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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/scherr/pilgerw2/pilgerw2.xml
typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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15. Auf dem Wege zur Befreiung.

Auf der Landzunge zwischen der Naragansettbai und der Bai von Manumet lagen die von Weißen fast noch unberührten indianischen Jagdgründe von Pokasset und Sakonnet. Von der südlichsten Spitze bis hinauf nach Montaup jenseit der Mündung des Taunton zog sich ein unheimlich wildes Sumpfland, in dem Sumpf, Moor, Morast, Röhricht, Sumpfwald miteinander abwechselten oder sich vermischten: die »Swamps«. Daran schloß sich eine wellenförmige Steppe, in der wie Inseln vereinzelte Baumgruppen auftauchten.

An einer solchen Bauminsel traf an einem trüben Spätsommertag der Hauptmann Standish, auf einem Grauschimmel von Süden her kommend, den alten Waldläufer Groot Willem, der gerade damit beschäftigt war, sich eine Rehkeule zu rösten. Nachdem sie ihre alte Bekanntschaft aufgefrischt, Groot Willem das Pferd abgeschirrt und auch der Hauptmann es sich bequem gemacht hatte, machten sich beide über den saftigen Braten her.

Dabei erzählte der alte Trapper, dem nun auch über seine rechte Wange eine noch frische Narbe lief, wie die Nipmuken, unterstützt von dem teuflischen Annawon und einer Bande Wampanogen das Fort Tabor überrumpelt, eingenommen und vernichtet hatten. Seinen ganzen Zorn schüttete er auf die klugen Herren von Boston aus und den Stierkopf von Major Moseley, der das Fort mit aller Gewalt dem Duivel in den Rachen gejagt hatte.

»Seht,« fuhr er fort, »die Strolche von Nipmuken wollten sich das Vergnügen machen, zu erfahren, welche Sprünge ein alter Waldläufer am Marterpfahl machen würde. Bevor mir die Schlinge des verfluchten Lassos, der mich zu Boden riß, um den Hals geworfen wurde, hatte ich mit ansehen müssen, daß meine beiden Freunde und das arme Kind, die Verlobte meines Sohnes, von Annawon und seinen Wampanogen gefangen genommen waren. Dann sah ich sie nicht mehr. Ich wurde von den Ripmuken fortgeschleppt, und es wäre beim Duivel schlimm um mich gestanden, wenn nicht der arme Kanonchet noch zur rechten Zeit hilfreich dazwischengekommen wäre und mich vor den höllischen Marterkünsten gerettet hätte.«

»Ihr sagtet, der arme Kanonchet?«

»Ja, denn er ist tot.«

»Kanonchet tot? Ihr seht mein Erstaunen. Sprecht, Freund, erzählt!«

»Ich suchte auf der Walstatt beim Fort Tabor nach Spuren von meinen Freunden und fand auch eine Spur, deren Verfolgung mich aber ohne Erfolg in den Wäldern und Prärien herumführte. Von einem versprengten Naragansetter erfuhr ich, daß bei den Fällen des Konnettikut die Hauptmacht der Eingeborenen vernichtet wurde, und daß Kanonchet mit dem Überreste seiner Krieger nach Süden aufgebrochen, um sich nach Montaup zu Metatom durchzuschlagen. Aber er wurde von den Konnettikuter Freiwilligen unter dem Hauptmann Church verfolgt, umzingelt beim Übergange über den Ripmut angegriffen und nach verzweifelter Gegenwehr gefangen. Die Sieger verurteilten ihn zum Tode und übergaben ihn den Hundesöhnen von Pequoden zum Erschießen. Ich kam gerade dazu, als die Untat geschehen war. Er hatte seine heldenmütige Fassung bis zum letzten Augenblicke bewahrt. Seht mich an, Hauptmann, und Ihr werdet gestehen müssen, daß ich nicht aussehe wie ein weichherziges Mädchen, und dennoch, müßt Ihr wissen, habe ich geweint wie ein Weib, als sie den edlen, tapfern, hochherzigen Häuptling der Naragansetter droben am Ripmuk einscharrten. Ein braverer Mann wird nie mehr einen Bogen spannen oder die Friedenspfeife anzünden. Ich hätte am liebsten den verdammten Pequoden an dem Hügel niederschießen mögen, wenn ich nicht eine heilige Pflicht zu erfüllen hätte.«

»Sie treibt Euch nach Montaup. Da komme ich her und kann Euch sagen, daß Eure Freunde und das Mädchen leben. Sie sind Gefangene im Lager Metakoms.«

»Prinslo, komm her, alter Hund! Komm her, sag' ich; Thorkil lebt, unser Thorkil lebt, hörst du, altes Tier? Ei, so freu' dich doch, Köter, Thorkil lebt! Död und Duivel, das ist gut, sag' ich!«

»Auch der Vater und Großvater Lovelys werden von dem roten Heiden gefangen gehalten. Obgleich der schlaue Wilde uns Gefangene ziemlich streng auseinander hielt, bemerkte ich aber doch, daß de Lussan von ihm ganz anders empfangen wurde als der junge Jäger, gegen den Metakom einen Groll zu hegen scheint. Der Flibustier wurde wie ein alter und hochgeehrter Freund aufgenommen, gab sich aber seinerseits keine Mühe, diese Freundlichkeit zu erwidern, sondern verlangte, soviel ich verstehen konnte, gebieterisch, daß der Häuptling sofort alle seine Gefangenen freilassen und ihm, de Lussan, übergeben sollte. Aber Metakom schien das Verlangen abzulehnen.«

»Das begreife ich. Das mörderische Benehmen der Wampanogen beim Überfall von Swanzey lockerte die Freundschaft. Als wir, de Lussan, Thorkil und ich, erfuhren, daß Metakom die beiden Obersten und das Mädchen von der Brandstätte von Swanzey in die Wälder geschleppt hätte, machten wir uns von Providence auf zur Befreiung der Gefangenen. Auf Mount Wallaston entrissen wir Lovely den Krallen des Schurken Tom Kellond. Der ist unschädlich, er liegt unter den Trümmern des lustigen Berges.«

»Unter den Trümmern de« lustigen Berges?«

»Ja, so sagte ich, denn ich habe das Lasternest in die Lust gesprengt.«

»Da habt Ihr eine gute Tat getan. Jetzt kann ich mir auch die Anwesenheit des brüllenden Tom im Lager der Wampanogen erklären. Er geht umher wie ein wütender Wolf. Er fuhr den jungen Jäger grimmig an, er und Ihr hättet ihn zum Bettler gemacht und nannte Euch einen heimtückischen Schurken. Aber da schlug ihn Thorkil mit der Faust zu Boden.«

»Wollte, er hätte ihm den Schädel eingeschlagen, denn daß Morton im Lager ist, ist eine schlimme Sache. Aber wie seid Ihr denn, Hauptmann, aus der Gefangenschaft Metakoms losgekommen. Ihr seid im Besitze Eurer Waffen und Eures Pferdes und tragt das Freundschaftspfand Metakoms auf der Brust. Was ist also mit Euch?«

»Ihr müßt wissen, Freund, daß ich die Ehre habe, als Gesandter seiner rothäutigen Majestät König Philipps zu reisen!«

»Wie?«

»Es ist so. Nach einer Versammlung der Häuptlinge forderte mich Metakom auf, als Friedensbote zu meinem Freunde Josias Winslow zu gehen, der am nördlichen Ufer des Nipmukflusses anzutreffen sei. Metakom und seine Bundesgenossen wollen den Tomahawk begraben, wenn die Regierungen der Kolonien ihnen den Besitz der Jagdgründe der Väter aufs neue feierlich bestätigten. Außerdem erklärte er sich bereit, um den Preis des Friedens die beiden großen Krieger von jenseit des großen Salzsees und ihre Tochter freizugeben und zudem als Schadenersatz für die von ihm angerichteten Verheerungen eine beträchtliche Summe gelben Metalls zu bezahlen.«

»Und von meinem Sohne Thorkil sagte er nichts in diesen Vorschlägen?«

»Nein, er scheint einen besonderen Haß gegen den jungen Jäger zu haben. Aber Ihr könnt Euch beruhigen, vorausgesetzt, daß auf die Worte des Häuptlings irgendein Verlaß ist; denn ich übernahm den Auftrag nur unter der Bedingung, daß keinem der Gefangenen ein Haar gekrümmt werden dürfte, bevor ich zurückkäme.«

»Wollt Ihr Euch denn noch einmal in die Höhle des Tigers wagen?«

»Freund, mein Versprechen, die Antwort Winslows zurückzubringen, war durchaus nicht freiwillig. Der Helde forderte es, und ich müßte mein gegebenes Wort lösen, wenn mich auch nicht die Sorge für meine Freunde zur Rückkehr spornte. So übernahm ich die Friedensbotschaft. Ein des Weges kundiger Läufer mußte mich durch das verfluchte Sumpfland führen.«

»Ihr werdet nicht allzuweit zu reiten haben, bis Ihr auf Leute von unserer Farbe stoßt. Denn der tapfere Church marschiert auf Montaup zu. Der ist nicht der Mann, sich indianische Pfiffe und Kniffe vormachen zu lassen, wenn er weiß, daß er die ganze Geschichte mit einem kühnen Schlag beendigen kann.«

»Warum habt Ihr Euch nicht dem Zuge des wackeren Church angeschlossen, statt das Abenteuer allein zu unternehmen?«

»Konnte ich einen Tag warten, wo Tod und Leben auf dem Spiele steht? Wenn Ihr aber auf Church und seine Leute trefft, so macht Euer Ansehen geltend, daß sie ihren Marsch beschleunigen. Ich bitt' Euch um unserer Freunde willen.«

»Das will ich gern tun! Aber noch eins, was Euch vielleicht von Nutzen sein könnte. Der Wampanoga, der mich durch die Swamps geführt bat, haßt den Häuptling glühend. Er heißt, ja, wartet – Satan hole diese rothäutigen Namen – in englischer Sprache heißt er Bogen und Köcher.«

»Bogen und Köcher? Da« ist in der Sprache der Pokanoketenstämme Ischäkohnih.«

»Richtig, richtig, Ischäkohnih – was das für ein Mundvoll barbarischen Zeugs ist. – Also er ist ein kluger Bursche und nährt heißes Rachegefühl. Er erzählte mir, daß es unter seinem Stamme eine kleine Partei gegeben» die von Anfang an gegen den Krieg mit den Weißen gewesen sei. Als vor dem Losbrechen der Naragansetter Metakoms Sache schief stand, traten jene Friedlichgesinnten mit Friedensvorschlägen hervor, und der Bruder meines Führers, genannt der Biber –«

»Hahnih?«

»Ganz recht, Hahnih, forderte, Metakom solle die Weißen zu versöhnen trachten. In einem Anfall von Jähzorn zerschmetterte der Häuptling ihm den Schädel. Der Bogen und Köcher sinnt auf Blutrache. Ich habe auf alle Fälle ein Losungswort mit ihm verabredet: Hahnih.«

»Hahnih? Gut. Ich will trachten, mit ihm in Verbindung zu treten. Nun sagt mir noch eins, befindet sich die Schwester Metakoms in seinem Lager, ich meine Hih-lah-dih, die reine Quelle?«

»Ich glaube wohl, denn ich sah ein schönes Indianermädchen mit schwesterlicher Teilnahme um Lovely beschäftigt.«

»Gut! Und nun lebt wohl, Gott gebe, auf Wiedersehen!«

»Amen, von ganzem Herzen, alter Jäger, und Glück Eurem Vorhaben!«

So schüttelten sie sich die Hände und traten nach entgegengesetzten Richtungen hin ihre weitere Wanderung an.

Schon am Abend des zweiten Tages nach dem Zusammentreffen mit Standish war Groot Willem in der Umgebung von Montaup angelangt. Er hatte auf den Umstand, daß Hih-lah-dih im Lager ihres Bruders anwesend war, sowie auf das, was ihm der Kapitän von dem »Bogen und Köcher« mitgeteilt, einen Plan zur Befreiung der Gefangenen gebaut, freilich erst in sehr allgemeinen Umrissen. Es galt, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen, Sinne und Geist straff beisammenzuhalten; denn jeder unbesonnene Versuch mußte seinen Freunden Verderben bringen, jeder falsche Tritt in einen Abgrund führen.

Willem hielt es für eine glückliche Vorbedeutung, daß der Zufall am Morgen nach seiner Ankunft den »Bogen und Köcher« in die Nähe seines schlau gewählten Versteckes geführt hatte. Das Losungswort »Hahnih« tat seine Wirkung. Der Indianer versicherte bei der ersten Zusammenkunft den Jäger seines Beistandes und gab ihm eine genaue Beschreibung von den Verhältnissen des Lagers. Bei der zweiten Begegnung gegen Abend erfuhr der alte Trapper von dem Indianer, daß Hih-lah-dih mit den jungen Mädchen zum Bade im nahen Fluß gegangen sei. Vor Sonnenaufgang wollten sie noch einmal zusammentreffen, dem Goldhaar sollte der Wampanoge ins Ohr raunen, daß »der graue Bär« am Leben und in seiner Nähe sei.

Nachdem dann der Rote verschwunden und Willem sich vergewissert hatte, daß alles sicher sei, verließ er mit Prinslo sein Versteck und schritt vorsichtig durch den Forst dem Flusse zu. Bald erreichte er das hinter dichtem Gebüsch versteckte Ufer, verfolgte den Lauf des Flusses abwärts und wand sich so geschickt durch das hohe Gebüsch, daß er weder vom Walde her, noch von der Flußseite aus wahrgenommen werden konnte.

Jetzt hörte er auch schon die hellen, fröhlichen Stimmen lachender Mädchen, und als er vorsichtig die Zweige auseinanderbog, die das Wasser verbargen, sah er ein Bild voll Anmut und malerischen Reizes.

Der Fluß breitete sich hier zu einem Becken aus. Von drei Seiten umgab undurchdringliches Dickicht das Wasser, aber von der südwestlichen Seite her überströmte die Abendsonne mit goldener Glut den glatten Spiegel.

Hier tummelte sich eine Schar indianischer Mädchen in harmlosem Frohsinn, lieblich an Gestalt und anmutig in Gebärden und Bewegungen.

»Arme Kinder,« dachte der alte Trapper, »ihr ahnt nicht, wie bald es mit euren unschuldigen Freuden wohl für immer zu Ende sein wird. Bald werden die Flußufer dieses Landes nicht mehr vom fröhlichen Gelächter indianischer Mädchen widerhallen.«

Auf der rechten Seite des Wassers, auf der er selber sich befand, sah Willem an der Krümmung des Ufers Hih-lah-dih im Grase sitzen, teilnahmlos vor sich hinstarrend.

Mit täuschender Kunst ahmte er die Stimme der indianischen Nachtigall nach, wenn sie zu schlagen anheben will, und als er das Zeichen wiederholte, hob das Mädchen fast unmerklich den Kopf, ließ ihn aber sogleich wieder sinken.

Eins der Mädchen hatte einen Ball mitten in das Getümmel der Badenden geworfen. Sogleich entspann sich der anmutigste Wettkampf. Springend, schwimmend, lachend und jubelnd mühten sie sich ab, den Ball zu haschen, um ihn dann wieder fortzuschleudern. Da flog er plötzlich ziemlich weit stromabwärts.

Die ganze Schar stürzte ihm nach. Die vorderste griff ihn vom Wasser auf, wollte ihn sich von den nacheilenden nicht streitig machen lassen und schleuderte ihn über die Köpfe ihrer Gespielinnen hinweg auf das gegenüberliegende Ufer. Der ganze Schwarm eilte hüpfend und watend dem Balle nach.

Diesen Augenblick benutzte Hih-lah-dih, um sich unbemerkt von ihrem Platze zu entfernen. Bald stand sie vor dem Jäger, legte den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen, winkte mit der rechten waldeinwärts und glitt dem alten Jäger lautlos in die Tiefen des Forstes voran.

Im wildesten Dickicht, wo die Dämmerung schon in die Schatten der nahenden Nacht überging, hielt die Indianerin an, kehrte sich gegen ihren Begleiter und sah ihm schweigend ins Gesicht. Sie bemühte sich zwar, ihre Gefühle zu verbergen, aber Groot Willem konnte in ihren Augen doch Überraschung und Freude, Angst und Trauer lesen, und plötzlich faßte sie leidenschaftlich seine Hände und sagte mit tränenden Augen und halberstickter Stimme:

»Das Goldhaar – er ist gefangen im Lager Metakoms – der Tod schwebt über ihm!«

Diese schmerzerfüllten Worte und die vergrämten Züge des jungen Mädchens offenbarten dem Greis, welche Gefühle die Tochter der Wildnis für seinen Pflegesohn hegte, und inniges Mitleid bewegte deshalb seine Seele.

»Armes Kind,« murmelte er, die Hände des Mädchens in den seinigen drückend, »also auch du leidest unter dem Unglück dieser bösen Tage, leidest doppelt und dreifach, und ich weiß nicht, was ich dir zum Troste sagen könnte. Was sollen da auch Worte? Aber Thorkil muß gerettet werden!«

»Er muß gerettet werden – aber wie? Die Medizinmänner haben drei Tage und drei Nächte in ihrer Hütte gefastet und dann den Ausspruch getan, der Manitu fordere ein Opfer, und das Goldhaar solle dies Opfer sein, und der brüllende Tom solle das Opfer schlachten!«

»Vermaledeite Teufelei! Kind, das ist nicht der Wille des guten Geistes, sondern grausamer Menschen. Aber hast du Thorkil gesehen und mit ihm gesprochen? Ist er gesund und aufrecht?«

»Das Goldhaar ist in den Höhlen des großen Steins verwahrt, wo auch der Häuptling des Donnerkanus und der silberhaarige Häuptling und sein Sohn und Lovely –«

»Was ist's mit Lovely, dem armen Kind?«

»Hih-lah-dih,« sagte sie seufzend, »hörte einmal den Hahdoh-Manitu sagen, der Gott der Blaßgesichter habe um sich eine unzählige Schar guter Geister, welche in der Sprache von meines Vaters Volk Engel genannt werden. Hih-lah-dih denkt, ihre Blaßgesichtschwester Lovely einer von diesen Engeln sein.«

»Du selber bist ein Engel des guten Geistes, Kind,« versetzte der Greis tiefgerührt. »Aber wie ist's mit meinem Jungen?«

»Hih-lah-dih sah ihn, als Annawon ihn und den Häuptling des Donnerschiffes und Lovely ins Lager brachte; seither das Goldhaar nicht mehr mit Augen gesehen, aber immer mit Herzen, immer!«

Sie barg errötend das Gesicht mit den Händen, und Tränen quollen zwischen ihren Fingern hervor.

»Kind, ich weiß, Thorkil hat dich lieb wie eine Schwester.«

»Wie Schwester, ja, doch Lovely – aber sie ist weiß, weißer als die Blüte der Wasserlilie, und er auch weiß – Lovely wird ihm nähen sein Jagdhemd, ihm rösten sein Wildbret, Lovely wird sein bei ihm im Wigwam, doch Hih-lah-dih ist rot, armes Indianermädchen ihm nur sein kann Schwester.«

Sie verstummte und fügte nach einer Pause mit gewaltsamer Fassung hinzu:

»Hih-lah-dih ihm sein will Schwester, treue Schwester; er Blaßgesichtbruder, sie Rothautschwester; so es guter Geist wollen.«

»Das ist ein frommes Wort,« entgegnete der Trapper. »Ja, ein gutes und frommes Wort, meine Tochter, und Gott segne dich dafür. Meine Tochter sprach von dem großen Opfer, wann soll es stattfinden?«

»Morgen bei Sonnenaufgang wird die Medizinhütte geöffnet, und die jungen Krieger werden der großen Blutprobe unterworfen, um die Wolke vom Angesicht des guten Gottes zu vertreiben. Wenn Wolke nicht weichen, dann das Goldhaar –«

»Ich verstehe dich, Mädchen, aber mein Roer soll ein Wort dareinsprechen, und müßte ich tausend Leben verlieren, und auch du sollst helfen, Thorkil und die anderen zu retten. Unserer Abrede mit Ih-nis-kin zufolge muß das Donnerschiff unfern von dieser Landzunge kreuzen. Meine Tochter versuche heimlich, es zu finden. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Du hast mich verstanden, Kind?«

Man hörte die Stimmen der Mädchen vom Fluß her sich nähern.

»Hih-lah-dih versteht, was mein Vater will. Sie wird auf dem Salzwasser nach dem Donnerkanu spähen und die Botschaft an Ih-nis-kin bestellen.«

Hastig winkte sie dem Trapper Lebewohl und eilte durch das dunkle Baumgewölbe dem Flusse zu. Der Greis sah ihr nach, bis ihre Elfengestalt zwischen den Stämmen verschwunden war, und schritt dann tiefer in das Gebüsch.

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