallen, so sei es lieber im Kampfe mit den ruchlosen Heiden, als daß wir hier elendiglich dem wütenden Elemente zum Opfer werden.«

»Sir,« erwiderte Groot Willem, »fechten wäre auch mehr nach meinem Geschmack. Aber wenn ich, ein Mann, der keine hilflose Tochter zu schützen hat, die einzige Möglichkeit der Rettung darin sehe, daß wir nicht von hier weichen, bevor uns die Kleider auf dem Leibe Feuer fangen, so habt Ihr, denk' ich, keinen Grund, diesem Rate entgegenzuhandeln.«

Das Pfeifen, Zischen, Rascheln und Brausen des Feuers wurde stärker, der Brand immer großartiger. Die von der Hitze eines ungewöhnlich heißen Sommers ausgetrockneten Pechkiefern, Weymouthsfichten, Tannen, Lärchen und Forchen lohten auf wie riesige Kerzen, wenn die über das zunderdürre Gras und Moos züngelnden Flammen ihre tief herabhängenden Äste ergriffen. Diese Kerzen schleuderten prachtvolle Funkengarben empor und ringsumher, in allen Farben spielend und wie Millionen glühende Schlangen durch das Rauchdüster zuckend. Flammen hüpften am Boden hin, und im nächsten Augenblick schon waren sie einen gewaltigen Baum hinangesprungen, in den Harzrinnen hinaufgleitend wie elektrische Funken. Unaufhörlich quollen schwerwuchtende Qualmwolken empor und ließen einen Aschenregen niederrieseln. Jetzt sank das Feuer, dann loderte es wieder majestätisch auf. Sein Rauschen und Brausen war schrecklich. Das Gekrach stürzender Stämme brach los und gesellte den Tausenden von Blitzen ein dumpfes Gedonner. Nur die Eichen und Buchen wehrten sich länger des grimmigen Feindes als die Nadelholzbäume. Zuweilen hoben sich die Rauchschichten hoch empor. Dann spiegelte sich der unten rasende Brand droben in der Luft: Feuer unten, Feuer oben, ein flammender Höllenrachen, der alles zu verschlingen drohte. Und immer wieder neue Stürze, neues Donnern, neue Flutgarben, neues Lodern, wütendes Sausen und Brausen.

Der Felsen begann zu glühen, die Hitze wurde unerträglich. Ein Funkenregen wirbelte in die Felsschlucht nieder.

Thorkil, der von dem Baume herabgestiegen war, sah mit unsäglicher Angst auf seine Verlobte, die nur durch den stützenden Arm ihres Vaters vor dem Zusammenbrechen bewahrt wurde.

Der Flibustier und der Trapper behaupteten noch immer ihren Standpunkt im Vordergrunde des kleinen Raumes. Jener betrachtete den unbeschreiblichen Zauber des furchtbaren und erhabenen Schauspiels mit schwärmerischer Bewunderung und vergaß dabei fast die Qualen der Hitze und des Durstes. Der andere, der heute nicht zum ersten Male einen Waldbrand sah, suchte das geringste Anzeichen einer günstigen Wendung in der Gefahr zu erspähen.

»Der Wind hat sich gelegt,« sagte Groot Willem, »das ist mächtig gut; er springt vielleicht um, das wäre noch besser. Bringt die Gewehre in die Höhlen, damit nicht ein fürwitziger Funke Unheil anrichtet. Wir selber täten gut, in die Höhlen zu treten, um diesem ewigen Sprühfeuerregen zu entgehen. Ha, da scheint auch die alte Eiche Feuer fangen zu wollen. Mißlich das, sehr mißlich! Aber wir müssen noch aushalten, solange unsere Lungen uns nicht den Dienst versagen.«

Dem edlen Greise, seinem Schwiegersohne und seiner Enkeltochter gaben Halt und Stärke die ihnen wohlvertrauten Worte des Psalmdichters:

»Der Herr ist nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, deren Gemüt zerschlagen ist. Der Herr erlöset die Seelen seiner Knechte, und alle, die auf ihn vertrauen, werden nimmermehr zugrunde gehen.«

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