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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/scherr/pilgerw2/pilgerw2.xml
typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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13. »Wo du hingehst, –«

Die Siedelei des Alten lag eine Tagereise westwärts von Merry-Mount im dichtesten Urwald. Dem Häuschen, hinter Baumspalieren versteckt und umrankt von wilden Reben, mitten in einem wohlgepflegten Gemüse- und Obstgarten, sah man es schon von weitem an, daß es einem Menschen zur Heimat diente, der mit sich selbst und mit aller Welt in Frieden lebte. Friedlich trieben allerlei gezähmte Tiere in einer Einzäunung neben und vor dem Häuschen ihr Wesen. Der Bär, der vor dem Eingang als Wächter lag, erhob sich, als Groot Willem mit seinem Hunde vom Walde her auf die Hütte zuschritt, und wiegte sich mit freudigem Gebrumm auf den Hinterpfoten; ein gezähmter Steinadler schlug kreischend mit den Flügeln, ein junges Mufetier kam dicht an den Zaun, rieb sich den Hals am Arme des Jägers und schaute ihn mit seinen schönen, braunen Augen zutraulich an.

»So 'ne Art von Einsiedlerklause,« sprach Willem zu sich, »werde ich mir auch anlegen müssen, wenn mir die Knochen einmal steif werden, wahrhaftig. Und Tiere muß ich mir zur Gesellschaft zähmen, denn mein lieber Junge wird sich, vermut' ich, sein eigenes Nest bauen wollen – ja, ja!«

Er ging durch das Haus in den Garten, wo im Schatten eines Apfelbaumes der Einsiedler und de Lussan in einem Gespräch saßen.

»Nun, wie ist's?« rief er dem Trapper entgegen. »Bringt Ihr eine Bestätigung der Vermutungen unseres ehrenwerten Wirtes?«

»Vater Blackstone,« versetzte Willem, .ist in den Zeichen der Wälder zu erfahren, um sich darin zu täuschen. Es sind rote Krieger in den Wäldern und ich glaube, auf unserer Spur. Wer kann sagen, was sie für eine Teufelei anrichten, wenn es erst Nacht geworden? Ich fürchte, wir haben eine große Unbesonnenheit begangen, daß wir uns in Providence nicht des grimmen Annawon zu versichern suchten. Er ist ein eingefleischter Teufel. Hätte den Burschen fassen sollen, sag' ich Euch, Kapitän. Metalom hat sicher schon lange Wind von den Vorgängen in Providence und weiß, wie wir jetzt zu ihm stehen. Wir müssen fort, noch bevor die Nacht anbricht, und das liebe Mädchen in Fort Tabor in Sicherheit bringen. – Aber wo sind denn die Kinder?«

»Sie waren eben noch da,« lächelte der Seemann schelmisch. »Ich sah das schöne Kind mit seiner Bibel dort hinausgehen, und Thorkil ist ihm gefolgt.«

»Wahrscheinlich hat er dem Mädchen den Wasserfall hinten bei den Ulmen zeigen wollen,« bemerkte der gute Einsiedler arglos. »Es ist ein lieblicher Ort.«

»Wahrscheinlich, ja, sehr wahrscheinlich,« versetzte Groot Willem, indem sowohl er als de Lussan sich abwandten, um ihr Lachen zu verbergen. »Doch kommt, Kapitän,« setzte er hinzu, »wir wollen sie suchen, während uns der Vater Blackstone den Gefallen tut, das Pferd zu satteln.«

Der Kapitän folgte dem Trapper, der rasch durch den Garten dem Bächlein zuschritt, das die Anlagen des Einsiedlers bespülte und unfern von der Siedelei einen kleinen Wasserfall bildete. Vor einem hohen und dichten Sumachgebüsche blieben sie stehen.

Lovely hatte dies lauschige Plätzchen aufgesucht, um in der Stille dem ihren Dank darzubringen, der ihrem innigen Glauben nach ihr im Augenblicke höchster Gefahr die Freunde zu Hilfe gesandt hatte. Aber wohl zum erstenmal in ihrem Leben war die Seele des Mädchens nicht voll und ganz bei der Andacht. Sie blickte auf und sah jenseit des Bächleins den jungen Jäger vor sich.

»Die Blumenkette zwischen den Herzen der beiden da hat eine größere Zugkraft als das stärkste Tau meines Schiffes,« flüsterte hinter dem Gebüsch der Seemann dem alten Trapper ins Ohr.

Lovely faltete die Hände über der Bibel, die auf ihrem Schoße aufgeschlagen war, und senkte tief errötend das Köpfchen. Auch Thorkil schien sehr verlegen. Endlich faßte er sich und sagte stockend:

»Verzeiht, Mistreß Lovely, verzeiht, wenn ich Euch störe. Ich wollte – ich –«

»Ihr stört mich nicht, Thorkil,« versetzte sie, und es tat ihm ordentlich wohl, daß sie das steife Master vor seinem Namen vergaß – »Ihr stört mich nicht, aber Euer Anblick erinnert mich daran, daß ich noch nicht einmal bemüht war, die große Dankesschuld gegen Euch mit Worten abzutragen oder vielmehr anzuerkennen.«

»Sprecht nicht davon, sprecht nicht davon! Wenn von Dank die Rede sein soll, so bin ich es, der ihn schuldet. Doch ich wollte sagen, Mistreß, daß Ihr Euch über das Schicksal der Eurigen nicht zu sehr grämen sollt. Wir wissen, daß ihr Leben unversehrt ist, wir wissen, daß wir sie auf Mount Houpe zu suchen haben, und meine Freunde und ich wollen unser Leben einsetzen, um sie Euch wiederzugeben.«

»Ich glaub' Euch, ich glaub' Euch, Thorkil. Ihr seid edel gesinnt. O, ich fühlte es wohl, daß ich nicht mehr verlassen bin wie in dem schrecklichen Haus.«

»Nein, das seid Ihr nicht und werdet es nie mehr sein, wenigstens solange ein Funken von Leben in mir ist. Seht, ich bin nur ein armer einfacher Jäger, aber ich – ja, ich möchte –«

Er hielt inne, als fürchtete er, zuviel zu sagen. Lovely hob die Augen zu ihm auf, und ihr Herz lag in diesem Blick.

»Ich wollte sagen,« hob er wieder an, »daß wir hoffen, Euch in wenigen Tagen den Eurigen wiedergeben zu können, aber dann – dann werdet Ihr mich verlassen, vielleicht für immer – und seht –«

Abermals brach er ab, und in dem fragenden Blick, mit dem er das Mädchen ansah, lag eine brennende Angst. Purpurglut überzog die Wangen Lovelys, ihre Augen wurden feucht, und mit bebender Stimme entgegnete sie:

»Thorkil, ein sittsames Mädchen sollte Euch vielleicht nicht verstehen wollen; aber Gottes Fügung, die uns zusammenführte, ist so wunderbar, daß ich nicht heucheln kann oder mag. Ja, Thorkil, ich verstehe Euch, ich verstehe Eure stumme Frage, und – ich kann nicht anders – da nehmt meine Antwort.«

Sie schlug die Blätter der Bibel um, stand auf und hielt sie dem Jüngling über den Bach hin, mit dem Zeigefinger der Rechten auf eine Stelle weisend und zugleich mit holder Verschämtheit ihr Antlitz abwendend.

Der junge Jäger faßte das Buch und las entzückt die rührenden Worte, welche Ruth zu Naemi sprach: »Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Wo du bleibst, da bleibe auch ich.«

»Das ist die seltsamste Liebeserklärung, die ich je gehört!« flüsterte de Lussan bewegt seinem Begleiter zu.

Der Jüngling las die Stelle wieder und immer wieder, er las sie leise, er las sie laut. Dann offenbarte er all das Glück seiner Seele, indem er nur halblaut ausrief: »Lovely!«

»Thorkil!« erwiderte das Mädchen, das strahlende Antlitz dem Geliebten zukehrend. Und ihre von Seligkeit leuchtenden Augen ineinandertauchend, verschlangen sie unwillkürlich die Hände auf dem Buch und tauschten so ihre Gelübde ewiger Liebe und Treue aus.

Thorkil schritt über den Bach, drückte seine Lippen auf die reine Stirn seiner Verlobten. Lovely schlang die Arme um den Nacken des Geliebten, schmiegte sich bebend an seine Brust und verwehrte ihm nicht ihren süßen Mund.

Die Lauscher hinter dem Gebüsche wandten ihre Blicke von dem anmutigen Schauspiel ab, und der alte Trapper murmelte mit väterlicher Befriedigung in seinen Zügen:

»Ich wußte, daß es so kommen mußte. Ja, ich wußte es. Das ist Natur, echte, unverfälschte Natur, und die findet ihre Wege.«

»Sie sind glücklich, sehr glücklich,« versetzte de Lussan; »ich kann es ermessen, wie glücklich sie sind. Foi de gentilhomme, es ist schade, daß wir sie stören müssen.«

»Ja, Kapitän, es ist wahrhaftig schade, sehr schade!« –

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