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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/scherr/pilgerw2/pilgerw2.xml
typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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16. Das Opfer.

Mit Sonnenaufgang war in dem Lager der Wampanogen alles lebendig. Eine Reihe von Rasenhütten und Büffelhautzelten nahm bis auf einen schmalen Streifen nach der See zu die ganze Breite der Landzunge von Montaup ein. Der Mitte der Zeltreihe gegenüber und von ihr abgesondert stand die sogenannte Medizinhütte. Auf ihrer Nordseite breitete sich ein ziemlich großer freier Platz aus, der durch einen nach Westen offenen, dichten Waldgürtel abgeschlossen wurde. In gerader Richtung zwischen der Medizinhütte und dem Walde, nur ein paar Schritte von seinem Saum entfernt, starrte ein ungeheurer Felsblock in Gestalt einer umgekehrten stumpfen Pyramide in die Höhe.

Etwa in halber Höhe des Felskegels auf seiner nördlichen, ganz schroffen Seite klaffte ein weiter Spalt, der ohne künstliche Hilfsmittel nicht zu erreichen war. Mehrere Waldbäume wurzelten darin und streckten ihre Wipfel und Äste über die Oberfläche des Felsens in die Luft.

Die Medizinhütte war in bedeutender Größe aus Stämmen aufgeblockt und hatte an der nördlichen Seite eine Öffnung. Mitten in der Hütte, deren Pfosten, Wände und Dachfirst mit Adlerfedern, Schlangenhäuten und roten und blauen Tuchstreifen verziert waren, hatte man in zwei Gruppen weißgebleichte Menschen-, Büffel- und Elentierschädel aufgeschichtet. Dazwischen lagen ein Messer und mehrere an beiden Enden gespitzte Stäbe von hartem Holz. Eine Anzahl Stricke von rohem Leder hing von der Decke der Hütte herab. In den vier Ecken, welche die vier Weltgegenden bedeuteten, standen vier mit Wasser gefüllte Ledersäcke, auf denen Trommelstöcke und tamburinartige Rasseln lagen. Draußen vor der Hütte, an ihrer nordöstlichen Ecke, war ein mächtiger Eichenstumpf aufgestellt, eine gewaltige Kriegskeule, aus Speckstein geschnitten, lag darauf.

Nachdem eine kleine Streifpartei unter Führung des »Bogens und Köchers« die Wälder und Sümpfe vor Tagesanbruch durchsucht hatte und mit der Meldung zurückgekehrt war, daß alles sicher sei, gab der Häuptling, vor sein Zelt tretend, durch einen Büchsenschuß das Zeichen zum Beginn der seltsamen Feierlichkeit.

Sofort ordnete sich der ganze Stamm, Weiber und Kinder eingeschlossen, mehr als zweihundert Köpfe stark, zu einem Zuge, umschritt langsam und schweigend die Medizinhütte und nahm dann in einem Halbkreise an ihrer östlichen und südöstlichen Seite Platz. In der Sehne des Halbbogens saß der Häuptling allein, ein paar Schritte hinter ihm Annawon und der brüllende Tom. Dann folgte eine Reihe Unterhäuptlinge und hervorragender Krieger. Am äußersten nördlichen Ende hatte der »Bogen und Köcher« seinen Platz. Dann kamen mehrere Reihen von Männern und noch weiter zurück die Frauen und Kinder. Das südwestliche Ende des Halbbogens nahm eine Gruppe von zwölf Jünglingen ein, die heute die Blutprobe bestehen und in die Gemeinschaft der Krieger aufgenommen werden sollten. Ihre nackten Körper waren über und über mit Ton bemalt, gelb, rot, weiß und schwarz.

Metakom trug seinen besten Häuptlingsschmuck. Sämtliche Krieger erschienen in ihrer Kriegsbemalung und festlich herausgeputzt, aber an Waffen hatten sie nur die Tomahawks im Gürtel.

Die ganze Versammlung harrte in reglosem Schweigen auf den Beginn der Feier.

Endlich traten vier Zauberer mit ihrem Oberpriester in der Mitte aus der Medizinhütte. Der erste Medizinmann des Stammes war eine höchst wunderliche Erscheinung. Die Kopfhaut eines grauen Bären hatte er über das Haupt gestülpt, so daß sein Gesicht völlig darunter verschwand. Von diesem sonderbaren Helme hingen Felle von allerlei größeren Wildtieren herab mit Häuten von Schlangen, Fischen, Vögeln, Fröschen, Eichhörnchen, Fledermäusen, ferner mit Bärenklauen, Hufen von Hirschen, Biberschwänzen, Federn von allerlei Geflügel. Mit der Linken schwang er über dem Kopfe eine Rassel, die mit Insekten, Federn und Hörnern verziert war. An dem Zauberstab in seiner Rechten hingen Skalphaare, Eidechsen und Kräuterbüschel. Einen ähnlichen, aber nicht so überreichen Aufputz trugen seine Gehilfen.

Nach geheimnisvollen Beschwörungen, die von dem fürchterlichen Lärmen der Rasseln begleitet wurden, und nach Opferung einiger Tomahawks in das Meer nahm der Oberpriester die große Medizinpfeife und blies große Rauchwolken nach allen vier Winden. Dann gab er das Zeichen für die eigentliche Feierlichkeit.

Die Zauberer führten die Jünglinge langsam um die Medizinhütte, wobei sie ihr Opferlied sangen.

Dann stellten sie sich zum Büffelstiertanz auf. Ein Rauchopfer aus der Medizinpfeife gab das Zeichen zum Beginnen. Die Beschwörer stimmten einen eintönigen Gesang an, die Jünglinge fielen ein, und unter dem Lärm der Rasseln bewegten sich die Tänzer in wunderlichen Sprüngen im Kreise. Sie ahmten dabei die Bewegungen und das Gebrüll der Büffel nach und wetteiferten miteinander im wilden Gebärdenspiel und Geschrei.

Plötzlich sprang aus dem Dickicht der böse Geist, eine schwarze Gestalt mit einem Bärengebiß als Maske. Beim Anblick dieses Scheusals erhoben Frauen und Kinder ein lautes Angstgeschrei und Gekreisch.

Ein furchtbares Gebrüll ausstoßend, rannte der Teufel auf den Kreis der Tanzenden zu, schleifte an einem langen schwarzen Stabe eine rote Kugel auf der Erde und drohte damit den Tanz zu durchbrechen.

Da trat der Oberpriester ihm entgegen, hielt ihm die Medizinpfeife unter die Nase; und so sehr er auch die Zähne fletschte und brüllte, er mußte doch der Macht der heiligen Pfeife weichen und schlich sich, immer gefolgt von dem Medizinmann, mit gesenktem Kopfe dem Gebüsche zu.

Als er verschwunden, brach die ganze Versammlung in ein lautes Freudengeschrei aus, der Büffeltanz war damit zu Ende.

Nun ordneten sich die Jünglinge paarweise zum Zuge und schritten, von den Zauberern geführt, in die Medizinhütte. Hier mußte sich einer nach dem andern der fürchterlichen Mut- und Blutprobe unterwerfen, einer grausamen Marter, welche die Überlieferungen einzelner Indianerstämme von jungen Kriegern forderten.

Die zwölf Jünglinge hatten die grausamen Folterqualen überstanden und gingen nach den Zelten am Seegestade, wo ihren Wunden die Pflege von Müttern und Schwestern zuteil wurde. Lauter Beifall brauste aus der Versammlung über die Landzunge und weit über das im hellen Sonnenglanze funkelnde Meer.

Nachdem nun die Indianer ihrer Zufriedenheit mit dem Ausgang des Blutopfers Luft gemacht hatten, nahmen sie wieder ihre frühere ernste und schweigsame Haltung ein, und Stille breitete sich über dem Lager.

Der Oberpriester richtete sodann abermale ein Dankgebet an den guten Geist, schritt über den Platz auf Metakom zu, der wie eine Bildsäule immer noch an derselben Stelle saß, und verkündete ihm, daß der Manitu sich dem Volke gnädig erwiesen habe. Wenn morgen das große Gestirn aufgehe, würden auf des Häuptlings Wink zwölf Krieger mehr den Tomahawk in den Kriegspfahl schlagen können. Aber wenn auch der Zorn des Manitu gesühnt und die Wolke von seinem Angesicht entfernt sei, der böse Geist sinne auf neuen Trug gegen die Kinder des Manitu.

Annawon schien jetzt durch ein »Hugh« dem bösen Geist ein Zeichen gegeben zu haben; denn gleich darauf stürzte die gräßliche Gestalt wieder aus dem Dickicht hervor, rannte auf die Medizinhütte zu, umkreiste sie in rasenden Sprüngen dreimal, stieß ein rauhes Gebrüll aus und schüttelte dräuend seinen schwarzen Stab mit der roten Kugel gegen die Versammlung.

Wieder ertönte das Angstgeschrei der Weiber.

Der Medizinmann erneuerte seine Beschwörungkünste und trieb den bösen Geist wieder in das Buschwerk. Aber er fletschte greulich sein Gebiß und gab durch sein drohendes Geheul zu erkennen, daß er nur verscheucht, aber nicht besiegt sei.

Unter Führung ihres Meisters zogen sich die Zauberer zur Beratung in die Medizinhütte zurück, und nach einer halben Stunde erschien der erste Medizinmann wieder vor der Hütte, begab sich zu Metakom und teilte ihm als Ergebnis der Beratung mit, daß der Zorn des großen Geistes noch nicht vollständig gesühnt sei. Bevor er dem Teufel die Macht, neues Unheil über die Wampanogen zu bringen, entziehe, wolle er ein großes Opfer, den Tod des Goldhaars.

Metakom wandte sich, ohne einen Zug seines Gesichts zu verändern, an die hinter ihm sitzenden Häuptlinge:

»Meine Brüder haben den Willen des Manitu vernommen. Was soll geschehen?«

»Das junge Blaßgesicht sterbe!« versetzte Annawon nachdrücklich, und die Krieger stimmten ihm bei.

»Aha,« brummte Tom Morton in den Bart, »jetzt kommt meine Rolle in dem Fastnachtsspiel.«

Er hatte recht, denn der Häuptling fragte ihn sofort:

»Ist mein weißer Bruder bereit, sein Werk zu tun und sein Herz auch stark genug dazu?«

»Fix und fertig, Häuptling. Aber macht schnell! Die Faxen eurer Hokuspokusmacher da haben schon lange genug gedauert. Der junge Hund war mit dabei, als der verdammte Knochenberg von Holländer, dessen Seele der Teufel vom Marterpfahl der Nipmuken geholt hat, den Merry-Mount in die Luft sprengte und meinen guten Gesellen Kellond erschlug. Ich will die Rechnung tilgen oder verdammt sein. Drum macht vorwärts, sag' ich.«

Nach diesem in englischer Sprache geführten Zwiegespräch befahl der Häuptling dem Zauberer, weiter seines Amtes zu walten. Der Medizinmann ging mit Morton an den Eichenstumpf, blies aus der Medizinpfeife drei Rauchwolken über die auf dem Klotz liegende Keule, gab sie dann dem Henker mit den Worten:

»Wenn der Priester die Medizinpfeife erhebt –«

»Schon gut, schon gut, Master Pickelhering,« unterbrach der brüllende Tom den Priester ungeduldig. »Bringt den Burschen nur her und überlaßt das weitere mir. Will ihn gehörig abfertigen, Gott verdamm' mich!«

Der Zauberer verschwand in der Medizinhütte und kam nach wenigen Augenblicken wieder heraus. Ihm folgten zwei seiner Gehilfen, dann zwei stämmige Krieger, die den gefangenen Thorkil zwischen sich führten, und die beiden anderen Gehilfen schlossen den Zug. Die Zauberer hielten ihre Sprüche und Beschwörungen unter dem Lärm ihrer Rasseln.

Während dieser heidnischen Feierlichkeiten kam vom östlichen Ende der Lagerzelte Hih-lah-dih und mischte sich unter die übrigen Frauen. In gleicher Zeit verließ »der Bogen und Köcher« geräuschlos seinen Sitz und verschwand hinter dem Felsblock. Beide Vorgänge schienen in keinem Zusammenhange zu stehen und völlig unbeachtet geblieben zu sein.

Thorkil war bleich und offenbar von körperlichen und seelischen Leiden erschöpft. Er richtete sein Auge auf den Felsblock, in dessen Höhle er die Geliebte gefangen wußte: aber er wandte sich sogleich wieder ab, denn er fühlte sein Herz brechen und wollte doch kein Zeichen von Schwäche geben. Er biß die Zähne zusammen, und seine Gedanken richteten sich auf Gott, der seiner Seele gnädig sein möchte. Dem brüllenden Tom, dessen Mund ein häßlich boshaftes Grinsen verzerrte, kehrte er den Rücken zu.

Eine atemlose Stille herrschte, und mehr als ein Mitglied der Versammlung sah nicht ohne Bangen auf den Mann, mit dem so mancher Wampanoge auf Jagdzügen und am Beratungsfeuer so oft freundschaftlich verkehrt hatte und der nun so kaltblütig hingemordet werden sollte.

Metakom saß unbeweglich, den Kopf auf die Brust gesenkt, als wären seine Gedanken weit von dem Opfer.

Indem sich Thorkil anschickte, den Todesstreich zu empfangen, fühlte er, wie zwei weiche Arme sich um seinen Nacken legten. Hih-lah-dih schmiegte sich fest an seine Brust, sah ihm mit unendlicher Zärtlichkeit in die Augen und flüsterte zu ihm empor:

»Mein Blaßgesichtbruder nicht allein gehen in die glücklichen Jagdgründe. Wenn das Goldhaar sterben, seine Rothautschwester mit ihm sterben.«

Sie drängte sich zwischen ihn und Morton, legte ihren linken Arm fest um den Nacken des Jünglings und streckt den rechten gegen den Mörder aus, als wollte sie den Streich der Keule auffangen.

»Gutes Kind, du bemühst dich umsonst,« sagte Thorkil zu ihr, aber seine Worte wurden verschlungen von dem Schrei der Überraschung, den der Medizinmann ausstieß und den alsbald die ganze Versammlung wiederholte.

Das Getöse störte den Häuptling aus seinem Brüten auf. Er erhob sich, ein Blick genügte ihm, um die Sachlage zu verstehen. Zorn funkelte aus seinen Augen, mit einem Wink gebot er der Versammlung Ruhe und schritt dann langsam auf die Gruppe zu.

Ohne Thorkil loszulassen, richtete Hih-lah-dih ihre schlanke Gestalt auf und hielt gefaßt den Blick Metakoms aus.

»Was hat die junge Squaw hier zu tun?«

»Hih-lah-dih ist gekommen, ihren Blaßgesichtbruder zu retten oder mit ihm zu sterben.«

»O,« bemerkte Metakom mit bitterem Lachen, »der Medizinmann sprach weise, als er sagte, der Teufel umlauere das Lager der Wampanogen, um neues Unheil auszubrüten. Er hat das Herz meiner Schwester mit Torheit angefüllt, daß sie, aller Scham und Zucht vergessend, sich dem Feind ihres Volkes an den Hals wirft und den Häuptling, ihren Bruder, zum Gespötte der Weiber macht.«

»Nein,« entgegnete »die reine Quelle« mutig, »nein, nicht der Teufel hat mich angestiftet, zu tun, was ich tat; der gute Geist hat mich getrieben, damit das Blut meines Blaßgesichtbruders nicht über das Haupt meines Häuptlings komme. – Metakom weiß,« fuhr sie weicheren Tones fort, »daß Hih-lah-dih ihm stets eine gute Schwester gewesen. Sein Wigwam ist öde, will er auch Hih-lah-dih noch vertreiben? Wenn er es will, so lasse er sie mit dem Goldhaar sterben. Hih-lah-dih wird ihren Blaßgesichtbruder nicht überleben.«

»Meine Schwester mag das junge Blaßgesicht fragen, ob er es eines Kriegsmannes würdig halte, sein Leben einer Frau zu verdanken.«

»Häuptling,« nahm Thorkil das Wort, »ich wäre ein törichter Lügner, wollte ich dazu nein sagen. Das Leben ist jedenfalls dem Lose vorzuziehen, bei euren schnöden, heidnischen Bräuchen das Opfertier abzugeben, und außerdem gibt es wenig Menschen, aus deren Händen ich das Geschenk des Lebens lieber annehmen möchte, als aus denen Eurer Schwester, die stets an mir gehandelt hat, wie nur eine Schwester handeln kann. Aber Häuptling, glaubt deswegen nicht, die Aussicht auf Rettung lasse mich die ernste Pflicht vergessen, die ich gegen Euch zu erfüllen habe. Glaubt nicht, ich sei um den Preis meines Lebens bereit, zu vergessen, daß Ihr der Mörder meines Vaters seid. Ich sage Euch, daß, falls Ihr es nicht übers Herz bringen könntet, mich so feigerweise durch den Schuft von Trunkenbold da abschlachten zu lassen, meine Hand gegen Euch sein wird, sobald sie wieder den Griff einer Waffe fassen kann.«

Metakom schwieg nachdenklich, eine Pause voll furchtbarer Spannung trat ein. Seine Schwester stand von allen menschlichen Wesen seiner Seele am nächsten. Seit er Weib und Kind verloren hatte, fühlte er in erhöhtem Maße das Bedürfnis, die Schwester sich zu erhalten, deren heitere Anmut so oft die düsteren Schatten von seiner Stirn verscheucht hatte und deren Gefühle für den jungen Jäger ihm nicht verborgen geblieben waren.

»Das Goldhaar,« sagte der Häuptling endlich mit ruhiger Würde und in englischer Sprache, »hat gesprochen wie ein Mann. Metakom achtet die Tapferen auch unter den Blaßgesichtern. Wenn Metakom seine Bande löst und ihn freiläßt, will dann das Goldhaar nicht mehr den Tomahawk gegen mein Volk erheben und will er Hih-lah-dih sofort als sein Weib in sein Zelt führen?«

Hocherrötent bedeckte die Schwester des Häuptlings mit ihrer freien Hand das Gesicht, ihr Zartgefühl empörte sich gegen die dem jungen Jäger seitens ihres Bruders gemachte Zumutung.

»Nein, nein!« rief sie aus. »Hih-lah-dih will und kann dem Goldhaar nur Schwester sein.«

»Häuptling,« sagte Thorkil, sich beherrschend, »die Natur, meine Religion und meine Gefühle verwehren einen solchen Bund. Ich halte Eure Schwester zu hoch, um sie täuschen zu können. Ich bin einem andern Weibe verlobt und will meine Treue mit ins Grab nehmen. Tut Euer Ärgstes an mir: ich verwerfe Euren Vorschlag.«

»Es ist gut,« erwiderte Metakom mit eisiger Kälte. »Der Mut des Goldhaars ist groß, sehr groß. Komm,« fuhr er fort, Hih-lah-dih bei der Hand ergreifend, »meine Schwester hat nichts mehr hier zu tun.«

Aber das Mädchen warf sich vor ihm nieder, umschlang seine Knie und erflehte in rührendsten Tönen von ihm das Leben des Jünglings. Als sie sah, daß Metakom unbeweglich blieb, sprang sie auf und umklammerte Thorkil mit beiden Armen so leidenschaftlich innig, als sollte in Leben und Tod sie nichts von ihm trennen.

»Macht ein Ende,« brummte Morton, »das Ding wird allgemach sehr langweilig.«

Im nächsten Augenblick riß der Häuptling das arme Kind, das einen gellenden, herzzerreißenden Schrei der Verzweiflung ausstieß, von dem Jüngling los, nahm sie auf seine Arme und eilte mit ihr gegen die Zelte hinab.

Bevor er in ihren Reihen verschwand, gab er dem Zauberer und Morton einen leicht zu verstehenden Wink. Der brüllende Tom riß den Jüngling an den Eichenstumpf und drückte ihn mit roher Gewalt nieder. Der Zauberer erhob die Medizinpfeife. Als aber Morton sich zu dem tödlichen Schlage anschickte, krachte hinter dem Felsen hervor ein Schuß, und der brüllende Tom stürzte mit lautem Schrei zu Boden.

Mit den Sprüngen einer Löwin, die ihren vom Jäger angefallenen Jungen zur Hilfe eilt, rennt Groot Willem über den Platz daher.

Wie vom Donner gerührt, starren die Krieger. Dann springen sie lärmend auf und stürzen herbei. Aber schon hat der hünenhafte Jäger seinen Sohn, ehe er weiß, was ihm geschieht, umfaßt und ist im nächsten Augenblick hinter dem Felsen verschwunden.

Auf einer Leiter, die »der Bogen und Köcher« nach der Verabredung mit Groot Willem im entscheidenden Augenblick von außen an den Eingang zu der Felsenspalte gelegt hatte, waren der alte Trapper und der dem Tode entrissene Thorkil in die natürliche Festung gelangt, und Willem hatte sogleich das nützliche Zugangsmittel heraufgezogen, um eine augenblickliche Verfolgung wenigstens fürs erste unmöglich zu machen.

Die Krieger der Wampanogen waren zwar, als ihre Überraschung verflogen, dem Felsen zugestürzt, um dem »grauen Bären« seine mit unerhörter Kühnheit errungene Beute wieder abzujagen. Aber ein gellender Ruf Metakoms hatte sie mitten in ihrer Verfolgung haltmachen lassen. Auf einen zweiten Ruf ihres Häuptlings kehrten sie um, und ein dritter rief wie mit Zaubergewalt Männer, Weiber und Kinder zurück in die Hütten und das Lager.

Metakom war durch den Schuß Willems aus seinem Zelte, wohin er seine Schwester gebracht hatte, gerufen worden und hatte gerade noch gesehen, wie die Riesengestalt des Trappers mit Thorkil hinter dem Felsen verschwunden war. Er war der Meinung, Groot Willem hätte das Wagnis nicht allein unternommen, sondern müßte sich mit einer Streifpartei der Blaßgesichter unbemerkt dem Lager während des Opferfestes genähert haben. Deshalb hatte er es für seine Pflicht gehalten, zunächst für die Sicherheit der Seinen zu sorgen und sie im Lager zu sammeln.

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